Das ist nun gewiß ein Wort Jesu, das Viele von uns in diesem Augenblick zum ersten Mal
gehört haben. Und kein Pfarrer darf es uns übelnehmen, wenn es uns unbekannt und
fremdartig vorkommt. Denn es ist wirklich, obwohl es in allen unseren Bibeln steht, ein
fremdartiges, außerordentliches Wort. Man kann von ihm nicht sagen, daß es für alle
Zeiten und Lebenslagen wahr und gut sei. Es ist nicht gesundes Hausbrot für alle Tage,
sondern starke Speise für besondere Zeiten. Denn auch das
Gottesreich kennt «gewöhnliche» Zeiten, lange Tage, Wochen, Jahre und Jahrhunderte, wo
scheinbar gar nichts oder fast nichts sich rührt und bewegt, Zeiten des Wartens und
Reifens und Welkens — und dann wieder besondere Zeiten, wo etwas fertig wird und etwas
Neues anfängt, wo die Ernte in die Scheunen gebracht und das Unkraut verbrannt [vgl.
[Mt. 13,30](Mt.13.30)] und neue Saat
ausgeworfen wird. Und für beide Arten von Zeiten hat Gott verschiedene Arten, mit uns zu
reden. In den «gewöhnlichen» Zeiten, da heißt er uns still unsere tägliche Pflicht tun
und treu unseres Lebens Last und Mühe tragen und bescheiden unser Möglichstes tun für
seine große Sache. Alles in herzlicher Liebe zu ihm, der uns zuerst geliebt hat [vgl.
[1.Joh. 4,19](1.Joh.4.19)], und in der
frohen Zuversicht, daß alle Dinge zum Besten dienen müssen denen, die ihm gehorsam sind
[vgl. [Röm. 8,28](Röm.8.28)]. Nicht als ob
das etwas Geringeres wäre. Gottes ist der Werktag so gut wie der Sonntag. Unendlich viel
Gnade verdanken wir der Gotteswahrheit des Werktags. Und wir werden uns wohl nicht
rühmen wollen, wir hätten mit dieser Gotteswahrheit des Werktags schon so ernst gemacht,
wie es sein müßte. Aber darum ist’s doch nicht weniger wahr, daß von Zeit zu Zeit
Sonntage anbrechen im Gottesreich, an denen Gott in einer ganz besonderen Sprache mit
uns redet, die wir am Werktag gar nicht verstehen würden. Wohl sind’s dieselben reinen,
ewigen Worte vom Glauben, von der Liebe, von der Hoffnung, die wir da vernehmen, aber
mit einem ganz anderen hellen, fröhlichen, entschiedeneren Ton:
Beschwertes Herz, leg ab die Sorgen,
erhebe dich, gebeugtes Haupt;
es naht der angenehme Morgen,
da Gott zu ruhen hat erlaubt!Strophe 1 des Liedes von
Chr. Wegleiter (1659–1706), z.B.
in: Gesangbuch für die evangelisch-lutherischen Gemeinden
des Herzogthums Oldenburg, Oldenburg 18682, Nr. 11
Ja, zu ruhen, weil er selber nun sichtbar etwas schafft, zu ruhen, d.h. ihn
anzuschauen und seiner wieder einmal froh und gewiß zu werden, was uns in der Arbeit und
Sorge des Alltags oft so schwer wurde. Was wären die Werktage ohne die Kraftquelle des
Sonntags!?, nicht wahr, das wissen wir. Heute heißt es nicht: schaff! und: dulde
dich!Vgl.
Deutsches Wörterbuch von J.
Grimm und W. Grimm,
Neubearbeitung, hrsg. von der Akademie der Wissenschaften der DDR in Zusammenarbeit
mit der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Bd. VI, Leipzig 1983, Sp. 1477
s.v. Dulden: «refl.: 1642 dulde dich doch unterdessen ZESEN rosenwälder 63.
1850 mußt dich dulden, mußt warten lernen GOTTHELF 17, 301 H.B.» und: halte dich an Gottes Gebot!, heute heißt es: glaube
nur! [[Mk. 5,36](Mk.5.36)], laß dich nur
beschenken!, laß dich nur bescheinen und erfüllen von Gottes Herrlichkeit und Majestät!
Nichts Anderes hast du jetzt zu tun, als Gott gelten zu lassen und dich über ihn zu
freuen — das Andere wird dann schon wieder kommen. O dieses wundervolle Heute! O diese
wundervollen besonderen Zeiten im Gottesreich, uns gegeben, daß wir ruhen sollen von
unseren Werken [vgl. [Apk.
14,13](Apk.14.13)], um Gottes Werke anzuschauen! Nicht wahr, wir verstehen uns: nicht um
faulenzerisch einen Frieden und eine Klarheit zu genießen, die dann gar nichts bedeuten
für das übrige Leben, nicht um eine trügerische grüne Sonntagsinsel zu bauen mitten im
trostlosen Sand unseres werktäglichen Daseins, nein, damit unsere kommenden Werktage
anders, besser, edler, sonniger werden, als es die vergangenen waren, damit unsere
Werktage immer sonntäglicher werden, damit die ewig gleiche Gotteswahrheit kräftig und
kräftiger werde auch in unseren gewöhnlichen Zeiten, bis es einmal — wir wagen es kaum
zu denken — nur noch Sonntag sein wird, weil Gott es bei uns gewonnen hat! Für solche
Sonntage und besondere Zeiten im Gottesreich ist das außerordentliche Wort Jesu von den
Stürmern des Himmelreichs. Wer Ohren hat zu hören, der höre! [[Mk. 4,9](Mk.4.9) u.ö.]. Wer es gemerkt hat, daß jetzt
eine besondere Zeit ist, der tue sein Herz auf dem besonderen Wort, das Gott jetzt mit
uns reden will!
Es war eine besondere Zeit «von den Tagen Johannes des
Täufers bis jetzt», als Jesus das sagte. Eine Zeit der Vollendung und des
gewaltigen Neuanfangs. Ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschen. Das Reich Gottes
trat nach langen Jahrhunderten der Stille und des scheinbaren Stillstandes wieder in
entscheidende Bewegung. Die Sünde wurde abgelöst durch die Wahrheit, das Gesetz und die
Moral überwunden durch die freie Gerechtigkeit, die Reiche der Welt ersetzt durch das
Reich des lebendigen Geistes, das Gefängnis der Selbstsucht aufgetan durch die Kraft der
Liebe. Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden
erweckt, und den Armen wird die frohe Botschaft verkündet [[Mt. 11,5](Mt.11.5)]. Nie seit den Zeiten des Mose und der Propheten war Gott den Menschen so
nahegetreten, und hier war mehr als Mose, mehr als
Elia. Das alles war gekommen in dem
schlichten Mann von Nazareth, der unter der
Bußpredigt des Johannes den Ruf des Vaters
vernommen hatte: du bist mein lieber Sohn! [[Mk. 1,11](Mk.1.11) par.], in dessen Seele es zur Gewißheit geworden, daß
das Reich Gottes, das jener verkündigte, nahe herbeigekommen sei [[Mk. 1,15](Mk.1.15) par.]. In ihm war der neue Mensch
erschienen, der Mensch der Sehnsucht und der Verheißung. Und in ihm war die neue Welt
da, die Welt des Vaters und der Brüder. Er lebte in dieser Welt und war zugleich ihr
Bote für die Anderen, die sie noch nicht entdeckt hatten. Als ein treuer Wächter ging
er, sie zu wecken, daß sie die Gelegenheit nicht versäumten. Denn er wußte, daß wie
vorher so auch nachher wieder lange gewöhnliche Zeiten kommen würden, Zeiten, in denen
die Menschen leben müßten von dem, was sie jetzt in sich aufnahmen. Und so rief er ihnen
zu: glaubet an das Licht, dieweil ihr es habt, auf daß ihr des Lichtes Kinder seid!
[[Joh. 12,36](Joh.12.36)]. In dieser Zeit,
sagte er ihnen, wird das Himmelreich gestürmt, und die Stürmer reißen es an sich!
Die Stürmer! Es braucht jetzt etwas Anderes als sonst: nicht bloß stille Arbeiter und
Dulder und Beter, sondern Stürmer: Menschen, die mit Klugheit den einzigartigen Moment
wahrnehmen, die es merken: jetzt ist eine Gelegenheit da, die es zu ergreifen gilt.
Menschen, die den Willen haben, einen Entschluß zu fassen und auszuführen, die sich
nicht fürchten, ihre Seele packen zu lassen von den mächtigen Kräften des nahenden
Gottesreichs. Menschen, die sich nicht bedenken, sich herausreißen zu lassen aus
allerhand bequemen Stimmungen und Gedanken und Gewohnheiten, etwas dranzugeben, selbst
wenn es etwas sehr Liebes wäre, sich selber zu opfern, wenn es sein muß, weil es ein
Ziel gibt, das unendlich viel mehr gilt als Alles, was wir haben und verlieren können.
Menschen, die mit kühner Rücksichtslosigkeit nur noch auf den Ruf hören: die neue Welt,
die Gotteswelt ist da; die nicht mehr im Tal sein wollen, sondern auf dem Berg, die
fortan vom Berg aus sehen und beten und denken wollen, die fortan die Bedenken des
gesunden Menschenverstandes, der Klugheit, der Vorsicht nicht mehr gelten lassen wollen,
sondern nur noch die eine Wahrheit, daß Gott unser Vater ist, wir aber alle Brüder [vgl.
[Mt. 23,8f.](Mt.23.8 Mt.23.9)]! Solche
Menschen braucht es jetzt.
Die besondere Zeit fordert ganz besondere Menschen, und nur besondere Menschen sind
fähig, die Früchte zu pflücken, die jetzt reif geworden sind, die Saat auszuwerfen, die jetzt gesät worden ist. Wohl denen, die jetzt
besondere Menschen werden unter dem ungeheuren Eindruck der Taten Gottes und um dieser
Taten Gottes würdig zu sein. Wohl denen, die sich jetzt hingeben, die jetzt zugreifen,
die jetzt still werden und lieben können. Wohl denen, die sich jetzt von Allem abwenden
können, was nicht Gott ist, die sich jetzt lösen können von allem noch so Schönen, was
sie unten halten [will], um sich ganz zu verpflichten und zu binden an die Kräfte der
Freiheit und des Lebens, die sie nach oben reißen wollen. Selig sind, die jetzt arm sind
im Geist, die nichts Anderes denken und wollen, denn ihrer ist das Himmelreich [vgl.
[Mt. 5,3](Mt.5.3)]. Selig sind, die jetzt
reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen [vgl. [Mt. 5,8](Mt.5.8)]. Selig sind, die jetzt Friedestifter werden wollen und
nichts Anderes, denn sie werden es gewinnen, sie werden die Erde besitzen und
beherrschen [vgl. [Mt. 5,9](Mt.5.9).[5](Mt.5.5)]. Selig sind, die jetzt hungert und
dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden! [vgl. [Mt. 5,6](Mt.5.6)]. Jetzt! Denn jetzt ist die wundervolle
Zeit. Jetzt ist das Himmelreich derer, die stürmen können und stürmen wollen, die bereit
sind und losschlagen und erobern in göttlicher Freude an Gottes Herrlichkeit. Sie reißen
es an sich und haben es, sie und nur sie. Haben es für sich selbst und haben es dann
auch für die Anderen. Werden kräftig und fröhlich für die kommenden gewöhnlichen Zeiten
und werden selber zu Quellen der Kraft für alle die kommenden Geschlechter, die die
außerordentliche Zeit nicht selbst erlebten, wie für die, die sie versäumten und
verträumten. So redete Jesus und sah seine Jünger, seine Freunde an, ob sie ihn
verstanden hätten, ob sie die seligen Stürmer des Himmelreichs in dieser seligen, großen
Zeit werden wollten.
Und das fragt er nun auch uns. Denn auch wir leben jetzt in einer besonderen Zeit. Ein
Menschheitssonntag ist jetzt angebrochen, furchtbar und doch herrlich, wie er lange
nicht mehr dagewesen ist und lange nicht mehr so wiederkehrt. Und nun redet Gott in
außerordentlicher Weise mit uns, und das Himmelreich tritt uns wieder einmal greifbar
nahe. Und durch die gewaltigen und erschütternden Vorgänge der Zeit, die wir erleben,
tönt wiederum die klare, suchende, werbende Stimme des Gottessohnes von Galiläa: Jetzt ist’s Zeit! Jetzt wird das
Himmelreich gestürmt, und wer ein Stürmer zu sein wagt, reißt es jetzt an sich. Meine
Freunde, wir können uns das nicht genug sagen, daß die Kriegszeit, in der wir stehen,
eine besondere Zeit des Gottesreiches ist, dazu uns
gesandt, um uns zu Gott zu rufen, um uns ihn schauen zu lassen, damit die gewöhnlichen
Zeiten, die nachher wieder kommen werden, besser seien als die, die vorangegangen sind.
Wehe uns, wenn wir das nicht merken wollen. Wenn der Krieg außen an unserer Seele
vorbeigeht, ohne uns anders zu machen. Wenn wir ihn nicht anders zu begleiten wissen als
mit dem jämmerlichen Wunsche, er möchte doch bis zum Ende uns nichts tun. Wenn wir ihm
bloß zu folgen vermögen mit dem faulen Interesse des sicheren Bierbankpolitikers. Oder
wenn wir ihn überhaupt vergessen haben und vergessen wollen, um zurückzukehren in unsere
kleinen, alten Gedankenkreislein. Diese große Zeit, in der wir stehen, mit ihrem ewigen
Inhalt, der jetzt zu gewinnen wäre, wird so oder so einmal vorüber gehen, lange Reihen
von gewöhnlichen Jahren werden dann wieder folgen, und wie es dann auch mit uns stehen
mag, eins ist sicher: daß es sich dann rächen wird, wenn wir jenen ewigen Inhalt dieser
Zeit jetzt nicht gewinnen. Wir werden dann auf dem Trockenen sitzen und hungern und
dürsten müssen nach dem lebendigen Gott [vgl. [Ps. 42,3](Ps.42.3)], wie es uns vorher gegangen ist. O meine Freunde,
wenn wir’s doch merken wollten, was zu unserem Frieden dient [vgl. [Lk. 19,42](Lk.19.42)], merken, daß jetzt Sonntag ist,
merken, daß Gott uns jetzt beschenken will.
Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Es ist besondere Zeit, weil es Notzeit
ist. In der Not kommt immer Gott zu uns, um wieviel mehr in so gewaltiger Not, wie die
Menschheit sie jetzt durchmacht. Geld und Gut, Leib und Leben sind in große Unsicherheit
geraten. Millionen von Menschen sind ihrer Habe und Heimat beraubt, Millionen Anderen
ist das liebste, treuste Herz, das sie auf Erden hatten, genommen. Millionen Andere sind
in den Urzustand des menschlichen Lebens zurückgeworfen, wo der Mensch unter freiem
Himmel lebte und mit den Mitmenschen kämpfte wie das wilde Tier, ärger, grausamer als
das wilde Tier. In solcher Not müssen uns sicher Gott und sein himmlisches Reich näher
kommen als je zuvor. Von selber fließen unsere Gedanken aus dem Graus der Erde zu dem,
der der Vater des Lichtes [vgl. [Jak.
1,17](Jak.1.17)] ist, und flehen:
Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Flehen!
Lied 214 von Martin Luther (GERS [1952]; EG 299).
Von selber klammern wir uns an die Gewißheit,
es muß über all diesem Elend und Entsetzen etwas Anderes geben. Es muß eine Erlösung da
sein aus dieser tiefen Nacht menschlichen Wesens, eine Bewahrung vor dieser furchtbaren
Woge von Jammer und Herzeleid. Es ist jetzt wieder viel gebetet worden und wird viel
gebetet in der Welt, mit Gewalt treibt es die Menschen dahin, wo Kraft und Zuversicht
und Halt zu finden ist.
Ist das nicht das Himmelreich, das nahe herbeigekommen ist? Ja, es ist etwas daran, es
ist ein Stück Himmelreich, daß wir jetzt Gottes Macht wieder einmal spüren in unserer
Ohnmacht. Daß uns jetzt einmal so viele Torheiten gewaltig aus der Hand geschlagen sind
und wir wieder einmal wissen, auf was es eigentlich ankommt. Daß uns deutlicher geworden
ist als je, wo wir Zuflucht und Seligkeit haben und wo nicht. Wer jetzt ein Stürmer des
Himmelreichs würde! Wenn wir jetzt den faulen Trost aufgeben wollten, daß die Not uns
vielleicht nicht bis an den Hals gehen wird! Wenn wir jetzt durchdringen würden zu der
Erkenntnis: Gleichviel, ob die Not leichter oder schwerer ist, es ist dunkel in dieser
Welt, Herr, ich kann allein nicht gehenVgl. die Zeile «Ich kann allein nicht gehen» (so in:
Reichs-Lieder, 648) des Liedes von J. von
Hausmann, So nimm denn meine Hände. Im Original heißt die Zeile: «Ich
mag allein nicht gehen» (EG 376,1)., hilflos sehne ich mich nach dir!
Wenn uns die Not dazu brächte zu beten, wie wir noch nie gebetet haben, Gott zu suchen,
wie wir ihn noch nie gesucht haben, eins zu werden mit seinem gnädigen Willen über uns,
wie es Jesus in größter Not geworden ist [vgl. [Mk. 14,36](Mk.14.36) par.]! Seht, dazu ist’s jetzt Zeit, daraufhin zielen
und treiben unsere tiefsten Gedanken in diesen schrecklichen Kriegsjahren, wenn wir sie
aufkommen lassen in uns, sie nicht ersticken und unterdrücken durch allerlei
Nichtigkeiten. Dieser Friede mit Gott, dem Quell aller Wesen, kann jetzt gewonnen und
empfangen werden mitten in der Unruhe der Welt, eben weil diese Unruhe uns so mächtig
auf ihn, den Ewigen, hinweist.
Aber, meine Freunde, die Stürmer des Himmelreichs, wenn wir jetzt wirklich solche sind,
werden dabei nicht stehen bleiben und sich beruhigen können, den gefunden zu haben, der
über dem Getümmel steht und in dem wir jetzt in herzlichem Vertrauen Halt und
Freudigkeit finden können. Sie wären nicht die Wahren, wenn sie nicht weiterstürmen
müßten nach höheren Zielen, nicht weitergreifen nach anderen, noch köstlicheren Gaben Gottes. Diese Zeit ist eine Zeit großer Aufgaben. Ich denke jetzt vor allem an die kriegführenden Völker, aber
auch an uns. Was gibt ihnen jetzt da draußen den Mut, zu vertrauen und zu warten und
durchzuhalten in ihrer furchtbaren Not? Das Bewußtsein, daß jetzt eine Zeit großer
Pflichten ist. Ihre Pflichten helfen ihnen ihre Sorgen tragen, wie es uns ja auch im
täglichen Leben geht. Wir wissen, was wir als Christen vom Krieg und Kriegführen zu
denken haben, aber darum ist’s doch wahr, daß es etwas Wundervolles, etwas Göttliches
ist um dieses einmütige Einstehen all dieser Millionen für die Gemeinschaft ihres
Vaterlandes. Um dieses Einstehen nicht mit billigen Worten, sondern mit der Tat, mit
Leben und Gut und Blut. Darin ist auch ein Stück Himmelreich, wie da auf einmal alle
kleinen selbstischen Interessen, alle noch so großen Gegensätze schweigen und
zurücktreten mußten, weil es galt und gilt zu handeln, weil alle nichts mehr wollen als
sich einsetzen für ihre Brüder, für ihr Volk, für ihr Vaterland. Eine frische, herbe,
gesunde Luft atmen sie jetzt da draußen, eine Luft von Entschlossenheit, Ernst und
Opferwilligkeit sondergleichen. Daran sollten wir viel mehr denken, wenn wir über die
fremden Völker jetzt reden, sonst verstehen wir sie nicht, sonst tun wir ihnen Unrecht.
Freilich dürfen wir dann nicht parteiisch seinIm Kreis der
religiös-sozialen Theologen der Schweiz war die Parteinahme Hermann Kutters zugunsten der Deutschen anstößig
(vgl. Bw.Th. I, [S. 12](../volume/03/p012#p012).[16](../volume/03/p016#p016).[29](3022#p029))., müssen anerkennen, daß dieses große Stück Himmelreich
nicht etwa nur bei einem Volk sich findet, sondern wirklich überall. Von allen Völkern
bis hinunter zu den Serben, die man bei uns ganz mit Unrecht verachtetVgl. E.
Bonjour, Geschichte der schweizerischen Neutralität.
Vier Jahrhunderte eidgenössischer Außenpolitik, Bd. II, Basel/Frankfurt/Main
19806, S. 149: «Die deutschsprechende Schweiz
verfolgte seit Jahren bewundernd den deutschen Aufstieg … Mit den Augen der Deutschen
sah man im Kaiser den Friedensfürsten, dem ein europäischer Krieg aufgezwungen worden
sei, im zaristischen Rußland den Kriegshetzer, in den Serben die europäischen
Brandstifter.», hört man, daß sie von diesem ernsten, freudigen, starken Geist
erfüllt sind.
Wir stehen neben den Ereignissen, wir Schweizer. Wir segnen uns, daß wir von den
Kriegsstürmen bis jetzt verschont sind. Das ist ganz recht, aber entgeht uns nicht
vielleicht dabei das Gute, das jene jetzt im Sturm und unter bitteren Leiden gewinnen
und von dem ihnen sicher nach dem Krieg etwas erhalten bleiben wird? Ich glaube, es gibt viele nachdenkliche Menschen in
unserem Lande, die im Stillen denken, es hätte auch uns gut getan, wenn der Sturm uns
gepackt und geschüttelt hätte wie die Anderen, damit wir gezwungen würden, das Kleine
fahren zu lassen und das Große zu ergreifen: die Gemeinschaft und den rechten Brudersinn
und das Verzichten und Drangeben des eigenen Wohles um des Ganzen willen! Wir wollen das
nicht wünschen. Aber wenn es Gottes Wille ist, daß wir durch diese Zeit hindurchgehen,
ohne daß unsere Herzen und Gewissen auf die furchtbare Probe gestellt werden, wie es
jetzt den Deutschen, den Franzosen und allen anderen widerfährt, so ist es doch sicher
nicht sein Wille, daß das Stück Himmelreich, das jenen jetzt so nahe kommt, uns fremd
bleibe. Es kommt auch uns nahe. Wollen wir denn darauf warten, daß Gott auch uns in die
Schule des Leides und der Not nehme, um uns zu großen Gedanken und großem Tun endlich zu
zwingen? Warum wollen wir uns nicht als Zuschauer und gerade als Zuschauer des
ungeheuren Ringens da draußen sagen lassen, wie erbärmlich der Schlafzustand war, in dem
auch wir uns befanden, jeder auf seinem Weg? Wie das wahre Leben nicht ein knickeriges,
behutsames, ängstlich schleichendes Dasein sein darf, sondern ein Heldentum, ein
Sich-einsetzen-und-drangeben-Können, ein Leben in tiefem Ernst, der geradeaus sieht, und
in heller Freude, die nach oben sieht? O wenn wir doch jetzt stürmen wollten auf dieses
höhere Leben, von dem jetzt die Welt voll ist, um auch daran Teil zu haben, um auch
solche Menschen zu werden, wie sie jetzt draußen zu tausenden und lausenden sind, aber
mit besseren, edleren Zielen denn als Mord und Zerstörung. Die Tage werden sicher wieder
kommen, wo auch dieses Stück Himmelreich wieder verschwinden und die Welt wieder voll
sein wird von Feigheit und Krämergeist und Kleinlichkeit. Jetzt weht Heldengeist auf der
Erde. Selig die von uns, die unseren Friedenszustand nicht vertrödeln und verplempern in
Gedankenlosigkeit und Geschwätz, sondern [ihn benutzen,] um als Stürmer auch etwas an
uns zu reißen von diesem Heldengeist der heutigen Zeit.
Aber noch dürfen und können wir nicht innehalten, auch hier nicht, wenn es uns wahrhaft
um das Himmelreich zu tun ist. Gott zeigt uns mehr als das, ja wer nicht mehr als das
sieht, der hat das Eigentliche, die Hauptsache noch nicht gesehen, die Gott uns jetzt
zeigen will. Der ist kein Stürmer des Himmelreichs, meine Freunde, der sich jetzt dabei
beruhigen kann, daß er in der Unruhe der Welt
den Frieden Gottes habe. Und der ist kein Stürmer des Himmelreichs, der jetzt sein Herz
erhebt an dem gewaltigen Zug von Entschlossenheit und Tatkraft, der jetzt durch die Welt
geht, und auch wohl selber das Seine tut in Liebe zu Volk und Vaterland. Kein Stürmer,
wie Jesus sie haben wollte. Gott hat uns noch viel Größeres zu sagen an diesem
Menschheitssonntag, und das Gottesreich, das uns jetzt nahe kommt, ist mehr und schöner
als Alles, was wir bis jetzt genannt haben.
Unsere Zeit ist eine besondere Zeit, weil sie eine Jesuszeit
sondergleichen ist. Das Gottesreich ist ja doch nicht ein unbestimmter Gottesfriede und
nicht ein unbestimmtes Heldentum, sondern das Gottesreich ist der Sieg Jesu, der
Gottesfriede und Heldentum zugleich ist im Geist und in der Wahrheit. Und ein solcher
geschieht jetzt, einen solchen können wir jetzt stürmend an uns reißen, wenn wir die
Augen offen und den Willen bereit haben, anzunehmen, was auf uns wartet. Ja, ein Sieg
Jesu, so merkwürdig es scheinen mag. Oder war das nicht ein Sieg Jesu, als er, ans Kreuz
geschlagen von der ganzen Welt, verlassen von seinen besten Freunden, Gott verherrlichte
und für seine Peiniger um Vergebung bat [[Lk. 23,34](Lk.23.34)]? Das war ein Sieg, und so
siegt Jesus immer. Da trat Licht und Dunkel klar auseinander, da wurde es offenbar, was
göttlich ist und was menschlich, und durch diese Klarheit wurde Jesus zum Hebel, den
Gott mit aller Macht ansetzen konnte, um der Menschheit neues Leben zu schaffen. So
ist’s auch heute wieder, und das ist die tiefe Bedeutung dessen, was wir erleben. Das
Böse, das in der Menschheit schlummerte, ist aufgebrochen und hat alles Menschliche an
sich gerissen, nicht nur die finsteren Götzenmächte des Geldes und der Gewalt, die ihm
von jeher dienten, sondern auch das Edle und Gute, das da war: die Ordnung und die
Bildung und das, was wir Christentum nannten, auch das
Gottvertrauen, auch das Heldentum. Alles, was nicht von Jesus ist, das mußte und muß
fortwährend das Unrecht und den Jammer, in dem wir sind, vermehren und verschärfen. Das
Schönste und Beste, was wir ohne Jesus haben, mußte uns in den Krieg hinein treiben, muß
uns drinstecken lassen, wird, auch wenn einmal wieder ein sogenannter Friede da ist,
neue Kriege später nicht verhindern können.
Anders als diese ganze Welt voll Verbrechen und Entsetzen ist
jetzt schließlich nur Einer, nämlich der Geist Jesu, der verborgen in all den Millionen lebt, den sie jetzt unterdrücken und verleugnen
müssen und den sie doch nicht zum Schweigen bringen, nicht als Kriegsgott anbeten
können. Wieder ist er ans Kreuz geschlagen, wieder ist er ein einsamer Fremdling in der
Welt, verachtet und verstoßen, ohne Gestalt noch Schöne [[Jes. 53,2](Jes.53.2)] —, aber wieder ist jetzt einmal Klarheit geworden,
Klarheit, was er will und bringt mit der Welt des Vaters, der Welt der Brüder, in der er
lebt, was er von uns fordert mit seiner wundersamen, jetzt so ganz unzeitgemäßen
Forderung, das Böse nicht durch Böses, sondern durch Gutes zu überwinden [[Röm. 12,21](Röm.12.21)], was er uns schenkt
mit seinem ernsten, sicheren Glauben an den Triumph Gottes über alle Geister und Mächte,
die ihm widerstehen. Größer, reiner, klarer, unerbittlicher steht er vor uns als zuvor,
nachdem er nun wieder vor aller Augen getötet und zu Grabe getragen worden ist. Das ist sein Sieg, das ist das große,
eigentliche Wort, das Gott jetzt mit uns redet. Da kommt das
Himmelreich mit all seinen Gütern in unsere Nähe.
Und nun, meine Freunde, stehen wir noch einmal vor der Frage, ob wir das Himmelreich
als rechte Stürmer an uns reißen wollen. Die Klarheit Gottes ist nun wieder einmal da;
ob sie auch für uns da ist? Leuchtend hebt sich vom dunklen Himmel der Zeitereignisse
das Bild unseres Meisters ab; ob dieses Bild nun hineinleuchtet in unsere Seele?
Gewaltig erhebt sich alles Göttliche, was in uns schlummert, und ruft es hinaus, ob wir
es wollen oder nicht: der da, der Mann am Kreuz, mit seiner Botschaft von dem Gott, der
aller Menschen Vater ist, mit seiner Botschaft vom Vergeben und Tragen und
Friedestiften, mit seiner Botschaft von der Alleingewalt des Geistes — der hat Recht,
und wir mit unserem Wahn haben Unrecht und beweisen es, indem wir uns jetzt im Krieg
gegenseitig vernichten. Werden wir diesem Göttlichen in uns, das sich nach Jesus
ausstreckt, nachgeben? Nun braucht’s scharfe Augen! nun braucht’s einen fröhlichen
Willen! nun braucht’s ein starkes Herz! nun braucht’s Stürmer, die rücksichtslos
zugreifen und nehmen, was zu nehmen ist. Und diesmal haben wir Schweizer, wir armen
Schweizer, die wir von Gottes Sturm verschont sind, [es] nicht schwerer, sondern
leichter als die Anderen. Unverwim durch Not und Haß und andere Aufregung dürfen wir
jetzt unverwandt auf Gott selber schauen und auf den, den er uns gesandt hat, in dem
allein Leben und Unsterblichkeit ist. Werden wir die Stürmer sein, die es jetzt braucht,
die die Anderen nachher so nötig haben werden, wir, denen es so leicht gemacht ist?
Was für ein Sonntag voll Sonne und Seligkeit
und Kraft würde das sein, meine Freunde, wenn wir heute — an diesem großen, besonderen
Heute, das wir jetzt erleben dürfen — zu Stürmern des Himmelreichs werden würden. Was
für andere Werktage würden dann folgen, wenn wir jetzt zugreifen, wo uns das Gottesreich
so nahe gekommen ist? Seht, dann kann uns Gott weiterführen von einer Offenbarung zur
anderen, bis sich einmal die Erde unter uns verwandelt in die neue Erde und der Himmel
über uns in den neuen Himmel [vgl. [Apk. 21,1](Apk.21.1)]. Bis es einmal keine traurigen «gewöhnlichen» Zeiten mehr gibt.