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sermons
Predigten 1915
Predigt: Matthäus 11,12
Barth, Karl: Predigt: Matthäus 11,12, 24. Januar 1915
https://kbga.karl-barth.ch/texts/27005 (Stand: 21. Mai 2025)
Druck: Karl Barth, Predigten 1915, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1996, S. 22–33.
Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)
Schweizerischer Nationalfonds (SNF)
Karl Barth-Stiftung
Karl Barth-Archiv
Basel
2025
Creative Commons BY-SA 4.0
https://kbga.karl-barth.ch/texts/27005
Predigten 1915
Predigt: Matthäus 11,12
Barth, Karl
Schmidt, Hermann
Zürich
Theologischer Verlag
1996
Pp. 22-33
5
Princeton Barth Project edition
electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.27, Predigten 1915, sermon 256
Barth, Karl
James R. Adair, Jr.
Timothy J. Finney
Christian Kelm
Princeton
Alexander Street Press
2001
A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 11,12, 24. Januar 1915.
KBA 1234
.
24. Januar 1915
German
sermon
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256
Safenwil
, Sonntag, den
24. Januar 1915
Matthäus 11,12
Über diesen Text wollte Barth am Sonntag, 17. 1. predigen, aber am Samstag, 16. 1. wurde er «auf einmal in die Stille geführt durch eine plötzlich hervorbrechende Influenza … Da lag ich nun, und an meiner Stelle predigte der Helfer über die Weisen aus dem Morgenlande!» (
Bw.Th. I,
S. 24
).
Von den Tagen Johannes des Täufers an bis jetzt wird das Himmelreich gestürmt, und die Stürmer reißen es an sich.
Liebe Freunde!
Das ist nun gewiß ein Wort Jesu, das Viele von uns in diesem Augenblick zum ersten Mal gehört haben. Und kein Pfarrer darf es uns übelnehmen, wenn es uns unbekannt und fremdartig vorkommt. Denn es ist wirklich, obwohl es in allen unseren Bibeln steht, ein fremdartiges, außerordentliches Wort. Man kann von ihm nicht sagen, daß es für alle Zeiten und Lebenslagen wahr und gut sei. Es ist nicht gesundes Hausbrot für alle Tage, sondern starke Speise für besondere Zeiten. Denn
auch das Gottesreich kennt «gewöhnliche» Zeiten, lange Tage, Wochen, Jahre und Jahrhunderte, wo scheinbar gar nichts oder fast nichts sich rührt und bewegt, Zeiten des Wartens und Reifens und Welkens — und dann wieder besondere Zeiten, wo etwas fertig wird und etwas Neues anfängt, wo die Ernte in die Scheunen gebracht und das Unkraut verbrannt [vgl.
Mt. 13,30
] und neue Saat ausgeworfen wird. Und für beide Arten von Zeiten hat Gott verschiedene Arten, mit uns zu reden. In den «gewöhnlichen» Zeiten, da heißt er uns still unsere tägliche Pflicht tun und treu unseres Lebens Last und Mühe tragen und bescheiden unser Möglichstes tun für seine große Sache. Alles in herzlicher Liebe zu ihm, der uns zuerst geliebt hat [vgl.
1.Joh. 4,19
], und in der frohen Zuversicht, daß alle Dinge zum Besten dienen müssen denen, die ihm gehorsam sind [vgl.
Röm. 8,28
]. Nicht als ob das etwas Geringeres wäre. Gottes ist der Werktag so gut wie der Sonntag. Unendlich viel Gnade verdanken wir der Gotteswahrheit des Werktags. Und wir werden uns wohl nicht rühmen wollen, wir hätten mit dieser Gotteswahrheit des Werktags schon so ernst gemacht, wie es sein müßte. Aber darum ist’s doch nicht weniger wahr, daß von Zeit zu Zeit Sonntage anbrechen im Gottesreich, an denen Gott in einer ganz besonderen Sprache mit uns redet, die wir am Werktag gar nicht verstehen würden. Wohl sind’s dieselben reinen, ewigen Worte vom Glauben, von der Liebe, von der Hoffnung, die wir da vernehmen, aber mit einem ganz anderen hellen, fröhlichen, entschiedeneren Ton:
Beschwertes Herz, leg ab die Sorgen,
erhebe dich, gebeugtes Haupt;
es naht der angenehme Morgen,
da Gott zu ruhen hat erlaubt!
Strophe 1 des Liedes von
Chr. Wegleiter
(1659–1706), z.B. in:
Gesangbuch für die evangelisch-lutherischen Gemeinden des Herzogthums Oldenburg
, Oldenburg 1868
2
, Nr. 11
Ja, zu ruhen, weil er selber nun sichtbar etwas schafft, zu ruhen, d.h. ihn anzuschauen und seiner wieder einmal froh und gewiß zu werden, was uns in der Arbeit und Sorge des Alltags oft so schwer wurde. Was wären die Werktage ohne die Kraftquelle des Sonntags!?, nicht wahr, das wissen wir. Heute heißt es nicht: schaff! und: dulde dich!
Vgl.
Deutsches Wörterbuch
von
J. Grimm
und
W. Grimm
, Neubearbeitung, hrsg. von der Akademie der Wissenschaften der DDR in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Bd. VI, Leipzig 1983, Sp. 1477 s.v. Dulden
: «refl.: 1642 dulde dich doch unterdessen ZESEN rosenwälder 63. 1850 mußt dich dulden, mußt warten lernen GOTTHELF 17, 301 H.B.»
und: hal
te dich an Gottes Gebot!, heute heißt es: glaube nur! [
Mk. 5,36
], laß dich nur beschenken!, laß dich nur bescheinen und erfüllen von Gottes Herrlichkeit und Majestät! Nichts Anderes hast du jetzt zu tun, als Gott gelten zu lassen und dich über ihn zu freuen — das Andere wird dann schon wieder kommen. O dieses wundervolle Heute! O diese wundervollen besonderen Zeiten im Gottesreich, uns gegeben, daß wir ruhen sollen von unseren Werken [vgl.
Apk. 14,13
], um Gottes Werke anzuschauen! Nicht wahr, wir verstehen uns: nicht um faulenzerisch einen Frieden und eine Klarheit zu genießen, die dann gar nichts bedeuten für das übrige Leben, nicht um eine trügerische grüne Sonntagsinsel zu bauen mitten im trostlosen Sand unseres werktäglichen Daseins, nein, damit unsere kommenden Werktage anders, besser, edler, sonniger werden, als es die vergangenen waren, damit unsere Werktage immer sonntäglicher werden, damit die ewig gleiche Gotteswahrheit kräftig und kräftiger werde auch in unseren gewöhnlichen Zeiten, bis es einmal — wir wagen es kaum zu denken — nur noch Sonntag sein wird, weil Gott es bei uns gewonnen hat! Für solche Sonntage und besondere Zeiten im Gottesreich ist das außerordentliche Wort Jesu von den Stürmern des Himmelreichs. Wer Ohren hat zu hören, der höre! [
Mk. 4,9
u.ö.]. Wer es gemerkt hat, daß jetzt eine besondere Zeit ist, der tue sein Herz auf dem besonderen Wort, das Gott jetzt mit uns reden will!
Es war eine besondere Zeit «von den Tagen
Johannes des Täufers
bis jetzt», als Jesus das sagte. Eine Zeit der Vollendung und des gewaltigen Neuanfangs. Ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschen. Das Reich Gottes trat nach langen Jahrhunderten der Stille und des scheinbaren Stillstandes wieder in entscheidende Bewegung. Die Sünde wurde abgelöst durch die Wahrheit, das Gesetz und die Moral überwunden durch die freie Gerechtigkeit, die Reiche der Welt ersetzt durch das Reich des lebendigen Geistes, das Gefängnis der Selbstsucht aufgetan durch die Kraft der Liebe. Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden erweckt, und den Armen wird die frohe Botschaft verkündet [
Mt. 11,5
]. Nie seit den Zeiten des
Mose
und der Propheten war Gott den Menschen so nahegetreten, und
hier war mehr als Mose, mehr als
Elia
. Das alles war gekommen in dem schlichten Mann von
Nazareth
, der unter der Bußpredigt des
Johannes
den Ruf des Vaters vernommen hatte: du bist mein lieber Sohn! [
Mk. 1,11
par.], in dessen Seele es zur Gewißheit geworden, daß das Reich Gottes, das jener verkündigte, nahe herbeigekommen sei [
Mk. 1,15
par.]. In ihm war der neue Mensch erschienen, der Mensch der Sehnsucht und der Verheißung. Und in ihm war die neue Welt da, die Welt des Vaters und der Brüder. Er lebte in dieser Welt und war zugleich ihr Bote für die Anderen, die sie noch nicht entdeckt hatten. Als ein treuer Wächter ging er, sie zu wecken, daß sie die Gelegenheit nicht versäumten. Denn er wußte, daß wie vorher so auch nachher wieder lange gewöhnliche Zeiten kommen würden, Zeiten, in denen die Menschen leben müßten von dem, was sie jetzt in sich aufnahmen. Und so rief er ihnen zu: glaubet an das Licht, dieweil ihr es habt, auf daß ihr des Lichtes Kinder seid! [
Joh. 12,36
]. In dieser Zeit, sagte er ihnen, wird das Himmelreich gestürmt, und die Stürmer reißen es an sich!
Die Stürmer! Es braucht jetzt etwas Anderes als sonst: nicht bloß stille Arbeiter und Dulder und Beter, sondern Stürmer: Menschen, die mit Klugheit den einzigartigen Moment wahrnehmen, die es merken: jetzt ist eine Gelegenheit da, die es zu ergreifen gilt. Menschen, die den Willen haben, einen Entschluß zu fassen und auszuführen, die sich nicht fürchten, ihre Seele packen zu lassen von den mächtigen Kräften des nahenden Gottesreichs. Menschen, die sich nicht bedenken, sich herausreißen zu lassen aus allerhand bequemen Stimmungen und Gedanken und Gewohnheiten, etwas dranzugeben, selbst wenn es etwas sehr Liebes wäre, sich selber zu opfern, wenn es sein muß, weil es ein Ziel gibt, das unendlich viel mehr gilt als Alles, was wir haben und verlieren können. Menschen, die mit kühner Rücksichtslosigkeit nur noch auf den Ruf hören: die neue Welt, die Gotteswelt ist da; die nicht mehr im Tal sein wollen, sondern auf dem Berg, die fortan vom Berg aus sehen und beten und denken wollen, die fortan die Bedenken des gesunden Menschenverstandes, der Klugheit, der Vorsicht nicht mehr gelten lassen wollen, sondern nur noch die eine Wahrheit, daß Gott unser Vater ist, wir aber alle Brüder [vgl.
Mt. 23,8f.
]! Solche Menschen braucht es jetzt.
Die besondere Zeit fordert ganz besondere Menschen, und nur besondere Menschen sind fähig, die Früchte zu pflücken, die jetzt reif ge
worden sind, die Saat auszuwerfen, die jetzt gesät worden ist. Wohl denen, die jetzt besondere Menschen werden unter dem ungeheuren Eindruck der Taten Gottes und um dieser Taten Gottes würdig zu sein. Wohl denen, die sich jetzt hingeben, die jetzt zugreifen, die jetzt still werden und lieben können. Wohl denen, die sich jetzt von Allem abwenden können, was nicht Gott ist, die sich jetzt lösen können von allem noch so Schönen, was sie unten halten [will], um sich ganz zu verpflichten und zu binden an die Kräfte der Freiheit und des Lebens, die sie nach oben reißen wollen. Selig sind, die jetzt arm sind im Geist, die nichts Anderes denken und wollen, denn ihrer ist das Himmelreich [vgl.
Mt. 5,3
]. Selig sind, die jetzt reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen [vgl.
Mt. 5,8
]. Selig sind, die jetzt Friedestifter werden wollen und nichts Anderes, denn sie werden es gewinnen, sie werden die Erde besitzen und beherrschen [vgl.
Mt. 5,9
.
5
]. Selig sind, die jetzt hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden! [vgl.
Mt. 5,6
]. Jetzt! Denn jetzt ist die wundervolle Zeit. Jetzt ist das Himmelreich derer, die stürmen können und stürmen wollen, die bereit sind und losschlagen und erobern in göttlicher Freude an Gottes Herrlichkeit. Sie reißen es an sich und haben es, sie und nur sie. Haben es für sich selbst und haben es dann auch für die Anderen. Werden kräftig und fröhlich für die kommenden gewöhnlichen Zeiten und werden selber zu Quellen der Kraft für alle die kommenden Geschlechter, die die außerordentliche Zeit nicht selbst erlebten, wie für die, die sie versäumten und verträumten. So redete Jesus und sah seine Jünger, seine Freunde an, ob sie ihn verstanden hätten, ob sie die seligen Stürmer des Himmelreichs in dieser seligen, großen Zeit werden wollten.
Und das fragt er nun auch uns. Denn auch wir leben jetzt in einer besonderen Zeit. Ein Menschheitssonntag ist jetzt angebrochen, furchtbar und doch herrlich, wie er lange nicht mehr dagewesen ist und lange nicht mehr so wiederkehrt. Und nun redet Gott in außerordentlicher Weise mit uns, und das Himmelreich tritt uns wieder einmal greifbar nahe. Und durch die gewaltigen und erschütternden Vorgänge der Zeit, die wir erleben, tönt wiederum die klare, suchende, werbende Stimme des Gottessohnes von
Galiläa
: Jetzt ist’s Zeit! Jetzt wird das Himmelreich gestürmt, und wer ein Stürmer zu sein wagt, reißt es jetzt an sich. Meine Freunde, wir können uns das nicht genug sagen, daß die Kriegszeit, in der wir stehen, eine besondere Zeit des Gottesreiches ist, dazu
uns gesandt, um uns zu Gott zu rufen, um uns ihn schauen zu lassen, damit die gewöhnlichen Zeiten, die nachher wieder kommen werden, besser seien als die, die vorangegangen sind. Wehe uns, wenn wir das nicht merken wollen. Wenn der Krieg außen an unserer Seele vorbeigeht, ohne uns anders zu machen. Wenn wir ihn nicht anders zu begleiten wissen als mit dem jämmerlichen Wunsche, er möchte doch bis zum Ende uns nichts tun. Wenn wir ihm bloß zu folgen vermögen mit dem faulen Interesse des sicheren Bierbankpolitikers. Oder wenn wir ihn überhaupt vergessen haben und vergessen wollen, um zurückzukehren in unsere kleinen, alten Gedankenkreislein. Diese große Zeit, in der wir stehen, mit ihrem ewigen Inhalt, der jetzt zu gewinnen wäre, wird so oder so einmal vorüber gehen, lange Reihen von gewöhnlichen Jahren werden dann wieder folgen, und wie es dann auch mit uns stehen mag, eins ist sicher: daß es sich dann rächen wird, wenn wir jenen ewigen Inhalt dieser Zeit jetzt nicht gewinnen. Wir werden dann auf dem Trockenen sitzen und hungern und dürsten müssen nach dem lebendigen Gott [vgl.
Ps. 42,3
], wie es uns vorher gegangen ist. O meine Freunde, wenn wir’s doch merken wollten, was zu unserem Frieden dient [vgl.
Lk. 19,42
], merken, daß jetzt Sonntag ist, merken, daß Gott uns jetzt beschenken will.
Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Es ist besondere Zeit, weil es Notzeit ist. In der Not kommt immer Gott zu uns, um wieviel mehr in so gewaltiger Not, wie die Menschheit sie jetzt durchmacht. Geld und Gut, Leib und Leben sind in große Unsicherheit geraten. Millionen von Menschen sind ihrer Habe und Heimat beraubt, Millionen Anderen ist das liebste, treuste Herz, das sie auf Erden hatten, genommen. Millionen Andere sind in den Urzustand des menschlichen Lebens zurückgeworfen, wo der Mensch unter freiem Himmel lebte und mit den Mitmenschen kämpfte wie das wilde Tier, ärger, grausamer als das wilde Tier. In solcher Not müssen uns sicher Gott und sein himmlisches Reich näher kommen als je zuvor. Von selber fließen unsere Gedanken aus dem Graus der Erde zu dem, der der Vater des Lichtes [vgl.
Jak. 1,17
] ist, und flehen:
Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Flehen!
Lied 214 von
Martin Luther
(GERS [1952]; EG 299).
Von selber klammern wir uns an die Gewißheit, es muß über all diesem Elend und Entsetzen etwas Anderes geben. Es muß eine Erlösung da sein aus dieser tiefen Nacht menschlichen Wesens, eine Bewahrung vor dieser furchtbaren Woge von Jammer und Herzeleid. Es ist jetzt wieder viel gebetet worden und wird viel gebetet in der Welt, mit Gewalt treibt es die Menschen dahin, wo Kraft und Zuversicht und Halt zu finden ist.
Ist das nicht das Himmelreich, das nahe herbeigekommen ist? Ja, es ist etwas daran, es ist ein Stück Himmelreich, daß wir jetzt Gottes Macht wieder einmal spüren in unserer Ohnmacht. Daß uns jetzt einmal so viele Torheiten gewaltig aus der Hand geschlagen sind und wir wieder einmal wissen, auf was es eigentlich ankommt. Daß uns deutlicher geworden ist als je, wo wir Zuflucht und Seligkeit haben und wo nicht. Wer jetzt ein Stürmer des Himmelreichs würde! Wenn wir jetzt den faulen Trost aufgeben wollten, daß die Not uns vielleicht nicht bis an den Hals gehen wird! Wenn wir jetzt durchdringen würden zu der Erkenntnis: Gleichviel, ob die Not leichter oder schwerer ist, es ist dunkel in dieser Welt, Herr, ich kann allein nicht gehen
Vgl.
die Zeile «Ich kann allein nicht gehen» (so in: Reichs-Lieder, 648) des Liedes von
J. von Hausmann
, So nimm denn meine Hände. Im Original heißt die Zeile: «Ich mag allein nicht gehen» (EG 376,1)
.
, hilflos sehne ich mich nach dir! Wenn uns die Not dazu brächte zu beten, wie wir noch nie gebetet haben, Gott zu suchen, wie wir ihn noch nie gesucht haben, eins zu werden mit seinem gnädigen Willen über uns, wie es Jesus in größter Not geworden ist [vgl.
Mk. 14,36
par.]! Seht, dazu ist’s jetzt Zeit, daraufhin zielen und treiben unsere tiefsten Gedanken in diesen schrecklichen Kriegsjahren, wenn wir sie aufkommen lassen in uns, sie nicht ersticken und unterdrücken durch allerlei Nichtigkeiten. Dieser Friede mit Gott, dem Quell aller Wesen, kann jetzt gewonnen und empfangen werden mitten in der Unruhe der Welt, eben weil diese Unruhe uns so mächtig auf ihn, den Ewigen, hinweist.
Aber, meine Freunde, die Stürmer des Himmelreichs, wenn wir jetzt wirklich solche sind, werden dabei nicht stehen bleiben und sich beruhigen können, den gefunden zu haben, der über dem Getümmel steht und in dem wir jetzt in herzlichem Vertrauen Halt und Freudigkeit finden können. Sie wären nicht die Wahren, wenn sie nicht weiterstürmen müßten nach höheren Zielen, nicht weitergreifen nach anderen, noch
köstlicheren Gaben Gottes. Diese Zeit ist eine Zeit
großer Aufgaben
. Ich denke jetzt vor allem an die kriegführenden Völker, aber auch an uns. Was gibt ihnen jetzt da draußen den Mut, zu vertrauen und zu warten und durchzuhalten in ihrer furchtbaren Not? Das Bewußtsein, daß jetzt eine Zeit großer Pflichten ist. Ihre Pflichten helfen ihnen ihre Sorgen tragen, wie es uns ja auch im täglichen Leben geht. Wir wissen, was wir als Christen vom Krieg und Kriegführen zu denken haben, aber darum ist’s doch wahr, daß es etwas Wundervolles, etwas Göttliches ist um dieses einmütige Einstehen all dieser Millionen für die Gemeinschaft ihres Vaterlandes. Um dieses Einstehen nicht mit billigen Worten, sondern mit der Tat, mit Leben und Gut und Blut. Darin ist auch ein Stück Himmelreich, wie da auf einmal alle kleinen selbstischen Interessen, alle noch so großen Gegensätze schweigen und zurücktreten mußten, weil es galt und gilt zu handeln, weil alle nichts mehr wollen als sich einsetzen für ihre Brüder, für ihr Volk, für ihr Vaterland. Eine frische, herbe, gesunde Luft atmen sie jetzt da draußen, eine Luft von Entschlossenheit, Ernst und Opferwilligkeit sondergleichen. Daran sollten wir viel mehr denken, wenn wir über die fremden Völker jetzt reden, sonst verstehen wir sie nicht, sonst tun wir ihnen Unrecht. Freilich dürfen wir dann nicht parteiisch sein
Im Kreis der religiös-sozialen Theologen der Schweiz war die Parteinahme
Hermann Kutters
zugunsten der Deutschen anstößig (vgl.
Bw.Th. I,
S. 12
.
16
.
29
).
, müssen anerkennen, daß dieses große Stück Himmelreich nicht etwa nur bei einem Volk sich findet, sondern wirklich überall. Von allen Völkern bis hinunter zu den Serben, die man bei uns ganz mit Unrecht verachtet
Vgl.
E. Bonjour
,
Geschichte der schweizerischen Neutralität. Vier Jahrhunderte eidgenössischer Außenpolitik
, Bd. II, Basel/Frankfurt/Main 1980
6
, S. 149
: «Die deutschsprechende Schweiz verfolgte seit Jahren bewundernd den deutschen Aufstieg … Mit den Augen der Deutschen sah man im Kaiser den Friedensfürsten, dem ein europäischer Krieg aufgezwungen worden sei, im zaristischen Rußland den Kriegshetzer, in den Serben die europäischen Brandstifter.»
, hört man, daß sie von diesem ernsten, freudigen, starken Geist erfüllt sind.
Wir stehen neben den Ereignissen, wir Schweizer. Wir segnen uns, daß wir von den Kriegsstürmen bis jetzt verschont sind. Das ist ganz recht, aber entgeht uns nicht vielleicht dabei das Gute, das jene jetzt im Sturm und unter bitteren Leiden gewinnen und von dem ihnen sicher
nach dem Krieg
etwas
erhalten bleiben wird? Ich glaube, es gibt viele nachdenkliche Menschen in unserem Lande, die im Stillen denken, es hätte auch uns gut getan, wenn der Sturm uns gepackt und geschüttelt hätte wie die Anderen, damit wir gezwungen würden, das Kleine fahren zu lassen und das Große zu ergreifen: die Gemeinschaft und den rechten Brudersinn und das Verzichten und Drangeben des eigenen Wohles um des Ganzen willen! Wir wollen das nicht wünschen. Aber wenn es Gottes Wille ist, daß wir durch diese Zeit hindurchgehen, ohne daß unsere Herzen und Gewissen auf die furchtbare Probe gestellt werden, wie es jetzt den Deutschen, den Franzosen und allen anderen widerfährt, so ist es doch sicher nicht sein Wille, daß das Stück Himmelreich, das jenen jetzt so nahe kommt, uns fremd bleibe. Es kommt auch uns nahe. Wollen wir denn darauf warten, daß Gott auch uns in die Schule des Leides und der Not nehme, um uns zu großen Gedanken und großem Tun endlich zu zwingen? Warum wollen wir uns nicht als Zuschauer und gerade als Zuschauer des ungeheuren Ringens da draußen sagen lassen, wie erbärmlich der Schlafzustand war, in dem auch wir uns befanden, jeder auf seinem Weg? Wie das wahre Leben nicht ein knickeriges, behutsames, ängstlich schleichendes Dasein sein darf, sondern ein Heldentum, ein Sich-einsetzen-und-drangeben-Können, ein Leben in tiefem Ernst, der geradeaus sieht, und in heller Freude, die nach oben sieht? O wenn wir doch jetzt stürmen wollten auf dieses höhere Leben, von dem jetzt die Welt voll ist, um auch daran Teil zu haben, um auch solche Menschen zu werden, wie sie jetzt draußen zu tausenden und lausenden sind, aber mit besseren, edleren Zielen denn als Mord und Zerstörung. Die Tage werden sicher wieder kommen, wo auch dieses Stück Himmelreich wieder verschwinden und die Welt wieder voll sein wird von Feigheit und Krämergeist und Kleinlichkeit. Jetzt weht Heldengeist auf der Erde. Selig die von uns, die unseren Friedenszustand nicht vertrödeln und verplempern in Gedankenlosigkeit und Geschwätz, sondern [ihn benutzen,] um als Stürmer auch etwas an uns zu reißen von diesem Heldengeist der heutigen Zeit.
Aber noch dürfen und können wir nicht innehalten, auch hier nicht, wenn es uns wahrhaft um das Himmelreich zu tun ist. Gott zeigt uns mehr als das, ja wer nicht mehr als das sieht, der hat das Eigentliche, die Hauptsache noch nicht gesehen, die Gott uns jetzt zeigen will. Der ist kein Stürmer des Himmelreichs, meine Freunde, der sich jetzt dabei be
ruhigen kann, daß er in der Unruhe der Welt den Frieden Gottes habe. Und der ist kein Stürmer des Himmelreichs, der jetzt sein Herz erhebt an dem gewaltigen Zug von Entschlossenheit und Tatkraft, der jetzt durch die Welt geht, und auch wohl selber das Seine tut in Liebe zu Volk und Vaterland. Kein Stürmer, wie Jesus sie haben wollte. Gott hat uns noch viel Größeres zu sagen an diesem Menschheitssonntag, und das Gottesreich, das uns jetzt nahe kommt, ist mehr und schöner als Alles, was wir bis jetzt genannt haben.
Unsere Zeit ist eine besondere Zeit, weil sie eine
Jesus
zeit sondergleichen ist. Das Gottesreich ist ja doch nicht ein unbestimmter Gottesfriede und nicht ein unbestimmtes Heldentum, sondern das Gottesreich ist der Sieg Jesu, der Gottesfriede und Heldentum zugleich ist im Geist und in der Wahrheit. Und ein solcher geschieht jetzt, einen solchen können wir jetzt stürmend an uns reißen, wenn wir die Augen offen und den Willen bereit haben, anzunehmen, was auf uns wartet. Ja, ein Sieg Jesu, so merkwürdig es scheinen mag. Oder war das nicht ein Sieg Jesu, als er, ans Kreuz geschlagen von der ganzen Welt, verlassen von seinen besten Freunden, Gott verherrlichte und für seine Peiniger um Vergebung bat [
Lk. 23,34
]? Das
war
ein Sieg, und so siegt Jesus immer. Da trat Licht und Dunkel klar auseinander, da wurde es offenbar, was göttlich ist und was menschlich, und durch diese Klarheit wurde Jesus zum Hebel, den Gott mit aller Macht ansetzen konnte, um der Menschheit neues Leben zu schaffen. So ist’s auch heute wieder, und das ist die tiefe Bedeutung dessen, was wir erleben. Das Böse, das in der Menschheit schlummerte, ist aufgebrochen und hat alles Menschliche an sich gerissen, nicht nur die finsteren Götzenmächte des Geldes und der Gewalt, die ihm von jeher dienten, sondern auch das Edle und Gute, das da war: die Ordnung und die Bildung und das, was wir
Christentum
nannten, auch das Gottvertrauen, auch das Heldentum. Alles, was nicht von Jesus ist, das mußte und muß fortwährend das Unrecht und den Jammer, in dem wir sind, vermehren und verschärfen. Das Schönste und Beste, was wir ohne Jesus haben, mußte uns in den Krieg hinein treiben, muß uns drinstecken lassen, wird, auch wenn einmal wieder ein sogenannter Friede da ist, neue Kriege später nicht verhindern können.
Anders
als diese ganze Welt voll Verbrechen und Entsetzen ist jetzt schließlich nur Einer, nämlich der Geist Jesu, der verborgen in all den
Millionen lebt, den sie jetzt unterdrücken und verleugnen müssen und den sie doch nicht zum Schweigen bringen, nicht als Kriegsgott anbeten können. Wieder ist er ans Kreuz geschlagen, wieder ist er ein einsamer Fremdling in der Welt, verachtet und verstoßen, ohne Gestalt noch Schöne [
Jes. 53,2
] —, aber wieder ist jetzt einmal Klarheit geworden, Klarheit, was er will und bringt mit der Welt des Vaters, der Welt der Brüder, in der er lebt, was er von uns fordert mit seiner wundersamen, jetzt so ganz unzeitgemäßen Forderung, das Böse nicht durch Böses, sondern durch Gutes zu überwinden [
Röm. 12,21
], was er uns schenkt mit seinem ernsten, sicheren Glauben an den Triumph Gottes über alle Geister und Mächte, die ihm widerstehen. Größer, reiner, klarer, unerbittlicher steht er vor uns als zuvor, nachdem er nun wieder vor aller Augen getötet und zu Grabe getragen worden ist.
Das
ist sein Sieg,
das
ist das große, eigentliche Wort, das Gott jetzt mit uns redet.
Da
kommt das Himmelreich mit all seinen Gütern in unsere Nähe.
Und nun, meine Freunde, stehen wir noch einmal vor der Frage, ob wir das Himmelreich als rechte Stürmer an uns reißen wollen. Die Klarheit Gottes ist nun wieder einmal da; ob sie auch für uns da ist? Leuchtend hebt sich vom dunklen Himmel der Zeitereignisse das Bild unseres Meisters ab; ob dieses Bild nun hineinleuchtet in unsere Seele? Gewaltig erhebt sich alles Göttliche, was in uns schlummert, und ruft es hinaus, ob wir es wollen oder nicht: der da, der Mann am Kreuz, mit seiner Botschaft von dem Gott, der aller Menschen Vater ist, mit seiner Botschaft vom Vergeben und Tragen und Friedestiften, mit seiner Botschaft von der Alleingewalt des Geistes — der hat Recht, und wir mit unserem Wahn haben Unrecht und beweisen es, indem wir uns jetzt im Krieg gegenseitig vernichten. Werden wir diesem Göttlichen in uns, das sich nach Jesus ausstreckt, nachgeben? Nun braucht’s scharfe Augen! nun braucht’s einen fröhlichen Willen! nun braucht’s ein starkes Herz! nun braucht’s Stürmer, die rücksichtslos zugreifen und nehmen, was zu nehmen ist. Und diesmal haben wir Schweizer, wir armen Schweizer, die wir von Gottes Sturm verschont sind, [es] nicht schwerer, sondern leichter als die Anderen. Unverwim durch Not und Haß und andere Aufregung dürfen wir jetzt unverwandt auf Gott selber schauen und auf den, den er uns gesandt hat, in dem allein Leben und Unsterblichkeit ist. Werden wir die Stürmer sein, die es jetzt braucht, die die Anderen nachher so nötig haben werden, wir, denen es so leicht gemacht ist?
Was für ein Sonntag voll Sonne und Seligkeit und Kraft würde das sein, meine Freunde, wenn wir heute — an diesem großen, besonderen Heute, das wir jetzt erleben dürfen — zu Stürmern des Himmelreichs werden würden. Was für andere Werktage würden dann folgen, wenn wir jetzt zugreifen, wo uns das Gottesreich so nahe gekommen ist? Seht, dann kann uns Gott weiterführen von einer Offenbarung zur anderen, bis sich einmal die Erde unter uns verwandelt in die neue Erde und der Himmel über uns in den neuen Himmel [vgl.
Apk. 21,1
]. Bis es einmal keine traurigen «gewöhnlichen» Zeiten mehr gibt.
Amen.
Lied:
Nr. 297: «O Durchbrecher aller Bande» von
G. Arnold
(= GERS [1952] 306; EG 388)
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