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sermons
Predigten 1915
Predigt: Offenbarung 1,8 (Neujahr)
Barth, Karl: Predigt: Offenbarung 1,8 (Neujahr), 1. Januar 1915
https://kbga.karl-barth.ch/texts/27003 (Stand: 21. Mai 2025)
Druck: Karl Barth, Predigten 1915, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1996, S. 3–11.
Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)
Schweizerischer Nationalfonds (SNF)
Karl Barth-Stiftung
Karl Barth-Archiv
Basel
2025
Creative Commons BY-SA 4.0
https://kbga.karl-barth.ch/texts/27003
Predigten 1915
Predigt: Offenbarung 1,8 (Neujahr)
Barth, Karl
Schmidt, Hermann
Zürich
Theologischer Verlag
1996
Pp. 3-11
3
Princeton Barth Project edition
electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.27, Predigten 1915, sermon 254
Barth, Karl
James R. Adair, Jr.
Timothy J. Finney
Christian Kelm
Princeton
Alexander Street Press
2001
A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Offb 1,8 (Neujahr), 1. Januar 1915.
KBA 1232
.
1. Januar 1915
German
sermon
teiHeader was automatically produced from the database 2025-05-21T08:18:25+02:00
254
Safenwil
und
Laupen
Wie schon am 5.1.1913 und am 4.1.1914, so wiederholte Barth seine Neujahrspredigt auch am 3.1.1915 in
Laupen
(Kanton
Bern
) und entlastete damit seinen Bruder
Peter
(1888–1940), der dort Pfarrer war.
, den
1.
und
3. Januar 1915
Offenbarung 1,8
Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.
Liebe Freunde!
So wollen wir denn in Gottes Namen in das Neue Jahr hinein gehen, nachdem er uns in seiner Liebe das alte hat vollenden und dies neue beginnen lassen. Gott ist hinter uns und vor uns, gestern, heute und morgen. Er ist das A und das O, der Anfang und das Ende, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige. Und seine Macht ist Barmherzigkeit und sein Tun ist Gnade von Ewigkeit zu Ewigkeit. Lobet den Herrn, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die [ihr] seinen Befehl ausrichtet, daß man höre auf die Stimme seines Wortes; lobet den Herrn, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut; lobet den Herrn, alle seine Werke an allen Orten seiner Herrschaft; lobe den Herrn, meine Seele! [
Ps. 103,20–22
].
Wenn wir nun wieder ein Jahr zur Seite gelegt haben zu all den anderen, die für uns vorüber sind, so spüren wir wohl alle etwas von Wehmut über den raschen Fluß der Zeit. Für die Alten ist’s ein Jahr Leben und Gesundheit, das vorüber ist, ein Geschenk, das nicht wiederkommt und um das nähergekommen sind die Tage, von denen sie sagen: nein, sie gefallen uns nicht! [vgl.
Pred. 12,1
]. Für die auf der Höhe des Lebens heißt’s von einem weiteren Jahr der Kraft und des Arbeitenkönnens: Vorbei auf immer! Einen Schritt näher dem Abnehmen und Schwachwerden. Und für die Jungen und Jüngsten ist wieder ein Jahr des Aufstiegs und der Vorbereitung zum Leben entflohen, ein Stück Blütezeit, das nun für immer der Vergangenheit angehört. Der Schluß und das Dahintenliegen des alten Jahres redet zu uns allen vom Ende, vom Nichtmehrkönnen, von den Grenzen der Menschheit
Vgl. den Titel von
J. W. von Goethes
Gedicht «Grenzen der Menschheit
».
, von den Grenzen nicht nur in der Zeit, sondern auch im Glück, in der Einsicht, im guten Willen, in der Fähigkeit zum Leben. Wir denken zurück an al
les Peinliche, Bittere und Traurige, das uns im vergangenen Jahr an der rechten Daseinsfreude gehindert hat, wir denken an all den Irrtum, all die Beschränktheit, die uns und Andere gehemmt hat und immer wieder hindert an der rechten, freien Übersicht über das Leben, an der Einsicht in seine Notwendigkeiten. Wir denken daran, wie wenig wir alle über uns selbst und den engen, kleinen Kreis unserer eigenen Interessen hinauszuwachsen vermögen. An all die Zickzackwege, Winkelzüge und Sackgassen, in denen sich das menschliche Herz müde läuft und von Jahr zu Jahr an kein Ziel zu kommen scheint. Wir sehen rings um uns und in uns Schranken, Vergängliches und Ungenügendes, und wir möchten mit dem Philosophen des Alten Testaments traurig seufzen: Eitelkeit der Eitelkeiten! Alles ist eitel und Haschen nach Wind! [
Pred. 1,1
.
14
].
Aber meine Freunde, das ist nicht die Sprache der rechten Bibel, und das ist nicht die rechte Lebensweisheit, die so redet, so weise sie zu sein scheint. Da hat uns der verbannte
Johannes
auf der Insel
Patmos
etwas Besseres zu sagen. Er hat alle Schwermut und Wehmut überwunden, und an ihre Stelle ist die ruhige, fröhliche Erkenntnis getreten: Gott ist das A und das O — das A und das Z, würden wir sagen —, der Anfang und das Ende, der da ist und der da war und der da kommt. Sollte uns das Ende traurig machen? Gott ist doch der Anfang von Allem, was hinter uns liegt, auch von all dem, was uns jetzt so beschränkt und ungenügend vorkommt in unserem Leben. Gott ist der Anfang unserer Zeit und der Anfang des alten Jahres und aller Erfahrungen, die wir in dieser Zeit und in diesem Jahr gemacht haben. Gott ist der Anfang unseres Lebens und des Lebens der ganzen Natur und der ganzen Weltgeschichte. Sollte uns das Ende traurig machen, wo Gott der Anfang ist? Da muß Gott ja auch das Ende sein, da ist er Meister über den Ausgang wie über den Eingang. Und wo etwas endigt in Gott, da kann es doch keine Wehmut und Schwermut geben. Wo etwas endigt in Gott, da ist das nicht das traurige: Vorbei, Vorüber, Dahinten!, da reißt nicht jene düstere Kluft auf zwischen heute und gestern, da steht nicht eine Schranke auf vor unseren Blicken, vor der wir verzweifeln müßten, wie es uns menschlicherweise geht, wenn wir vor dem Ende stehen.
Nein, in Gott sind Anfang und Ende Geschwister, die in Ewigkeit zusammengehören: Wie jeder Anfang auf sein natürliches Ende hinzielt, so liegt in jedem Ende ein neuer Anfang, und so sind Anfang und
Ende gleich herrlich. Und das Ende soll uns nicht weniger lieb und freundlich erscheinen als der Anfang. Was war größer im Leben Jesu, die Stunde, wo Gott zu ihm sagte: Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe! [
Mt. 3,17
], oder die andere Stunde, wo er seinem Vater antwortete: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist! [
Lk. 23,46
]?, — die Stunde, wo die Herrlichkeit des Herrn die Hirten umleuchtete, weil der Heiland geboren war [
Lk. 2,9
], oder die andere, wo Christus zurückkehrte in die Herrlichkeit des Himmels [
Lk. 24,51
par.]? Gott ist das A und das O, der Anfang und das Ende; es gab für Christus kein wirkliches Ende, kein Ende in unserem traurigen menschlichen Sinn. Und es gibt das auch für uns nicht, denn das Leben Christi ist ja doch unser Leben.
Sollten wir dem alten Jahr nachtrauern als etwas Verlorenem? Gott war ja doch das A, er hat uns diese Zeitspanne erleben lassen, und er wollte, daß sie nicht umsonst sei für uns, und sie war nicht umsonst, er hat in Freud und Leid, in Gewitter und Sonnenschein viel mit uns geredet, und was wir gehört und aufgenommen haben von ihm, das bißchen Leben von ihm her, das in diesem vergangenen Jahr in uns entstanden ist, das begleitet uns nun doch als kostbarstes Gut hinüber ins neue. Sollten wir es beklagen, wenn wir älter werden, wenn unsere Zeit umgeht und unsere Lebensfreude und unsere Lebens- und Arbeitskraft abnehmen? Ja, ist denn die Zeit, diese zwanzig oder sechzig oder achtzig Jahre Dasein das Herrliche im Menschenleben? Oder die Gesundheit und das Arbeitenkönnen? So sagen freilich die oberflächlichen Menschen.
In Wahrheit ist’s doch etwas ganz Anderes, nämlich daß wir
in
dieser langen oder kurzen Zeit,
in
unserer Arbeit,
in
unseren gesunden oder kranken Tagen inneres Licht und innere Kraft und innere Freude sammeln, daß wir Gottes Liebe reichlich erfahren und sie reichlich wieder leuchten lassen in der dunklen Welt. Das ist das Leben! Und unser Leben fängt herrlich an in Gott und endigt ebenso herrlich in ihm. Da gibt es kein Abnehmen, sondern nur Zunehmen. Da kann uns nichts geraubt werden, sondern da wird uns immer und immer wieder hinzugetan. Was uns da geschenkt wird, das begleitet uns von den jungen Jahren hinauf auf die Höhe des reifen Lebens und hinunter ins Alter und bis wir grau werden [vgl.
Jes. 46,4
] und wird immer schöner und reiner und vollkommener. Fort mit dieser törichten, altklugen Wehmut! Gott
ist wahrhaftig das Ende, wie er der Anfang war. Das Ende aller Enden scheint uns der Tod, und darum haben wir Angst vor ihm, denken am liebsten nicht daran, daß wir einmal sterben müssen. Ja warum denn? Ist’s denn ein Anderer, der uns schließlich zuruft: nun kehret wieder, Menschenkinder! [
Ps. 90,3
], als der, der uns ins Leben gerufen hat? Hat denn dieses unser Dasein einen anderen Wert als den, der ihm gegeben wird durch die Arbeit, durch die Er, der Eine, der gewaltige Wirkende uns zu Menschen macht? Gibt es einen anderenWertn im Leben als die Kräfte, die er uns zuströmen läßt? Ist unser Zweck nicht erfüllt, wenn er uns nun in seiner wunderbaren Güte zu Menschen gemacht hat? Sind die Lebenskräfte von ihm her etwa verloren, wenn wir sterben müssen? Nein, was wir aus ihm und in ihm sind, das kann nicht zu Grabe gehen! Was in ihm angefangen, das kann nur endigen, um neu anzufangen. Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach! [
Apk. 14,13
]. Verstehst du? Was Gott in uns gewirkt hat, das folgt uns nach von einem Jahr zum anderen, aus der Jugend ins Alter, schließlich vom Leben in den Tod, das folgt uns nach, nicht um mit uns zu vergehen, sondern zu neuem Leben in der Herrlichkeit Gottes. Was du durch Gott geworden bist, das bleibt dir, das ist ewiges Leben. Gott ist das Ende, wie er der Anfang war.
Und so dürfen wir wahrhaftig auch alle andere Beschränktheit und Unvollkommenheit unseres Lebens auffassen. Gott ist überall der Anfang, und darum kann es kein Ende geben, über das wir im Ernst und mit Recht traurig sein dürften. Du mußt nicht klagen über das Schwere und Bittere, das dir das vergangene Jahr gebracht, du kennst ja das Ende noch nicht, aber du kannst das wissen, daß Gott der Anfang war, so wird auch das Ende, ob du es nun kennst oder nicht, Friede und Freude sein müssen. Denn wenn du lange denkst: jetzt ist’s fertig und aus!, auf der anderen Seite wartet doch ein neuer Anfang Gottes. Du mußt auch nicht klagen, wenn du dich selbst so beschränkt und gefangen fühlst, weil du Vieles nicht verstehst, weil deine Gedanken noch nicht so in die Tiefe und Höhe des Lebens zu dringen vermögen, wie du wohl gerne wolltest. Beruhige dich dabei, daß auch in unserem inneren Leben
«Inneres Leben» ist ein zentraler Begriff in der Theologie von Barths Lehrer
Wilhelm Herrmann
(1846–1922); vgl. z.B.
W. Herrmann
,
Der Verkehr des Christen mit Gott. Im Anschluss an Luther dargestellt
, Stuttgart/Berlin 1903
4
, S. 95
: «Durch die Kraft Jesu wird er gezwungen, eine Macht über alle Dinge für wirklich zu halten, die diesem Manne den Sieg gibt. Und aus der Freundlichkeit Jesu gegen den Sünder, der sich demütigen lässt, schöpft er den Mut, zu glauben, dass in dem ganzen Vorgang ihn die Liebe Gottes sucht. Ist uns das durch Jesus widerfahren, so sind wir in unserem eigenen inneren Leben mit Gott verbunden.»
Gott
das A ist und das O. Deine Sehnsucht nach etwas Besserem wird nicht ungestillt bleiben. Was Gott in dir angefangen, das wird er auch vollenden [vgl.
Phil. 1,6
]. Und nicht einmal über deine Fehler und Sünden darfst du klagen, wenn du an Gott denkst. Ja, die sind freilich unsere eigene Schuld und werden uns dann auch zur eigenen Strafe. Und doch ist auch das Andere wahr: nämlich daß sehr oft, nein immer auch in unseren Fehlern und Sünden ein göttlicher Anfang verborgen ist. Auch durch Schuld und Strafe hindurch leitet uns eben Gott seinen Zielen entgegen. Schuld und Strafe soll dann dahinten bleiben nach seiner großen Güte gegen uns, die gute Frucht aber zum Vorschein kommen. Darum verzehre dich nicht in müßiger Reue und Selbstanklage über das, was du vielleicht versehen hast in der Vergangenheit, wende dich resolut zu Gott hin, der sicher irgendwie am Anfang stehen und sicher auch irgendwie ein herrliches Ende herbeiführen will nach seiner Art.
So dürfen wir auch vom Krieg denken, der jetzt am Anfang des neuen Jahres unsere Gedanken mit Sorge, Schmerz und Beschämung erfüllt. Der Krieg und Alles, was zum Kriege [ge]führt hat, und Alles, was aus dem Kriege kommt, ist Greuel und Entsetzen; wir wollen es nicht versuchen, die Nacht, in der die Menschheit sich jetzt befindet, mit kleinen künstlichen Lichtlein heller zu machen, als sie ist; sie ist doch Nacht. Aber das ist ebenso sicher: Über dem Greuel und Entsetzen des Krieges steht doch wieder Gott, als der Anfang und als das Ende. Er ist das Licht, von dem wir uns entfernt haben, und er ist das Licht, das schließlich so hell leuchten wird, daß wir alle uns ihm wieder zuwenden müssen. Gott ist der Friede und die Gerechtigkeit, wir haben ihn fahren lassen, und darum haben wir jetzt den Krieg, aber das Ende wird darum doch sein wie der Anfang, und die Wasser der Sündflut werden nicht ewig das Erdreich bedecken.
Seht, liebe Freunde, so fällt unser Schmerz über das Ende, über alle unsere Beschränktheit und unser Ungenügen in sich selbst zusammen, wenn wir eben nicht auf uns sehen, sondern auf den, der verborgen am
Anfang von Allem steht und dessen Hand stark genug ist, Alles zu einem ganz anderen Ende zu führen, als wir ahnen, zu einem Ende, das nicht Ungenügen, nicht Vergehen, nicht Zerstörung und Tod ist, sondern ewiges Leben, wie er selber es hat.
Doch nun gehen unsere Gedanken nicht bloß rückwärts, sondern auch sorgenvoll und bedenklich in die Zukunft. Und zu der Wehmut über das Vergangene möchte sich die Unsicherheit gesellen über das, was da werden will. Ein Jahr ist so lang und kann so Vieles bringen. Wie sollen wir dem entgegensehen? Denkt, wenn wir vor einem Jahr es gewußt hätten, was auf uns wartete! Denkt, wenn die, die wir im vergangenen Jahr da draußen zur Ruhe gebettet haben, es gewußt hätten am letzten Neujahr: Übers Jahr werde ich hinübergegangen sein in die Ewigkeit! Und es kann uns ja das nun angetretene Jahr noch ganz andere Dinge bringen als das abgelaufene, es wird der Tod auch im angetretenen Jahr nicht innehalten auf seinem Rundgang und hier dieses, dort jenes abrufen nach seiner unerbittlichen Weise, dich oder mich oder uns beide! Und wenn uns das Leben bewahrt bleibt, was für Aufgaben, Pflichten, Sorgen, Leiden, Irrtümer und Sünden mögen auf uns warten im neuen Jahr, bei dir so, bei mir so, aber für jedes ein kleines Bündel von Fragen, eine Reihe von Bergen und Tälern, die zu durchwandern sind. Was? und Wann? und Wie?, wir wissen es nicht, und eben darum [ist] eine große Unsicherheit in unserer Seele.
Da gehen nun die Einen und grübeln und studieren
= denken darüber nach.
: was tu’ ich, wenn das kommt? und wie stell’ ich mich, wenn jenes geschieht? und kommen gar nicht mehr heraus aus dem unruhigen Planen und Raten und Rechnen. Und die Anderen suchen sich eilig und geschäftig vorzubereiten auf alle möglichen Fälle, bauen sich gleichsam Brücken hinaus in die Ungewisse Zukunft, möchten sich einrichten wie die Ameisen und die Bienen, wenn’s zum Überwintern geht, etwa wie wir im Sommer, als der Krieg losbrach, bares Geld und Mehl und Zuckerstücke auf die Seite gekratzt haben, um etwas zu haben in der Hungersnot. Und wieder Andere, die spüren nur den dumpfen Druck der Ungewißheit des Kommenden, sitzen da mit zusammengelegten Händen und sehen mit trüben Augen in die Zukunft hinein oder wandern ängstlich ihres Weges wie ein Kind, dem man Angst gemacht hat, das nachts durch einen dunklen Wald geht, jeden Augenblick eines Überfalls gewärtig, O was
ist das für eine verkehrte, verfehlte Lebensklugheit! Wie verderben wir uns da so jammervoll unser Leben! Weißt du nicht, daß Gott das Ende von Allem ist? Warum denken wir immer an das Nächste, statt an das Ende zu denken? Warum studieren wir jetzt über die 364 Tage, die nun kommen wollen, und über das, was sie bringen werden, statt fröhlich vorauszudenken an den nächsten Sylvester? Was wird dann sein? Eines können wir schon jetzt ganz sicher wissen und sagen: dann wird Gott wieder einmal Recht behalten haben! Dann hat Gott wieder etwas geschafft, wieder eins vollendet von seinen herrlichen Werken. Dann steht er wieder einmal da als der Vater der Gnade und der Barmherzigkeit, wie er jetzt dasteht am Ende des Jahres 1914. Der Anfang wird sein wie das Ende. Und wie das Ende Güte und Freundlichkeit sein wird, so auch Alles, was diesem Ende vorangeht, so auch der Anfang, dem wir jetzt mit so schweren Gedanken emgegensehen.
Ja, nun treten wir wieder hinein in eine neue Ungewisse Zeitspanne. Aber nun sag dir doch das klar und freudig: Gott hält ihr Ende in seiner Hand. Vor ihm ist das gute Ende bereits da. Tausend Jahre sind ja für ihn wie ein Tag [vgl.
Ps. 90,4
], um wievielmehr ein einziges kurzes Jahr. Gott weiß schon jetzt, was es ist und bringt, dies Jahr. Es ist und bringt das, was er will, und was er will, das ist recht. So ist denn auch der Jahresanfang und jeder Tages- und Wochenanfang in diesem Jahr seine Sache, und du kannst ihn getrost machen lassen.
Ja, von dem, was du jetzt mit Zittern erwartest, was du ahnungsvoll kommen siehst, von dem wird sicher Einiges eintreffen. Wir haben gar nicht immer so unrecht mit unseren Befürchtungen und Erwartungen. Aber warum zitterst du davor? Warum graut es dir davor? Weil Gott doch das Ende von Allem ist, weil er und nur er zuletzt Meister sein wird, wird auch in jedem Schrittlein, das du tun mußt, in jedem Steinlein groß oder klein, das du jetzt auf deinem Wege vor dir siehst, ein göttlicher Anfang sein. Sieh dem Göttlichen, dem Großen, Freundlichen, Schönen entgegen, das im neuen Jahr ganz sicher in dir anfangen will, wenn du denn durchaus studieren willst über die Zukunft. Und wenn du denn durchaus meinst, es müsse eine Brücke sein zwischen dir und der Ungewissen Zukunft, so laß dein Herz so rein und still werden, daß Gott seine Brücke zu dir schlagen kann, wenn die Stunde dazu gekommen ist. Das wird dir mehr wert sein, als wenn du jetzt mit Jagen und Hasten Vorsorge treffen willst für das, was kommen könnte.
Und auch an unerwarteten Erlebnissen und Erfahrungen wird es uns in diesem kommenden Jahr sicher nicht fehlen: Wir können krank werden, wir können vor unerwartete Aufgaben in unserem Beruf gestellt werden, es kann uns geschehen, daß wir etwas auf uns nehmen müssen in unserer Familie oder Freundschaft, was uns jetzt, wenn wir es wüßten, sehr erschrecken würde. Aber nun mußt du eben diesem unerwarteten Etwas, das da kommen kann, nicht entgegensehen wie ein Verurteilter dem fallenden Beil. Wir sind doch keine Verurteilten, wir sind doch die in Jesus Christus Losgesprochenen und Erlösten des ewigen Vaters, und was da auch kommen mag, es wird sicher nicht Tod und Vernichtung sein, sondern ein göttlicher Anfang von einer Art, die wir jetzt noch gar nicht ahnen, weil Gott ja auch das Ende ist. Sieh du nur auch dem Unerwarteten ganz getrost entgegen: es wird auf alle Fälle unerwarteter Gotteswille und nichts Anderes. Sieh du dich jetzt auf gar nichts Anderes vor als darauf, daß Gott es gut meinen wird mit dir. Und rüste dich auf nichts Anderes als darauf, bereit zu sein, wenn Gott der Herr plötzlich eines Tages seinen neuen herrlichen Anfang bei dir und in dir machen will.
Und wenn wir nun auch im neuen Jahr irren und sündigen werden? Gewiß, das werden wir! Auch im neuen Jahr wird sich der Erdenrest in unserer Seele, das Raubtier und das Faultier in unserem Charakter geltend machen. Aber du darfst dir auch dadurch die Freudigkeit und Zuversicht des Ausblicks in die Zukunft nicht nehmen lassen. Am Ende aller menschlichen Irrtümer und Fehler steht schließlich Gott, der Gerechte und Liebevolle, der Friedestifter und Erlöser. Er leitet die Verwirrung der Menschheit und die Verwirrung in deinem Leben so, daß schließlich Alles dasteht als ein Werk seiner Weisheit und Güte. So fürchte dich denn nicht vor dir selber! Und wenn die Stunden kommen werden, wo du straucheln und fallen wirst — und diese Stunden werden kommen —, dann bleibe nicht stecken darin, dann sieh auf die göttlichen Anfänge, die ganz sicher auch in solchen traurigen Erlebnissen verborgen sein werden. Dann laß Gott schaffen an dir, auch in der Tiefe deiner Schuld. Es muß dir aller,
aller
Anfang sein wie das Ende.
Liebe Freunde, Gott ist das A und das O, der Anfang und das Ende. Beides, der Anfang und das Ende scheinen uns dunkel zu sein. Und darum sitzen und stehen wir und fragen: warum mußte das so sein?, und: wie wird es nun werden? Aber das kommt nur von unseren blöden
Augen, die Gott nicht zu sehen vermögen. Da wissen wir dann nicht, wo wir herkommen, noch wohin wir gehen. Dann meinen wir, es könne hinter uns und vor uns ein Anderer stehen als Gott — vielleicht das Schicksal oder der Zufall oder der Teufel. Und dann tappen wir so ungewiß und unfreudig unseren Weg. Dann geraten wir in so törichte, verdrehte Gedanken hinein. Dann klagen wir Gott an, er helfe uns nicht und mache uns das Leben so schwer. Dann verwickeln wir uns in unsere eigenen Gedanken und Leidenschaften und finden keinen Ausweg mehr. Dann werden wir — ganz natürlich — traurig und unzufrieden, schlecht und unglücklich. Alles Leid und alle Schuld auf der Erde kommen nur davon, daß wir nicht sehen, was am Anfang und was am Ende steht. Aber unsere Augen brauchen nicht so blöde und blind zu bleiben. Es kommt einmal ein Augenblick zwischen Anfang und Ende, zwischen Vergangenheit und Zukunft
Im
Mskr.
folgte auf «Zukunft» ursprünglich eine Parenthese: « — vielleicht ist er jetzt da — », die Barth dann gestrichen hat.
, da werden wir sehend, da wird Klarheit aus der Verworrenheit unseres Daseins, da tritt Er hervor aus den Nebeln unserer Seele und unserer Erfahrungen und sagt zu uns: Sieh,
ich
bin da, ich, der Allmächtige, ich, dem du gehörst und ohne den du nicht leben kannst, ich bin hinter dir und ich bin vor dir, ich war und ich bin und ich werde sein. Und dann kommt Ordnung und Frieden, Freude und Kraft in unser Leben. Warum warten wir noch auf diesen erlösenden Augenblick, der uns Sicherheit und Ruhe bringt nach rückwärts und nach vorwärts? Er kann jetzt da sein, er
ist
jetzt da
Im
Mskr.
folgte auf «er ist jetzt da» ursprünglich der Konditionalsatz: «wenn wir es wollen», der wiederum von Barth gestrichen worden ist.
.
Amen.
Lied:
Nr. 174: «Gott ist gegenwärtig» von
G. Tersteegen
(= GERS [1952] 201; EG 165)
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