Einleitung.
gemuntert, ſieht der Trieb zur Erweiterung keine Grenzen. Die leichte Taube, indem ſie im freyen Fluge die Luft theilt,
deren Widerſtand ſie fuͤhlt, koͤnte die Vorſtellung faſſen,
daß es ihr im Luftleeren Raum noch viel beſſer gelingen werde. Eben ſo
verließ Plato die Sinnenwelt, weil ſie dem Verſtande ſo
vielfaͤltige Hinderniſſe legt, und wagte ſich ienſeit
derſelben auf den Fluͤgeln der Ideen, in den leeren Raum des
reinen Verſtandes. Er bemerkte nicht, daß er durch ſeine
Bemuͤhungen keinen Weg gewoͤnne, denn er hatte keinen
Wiederhalt, gleichſam zur Unterlage, worauf er ſich
ſteifen, und woran er ſeine Kraͤfte anwenden konte, um den Verſtand von der Stelle zu bringen. Es iſt aber ein gewoͤhnliches Schickſal der menſchlichen Vernunft in der Speculation ihr Gebaͤude ſo fruͤh, wie moͤglich, fertig zu
machen, und hintennach allererſt zu unterſuchen, ob auch der Grund
dazu gut geleget ſey. Alsdenn aber werden allerley Beſchoͤnigungen herbey geſucht, um uns wegen deſſen Tuͤchtigkeit zu troͤſten, oder eine ſolche ſpaͤte und gefaͤhrliche
Pruͤfung abzuweiſen. Was uns aber waͤhrend dem Bauen von aller
Beſorgniß und Verdacht frey haͤlt, und mit ſcheinbarer Gruͤndlichkeit
ſchmeichelt, iſt dieſes. Ein groſſer Theil, und vielleicht
der groͤßte, von dem Geſchaͤfte unſerer Vernunft beſteht in
Zergliederungen der Begriffe, die wir ſchon von Gegenſtaͤnden haben.
Dieſes liefert uns eine Menge von Erkentniſſen, die, ob ſie gleich
nichts weiter als Aufklaͤrungen oder Erlaͤuterungen desienigen