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sermons
Predigten 1915
Predigt: Markus 1,14-15
Barth, Karl: Predigt: Markus 1,14-15, 10. Januar 1915
https://kbga.karl-barth.ch/texts/27004 (Stand: 21. Mai 2025)
Druck: Karl Barth, Predigten 1915, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1996, S. 12–22.
Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)
Schweizerischer Nationalfonds (SNF)
Karl Barth-Stiftung
Karl Barth-Archiv
Basel
2025
Creative Commons BY-SA 4.0
https://kbga.karl-barth.ch/texts/27004
Predigten 1915
Predigt: Markus 1,14-15
Barth, Karl
Schmidt, Hermann
Zürich
Theologischer Verlag
1996
Pp. 12-22
4
Princeton Barth Project edition
electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.27, Predigten 1915, sermon 255
Barth, Karl
James R. Adair, Jr.
Timothy J. Finney
Christian Kelm
Princeton
Alexander Street Press
2001
A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 1,14-15, 10. Januar 1915.
KBA 1233
.
10. Januar 1915
German
sermon
teiHeader was automatically produced from the database 2025-05-21T08:18:25+02:00
255
Safenwil
, Sonntag, den
10. Januar 1915
Am 20.1.1915 schrieb Barth an
Thurneysen
: «Wie hast du den Eindruck des Rade-Festes verarbeitet? Ich habe darauf eine Predigt gehalten, in der das prophetische Wort nach dem Gefühl meiner Frau überwucherte» (
Bw.Th. I,
S. 25
).
M. Rade
besuchte vom 3. - 5.1.1915 die
Schweiz
. In
Bern
gab es einen Austausch mit schweizerischen, vor allem religiös-sozialen Theologen. Vom 4. auf den 5.1. übernachtete Rade in
Safenwil
.
Markus 1,14–15
Jesus kam nach Galiläa und fredigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!
Liebe Freunde!
Jesus Christus kommt zu uns, tritt in unsere Mitte und spricht zu uns: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen, tut Buße und glaubt! Denn das ist das Evangelium, die Botschaft von Gott her, die er uns auszurichten hat.
Die Zeit ist erfüllt!
Die Zeit und ihr ganzer Inhalt: das irdische Wesen, die Geschichte der Menschheit, die Entwicklung ihrer Gedanken und Bestrebungen, das Leben der Menschen in Freude und Leid, ihre Tugenden und ihre Sünden, ihr Vorwärtsschreiten zum Licht und ihr Zurücksinken in Nacht und Hölle. Das alles ist reif geworden. Wir sehen, wie Gott etwas gewollt und erreicht hat. Eine Vollendung ist erreicht und eben damit eine neue Stufe in den Werken Gottes. Das Alte ist vergangen [
2.Kor. 5,17
], vergangen, weil das Gericht da ist. In verhängnisvollem Lauf ist es bis auf den Punkt gekommen, wo es in Schrekken und Grauen sich selber zerstören muß. Es konnte nicht anders kommen, und nun ist das Ende da, Tod und Auflösung.
Aber die Zeit und alles Menschliche, das sie umschließt, ist ja doch Gottes und nicht des Teufels, nicht eines blinden Schicksals Sache. Und darum ist die Auflösung zugleich Erlösung, das Ende ist zugleich Wendepunkt. Die eine Zeit Gottes ist erfüllt mit seinem Gericht. Die andere Zeit Gottes hebt an mit der Offenbarung seiner Gnade gegen uns. Das Reich Gottes ist herbeigekommen. Denn der Zeiten Wendepunkt ist Jesus Christus. Er schließt das Alte ab und eröffnet das Neue. An ihm erkennen wir es klar und unzweideutig, daß das Alte vergangen ist, und an ihm erleben wir zugleich das neue Einsetzen des wunderbaren, ewi
gen Wirkens Gottes. In ihm erkennen wir, daß die bisherige Welt und wir bisherigen Menschen gerichtet und überwunden sind, und in ihm tritt zugleich die neue Welt
Der Begriff der «neuen Welt» taucht im Jahrgang 1915/16 auch in Barths Unterweisung auf; vgl.
Konfirmandenunterricht 1909-1921,
S. 127
: «Die wahre Religion zeichnet sich dadurch aus, daß sie nicht mehr Religion ist, sondern Gegenwart des lebendigen Gottes u. seiner Kraft im Menschendasein, Anbruch einer neuen Welt, die die ursprüngliche wiederherstellt.»
und der neue Mensch als greifbare Wahrheit in unser Leben hinein. Die Zeit ist erfüllt. Eine Entscheidungsstunde von Gott her ist da. Jesus Christus hat sie gebracht.
Oder haben wir etwa nichts gemerkt von dem
Ende
der bisherigen Welt und der bisherigen Menschen? — Was war ihre Art? Da war der
Mammon
, vor dem wir alle auf den Knien lagen. Die Grundlage und die Seele unseres Lebens war das Rechnen und das Geschäftemachen. Wir konnten nicht anders, es war uns selbstverständlich geworden, den Wert unseres Lebens in Franken und Rappen aufzuzählen. Hunderttausende, Millionen, Reiche und Arme seufzten unter dem Joch, das sie sich selber aufgelegt. Zahllose Opfer bluteten. Zahllose Seelen zerbrachen oder verkümmerten unter dem harten Unrecht, das sie taten und erlitten. Aber man sagte uns, wir sollten zufrieden sein mit diesem Leben. Und wir waren zufrieden, es paßte uns nur zu gut. Wir murrten etwa, wenn uns gerade ein auffälliges Unrecht traf, wenn wir eine besondere Last zu tragen hatten, aber wir meinten immer wieder, das alles müsse so sein. Wir hörten predigen von der Freiheit und von einem anderen Leben, aber wir glaubten es nicht. Wir wollten zufrieden sein, obwohl wir keinen Frieden hatten. Da kam auf einmal das ungeheure Ereignis, daß diese Welt mit ihrem ganzen zufriedenen Mammonsdienst, in dem sie sich nicht stören lassen wollte, sich selbst in die Luft sprengen mußte. So gut haben die Menschen und die Völker gerechnet und Geschäfte gemacht, daß sie nun auf einmal wie wilde Bestien übereinander herfallen mußten. So herrlich sind die Güter, die sie bisher gewonnen und gesammelt haben, daß sie sie nun auf einmal aufs Spiel setzen und samt und sonders wahnsinnig verschleudern müssen, als wären es Blechpfennige. So trefflich sorgt der Götze für seine zufriedenen Arbeiter, daß er ihnen von einem Tag auf den anderen das Bajonett in die Hand drücken und sie in die feindlichen Bajonette hineintreiben konnte, Millionen gegen Millionen von Unglücklichen, daß er ihnen sogar
die Meinung einflößen kann, sie täten ein besonders herrliches Werk damit, zu schlachten und geschlachtet zu werden. Die Zeit ist erfüllt — das Ende dieser Mammonswelt ist da, es liegt klar zu Tage.
Da steht Jesus und sagt uns: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon! [
Mt. 6,24
]. Hört ihr’s, ihr Menschen, ihr
könnt
nicht! Lange haben wir’s versucht, lange wollten wir zufrieden sein mit dem Unfrieden. Nun müssen wir sehen, daß es nicht geht. Wenn das Leben zum Rechnen und Geschäftemachen wird, dann wird es zum Tod. Wir sahen es nicht, wir wollten es nicht sehen, jetzt müssen wir es sehen. Da war unsere bisherige Welt gegründet auf die felsenfeste, selbstverständliche Überzeugung:
Mein Recht
muß ich haben im Leben, meine Freiheit, meine Freude, mein Glück. Natürlich und gut fanden wir es, daß ein jeglicher auf seinen Weg sehe [vgl.
Jes. 53,6
]. Wir lebten von uns selber und für uns selber. Ruhig und fröhlich lebten wir nebeneinander, und als höchst kurios empfanden wir es, wenn wir gelegentlich hörten, daß wir eigentlich miteinander leben sollten. Vielleicht daß wir etwa als Dessert ein paar höhere, erbauliche, schöne Gedanken, ein bißchen Nächstenliebe dazu kommen ließen — aber nur dazu, nicht hinein in unser Dasein; wir dachten nicht daran, damit ernst zu machen. Und da hatten sich auf einmal diese unerschütterlichen Gedanken und Überzeugungen, die mit «Ich» und «Mein» anfangen, so verdichtet und zusammengeballt in den Menschen, daß sie sich in große Klumpen zusammenscharen und gegenseitig übereinander herfallen mußten. Mit «Ich und Mein» könnte man eben nur leben, wenn der Nachbar nicht auch «Ich und Mein» dächte. Denkt er auch so, dann ist die Störung und Zerstörung da. Und sie war da, war auf einmal da. Die Luft war so geladen mit elektrischem «Ich und Mein», daß das Gewitter ausbrechen mußte. Die Klumpen von «Ich und Mein»-Menschen, die sich zusammenscharten und jetzt aufeinander losschlagen, nannten sie ihre Vaterländer und Staaten, und wir sitzen ja auch in einem solchen Klumpen und wissen nicht, wann werden auch wir hineingerissen in das Getümmel. Fragt die Tausende, die schon ihr Leben haben lassen müssen, fragt die zerstörten Städte und Dörfer, seht den blinden Haß da draußen, der so alles Feine, Bessere in den Menschen erdrückt, der das Beste, was die Menschen sind und haben, in seinen fluchwürdigen Dienst stellt! So mußte es sich zeigen, daß «Ich und Mein» ein unmögliches Leben ist. Die Zeit ist erfüllt.
Da sagt uns Jesus: einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder! [
Mt. 23,8
]. Merkt wohl: ihr
seid
es, ihr könnt nichts Anderes sein; wenn ihr eifert und wütet, etwas Anderes zu sein, so werdet ihr etwas Unmögliches, ein Nichts. Die alte Welt von «Ich und Mein» ist vor unseren Augen untergegangen.
Diese alte Welt war eine Welt der
Gewalt
. Sie konnte und wollte ihre Ziele nicht anders erreichen als durch trotziges Selbstbewußtsein, durch die Faust und durch das Schwert. Sie hatte dem Bösen nichts entgegenzustellen als etwas noch Böseres. Sie wußte zum Guten keinen anderen Weg als den Weg der Schärfe und der Macht. Wir kämpften und wurden bekämpft, wir herrschten und wurden beherrscht, wir unterdrückten und wurden unterdrückt. Bald litten wir schmerzlich unter diesen Verhältnissen, bald freuten wir uns lachend unserer Stärke. Immer aber waren wir ganz überzeugt davon, daß es nicht anders sein könne, richteten uns ein auf Angriff und Verteidigung, auf Hieb und Parade, und unser ganzes Leben war ein tatsächlicher ununterbrochener Krieg Aller gegen Alle. Darum zankten die Weiber über die Gasse, darum lagen sich die Parteien in den Haaren, darum bauten die Staaten und Völker in großer Heimlichkeit ihre Panzerschiffe und Mörser. Bis der offene, der blutige Krieg eines Tages da war, bis all die angesammelten Leidenschaften und all die geladenen Geschütze losgingen von selbst — recht um zu zeigen: ein solcher Zustand ist eben in sich unmöglich: man kann nicht an die Gewalt denken, ohne daß es einmal zur zerstörenden, fürchterlichen Gewalt kommt; man kann nicht zum Kriege rüsten in den Seelen und auf den Kasernenplätzen, ohne daß der Krieg einmal kommt. Die Welt, die eine Welt des Krieges war, mußte sich selbst im Krieg vernichten. Die Zeit ist erfüllt. Wieder spricht Jesus das klare, lösende Wort: Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen [
Mt. 26,52
]. Es kann gar nicht anders sein.
Nun gab es freilich in dieser bisherigen Welt nicht nur Bomben und Advokaten und Kanonen, sondern auch
Kirchen
, Bibeln und Gesangbücher, landeskirchliche Pfarrer und Gemeinschaftsprediger, christliche Blätter und Bücher in Hülle und Fülle. Es gab viele «bekehrte» Leute und viel sonntägliche Erbauung in tausenden von Kirchen. Es gab ein sogenanntes
Christentum
. Aber was hatten wir eigentlich von diesem sogenannten Christentum, das doch nichts Reelles war? Auch über dieses unser Christentum ist nun das Ende, die Auflösung, die offenkun
dige Beschämung und Entwertung hereingebrochen. Wenn wir doch einmal aufhören wollten, immer zu sagen, daß der Krieg eine Strafe für die Sünden der ungläubigen Welt sei, eine Strafe, bei der die Frommen so gleichsam als Zuschauer mitwirken durften. Nein, der Krieg hat doch vor Allem an den Tag gebracht, daß gerade unser Christentum keine Kraft war, daß gerade unser vermeintlicher Glaube sich vielfach in sein direktes Gegenteil verwandelt hatte. Wir predigten und hörten predigen, wir beteten und sangen und bekehrten uns und fühlten uns als Gotteskinder, und über Allem ließen wir den Geist des Mammons, den Ich-und-Mein-Geist, den Geist der Gewalt mächtiger und mächtiger werden um uns und in uns, nahmen im Großen und im Kleinen an der Art dieser bisherigen Welt teil, waren zufrieden, wo Gott Unzufriedenheit von uns gefordert hätte, redeten, wo wir hätten schweigen, und schwiegen, wo wir hätten reden sollen. Wir haben dem Gottwidrigen nicht widerstanden, und wir sind selber bei aller Frömmigkeit innerlich gottwidrig geworden. Unser Christentum war nicht ein Wall und fester Grund im Strom der Welt, sondern wir schwammen selber mit in diesem Strom. Nun ist auch seine Zeit erfüllt, und klar ist’s geworden, daß es so nicht weiter gehen kann. Vor Jesus stehen wir da als Übeltäter, die bloß Herr, Herr! gerufen haben und darum von ihm weichen müssen [vgl.
Mt. 7,21–23
]. Das Gericht kam, wir wurden gewogen und zu leicht erfunden [vgl.
Dan. 5,27
].
Und so ist’s nicht nur unserem
Christentum
gegangen, sondern ebenso all den Bestrebungen und Bewegungen, die die Menschen im Namen der
Menschlichkeit
und des Fortschritts und der Freiheit unternommen hatten. Wir hatten etwas, das sich Bildung nannte, das die Menschen stolz und sicher machte und von dem Unzählige das Wohl der Menschheit erwarteten: die Bildung hat sie nicht gehindert, in die Art des Vormenschen und des Raubtiers zurückzufallen, sobald ihre eigentlichsten Triebe zu stark wurden. Wir hatten Wohltätigkeit und Fürsorge, und wer war nicht stolz darauf, auch irgendwo als der Gütige und Barmherzige auftreten zu können? Bis der Tag kommen mußte, wo es sich erwies, daß wir von aller Barmherzigkeit im Grunde frei und los sind, wo wir Mord und Tod hundert- und tausendfach mußten wüten sehen unter unseren Brüdern, ohne auch nur einen Finger aufheben zu können dagegen. Wir hatten alle jene Bewegungen und Parteien, die unter dem Zeichen des Fortschritts standen. Wie stolz konnte man
werden, wenn man dachte an Alles, was geleistet und angestrebt wurde für Freiheit und Recht und Wahrheit. Als ein Nörgler und Zweifler mußte sich ansehen lassen, wer nicht daran glauben wollte, daß es vorwärts und immer vorwärts gehe mit der Menschheit. Und nun mußten wir auf einmal mit ansehen, wie all die Führer und Träger dieses Fortschritts fast ohne Ausnahme achselzuckend ihren Frieden schlossen mit dem Krieg, der doch sicher von Freiheit, Recht und Wahrheit das Gegenteil ist, ja wie sie einstimmten in das Horn der Vaterlandsbegeisterung und des Kriegszornes. Die Zeit ist erfüllt, heißt’s auch da. Man möchte an das Wort Jesu denken von den blinden Blindenleitern [
Mt. 15,14
par.] oder an das andere von den Gräbern, die außen schön übertüncht sind, inwendig aber voll modernder Gebeine [
Mt. 23,27
par.]. Es hat sich auf einmal alles Höhere, das wir für echt und tief hielten, als ein unendlich dünner Aufguß erwiesen, als Theatermalerei, die wohl dem Auge grüne Wälder und feste Wände vorzaubern mochte, aber nicht standhalten konnte, als der erste feste Windstoß kam. Das ist das
Ende
der bisherigen Welt. So mußte sie in der ungeheuren Katastrophe, die sich jetzt vollzieht, an den Tag bringen, was eigentlich in ihr ist, und all die Masken ablegen, mit denen sie sich selbst so lange getäuscht hatte. So mußte der bisherige Mensch abschließen mit Soll und Haben. Und so ist jetzt eine Entscheidungsstunde angebrochen.
Oder haben wir etwa noch
nichts gemerkt
davon?, möchte ich noch einmal fragen. O nicht wahr, wir wollen doch nicht, daß uns die Weihnacht umsonst an die Erscheinung Jesu Christi erinnert habe. Er ist’s ja, der uns die Augen auftut. Er ist’s, der es uns verkündigt, daß die Zeit erfüllt ist und das Ende gekommen. Wo er nicht ist, da kann die Erkenntnis noch nicht sein, daß es so nicht weiter gehen kann, daß das Alte unheilbar zusammengebrochen ist. Ja, wo er nicht ist, da wäre es nicht einmal wahr: da steht die alte Welt noch in ihrer ganzen greulichen Unmöglichkeit. Da ist das alles noch da, was eigentlich Nichts ist. Da ist die Zeit nicht erfüllt.
Es sind so Viele, die wollen jetzt mit geschlossenen Augen über die Weltkatastrophe hinwegträumen. Sie denken gar nicht daran, daß sie etwas anders machen, sich anders stellen müßten als bisher. Sie sind wohl ein wenig ängstlich aufgefahren, als die Kanonen so in der Nähe donnerten, aber sie haben ihre Stimmen nicht verstanden, diese Stimmen, die Tag für Tag in unsere Seelen hineinrufen: Ende, Ende, Ende!
Die Zeit ist erfüllt. Sie liegen und schlafen und hoffen, eines Tages zu erwachen, und dann würde wieder Friede und Alles gut sein. Arme schlafende Seelen, zu ihnen ist Christus noch nicht gekommen, um ihnen die Augen aufzutun.
Und viele Andere sind zwar ernstlich erschrocken und nachdenklich geworden über das, was hereingebrochen ist, und meinen, etwas tun zu müssen, um dem kommenden Gericht zu entrinnen, wie die
Pharisäer
und Schriftgelehrten, die zu Johannes dem Täufer in die Wüste kamen [vgl.
Mt. 3,7
]. Aber sie wollen nicht einsehen und zugeben, daß das Bisherige wirklich zu Ende ist und ein Neues beginnen muß. Mit ihren Herzen klammern sie sich noch an die alte gewohnte Welt und an die alten gewohnten Menschen, und was sie nun vornehmen und tun, das sind die alten gewohnten Mittel und Wege, die nicht in die Höhe führen. Sie sagen, daß man Gott bitten müsse, daß er bald wieder den Frieden schicke — ja, so wenig verstehen wir wirklich Gott, daß wir jetzt wahrhaftig beten: Höre nur recht bald auf, mit uns zu reden, nachdem wir ihn noch nicht einmal gehört haben!! Sie sagen, daß man die Menschen noch besser bilden müsse als bisher, gerade als ob das Unheil der Zeit im Mangel an Schulung seinen Ursprung hätte! Sie sagen, daß man den Leuten Einfachheit und Sparsamkeit predigen sollte!, schön und gut!, aber hat man das nicht jahrhundertelang getan, und sind die Welt und die Menschen nicht trotz allem Moralpredigen immer die Gleichen geblieben? O da fehlt Christus, überall da, wo man meint, statt neu anzufangen, könne man nun nur so weitermachen wie bisher und werde mit Kleinen, allmählichen Fortschrittlein schließlich aus dem Elend herauswachsen. Tiefer hinein ins Elend kommen wir, wenn wir jetzt mit dem Altgewohnten einfach weiterfahren wollen. O wenn uns doch Christus jetzt aus der Gewohnheit herausreißen wollte, daß wir’s einsehen: die Zeit ist erfüllt; es geht so nicht weiter.
Aber auch zu denen ist er noch nicht gekommen, die jetzt bloß in sprachlosem Entsetzen in die Welt hinausstarren und über das Unglück, das die Menschen sich bereiten, jammern und schelten können. Es hat auch zu seinen Lebzeiten Leute gegeben, die aus Allem, was sie sahen, nur den Schluß ziehen konnten, das Leben sei ein Unglück und den Menschen sei aller Wert geraubt. Verzweiflung und Abscheu über die Welt sei das Beste und noch besser: alles zu vergessen.
Barth dürfte an die von
Pyrrhon von Elis
(ca. 365-275 v. Chr.) begründete skeptizistische Philosophie gedacht haben. Vgl.
M. Hossenfelder
, Art. «Pyrrhonismus» in:
Historisches Wörterbuch der Philosophie
, Bd. VII, Basel 1989, Sp. 1719
: «Seine eigentliche theoretische Ausarbeitung scheint der P[yrrhonismus] erst bei seinem Wiedererstarken um die Zeitenwende … erhalten zu haben … Der P. verfolgt in erster Linie ein praktisches Ziel, die erkenntnistheoretische Skepsis ist nur Mittel zu dessen Verwirklichung. Es geht um die Sicherung der individuellen Glückseligkeit, die in der Ataraxie, der ‹Seelenruhe›, gesehen wird. Diese erscheint nur erreichbar durch eine strikte Neutralisierung der geltenden Werte, eine vollkommene Gleichgültigkeit.»
O, das ist
kein Ausweg aus der alten Welt, keine Überwindung des alten Menschen. Man kann trauern und klagen und sogar vom Ende der Welt reden in den düstersten Tönen und doch mitten in dieser bisherigen Welt steckenbleiben, als ein Wesen, das nicht frei ist von ihr, sondern durchaus zu ihr gehört und immer wieder unter ihr wird leiden müssen. Die Erfüllung der Zeit ist etwas Anderes. Christus muß zu uns kommen und uns auch das traurige, hoffnungslose, weltschmerzliche Gesicht wegnehmen, wie er uns aus dem Schlaf aufwecken und wie er uns aus der Gewohnheit herausreißen muß. Denn auch das traurige Gesicht, das wir machen, ist ein Zeichen davon, daß wir noch nichts gemerkt haben von der Entscheidungsstunde, die angebrochen ist.
Das Reich Gottes ist herbeigekommen, tut Buße und glaubet! Das ist das Neue, das Jesus in den Untergang des Alten hineinstellt. Das ist die Offenbarung der Gnade Gottes im Gericht. Seht ihr nicht, wie sich uns jetzt im Zusammenbruch der Welt
das Andere
förmlich aufdrängt, das, was Jesus uns von Gott zu zeigen und zu geben hat: An Stelle der zerbrochenen Mammonswelt die Welt der Seele, die mehr wert ist als alle Schätze der Erde, die Welt der Gotteskinder, die rein sein muß, wie sein Vater im Himmel rein ist, die Welt des Menschen, der frei geworden ist vom Druck der toten Materie, die da lebte um des Lebens willen. An Stelle der Welt, die ihre eigene Ehre und ihr eigenes Recht suchte, die Welt der vollen, rückhaltlosen Gemeinschaft, in der kein Wesen etwas für sich sein will, alle bloß Tropfen in dem unendlichen Ozean Gottes. An Stelle der Welt der Gewalt die Welt des Geistes. Kanonen und Polizei, Gesetze und Bußen
= Geldstrafen.
, Zwang und äußeres Recht überwunden und ersetzt durch die siegreiche Macht der Liebe, die aus freiem Herzen quillt und allein imstande ist, wahrhaft Gutes zu schaffen, wahrhaft das Böse zu überwinden. Die Menschen wie Kinder [vgl.
Mt. 18,3
]. Die
Menschen wie Lilien auf dem Feld [vgl.
Mt. 6,28
par.]. Die Menschen wie das Samenkorn im Acker, das von selbst wächst und Frucht bringt, dreißig-, sechzig- und hundertfältig [vgl.
Mk. 4,8
par.]. Stark in sich selber und einig untereinander. Tiefen Frieden in sich und darum Frieden und Ordnung in ihrem Leben. Stark in Gott und darum Brüder und Schwestern. Das ist das Reich Gottes, das jetzt herbeigekommen ist.
Gottes
Reich und Sache ist es. Wir können das nicht machen und bereiten von uns aus. Wenn wir es uns ausdenken wollten, so kämen wir sofort in müßige Phantasien hinein. Wenn wir es von heute auf morgen probieren wollten durch äußere Veränderungen unserer Lebensverhältnisse, so würden wir die Erfahrung machen, daß es nicht ginge. Und das ist ganz richtig so. Gott will das machen. Und was er tut, übersteigt unsere Einsicht und unseren guten Willen. Wenn wir anfangen zu denken und dies und das besser zu machen, dann merken wir sofort, daß wir noch immer in der alten, bisherigen Welt drin stecken. Und es handelt sich auch nicht darum, daß wir etwas machen. Nur Eines können wir, nur zu Einem fordert uns die Botschaft Jesu auf: Buße zu tun und zu glauben.
Was ist das,
Glauben?
Es ist das Allereinfachste und das Allergrößte. Es heißt: Anerkennen, was Gott schafft. Gott läßt unsere alte Art und Weise an sich selber zugrunde gehen. Schon das ist seine Tat. Anerkenne sie! Suche dich nicht zu verstecken vor diesem ungeheuren Vorgang! Suche nicht nach Ausreden, um die Sache weniger ernst und weniger schwer zu machen! Suche nicht weiterzuleben, als ob nichts geschehen wäre. Sondern glaube! Laß dir diese Tatsache, daß die Zeit erfüllt ist, hineindringen in die Seele! Gib’s zu, daß auch in dir etwas Altes rettungslos zu Ende ist. Und nun stellt Gott sein Reich greifbar und lebendig vor dich hin — nicht in einem Traum, nicht in einer Phantasie, sondern in der lebendigen Person seines Christus. Wo die Lücke entstanden ist im Zusammenbruch des Alten, da strömt das neue Leben Christi hinein zu allen Poren und Ritzen, sein Leben des Vertrauens, der Reinheit und der Gemeinschaft im Gegensatz zu unserer Götzenwelt, sein Leben des Geistes und der Kraft im Gegensatz zu unserem falschen Christentum, zu unseren falschen Idealen. Anerkenne dieses Leben Jesu! Suche dich nicht vor seinem Licht zu verstecken, wie Adam und Eva sich versteckten, als Gott zu ihnen in den Garten kam [
Gen. 3,8
]. Suche dich nicht seiner Wirkung zu entziehen, indem du behauptest: das kann
ich nicht, das ist mir zu schwer. Aber auch nicht dadurch, daß du es schön und heilig nennst, daß du wieder irgendeine ururalte Religion daraus machst. Sondern gib’s zu, daß dies Leben Christi in dein Leben hineintrete und dein Leben werde, daß nicht mehr du lebest und deine alte Welt, sondern er in dir [vgl.
Gal. 2,20
]. Beuge dich vor der Majestät dieser Tatsache! Freue dich über den fröhlichen Schein, der von ihm ausgeht auf alle Dinge! Laß es zu, daß er die Hebel ansetze bei dir, bald hier, bald dort, um dein Leben in allen Richtungen umzubauen, damit es seinem Leben gleich werde. Das ist Glaube. Das ist das, was es braucht dem Reiche Gottes gegenüber.
Und
Buße tun
ist eigentlich nur ein anderes Wort dafür. Buße tun heißt, sich von Gott umwenden lassen. Groß und gewaltig tritt er vor dich hin und will dich entscheiden. Dich abwenden von dem, was nicht mehr geht. Dich zuwenden dem, was Leben ist, sich selber.
Laß
dich abwenden durch sein Gericht!
Laß
dich zuwenden durch seine Gnade! Laß es zu, daß er dich versöhne mit sich selber! Buße ist nicht ein finsteres, trauriges Werk, das wir unter Seufzen und Stöhnen vollbringen müßten zur Ehre Gottes. Das gehört auch zu dem Falschen und Toten unserer bisherigen Art, daß wir diesem Wort diesen traurigen Klang gegeben haben. Buße ist in Wirklichkeit eine reiche, schöne Entdekkung, die Gott für uns macht. Die Entdeckung von Freiheit, Frieden und Freude. Die Entdeckung des Lebens. Die Entdeckung Gottes selbst, der sich uns in seiner Güte und Größe zu erkennen gibt. Buße tun, das heißt sehen wollen, das heißt die Entscheidung annehmen, die bereits gefallen ist, das heißt sich entschlossen und freudig auf die Seite stellen, auf die Gottes Gericht und Gottes Gnade, auf die die ganze Erfahrung unseres Lebens uns hintreibt. Fort mit den Ausreden! Fort mit den künstlichen Lichtern! Fort mit den Lasten, die wir nur selber uns aufladen! Hin zu Gott, der zu uns kommt und in uns schaffen will. Hier bin ich, Meister, mach mit mir, was du willst.
Noch einmal möchte ich fragen, ob wir denn noch
nichts gemerkt
haben, wie Christus Glauben und Buße in uns entstehen läßt in der Erfüllung der Zeit, wie er die Hand Gottes ist, die uns ergreift im Untergang der alten Welt und uns hineinführt in die neue. O doch, wir
haben
es gemerkt, wir alle. In jedem von uns schlägt etwas ihm entgegen, antwortet etwas seinem Ruf, ist ein stiller Winkel der Seele, wo Gott zu schaffen und zu bauen begonnen hat an seinem Reich. So laß jetzt dieses
Warten groß und stark werden. So gib jetzt der Kraft Gottes nach, die dich voll ernster Liebe erfaßt hat. So laß ihn jetzt wirken, damit das kleine göttliche Etwas in dir der Vollendung entgegenreifen kann.
Die neue Welt
Vgl. oben
S. 13, Anm. 2
.
ist da. Das Alte
ist
vergangen, siehe, es
ist
Alles neu geworden [
2.Kor. 5,17
]. Der Krieg
ist
nicht mehr. Und alles das andere Ungute in uns
ist
nicht mehr. Gottes Herrlichkeit
ist
erschienen. Gott
hat
es geschafft und schafft es täglich neu. Nur an unseren Augen fehlt es, das Wunderbare zu erkennen und fröhlich zu werden darüber. Wie lange wird es noch daran fehlen? Tut Buße und glaubet!
Amen.
Lieder:
Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von
Chr. Knorr von Rosenroth
, Strophen 1-3 (= GERS [1952] 80,1-3; EG 450,1-3)
Nr. 162: «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» von
K. H. von Bogatzky
, Strophen 1.2.4 (= GERS [1952] 334,1-3; EG 241,1.2.4)
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