Des dritten Hauptſtuͤcks
Zweiter Abſchnitt.
Von dem
Transſcendentalen
Ideal
(Prototypon
transſcendentale).
Ein ieder Begriff iſt in Anſehung
deſſen, was in ihm
ſelbſt nicht enthalten iſt,
unbeſtimt und ſteht unter
dem Grundſatze der
Beſtimbarkeit: daß nur
eines, von
ieden zween einander
contradictoriſch-entgegengeſezten
Praͤdicaten,
ihm zukommen koͤnne, welcher auf dem Satze
des
Widerſpruchs beruht und daher ein blos logiſch
Prin
cip iſt, das von allem Inhalte
der Erkentniß abſtrahirt
und nichts, als die
logiſche Form derſelben vor Augen
hat.
Ein iedes Ding aber, ſeiner
Moͤglichkeit nach, ſteht
noch unter dem
Grundſatze der durchgaͤngigen Beſtimmung,
nach
welchem ihm von allen moͤglichen Praͤdicaten der
Dinge,
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III.Hauptſt.
Dinge, ſo fern ſie mit
ihren Gegentheilen verglichen wer
den, eines zukommen muß. Dieſes beruht nicht blos
auf
dem Satze des Widerſpruchs; denn es
betrachtet auſſer
dem Verhaͤltniß zweier
einander widerſtreitenden Praͤdicate,
iedes
Ding noch im Verhaͤltniß auf die geſamte Moͤglich
keit, als
den Inbegriff aller Praͤdicate der Dinge uͤber
haupt und, indem es ſolche als
Bedingung a priori vor
ausſezt, ſo ſtellt es ein iedes Ding
ſo vor, wie es von dem
Antheil, den es an iener
geſamten Moͤglichkeit hat, ſeine ei
gene Moͤglichkeit ableiteEs wird alſo durch dieſen Grundſatz iedes Ding
auf ein
gemeinſchaftliches Correlatum,
nemlich, die geſamte
Moͤglichkeit, bezogen,
welche, wenn ſie (d. i. der Stoff
zu allen
moͤglichen Praͤdicaten) in der Idee eines einzi
gen Dinges angetroffen wuͤrde, eine
Affinitaͤt alles Moͤg
lichen durch
die Identitaͤt des Grundes der durchgaͤngigen
Beſtimmung deſſelben beweiſen wuͤrde. Die
Beſtimbar
keit eines ieden Begriffs
iſt der Allgemeinheit
(Vniuerſalitas) des
Grundſatzes der Ausſchlieſſung ei
nes Mittleren zwiſchen zween entgegengeſezten
Praͤdica
ten, die Beſtimmung aber eines Dinges der Allheit
(Vniverſitas) oder dem
Inbegriffe aller moͤglichen Praͤ
dicate untergeordnet.. Das Principium der
durch
gaͤngigen Beſtimmung betrift
alſo den Inhalt und nicht
blos die logiſche
Form. Es iſt der Grundſatz der Synthe
ſis aller Praͤdicate, die den vollſtaͤndigen
Begriff von ei
nem Dinge machen
ſollen und nicht blos der analytiſchen
Vorſtellung, durch eines zweier entgegengeſezten
Praͤdicate,
und enthaͤlt eine transſcendentale
Vorausſetzung, nemlich
die
II. Abſch. Vom
transſcend. Ideale.
die der Materie zu aller Moͤglichkeit, welche a
priori
die Data zur
beſonderen Moͤglichkeit iedes Dinges enthal
ten ſoll.
Der Satz: alles Exiſtirende iſt durchgaͤngig be
ſtimt, bedeutet nicht allein, daß von
iedem Paare einander
entgegengeſezten
gegebenen, ſondern auch von allen moͤg
lichen Praͤdicaten ihm immer eines zukomme; es
werden
durch dieſen Satz nicht blos Praͤdicate
unter einander lo
giſch, ſondern das
Ding ſelbſt, mit dem Inbegriffe aller
moͤglichen Praͤdicate, transſcendental verglichen.
Er will
ſo viel ſagen, als: um ein Ding
vollſtaͤndig zu erkennen,
muß man alles
Moͤgliche erkennen, und es dadurch, es
ſey
beiahend oder verneinend, beſtimmen. Die durch
gaͤngige Beſtimmung iſt folglich ein
Begriff, den wir
niemals in
concreto ſeiner Totalitaͤt nach darſtellen
koͤnnen
und gruͤndet ſich alſo auf einer Idee,
welche lediglich in
der Vernunft ihren Sitz
hat, die dem Verſtande die Re
gel
ſeines vollſtaͤndigen Gebrauchs vorſchreibt.
Ob nun zwar dieſe Idee von dem Inbegriffe aller
Moͤglichkeit, ſo fern
er als Bedingung der durchgaͤn
gigen
Beſtimmung eines ieden Dinges zum Grunde liegt,
in Anſehung der Praͤdicate, die denſelben ausmachen
moͤ
gen, ſelbſt noch unbeſtimt iſt,
und wir dadurch nichts wei
ter, als
einen Inbegriff aller moͤglichen Praͤdicate
uͤberhaupt
denken, ſo finden wir doch bey
naͤherer Unterſuchung, daß
dieſe Idee, als
Urbegriff, eine Menge von Praͤdicaten
ausſtoſſe, die als abgeleitet durch andere ſchon gegeben
ſeyn
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
ſeyn, oder neben einander nicht ſtehen
koͤnnen, und daß
ſie ſich bis zu einem
durchgaͤngig a priori
beſtimten Be
griffe laͤutere und
dadurch der Begriff von einem einzel
nen Gegenſtande werde, der durch die bloſſe Idee
durch
gaͤngig beſtimt iſt, mithin
ein Ideal der reinen
Vernunft
genant werden muß.
Wenn wir alle moͤgliche Praͤdicate nicht blos
logiſch,
ſondern transſcendental, d. i. nach
ihrem Inhalte, der
an ihnen a priori gedacht werden kan, erwegen, ſo
fin
den wir: daß durch einige
derſelben ein Seyn, durch an
dere ein
bloſſes Nichtſeyn vorgeſtellet wird. Die
logiſche
Verneinung, die lediglich durch das
Woͤrtchen: Nicht,
angezeigt wird, haͤngt
eigentlich niemals einem Begriffe,
ſondern nur
dem Verhaͤltniſſe deſſelben zu einem andern
im
Urtheile an, und kan alſo dazu bey weitem nicht
hin
reichend ſeyn, einen Begriff in
Anſehung ſeines Inhalts
zu bezeichnen. Der
Ausdruck: Nichtſterblich, kan gar nicht
zu
erkennen geben, daß dadurch ein bloſſes Nichtſeyn
am
Gegenſtande vorgeſtellet werde, ſondern
laͤßt allen Inhalt
unberuͤhrt. Eine
transſcendentale Verneinung bedeutet
dagegen
das Nichtſeyn an ſich ſelbſt, dem die transſcen
dentale Beiahung entgegen geſezt wird,
welche ein Etwas
iſt, deſſen Begriff an ſich
ſelbſt ſchon ein Seyn ausdruͤkt,
und daher
Realitaͤt (Sachheit) genant wird, weil durch
ſie allein und ſo weit ſie reichet, Gegenſtaͤnde
Etwas
(Dinge) ſind, die entgegenſtehende
Negation hingegen
einen
II. Abſch. Vom
transſcend. Ideal.
einen bloſſen Mangel bedeutet und, wo dieſe
allein gedacht
wird, die Aufhebung alles Dinges
vorgeſtellt wird.
Nun kan ſich niemand eine Verneinung beſtimt den
ken, ohne daß er die entgegengeſezte
Beiahung zum Grun
de liegen habe. Der
Blindgebohrne kan ſich nicht die
mindeſte
Vorſtellung von Finſterniß machen, weil er kei
ne vom Lichte hat; der Wilde nicht von
der Armuth, weil
er den Wolſtand nicht
kentDie Beobachtungen
und
Berechnuugen
Berechnungen
der Sternkun
diger haben
uns viel bewundernswuͤrdiges gelehrt, aber
das Wichtigſte iſt wol, daß ſie uns den Abgrund
der Un
wiſſenheit aufgedekt haben,
den die menſchliche Ver
nunft, ohne
dieſe Kentniſſe, ſich niemals ſo groß haͤtte
vorſtellen koͤnnen, und woruͤber das Nachdenken
eine groſſe
Veraͤnderung in der Beſtimmung
der Endabſichten unſeres
Vernunftgebrauchs
hervorbringen muß.. Der Unwiſſende hat
kei
nen Begriff von ſeiner
Unwiſſenheit, weil er keinen von
der
Wiſſenſchaft hat, u. ſ. w. Es ſind alſo auch alle
Be
griffe der Negationen
abgeleitet, und die Realitaͤten ent
halten die Data und ſo zu
ſagen die Materie, oder den
transſcendentalen
Inhalt, zu der Moͤglichkeit und durch
gaͤngigen Beſtimmung aller Dinge.
Wenn alſo der durchgaͤngigen Beſtimmung in un
ſerer Vernunft ein transſcendentales
Subſtratum zum
Grunde gelegt wird, welches
gleichſam den ganzen Vor
rath des
Stoffes, daher alle moͤgliche Praͤdicate der
Dinge genommen werden koͤnnen, enthaͤlt, ſo iſt
dieſes
Subſtratum nichts anders, als die Idee
von einem All der
Rea
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Realitaͤt (omnitudo
realitatis). Alle wahre Verneinun
gen ſind alsdenn nichts als Schranken, welches ſie
nicht
genant werden koͤnten, wenn nicht das
Unbeſchraͤnkte (das
All) zum Grunde laͤge.
Es iſt aber auch durch dieſen Allbeſitz der
Realitaͤt
der Begriff eines Dinges an ſich ſelbſt, als durchgaͤngig
beſtimt, vorgeſtellt und der Begriff eines entis realiſſimi
iſt der Begriff eines einzelnen Weſens, weil
von allen
moͤglichen entgegengeſezten
Praͤdicaten eines, nemlich das,
was zum Seyn
ſchlechthin gehoͤrt, in ſeiner Beſtimmung
angetroffen wird. Alſo iſt es ein transſcendentales
Ideal,
welches der durchgaͤngigen Beſtimmung, die
nothwendig
bey allem, was exiſtirt, angetroffen
wird, zum Grunde
liegt, und die oberſte und
vollſtaͤndige materiale
Bedin
dung
Bedin
gung
ſeiner Moͤglichkeit ausmacht, auf welcher
alles Den
ken der Gegenſtaͤnde
uͤberhaupt ihrem Inhalte nach zu
ruͤckgefuͤhrt werden muß. Es iſt aber auch das
einzige
eigentliche Ideal, deſſen die
menſchliche Vernunft faͤhig iſt;
weil nur in
dieſem einzigen Falle ein an ſich allgemeiner
Begriff von einem Dinge durch ſich ſelbſt
durchgaͤngig be
ſtimt, und als die
Vorſtellung von einem Individuum er
kant wird.
Die logiſche Beſtimmung eines Begriffs durch die
Vernunft beruht auf einem disiunctiven
Vernunftſchluſſe,
in welchem der Oberſatz eine
logiſche Eintheilung (die
Theilung der Sphaͤre
eines allgemeinen Begriffs) enthaͤlt,
der
Unterſatz dieſe Sphaͤre bis auf einen Theil einſchraͤnkt
und
II. Abſch. Vom
transſcend. Ideale.
und der Schlußſatz den Begriff durch dieſen
beſtimt. Der
allgemeine Begriff einer Realitaͤt
uͤberhaupt kan a priori
nicht eingetheilt werden, weil man ohne
Erfahrung keine
beſtimte Arten von Realitaͤt
kent, die unter iener Gattung
enthalten waͤren.
Alſo iſt der transſcendentale Oberſatz
der
durchgaͤngigen Beſtimmung aller Dinge nichts
anders,
als die Vorſtellung des Inbegriffs
aller Realitaͤt, nicht blos
ein Begriff, der
alle Praͤdicate ihrem transſcendentalen
Inhalte
nach unter ſich, ſondern
der ſie in ſich begreift
und
die durchgaͤngige Beſtimmung eines ieden
Dinges beruht
auf der Einſchraͤnkung dieſes All der Realitaͤt, indem
Eini
ges derſelben dem Dinge
beigelegt, das uͤbrige aber aus
geſchloſſen wird, welches mit dem Entweder- oder
des dis
iunctiven Oberſatzes und der
Beſtimmung des Gegenſtan
des, durch
eins der Glieder dieſer Theilung im Unterſatze,
uͤbereinkomt. Demnach iſt der Gebrauch der
Vernunft,
durch den ſie das transſcendentale
Ideal zum Grunde ihrer
Beſtimmung aller
moͤglichen Dinge legt, demienigen ana
logiſch, nach welchem ſie in disiunctiven
Vernunftſchluͤſſen
verfaͤhrt, welches der Satz
war, den ich oben zum Grun
de der
ſyſtematiſchen Eintheilung aller
transſcendentalen
Ideen legte, nach welchem ſie
den drey Arten von Ver
nunftſchluͤſſen parallel und correſpondirend
erzeugt werden.
Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Vernunft zu
die
ſer ihrer Abſicht, nemlich ſich
lediglich die nothwendige
durchgaͤngige
Beſtimmung der Dinge vorzuſtellen, nicht
O o
die
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
die Exiſtenz eines ſolchen Weſens, das dem
Ideale gemaͤß iſt,
ſondern nur die Idee
deſſelben vorausſetze, um von einer
unbedingten
Totalitaͤt der durchgaͤngigen Beſtimmung die
bedingte, d. i. die des Eingeſchraͤnkten abzuleiten.
Das
Ideal iſt ihr alſo das Urbild (Prototypon) aller
Dinge,
welche insgeſamt, als mangelhafte
Copeyen (ectypa),
den
Stoff zu ihrer Moͤglichkeit daher nehmen und,
indem
ſie demſelben mehr oder weniger nahe
kommen, dennoch
iederzeit unendlich weit daran
fehlen, es zu erreichen.
So wird denn alle Moͤglichkeit der Dinge (der Syn
theſis des Mannigfaltigen ihrem
Inhalte nach) als abge
leitet und nur
allein die, desienigen, was alle Realitaͤt
in
ſich ſchließt, als urſpruͤnglich angeſehen. Denn
alle
Verneinungen, (welche doch die einzige
Praͤdicate ſind,
wodurch ſich alles andere vom
realeſten Weſen unterſchei
den laͤßt)
ſind bloſſe Einſchraͤnkungen einer groͤſſeren
und
endlich der hoͤchſten Realitaͤt, mithin
ſetzen ſie dieſe vor
aus und ſind dem
Inhalte nach von ihr blos abgeleitet.
Alle
Mannigfaltigkeit der Dinge iſt nur eine eben ſo
viel
faͤltige Art, den Begriff der
hoͤchſten Realitaͤt, der ihr
gemeinſchaftlich
Subſtratum iſt, einzuſchraͤnken, ſo wie
alle
Figuren nur als verſchiedene Arten, den
unendlichen
Raum einzuſchraͤnken, moͤglich
ſeyn. Daher wird der blos
in der Vernunft
befindliche Gegenſtand ihres Ideals auch
das
Urweſen
(ens originarium), ſo fern
es keines uͤber
ſich hat, das hoͤchſte Weſen
(ens ſummum) und, ſo
fern alles, als bedingt, unter ihm ſteht, das Weſen al
ler
II. Abſchn. Vom
transſcend. Ideale.
ler Weſen
(ens entium) genant. Alles
dieſes aber
bedeutet nicht das obiective
Verhaͤltniß eines wirklichen
Gegenſtandes zu
andern Dingen, ſondern der Idee zu
Begriffen und laͤßt uns
wegen der Exiſtenz eines Weſens
von ſo
ausnehmendem Vorzuge in voͤlliger Unwiſſenheit.
Weil man auch nicht ſagen kan: daß ein Urweſen
aus viel abgeleiteten Weſen beſtehe, indem ein iedes
der
ſelben ienes vorausſezt, mithin
es nicht ausmachen kan,
ſo wird das Ideal des
Urweſens auch als einfach gedacht
werden
muͤſſen.
Die Ableitung aller anderen Moͤglichkeit von
dieſem
Urweſen wird daher, genau zu reden, auch
nicht als
eine Einſchraͤnkung ſeiner hoͤchſten Realitaͤt
und gleichſam
als eine Theilung derſelben angeſehen werden
koͤnnen;
denn alsdenn wuͤrde das Urweſen als
ein bloſſes Aggregat
von abgeleiteten Weſen
angeſehen werden, welches nach
dem vorigen
unmoͤglich iſt, ob wir es gleich anfaͤnglich im
erſten rohen Schattenriſſe ſo vorſtelleten. Vielmehr
wuͤr
de der Moͤglichkeit aller
Dinge die hoͤchſte Realitaͤt als ein
Grund und nichts als Inbegriff zum Grunde liegen
und
die Mannigfaltigkeit der erſteren nicht auf
der Einſchraͤn
kung des Urweſens
ſelbſt, ſondern ſeiner vollſtaͤndigen
Folge
beruhen, zu welcher denn auch unſere ganze Sinn
lichkeit, ſamt aller Realitaͤt in der
Erſcheinung, gehoͤren
wuͤrde, die zu der Idee
des hoͤchſten Weſens, als ein
Ingredienz, nicht
gehoͤren kan.
O o 2
Wenn
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Wenn wir nun dieſer unſerer Idee, indem wir ſie
hypoſtaſiren, ſo ferner nachgehen, ſo werden wir das
Ur
weſen durch den bloſſen Begriff
der hoͤchſten Realitaͤt als
ein einiges,
einfaches, allgenugſames, ewiges ꝛc. mit
einem
Worte, es in ſeiner unbedingten Vollſtaͤndigkeit
durch
alle Praͤdicamente beſtimmen koͤnnen. Der
Begriff eines
ſolchen Weſens iſt der von Gott in
transſcendentalem
Verſtande gedacht, und ſo iſt
das Ideal der reinen Ver
nunft der Gegenſtand einer
transſcendentalen Theologie,
ſo wie ich es auch oben
angefuͤhrt habe.
Indeſſen wuͤrde dieſer Gebrauch der transſcendenta
len Idee doch ſchon die Graͤnzen ihrer
Beſtimmung und
Zulaͤſſigkeit uͤberſchreiten.
Denn die Vernunft legte ſie
nur, als den Begriff von aller Realitaͤt,
der durchgaͤn
gigen Beſtimmung der
Dinge uͤberhaupt zum Grunde,
ohne zu verlangen,
daß alle dieſe Realitaͤt obiectiv gege
ben ſey und ſelbſt ein Ding ausmache. Dieſes
leztere iſt
eine bloſſe Erdichtung, durch
welche wir das Mannigfal
tige unſerer
Idee in einem Ideale, als einem beſonderen
Weſen, zuſammenfaſſen und realiſiren, wozu wir
keine
Befugniß haben, ſo gar nicht einmal die
Moͤglichkeit einer
ſolchen Hypotheſe geradezu
anzunehmen, wie denn auch
alle Folgerungen, die
aus einem ſolchen Ideale abflieſſen,
die
durchgaͤngige Beſtimmung der Dinge uͤberhaupt,
als
zu deren Behuf die Idee allein noͤthig war,
nichts ange
hen, und darauf nicht den
mindeſten Einfluß haben.
Es
II. Abſchn. Vom transſcend.
Ideale.
Es iſt nicht genug, das Verfahren unſerer
Vernunft
und ihre Dialectik zu beſchreiben, man
muß auch die
Quellen derſelben zu entdecken
ſuchen, um dieſen Schein
ſelbſt, wie ein
Phaͤnomen des Verſtandes, erklaͤren zu
koͤnnen;
denn das Ideal, wovon wir reden, iſt auf einer
natuͤrlichen und nicht blos willkuͤhrlichen Idee
gegruͤndet.
Daher frage ich: wie komt die
Vernunft dazu, alle Moͤg
lichkeit der
Dinge als abgeleitet von einer einzigen, die
zum Grunde liegt, nemlich der der hoͤchſten
Realitaͤt, an
zuſehen, und dieſe
ſodann, als in einem beſondern Ur
weſen enthalten, vorauszuſetzen?
Die Antwort bietet ſich aus den Verhandlungen
der transſcendentalen Analytik von ſelbſt dar. Die
Moͤg
lichkeit der Gegenſtaͤnde der
Sinne iſt ein Verhaͤltniß der
ſelben
zu unſerm Denken, worin etwas (nemlich die
empiriſche Form) a priori
gedacht werden kan, dasienige
aber, was die
Materie ausmacht, die Realitaͤt in der
Erſcheinung, (was der Empfindung entſpricht)
gegeben
ſeyn muß, ohne welches es auch gar
nicht gedacht und
mithin ſeine Moͤglichkeit
nicht vorgeſtellet werden koͤnte.
Nun kan ein
Gegenſtand der Sinne nur durchgaͤngig be
ſtimt werden, wenn er mit allen
Praͤdicaten der Erſchei
nung
verglichen und durch dieſelbe beiahend, oder ver
neinend vorgeſtellet wird. Weil aber
darin dasienige,
was das Ding ſelbſt (in der
Erſcheinung) ausmacht, nem
lich das
Reale gegeben ſeyn muß, ohne welches es auch
gar nicht gedacht werden koͤnte, dasienige aber, worin
O o 3
das
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
das Reale aller Erſcheinungen gegeben iſt, die
einige allbefaſ
ſende Erfahrung iſt,
ſo muß die Materie zur Moͤglichkeit
aller
Gegenſtaͤnde der Sinne, als in einem Inbegriffe
ge
geben, vorausgeſezt werden, auf
deſſen Einſchraͤnkung allein
alle Moͤglichkeit
empiriſcher Gegenſtaͤnde, ihr Unterſchied
von
einander und ihre durchgaͤngige Beſtimmung, beru
hen kan. Nun koͤnnen uns in der That
keine andere
Gegenſtaͤnde, als die der Sinne
und nirgend, als in dem
Context einer
moͤglichen Erfahrung gegeben werden, folg
lich iſt nichts vor uns ein
Gegenſtand, wenn es nicht
den Inbegriff aller
empiriſchen Realitaͤt als Bedingung
ſeiner
Moͤglichkeit vorausſezt. Nach einer
natuͤrlichen
Illuſion ſehen wir nun das vor
einen Grundſatz an, der
von allen Dingen
uͤberhaupt gelten muͤſſe, welcher eigent
lich nur von denen gilt, die als
Gegenſtaͤnde unſerer Sin
nen gegeben
werden. Folglich werden wir das empiriſche
Princip unſerer Begriffe der Moͤglichkeit der Dinge,
als
Erſcheinungen, durch Weglaſſung dieſer
Einſchraͤnkung,
vor ein transſcendentales
Princip der Moͤglichkeit der Dinge
uͤberhaupt
halten.
Daß wir aber hernach dieſe Idee vom Inbegriffe
aller Realitaͤt hypoſtaſiren, komt daher: weil wir
die diſtri
butive Einheit des
Erfahrungsgebrauchs des Verſtandes
in die
collective Einheit eines
Erfahrungsganzen, dia
lectiſch
verwandeln, und an dieſem Ganzen der Erſchei
nung uns ein einzelnes Ding denken,
was alle empiriſche
Realitaͤt in ſich enthaͤlt,
welches denn, vermittelſt der
ſchon
II. Abſchn. Vom
transſcend. Ideale.
ſchon gedachten transſcendentalen Subreption,
mit dem
Begriffe eines Dinges verwechſelt wird,
was an der
Spitze der Moͤglichkeit aller Dinge
ſteht, zu deren durch
gaͤngiger
Beſtimmung es die reale Bedingungen hergiebtDieſes Ideal des
allerrealeſten Weſens wird alſo, ob es
zwar
eine bloſſe Vorſtellung iſt, zuerſt realiſirt, d.
i.
zum Obiect gemacht, darauf hypoſtaſirt,
endlich, durch
einen natuͤrlichen Fortſchritt
der Vernunft zur Vollen
dung der
Einheit, ſo gar perſonificirt, wie wir bald an
fuͤhren werden; weil die regulative
Einheit der Erfah
rung nicht auf
den Erſcheinungen ſelbſt (der Sinnlich
keit allein), ſondern auf der
Verknuͤpfung ihres Man
nigfaltigen
durch den Verſtand (in einer Apperception)
beruht, mithin die Einheit der hoͤchſten Realitaͤt
und die
durchgaͤngige Beſtimbarkeit
(Moͤglichkeit) aller Dinge in
einem hoͤchſten
Verſtande, mithin in einer Intelligenz
zu
liegen ſcheint..
Des dritten Hauptſtuͤcks
Vierter Abſchnitt.
Von der
Unmoͤglichkeit eines
ontologiſchen Beweiſes
vom Daſeyn Gottes.
Man ſiehet aus dem
bisherigen leicht: daß der Begriff
eines
abſolutnothwendigen Weſens ein reiner Ver
nunftbegriff, d. i. eine bloſſe Idee
ſey, deren obiective
Realitaͤt dadurch, daß die
Vernunft ihrer bedarf, noch
lange nicht
bewieſen iſt, welche auch nur auf eine gewiſſe,
obzwar unerreichbare Vollſtaͤndigkeit Anweiſung
giebt und
eigentlich mehr dazu dient, den
Verſtand zu begraͤnzen,
als ihn auf neue
Gegenſtaͤnde zu erweitern. Es findet ſich
hier
nun das Befremdliche und Widerſinniſche, daß
der
Schluß, von einem gegebenen Daſeyn
uͤberhaupt auf ir
gend ein
ſchlechthinnothwendiges Daſeyn, dringend und
richtig zu ſeyn ſcheint und wir gleichwol alle
Bedingungen
des Verſtandes, ſich einen Begriff
von einer ſolchen Noth
wendigkeit zu
machen, gaͤnzlich wider uns haben.
Man hat zu aller Zeit von dem abſolutnothwendi
gen Weſen
geredet und ſich nicht ſo wol Muͤhe gegeben, zu
verſtehen: ob und wie man ſich ein Ding von dieſer
Art
auch nur denken koͤnne, als vielmehr deſſen
Daſeyn zu be
weiſen. Nun iſt zwar
eine Nahmenerklaͤrung von dieſem
Begriffe ganz
leicht, daß es nemlich ſo etwas ſey, deſſen
Nichtſeyn unmoͤglich iſt, aber man wird hiedurch um nichts
kluͤger,
IV. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines ontolog. Beweiſes ꝛc.
kluͤger, in Anſehung der Bedingungen, die es
unmoͤglich
machen, das Nichtſeyn eines Dinges
als ſchlechterdings
undenklich anzuſehen und
die eigentlich dasienige ſind, was
man wiſſen
will, nemlich, ob wir uns durch dieſen Be
griff uͤberall etwas denken, oder
nicht. Denn alle Be
dingungen, die
der Verſtand iederzeit bedarf, um etwas
als
nothwendig anzuſehen, vermittelſt des Worts: Unbe
dingt,
wegwerfen, macht mir noch lange nicht verſtaͤnd
lich, ob ich alsdenn durch einen
Begriff eines Unbedingt
nothwendigen
noch etwas, oder vielleicht gar nichts
denke.
Noch mehr: dieſen auf das bloſſe Gerathewol ge
wagten und endlich ganz gelaͤufig
gewordenen Begriff hat
man noch dazu durch eine
Menge Beiſpiele zu erklaͤren ge
glaubt, ſo, daß alle weitere Nachfrage wegen
ſeiner Ver
ſtaͤndlichkeit ganz
unnoͤthig geſchienen. Ein ieder Satz
der
Geometrie, z. B. daß ein Triangel drey Winkel
habe,
iſt ſchlechthin nothwendig und ſo redete
man von einem
Gegenſtande, der ganz auſſerhalb
der Sphaͤre unſeres Ver
ſtandes
liegt, als ob man ganz wol verſtaͤnde, was man
mit dem Begriffe von ihm ſagen wolle.
Alle vorgegebene Beiſpiele ſind ohne Ausnahme
nur
von Urtheilen,
aber nicht von Dingen und
deren Da
ſeyn hergenommen. Die
unbedingte Nothwendigkeit der
Urtheile aber iſt
nicht eine abſolute Nothwendigkeit der
Sachen.
Denn die abſolute Nothwendigkeit des Urtheils
iſt
nur eine bedingte Nothwendigkeit der Sache,
oder des
P p
Praͤdi
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Praͤdicats im Urtheile. Der vorige Satz ſagte
nicht: daß
drey Winkel ſchlechterdings
nothwendig ſeyn, ſondern, un
ter der
Bedingung, daß ein Triangel da iſt, (gegeben
iſt)
ſind auch drey Winkel (in ihm)
nothwendiger Weiſe da.
Gleichwol hat dieſe
logiſche Nothwendigkeit eine ſo groſſe
Macht
ihrer Illuſion bewieſen: daß, indem man ſich einen
Be
griff a
priori von einem Dinge gemacht hatte, der
ſo
geſtellet war, daß man ſeiner Meinung nach
das Daſeyn
mit in ſeinen Umfang begriff, man
daraus glaubete ſicher
ſchlieſſen zu koͤnnen,
daß, weil dem Obiect dieſes Begriffs
das Daſeyn
nothwendig zukomt, d. i. unter der Bedingung,
daß ich dieſes Ding als gegeben (exiſtirend) ſetze,
auch
ſein Daſeyn nothwendig (nach der Regel der
Identitaͤt)
geſezt werde und dieſes Weſen daher
ſelbſt ſchlechterdings
nothwendig
ſey, weil ſein Daſeyn in einem nach Belieben
angenommenen Begriffe und unter der Bedingung, daß
ich
den Gegenſtand deſſelben ſetze, mit gedacht
wird.
Wenn ich das Praͤdicat in einem identiſchen
Urtheile
aufhebe und behalte das Subiect, ſo
entſpringt ein Wi
derſpruch und daher
ſage ich: ienes komt dieſem nothwen
diger Weiſe zu. Hebe ich aber das Subiect zuſamt
dem
Praͤdicate auf, ſo entſpringt kein
Widerſpruch; denn es
iſt nichts mehr, welchem
widerſprochen werden koͤnte.
Einen Triangel
ſetzen und doch die drey Winkel deſſelben
aufheben, iſt widerſprechend, aber den Triangel ſamt
ſei
nen drey Winkeln aufheben, iſt
kein Widerſpruch. Gerade
eben ſo iſt es mit dem
Begriffe eines abſolutnothwendigen
Weſens
IV. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines ontolog. Beweiſes ꝛc.
Weſens bewandt. Wenn ihr das Daſeyn deſſelben
auf
hebt, ſo hebt ihr das Ding
ſelbſt mit allen ſeinen Praͤdi
caten
auf, wo ſoll alsdenn der Widerſpruch herkommen?
Aeuſſerlich iſt nichts dem widerſprochen wuͤrde;
denn das
Ding ſoll nicht aͤuſſerlich nothwendig
ſeyn, innerlich auch
nichts, denn ihr habt,
durch Aufhebung des Dinges ſelbſt,
alles Innere
zugleich aufgehoben. Gott iſt allmaͤchtig;
das
iſt ein nothwendiges Urtheil. Die Allmacht kan
nicht
aufgehoben werden, wenn ihr eine
Gottheit, d. i. ein
unendlich Weſen, ſezt, mit
deſſen Begriff iener
indetiſch
identiſch
iſt. Wenn ihr aber ſagt: Gott iſt nicht, ſo iſt weder
die
Allmacht, noch irgend ein anderes ſeiner Praͤdicate
ge
geben, denn ſie ſind alle zuſamt
dem Subiecte aufgehoben
und es zeigt ſich in
dieſem Gedanken nicht der mindeſte
Widerſpruch.
Ihr habt alſo geſehen: daß, wenn ich das Praͤdi
cat eines Urtheils zuſamt dem Subiecte
aufhebe, niemals
ein innerer Widerſpruch
entſpringen koͤnne, das Praͤdicat
mag auch
ſeyn, welches es wolle. Nun bleibt euch keine
Ausflucht uͤbrig, als ihr muͤßt ſagen: es giebt
Subiecte,
die gar nicht aufgehoben werden
koͤnnen, die alſo bleiben
muͤſſen. Das wuͤrde
aber eben ſo viel ſagen, als: es
giebt
ſchlechterdingsnothwendige Subiecte, eine Voraus
ſetzung, an deren Richtigkeit ich eben
gezweifelt habe und
deren Moͤglichkeit ihr mir
zeigen woltet. Denn ich kan
mir nicht den
geringſten Begriff von einem Dinge machen,
welches, wenn es mit allen ſeinen Praͤdicaten aufgehoben
P p 2
wuͤrde,
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
wuͤrde, einen Widerſpruch zuruͤck lieſſe und
ohne den Wi
derſpruch habe ich, durch
bloſſe reine Begriffe a
priori,
kein Merkmal der Unmoͤglichkeit.
Wider alle dieſe allgemeine Schluͤſſe, (deren ſich
kein
Menſch weigern kan) fodert ihr mich durch
einen Fall
auf, den ihr, als einen Beweis durch
die That, aufſtellet:
daß es doch einen und
zwar nur dieſen einen Begriff gebe,
da das
Nichtſeyn oder das Aufheben ſeines Gegenſtandes
in ſich ſelbſt widerſprechend ſey, und dieſes iſt
der Begriff
des allerrealeſten Weſens. Es hat,
ſagt ihr, alle Reali
taͤt und ihr
ſeyd berechtigt, ein ſolches Weſen als moͤglich
anzunehmen, (welches ich voriezt einwillige,
obgleich der
ſich nicht widerſprechende Begriff
noch lange nicht die
Moͤglichkeit des
Gegenſtandes beweiſetDer
Begriff iſt allemal moͤglich, wenn er ſich nicht
wi
derſpricht. Das iſt das logiſche
Merkmal der Moͤglichkeit
und dadurch wird
ſein Gegenſtand vom nihil
negatiuum
unterſchieden. Allein er kan nichts
deſtoweniger ein leerer
Begriff ſeyn, wenn
die obiective Realitaͤt der Syntheſis,
dadurch der Begriff erzeugt wird, nicht beſonders
dar
gethan wird, welches aber
iederzeit, wie oben gezeigt
worden, auf
Principien moͤglicher Erfahrung und nicht
auf
dem Grundſatze der Analyſis (dem Satze des Wi
derſpruchs) beruht. Das iſt eine
Warnung, von der
Moͤglichkeit der Begriffe
(logiſche) nicht ſo fort auf die
Moͤglichkeit
der Dinge (reale) zu ſchlieſſen.. Nun iſt
unter
aller Realitaͤt auch das Daſeyn mit
begriffen: Alſo liegt
das Daſeyn in dem Begriffe von einem
Moͤglichen. Wird
die
IV. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines ontolog. Beweiſes ꝛc.
dieſes Ding nun aufgehoben, ſo wird die innere
Moͤg
lichkeit des Dinges
aufgehoben, welches widerſprechend
iſt.
Ich antworte: Ihr habt ſchon einen Widerſpruch
begangen, wenn ihr in den Begriff eines Dinges,
wel
ches ihr lediglich ſeiner
Moͤglichkeit nach denken woltet, es
ſey unter
welchem verſteckten Namen, ſchon den Begriff
ſeiner Exiſtenz hinein brachtet. Raͤumet man euch
dieſes
ein, ſo habt ihr dem Scheine nach
gewonnen Spiel, in
der That aber nichts geſagt;
denn ihr habt eine bloſſe
Tavtologie begangen.
Ich frage euch, iſt der Satz:
dieſes oder ienes Ding (welches ich
euch als moͤglich ein
raͤume, es mag
ſeyn, welches es wolle) exiſtirt, iſt, ſage
ich, dieſer Satz
ein analytiſcher oder ſynthetiſcher Satz?
Wenn
er das erſtere iſt, ſo thut ihr durch das Daſeyn
des
Dinges zu eurem Gedanken von dem Dinge
nichts hinzu,
aber alsdenn muͤßte entweder der
Gedanke, der in euch
iſt, das Ding ſelber ſeyn,
oder ihr habt ein Daſeyn, als
zur Moͤglichkeit
gehoͤrig, vorausgeſezt und alsdenn das Da
ſeyn dem Vorgeben nach aus der inneren
Moͤglichkeit ge
ſchloſſen, welches
nichts, als eine elende Tavtologie iſt.
Das
Wort: Realitaͤt, welches im Begriffe des Dinges
an
ders klingt, als Exiſtenz im Begriffe des Praͤdicats,
macht
es nicht aus. Denn, wenn ihr auch alles
Setzen (unbeſtimt
was ihr ſezt) Realitaͤt nent,
ſo habt ihr das Ding ſchon
mit allen ſeinen
Praͤdicaten im Begriffe des Subiects ge
ſezt und als wirklich angenommen und
im Praͤdicate wie
P p 3
derholt
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
derholt ihr es nur. Geſteht ihr dagegen, wie
es billiger
maaſſen ieder Vernuͤnftige geſtehen
muß, daß ein ieder
Exiſtenzialſatz ſynthetiſch
ſey, wie wollet ihr denn behaup
ten,
daß das Praͤdicat der Exiſtenz ſich ohne
Widerſpruch
nicht aufheben laſſe, da dieſer
Vorzug nur den analytiſchen,
als deren
Character eben darauf beruht, eigenthuͤmlich zu
komt.
Ich wuͤrde zwar hoffen, dieſe gruͤbleriſche Arguta
tion, ohne allen Umſchweif, durch eine
genaue Beſtim
mung des Begriffs der
Exiſtenz, zu nichte zu machen, wenn
ich nicht
gefunden haͤtte: daß die Illuſion, in Verwechſe
lung eines logiſchen Praͤdicats mit
einem realen, (d. i. der
Beſtimmung eines
Dinges) beinahe alle Belehrung aus
ſchlage. Zum logiſchen
Praͤdicate kan alles dienen, was
man
will, ſo gar das Subiect kan von ſich ſelbſt
praͤdicirt
werden; denn die Logik abſtrahirt
von allem Inhalte. Aber
die Beſtimmung iſt ein Praͤdicat, welches uͤber
den Be
griff des Subiects hinzukomt
und ihn vergroͤſſert. Sie
muß alſo nicht in ihm
ſchon enthalten ſeyn.
Seyn iſt offenbar kein reales Praͤdicat, d. i.
ein
Begriff von irgend etwas, was zu dem
Begriffe eines
Dinges hinzukommen koͤnne. Es
iſt blos die Poſition
eines Dinges, oder
gewiſſer Beſtimmungen an ſich ſelbſt.
Im
logiſchen Gebrauche iſt es lediglich die Copula
eines
Urtheils. Der Satz: Gott iſt allmaͤchtig, enthaͤlt zwey
Begriffe, die ihre Obiecte haben: Gott und
Allmacht;
das Woͤrtchen: iſt, iſt nicht noch
ein Praͤdicat oben ein, ſon
dern
IV. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines ontolog. Beweiſes ꝛc.
dern nur das, was das Praͤdicat
beziehungsweiſe aufs
Subiect ſezt. Nehme ich
nun das Subiect (Gott) mit
allen ſeinen
Praͤdicaten (worunter auch die Allmacht gehoͤ
ret) zuſammen, und ſage: Gott iſt, oder es iſt ein
Gott,
ſo ſetze ich kein neues Praͤdicat zum
Begriffe von Gott, ſon
dern nur das
Subiect an ſich ſelbſt mit allen ſeinen Praͤdi
caten und zwar den Gegenſtand in Beziehung auf meinen
Begriff. Beide muͤſſen
genau einerley enthalten und es
kan daher zu
dem Begriffe, der blos die Moͤglichkeit aus
druͤckt, darum, daß ich deſſen
Gegenſtand als ſchlechthin
gegeben (durch den
Ausdruck: er iſt) denke, nichts weiter
hinzukommen. Und ſo enthaͤlt das Wirkliche nichts
mehr
als das blos Moͤgliche. Hundert wirkliche
Thaler enthal
ten nicht das Mindeſte
mehr, als hundert moͤgliche. Denn,
da dieſe den
Begriff, iene aber den Gegenſtand und deſſen
Poſition an ſich ſelbſt bedeuten, ſo wuͤrde, im Fall
dieſer
mehr enthielte als iener, mein Begriff nicht den ganzen
Gegenſtand ausdruͤcken und alſo auch nicht der
angemeſſe
ne Begriff von ihm ſeyn.
Aber in meinem Vermoͤgens
zuſtande
iſt mehr bey hundert wirklichen Thalern, als
bey
dem bloſſen Begriffe derſelben, (d. i. ihrer
Moͤglichkeit).
Denn der Gegenſtand iſt bey der
Wirklichkeit nicht blos in
meinem Begriffe
analytiſch enthalten, ſondern komt zu
meinem
Begriffe (der eine
Beſtimmung meines Zuſtandes
iſt) ſynthetiſch
hinzu, ohne daß durch dieſes Seyn auſſer
halb meinem Begriffe, dieſe gedachte
hundert Thaler ſelbſt
im mindeſten vermehrt
werden.
P p 4
Wenn
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt
Wenn ich alſo ein Ding, durch welche und wie
viel
Praͤdicate ich will, (ſelbſt in der
durchgaͤngigen Beſtim
mung) denke, ſo
komt dadurch, daß ich noch hinzuſetze, dieſes
Ding iſt, nicht das mindeſte zu dem Dinge hinzu. Denn
ſonſt
wuͤrde nicht eben daſſelbe, ſondern mehr exiſtiren,
als
ich im Begriffe gedacht hatte und ich
koͤnte nicht ſagen: daß
gerade der Gegenſtand
meines Begriffs exiſtire. Denke
ich mir auch ſo
gar in einem Dinge alle Realitaͤt auſſer
einer;
ſo komt dadurch, daß ich ſage, ein ſolches mangel
hafte Ding exiſtirt, die fehlende
Realitaͤt nicht hinzu, ſon
dern es
exiſtirt gerade mit demſelben Mangel behaftet,
als
ich es gedacht habe, ſonſt wuͤrde etwas
Anderes, als ich
dachte, exiſtiren. Denke ich
mir nun ein Weſen als die
hoͤchſte Realitaͤt
(ohne Mangel), ſo bleibt noch immer die
Frage:
ob es exiſtire, oder nicht. Denn, obgleich an
meinem
Begriffe, von dem moͤglichen realen
Inhalte eines Dinges
uͤberhaupt, nichts fehlt,
ſo fehlt doch noch etwas an dem
Verhaͤltniſſe
zu meinem ganzen Zuſtande des Denkens, nem
lich: daß die Erkentniß ienes Obiects
auch a poſteriori
moͤglich ſey. Und hier zeiget ſich auch die
Urſache der hie
bey obwaltenden
Schwierigkeit. Waͤre von einem Gegen
ſtande der Sinne die Rede, ſo wuͤrde ich die
Exiſtenz des
Dinges mit dem bloſſen Begriffe
des Dinges nicht verwech
ſeln
koͤnnen. Denn durch den Begriff wird der Gegen
ſtand nur mit den allgemeinen
Bedingungen einer moͤgli
chen
empiriſchen Erkentniß uͤberhaupt als einſtimmig,
durch
die Exiſtenz aber als in dem Context der
geſamten Erfah
rung
IV. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines ontolog. Beweiſes ꝛc.
rung enthalten gedacht; da denn durch die
Verknuͤpfung
mit dem Inhalte der geſamten
Erfahrung der Begriff vom
Gegenſtande nicht im
mindeſten vermehrt wird, unſer
Denken aber
durch denſelben eine moͤgliche Wahrnehmung
mehr
bekomt. Wollen wir dagegen die Exiſtenz durch
die
reine Categorie allein denken, ſo iſt kein
Wunder, daß
wir kein Merkmal angeben koͤnnen,
ſie von der bloſſen
Moͤglichkeit zu
unterſcheiden.
Unſer Begriff von einem Gegenſtande mag alſo ent
halten, was und wie viel er wolle, ſo
muͤſſen wir doch aus
ihm herausgehen, um dieſem
die Exiſtenz zu ertheilen. Bey
Gegenſtaͤnden
der Sinne geſchieht dieſes durch den Zuſam
menhang mit irgend einer meiner
Wahrnehmungen nach
empiriſchen Geſetzen; aber
vor Obiecte des reinen Denkens
in ganz und gar
kein Mittel, ihr Daſeyn zu erkennen, weil
es
gaͤnzlich a priori erkant
werden muͤßte, unſer Bewuſt
ſeyn
aller Exiſtenz aber, (es ſey durch Wahrnehmung un
mittelbar, oder durch Schluͤſſe, die
etwas mit der Wahr
nehmung
verknuͤpfen,) gehoͤret ganz und gar zur Einheit
der Erfahrung und eine Exiſtenz auſſer dieſem Felde
kan
zwar nicht ſchlechterdings vor unmoͤglich
erklaͤrt werden,
ſie iſt aber eine
Vorausſetzung, die wir durch nichts recht
fertigen koͤnnen.
Der Begriff eines hoͤchſten Weſens iſt eine in man
cher Abſicht ſehr nuͤtzliche Idee, ſie
iſt aber eben darum,
weil ſie blos Idee iſt,
ganz unfaͤhig, um vermittelſt ihrer
allein
unſere Erkentniß in Anſehung deſſen, was exiſtirt,
P p 5
zu
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
zu erweitern. Sie vermag nicht einmal ſo viel,
daß ſie
uns in Anſehung der Moͤglichkeit eines
Mehreren belehrete.
Das analytiſche Merkmal der
Moͤglichkeit, das darin beſteht,
daß bloſſe
Poſitionen (Realitaͤten) keinen Widerſpruch er
zeugen, kan ihm zwar nicht geſtritten
werden; weil aber
die Verknuͤpfung aller realen
Eigenſchaften in einem Din
ge eine
Syntheſis iſt, uͤber deren Moͤglichkeit wir a priori
nicht urtheilen koͤnnen, weil uns die
Realitaͤten ſpecifiſch
nicht gegeben ſind und,
wenn dieſes auch geſchaͤhe, uͤber
all
gar kein Urtheil darin ſtatt findet, weil das
Merkmal
der Moͤglichkeit ſynthetiſcher
Erkentniſſe immer nur in der
Erfahrung geſucht
werden muß, zu welcher aber der Ge
genſtand einer Idee nicht gehoͤren kan, ſo hat der
beruͤhm
te Leibnitz bey weitem das
nicht geleiſtet, weſſen er ſich
ſchmeichelte,
nemlich eines ſo erhabenen idealiſchen Weſens
Moͤglichkeit a priori
einſehen zu wollen.
Es iſt alſo an dem ſo beruͤhmten ontologiſchen
(car
teſianiſchen) Beweiſe, vom
Daſeyn eines hoͤchſten Weſens
aus Begriffen,
alle Muͤhe und Arbeit verloren und ein
Menſch
moͤchte wol eben ſo wenig aus bloſſen Ideen an
Einſichten reicher werden, als ein Kaufmann an
Vermoͤ
gen, wenn er, um ſeinen
Zuſtand zu verbeſſern, ſeinem
Caſſenbeſtande
einige Nullen anhaͤngen wolte.
Des dritten Hauptſtuͤcks
Fuͤnfter Abſchnitt.
Von der
Unmoͤglichkeit eines
cosmologiſchen Beweiſes
vom Daſeyn Gottes.
Es war etwas ganz
Unnatuͤrliches und eine bloſſe Neue
rung des Schulwitzes, aus einer ganz
willkuͤhrlich
entworfenen Idee das Daſeyn des
ihr entſprechenden Ge
genſtandes ſelbſt
ausklauben zu wollen. In der That wuͤrde
man es
nie auf dieſem Wege verſucht haben, waͤre nicht
die Beduͤrfniß unſerer Vernunft, zur Exiſtenz
uͤberhaupt
irgend etwas Nothwendiges (bey dem
man im Aufſteigen
ſtehen
bleiden
bleiben
koͤnne) anzunehmen, vorhergegangen
und,
waͤre nicht die Vernunft, da dieſe
Nothwendigkeit unbe
dingt und a priori gewiß ſeyn muß,
gezwungen worden,
einen Begriff zu ſuchen, der,
wo moͤglich, einer ſolchen
Foderung ein Gnuͤge
thaͤte, und ein Daſeyn voͤllig a
priori
zu erkennen gaͤbe. Dieſen glaubte man nun in
der Idee
eines allerrealeſten Weſens zu finden,
und ſo wurde dieſe
nur zur beſtimteren Kentniß
desienigen, wovon man ſchon
anderweitig
uͤberzeugt oder uͤberredet war, es muͤſſe exiſti
ren, nemlich des nothwendigen Weſens
gebraucht. In
des verheelete man
dieſen natuͤrlichen Gang der Vernunft,
und,
anſtatt bey dieſem Begriffe zu endigen,
verſuchte
man von ihm anzufangen, um die
Nothwendigkeit des
Daſeyns aus ihm abzuleiten,
die er doch nur zu ergaͤnzen
beſtim
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
beſtimt war. Hieraus entſprang nun der
verungluͤckte on
tologiſche Beweis,
der weder vor den natuͤrlichen und ge
ſunden Verſtand, noch vor die ſchulgerechte
Pruͤfung et
was genugthuendes bey
ſich fuͤhret.
Der cosmologiſche Beweis, den wir iezt unterſu
chen wollen, behaͤlt die Verknuͤpfung
der abſoluten Noth
wendigkeit mit der
hoͤchſten Realitaͤt bey, aber, anſtatt, wie
der
vorige, von der hoͤchſten Realitaͤt auf die
Nothwendig
keit im Daſeyn zu
ſchlieſſen, ſchließt er vielmehr von der,
zum
voraus gegebenen unbedingten Nothwendigkeit
irgend
eines Weſens, auf deſſen unbegraͤnzte
Realitaͤt, und bringt
ſo fern alles wenigſtens
in das Gleiß einer, ich weiß nicht
ob
vernuͤnftigen, oder vernuͤnftelnden, wenigſtens
natuͤr
lichen Schlußart, welche
nicht allein vor den gemeinen, ſon
dern auch den ſpeculativen Verſtand die meiſte
Ueberredung
bey ſich fuͤhrt, wie ſie denn auch
ſichtbarlich zu allen Be
weiſen der
natuͤrlichen Theologie die erſte Grundlinien
zieht,
denen man iederzeit nachgegangen iſt und
ferner nachgehen
wird, man mag ſie nun durch
noch ſo viel Laubwerk und
Schnoͤrkel verzieren
und verſtecken, als man immer will.
Dieſen
Beweis, den Leibnitz auch den a
contingentia
mundi nante, wollen wir
iezt vor Augen ſtellen und der
Pruͤfung
unterwerfen.
Er lautet alſo: Wenn etwas exiſtirt, ſo muß auch
ein ſchlechterdingsnothwendiges Weſen exiſtiren.
Nun
exiſtire, zum mindeſten, ich ſelbſt: alſo
exiſtirt ein abſo
lutnothwendiges
Weſen. Der Unterſatz enthaͤlt eine Er
fah
V. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines cosmol. Beweiſes ꝛc.
fahrung, der Oberſatz die Schlußfolge aus
einer Erfah
rung uͤberhaupt auf das
Daſeyn des NothwendigenDieſe Schlußfolge iſt zu bekant, als daß es
noͤthig waͤre,
ſie hier weitlaͤuftig
vorzutragen. Sie beruht auf dem
vermeintlich
transſcendentalen Naturgeſetz der
Cauſſalitaͤt:
daß alles Zufaͤllige ſeine Urſache habe, die, wenn ſie
wie
derum zufaͤllig iſt, eben ſowol
eine Urſache haben muß,
bis die Reihe der
einander untergeordneten Urſachen ſich
bey
einer ſchlechthinnothwendigen Urſache endigen
muß,
ohne welche ſie keine Vollſtaͤndigkeit
haben wuͤrde..
Alſo hebt der Beweis
eigentlich von der Erfahrung an,
mithin iſt er
nicht gaͤnzlich a priori
gefuͤhrt, oder ontolo
giſch, und weil
der Gegenſtand aller moͤglichen Erfahrung
Welt
heißt, ſo wird er darum der cosmologiſche
Beweis
genant. Da er auch von aller beſondern
Eigenſchaft der
Gegenſtaͤnde der Erfahrung,
dadurch ſich dieſe Welt von
ieder moͤglichen
unterſcheiden mag, abſtrahirt: ſo wird
er ſchon
in ſeiner Benennung auch vom phyſicotheologi
ſchen Beweiſe unterſchieden, welcher
Beobachtungen der
beſonderen Beſchaffenheit
dieſer unſerer Sinnenwelt zu
Beweisgruͤnden
braucht.
Nun ſchließt der Beweis weiter: das nothwendige
Weſen kan nur auf eine einzige Art, d. i. in
Anſehung
aller moͤglichen entgegengeſezten
Praͤdicate nur durch eines
derſelben beſtimt
werden, folglich muß es durch ſeinen
Begriff
durchgaͤngig beſtimt
ſeyn. Nun iſt nur ein ein
ziger
Begriff von einem Dinge moͤglich, der daſſelbe a
priori durchgaͤngig
beſtimt, nemlich der des entis
realiſ
ſimi: Alſo iſt der
Begriff des allerrealeſten Weſens der
einzi
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
einzige, dadurch ein nothwendiges Weſen
gedacht werden
kan, d. i. es exiſtirt ein
hoͤchſtes Weſen nothwendiger
Weiſe.
In dieſem cosmologiſchen Argumente kommen ſo
viel vernuͤnftelnde Grundſaͤtze zuſammen, daß die
ſpecu
lative Vernunft hier alle
ihre dialectiſche Kunſt aufgeboten
zu haben
ſcheint, um den groͤßtmoͤglichen transſcendenta
len Schein zu Stande zu bringen. Wir
wollen ihre Pruͤ
fung indeſſen eine
Weile bey Seite ſetzen, um nur eine
Liſt
derſelben offenbar zu machen, mit welcher ſie ein
altes
Argument in verkleideter Geſtalt vor ein
neues aufſtellt
und ſich auf zweier Zeugen
Einſtimmung beruft, nemlich
einem reinen
Vernunftzeugen und einem anderen von em
piriſcher Beglaubigung,
da es doch nur der erſtere
allein
iſt, welcher blos ſeinen Anzug und
Stimme veraͤndert,
um vor einen zweiten
gehalten zu werden. Um ſeinen
Grund recht
ſicher zu legen, fuſſet ſich dieſer Beweis auf
Erfahrung und giebt ſich dadurch das Anſehen, als
ſey er
vom ontologiſchen Beweiſe unterſchieden,
der auf lauter
reine Begriffe a priori ſein ganzes
Vertrauen ſezt. Die
ſer Erfahrung
aber bedient ſich der cosmologiſche Beweis
nur,
um einen einzigen Schritt zu thun, nemlich zum
Daſeyn eines nothwendigen Weſens uͤberhaupt.
Was
dieſes vor Eigenſchaften habe, kan der
empiriſche Beweis
grund nicht lehren,
ſondern da nimt die Vernunft gaͤnz
lich von ihm Abſchied und forſcht hinter lauter
Begriffen:
was nemlich ein abſolutnothwendiges
Weſen uͤberhaupt
vor
V. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines cosmol. Beweiſes ꝛc.
vor Eigenſchaften haben muͤſſe, d. i. welches
unter allen
moͤglichen Dingen die erforderliche
Bedingungen (requi
ſita) zu einer abſoluten Nothwendigkeit in
ſich enthalte.
Nun glaubt ſie im Begriffe eines
allerrealeſten Weſens
einzig und allein dieſe
Requiſite anzutreffen, und ſchließt
ſodann: das
iſt das ſchlechterdingsnothwendige Weſen.
Es
iſt aber klar: daß man hiebey vorausſezt, der Be
griff eines Weſens von der hoͤchſten
Realitaͤt thue dem
Begriffe der abſoluten
Nothwendigkeit im Daſeyn voͤllig
gnug, d. i. es
laſſe ſich aus iener auf dieſe ſchlieſſen, ein
Satz, den das ontologiſche Argument behauptete,
welches
man alſo im cosmologiſchen Beweiſe
annimt und zum
Grunde legt, da man es doch
hatte vermeiden wollen.
Denn die abſolute
Nothwendigkeit iſt ein Daſeyn aus
bloſſen
Begriffen. Sage ich nun: der Begriff des entis
realiſſimi iſt ein
ſolcher Begriff und zwar der einzige, der
zu
dem nothwendigen Daſeyn paſſend und ihm
adaͤquat
iſt, ſo muß ich auch einraͤumen, daß
aus ihm das leztere
geſchloſſen werden koͤnne.
Es iſt alſo eigentlich nur der
ontologiſche
Beweis aus lauter Begriffen, der in dem ſo
genanten cosmologiſchen alle
Beweiskraft enthaͤlt, und die
angebliche
Erfahrung iſt ganz muͤſſig, vielleicht, um uns
nur auf den Begriff der abſoluten Nothwendigkeit zu
fuͤh
ren, nicht aber um dieſe an
irgend einem beſtimten Dinge
darzuthun. Denn
ſobald wir dieſes zur Abſicht haben,
muͤſſen
wir ſo fort alle Erfahrung verlaſſen, und unter
reinen Begriffen ſuchen,
welcher von ihnen wol die Be
din
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
dingungen der Moͤglichkeit eines
abſolutnothwendigen We
ſens enthalte.
Iſt aber auf ſolche Weiſe nur die Moͤg
lichkeit eines ſolchen Weſens eingeſehen, ſo iſt
auch ſein
Daſeyn dargethan; denn es heißt ſo
viel, als: unter allem
Moͤglichen iſt Eines,
das abſolute Nothwendigkeit bey ſich
fuͤhrt, d.
i. dieſes Weſen exiſtirt ſchlechterdingsnoth
wendig.
Alle Blendwerke im Schlieſſen entdecken ſich am
leich
teſten, wenn man ſie auf
ſchulgerechte Art vor Augen ſtellt
Hier iſt
eine ſolche Darſtellung.
Wenn der Satz richtig iſt: ein iedes
ſchlechthinnoth
wendiges Weſen iſt
zugleich das allerrealeſte Weſen (als
welches
der neruus probandi des
cosmologiſchen Bewei
ſes iſt), ſo muß
er ſich, wie alle beiahende Urtheile, we
nigſtens per
accidens umkehren laſſen; alſo einige
aller
realeſte Weſen ſind zugleich
ſchlechthinnothwendige We
ſen. Nun
iſt aber ein ens
realiſſimum von einem anderen
in keinem
Stuͤcke unterſchieden und, was alſo von einigen
unter dieſem Begriffe enthaltenen gilt, das gilt
auch von
allen. Mithin werde ich (in
dieſem Falle) auch ſchlecht
hin umkehren koͤnnen, d. i. ein
iedes allerrealeſte Weſen
iſt ein nothwendiges
Weſen. Weil nun dieſer Satz blos
aus ſeinen
Begriffen a priori beſtimt
iſt: ſo muß der bloſſe
Begriff des realeſten
Weſens auch die abſolute Nothwen
digkeit deſſelben bey ſich fuͤhren, welches eben
der ontolo
giſche Beweis behauptete
und der cosmologiſche nicht an
erken
V. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines cosmol. Beweiſes ꝛc.
erkennen wolte, gleichwol aber ſeinen
Schluͤſſen, obzwar
verſtekter Weiſe,
unterlegte.
So iſt denn der zweite Weg, den die ſpeculative
Vernunft nimt, um das Daſeyn des hoͤchſten Weſens
zu
beweiſen, nicht allein mit dem erſten gleich
truͤglich, ſon
dern hat noch dieſes
tadelhafte an ſich, daß er eine igno
ratio elenchi begeht,
indem er uns verheißt, einen neuen
Fußſteig zu
fuͤhren, aber, nach einem kleinen Umſchweif,
uns wiederum auf den alten zuruͤck bringt, den wir
ſeinet
wegen verlaſſen hatten.
Ich habe kurz vorher geſagt: daß in dieſem cosmo
logiſchen Argumente ſich ein ganzes
Neſt von dialectiſchen
Anmaſſungen verborgen
halte, welches die transſcenden
tale
Critik leicht entdecken und zerſtoͤhren kan. Ich
will
ſie iezt nur anfuͤhren und es dem ſchon
geuͤbten Leſer uͤber
laſſen, den
truͤglichen Grundſaͤtzen weiter nachzuforſchen
und ſie aufzuheben.
Da befindet ſich denn z. B. 1. der
transſcendentale
Grundſatz: vom Zufaͤlligen auf
eine Urſache zu ſchlieſſen,
welcher nur in der
Sinnenwelt von Bedeutung iſt, auſſer
halb derſelben aber auch nicht einmal einen Sinn
hat.
Denn der blos intellectuelle Begriff des
Zufaͤlligen kan gar
keinen ſynthetiſchen Satz,
wie den der Cauſſalitaͤt, her
vorbringen, und der Grundſatz der lezteren hat gar
keine
Bedeutung und kein Merkmal ſeines
Gebrauchs, als nur
in der Sinnenwelt; hier aber
ſolte er gerade dazu dienen,
um uͤber die
Sinnenwelt hinaus zu kommen. 2. Der
Q q
Schluß,
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Schluß, von der Unmoͤglichkeit einer
unendlichen Reihe
uͤber einander gegebenen
Urſachen in der Sinnenwelt auf
eine erſte
Urſache zu ſchlieſſen, wozu uns die Principien
des Vernunftgebrauchs ſelbſt in der Erfahrung nicht
be
rechtigen, vielweniger dieſen
Grundſatz uͤber dieſelbe (wo
hin
dieſe Kette gar nicht verlaͤngert werden kan)
ausdeh
nen koͤnnen. 3. Die falſche
Selbſtbefriedigung der Ver
nunft, in
Anſehung der Vollendung dieſer Reihe, da
durch: daß man endlich alle Bedingung,
ohne welche doch
kein Begriff einer
Nothwendigkeit ſtatt finden kan, weg
ſchaft und, da man alsdenn nichts weiter begreifen
kan,
dieſes vor eine Vollendung ſeines Begriffs
annimt. 4. Die
Verwechſelung der logiſchen
Moͤglichkeit eines Begriffs von
aller
vereinigten Realitaͤt (ohne inneren Widerſpruch)
mit
der transſcendentalen, welche ein
Principium der Thun
lichkeit einer
ſolchen Syntheſis bedarf, das aber wiederum
nur
auf das Feld moͤglicher Erfahrungen gehen kan, u. ſ.
w.
Das Kunſtſtuͤck des cosmologiſchen Beweiſes
zielet
blos darauf ab, um dem Beweiſe des
Daſeyns eines
nothwendigen Weſens a priori durch bloſſe
Begriffe aus
zuweichen, der
ontologiſch gefuͤhrt werden muͤßte, wozu
wir
uns aber gaͤnzlich unvermoͤgend fuͤhlen. In
dieſer
Abſicht ſchlieſſen wir aus einem zum
Grunde gelegten wirk
lichen Daſeyn
(einer Erfahrung uͤberhaupt), ſo gut es
ſich
will thun laſſen, auf irgend eine
ſchlechterdingsnoth
wendige
Bedingung deſſelben. Wir haben alsdenn dieſer
ihre Moͤglichkeit nicht noͤthig zu erklaͤren. Denn, wenn
bewie
V. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines cosmol. Beweiſes ꝛc.
bewieſen iſt, daß ſie da ſey, ſo iſt die Frage
wegen ihrer
Moͤglichkeit ganz unnoͤthig. Wollen
wir nun dieſes noth
wendige Weſen
nach ſeiner Beſchaffenheit naͤher beſtimmen,
ſo
ſuchen wir nicht dasienige, was hinreichend iſt,
aus
ſeinem Begriffe die Nothwendigkeit des
Daſeyns zu be
greifen, denn koͤnten
wir dieſes, ſo haͤtten wir keine em
piriſche Vorausſetzung noͤthig; nein, wir ſuchen
nur die
negative Bedingung, (conditio ſine qua non), ohne
welche
ein Weſen nicht abſolutnothwendig ſeyn wuͤrde.
Nun wuͤrde das in aller anderen Art von Schluͤſſen,
aus
einer gegebenen Folge auf ihren Grund, wol
angehen;
es trift ſich aber hier ungluͤcklicher
Weiſe, daß die Be
dingung, die man
zur abſoluten Nothwendigkeit fodert,
nur in
einem einzigen Weſen angetroffen werden kan,
welches daher in ſeinem Begriffe alles, was zur
abſoluten
Nothwendigkeit erfoderlich iſt,
enthalten muͤßte, und alſo
einen Schluß a priori auf dieſelbe
moͤglich macht, d. i.
ich muͤßte auch umgekehrt
ſchlieſſen koͤnnen: welchem Din
ge
dieſer Begriff (der hoͤchſten Realitaͤt) zukomt, das
iſt
ſchlechterdings nothwendig und, kan ich ſo
nicht ſchlieſſen,
(wie ich denn dieſes geſtehen
muß, wenn ich den ontolo
giſchen
Beweis vermeiden will), ſo bin ich auch auf mei
nem neuen Wege verungluͤckt und
befinde mich wiederum
da, von wo ich ausging.
Der Begriff des hoͤchſten We
ſens
thut wol allen Fragen a
priori ein Gnuͤge, die we
gen
der inneren Beſtimmungen eines Dinges koͤnnen auf
geworfen werden, und iſt darum auch
ein Ideal ohne
Q q 2
Gleichen,
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Gleichen, weil der allgemeine Begriff daſſelbe
zugleich als
ein Individuum unter allen
moͤglichen Dingen auszeich
net. Er
thut aber der Frage wegen ſeines eigenen Da
ſeyns gar kein Gnuͤge, als warum es
doch eigentlich nur
zu thun war, und man konte
auf die Erkundigung deſſen,
der das Daſeyn
eines nothwendigen Weſens annahm und
nur wiſſen
wolte, welches denn unter allen Dingen davor
angeſehen werden muͤſſe, nicht antworten: Dies hier
iſt
das nothwendige Weſen.
Es mag wol erlaubt ſeyn, das Daſeyn eines Weſens
von der hoͤchſten Zulaͤnglichkeit, als Urſache zu
allen moͤg
lichen Wirkungen,
anzunehmen, um der Vernunft die
Einheit der
Erklaͤrungsgruͤnde, welche ſie ſucht, zu er
leichteren. Allein, ſich ſo viel
herauszunehmen: daß man
ſo gar ſage: ein ſolches Weſen exiſtirt
nothwendig, iſt
nicht mehr die beſcheidene Aeuſſerung einer
erlaubten Hy
potheſe, ſondern die
dreuſte Anmaſſung einer apodictiſchen
Gewißheit; denn, was man als ſchlechthinnothwendig
zu
erkennen vorgiebt, davon muß auch die
Erkentniß abſo
lute Nothwendigkeit
bey ſich fuͤhren.
Die ganze Aufgabe des transſcendentalen Ideals
komt darauf an: entweder zu der abſoluten
Nothwendig
keit einen Begriff, oder
zu dem Begriffe von irgend einem
Dinge die
abſolute Nothwendigkeit deſſelben zu finden.
Kan
man das eine, ſo muß man auch das andere
koͤnnen; denn
als ſchlechthinnothwendig erkent
die Vernunft nur dasie
nige, was aus
ſeinem Begriffe nothwendig iſt. Aber bei
des
V. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines cosmol. Beweiſes ꝛc.
des uͤberſteigt gaͤnzlich alle aͤuſſerſte
Beſtrebungen, unſe
ren Verſtand uͤber
dieſen Punct zu befriedigen, aber auch
alle
Verſuche, ihn wegen dieſes ſeines Unvermoͤgens zu
be
ruhigen.
Die unbedingte Nothwendigkeit, die wir, als den
lezten Traͤger aller Dinge, ſo unentbehrlich
beduͤrfen, iſt
der wahre Abgrund vor die
menſchliche Vernunft. Selbſt
die Ewigkeit, ſo
ſchauderhafterhaben ſie auch ein Haller
ſchildern mag, macht lange den ſchwindelichten
Eindruck
nicht auf das Gemuͤth; denn ſie mißt nur die Dauer der
Dinge, aber traͤgt ſie nicht. Man kan ſich des
Gedan
ken nicht erwehren, man kan
ihn aber auch nicht ertra
gen: daß
ein Weſen, welches wir uns auch als das Hoͤch
ſte unter allen moͤglichen vorſtellen,
gleichſam zu ſich ſelbſt
ſage: Ich bin von
Ewigkeit zu Ewigkeit, auſſer mir iſt
nichts,
ohne das, was blos durch meinen Willen etwas
iſt; aber woher bin ich
denn? Hier ſinkt alles unter
uns und die
groͤßte Vollkommenheit, wie die kleinſte,
ſchwebt ohne Haltung blos vor der ſpeculativen
Vernunft,
der es nichts
koſtes
koſte
, die eine ſo wie die andere, ohne die
mindeſte Hinderniß verſchwinden zu laſſen.
Viele Kraͤfte der Natur, die ihr Daſeyn durch ge
wiſſe Wirkungen aͤuſſern, bleiben vor
uns unerforſchlich;
denn wir koͤnnen ihnen
durch Beobachtung nicht weit ge
nug
nachſpuͤhren. Das den Erſcheinungen zum Grunde
liegende transſcendentale Obiect und, mit demſelben
der
Grund, warum unſere Sinnlichkeit dieſe
vielmehr als an
Q q 3
dere
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
dere oberſte Bedingungen habe, ſind und
bleiben vor uns
unerforſchlich, obzwar die
Sache ſelbſt uͤbrigens gegeben,
aber nur nicht
eingeſehen iſt. Ein Ideal der reinen Ver
nunft kan aber nicht unerforſchlich heiſſen, weil
es weiter
keine Beglaubigung ſeiner Realitaͤt
aufzuweiſen hat, als
die Beduͤrfniß der
Vernunft, vermittelſt deſſelben alle ſyn
thetiſche Einheit zu vollenden. Da es
alſo nicht einmal
als denkbarer Gegenſtand
gegeben iſt, ſo iſt es auch nicht
als ein
ſolcher unerforſchlich, vielmehr muß er, als
bloſſe
Idee, in der Natur der Vernunft ſeinen
Sitz und ſeine
Aufloͤſung finden und alſo
erforſcht werden koͤnnen; denn
eben darin
beſteht Vernunft: daß wir von allen unſeren
Begriffen, Meinungen und Behauptungen, es ſey
aus
obiectiven, oder, wenn ſie ein bloſſer
Schein ſind, aus
ſubiectiven Gruͤnden
Rechenſchaft geben koͤnnen.
Entdeckung und Erklaͤrung
des dialectiſchen Scheins
in allen transſcendentalen Beweiſen vom
Daſeyn eines
nothwendigen Weſens.
Beide bisher gefuͤhrte Beweiſe waren
transſcenden
tal, d. i. unabhaͤngig
von empiriſchen Principien verſucht.
Denn,
obgleich der cosmologiſche eine Erfahrung
uͤberhaupt
zum Grunde legt, ſo iſt er doch
nicht aus irgend einer be
ſonderen
Beſchaffenheit derſelben, ſondern aus reinen
Vernunftprincipien, in Beziehung auf eine durchs
empiri
che Bewuſtſeyn uͤberhaupt
gegebene Exiſtenz, gefuͤhret
und
V. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines cosmol. Beweiſes ꝛc.
und verlaͤßt ſo gar dieſe Anleitung, um ſich
auf lauter
reine Begriffe zu ſtuͤtzen. Was
iſt nun in dieſen trans
ſcendentalen Beweiſen die Urſache des
dialectiſchen, aber
natuͤrlichen Scheins,
welcher die Begriffe der Nothwendig
keit und hoͤchſten Realitaͤt verknuͤpft und
dasienige, was
doch nur Idee ſeyn kan,
realiſirt und hypoſtaſirt? Was
iſt die
Urſache der Unvermeidlichkeit, etwas als an
ſich
nothwendig unter den exiſtirenden Dingen
anzunehmen,
und doch zugleich von dem Daſeyn
eines ſolchen Weſens
als einem Abgrunde
zuruͤckzubeben, und wie faͤngt man es
an, daß
ſich die Vernunft hieruͤber ſelbſt verſtehe
und
aus dem ſchwankenden Zuſtande eines
ſchuͤchternen und
immer wiederum
zuruͤckgenommenen Beifalls, zur ruhi
gen Einſicht gelange?
Es iſt etwas uͤberaus Merkwuͤrdiges: daß,
wenn
man vorausſezt, etwas exiſtire, man der
Folgerung nicht
Umgang haben kann: daß auch
irgend etwas nothwendi
gerweiſe
exiſtire. Auf dieſem ganz natuͤrlichen
(obzwar
darum noch nicht ſicheren) Schluſſe
beruhete das cosmo
logiſche
Argument. Dagegen mag ich einen Begriff von
einem Dinge annehmen, welchen ich will, ſo finde
ich, daß
ſein Daſeyn niemals von mir als
ſchlechterdings nothwen
dig
vorgeſtellt werden koͤnne, und daß mich nichts
hindere,
es mag exiſtiren was da wolle, das
Nichtſeyn deſſelben zu
denken, mithin ich
zwar zu dem Exiſtirenden uͤberhaupt
etwas
Nothwendiges annehmen muͤſſe, kein einziges
Ding
aber ſelbſt, als an ſich nothwendig,
denken koͤnne: Das
Q q 4
heißt:
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
heißt: ich kan das Zuruͤckgehen zu den
Bedingungen des
Exiſtirens niemals vollenden,
ohne ein nothwendig Weſen
anzunehmen, ich kan
aber von demſelben niemals an
fangen.
Wenn ich zu exiſtirenden Dingen uͤberhaupt
etwas
Nothwendiges denken muß, kein Ding aber
an ſich ſelbſt
als nothwendig zu denken
befugt bin, ſo folgt daraus un
vermeidlich: daß Nothwendigkeit und
Zufaͤlligkeit nicht
die Dinge ſelbſt angehen
und treffen muͤſſe, weil ſonſt ein
Widerſpruch vorgehen wuͤrde, mithin keiner dieſer
beiden
Grundſaͤtze obiectiv ſey, ſondern ſie
allenfalls nur ſub
iective
Principien der Vernunft ſeyn koͤnnen, nemlich
einer
Seits zu allem, was als exiſtirend
gegeben iſt, etwas zu
ſuchen, das nothwendig
iſt, d. i. niemals anderswo, als
bey einer
a priori vollendeten
Erklaͤrung aufzuhoͤren, an
derer
Seits aber auch dieſe Vollendung niemals zu
hoffen,
d. i. nichts Empiriſches als
unbedingt anzunehmen, und
ſich dadurch
fernerer Ableitung zu uͤberheben. In ſol
cher Bedeutung koͤnnen beide
Grundſaͤtze als blos hevri
ſtiſch
und regulativ, die nichts, als das formale
Intereſſe
der Vernunft beſorgen, ganz wol bey
einander beſtehen.
Denn der eine ſagt, ihr
ſollt ſo uͤber die Natur philo
ſophiren, als ob es zu allem, was zur Exiſtenz
gehoͤrt,
einen nothwendigen erſten Grund
gebe, lediglich um ſy
ſtematiſche
Einheit in euer Erkentniß zu bringen, indem
ihr einer ſolchen Idee, nemlich einem
eingebildeten ober
ſten Grunde,
nachgeht: der andere aber warnet euch, keine
ein
V. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines cosmol. Beweiſes ꝛc.
einzige Beſtimmung, die die Exiſtenz der
Dinge betrift,
vor einen ſolchen oberſten
Grund, d. i. als abſolutnothwen
dig
anzunehmen, ſondern euch noch immer den Weg
zur
ferneren Ableitung offen zu erhalten und
ſie daher iederzeit
noch als bedingt zu
behandeln. Wenn aber vor uns alles,
was an
den Dingen wahrgenommen wird, als bedingtnoth
wendig betrachtet werden muß: ſo kan
auch kein Ding
(das empiriſch gegeben ſeyn
mag) als abſolutnothwendig
angeſehen
werden.
Es folgt aber hieraus: daß ihr das
Abſolutnothwen
dige auſſerhalb der
Welt annehmen muͤßt; weil
es nur
zu einem Princip der groͤßtmoͤglichen
Einheit der Erſchei
nungen, als
deren oberſter Grund, dienen ſoll und ihr
in
der Welt niemals dahin
gelangen koͤnt, weil die zweite
Regel euch
gebietet, alle empiriſche Urſachen der
Einheit
iederzeit als abgeleitet
anzuſehen.
Die Philoſophen des Alterthums ſahen alle Form
der
Natur als zufaͤllig, die Materie aber,
nach dem Urtheile
der gemeinen Vernunft, als
urſpruͤnglich und nothwendig
an. Wuͤrden ſie
aber die Materie nicht als Subſtratum
der
Erſcheinungen reſpectiv, ſondern an ſich ſelbſt ihrem
Daſeyn nach betrachtet haben, ſo waͤre die Idee
der abſo
luten Nothwendigkeit ſo
gleich verſchwunden. Denn es
iſt nichts, was
die Vernunft an dieſes Daſeyn ſchlecht
hin bindet, ſondern ſie kan ſolches,
iederzeit und
ohne Widerſtreit, in Gedanken
aufheben; in Gedan
ken aber lag
auch allein die abſolute Nothwendigkeit.
Q q 5
Es
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Es mußte alſo bey dieſer Ueberredung ein
ge
wiſſes regulative Princip zum
Grunde liegen. In
der That iſt auch
Ausdehnung und Undurchdringlichkeit
(die
zuſammen den Begriff von Materie ausmachen)
das
oberſte empiriſche Principium der Einheit
der Erſcheinun
gen und hat, ſo fern
als es empiriſch unbedingt iſt, eine
Eigenſchaft des regulativen Princips an ſich.
Gleichwol,
da iede Beſtimmung der Materie,
welche das Reale der
ſelben
ausmacht, mithin auch die Undurchdringlichkeit,
ei
ne Wirkung (Handlung) iſt, die
ihre Urſache haben muß
und daher immer noch
abgeleitet iſt, ſo ſchickt ſich die
Materie
doch nicht zur Idee eines nothwendigen
Weſens,
als eines Princips aller abgeleiteten
Einheit; weil iede
ihrer realen
Eigenſchaften, als abgeleitet, nur bedingt
nothwendig iſt und alſo an ſich aufgehoben werden
kan,
hiemit aber das ganze Daſeyn der Materie
aufgehoben wer
den wuͤrde, wenn
dieſes aber nicht geſchaͤhe, wir den hoͤch
ſten Grund der Einheit empiriſch
erreicht haben wuͤrden,
welches durch das
zweite regulative Princip verboten wird,
ſo
folgt: daß die Materie, und uͤberhaupt, was zur
Welt
gehoͤrig iſt, zu der Idee eines
nothwendigen Urweſens, als
eines bloſſen
Princips der groͤßten empiriſchen Einheit,
nicht
ſchicklich ſey, ſondern daß es
auſſerhalb der Welt geſezt
werden muͤſſe, da
wir denn die Erſcheinungen der Welt
und ihr
Daſeyn immer getroſt von anderen ableiten
koͤnnen,
als ob es kein nothwendig Weſen
gaͤbe und dennoch zu
der Bollſtaͤndigkeit der
Ableitung unaufhoͤrlich ſtreben koͤn
nen:
V. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines cosmol. Beweiſes ꝛc.
nen, als ob ein ſolches, als ein oberſter
Grund, voraus
geſezt waͤre.
Das Ideal des hoͤchſten Weſens iſt nach dieſen
Be
trachtungen nichts anders, als
ein regulatives Princip
der
Vernunft, alle Verbindung in der Welt ſo
anzuſehen,
als ob ſie aus einer allgnugſamen
nothwendigen Urſache
entſpraͤnge, um darauf
die Regel einer ſyſtematiſchen und
nach
allgemeinen Geſetzen nothwendigen Einheit in
der
Erklaͤrung derſelben
zu gruͤnden und iſt nicht eine Behaup
tung einer an ſich nothwendigen
Exiſtenz. Es iſt aber
zugleich unvermeidlich,
ſich, vermittelſt einer transſcen
dentalen Subreption, dieſes formale Princip als
conſtitu
tiv vorzuſtellen und ſich
dieſe Einheit hypoſtatiſch zu den
ken. Denn, ſo wie der Raum, weil er alle
Geſtalten,
die lediglich verſchiedene
Einſchraͤnkungen deſſelben ſind,
urſpruͤnglich moͤglich macht, ob er gleich nur ein
Princi
pium der Sinnlichkeit iſt,
dennoch eben darum vor ein
ſchlechterdings
nothwendiges vor ſich beſtehendes Etwas
und
einen a priori an ſich
ſelbſt gegebenen Gegenſtand ge
halten wird, ſo geht es auch ganz natuͤrlich zu:
daß, da die
ſyſtematiſche Einheit der Natur
auf keinerley Weiſe zum
Princip des
empiriſchen Gebrauchs unſerer Vernunft auf
geſtellet werden kan, als ſo fern wir
die Idee eines aller
realeſten
Weſens, als der oberſten Urſache, zum Grunde
legen, dieſe Idee dadurch als ein wirklicher
Gegenſtand
und dieſer wiederum, weil er die
oberſte Bedingung iſt,
als nothwendig
vorgeſtellet, mithin ein regulatives Prin
cip
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
cip in ein conſtitutives verwandelt werde,
welche Unter
ſchiebung ſich dadurch
offenbart: daß, wenn ich nun die
ſes oberſte Weſen, welches reſpectiv auf die
Welt ſchlecht
hin (unbedingt)
nothwendig war, als Ding vor ſich be
trachte, dieſe Nothwendigkeit keines Begriffs
faͤhig iſt,
und alſo nur als formale
Bedingung des Denkens, nicht
aber als
materiale und hypoſtatiſche Bedingung des Da
ſeyns, in meiner Vernunft anzutreffen
geweſen ſeyn
muͤſſe.
Des dritten Hauptſtuͤcks
Sechſter Abſchnitt.
Von der
Unmoͤglichkeit des
phyſicotheologiſchen Beweiſes.
Wenn denn weder der Begriff
von Dingen uͤberhaupt,
noch die Erfahrung von
irgend einem Daſeyn
uͤberhaupt, das, was gefodert wird, leiſten
kan, ſo bleibt
noch ein Mittel uͤbrig, zu
verſuchen, ob nicht eine beſtim
te Erfahrung, mithin
die, der Dinge der gegenwaͤrtigen
Welt, ihre
Beſchaffenheit und Anordnung einen Beweis
grund abgebe, der uns ſicher zur
Ueberzeugung von dem
Daſeyn eines hoͤchſten
Weſens verhelfen koͤnne. Einen
ſolchen Beweis
wuͤrden wir den phyſicotheologiſchen nen
nen.
Solte dieſer auch unmoͤglich ſeyn: ſo iſt
uͤberall
kein gnugthuender Beweis aus blos
ſpeculativer Vernunft
vor das Daſeyn eines
Weſens, welches unſerer transſcen
dentalen Idee entſpraͤche, moͤglich.
Man
VI. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines phyſicotheolog. ꝛc.
Man wird nach allen obigen Bemerkungen bald ein
ſehen, daß der Beſcheid auf dieſe
Nachfrage ganz leicht
und buͤndig erwartet
werden koͤnne. Denn, wie kan ie
mals
Erfahrung gegeben werden, die einer Idee angemeſ
ſen ſeyn ſolte? Darin beſteht eben das
Eigenthuͤmliche der
lezteren, daß ihr niemals
irgend eine Erfahrung congrui
ren
koͤnne. Die transſcendentale Idee von einem noth
wendigen allgnugſamen Urweſen iſt ſo
uͤberſchwenglich groß,
ſo hoch uͤber alles
Empiriſche, das iederzeit bedingt iſt,
erhaben,
daß man theils niemals Stoff genug in der Er
fahrung auftreiben kan, um einen
ſolchen Begriff zu fuͤl
len, theils
immer unter dem Bedingten herumtappt und
ſtets
vergeblich nach dem Unbedingten, wovon uns kein
Geſetz irgend einer empiriſchen Syntheſis ein
Beiſpiel,
oder dazu die mindeſte Leitung giebt,
ſuchen werden.
Wuͤrde das hoͤchſte Weſen in dieſer Kette der
Bedin
gungen ſtehen, ſo wuͤrde es
ſelbſt ein Glied der Reihe
derſelben ſeyn und,
eben ſo, wie die niedere Glieder, de
nen es vorgeſezt iſt, noch fernere Unterſuchung
wegen ſei
nes noch hoͤheren Grundes
erfodern. Will man es dage
gen von
dieſer Kette trennen und, als ein blos intelligi
beles Weſen, nicht in der Reihe der
Natururſachen mit be
greifen: welche
Bruͤcke kan die Vernunft alsdenn wol ſchla
gen, um zu demſelben zu gelangen? Da
alle Geſetze des
Ueberganges von Wirkungen zu
Urſachen, ia alle Synthe
ſis und
Erweiterung unſerer Erkentniß uͤberhaupt auf
nichts anderes, als moͤgliche Erfahrung, mithin blos auf
Gegen
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Gegenſtaͤnde der Sinnenwelt geſtellt ſeyn und
nur in Anſe
hung ihrer eine Bedeutung
haben koͤnnen.
Die gegenwaͤrtige Welt eroͤfnet uns einen ſo uner
meßlichen Schauplatz von
Mannigfaltigkeit, Ordnung,
Zweckmaͤſſigkeit und
Schoͤnheit, man mag dieſe nun in
der
Unendlichkeit des Raumes, oder in der
unbegraͤnzten
Theilung deſſelben verfolgen, daß
ſelbſt nach den Kentniſſen,
welche unſer
ſchwache Verſtand davon hat erwerben koͤn
nen, alle Sprache, uͤber ſo viele und
unabſehlichgroſſe
Wunder, ihren Nachdruck, alle
Zahlen ihre Kraft zu
meſſen und ſelbſt unſere
Gedanken alle Begraͤnzung ver
miſſen,
ſo, daß ſich unſer Urtheil vom Ganzen in ein
ſprach
loſes, aber deſto beredteres
Erſtaunen aufloͤſen muß. Aller
werts
ſehen wir eine Kette der Wirkungen und
Urſachen,
von Zwecken und den Mitteln,
Regelmaͤſſigkeit im Ent
ſtehen oder
Vergehen, und, indem nichts von ſelbſt in
den
Zuſtand getreten iſt, darin es ſich befindet, ſo
weiſet
er immer weiter hin nach einem anderen
Dinge, als ſeiner
Urſache, welche gerade eben
dieſelbe weitere Nachfrage
nothwendig macht,
ſo, daß auf ſolche Weiſe das ganze
All im
Abgrunde des Nichts verſinken muͤßte, naͤhme
man
nicht etwas an, das auſſerhalb dieſem
unendlichen Zufaͤlli
gen, vor ſich
ſelbſt urſpruͤnglich und unabhaͤngig beſtehend,
daſſelbe hielte und, als die Urſache ſeines
Urſprungs, ihm
zugieich ſeine Fortdauer
ſicherte. Dieſe hoͤchſte Urſache
(in Anſehung
aller Dinge der Welt) wie groß ſoll man ſie
ſich denken? Die Welt kennen wir nicht ihrem ganzen
In
halte
VI. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines phyſicotheolog. ꝛc.
halte nach, noch weniger wiſſen wir ihre
Groͤſſe durch die
Vergleichung mit allem, was
moͤglich iſt, zu ſchaͤtzen.
Was hindert uns
aber, daß, da wir einmal in Abſicht auf Cauſ
ſalitaͤt ein aͤuſſerſtes und oberſtes
Weſen beduͤrfen, es nicht
zugleich dem Grade
der Vollkommenheit nach uͤber
alles
andere Moͤgliche ſetzen ſolten,
welches wir leicht, obzwar
freilich nur durch
den zarten Umriß eines abſtracten Be
griffs, bewerkſtelligen koͤnnen, wenn wir uns in
ihm, als
einer einigen Subſtanz, alle moͤgliche
Vollkommenheit ver
einigt vorſtellen,
welcher Begriff der Foderung unſerer
Vernunft
in der Erſpahrung der Principien guͤnſtig, in
ſich ſelbſt keinen Widerſpruͤchen unterworfen und
ſelbſt der
Erweiterung des Vernunftgebrauchs
mitten in der Erfah
rung, durch die
Leitung, welche eine ſolche Idee auf Ord
nung und Zweckmaͤſſigkeit giebt,
zutraͤglich, nirgend aber
einer Erfahrung auf
entſchiedene Art zuwider iſt.
Dieſer Beweis verdient iederzeit mit Achtung ge
nant zu werden. Er iſt der aͤlteſte,
klaͤreſte und der ge
meinen
Menſchenvernunft am meiſten angemeſſene. Er
belebt das Studium der Natur, ſo wie er ſelbſt von
die
ſem ſein Daſeyn hat und dadurch
immer neue Kraft be
komt. Er bringt
Zwecke und Abſichten dahin, wo ſie un
ſere Beobachtung nicht von ſelbſt entdekt haͤtte
und erwei
terr unſere Naturkentniſſe
durch den Leitfaden einer beſon
deren
Einheit, deren Princip auſſer der Natur iſt.
Dieſe
Kentniſſe wirken aber wieder auf ihre
Urſache, nemlich die
veran
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
veranlaſſende Idee zuruͤck und vermehren den
Glauben an
einen hoͤchſten Urheber bis zu einer
unwiderſtehlichen Ueber
zeugung.
Es wuͤrde daher nicht allein troſtlos, ſondern
auch
ganz umſonſt ſeyn, dem Anſehen dieſes
Beweiſes etwas
entziehen zu wollen. Die
Vernunft, die durch ſo maͤch
tige und
unter ihren Haͤnden immer wachſende, obzwar
nur
empiriſche Beweisgruͤnde, unablaͤſſig gehoben
wird,
kan durch keine Zweifel ſubtiler
abgezogener Speculation
ſo niedergedruͤkt
werden, daß ſie nicht aus ieder gruͤbleri
ſchen Unentſchloſſenheit, gleich als
aus einem Traume, durch
einen Blick, den ſie
auf die Wunder der Natur und der
Maieſtaͤt des
Weltbaues wirft, geriſſen werden ſolte, um
ſich
von Groͤſſe zu Groͤſſe bis zur allerhoͤchſten, vom
Be
dingten zur Bedingung, bis zum
oberſten und unbeding
ten Urheber zu
erheben.
Ob wir aber gleich wider die Vernunftmaͤſſigkeit
und
Nuͤtzlichkeit dieſes Verfahrens nichts
einzuwenden, ſondern
es vielmehr zu empfehlen
und aufzumuntern haben, ſo
koͤnnen wir darum
doch die Anſpruͤche nicht billigen, wel
che dieſe Beweisart auf apodictiſche
Gewißheit und auf
einen, gar keiner Gunſt, oder
fremder Unterſtuͤtzung be
duͤrftigen
Beifall machen moͤchte und es kan der guten Sa
che keinesweges ſchaden, die
dogmatiſche Sprache eines
hohnſprechenden
Vernuͤnftlers auf den Ton der Maͤſſigung
und
Beſcheidenheit, eines zur Beruhigung
hinreichenden,
obgleich eben nicht unbedingte
Unterwerfung gebietenden
Glau
VI. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines phyſicotheolog. ꝛc.
Glaubens, herabzuſtimmen. Ich behaupte
demnach: daß
der phyſicotheologiſche Beweis das
Daſeyn eines hoͤchſten
Weſens niemals allein
darthun koͤnne, ſondern es iederzeit
dem
ontologiſchen (welchem er nur zur Introduction
dient),
uͤberlaſſen muͤſſe, dieſen Mangel zu
ergaͤnzen, mithin die
ſer immer noch
den einzigmoͤglichen Beweisgrund (wo
fern uͤberall nur ein ſpeculativer Beweis ſtatt
findet), ent
halte, den keine
menſchliche Vernunft vorbey gehen kan.
Die Hauptmomente des gedachten phyſiſchtheologi
ſchen Beweiſes ſind folgende: 1. In
der Welt finden ſich
allerwerts deutliche
Zeichen einer Anordnung nach beſtim
ter Abſicht, mit groſſer Weisheit ausgefuͤhrt und
in einem
Ganzen, von unbeſchreiblicher
Mannigfaltigkeit des In
halts ſo wol,
als auch unbegraͤnzter Groͤſſe des Umfangs;
2.
Denen Dingen der Welt iſt dieſe zweckmaͤſſige
Anord
nung ganz fremd und haͤngt
ihnen nur zufaͤllig an, d. i. die
Natur
verſchiedener Dinge konte von ſelbſt, durch ſo
vie
lerley ſich vereinigende
Mittel, zu beſtimten Endabſichten
nicht
zuſammen ſtimmen, waͤren ſie nicht durch ein
anord
nendes vernuͤnftiges Princip,
nach zum Grunde liegenden
Ideen, dazu ganz
eigentlich gewaͤhlt und angelegt worden.
3. Es
exiſtirt alſo eine erhabene und weiſe Urſache
(oder
mehrere), die nicht blos, als
blindwirkende allvermoͤgende
Natur, durch Fruchtbarkeit, ſondern, als
Intelligenz,
durch Freiheit die Urſache der Welt ſeyn muß. 4.
Die
Einheit derſelben
laͤßt ſich aus der Einheit der
wechſelſei
tigen Beziehung der
Theile der Welt, als Glieder von ei
R r
nem
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
nem kuͤnſtlichen Bauwerk, an demienigen, wohin
unſere
Beobachtung reicht, mit Gewißheit,
weiter hin aber,
nach allen Grundſaͤtzen der
Analogie, mit Wahrſcheinlich
keit
ſchlieſſen.
Ohne hier mit der natuͤrlichen Vernunft uͤber
ihren
Schluß zu chicaniren, da ſie aus der
Analogie einiger Na
turproducte mit
demienigen, was menſchliche Kunſt hervor
bringt, wenn ſie der Natur Gewalt thut
und ſie noͤthigt,
nicht nach ihren Zwecken zu
verfahren, ſondern ſich in die
unſrige zu
ſchmiegen, (der Aehnlichkeit derſelben mit Haͤu
ſern, Schiffen, Uhren) ſchließt, es
werde eben eine ſolche
Cauſſalitaͤt, nemlich
Verſtand und Wille, bey ihr zum
Grunde liegen,
wenn ſie die innere Moͤglichkeit der freiwirken
den Natur (die alle Kunſt und
vielleicht ſelbſt ſo gar die
Vernunft zuerſt
moͤglich macht), noch von einer anderen,
obgleich uͤbermenſchlichen Kunſt ableitet, welche
Schlußart
vielleicht die ſchaͤrfſte transſc.
Critik nicht aushalten duͤrfte,
muß man doch
geſtehen, daß, wenn wir einmal eine Urſache
nennen ſollen, wir hier nicht ſicherer, als nach der
Analogie mit
dergleichen zweckmaͤſſigen
Erzeugungen, die die einzige ſind,
wovon uns
die Urſachen und Wirkungsart voͤllig bekant
ſind,
verfahren koͤnnen. Die Vernunft wuͤrde es
bey ſich ſelbſt
nicht verantworten koͤnnen,
wenn ſie von der Cauſſalitaͤt,
die ſie kent, zu
dunkeln und unerweislichen Erklaͤrungs
gruͤnden, die ſie nicht kent, uͤbergehen
wolte.
Nach dieſem Schluſſe muͤßte die undeckmaͤſſigkeit
und
Wolgereimtheit ſo vieler Naturanſtalten
blos die Zufaͤllig
keit
VI. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines phyſicotheolog. ꝛc.
keit der Form, aber nicht der Materie, d. i.
der Subſtanz
in der Welt beweiſen; denn zu dem
lezteren wuͤrde noch
erfodert werden, daß
bewieſen werden koͤnte: die Dinge
der Welt
waͤren an ſich ſelbſt zu dergleichen Ordnung
und
Einſtimmung, nach allgemeinen Geſetzen,
untauglich,
wenn ſie nicht, ſelbſt ihrer
Subſtanz nach, das Product
einer hoͤchſten
Weisheit waͤren, wozu aber ganz andere
Beweisgruͤnde, als die von der Analogie mit
menſchlicher
Kunſt, erfodert werden wuͤrden.
Der Beweis koͤnte alſo
hoͤchftens
hoͤchſtens
einen Weltbaumeiſter, der durch die
Tauglichkeit
des Stoffs, den er bearbeitet,
immer ſehr eingeſchraͤnkt
waͤre, aber nicht
einen Weltſchoͤpfer, deſſen
Idee alles
unterworfen iſt, darthun, welches zu
der groſſen Abſicht,
die man vor Augen hat,
nemlich ein allgnugſames Urwe
ſen zu
beweiſen, bey weitem nicht hinreichend iſt. Woll
ten wir die Zufaͤlligkeit der Materie
ſelbſt beweiſen, ſo
muͤßten wir zu einem
transſcendentalen Argumente unſere
Zuflucht
nehmen, welches aber hier eben hat vermieden
werden ſollen.
Der Schluß gehet alſo von der in der Welt ſo durch
gaͤngig beobachtenden Ordnung und
Zweckmaͤſſigkeit, als
einer durchaus
zufaͤlligen Einrichtung, auf das Daſeyn
einer
ihr proportionirten
Urſache. Der Begriff dieſer Ur
ſache
aber muß uns etwas ganz Beſtimtes von ihr zu er
kennen geben und er kan alſo kein anderer ſeyn,
als der
von einem Weſen, das alle Macht,
Weisheit ꝛc. mit einem
Worte, alle
Vollkommenheit, als ein allgnugſames We
R r
2
ſen,
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
ſen, beſizt. Denn die Praͤdicate von ſehr
groſſer, von
erſtaunlicher, von unermeßlicher
Macht und Treflichkeit
geben gar keinen
beſtimten Begriff und ſagen eigentlich
nicht,
was das Ding an ſich ſelbſt ſey, ſondern ſind
nur
Verhaͤltnißvorſtellungen von der Groͤſſe
des Gegenſtandes,
den der Beobachter (der Welt)
mit ſich ſelbſt und ſeiner
Faſſungskraft
vergleicht und die gleich hochpreiſend ausfal
len, man mag den Gegenſtand
vergroͤſſern, oder das be
obachtende
Subiect in Verhaͤltniß auf ihn kleiner machen.
Wo es auf Groͤſſe (der Vollkommenheit) eines
Dinges
uͤberhaupt ankomt, da giebt es keinen
beſtimten Begriff,
als der, ſo die ganze
moͤgliche Vollkommenheit begreift,
und nur das
All (omnitudo) der
Realitaͤt iſt im Begriffe
durchgaͤngig
beſtimt.
Nun will ich nicht hoffen, daß ſich iemand
unterwin
den ſolte, das Verhaͤltniß
der von ihm beobachteten Welt
groͤſſe
(nach Umfang ſo wol als Inhalt) zur Allmacht,
der
Weltordnung zur hoͤchſten Weisheit, der
Welteinheit zur
abſoluten Einheit des Urhebers
ꝛc einzuſehen. Alſo kan
die Phyſicotheologie
keinen beſtimten Begriff von der ober
ſten Welturſache geben und daher zu einem Princip
der
Theologie, welche wiederum die Grundlage
der Religion
ausmachen ſoll, nicht hinreichend
ſeyn.
Der Schritt zu der abſoluten Totalitaͤt iſt durch
den
empiriſchen Weg ganz und gar unmoͤglich.
Nun thut
man ihn doch aber im
phyſiſchtheologiſchen Beweiſe. Wel
ches
VI. Abſch. Unmoͤglichkeit
eines phyſicotheolog. ꝛc.
ches Mittels bedient man ſich alſo wol, uͤber
eine ſo weite
Kluft zu kommen?
Nachdem man bis zur Bewunderung der Groͤſſe der
Weisheit, der Macht ꝛc des Welturhebers gelanget
iſt
und nicht weiter kommen kan, ſo verlaͤßt
man auf ein
mal dieſes durch
empiriſche Beweisgruͤnde gefuͤhrte Argu
ment und geht zu der, gleich anfangs
aus der Ordnung und
Zweckmaͤſſigkeit der Welt
geſchloſſenen Zufaͤlligkeit derſel
ben. Von dieſer Zufaͤlligkeit allein geht man nun,
le
diglich durch transſcendentale
Begriffe, zum Daſeyn eines
Schlechthinnothwendigen und von dem Begriffe der
abſo
luten Nothwendigkeit der
erſten Urſache auf den durch
gaͤngig
beſtimten, oder beſtimmenden Begriff deſſelben,
nemlich einer allbefaſſenden Realitaͤt. Alſo blieb
der
phyſiſchtheologiſche Beweis in ſeiner
Unternehmung ſtecken,
ſprang in dieſer
Verlegenheit ploͤtzlich zu dem cosmologi
ſchen Beweiſe uͤber und, da dieſer nur
ein verſteckter onto
logiſcher Beweis
iſt, ſo vollfuͤhrte er ſeine Abſicht wirklich
blos durch reine Vernunft, ob er gleich anfaͤnglich
alle Ver
wandſchaft mit dieſer
abgeleugnet und alles auf einleuch
tende Beweiſe aus Erfahrung ausgeſezt hatte.
Die Phyſicotheologen haben alſo gar nicht
Urſache
gegen die transſcendentale Beweisart ſo
ſproͤde zu thun
und auf ſie mit dem
Eigenduͤnkel hellſehender Naturkenner,
als auf
das Spinnengewebe finſterer Gruͤbler,
herabzuſehen.
Denn, wenn ſie ſich nur ſelbſt
pruͤfen wolten, ſo wuͤrden
ſie finden: daß,
nachdem ſie eine gute Strecke auf dem
R r 3
Boden
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Boden der Natur und Erfahrung fortgegangen
ſind und
ſich gleichwol immer noch eben ſo weit
von dem Gegenſtan
de ſehen, der ihrer
Vernunft entgegen ſcheint, ſie ploͤtzlich
dieſen Boden verlaſſen und ins Reich bloſſer
Moͤglichkeiten
uͤbergehen, wo ſie auf den
Fluͤgeln der Ideen demienigen
nahe zu kommen
hoffen, was ſich aller ihrer empiriſchen
Nachſuchung entzogen hatte. Nachdem ſie endlich
durch
einen ſo maͤchtigen Sprung feſten Fuß
gefaßt zu haben
vermeinen, ſo verbreiten ſie
den nunmehr beſtimten Be
griff (in
deſſen Beſitz ſie, ohne zu wiſſen wie, gekommen
ſind), uͤber das ganze Feld der Schoͤpfung und
erlaͤutern
das Ideal, welches lediglich ein
Product der reinen Ver
nunft war,
obzwar kuͤmmerlich gnug und weit unter der
Wuͤrde ſeines Gegenſtandes, durch Erfahrung, ohne
doch
geſtehen zu wollen, daß ſie zu dieſer
Kentniß oder Vor
ausſetzung durch
einen anderen Fußſteig, als den der Er
fahrung, gelanget ſind.
So liegt demnach dem phyſicotheologiſchen
Beweiſe
der cosmologiſche, dieſem aber der
ontologiſche Beweis.
vom Daſeyn eines einigen
Urweſens als hoͤchſten Weſens,
zum Grunde und,
da auſſer dieſen dreien Wegen keiner
mehr der
ſpeculativen Vernunft offen iſt: ſo iſt der onto
logiſche Beweis, aus lauter reinen
Vernunftbegriffen, der
einzige moͤgliche, wenn
uͤberall nur ein Beweis, von ei
nem
ſo weit uͤber allen empiriſchen Verſtandesgebrauch
er
habenen Satze, moͤglich iſt.
Des dritten Hauptſtuͤcks
Siebenter Abſchnitt.
Critik aller
Theologie aus ſpeculativen Principien
der
Vernunft.
Wenn ich unter Theologie
die Erkentniß des Urweſens
verſtehe, ſo iſt ſie
entweder die aus bloſſer Ver
nunft
(theologia rationalis)
oder aus Offenbahrung (reve
lata). Die erſtere denkt ſich nun
ihren Gegenſtand entwe
der blos durch
reine Vernunft, vermittelſt lanter trans
ſcendentaler Begriffe, (ens originarium,
realiſſimum,
ens entium und heißt die
transſcendentale Theologie,
oder durch einen
Begriff, den ſie aus der Ratur (unſerer
Seele)
entlehnt, als die hoͤchſte Intelligenz und muͤßte
die
natuͤrliche Theologie heiſſen. Der, ſo
allein eine trans
ſcendentale
Theologie einraͤumt, wird Deiſt, der, ſo auch
eine natuͤrliche
Theologie annimt, Theiſt
genant. Der
erſtere giebt zu, daß wir allenfals
das Daſeyn eines Ur
weſens durch
bloſſe Vernunft erkennen koͤnnen, aber unſer
Begriff von ihm blos transſcendental ſey, nemlich
nur
als von einem Weſen, das alle Realitaͤt
hat, die man
aber nicht naͤher beſtimmen kan.
Der zweite behauptet,
die Vernunft ſey im
Stande, den Gegenſtand nach der Ana
logie mit der Natur naͤher zu beſtimmen, nemlich:
als
ein Weſen, das durch Verſtand und Freiheit
den Urgrund
aller anderen Dinge in ſich
enthalte. Jener ſtellet ſich alſo
unter
demſelben blos eine Welturſache, (ob durch die
R r 4
Noth
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Nothwendigkeit ſeiner Natur, oder durch
Freiheit, bleibt
unentſchieden), dieſen einen
Welturheber vor.
Die transſcendentale Theologie iſt entweder
dieienige,
welche das Daſeyn des Urweſens von
einer Erfahrung uͤber
haupt (ohne
uͤber die Welt, wozu ſie gehoͤret, etwas naͤ
her zu beſtimmen), abzuleiten gedenkt
und heißt Cosmo
theologie, oder glaubt durch bloſſe
Begriffe, ohne Beihuͤlfe
der mindeſten
Erfahrung, ſein Daſeyn zu erkennen und
wird Ontotheologie genant.
Die natuͤrliche Theologie
ſchließt auf die Eigen
ſchaften und
das Daſeyn eines Welturhebers, aus der
Beſchaffenheit, der Ordnung und Einheit, die in
dieſer
Welt angetroffen wird, in welcher
zweierley Cauſſalitaͤt
und deren Regel
angenommen werden muß, nemlich Na
tur
und Freiheit. Daher ſteigt ſie von dieſer Welt
zur
hoͤchſten Intelligenz auf, entweder als dem
Princip aller
natuͤrlichen, oder aller
ſittlichen Ordnung und Vollkom
menheit. Im erſteren Falle heißt ſie Phyſicotheologie,
im
lezten Moraltheologie
Nicht theologiſche Moral;
denn die enthaͤlt ſittliche Ge
ſetze, welche das Daſeyn eines hoͤchſten
Weltregierers
vorausſetzen, dahingegen die
Moraltheologie eine Ueber
zeugung
vom Daſeyn eines hoͤchſten Weſens iſt, welche
auf ſittliche Geſetze gegruͤndet iſt..
Da man unter dem Begriffe von Gott nicht etwa
blos eine blindwirkende ewige Natur, als die Wurzel
der
Dinge, ſondern ein hoͤchſtes Weſen, das
durch Verſtand
und
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
und Freiheit der Urheber der Dinge ſeyn ſoll,
zu ver
ſtehen gewohnt iſt, und auch
dieſer Begriff allein uns in
tereſſirt, ſo koͤnte man, nach der Strenge, dem
Deiſten
allen Glauben an Gott abſprechen und ihm
lediglich die
Behauptung eines Urweſens, oder
oberſten Urſache uͤbrig
laſſen. Indeſſen, da
niemand darum, weil er etwas ſich
nicht zu
behaupten getraut, beſchuldigt werden darf, er
wolle es gar laͤugnen, ſo iſt es gelinder und
billiger zu
ſagen: der Deiſt glaube einen Gott, der Theiſt
aber
einen lebendigen Gott
(ſummam intelligentiam).
Jezt
wollen wir die moͤgliche Quellen aller
dieſer Verſuche der
Vernunft aufſuchen.
Ich begnuͤge mich hier, die theoretiſche
Erkentniß
durch eine ſolche zu erklaͤren,
wodurch ich erkenne, was
da iſt, die practiſche
aber, dadurch ich mir vorſtelle, was
da ſeyn
ſoll. Dieſemnach iſt der theoretiſche Gebrauch
der Vernunft derienige, durch den ich a priori (als noth
wendig) erkenne, daß etwas ſey, der
practiſche aber, durch
den a priori erkant wird, was geſchehen ſolle.
Wenn
nun entweder, daß etwas ſey, oder
geſchehen ſolle, un
gezweifelt gewiß,
aber doch nur bedingt iſt: ſo kan doch
entweder
eine gewiſſe beſtimte Bedingung dazu
ſchlechthin
nothwendig ſeyn, oder ſie kan nur
als beliebig und zufaͤl
lig
vorausgeſezt werden. Im erſteren Falle wird die
Be
dingung poſtulirt, (per theſin) im zweiten ſupponirt,
(per hypotheſin). Da es
practiſche Geſetze giebt, die
ſchlechthin
nothwendig ſind (die moraliſche), ſo muß,
R r 5
wenn
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
wenn dieſe irgend ein Daſeyn, als die
Bedingung der
Moͤglichkeit ihrer verbindenden Kraft,
nothwendig vor
ausſetzen, dieſes
Daſeyn poſtulirt werden,
darum, weil
das Bedingte, von welchem der
Schluß auf dieſe beſtimte
Bedingung geht,
ſelbſt a priori als
ſchlechterdingsnoth
wendig erkant
wird. Wir werden kuͤnftig von den mo
raliſchen Geſetzen zeigen: daß ſie das Daſeyn
eines hoͤch
ſten Weſens nicht blos
vorausſetzen, ſondern auch, da ſie
in
anderweitiger Betrachtung ſchlechterdings
nothwendig
ſind, es mit Recht, aber freilich
nur practiſch, poſtuli
ren; iezt
ſetzen wir dieſe Schlußart noch bey Seite.
Da, wenn blos von dem, was da iſt (nicht, was
ſeyn
ſoll), die Rede iſt, das Bedingte, welches
uns in der Er
fahrung gegeben wird,
iederzeit auch als zufaͤllig gedacht
wird, ſo
kan die zu ihm gehoͤrige Bedingung daraus nicht
als ſchlechthinnothwendig
erkant werden, ſondern dient nur
als eine
reſpectivnothwendige, oder vielmehr noͤthige,
an
ſich ſelbſt aber und a
priori willkuͤhrliche Vorausſetzung
zum
Vernunfterkentniß des Bedingten. Soll alſo die ab
ſolute Nothwendigkeit eines Dinges im
theoretiſchen Er
kentniſſe erkant
werden, ſo koͤnte dieſes allein aus Begrif
fen a priori
geſchehen, niemals aber als einer Urſache,
in
Beziehung auf ein Daſeyn, das durch Erfahrung ge
geben iſt.
Eine theoretiſche Erkentniß iſt ſpeculativ, wenn
ſie
auf einen Gegenſtand, oder ſolche Begriffe
von einem Gegen
ſtande, geht, zu
welchem man in keiner Erfahrung ge
langen
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
langen kan. Sie wird der Naturerkentniß entgegenge
ſezt, welche auf keine andere Gegenſtaͤnde oder
Praͤdicate
derſelben geht, als die in einer
moͤglichen Erfahrung ge
geben werden
koͤnnen.
Der Grundſatz: von dem, was geſchieht, (dem
empiriſchzufaͤlligen) als Wirkung, auf eine Urſache
zu
ſchlieſſen, iſt ein Princip der
Naturerkentniß, aber nicht
der ſpeculativen.
Denn, wenn man von ihm, als einem
Grundſatze,
der die Bedingung moͤglicher Erfahrung
uͤberhaupt enthaͤlt, abſtrahirt und, indem man alles
Em
piriſche weglaͤßt, ihm vom
Zufaͤlligen uͤberhaupt ausſagen
will, ſo bleibt
nicht die mindeſte Rechtfertigung eines ſol
chen ſynthetiſchen Satzes uͤbrig, um
daraus zu erſehen,
wie ich von etwas, was da
iſt, zu etwas davon ganz Ver
ſchiedenem (genant Urſache) uͤbergehen koͤnne; ia
der Be
griff einer Urſache verliert
eben ſo, wie des Zufaͤlligen, in
ſolchem blos
ſpeculativen Gebrauche, alle Bedeutung, de
ren obiective Realitaͤt ſich in concreto begreiflich
machen
laſſe.
Wenn man nun vom Daſeyn der Dinge in der Welt
auf ihre Urſache
ſchließt: ſo gehoͤrt dieſes nicht zum na
tuͤrlichen,
ſondern zum ſpeculativen
Vernunftgebrauch;
weil iener nicht die Dinge
ſelbſt (Subſtanzen), ſondern
nur das, was geſchieht, alſo ihre Zuſtaͤnde, als empi
riſch zufaͤllig, auf irgend eine
Urſache bezieht; daß die
Subſtanz ſelbſt (die
Materie) dem Daſeyn nach zufaͤllig
ſey, wuͤrde
ein blos ſpeculatives Vernunfterkentniß ſeyn
muͤſſen.
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
muͤſſen. Wenn aber auch nur von der Form der
Welt,
der Art ihrer Verbindung und dem Wechſel
derſelben die
Rede waͤre, ich wolte aber daraus
auf eine Urſache ſchlieſ
ſen, die von
der Welt gaͤnzlich unterſchieden iſt, ſo wuͤrde
dieſes wiederum ein Urtheil der blos ſpeculativen
Vernunft
ſeyn; weil der Gegenſtand hier gar
kein Obiect einer moͤg
lichen
Erfahrung iſt. Aber alsdenn wuͤrde der
Grundſatz
der Cauſſalitaͤt, der nur innerhalb
dem Felde der Erfah
rungen gilt und
auſſer demſelben ohne Gebrauch, ia ſelbſt
ohne
Bedeutung iſt, von ſeiner Beſtimmung gaͤnzlich ab
gebracht.
Ich behaupte nun: daß alle Verſuche eines blos
ſpeculativen Gebrauchs der Vernunft in Anſehung
der
Theologie gaͤnzlich fruchtlos und ihrer
inneren Beſchaffen
heit nach null und
nichtig ſind, daß aber die Principien
ihres
Naturgebrauchs ganz und gar auf keine Theologie
fuͤhren, folglich, wenn man nicht moraliſche Geſetze
zum
Grunde legt, oder zum Leitfaden braucht, es
uͤberall keine
Theologie der Vernunft geben
koͤnne. Denn alle ſynthe
tiſche
Grundſaͤtze des Verſtandes ſind von immanentem
Gebrauch: zu der Erkentniß eines hoͤchſten Weſens
aber
wird ein transſcendenter Gebrauch
derſelben erfodert,
wozu unſer Verſtand gar
nicht ausgeruͤſtet iſt. Soll das
empiriſchguͤltige Geſetz der Cauſſalitaͤt zu dem
Urweſen
fuͤhren, ſo muͤßte dieſes in die Kette
der Gegenſtaͤnde der
Erfahrung mit gehoͤren,
alsdenn waͤre es aber, wie alle
Erſcheinungen,
ſelbſt wiederum bedingt. Erlaubte man
aber
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
aber auch den Sprung uͤber die Graͤnze der
Erfahrung
hinaus, vermittelſt des dynamiſchen
Geſetzes der Bezie
hung der Wirkungen
auf ihre Urſachen: welchen Begriff
kan uns
dieſes Verfahren verſchaffen? bey weitem keinen
Begriff von einem hoͤchſten Weſen, weil uns
Erfahrung
niemals die groͤßte aller moͤglichen
Wirkungen (als welche
das Zeugniß von ihrer
Urſache ablegen ſoll), darreicht.
Soll es uns
erlaubt ſeyn, blos, um in unſerer Vernunft
nichts Leeres uͤbrig zu laſſen, dieſen Mangel der
voͤlligen
Beſtimmung durch eine bloſſe Idee der
hoͤchſten Vollkom
menheit und
urſpruͤnglichen Nothwendigkeit auszufuͤllen:
ſo
kan dieſes zwar aus Gunſt eingeraͤumt, aber nicht
aus
dem Rechte eines unwiderſtehlichen Beweiſes
gefodert wer
den. Der
phyſiſchtheologiſche Beweis koͤnte alſo
vielleicht
wol anderen Beweiſen (wenn ſolche zu
haben ſind) Nach
druck geben, indem
er Speculation mit Anſchauung ver
knuͤpft: vor ſich ſelbſt aber bereitet er mehr den
Verſtand
zur theologiſchen Erkentniß vor und
giebt ihm dazu eine
gerade und natuͤrliche
Richtung, als daß er allein das
Geſchaͤfte
vollenden koͤnte.
Man ſieht alſo hieraus wol: daß transſcendentale
Fragen nur transſcendentale Antworten, d. i. aus
lauter
Begriffen a
priori ohne die mindeſte empiriſche Beimi
ſchung erlauben. Die Frage iſt hier
aber offenbar ſyn
thetiſch und
verlangt eine Erweiterung unſerer Erkentniß
uͤber alle Graͤnzen der Erfahrung hinaus, nemlich zu
dem
Daſeyn eines Weſens, was unſerer bloſſen
Idee entſpre
chen
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
chen ſoll, der niemals irgend eine Erfahrung
gleich kom
men kan. Nun iſt, nach
unſeren obigen Beweiſen, alle
ſynthetiſche
Erkentnis a priori nur
dadurch moͤglich, daß
ſie die formale
Bedingungen einer moͤglichen Erfahrung
ausdruͤckt, und alle Grundſaͤtze ſind alſo nur von
imma
nenter Guͤltigkeit, d. i. ſie
beziehen ſich lediglich auf Ge
genſtaͤnde empiriſcher Erkentniß, oder
Erſcheinungen.
Alſo wird auch durch
transſcendentales Verfahren in Ab
ſicht auf die Theologie einer blos ſpeculativen
Vernunft
nichts ausgerichtet.
Wolte man aber lieber alle obige Beweiſe der Ana
lytik in Zweifel ziehen, als ſich die
Ueberredung von dem
Gewichte der ſo lange
gebrauchten Beweisgruͤnde rauben
laſſen, ſo kan
man ſich doch nicht weigern, der Auffode
rung ein Gnuͤge zu thun, wenn ich
verlange: man ſolle
ſich wenigſtens daruͤber
rechtfertigen, wie und vermittelſt
welcher
Erleuchtung man ſich denn getraue, alle
moͤgliche
Erfahrung durch die Macht bloſſer
Ideen zu uͤberfliegen.
Mit neuen Beweiſen, oder
ausgebeſſerter Arbeit alter Be
weiſe,
wuͤrde ich bitten, mich zu verſchonen. Denn, ob
man zwar hierin eben nicht viel zu waͤhlen hat,
indem
endlich doch alle blos ſpeculative
Beweiſe auf einen einzi
gen, nemlich
den ontologiſchen hinauslaufen und ich alſo
eben nicht fuͤrchten darf, ſonderlich durch die
Fruchtbarkeit
der dogmatiſchen Verfechter iener
ſinnenfreien Vernunft
belaͤſtigt zu werden,
obgleich ich uͤberdem auch, ohne
mich darum
ſehr ſtreitbar zu duͤnken, die Ausfoderung
nicht
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
nicht ausſchlagen will, in iedem Verſuche
dieſer Art den
Fehlſchluß aufzudecken und
dadurch ſeine Anmaſſung zu
vereiteln: ſo wird
daher doch die Hoffnung beſſeren Gluͤcks
bey
denen, welche einmal dogmatiſcher Ueberredungen
ge
wohnt ſeyn, niemals voͤllig
aufgehoben und ich halte mich
daher an der
einzigen billigen Foderung, daß man ſich
allgemein und aus der Natur des menſchlichen
Verſtandes,
ſamt allen uͤbrigen
Erkentnißquellen, daruͤber rechtfertige,
wie
man es anfangen wolle, ſein Erkentniß ganz und gar
a priori zu erweitern und
bis dahin zu erſtrecken, wo kei
ne
moͤgliche Erfahrung und mithin kein Mittel
hinreicht,
irgend einem von uns ſelbſt
ausgedachten Begriffe ſeine
obiective Realitaͤt
zu verſichern. Wie der Verſtand auch
zu dieſem
Begriffe gelanget ſeyn mag, ſo kan doch das
Daſeyn des Gegenſtandes deſſelben nicht analytiſch
in dem
ſelben gefunden werden, weil
eben darin die Erkentniß
der Exiſtenz des Obiects beſteht,
daß dieſes auſſer dem
Gedanken an ſich ſelbſt
geſezt iſt. Es iſt aber gaͤnzlich
unmoͤglich,
aus einem Begriffe von ſelbſt hinaus zu ge
hen und, ohne daß man der empiriſchen
Verknuͤpfung
folgt, (wodurch aber iederzeit nur
Erſcheinungen gegeben
werden), zu Entdeckung
neuer Gegenſtaͤnde und uͤber
ſchwenglicher Weſen zu gelangen.
Ob aber gleich die Vernunft in ihrem blos ſpecula
tiven Gebrauche zu dieſer ſo groſſen
Abſicht bey weitem
nicht zulaͤnglich iſt,
nemlich zum Daſeyn eines oberſten
Weſens zu
gelangen, ſo hat ſie doch darin ſehr groſſen
Nutzen,
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Nutzen, die Erkentniß deſſelben, im Fall ſie
anders wo
her geſchoͤpft werden
koͤnte, zu berichtigen, mit ſich ſelbſt
und
ieder intelligibelen Abſicht einſtimmig zu machen,
und
von allem, was dem Begriffe eines Urweſens
zuwider
ſeyn moͤchte, und aller Beimiſchung
empiriſcher Einſchraͤn
kungen zu
reinigen.
Die transſcendentale Theologie bleibt demnach, al
ler ihrer Unzulaͤnglichkeit
ungeachtet, dennoch von wichti
gem
negativen Gebrauche und iſt eine beſtaͤndige
Cenſur
unſerer Vernunft, wenn ſie blos mit
reinen Ideen zu thun
hat, die eben darum kein
anderes, als transſcendenta
les
Richtmaaß zulaſſen. Denn, wenn einmal, in ander
weitiger, vielleicht practiſcher
Beziehung, die Voraus
ſetzung eines hoͤchſten und
allgnugſamen Weſens, als ober
ſter
Intelligenz, ihre Guͤltigkeit ohne Widerrede
behaup
tete: ſo waͤre es von der
groͤßten Wichtigkeit, dieſen Be
griff
auf ſeiner transſcendentalen Seite, als den
Begriff
eines nothwendigen und allerrealeſten
Weſens, genau zu
beſtimmen und, was der
hoͤchſten Realitaͤt zuwider iſt,
was zur
bloſſen Erſcheinung (dem Antropomorphism im
weiteren Verſtande) gehoͤrt, wegzuſchaffen und
zugleich
alle entgegengeſezte Behauptungen, ſie
moͤgen nun athei
ſtiſch, oder deiſtiſch, oder anthropomorphiſtiſch ſeyn, aus
dem Wege
zu raͤumen, welches in einer ſolchen critiſchen
Behandlung ſehr leicht iſt, indem dieſelben Gruͤnde,
durch
welche das Unvermoͤgen der menſchlichen
Vernunft, in An
ſehung der Behauptung des Daſeyns eines dergleichen
Weſens,
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
Weſens, vor Augen gelegt wird, nothwendig auch
zurei
chen, um die Untauglichkeit
einer ieden Gegenbehauptung
zu beweiſen. Denn,
wo will iemand durch reine Specu
lation der Vernunft die Einſicht hernehmen: daß es
kein
hoͤchſtes Weſen, als Urgrund von Allem,
gebe, oder daß
ihm keine von den Eigenſchaften
zukomme, welche wir,
ihren Folgen nach, als
analogiſch mit den dynamiſchen
Realitaͤten
eines denkenden Weſens, uns vorſtellen, oder
daß ſie, in dem lezteren Falle auch allen
Einſchraͤnkungen
unterworfen ſeyn muͤßten,
welche die Sinnlichkeit den
Intelligenzen, die
wir durch Erfahrung kennen, unver
meidlich auferlegt.
Das hoͤchſte Weſen bleibt alſo vor den blos
ſpecula
tiven Gebrauch der Vernunft
ein bloſſes, aber doch fehler
freies Ideal, ein Begriff,
welcher die ganze menſchliche
Erkentniß
ſchließt und kroͤnet, deſſen obiective Realitaͤt
auf
dieſem Wege zwar nicht bewieſen, aber auch
nicht wider
legt werden kan und, wenn
es eine Moraltheologie geben
ſolte, die dieſen
Mangel ergaͤnzen kan, ſo beweiſet als
denn die vorher nur problematiſche
transſcendentale Theo
logie ihre
Unentbehrlichkeit, durch Beſtimmung ihres Be
griffs und unaufhoͤrliche Cenſur einer
durch Sinnlich
keit oft genug
getaͤuſchten und mit ihren eigenen Ideen
nicht
immer einſtimmigen Vernunft. Die Nothwendig
keit, die Unendlichkeit, die Einheit,
das Daſeyn auſſer
der Welt (nicht als
Weltſeele), die Ewigkeit, ohne Be
dingungen der Zeit, die Allgegenwart, ohne Bedingungen
S s
des
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
des Raumes, die Allmacht ꝛc ſind lauter
transſcendentale
Praͤdicate und daher kan der
gereinigte Begriff derſelben,
den eine iede
Theologie ſo ſehr noͤthig hat, blos aus der
transſcendentalen gezogen werden.
Anhang
zur
transſcendentalen Dialectik.
Von dem
regulativen Gebrauch der Ideen der
reinen Vernunft.
Der Ausgang aller
dialectiſchen Verſuche der reinen
Vernunft
beſtaͤtigt nicht allein, was wir ſchon in der
trans
ſcendentalen Analytik
bewieſen, nemlich, daß alle unſere
Schluͤſſe,
die uns uͤber das Feld moͤglicher Erfahrung hin
ausfuͤhren wollen, truͤglich und
grundlos ſeyn, ſondern
er lehrt uns zugleich
dieſes beſondere: daß die menſchliche
Vernunft dabey einen natuͤrlichen Hang habe, dieſe
Graͤn
ze zu uͤberſchreiten, daß
transſcendentale Ideen ihr eben
ſo natuͤrlich
ſeyn, als dem Verſtande die Categorien, ob
gleich mit dem Unterſchiede, daß, ſo
wie die leztere zur
Wahrheit, d. i. der
Uebereinſtimmung unſerer Begriffe
mit dem
Obiecte fuͤhren, die erſtere einen bloſſen, aber
un
widerſtehlichen Schein bewirken,
deſſen Taͤuſchung man
kaum durch die
ſchaͤrf;ſte Critik abhalten kan.
Alles, was in der Natur unſerer Kraͤfte
gegruͤndet
iſt, muß zweckmaͤſſig und mit dem
richtigen Gebrauche
derſelben einſtimmig
ſeyn, wenn wir nur einen gewiſſen
Miß
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
Mißverſtand verhuͤten und die eigentliche
Richtung derſel
ben ausfindig
machen koͤnnen. Alſo werden die transſcen
dentale Ideen allem Vermuthen nach
ihren guten und
folglich immanenten Gebrauch haben, obgleich,
wenn
ihre Bedeutung verkant und ſie vor
Begriffe von wirkli
chen Dingen
genommen werden, ſie transſcendent in der
Anwendung und eben darum truͤglich ſeyn koͤnnen.
Denn
nicht die Idee an ſich ſelbſt, ſondern
blos ihr Gebrauch
kan, entweder in Anſehung
der geſamten moͤglichen Er
fahrung,
uͤberfliegend (transſcendent), oder
einheimiſch
(immanent) ſeyn, nachdem man ſie
entweder gerade zu
auf einen ihr vermeintlich
entſprechenden Gegenſtand, oder
nur auf den
Verſtandesgebrauch uͤberhaupt in Anſehung
der
Gegenſtaͤnde, mit welchen er zu thun hat,
richtet
und alle Fehler der Subreption ſind
iederzeit einem Man
gel der
Urtheilskraft, niemals aber dem Verſtande
oder
der Vernunft zuzuſchreiben.
Die Vernunft bezieht ſich niemals gerade zu auf
ei
nen Gegenſtand, ſondern
lediglich auf den Verſtand und
vermittelſt
deſſelben auf ihren eigenen empiriſchen Gebrauch,
ſchaft alſo keine
Begriffe (von Obiecten), ſondern ordnet
ſie
nur und giebt ihnen dieienige Einheit, welche ſie
in
ihrer groͤßtmoͤglichen Ausbreitung haben
koͤnnen, d. i. in
Beziehung auf die
Totalitaͤt der Reihen, als auf welche
der
Verſtand gar nicht ſieht, ſondern nur auf
dieienige
Verknuͤpfung, dadurch allerwerts
Reihen der
Bedingungen
nach Begriffen zu Stande kommen. Die Vernunft hat
S s 2
alſo
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
alſo eigentlich nur den Verſtand und deſſen
zweckmaͤſſige
Anſtellung zum Gegenſtande und,
wie dieſer das Mannig
faltige im
Obiect durch Begriffe vereinigt, ſo vereinigt
iene ihrer Seits das Mannigfaltige der Begriffe
durch
Ideen, indem ſie eine gewiſſe
collective Einheit zum Ziele
der
Verſtandeshandlungen ſezt, welche ſonſt nur mit
der
diſtributiven Einheit beſchaͤftigt
ſind.
Ich behaupte demnach: die transſcendentale
Ideen
ſeyn niemals von conſtitutivem
Gebrauche, ſo, daß dadurch
Begriffe gewiſſer
Gegenſtaͤnde gegeben wuͤrden und in dem
Falle, daß man ſie ſo verſteht, ſo ſind es blos
vernuͤnf
telnde (dialectiſche)
Begriffe. Dagegen aber haben ſie
einen
vortreflichen und unentbehrlichnothwendigen
regula
tiven Gebrauch, nemlich den
Verſtand zu einem gewiſſen
Ziele zu richten,
in Ausſicht auf welches die Richtungsli
nien aller ſeiner Regeln in einen
Punct zuſammen laufen,
der, ob er zwar nur
eine Idee (focus
imaginarius), d. i. ein
Punct iſt, aus
welchem die Verſtandesbegriffe wirklich nicht
ausgehen, indem er ganz auſſerhalb den Graͤnzen
moͤglicher
Erfahrung liegt, dennoch dazu
dient, ihnen die groͤßte
Einheit neben der
groͤßten Ausbreitung zu verſchaffen.
Nun
entſpringt uns zwar hieraus die Taͤuſchung, als
wenn
dieſe Richtungslinien von einem
Gegenſtande ſelbſt, der
auſſer dem Felde
empiriſchmoͤglicher Erkentniß laͤge, aus
geſchloſſen waͤren (ſo wie die Obiecte
hinter der Spiegel
flaͤche geſehen
werden), allein dieſe Illuſion (welche man
doch hindern kan, daß ſie nicht betriegt) iſt
gleichwol un
ent
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
entbehrlich nothwendig, wenn wir auſſer den
Gegenſtaͤn
den, die uns vor Augen
ſind, auch dieienige zugleich ſe
hen wollen, die weit davon uns im Ruͤcken
liegen, d. i.
wenn wir, in unſerem Falle, den
Verſtand uͤber iede ge
gebene
Erfahrung (dem Theile der geſamten moͤglichen
Erfahrung) hinaus, mithin auch zur
groͤßtmoͤglichen und
aͤuſſerſten Erweiterung
abrichten wollen.
Ueberſehen wir unſere Verſtandeserkentniſſe in
ihrem
ganzen Umfange, ſo finden wir, daß
dasienige, was Ver
nunft ganz
eigenthuͤmlich daruͤber verfuͤgt und zu
Stande
zu bringen ſucht, das Syſtematiſche der Erkentniß
ſey,
d. i. der Zuſammenhang derſelben aus
einem Princip.
Dieſe Vernunfteinheit ſezt
iederzeit eine Idee voraus,
nemlich die von
der Fom eines Ganzen der Erkentniß, wel
ches von der beſtimten Erkentniß der
Theile vorhergeht und
die Bedingungen
enthaͤlt, iedem Theile ſeine Stelle und
Verhaͤltniß zu den uͤbrigen a
priori zu beſtimmen. Dieſe
Idee
poſtulirt demnach vollſtaͤndige Einheit der
Verſtan
deserkentniß, wodurch dieſe
nicht blos ein zufaͤlliges Ag
gregat, ſondern ein nach nothwendigen Geſetzen
zuſam
menhangendes Syſtem wird. Man
kan eigentlich nicht
ſagen: daß dieſe Idee
ein Begriff vom Obiecte ſey, ſon
dern von der durchgaͤngigen Einheit dieſer
Begriffe, ſo
fern dieſelbe dem Verſtande zur
Regel dient. Dergleichen
Vernunftbegriffe
werden nicht aus der Natur geſchoͤpft,
vielmehr befragen wir die Natur nach dieſen Ideen
und
halten unſere Erkentniß vor mangelhaft,
ſo lange ſie
S s 3
den
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
denſelben nicht adaͤquat iſt. Man geſteht:
daß ſich
ſchwerlich reine Erde, reines Waſſer, reine Luft ꝛc.
finde. Gleichwol hat man die Begriffe davon
doch noͤthig
(die alſo, was die voͤllige
Reinigkeit betrift, nur in der
Vernunft ihren
Urſprung haben), um den Antheil, den
iede
dieſer Natururſachen an der Erſcheinung hat,
gehoͤ
rig zu beſtimmen und ſo
bringt man alle Materien auf die
Erden
(gleichſam die bloſſe Laſt), Salze und
brennliche
Weſen (als die Kraft), endlich auf
Waſſer und Luft als
Vehikeln (gleichſam
Maſchinen, vermittelſt deren die
vorige
wirken), um, nach der Idee eines Mechanismus,
die chemiſche Wirkungen der Materien unter
einander zu
erklaͤren. Denn, wiewol man ſich
nicht wirklich ſo ausdruͤckt,
ſo iſt doch ein
ſolcher Einfluß der Vernunft auf die Ein
theilungen der Naturforſcher ſehr
leicht zu entdecken.
Wenn die Vernunft ein Vermoͤgen iſt, das Beſon
dere aus dem Allgemeinen abzuleiten,
ſo iſt entweder das
Allgemeine ſchon an ſich gewiß und gegeben,
und alsdenn
erfodert es nur Urtheilskraft zur Subſumtion
und das
Beſondere wird dadurch nothwendig
beſtimt. Dieſes will
ich den apodictiſchen
Gebrauch der Vernunft nennen. Oder
das
Allgemeine wird nur problematiſch angenommen
und
iſt eine bloſſe Idee, das Beſondere iſt
gewiß, aber die
Allgemeinheit der Regel zu
dieſer Folge iſt noch ein Pro
blem,
ſo werden mehrere beſondere Faͤlle, die
insgeſamt
gewiß ſeyn, an der Regel verſucht,
ob ſie daraus flieſſen
und in dieſem Falle,
wenn es den Anſchein hat, daß alle
anzu
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
anzugebende beſondere Faͤlle daraus
abfolgen, wird auf
die Allgemeinheit der
Regel, aus dieſer aber nachher auf
alle
Faͤlle, die auch an ſich nicht gegeben ſind,
geſchloſſen.
Dieſen will ich den
hypothetiſchen Gebrauch der Vernunft
nennen.
Der hypothetiſche Gebrauch der Vernunft aus
zum
Grunde gelegten Ideen, als
problematiſcher Begriffe, iſt ei
gentlich nicht conſtitutiv, nemlich nicht ſo beſchaffen,
daß
dadurch, wenn man nach aller Strenge
urtheilen will, die
Wahrheit der allgemeinen
Regel, die als Hypotheſe ange
nommen worden, folge; denn, wie will man alle
moͤgliche
Folgen wiſſen, die, indem ſie aus
demſelben angenommenen
Grundſatze folgen,
ſeine Allgemeinheit beweiſen, ſondern
er iſt
nur regulativ, um dadurch, ſo weit als es moͤglich
iſt,
Einheit in die beſondere Erkentniſſe zu
bringen und die
Regel dadurch der
Allgemeinheit zu naͤheren.
Der hypothetiſche Vernunftgebrauch geht alſo
auf
die ſyſtematiſche Einheit der
Verſtandeserkentniſſe, dieſe
aber iſt der Probierſtein der Wahrheit der Regeln.
Umgekehrt iſt die ſyſtematiſche Einheit (als
bloſſe Idee)
lediglich nur proiectirte
Einheit, die man an ſich nicht als
gegeben,
ſondern nur als Problem anſehen muß, welche
aber dazu dient, zu dem Mannigfaltigen und
beſonderen
Verſtandesgebrauche ein Principium
zu finden und dieſen
dadurch auch uͤber die
Faͤlle, die nicht gegeben ſind, zu
leiten und
zuſammenhaͤngend zu machen.
S s 4
Man
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Man ſiehet aber hieraus nur: daß die
ſyſtematiſche
oder Vernunfteinheit der
mannigfaltigen Verſtandeserkent
niß
ein logiſches Princip ſey, um, da wo der
Verſtand
allein nicht zu Regeln hinlangt, ihm
durch Ideen fortzu
helfen und
zugleich der Verſchiedenheit ſeiner Regeln Ein
helligkeit unter einem Princip
(ſyſtematiſche) und dadurch
Zuſammenhang zu
verſchaffen, ſo weit als es ſich thun laͤßt.
Ob aber die Beſchaffenheit der Gegenſtaͤnde, oder
die Na
tur des Verſtandes, der ſie
als ſolche erkent, an ſich zur
ſyſtematiſchen
Einheit beſtimt ſey und ob man dieſe a priori,
auch ohne Ruͤckſicht auf ein ſolches
Intereſſe der Vernunft
in gewiſſer Maaſſe
poſtuliren und alſo ſagen koͤnne: alle
moͤgliche Verſtandeserkentniſſe (darunter die
empiriſche)
haben Vernunfteinheit und ſtehen
unter gemeinſchaftlichen
Principien, woraus
ſie, unerachtet ihrer Verſchiedenheit,
abgeleitet werden koͤnnen, das wuͤrde ein
transſcendenta
ler Grundſatz der
Vernunft ſeyn, welcher die ſyſtematiſche
Einheit nicht blos ſubiectiv- und logiſch als
Methode,
ſondern obiectivnothwendig machen
wuͤrde.
Wir wollen dieſes durch einen Fall des
Vernunftge
brauchs erlaͤutern.
Unter die verſchiedene Arten von Ein
heit nach Begriffen des Verſtandes gehoͤret auch
die der
Cauſſalitaͤt einer Subſtanz, welche
Kraft genant wird.
Die verſchiedene
Erſcheinungen eben derſelben Subſtanz
zeigen
beym erſten Anblicke ſo viel Ungleichartigkeit,
daß
man daher anfaͤnglich beynahe ſo
vielerley Kraͤfte derſelben
annehmen muß, als
Wirkungen ſich hervorthun, wie in
dem
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
dem menſchlichen Gemuͤthe die Empfindung,
Bewuſtſeyn,
Einbildung, Erinnerung, Witz,
Unterſcheidungskraft,
Luſt, Begierde u. ſ. w.
Anfaͤnglich gebietet eine logiſche
Maxime
dieſe anſcheinende Verſchiedenheit ſo viel als
moͤg
lich dadurch zu verringeren,
daß man durch Vergleichung
die verſteckte
Identitaͤt entdecke und nachſehe, ob nicht
Einbildung, mit Bewuſtſeyn verbunden,
Erinnerung,
Witz, Unterſcheidungskraft,
vielleicht gar Verſtand und
Vernunft ſey. Die
Idee einer Grundkraft,
von wel
cher aber die Logik gar
nicht ausmittelt, ob es dergleichen
gebe, iſt
wenigſtens das Problem einer ſyſtematiſchen Vor
ſtellung der Mannigfaltigkeit von
Kraͤften. Das logiſche
Vernunftprincip
erfodert dieſe Einheit, ſo weit als moͤg
lich zu Stande zu bringen und, ie mehr
die Erſcheinungen
der einen und anderen Kraft
unter ſich identiſch gefunden
werden, deſto
wahrſcheinlicher wird es, daß ſie nichts,
als
verſchiedene Aeuſſerungen einer und derſelben
Kraft
ſeyn, welche (comparativ) ihre Grundkraft heiſſen kan.
Eben ſo verfaͤhrt man mit den uͤbrigen.
Die comparativen Grundkraͤfte muͤſſen
wiederum
unter einander verglichen werden, um
ſie dadurch, daß
man ihre Einhelligkeit
entdeckt, einer einzigen raticalen,
d. i.
abſoluten Grundkraft nahe zu bringen. Dieſe Ver
nunfteinheit aber iſt blos
hypothetiſch. Man behauptet
nicht, daß eine
ſolche in der That angetroffen werden muͤſſe,
ſondern, daß man ſie zu Gunſten der Vernunft,
nemlich zu
Errichtung gewiſſer Principien,
vor die mancherley Regeln,
S s 5
die
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
die die Erfahrung an die Hand geben mag,
ſuchen und,
wo es ſich thun laͤßt, auf ſolche
Weiſe ſyſtematiſche Ein
heit ins
Erkentniß bringen muͤſſe.
Es zeigt ſich aber, wenn man auf den transſcen
dentalen Gebrauch des Verſtandes Acht
hat, daß dieſe
Idee einer Grundkraft
uͤberhaupt, nicht blos als Problem
zum
hypothetiſchen Gebrauche beſtimt ſey, ſondern
obiec
tive Realitaͤt vorgebe,
dadurch die ſyſtematiſche Einheit
der
mancherley Kraͤfte einer Subſtanz poſtuliret und
ein
apodictiſches Vernunftprincip errichtet
wird. Denn, ohne
daß wir einmal die
Einhelligkeit der mancherley Kraͤfte ver
ſucht haben, ia ſelbſt wenn es uns
nach allen Verſuchen
mißlingt, ſie zu
entdecken, ſetzen wir doch voraus: es wer
de eine ſolche anzutreffen ſeyn und
dieſes nicht allein, wie
in dem angefuͤhrten
Falle, wegen der Einheit der Sub
ſtanz, ſondern, wo ſo gar viele, obzwar in
gewiſſem Grade
gleichartige, angetroffen
werden, wie an der Materie uͤber
haupt, ſezt die Vernunft ſyſtematiſche Einheit
mannigfal
tiger Kraͤfte voraus, da
beſondere Naturgeſetze unter all
gemeineren ſtehen und die Erſparung der
Principien nicht
blos ein oͤkonomiſcher
Grundſatz der Vernunft, ſondern
inneres
Geſetz der Natur wird.
In der That iſt auch nicht abzuſehen, wie ein
logi
ſches Princip der
Vernunfteinheit der Regeln ſtatt finden
koͤnne, wenn nicht ein transſcendentales
vorausgeſezt wuͤr
de, durch welches
eine ſolche ſyſtematiſche Einheit, als
den
Obiecten ſelbſt anhaͤngend, a
priori als nothwendig
ange
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
angenommen wird. Denn mit welcher Befugniß
kan die
Vernunft im logiſchen Gebrauche
verlangen, die Mannig
faltigkeit
der Kraͤfte, welche uns die Natur zu erkennen
giebt, als eine blos verſteckte Einheit zu
behandeln und ſie
aus irgend einer
Grundkraft, ſo viel an ihr iſt, abzuleiten,
wenn es ihr frey ſtaͤnde zuzugeben, daß es eben ſo
wol
moͤglich ſey, alle Kraͤfte waͤren
ungleichartig, und die ſy
ſtematiſche Einheit ihrer Ableitung der Natur
nicht gemaͤß:
denn alsdenn wuͤrde ſie gerade
wider ihre Beſtimmung
verfahren, indem ſie
ſich eine Idee zum Ziele ſezte, die
der
Ratureinrichtung ganz widerſpraͤche. Auch kan
man
nicht ſagen: ſie habe zuvor von der
zufaͤlligen Beſchaffen
heit der
Natur dieſe Einheit nach Principien der
Vernunft
abgenommen. Denn das Geſetz der
Vernunft, ſie zu
ſuchen, iſt nothwendig, weil
wir ohne daſſelbe gar keine
Vernunft, ohne
dieſe aber keinen zuſammenhangenden Ver
ſtandesgebrauch und, in deſſen
Ermangelung, kein zurei
chendes
Merkmal empiriſcher Wahrheit haben wuͤrden
und,
wir alſo in Anſehung des lezteren die
ſyſtematiſche Einheit
der Natur durchaus als
obiectivguͤltig und nothwendig
vorausſetzen
muͤſſen.
Wir finden dieſe transſcendentale Vorausſetzung
auch
auf eine bewundernswuͤrdige Weiſe in den
Grundſaͤtzen
der Philoſophen verſteckt,
wiewol ſie ſolche darin nicht
immer erkant,
oder ſich ſelbſt geſtanden haben. Daß alle
Mannigfaltigkeiten einzelner Dinge die Identitaͤt
der Art
nicht ausſchließen, daß die
mancherley Arten nur als ver
ſchie
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
ſchiedentliche Beſtimmungen von wenigen Gattungen, die
ſe aber von noch hoͤheren Geſchlechtern ꝛc. behandelt wer
den muͤſſen, daß alſo eine gewiſſe
ſyſtematiſche Einheit al
ler
moͤglichen empirſchen Begriffe, ſo fern ſie von hoͤheren
und
allgemeineren abgeleitet werden koͤnnen, geſucht
wer
den muͤſſe, iſt eine Schulregel
oder logiſches Princip, ohne
welches kein
Gebrauch der Vernunft ſtatt faͤnde, weil wir
nur ſo fern vom Allgemeinen aufs beſondere
ſchlieſſen koͤn
nen, als allgemeine
Eigenſchaften der Dinge zum Grunde
gelegt
werden, unter denen die beſondere ſtehen.
Daß aber auch in der Natur eine ſolche
Einhelligkeit
angetroffen werde, ſetzen die
Philoſophen in der bekanten
Schulregel
voraus: daß man die Anfaͤnge (Principien)
nicht ohne Noth vervielfaͤltigen muͤſſe (entia praeter ne
ceſſitatem non eſſe multiplicanda). Dadurch
wird ge
ſagt: daß die Natur der
Dinge ſelbſt zur Vernunft
einheit
Stoff darbiete und die anſcheinende
unendliche
Verſchiedenheit duͤrfe uns nicht
abhalten, hinter ihr Ein
heit der
Grundeigenſchaften zu vermuthen, von welchen
die Mannigfaltigkeit nur durch mehrere Beſtimmung
abge
leitet werden kan. Dieſer
Einheit, ob ſie gleich eine bloſſe
Idee iſt,
iſt man zu allen Zeiten ſo eifrig
nachgegangen,
daß man eher Urſache gefunden,
die Begierde nach ihr zu
maͤßigen, als ſie
aufzumuntern. Es war ſchon viel: daß
die
Scheidekuͤnſtler alle Salze auf zwey
Hauptgattungen,
ſaure und laugenhafte,
zuruͤckfuͤhren konten, ſie verſu
chen ſo gar auch dieſen Unterſchied bles als
eine Varietaͤt,
oder
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
oder verſchiedene Aeuſſerung eines und
deſſelben Grund
ſtoffs, anzuſehen.
Die mancherley Arten von Erden (den
Stoff der
Steine und ſogar der Metalle) hat man noch
und nach auf drey, endlich auf zwey, zu bringen
geſucht;
allein damit noch nicht zufrieden,
koͤnnen ſie ſich des Ge
dankens
nicht entſchlagen, hinter dieſen Varietaͤten
den
noch eine einzige Gattung, ia
wol gar, zu dieſen und
den Salzen, ein
gemeinſchaftliches Princip zu vermuthen.
Man
moͤchte vielleicht glauben, dieſes ſey ein blos
oͤkono
miſcher Handgriff der
Vernunft, um ſich ſo viel als moͤg
lich Muͤhe zu erſparen und ein hypothetiſcher
Verſuch, der,
wenn er gelingt, dem
vorausgeſezten Erklaͤrungsgrunde
eben durch
dieſe Einheit Wahrſcheinlichkeit giebt.
Allein
eine ſolche ſelbſtſuͤchtige Abſicht
iſt ſehr leicht von der Idee
zu
unterſcheiden, nach welcher iedermann vorausſezt:
dieſe
Vernunfteinheit ſey der Natur ſelbſt
angemeſſen, und daß
die Vernunft hier nicht
bettele, ſondern gebiete, obgleich
ohne die
Graͤnzen dieſer Einheit beſtimmen zu koͤnnen.
Waͤre unter den Erſcheinungen, die ſich uns darbie
ten, eine ſo groſſe Verſchiedenheit,
ich will nicht ſagen der
Form (denn darin
moͤgen ſie einander aͤhnlich ſeyn), ſon
dern dem Inhalte, d. i. der
Mannigfaltigkeit exiſtirender
Weſen nach, daß
auch der allerſchaͤrfſte menſchliche Ver
ſtand durch Vergleichung der einen mit
der anderen nicht
die mindeſte Aehnlichkeit
ausfuͤndig machen koͤnte (ein Fall,
der ſich
wol denken laͤßt), ſo wuͤrde das logiſche Geſetz
der
Gattungen ganz und gar nicht ſtatt
finden, und es wuͤrde
ſelbſt
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
ſelbſt kein Begriff von Gattung, oder irgend
ein allgemei
ner Begriff, ia ſo gar
kein Verſtand ſtatt finden, als der
es
lediglich mit ſolchen zu thun hat. Das logiſche
Prin
cip der Gattungen ſezt alſo
ein transſcendentales voraus,
wenn es auf
Natur (darunter ich hier nur Gegenſtaͤnde,
die uns gegeben werden, verſtehe) angewandt werden
ſoll.
Nach demſelben wird in dem
Mannigfaltigen einer moͤgli
chen
Erfahrung nothwendig Gleichartigkeit
vorausgeſezt,
(ob wir gleich ihren Grad a priori nicht beſtimmen
koͤn
nen), weil ohne dieſelbe keine
empiriſche Begriffe, mithin
keine Erfahrung
moͤglich waͤre.
Dem logiſchen Princip der Gattungen, welches
Identitaͤt poſtulirt, ſteht ein anderes, nemlich
das der Ar
ten entgegen, welches
Mannigfaltigkeit und Verſchieden
heiten der Dinge, unerachtet ihrer
Uebereinſtimmung un
ter derſelben
Gattung, bedarf und es dem Verſtande zur
Vorſchrift macht, auf dieſe nicht weniger als auf
iene auf
merkſam zu ſeyn. Dieſer
Grundſatz (der Scharfſinnig
keit,
oder des Unterſcheidungsvermoͤgens) ſchraͤnkt
den
Leichtſinn des erſteren (des Witzes) ſehr
ein und die Ver
nunft zeigt hier
ein doppeltes einander widerſtreitendes
Intereſſe, einerſeits das Intereſſe des Umfanges (der
Allgemeinheit) in Anſehung der Gattungen,
andererſeits
des Inhalts (der Beſtimtheit), in Abſicht auf
die Man
nigfaltigkeit der Arten,
weil der Verſtand im erſteren
Falle zwar viel
unter ſeinen Begriffen im zweiten aber
deſto
mehr in denſelben denkt.
Auch aͤuſſert ſich dieſes
an
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
an der ſehr verſchiedenen Denkungsart der
Naturforſcher,
deren einige (die vorzuͤglich
ſpeculativ ſind), der Ungleich
artigkeit gleichſam feind, immer auf die Einheit
der Gat
tung hinausſehen, die
andere (vorzuͤglich empiriſche Koͤpfe)
die
Natur unaufhoͤrlich in ſo viel Mannigfaltigkeit
zu
ſpalten ſuchen, daß man beinahe die
Hoffnung aufge
ben muͤßte, ihre
Erſcheinungen nach allgemeinen Prin
cipien zu beurtheilen.
Dieſer lezteren Denkungsart liegt offenbar auch
ein
logiſches Princip zum Grunde, welches die
ſyſtematiſche
Vollſtaͤndigkeit aller
Erkentniſſe zur Abſicht hat, wenn ich,
von
der Gattung anhebend, zu dem Mannigfaltigen,
das
darunter enthalten ſeyn mag, herabſteige,
und auf ſolche
Weiſe dem Syſtem Ausbreitung,
wie im erſteren Falle,
da ich zur Gattung
aufſteige, Einfalt zu verſchaffen ſuche.
Denn
aus der Sphaͤre des Begriffs, der eine Gattung
be
zeichnet, iſt eben ſo wenig, wie
aus dem Raume, den
Materie einnehmen kan, zu
erſehen, wie weit die Theilung
derſelben
gehen koͤnne. Daher iede Gattung verſchiedene
Arten, dieſe aber
verſchiedene Unterarten
erfodert und,
da keine der lezteren ſtatt
findet, die nicht immer wieder
um
eine Sphaͤre (Umfang als conceptus communis)
haͤtte, ſo verlangt die Vernunft in ihrer
ganzen Erweite
rung, daß keine Art
als die unterſte an ſich ſelbſt angeſe
hen werde, weil, da ſie doch immer ein
Begriff iſt, der
nur das, was verſchiedenen
Dingen gemein iſt, in ſich ent
haͤlt, dieſer nicht durchgaͤngig beſtimt, mithin
auch nicht
zu
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
zunaͤchſt auf ein Individuum bezogen ſeyn
koͤnne, folglich
iederzeit andere Begriffe,
d. i. Unterarten unter ſich ent
halten muͤſſe. Dieſes Geſetz der Specification
koͤnte ſo
ausgedruͤckt werden: entium varietates non temere
eſſe
minuendas.
Man ſieht aber leicht: daß auch dieſes logiſche
Ge
ſetz ohne Sinn und Anwendung
ſeyn wuͤrde, laͤge nicht
ein
transſcendentales Geſetz
der Specification zum
Grun
de, welches zwar freilich
nicht von den Dingen, die un
ſere
Gegenſtaͤnde werden koͤnnen, eine wirkliche Unendlich
keit
in Anſehung der Verſchiedenheiten fodert, denn
dazu
giebt das logiſche Princip, als welches
lediglich die Unbe
ſtimtheit der logiſchen Sphaͤre
in Anſehung der moͤglichen
Eintheilung
behauptet, keinen Anlaß, aber dennoch dem
Verſtande auferlegt, unter ieder Art, die uns
vorkomt,
Unterarten und zu ieder
Verſchiedenheit kleinere Verſchie
denheiten zu ſuchen. Denn wuͤrde es keine
niedere Be
griffe geben, ſo gaͤbe
es auch keine hoͤhere. Nun erkent
der
Verſtand alles nur durch Begriffe: folglich, ſo
weit er
in der Eintheilung reicht, niemals
durch bloſſe Anſchauung,
ſondern immer
wiederum durch niedere Begriffe. Die
Erkentniß der Erſcheinungen in ihrer
durchgaͤngigen Be
ſtimmung (welche
nur durch Verſtand moͤglich iſt) fodert
eine
unaufhoͤrlich fortzuſetzende Specification ſeiner
Be
griffe und einen Fortgang zu
immer noch bleibenden Ver
ſchiedenheiten, wovon in dem Begriffe der Art,
und noch
mehr, dem der Gattung, abſtrahirt
worden.
Auch
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
Auch kan dieſes Geſetz der Specification nicht
von
der Erfahrung entlehnt ſeyn; denn dieſe
kan keine ſo weit
gehende Eroͤfnungen geben.
Die empiriſche Specification
bleibt in der
Unterſcheidung des Mannigfaltigen bald ſte
hen, wenn ſie nicht durch das ſchon
vorhergehende trans
ſcendentate
Geſetz der Specification, als einem Princip
der Vernunft, geleitet worden, ſolche zu ſuchen
und ſie
noch immer zu vermuthen, wenn ſie
ſich gleich nicht den
Sinnen offenbaret. Daß
abſorbirende Erden nach ver
ſchiedener Art (Kalk- und muriatiſche Erden)
ſeyn, be
durfte zur Entdeckung eine
zuvorkommende Regel der
Vernunft, welche dem
Verſtande es zur Aufgabe machte,
die
Verſchiedenheit zu ſuchen, indem ſie die Natur ſo
reich
haltig vorausſetzte, ſie zu
vermuthen. Denn wir haben
eben ſowol nur
unter Vorausſetzung der Verſchiedenhei
ten in der Natur Verſtand, als unter
der Bedingung,
daß ihre Obiecte
Gleichartigkeit an ſich haben, weil eben
die
Mannigfaltigkeit desienigen, was unter einem
Begriff
zuſammengefaßt werden kan, den
Gebrauch dieſes Begriffs
und die
Beſchaͤftigung des Verſtandes ausmacht.
Die Vernunft bereitet alſo dem Verſtande
ſein
Feld 1. durch ein Princip der Gleichartigkeit des Man
nigfaltigen unter hoͤheren Gattungen,
2. durch einen
Grundſatz der Varietaͤt des Gleichartigen
unter niederen
Arten; und um die
ſyſtematiſche Einheit zu vollenden, fuͤgt
ſie
3. noch ein Geſetz der Affinitaͤt aller Begriffe
hinzu,
welches einen continuirlichen
Uebergang von einer ieden
T t
Art
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Art zu ieder anderen durch ſtufenartiges
Wachsthum der
Verſchiedenheit gebietet. Wir
koͤnnen ſie die Principien
der Homogenitaͤt, der Specification und der Conti
nuitaͤt
der Formen nennen. Das leztere entſpringt da
durch: daß man die zwey erſtere
vereinigt, nachdem man,
ſowol im Aufſteigen
zu hoͤheren Gattungen, als im Her
abſteigen zu niederen Arten, den ſyſtematiſchen
Zuſammen
hang in der Idee vollendet
hat; denn alsdenn ſind alle
Mannigfaltigkeiten unter einander verwandt, weil
ſie ins
geſamt durch alle Grade der
erweiterten Beſtimmung von
einer einzigen
oberſten Gattung abſtammen.
Man kan ſich die ſyſtematiſche Einheit unter
den
drey logiſchen Principien auf folgende
Art ſinnlich machen.
Man kan einen ieden
Begriff als einen Punct anſehen, der,
als der
Standpunct eines Zuſchauers, ſeinen Horizont
hat, d. i. eine Menge von Dingen, die aus
demſelben koͤn
nen vorgeſtellet und
gleichſam uͤberſchauet werden. Inner
halb dieſem Horizonte muß eine Menge von Puncten
ins
Unendliche angegeben werden koͤnnen,
deren ieder wieder
um ſeinen
engeren Geſichtskreis hat, d. i. iede Art ent
haͤlt Unterarten, nach dem Princip der
Specification und
der logiſche Horizont
beſteht nur aus kleineren Horizonten
(Unterarten), nicht aber aus Puncten, die keinen
Umfang
haben (Individuen). Aber zu
verſchiedenen Horizonten,
d. i. Gattungen,
die aus eben ſo viel Begriffen beſtimt
werden, laͤßt ſich ein gemeinſchaftlicher
Horizont, daraus
man ſie insgeſamt als aus
einem Mittelpuncte uͤberſchauet,
gezo
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
gezogen denken, welcher die hoͤhere Gattung
iſt, bis end
lich die hoͤchſte
Gattung der allgemeine und wahre Hori
zont iſt, der aus dem Standpuncte des
hoͤchſten Be
griffs beſtimt wird
und alle Mannigfaltigkeit, als Gat
tungen, Arten und Unterarten unter ſich
befaßt.
Zu dieſem hoͤchſten Standpuncte fuͤhrt mich das
Ge
ſetz der Homogenitaͤt, zu allen
niedrigen und deren groͤßten
Varietaͤt das
Geſetz der Specification. Da aber auf ſol
che Weiſe in dem ganzen Umfange aller
moͤglichen Begriffe
nichts leeres iſt, und
auſſer demſelben nichts angetroffen
werden
kan, ſo entſpringt aus der Vorausſetzung
ienes
allgemeinen Geſichtskreiſes und der
durchgaͤngigen Einthei
lung
deſſelben der Grundſatz: non
datur vacuum for
marum, d. i.
es giebt nicht verſchiedene urſpruͤngliche
und
erſte Gattungen, die gleichſam iſolirt
und von einander
(durch einen leeren
Zwiſchenraum) getrennet waͤren, ſon
dern alle mannigfaltige Gattungen ſind nur
Abtheilungen
einer einzigen oberſten und
allgemeinen Gattung und aus
dieſem
Grundſatze, deſſen unmittelbare Folge datur conti
nuum
formarum, d. i. alle Verſchiedenheiten der
Arten
graͤnzen an einander und erlauben
keinen Uebergang zu ein
ander durch
einen Sprung, ſondern nur durch alle kleinere
Grade des Unterſchiedes, dadurch man von einer zu
der
anderen gelangen kan, mit einem Worte, es
giebt keine
Arten oder Unterarten, die
einander (im Begriffe der Ver
nunft) die naͤchſten waͤren, ſondern es ſind
noch immer
Zwiſchenarten moͤglich, deren
Unterſchied von der erſten
T t 2
und
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
und zweiten kleiner iſt, als dieſer ihr
Unterſchied von ein
ander.
Das erſte Geſetz alſo verhuͤtet die Ausſchweifung
in
die Mannigfaltigkeit verſchiedener
urſpruͤnglichen Gattun
gen und
empfiehlt die Gleichartigkeit, das zweite
ſchraͤnkt
dagegen dieſe Neigung zur
Einhelligkeit wiederum ein und
gebietet
Unterſcheidung der Unterarten, bevor man ſich
mit
ſeinem allgemeinen Begriffe zu den
Individuen wende.
Das dritte vereinigt iene
beide, indem ſie bey der hoͤchſten
Mannigfaltigkeit dennoch die Gleichartigkeit durch
den ſtu
fenartigen Uebergang von
einer Species zur anderen vor
ſchreibt, welches eine Art von Verwandſchaft der
verſchie
denen Zweige anzeigt, in
ſo fern ſie insgeſamt aus einem
Stamme
entſproſſen ſind.
Dieſes logiſche Geſetz des continui ſpecierum (for
marum
logicarum) ſezt aber ein transſcendentales
vor
aus, (lex
continui in natura), ohne welches der Ge
brauch des Verſtandes durch iene
Vorſchrift nur irre gelei
tet
werden wuͤrde, indem ſie vielleicht einen der
Natur
gerade entgegengeſezten Weg nehmen
wuͤrde. Es muß
alſo dieſes Geſetz auf reinen
transſcendentalen und nicht
empiriſchen
Gruͤnden beruhen. Denn in dem lezteren
Falle
wuͤrde es ſpaͤter kommen, als die Syſteme; es
hat
aber eigentlich das Syſtematiſche der
Naturerkentniß zuerſt
hervorgebracht. Es ſind
hinter dieſen Geſetzen auch nicht
etwa
Abſichten auf eine, mit ihnen, als bloſſen
Verſuchen,
anzuſtellende Probe verborgen,
obwol freilich dieſer Zu
ſam
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
ſammenhang, wo er zutrift, einen maͤchtigen
Grund ab
giebt, die
hypothetiſchausgedachte Einheit vor
gegruͤndet
zu halten und ſie alſo auch in
dieſer Abſicht ihren Nutzen
haben, ſondern
man ſieht es ihnen deutlich an: daß ſie
die
Sparſamkeit der Grundurſachen, die
Mannigfaltigkeit
der Wirkungen und eine
daherruͤhrende Verwandſchaft
der Glieder der
Natur an ſich ſelbſt vor vernunftmaͤßig
und
der Natur angemeſſen urtheilen und dieſe
Grundſaͤtze
alſo direct und nicht blos als
Handgriffe der Methode ihre
Empfehlung bey
ſich fuͤhren.
Man ſiehet aber leicht: daß dieſe Continuitaͤt
der
Formen eine bloſſe Idee ſey, der ein
congruirender Ge
genſtand in der
Erfahrung gar nicht aufgewieſen werden
kan,
nicht allein um deswillen, weil die Species in
der
Natur wirklich abgetheilt ſind, und daher
an ſich ein quan
tum discretum ausmachen muͤſſen und, wenn
der ſtufen
artige Fortgang in der
Verwandſchaft derſelben continuir
lich waͤre, ſie auch eine wahre Unendlichkeit
der Zwiſchen
glieder, die innerhalb
zweer gegebenen Arten laͤgen, ent
halten muͤßte, welches unmoͤglich iſt: ſondern
auch, weil
wir von dieſem Geſetz gar keinen
beſtimten empiriſchen
Gebrauch machen
koͤnnen, indem dadurch nicht das gering
ſte Merkmal der Affinitaͤt angezeigt
wird, nach welchem
und wie weit wir die
Gradfolge ihrer Verſchiedenheit zu
ſuchen,
ſondern nichts weiter, als eine allgemeine
Anzeige,
daß wir ſie zu ſuchen haben.
T t 3
Wenn
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Wenn wir die iezt angefuͤhrte Principien ihrer
Ord
nung nach verſetzen, um ſie dem Erfahrungsgebrauch
gemaͤß zu ſtellen, ſo wuͤrden die Principien
der ſyſtema
tiſchen Einheit etwa ſo ſtehen: Mannigfaltigkeit, Ver
wandſchaft und Einheit, iede derſelben aber
als Ideen
im hoͤchſten Grade ihrer
Vollſtaͤndigkeit genommen. Die
Vernunft ſezt
die Verſtandeserkentniſſe voraus, die
zunaͤchſt
auf Erfahrung angewandt werden, und
ſucht ihre Ein
heit nach Ideen, die
viel weiter geht, als Erfahrung
reichen kan.
Die Verwandſchaft des Mannigfaltigen,
unbeſchadet ſeiner Verſchiedenheit, unter einem
Princip
der Einheit, betrift nicht blos die
Dinge, ſondern weit
mehr noch, die bloſſe
Eigenſchaften und Kraͤfte der Dinge.
Daher,
wenn uns z. B. durch eine (noch nicht voͤllig
be
richtigte) Erfahrung der Lauf
der Planeten als Kreisfoͤr
mig
gegeben iſt und wir finden Verſchiedenheiten, ſo
ver
muthen wir ſie in demienigen,
was den Cirkel nach einem
beſtaͤndigen
Geſetze durch alle unendliche Zwiſchengrade,
zu einer dieſer abweichenden Umlaͤufe abaͤndern
kan, d. i.
die Bewegungen der Planeten, die
nicht Cirkel ſind, wer
den etwa
deſſen Eigenſchaften mehr oder weniger nahe
kommen und fallen auf die Ellipſe. Die Cometen
zeigen
eine noch groͤſſere Verſchiedenheit
ihrer Bahnen, da ſie
(ſo weit Beobachtung
reicht) nicht einmal im Kreiſe zuruͤck
kehren, allein wir rathen auf einen
paraboliſchen Lauf,
der doch mit der Ellipſis
verwandt iſt und, wenn die lan
ge
Achſe der lezteren ſehr weit geſtreckt iſt, in
allen unſeren
Beob
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
Beobachtungen von ihr nicht unterſchieden
werden kan. So
kommen wir, nach Anleitung
iener Principien, auf Ein
heit der
Gattungen dieſer Bahnen in ihrer Geſtalt, da
durch aber weiter auf Einheit der
Urſache aller Geſetze
ihrer Bewegung (die
Gravitation), von da wir nachher
unſere
Eroberungen ausdehnen und auch alle
Varietaͤten
und ſcheinbare Abweichungen von
ienen Regeln aus dem
ſelben Princip
zu erklaͤren ſuchen, endlich gar mehr hinzu
fuͤgen, als Erfahrung iemals
beſtaͤtigen kan, nemlich, uns
nach den Regeln
der Verwandſchaft ſelbſt hyperboliſche
Cometenbahnen zu denken, in welcher dieſe Coͤrper
ganz
und gar unſere Sonnenwelt verlaſſen und,
indem ſie von
Sonne zu Sonne gehen, die
entfernteren Theile eines vor
uns
unbegraͤnzten Weltſyſtems, das durch eine und
die
ſelbe bewegende Kraft
zuſammenhaͤngt, in ihrem Laufe
vereinigen.
Was bey dieſen Principien merkwuͤrdig iſt, und
uns
auch allein beſchaͤftigt, iſt dieſes: daß
ſie transſcendental
zu ſeyn ſcheinen und, ob
ſie gleich bloſſe Ideen zur Befol
gung des empiriſchen Gebrauchs der Vernunft
enthalten,
denen der leztere nur gleichſam
aſymptotiſch, d. i. blos an
naͤhernd folgen kan, ohne ſie iemals zu
erreichen, ſie gleich
wol, als
ſynthetiſche Saͤtze a
priori, obiective aber unbe
ſtimte Guͤltigkeit haben und zur Regel
moͤglicher Erfahrung
dienen, auch wirklich in
Bearbeitung derſelben, als hevri
ſtiſche Grundſaͤtze, mit gutem Gluͤcke gebraucht
werden,
ohne daß man doch eine
transſcendentale Deduction der
T t 4
ſelben
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
ſelben zu Stande bringen kan, welches, wie
oben bewie
ſen worden, in Anſehung
der Ideen iederzeit unmoͤglich iſt.
Wir haben in der transſcendentalen Analytik unter
den
Grundſaͤtzen des Verſtandes die dynamiſche, als blos re
gulative Principien der Anſchauung, von den mathema
tiſchen, die in Anſehung der lezteren
conſtitutiv ſind, un
terſchieden.
Dieſem ungeachtet ſind gedachte dynamiſche
Geſetze allerdings conſtitutiv in Anſehung der Erfahrung,
indem ſie die
Begriffe, ohne welche
keine Erfahrung ſtatt
findet, a priori moͤglich machen.
Principien der reinen
Vernunft koͤnnen
dagegen nicht einmal in Anſehung der
empiriſchen Begriffe
conſtitutiv ſeyn, weil ihnen kein cor
reſpondirendes Schema der Sinnlichkeit
gegeben werden
kan und ſie alſo keinen
Gegenſtand in concreto
haben koͤn
nen. Wenn ich nun von
einem ſolchen empiriſchen Ge
brauch
derſelben, als conſtitutiver Grundſaͤtze, abgehe,
wie
will ich ihnen dennoch einen regulativen
Gebrauch und mit
demſelben einige obiective
Guͤltigkeit ſichern und was kan
derſelbe vor
Bedeutung haben?
Der Verſtand macht vor die Vernunft eben ſo
einen
Gegenſtand aus, als die Sinnlichkeit
vor den Verſtand.
Die Einheit aller
moͤglichen empiriſchen Verſtandeshandlun
gen ſyſtematiſch zu machen, iſt ein
Geſchaͤfte der Vernunft,
ſo wie der Verſtand
das Mannigfaltige der Erſcheinungen
durch
Begriffe verknuͤpft und unter empiriſche
Geſetze
bringt. Die Verſtandeshandlungen
aber, ohne Schemate
der Sinnlichkeit, ſind unbeſtimt; eben ſo iſt
die Ver
nunft
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
nunfteinheit auch in
Anſehung der Bedingungen, unter
denen, und
des Grades, wie weit, der Verſtand ſeine
Begriffe ſyſtematiſch verbinden ſoll, an ſich
ſelbſt unbe
ſtimt. Allein, obgleich vor die
durchgaͤngige ſyſtematiſche
Einheit aller
Verſtandesbegriffe kein Schema in der An
ſchauung
ausfuͤndig gemacht werden kan, ſo kan und muß
doch ein Analogon eines
ſolchen Schema gegeben werden,
welches die
Idee des Maximum der
Abtheilung und der
Vereinigung der
Verſtandeserkentniß in einem Princip iſt.
Denn das Groͤſſeſte und Abſolutvollſtaͤndige laͤßt
ſich beſtimt
gedenken, weil alle
reſtringirende Bedingungen, welche un
beſtimte Mannigfaltigkeit geben,
weggelaſſen werden. Al
ſo iſt die
Idee der Vernunft ein Analogon von einem Sche
ma der Sinnlichkeit, aber mit dem
Unterſchiede, daß die
Anwendung der
Verſtandesbegriffe auf das Schema der
Vernunft nicht eben ſo eine Erkentniß des
Gegenſtandes
ſelbſt iſt (wie bey der
Anwendung der Categorien auf ihre
ſinnliche
Schemate), ſondern nur eine Regel oder
Princip
der ſyſtematiſchen Einheit alles
Verſtandesgebrauchs. Da
nun ieder Grundſatz,
der dem Verſtande durchgaͤngige
Einheit
ſeines Gebrauchs a priori
feſtſezt, auch, obzwar
nur indirect, von dem
Gegenſtande der Erfahrung gilt:
ſo werden die
Grundſaͤtze der reinen Vernunft auch in An
ſehung dieſes lezteren obiective
Realitaͤt haben, allein nicht
um etwas an
ihnen zu beſtimmen,
ſondern nur um das
Verfahren anzuzeigen, nach
welchem der empiriſche und
beſtimte
Erfahrungsgebrauch des Verſtandes mit ſich ſelbſt
T t 5
durch
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
durchgaͤngig zuſammenſtimmend werden kan,
dadurch, daß
er mit dem Princip der
durchgaͤngigen Einheit, ſo
viel
als moͤglich, in Zuſammenhang gebracht und
davon ab
geleiter wird.
Ich nenne alle ſubiective Grundſaͤtze, die nicht
von
der Beſchaffenheit des Obiects, ſondern
dem Intereſſe
der Vernunft, in Anſehung einer
gewiſſen moͤglichen Voll
kommenheit
der Erkentniß dieſes Obiects, hergenommen
ſind, Maximen der
Vernunft. So giebt es Maximen
der
ſpeculativen Vernunft, die lediglich auf dem
ſpeculati
ven Intereſſe derſelben
beruhen, ob es zwar ſcheinen mag,
ſie waͤren
obiective Principien.
Wenn blos regulative Grundſaͤtze als conſtitutiv
be
trachtet werden, ſo koͤnnen ſie
als obiective Principien wi
derſtreitend ſeyn; betrachtet man ſie aber blos
als Maxi
men ſo iſt kein wahrer Widerſtreit, ſondern
blos ein
verſchiedenes Intereſſe der
Vernunft, welches die Tren
nung der
Denkungsart verurſacht. In der That hat die
Vernunft nur ein einiges Intereſſe und der Streit
ihrer
Maximen iſt nur eine Verſchiedenheit
und wechſelſeitige
Einſchraͤnkung der
Methoden, dieſem Intereſſe ein Gnuͤge
zu
thun.
Auf ſolche Weiſe vermag bey dieſem
Vernuͤnftler
mehr das Intereſſe der Mannigfaltigkeit (nach dem
Prin
cip der Specification), bey
ienem aber das Intereſſe der
Einheit (nach dem Princip
der Aggregation). Ein ieder
der
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
derſelben glaubt ſein Urtheil aus der
Einſicht des Obiects
zu haben und gruͤndet es
doch lediglich auf der groͤſſeren
oder
kleineren Anhaͤnglichkeit an einen von beiden
Grund
ſaͤtzen, deren keine auf
obiectiven Gruͤnden beruht, ſondern
nur auf
dem Vernunftintereſſe, und die daher beſſer
Maxi
men als Principien genant
werden koͤnten. Wenn ich
einſehende Maͤnner
mit einander wegen der Characteriſtik
der
Menſchen, der Thiere oder Pflanzen, ia ſelbſt
der
Coͤrper des Mineralreichs im Streite
ſehe, da die einen
z. B. beſondere und in der
Abſtammung gegruͤndete Volks
charactere, oder auch entſchiedene und erbliche
Unterſchie
de der Familien, Racen
u. ſ. w. annehmen, andere dage
gen
ihren Sinn darauf ſetzen, daß die Natur in
dieſem
Stuͤcke ganz und gar einerley Anlagen
gemacht habe und
aller Unterſchied nur auf
aͤuſſeren Zufaͤlligkeiten beruhe,
ſo darf ich
nur die Beſchaffenheit des Gegenſtandes in
Betrachtung ziehen, um zu begreifen, daß er vor
beide
viel zu tief verborgen liege, als daß
ſie aus Einſicht in
die Natur des Obiects
ſprechen koͤnten. Es iſt nichts an
deres, als das zwiefache Intereſſe der Vernunft,
davon
dieſer Theil das eine, iener das andere
zu Herzen nimt,
oder auch affectirt, mithin
die Verſchiedenheit der Maxi
men
der Naturmannigfaltigkeit, oder der
Natureinheit,
welche ſich gar wol vereinigen
laſſen, aber ſo lange ſie vor
obiective
Einſichten gehalten werden, nicht allein
Streit,
ſondern auch Hinderniſſe veranlaſſen,
welche die Wahr
heit lange
aufhalten, bis ein Mittel gefunden wird, das
ſtrit
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
ſtrittige Intereſſe zu vereinigen und die
Vernunft hieruͤber
zufrieden zu ſtellen.
Eben ſo iſt es mit der Behauptung, oder Anfech
tung des ſo berufenen, von Leibnitz in
Gang gebrachten
und durch Bonnet treflich
aufgeſtutzten Geſetzes der conti
nuirlichen Stufenleiter
der Geſchoͤpfe bewandt, welche
nichts als
eine Befolgung des auf
dem Intereſſe der Ver
nunft
beruhenden Grundſatzes der Affinitaͤt iſt; denn
Beob
achtung und Einſicht in die
Einrichtung der Natur konte
es gar nicht als
obiective Behauptung an die Hand geben.
Die
Sproſſen einer ſolchen Leiter, ſo wie ſie uns
Erfah
rung angeben kan, ſtehen viel
zu weit aus einander und
unſere
vermeintlichkleine Unterſchiede ſind gemeiniglich
in
der Natur ſelbſt ſo weite Kluͤfte, daß auf
ſolche Beobach
tungen (vornemlich
bey einer groſſen Mannigfaltigkeit von
Dingen, da es immer leicht ſeyn muß, gewiſſe
Aehnlich
keiten und Annaͤherungen
zu finden), als Abſichten der
Natur gar
nichts zu rechnen iſt. Dagegen iſt die Metho
de, nach einem ſolchen Princip Ordnung
in der Natur auf
zuſuchen, und die
Maxime, eine ſolche, obzwar unbeſtimt
wo,
oder wie weit, in einer Natur uͤberhaupt als
gegruͤn
det anzuſehen, allerdings
ein rechtmaͤſſiges und trefliches
regulatives
Princip der Vernunft, welches aber, als ein
ſolches, viel weiter geht, als daß Erfahrung oder
Beobach
tung ihr gleich kommen
koͤnte, doch ohne etwas zu beſtim
men, ſondern ihr nur zur ſyſtematiſchen Einheit
den Weg
vorzuzeichnen.
Von
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
Von der
Endabſicht der natuͤrlichen Dialectik
der
menſchlichen Vernunft.
Die Ideen der reinen Vernunft koͤnnen
nimmermehr
an ſich ſelbſt dialectiſch ſeyn,
ſondern ihr bloſſer Mißbrauch
muß es allein
machen, daß uns von ihnen ein truͤglicher
Schein entſpringt; denn ſie ſind uns durch die
Natur un
ſerer Vernunft aufgegeben
und dieſer oberſte Gerichtshof
aller Rechte
und Anſpruͤche unſerer Speculation kan un
moͤglich ſelbſt urſpruͤngliche
Taͤuſchungen und Blendwerke
enthalten.
Vermuthlich werden ſie alſo ihre gute und
zweckmaͤſſige Beſtimmung in der Naturanlage
unſerer Ver
nunft haben. Der Poͤbel
der Vernuͤnftler ſchreit aber,
wie
gewoͤhnlich, uͤber Ungereimtheit und Widerſpruͤche
und
ſchmaͤhet auf die Regierung, in deren
innerſte Plane er
nicht zu dringen vermag,
deren wohlthaͤtigen Einfluͤſſen
er auch
ſelbſt ſeine Erhaltung und ſo gar die Cultur
ver
danken ſolte, die ihn in den
Stand ſezt, ſie zu tadeln und
zu
verurtheilen.
Man kan ſich eines Begriffs a
priori mit keiner
Sicherheit bedienen,
ohne ſeine transſcendentale Deduction
zu
Stande gebracht zu haben. Die Ideen der reinen
Vernunft
verſtatten zwar keine Deduction von
der Art, als die Ca
tegorien;
ſollen ſie aber im mindeſten einige, wenn auch
nur
unbeſtimte, obiective Guͤltigkeit haben
und nicht blos leere
Gedankendinge (entia rationis ratiocinanus) vorſtellen,
ſo
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
ſo muß durchaus eine Deduction derſelben
moͤglich ſeyn,
geſezt, daß ſie auch von
derienigen weit abwiche, die man
mit den
Categorien vornehmen kan. Das iſt die
Vollendung
des critiſchen Geſchaͤftes der
reinen Vernunft und dieſes
wollen wir iezt
uͤbernehmen.
Es iſt ein groſſer Unterſchied, ob etwas meiner
Ver
nunft als ein Gegenſtand ſchlechthin, oder
nur als ein
Gegenſtand in der Idee
gegeben wird. In dem er
ſteren
Falle gehen meine Begriffe dahin, den
Gegenſtand
zu beſtimmen, im zweiten iſt es
wirklich nur ein Schema,
dem direct kein
Gegenſtand, auch nicht einmal hypothe
tiſch zugegeben wird, ſondern welches
nur dazu dient, um
andere Gegenſtaͤnde,
vermittelſt der Beziehung auf dieſe
Idee,
nach ihrer ſyſtematiſchen Einheit, mithin
indirect
uns vorzuſtellen. So ſage ich, der
Begriff einer hoͤchſten
Intelligenz iſt eine
bloſſe Idee, d. i. ſeine obiective Reali
taͤt ſoll nicht darin beſtehen, daß er
ſich gerade zu auf ei
nen
Gegenſtand bezieht (denn in ſolcher Bedeutung
wuͤr
den wir ſeine obiective
Guͤltigkeit nicht rechtfertigen koͤn
nen), ſondern er iſt nur ein, nach Bedingungen
der groͤßten
Vernunfteinheit geordnetes
Schema, von dem Begriffe
eines Dinges
uͤberhaupt, welches nur dazu dient, um die
groͤßte ſyſtematiſche Einheit im empiriſchen
Gebrauche un
ſerer Vernunft zu
erhalten, in dem man den Gegenſtand
der
Erfahrung gleichſam von dem eingebildeten
Gegenſtan
de dieſer Idee, als
ſeinem Grunde, oder Urſache, ablei
tet. Alsdenn heißt es z. B. die Dinge der Welt muͤſſen
ſo
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
ſo betrachtet werden, als ob ſie von einer
hoͤchſten Intelli
genz ihr Daſeyn
haͤtten. Auf ſolche Weiſe iſt die Idee ei
gentlich nur ein hevriſtiſcher und
nicht oſtenſiver Begriff
und zeigt an, nicht
wie ein Gegenſtand beſchaffen iſt, ſon
dern wie wir, unter der Leitung
deſſelben, die Beſchaffen
heit und
Verknuͤpfung der Gegenſtaͤnde der Erfahrung
uͤberhaupt ſuchen ſollen.
Wenn man nun zeigen kan, daß ob
gleich die dreierley transſcendentale Ideen (die
pſychologi
ſche, cosmologiſche, und theologiſche) direct auf
keinen
ihnen correſpondirenden Gegenſtand und
deſſen Beſtim
mung bezogen werden, dennoch alle Regeln
des empiri
ſchen Gebrauchs der
Vernunft unter Vorausſetzung eines
ſolchen
Gegenſtandes in der Idee
auf ſyſtematiſche Ein
heit fuͤhren
und die Erfahrungserkentniß iederzeit
erweitern,
niemals aber derſelben zuwider
ſeyn koͤnnen: ſo iſt es eine
nothwendige Maxime der Vernunft, nach
dergleichen
Ideen zu verfahren. Und dieſes
iſt die transſcendentale
Deduction aller
Ideen der ſpeculativen Vernunft, nicht
als
conſtitutiver Principien
der Erweiterung unſerer Er
kentniß
uͤber mehr Gegenſtaͤnde, als Erfahrung geben
kan, ſondern als regulativer Principien der
ſyſtematiſchen
Einheit des Mannigfaltigen der
empiriſchen Erkentniß uͤber
haupt,
welche dadurch in ihren eigenen Graͤnzen mehr
an
gebauet und berichtigt wird, als
es ohne ſolche Ideen
durch den bloſſen
Gebrauch der Verſtandesgrundſaͤtze geſche
hen koͤnte.
Ich
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Ich will dieſes deutlicher machen. Wir wollen
den
genanten Ideen als Principien zu Folge
erſtlich (in der
Pſychologie) alle Erſcheinungen, Handlungen und
Em
pfaͤnglichkeit unſeres Gemuͤths
an dem Leitfaden der inne
ren
Erfahrung ſo verknuͤpfen, als ob daſſelbe eine
einfache
Subſtanz waͤre, die, mit
perſoͤnlicher Identitaͤt, beharr
lich (wenigſtens im Leben) exiſtirt, indeſſen
daß ihre Zu
ſtaͤnde, zu welcher die
des Coͤrpers nur als aͤuſſere Bedin
gungen gehoͤren, continuirlich wechſeln. Wir
muͤſſen
zweitens (in der Cosmologie) die
Bedingungen, der inne
ren ſowol als
der aͤuſſeren Naturerſcheinungen, in einer
ſolchen nirgend zu vollendenden Unterſuchung
verfolgen,
als ob dieſelbe an ſich unendlich
und ohne ein erſtes oder
oberſtes Glied ſey,
obgleich wir darum, auſſerhalb allen
Erſcheinungen, die blos intelligibele erſte
Gruͤnde derſel
ben nicht laͤugnen,
aber ſie doch niemals in den Zuſam
menhang der Naturerklaͤrungen bringen duͤrfen,
weil wir ſie
gar nicht kennen. Endlich und
drittens muͤſſen wir (in An
ſehung
der Theologie) alles, was nur immer in den
Zuſam
menhang der moͤglichen
Erfahrung gehoͤren mag, ſo betrach
ten, als ob dieſe eine abſolute, aber durch und
durch abhaͤn
gige und immer noch
innerhalb der Sinnenwelt bedingte
Einheit
ausmache, doch aber zugleich, als ob der
Inbegriff
aller Erſcheinungen (die Sinnenwelt
ſelbſt) einen einzigen
oberſten und
allgnugſamen Grund auſſer ihrem Umfange ha
be, nemlich eine, gleichſam
ſelbſtaͤndige, urſpruͤngliche und
ſchoͤpferiſche Vernunft, in Beziehung auf welche
wir allen
empi
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
empiriſchen Gebrauch unſerer Vernunft in
ſeiner groͤßten
Erweiterung ſo richten, als
ob die Gegenſtaͤnde ſelbſt aus
ienem Urbilde
aller Vernunft entſprungen waͤren, das heißt:
nicht von einer einfachen denkenden Subſtanz die
innere
Erſcheinungen der Seele, ſondern nach
der Idee eines ein
fachen Weſens
iene von einander ableiten; nicht von einer
hoͤchſten Intelligenz die Weltordnung und
ſyſtematiſche
Einheit derſelben ableiten,
ſondern von der Idee einer
hoͤchſtweiſen
Urſache die Regel hernehmen, nach welcher die
Vernunft bey der Verknuͤpfung der Urſachen und
Wirkun
gen in der Welt zu ihrer
eigenen Befriedigung am beſten
zu brauchen
ſey.
Nun iſt nicht das Mindeſte, was uns hindert,
dieſe
Ideen auch als obiectiv und
hypoſtatiſch anzunehmen,
auſſer allein die
cosmologiſche, wo die Vernunft auf eine
Antinomie ſtoͤßt, wenn ſie ſolche zu Stande
bringen will
(die pſychologiſche und
theologiſche enthalten dergleichen
gar
nicht). Denn, ein Widerſpruch iſt in ihnen nicht,
wie
ſolte uns daher iemand ihre obiective
Realitaͤt ſtreiten koͤn
nen, da er
von ihrer Moͤglichkeit eben ſo wenig weis, um
ſie zu verneinen, als wir, um ſie zu beiahen.
Gleichwol
iſts, um etwas anzunehmen, noch
nicht gnug, daß keine
poſitive Hinderniß
dawider iſt, und es kan uns nicht er
laubt ſeyn, Gedankenweſen, welche alle unſere
Begriffe
uͤberſteigen, obgleich keinem
widerſprechen, auf den bloſſen
Credit der,
ihr Geſchaͤfte gern vollendenden ſpeculativen
Vernunft, als wirkliche und beſtimte Gegenſtaͤnde
einzu
U u
fuͤh
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
fuͤhren. Alſo ſollen ſie an ſich ſelbſt
nicht angenommen
werden, ſondern nur ihre
Realitaͤt, als eines Schema
des regulativen
Princips der ſyſtematiſchen Einheit aller
Naturerkentniß, gelten, mithin ſollen ſie nur als
Analoga
von wirklichen Dingen, aber nicht als ſolche an ſich
ſelbſt
zum Grunde gelegt werden. Wir heben
von dem Ge
genſtande der Idee die
Bedingungen auf, welche unſeren
Verſtandesbegriff einſchraͤnken, die aber es auch
allein moͤg
lich machen, daß wir
von irgend einem Dinge einen be
ſtimten Begriff haben koͤnnen. Und nun denken
wir uns
ein Etwas, wovon wir, was es an ſich
ſelbſt ſey, gar
keinen Begriff haben, aber
wovon wir uns doch ein Ver
haͤltniß
zu dem Inbegriffe der Erſcheinungen denken,
das
demienigen analogiſch iſt, welches die
Erſcheinungen unter
einander haben.
Wenn wir demnach ſolche idealiſche Weſen anneh
men, ſo erweiteren wir eigentlich
nicht unſere Erkentniß
uͤber die Obiecte
moͤglicher Erfahrung, ſondern nur die
empiriſche Einheit der lezteren, durch die
ſyſtematiſche Ein
heit, wozu uns
die Idee das Schema giebt, welche mit
hin nicht als conſtitutives, ſondern
blos als regulatives
Princip gilt. Denn, daß
wir ein der Idee correſpondi
rendes
Ding, ein Etwas, oder wirkliches Weſen
ſetzen,
dadurch iſt nicht geſagt: wir wolten
unſere Erkentniß der
Dinge mit
transſcendenten Begriffen erweitern; denn die
ſes Weſen wird nur in der Idee und
nicht an ſich ſelbſt
zum Grunde gelegt,
mithin nur um die ſyſtematiſche Ein
heit
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
heit auszudruͤcken, die uns zur Richtſchnur
des empiriſchen
Gebrauchs der Vernunft dienen
ſoll, ohne doch etwas
daruͤber auszumachen,
was der Grund dieſer Einheit, oder
die innere
Eigenſchaft eines ſolchen Weſens ſey, auf wel
chem, als Urſache, ſie beruhe.
So iſt der transſcendentale und einzige beſtimte
Be
griff, den uns die blos
ſpeculative Vernunft von Gott
giebt, im
genaueſten Verſtande deiſtiſch, d. i. die Ver
nunft giebt nicht einmal die obiective
Guͤltigkeit eines ſol
chen
Begriffs, ſondern nur die Idee von Etwas an
die
Hand, worauf alle empiriſche Realitaͤt
ihre hoͤchſte und
nothwendige Einheit
gruͤndet und welches wir uns nicht
anders,
als nach der Analogie einer wirklichen
Subſtanz,
welche nach Vernunftgeſetzen die
Urſache aller Dinge ſey,
denken koͤnnen,
wofern wir es ia unternehmen, es uͤber
all als einen beſonderen Gegenſtand zu
denken und nicht
lieber, mit der bloſſen Idee
des regulativen Princips der
Vernunft
zufrieden, die Vollendung aller Bedingungen
des Denkens, als uͤberſchwenglich vor den
menſchlichen Ver
ſtand, bey Seite
ſetzen wollen, welches aber mit der Abſicht
einer vollkommenen ſyſtematiſchen Einheit in
unſerem Er
kentniß, der wenigſtens
die Vernunft keine Schranken
ſezt, nicht
zuſammen beſtehen kan.
Daher geſchiehts nun, daß, wenn ich ein
goͤttliches
Weſen annehme, ich zwar, weder
von der inneren Moͤg
lichkeit
ſeiner hoͤchſten Vollkommenheit, noch der Noth
wendigkeit ſeines Daſeyns, den
mindeſten Begriff habe,
U u 2
aber
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
aber alsdenn doch allen anderen Fragen, die
das Zufaͤllige
betreffen, ein Gnuͤge thun kan
und der Vernunft die voll
kommenſte
Befriedigung in Anſehung der nachzuforſchen
den groͤßten Einheit in ihrem
empiriſchen Gebrauche, aber
nicht in Anſehung
dieſer Vorausſetzung ſelbſt, verſchaffen
kan,
welches beweiſet: daß ihr ſpeculatives Intereſſe
und
nicht ihre Einſicht ſie berechtige, von
einem Puncte, der
ſo weit uͤber ihrer Sphaͤre
liegt, auszugehen, um daraus
ihre
Gegenſtaͤnde in einem vollſtaͤndigen Ganzen zu
be
trachten.
Hier zeigt ſich nun ein Unterſchied der
Denkungsart,
bey einer und derſelben
Vorausſetzung, der ziemlich ſubtil,
aber
gleichwol in der Transſcendentalphiloſophie von
groſ
ſer Wichtigkeit iſt. Ich kan
gnuſamen Grund haben,
etwas relativ
anzunehmen, (ſuppoſitio
relativa), ohne
doch befugt zu ſeyn, es
ſchlechthin anzunehmen (ſuppoſi
tio abſoluta). Dieſe
Unterſcheidung trift zu, wenn es
blos um ein
regulatives Princip zu thun iſt, wovon wir
zwar die Nothwendigkeit an ſich ſelbſt, aber nicht
den
Quell derſelben erkennen und dazu wir
einen oberſten Grund
blos in der Abſicht
annehmen, um deſto beſtimter die All
gemeinheit des Princips zu denken, als z. B.
wenn ich
mir ein Weſen als exiſtirend denke,
das einer bloſſen und
zwar transſcendentalen
Idee correſpondirt. Denn, da
kan ich das
Daſeyn dieſes Dinges niemals an ſich ſelbſt
annehmen, weil keine Begriffe, dadurch ich mir irgend
einen
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
einen Gegenſtand beſtimt denken kan, dazu
gelangen und
die Bedingungen der obiectiven
Guͤltigkeit meiner Begriffe
durch die Idee
ſelbſt ausgeſchloſſen ſeyn. Die Begriffe
der
Realitaͤt, der Subſtanz, der Cauſſalitaͤt ſelbſt,
die der
Nothwendigkeit im Daſeyn, haben,
auſſer dem Gebrauche, da
ſie die empiriſche
Erkentniß eines Gegenſtandes moͤglich ma
chen, gar keine Bedeutung, die irgend
ein Obiect beſtim
mete. Sie koͤnnen
alſo zwar zu Erklaͤrung der Moͤglich
keit der Dinge in der Sinnenwelt, aber nicht der
Moͤg
lichkeit eines Weltganzen ſelbſt gebraucht
werden, weil
dieſer Erklaͤrungsgrund
auſſerhalb der Welt und mithin
kein
Gegenſtand einer moͤglichen Erfahrung ſeyn
muͤßte.
Nun kan ich gleichwol ein ſolches
unbegreifliches Weſen,
den Gegenſtand einer
bloſſen Idee, relativ auf die Sinnen
welt, obgleich nicht an ſich ſelbſt, annehmen.
Denn, wenn
dem groͤßtmoͤglichen empiriſchen
Gebrauche meiner Vernunft
eine Idee (der
ſyſtematiſchvollſtaͤndigen Einheit, von der
ich
bald beſtimter reden werde) zum Grunde
liegt, die an ſich
ſelbſt niemals adaͤquat in
der Erfahrung kan dargeſtellet
werden, ob ſie
gleich, um die empiriſche Einheit dem
hoͤchſtmoͤglichen Grade zu naͤhern, unumgaͤnglich
noth
wendig iſt, ſo werde ich nicht
allein befugt, ſondern auch
genoͤthigt ſeyn,
dieſe Idee zu realiſiren, d. i. ihr einen
wirklichen Gegenſtand zu ſetzen, aber nur als ein
Etwas
uͤberhaupt, das ich an ſich ſelbſt gar
nicht kenne und dem
ich nur, als einem Grunde
iener ſyſtematiſchen Einheit,
in Beziehung
auf dieſe leztere ſolche Eigenſchaften gebe,
U u 3
als
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
als den Verſtandesbegriffen im empiriſchen
Gebrauche ana
logiſch ſind. Ich
werde mir alſo nach der Analogie der
Realitaͤten in der Welt, der Subſtanzen, der
Cauſſalitaͤt
und der Nothwendigkeit, ein
Weſen denken, das alles
dieſes in der
hoͤchſten Vollkommenheit beſizt und, indem
dieſe Idee blos auf meiner Vernunft beruht, dieſes
Weſen
als ſelbſtſtaͤndige
Vernunft, was durch Ideen der groͤß
ten Harmonie und Einheit, Urſache vom
Weltganzen iſt,
denken koͤnnen, ſo daß ich
alle, die Idee einſchraͤnkende,
Bedingungen
weglaſſe, lediglich um, unter dem Schutze
eines ſolchen Urgrundes, ſyſtematiſche Einheit des
Man
nigfaltigen im Weltganzen und,
vermittelſt derſelben, den
groͤßtmoͤglichen
empiriſchen Vernunftgebrauch moͤglich zu
machen, indem ich alle Verbindungen ſo anſehe, als
ob
ſie Anordnungen einer hoͤchſten Vernunft
waͤren, von der
die unſrige ein ſchwaches
Nachbild iſt. Ich denke mir
alsdenn dieſes
hoͤchſte Weſen durch lauter Begriffe, die
eigentlich nur in der Sinnenwelt ihre Anwendung
haben,
da ich aber auch iene transſcendentale
Vorausſetzung zu
keinem anderen als relativen
Gebrauch habe, nemlich, daß
ſie das
Subſtratum der groͤßtmoͤglichen
Erfahrungseinheit
abgeben ſolle, ſo darf ich
ein Weſen, das ich von der
Welt unterſcheide,
ganz wol durch Eigenſchaften denken, die
lediglich zur Sinnenwelt gehoͤren. Denn ich
verlange
keinesweges und bin auch nicht
befugt, es zu verlangen,
dieſen Gegenſtand
meiner Idee, nach dem, was er an
ſich ſeyn
mag, zu erkennen; denn dazu habe ich keine Be
griffe
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
griffe und ſelbſt die Begriffe von
Realitaͤt, Subſtanz,
Cauſſalitaͤt, ia ſo gar
der Nothwendigkeit im Daſeyn ver
lieren alle Bedeutung und ſind leere Titel zu
Begriffen,
ohne allen Inhalt, wenn ich mich
auſſer dem Felde der
Sinne damit hinauswage.
Ich denke mir nur die Rela
tion
eines mir an ſich ganz unbekanten Weſens zur
groͤßten
ſyſtematiſchen Einheit des
Weltganzen, lediglich um es zum
Schema des
regulativen Princips des groͤßtmoͤglichen em
piriſchen Gebrauchs meiner Vernunft zu
machen.
Werfen wir unſeren Blick
nun auf den transſcen
dentalen
Gegenſtand unſerer Idee, ſo ſehen
wir: daß wir
ſeine
Wirklichkeit nach den Begriffen von Realitaͤt,
Sub
ſtanz, Cauſſalitaͤt ꝛc an ſich ſelbſt nicht
vorausſetzen koͤn
nen, weil dieſe
Begriffe auf etwas, das von der Sinnen
welt ganz unterſchieden iſt, nicht die
mindeſte Anwendung
haben. Alſo iſt die
Suppoſition der Vernunft von einem
hoͤchſten
Weſen, als oberſter Urſache, blos relativ,
zum
Behuf der ſyſtematiſchen Einheit der
Sinnenwelt gedacht
und ein bloſſes Etwas in
der Idee, wovon wir, was es
an ſich ſey, keinen
Begriff haben. Hiedurch erklaͤrt ſich
auch:
woher wir zwar in Beziehung auf das, was exiſti
rend den Sinnen gegeben iſt, der Idee
eines an ſich nothwen
digen
Urweſens beduͤrfen, niemals aber von dieſem
und
ſeiner abſoluten Nothwendigkeit den mindeſten Begriff
haben koͤnnen.
Nunmehr koͤnnen wir das Reſultat der ganzen
trans
ſcendentalen Dialectik
deutlich vor Augen ſtellen und die
U u 4
End
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Endabſicht der Ideen der reinen Vernunft,
die nur durch
Mißverſtand und Unbehutſamkeit
dialectiſch werden, ge
nau
beſtimmen. Die reine Vernunft iſt in der That
mit
nichts, als ſich ſelbſt beſchaͤftigt und
kan auch kein ande
res Geſchaͤfte
haben, weil ihr nicht die Gegenſtaͤnde zur
Einheit des Erfahrungsbegriffs, ſondern die
Verſtandeser
kentniſſe zur Einheit
des Vernunftbegriffs, d. i. des Zu
ſammenhanges in einem Princip gegeben werden.
Die
Vernunfteinheit iſt die Einheit des
Syſtems, und dieſe
ſyſtematiſche Einheit
dient der Vernunft nicht obiectiv zu
einem
Grundſatze, um ſie uͤber die Gegenſtaͤnde,
ſondern
ſubiectiv als Maxime, um ſie uͤber
alles moͤgliche empiri
ſche
Erkentniß der Gegenſtaͤnde zu verbreiten.
Gleichwol
befoͤrdert der ſyſtematiſche
Zuſammenhang, den die Ver
nunft dem
empiriſchen Verſtandesgebrauche geben kan,
nicht allein deſſen Ausbreitung, ſondern bewaͤhrt
auch zu
gleich die Richtigkeit
deſſelben und das Principium einer
ſolchen
ſyſtematiſchen Einheit iſt auch obiectiv, aber
auf
unbeſtimte Art (principium vagum) nicht als conſtituti
ves Princip, um etwas in Anſehung
ſeines directen Ge
genſtandes zu
beſtimmen, ſondern um, als blos regula
tiver Grundſatz und Maxime, den
empiriſchen Gebrauch
der Vernunft durch
Eroͤfnung neuer Wege, die der Ver
ſtand nicht kent, ins Unendliche (Unbeſtimte) zu
befoͤrdern
und zu befeſtigen, ohne dabey
iemals den Geſetzen des
empiriſchen Gebrauchs
im Mindeſten zuwider zu ſeyn.
Die
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
Die Vernunft kan aber dieſe ſyſtematiſche
Einheit
nicht anders denken, als daß ſie
ihrer Idee zugleich einen
Gegenſtand giebt,
der aber durch keine Erfahrung gegeben
werden
kan, denn Erfahrung giebt niemals ein
Beiſpiel
vollkommener ſyſtematiſcher Einheit.
Dieſes Vernunftwe
ſen (ens rationis ratiocinatæ)
iſt nun zwar eine bloſſe
Idee und wird alſo
nicht ſchlechthin und an ſich ſelbſt als
etwas Wirkliches angenommen, ſondern nur
problematiſch
zum Grunde gelegt (weil wir es
durch keine Verſtandes
begriffe
erreichen koͤnnen), um alle Verknuͤpfung der
Dinge
der Sinnenwelt ſo anzuſehen, als ob ſie
in dieſem Ver
nunftweſen ihren
Grund haͤtten, lediglich aber in der Ab
ſicht, um darauf die ſyſtematiſche
Einheit zu gruͤnden, die der
Vernunft
unentbehrlich, der empiriſchen Verſtandeserkent
niß aber auf alle Weiſe befoͤrderlich
und ihr gleichwol nie
mals
hinderlich ſeyn kan.
Man verkennet ſogleich die Bedeutung dieſer
Idee,
wenn man ſie vor die Behauptung, oder
auch nur die
Vorausſetzung einer wirklichen
Sache haͤlt, welcher man
den Grund der
ſyſtematiſchen Weltverfaſſung zuzuſchreiben
gedaͤchte; vielmehr laͤßt man es gaͤnzlich
unausgemacht,
was der, unſeren Begriffen ſich
entziehende Grund derſel
ben an
ſich vor Beſchaffenheit habe und ſetzet ſich nur
eine
Idee zum Geſichtspuncte, aus welchem
einzig und allein
man iene, der Vernunft ſo
weſentliche und dem Verſtan
de ſo
heilſame, Einheit verbreiten kan, mit einem Worte:
U u 5
dieſes
Elementarl. II. Th. II. Abth. II.Buch.
III. Hauptſt.
dieſes transſendentale Ding iſt blos das
Schema ienes re
gulativen Princips,
wodurch die Vernunft, ſo viel an ihr
iſt,
ſyſtematiſche Einheit uͤber alle Erfahrung
verbreitet.
Das erſte Obiect einer ſolchen Idee bin ich
ſelbſt,
blos als denkende Natur (Seele)
betrachtet. Will ich
die Eigenſchaften, mit
denen ein denkend Weſen an ſich
exiſtirt,
aufſuchen, ſo muß ich die Erfahrung befragen
und
ſelbſt von allen Categorien kan ich keine
auf dieſen Gegen
ſtand anwenden,
als in ſo fern das Schema derſelben in
der
ſinnlichen Anſchauung gegeben iſt. Hiemit gelange
ich
aber niemals zu einer ſyſtematiſchen
Einheit aller Erſchei
nungen des
inneren Sinnes. Satt des Erfahrungsbegriffs
alſo (von dem, was die Seele wirklich iſt), der
uns nicht
weit fuͤhren kan, nimt die Vernunft
den Begriff der em
piriſchen
Einheit alles Denkens und macht dadurch, daß
ſie dieſe Einheit unbedingt und urſpruͤnglich
denkt, aus
demſelben einen Vernunftbegriff
(Idee) von einer einfa
chen
Subſtanz, die an ſich ſelbſt unwandelbar
(perſoͤn
lich identiſch), mit
andern wirklichen Dingen auſſer ihr
in
Gemeinſchaft ſtehe, mit einem Worte: von einer
ein
fachen ſelbſtſtaͤndigen
Intelligenz. Hiebey aber hat ſie
nichts
anders vor Augen, als Principien der
ſyſtematiſchen
Einheit in Erklaͤrung der
Erſcheinungen der Seele, nem
lich:
alle Beſtimmungen, als in einem einigen Subiecte,
alle
Kraͤfte, ſo viel moͤglich, als
abgeleitet von einer einigen
Grundkraft,
allen Wechſel, als gehoͤrig zu den Zuſtaͤnden
eines
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
eines und deſſelben beharrlichen Weſens zu
betrachten, und
alle Erſcheinungen im Raume,
als von den Handlungen
des Denkens ganz
unterſchieden vorzuſtellen. Jene Ein
fachheit der Subſtanz ꝛc. ſolte nur das Schema
zu dieſem
regulativen Princip ſeyn und wird
nicht vorausgeſezt, als
ſey ſie der wirkliche
Grund der Seeleneigenſchaften. Denn
dieſe
koͤnnen auch auf ganz anderen Gruͤnden beruhen,
die
wir gar nicht kennen, wie wir denn die
Seele auch durch
dieſe angenommene Praͤdicate
eigentlich nicht an ſich ſelbſt
erkennen
koͤnten, wenn wir ſie gleich von ihr
ſchlechthin
wolten gelten laſſen, indem ſie
eine bloſſe Idee ausmachen,
die in concreto gar nicht
vorgeſtellet werden kan. Aus
einer ſolchen
pſychologiſchen Idee kan nun nichts anders
als Vortheil entſpringen, wenn man ſich nur
huͤtet, ſie
vor etwas mehr als bloſſe Idee,
d. i. blos relativiſch auf
den ſyſtematiſchen
Vernunftsgebrauch in Anſehung der Er
ſcheinungen unſerer Seele, gelten zu laſſen.
Denn, da
mengen ſich keine empiriſche Geſetze
koͤrperlicher Erſchei
nungen, die
ganz von anderer Art ſeyn, in die Erklaͤrun
gen deſſen, was blos vor den inneren
Sinn gehoͤret, da
werden keine windige
Hypotheſen, von Erzeugung, Zer
ſtoͤhrung und Palingeneſie der Seelen ꝛc.
zugelaſſen, alſo
die Betrachtung dieſes
Gegenſtandes des inneren Sinnes
ganz rein und
unvermengt mit ungleichartigen Eigenſchaf
ten angeſtellet, uͤberdem die
Vernunftunterſuchung darauf
gerichtet, die
Erklaͤrungsgruͤnde in dieſem Subiecte, ſo
weit es moͤglich iſt, auf ein einziges Princip
hinaus zu
fuͤh
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
fuͤhren, welches alles durch ein ſolches
Schema, als ob
es ein wirkliches Weſen waͤre,
am beſten, ia ſo gar einzig
und allein,
bewirkt wird. Die pſychologiſche Idee kan
auch nichts anders als das Schema eines
regulativen Be
griffs bedeuten.
Denn wolte ich auch nur fragen: ob die
Seele
nicht an ſich geiſtiger Natur ſey, ſo haͤtte
dieſe
Frage gar keinen Sinn. Denn durch einen
ſolchen Be
griff nehme ich nicht
blos die koͤrperliche Natur, ſondern
uͤberhaupt alle Natur weg, d. i. alle Praͤdicate
irgend ei
ner moͤglichen Erfahrung,
mithin alle Bedingungen zu
einem ſolchen
Begriffe einen Gegenſtand zu denken, als
welches doch einzig und allein es macht, daß man
ſagt, er
habe einen Sinn.
Die zweite regulative Idee der blos ſpeculativen
Ver
nunft iſt der Weltbegriff
uͤberhaupt. Denn Natur iſt ei
gentlich nur das einzige gegebene Obiect, in
Anſehung
deſſen die Vernunft regulative
Principien bedarf. Dieſe
Natur iſt zwiefach,
entweder die denkende, oder die koͤr
perliche Natur. Allein zu der lezteren, um ſie
ihrer inne
ren Moͤglichkeit nach zu
denken, d. i. die Anwendung der
Categorien
auf dieſelbe zu beſtimmen, beduͤrfen wir
keiner
Idee, d. i. einer die Erfahrung
uͤberſteigenden Vorſtellung;
es iſt auch
keine in Anſehung derſelben moͤglich, weil
wir
darin blos durch ſinnliche Anſchauung
geleitet werden und
nicht, wie in dem
pſychologiſchen Grundbegriffe (Ich),
welcher
eine gewiſſe Form des Denkens, nemlich die Ein
heit deſſelben, a
priori enthaͤlt. Alſo bleibt uns vor die
reine
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
reine Vernunft nichts uͤbrig, als Natur
uͤberhaupt, und
die Vollſtaͤndigkeit der
Bedingungen in derſelben nach ir
gend einem Princip. Die abſolute Totalitaͤt der
Reihen
dieſer Bedingungen, in der Ableitung
ihrer Glieder, iſt
eine Idee, die zwar im
empiriſchen Gebrauche der Ver
nunft
niemals voͤllig zu Stande kommen kan, aber
doch
zur Regel dient, wie wir in Anſehung
derſelben verfah
ren ſollen,
nemlich in der Erklaͤrung gegebener Erſcheinun
gen (im Zuruͤckgehen oder Aufſteigen)
ſo, als ob die Rei
he an ſich
unendlich waͤre, d. i. in
indefinitum, aber wo
die Vernunft ſelbſt
als beſtimmende Urſache betrachtet
wird (in
der Freiheit), alſo bey practiſchen
Principien,
als ob wir nicht ein Obiect der
Sinne, ſondern des rei
nen
Verſtandes vor uns haͤtten, wo die Bedingungen
nicht
mehr in der Reihe der Erſcheinungen,
ſondern auſſer der
ſelben geſezt
werden koͤnnen und die Reihe der Zuſtaͤnde
angeſehen werden kan, als ob ſie ſchlechthin
(durch eine
intelligibele Urſache) angefangen
wuͤrde, welches alles
beweiſet: daß die
cosmologiſche Ideen nichts als regula
tive Principien und weit davon
entfernt ſind, gleichſam
conſtitutiv, eine
wirkliche Totalitaͤt ſolcher Reihen zu
ſetzen.
Das uͤbrige kan man an ſeinem Orte
unter der Antinomie
der reinen Vernunft
ſuchen.
Die dritte Idee der reinen Vernunft, welche
eine
blos relative Suppoſition eines Weſens
enthaͤlt, als der
einigen und allgnugſamen
Urſache aller cosmologiſchen
Reihen, iſt der
Vernunftbegriff von Gott.
Den Gegenſtand
die
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
dieſer Idee, haben wir nicht den mindeſten
Grund, ſchlecht
hin anzunehmen (an
ſich zu ſupponiren); denn was kan
uns wol
dazu vermoͤgen, oder auch nur berechtigen,
ein
Weſen von der hoͤchſten Vollkommenheit,
und als ſeiner
Natur nach ſchlechthin
nothwendig, aus deſſen bloſſem
Begriffe an
ſich ſelbſt zu glauben, oder zu behaupten,
waͤre es nicht die Welt, in Beziehung auf welche
dieſe
Suppoſition allein nothwendig ſeyn kan,
und da zeigt es
ſich klar: daß die Idee
deſſelben, ſo wie alle ſpeculative
Ideen,
nichts weiter ſagen wolle, als daß die Vernunft
ge
biete, alle Verknuͤpfung der
Welt nach Principien einer
ſyſtematiſchen
Einheit zu betrachten, mithin als ob ſie ins
geſamt aus einem einzigen
allbefaſſenden Weſen, als ober
ſter
und allgnugſamer Urſache, entſprungen waͤren.
Hier
aus iſt klar: daß die Vernunft
hiebey nichts als ihre eige
ne
formale Regel in Erweiterung ihres empiriſchen
Ge
brauchs zur Abſicht haben
koͤnne, niemals aber eine Er
weiterung uͤber alle
Graͤnzen des empiriſchen Gebrauchs,
folglich unter dieſer Idee kein conſtitutives
Princip ihres
auf moͤgliche Erfahrung
gerichteten Gebrauchs verborgen
liege.
Die hoͤchſte formale Einheit, welche allein auf
Ver
nunftbegriffen beruht, iſt die
zweckmaͤſſige Einheit der
Dinge, und das
ſpeculative Intereſſe der Vernunft macht
es
nothwendig, alle Anordnung in der Welt ſo
anzuſehen,
als ob ſie aus der Abſicht einer
allerhoͤchſten Vernunft ent
ſproſſen waͤre. Ein ſolches Princip eroͤfnet
nemlich unſerer
auf
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
auf das Feld der Erfahrungen angewandten
Vernunft
ganz neue Ausſichten nach
telologiſchen Geſetzen die Dinge
der Welt zu
verknuͤpfen, und dadurch zu der groͤßten
ſyſtema
tiſchen Einheit derſelben
zu gelangen. Die Vorausſetzung
einer oberſten
Intelligenz, als der alleinigen Urſache des
Weltganzen, aber freilich blos in der Idee, kan
alſo ie
derzeit der Vernunft nutzen
und dabey doch niemals ſchaden.
Denn, wenn
wir in Anſehung der Figur der Erde (der
runden
doch etwas
abgeptatteten
abgeplatteten
Der Vortheil, den eine
kugelichte Erdgeſtalt ſchaft, iſt be
kant gnug; aber wenige wiſſen: daß ihre
Abplattung,
als eines Sphaͤroids, es allein
verhindert, daß nicht die
Hervorragungen des
feſten Landes, oder auch kleinerer,
vielleicht durch Erdbeben aufgeworfener Berge, die
Achſe
der Erde continuirlich und in nicht
eben langer Zeit an
ſehnlich
verruͤcke, waͤre nicht die Aufſchwellung der
Erde
unter der Linie ein ſo gewaltiger Berg,
den der Schwung
iedes andern Berges niemals
merklich aus ſeiner Lage in
Anſehung der
Achſe bringen kan. Und doch erklaͤrt man
dieſe weiſe Anſtalt ohne Bedenken aus dem
Gleichgewicht
der ehmals fluͤſſigen
Erdmaſſe., der Gebirge und Meere ꝛc.
lauter weiſe Abſichten eines Urhebers zum voraus
anneh
men, ſo koͤnnen wir auf
dieſem Wege eine Menge von
Entdeckungen
machen. Bleiben wir nur bey dieſer Vor
ausſetzung, als einem blos regulativen
Princip, ſo kan
ſelbſt der Irrthum uns nicht
ſchaden. Denn es kan allen
falls
daraus nichts weiter folgen, als daß, wo wir
einen
teleologiſchen Zuſammenhang (nexus finalis)
erwarteten,
ein blos mechaniſcher oder
phyſiſcher (nexus
effectiuus)
ange
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
angetroffen werde, wodurch wir, in einem
ſolchen Falle,
nur eine Einheit mehr
vermiſſen, aber nicht die Vernunft
einheit in ihrem empiriſchen Gebrauche
verderben. Aber
ſo gar dieſer Querſtrich kan
das Geſetz ſelbſt in allgemei
ner
und teleologiſcher Abſicht uͤberhaupt nicht
treffen. Denn,
ob zwar ein Zergliederer eines
Irrthumes uͤberfuͤhrt werden
kan, wenn er
irgend ein Gliedmaas eines thieriſchen Coͤr
pers auf einen Zweck bezieht, von
welchem man deutlich
zeigen kan, daß er
daraus nicht erfolge: ſo iſt es doch
gaͤnzlich unmoͤglich, in einem Falle zu beweiſen,
daß eine
Natureinrichtung, es mag ſeyn welche
da wolle, ganz
und gar keinen Zweck habe.
Daher erweitert auch die
Phyſiologie (der
Aerzte) ihre ſehr eingeſchraͤnkte empiri
ſche Kentniß von den Zwecken des
Gliederbaues eines or
ganiſchen
Coͤrpers durch einen Grundſatz, welchen blos
reine Vernunft eingab, ſo weit, daß man darin
ganz
dreuſt und zugleich mit aller
Verſtaͤndigen Einſtimmung
annimt, es habe
alles an dem Thiere ſeinen Nutzen und
gute
Abſicht, welche Vorausſetzung, wenn ſie
conſtitutiv
ſeyn ſolte, viel weiter geht, als
uns bisherige Beobach
tung
berechtigen kan, woraus denn zu erſehen iſt: daß
ſie
nichts als ein regulatives Princip der
Vernunft ſey, um
zur hoͤchſten ſyſtematiſchen
Einheit, vermittelſt der Idee
der
zweckmaͤſſigen Cauſſalitaͤt der oberſten
Welturſache und,
als ob dieſe, als hoͤchſte
Intelligenz nach der weiſeſten Ab
ſicht die Urſache von allem ſey, zu
gelangen.
Gehen
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
Gehen wir aber von dieſer Reſtriction der Idee
auf
den blos regulativen Gebrauch ab, ſo wird
die Vernunft
auf ſo mancherley Weiſe irre
gefuͤhrt, indem ſie alsdenn
den Boden der
Erfahrung, der doch die Merkzeichen ih
res Ganges enthalten muß, verlaͤßt,
und ſich uͤber denſel
ben zu dem
Unbegreiflichen und unerforſchlichen hinwagt,
uͤber deſſen Hoͤhe ſie nothwendig ſchwindlicht
wird, weil ſie
ſich aus dem Standpuncte
deſſelben von allem mit der
Erfahrung
ſtimmigen Gebrauch gaͤnzlich abgeſchnitten
ſieht.
Der erſte Fehler, der daraus entſpringt, daß
man
die Idee eines hoͤchſten Weſens nicht
blos regulativ, ſon
dern (welches
der Natur einer Idee zuwider iſt) conſtitu
tiv braucht, iſt die faule Vernunft
(ignaua ratio
So nanten die alten
Dialectiker einen Trugſchluß, der
ſo lautete:
Wenn es dein Schickſal mit ſich bringt, du
ſolſt von dieſer Krankheit geneſen, ſo wird es
geſchehen,
du magſt einen Arzt brauchen, oder
nicht. Cicero ſagt:
daß dieſe Art zu
ſchlieſſen ihren Nahmen daher habe, daß,
wenn
man ihr folgt, gar kein Gebrauch der Vernunft
im Leben uͤbrig bleibe. Dieſes iſt die Urſache,
warum
ich das ſophiſtiſche Argument der
reinen Vernunft mit
demſelben Nahmen
belege..
Man kan ieden Grundſatz ſo
nennen, welcher macht, daß
man ſeine
Naturunterſuchung, wo es auch ſey, vor
ſchlecht
X x
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
ſchlechthin vollendet anſieht und die
Vernunft ſich alſo zur
Ruhe begiebt, als ob
ſie ihr Geſchaͤfte voͤllig ausgerich
tet habe. Daher ſelbſt die pſychologiſche Idee,
wenn ſie
als ein conſtitutives Princip vor
die Erklaͤrung der Er
ſcheinungen
unſerer Seele, und hernach gar, zur Erwei
terung unſerer Erkentniß dieſes
Subiects, noch uͤber alle
Erfahrung hinaus
(ihren Zuſtand nach dem Tode) ge
braucht wird, es der Vernunft zwar ſehr bequem
macht,
aber auch allen Naturgebrauch
derſelben nach der Leitung
der Erfahrungen
ganz verdirbt und zu Grunde richtet.
So
erklaͤrt der dogmatiſche Spiritualiſt die durch
allen
Wechſel der Zuſtaͤnde unveraͤndert
beſtehende Einheit der
Perſon aus der Einheit
der denkenden Subſtanz, die
er in dem Ich
unmittelbar wahrzunehmen glaubt, das
Intereſſe, was wir an Dingen nehmen, die ſich
allererſt
nach unſerem Tode zutragen ſollen,
aus dem Bewuſtſeyn der
immateriellen Natur
unſeres denkenden Subiects ꝛc. und
uͤberhebt
ſich aller Naturunterſuchung der Urſache
dieſer
unſerer inneren Erſcheinungen aus
phyſiſchen Erklaͤrungs
gruͤnden,
indem er gleichſam durch den Machtſpruch
einer
transſcendenten Vernunft die immanente
Erkentnißquel
len der Erfahrung,
zum Behuf ſeiner Gemaͤchlichkeit, aber
mit
Einbuſſe aller Einſicht, vorbey geht. Noch
deutlicher
faͤllt dieſe nachtheilige Folge
bey dem Dogmatism unſerer
Idee von einer
hoͤchſten Intelligenz und dem darauf faͤlſch
lich gegruͤndeten theologiſchen Syſtem
der Natur (Phyſico
theo
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
theologie) in die Augen. Denn da dienen alle
ſich in der
Natur zeigende, oft nur von uns
ſelbſt dazu gemachte
Zwecke dazu, es uns in
der Erforſchung der Urſachen recht
bequem zu
machen, nemlich, anſtatt ſie in den
allgemeinen
Geſetzen des Mechanismus der
Materie zu ſuchen, ſich ge
radezu
auf den unerforſchlichen Rathſchluß der
hoͤchſten
Weisheit zu berufen, und die
Vernunftbemuͤhung alsdenn
vor vollendet
anzuſehen, wenn man ſich ihres Gebrauchs
uͤberhebt, der doch nirgend einen Leitfaden
findet, als wo
ihn uns die Ordnung der Natur
und die Reihe der Ver
aͤnderungen,
nach ihren inneren und allgemeinern Geſe
tzen, an die Hand giebt. Dieſer Fehler
kan vermieden
werden, wenn wir nicht blos
einige Naturſtuͤcke, als z. B.
die
Vertheilung des feſten Landes, das Bauwerk
deſſelben
und die Beſchaffenheit und Lage der
Gebirge, oder wol
gar nur die Organiſation im
Gewaͤchs- und Thierreiche
aus dem
Geſichtspuncte der Zwecke betrachten, ſondern
dieſe ſyſtematiſche Einheit der Natur, in
Beziehung auf
die Idee einer hoͤchſten
Intelligenz, ganz
allgemein ma
chen. Denn
alsdenn legen wir eine Zweckmaͤſſigkeit nach
allgemeinen Geſetzen der Natur zum Grunde, von
denen
keine beſondere Einrichtung
ausgenommen, ſondern nur
mehr oder weniger
kentlich vor uns ausgezeichnet worden,
und
haben ein regulatives Princip der ſyſtematiſchen
Ein
heit einer teleologiſchen
Verknuͤpfung, die wir aber nicht
zum voraus
beſtimmen, ſondern nur in Erwartung derſel
X x
2
ben
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
ben die phyſiſchmechaniſche Verknuͤpfung
nach allgemeinen
Geſetzen verfolgen duͤrfen.
Denn ſo allein kan das Prin
cip der
zweckmaͤſſigen Einheit den Vernunftgebrauch
in
Anſehung der Erfahrung iederzeit
erweitern, ohne ihm in
irgend einem Falle
Abbruch zu thun.
Der zweite Fehler, der aus der Mißdeutung des
ge
dachten Princips der
ſyſtematiſchen Einheit entſpringt, iſt
der
der verkehrten Vernunft (peruerſa ratio, ὕςερον
πρότερον rationis). Die Idee der
ſyſtematiſchen Einheit
ſolte nur dazu dienen,
um als regulatives Princip ſie in
der
Verbindung der Dinge nach allgemeinen Naturgeſe
tzen zu ſuchen und, ſo weit ſich etwas
davon auf dem em
piriſchen Wege
antreffen laͤßt, um ſo viel auch zu glau
ben, daß man ſich der Vollſtaͤndigkeit
ihres Gebrauchs
genaͤhert habe, ob man ſie
freilich niemals erreichen wird.
Anſtatt
deſſen kehrt man die Sache um und faͤngt davon
an,
daß man die Wirklichkeit eines Princips
der zweckmaͤſſigen
Einheit als hypoſtatiſch
zum Grunde legt, den Begriff
einer ſolchen
hoͤchſten Intelligenz, weil er an ſich
gaͤnzlich
unerforſchlich iſt,
anthropomorphiſtiſch beſtimt und denn
der
Natur Zwecke, gewaltſam und dictatoriſch,
aufdringt,
anſtatt ſie, wie billig, auf dem
Wege der phyſiſchen Nach
forſchung
zu ſuchen, ſo daß nicht allein Teleologie, die
blos
dazu dienen ſolte, um die Natureinheit
nach allgemeinen
Geſetzen zu ergaͤnzen, nun
vielmehr dahin wirkt, ſie auf
zuhe
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
zuheben, ſondern die Vernunft ſich noch dazu
ſelbſt um
ihren Zweck bringt, nemlich das
Daſeyn einer ſolchen
intelligenten oberſten
Urſache, nach dieſem, aus der Na
tur zu beweiſen. Denn, wenn man nicht die
hoͤchſte Zweck
maͤſſigkeit in der
Natur a priori, d. i. als
zum Weſen der
ſelben gehoͤrig,
vorausſetzen kan, wie will man denn an
gewieſen ſeyn, ſie zu ſuchen und auf
der Stufenleiter der
ſelben ſich
der hoͤchſten Vollkommenheit eines Urhebers,
als einer ſchlechterdingsnothwendigen, mithin a priori
erkenbaren Vollkommenheit, zu naͤhern. Das
regulative
Princip verlangt die ſyſtematiſche
Einheit als Naturein
heit, welche
nicht blos empiriſch erkant, ſondern a priori,
obzwar noch unbeſtimt, vorausgeſezt wird,
ſchlechter
dings, mithin als aus
dem Weſen der Dinge folgend, vor
auszuſetzen. Lege ich aber zuvor ein hoͤchſtes
ordnendes
Weſen zum Grunde, ſo wird die
Natureinheit in der
That aufgehoben. Denn ſie
iſt der Natur der Dinge ganz
fremde und
zufaͤllig und kan auch nicht aus allgemeinen
Geſetzen derſelben erkant werden. Daher entſpringt
ein
fehlerhafter Cirkel im beweiſen, da man
das vorausſezt,
was eigentlich hat bewieſen
werden ſollen.
Das regulative Princip der ſyſtematiſchen
Einheit
der Natur vor ein conſtitutives zu
nehmen und, was nur
in der Idee zum Grunde
des einhelligen Gebrauchs der
Vernunft gelegt
wird, als Urſache hypoſtatiſch vorausſe
X x
3
tzen,
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
tzen, heißt nur die Vernunft verwirren. Die
Naturfor
ſchung geht ihren Gang
ganz allein an der Kette der Na
tururſachen nach allgemeinen Geſetzen derſelben,
zwar
nach der Idee eines Urhebers, aber nicht
um die Zweck
maͤſſigkeit, der ſie
allerwerts nachgeht, von demſelben ab
zuleiten, ſondern ſein Daſeyn aus
dieſer Zweckmaͤſſigkeit,
die in den Weſen der
Naturdinge geſucht wird, wo moͤg
lich auch in den Weſen aller Dinge uͤberhaupt,
mithin als
ſchlechthin nothwendig zu
erkennen. Das leztere mag
nun gelingen oder
nicht, ſo bleibt die Idee immer richtig
und
eben ſowol auch deren Gebrauch, wenn er auf
die
Bedingungen eines blos regulativen
Princips reſtringirt
worden.
Vollſtaͤndige zweckmaͤſſige Einheit iſt
Vollkommenheit
(ſchlechthin betrachtet). Wenn
wir dieſe nicht in dem
Weſen der Dinge,
welche den ganzen Gegenſtand der Er
fahrung, d. i. aller unſerer obiectivguͤltigen
Erkentniß, aus
machen, mithin in allgemeinen
und nothwendigen Natur
geſetzen
finden, wie wollen wir daraus gerade auf die
Idee
einer hoͤchſten und ſchlechthin
nothwendigen Vollkommen
heit eines
Urweſens ſchlieſſen, welches der Urſprung
aller
Cauſſalitaͤt iſt. Die groͤßte
ſyſtematiſche, folglich auch die
zweckmaͤſſige Einheit iſt die Schule und ſelbſt
die Grund
lage der Moͤglichkeit des
groͤßten Gebrauchs der Menſchen
vernunft. Die Idee derſelben iſt alſo mit dem Weſen
unſe
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
unſerer Vernunft unzertrenlich verbunden.
Eben die
ſelbe Idee iſt alſo vor
uns geſetzgebend und ſo iſt es ſehr
natuͤrlich, eine ihr correſpondirende
geſetzgebende Vernunft
(intellectus archetypus)
anzunehmen, von der alle ſyſte
matiſche Einheit der Natur, als dem Gegenſtande
unſerer
Vernunft, abzuleiten ſey.
Wir haben bey Gelegenheit der Antinomie der
rei
nen Vernunft geſagt: daß alle
Fragen, welche die reine
Vernunft aufwirft,
ſchlechterdings beantwortlich ſeyn muͤſ
ſen, und daß die Entſchuldigung mit
den Schranken un
ſerer Erkentniß,
die in vielen Naturfragen eben ſo unver
meidlich, als billig iſt, hier nicht
geſtattet werden koͤnne,
weil uns hier nicht
von der Natur der Dinge, ſondern
allein durch
die Natur der Vernunft und lediglich uͤber
ihre innere Einrichtung, die Fragen vorgelegt
werden.
Jezt koͤnnen wir dieſe dem erſten
Anſcheine nach kuͤhne
Behauptung in Anſehung
der zween Fragen, wobey die
reine Vernunft
ihr groͤßtes Intereſſe hat, beſtaͤtigen und
dadurch unſere Betrachtung uͤber die Dialectik
derſelben
zur gaͤnzlichen Vollendung
bringen.
Fraͤgt man denn alſo (in Abſicht auf eine
transſcen
dentale TheologieDasienige, was ich ſchon
vorher von der pſychologiſchen
Idee und deren
eigentlichen Beſtimmung, als Princip’s
zum
erſtlich: ob es etwas von der Welt
X x 4
Unter
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
Unterſchiedenes gebe, was den Grund der
Weltordnung
und ihres Zuſammenhanges nach
allgemeinen Geſetzen ent
halte, ſo
iſt die Antwort: ohne
Zweifel. Denn die Welt
iſt eine Summe
von Erſcheinungen, es muß alſo ir
gend ein transſcendentaler, d. i. blos dem
reinen Verſtan
de denkbarer Grund
derſelben ſeyn. Iſt zweitens die
Frage: ob dieſes
Weſen Subſtanz, von der
groͤßten Rea
litaͤt, nothwendig ꝛc
ſey: ſo antworte ich: daß dieſe Fra
ge gar keine
Bedeutung habe. Denn alle Categorien,
durch welche ich mir einen Begriff von einem
ſolchen Ge
genſtande zu machen
verſuche, ſind von keinem anderen,
als
empiriſchen Gebrauche und haben gar keinen
Sinn,
wenn ſie nicht auf Obiecte moͤglicher
Erfahrung, d. i. auf
die Sinnenwelt angewandt
werden. Auſſer dieſem Felde
ſind ſie blos
Titel zu Begriffen, die man einraͤumen, da
durch man aber auch nichts verſtehen
kan. Iſt endlich
Drittens die Frage: ob
wir nicht wenigſtens dieſes von
der Welt
unterſchiedene Weſen nach einer Analogie mit
den Gegenſtaͤnden der Erfahrung denken duͤrfen? ſo
iſt
die Antwort: allerdings, aber nur als
Gegenſtand in der
Idee
zum blos regulativen
Vernunftgebrauch, geſagt habe,
uͤberhebt mich
der Weitlaͤuftigkeit, die transſcendentale
Illuſion, nach der iene
ſyſtematiſche Einheit aller Man
nigfaltigkeit des inneren Sinnes hypoſtatiſch
vorgeſtellt
wird, noch beſonders zu
eroͤrtern. Das Verfahren hie
bey
iſt demienigen ſehr aͤhnlich, welches die Critik
in An
ſehung des theologiſchen
Ideals beobachtet.
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
Idee und nicht in der Realitaͤt, nemlich
nur, ſo fern er
ein uns unbekantes Subſtratum
der ſyſtematiſchen Einheit,
Ordnung und
Zweckmaͤſſigkeit der Welteinrichtung iſt, wel
che ſich die Vernunft zum regulativen
Princip ihrer Natur
forſchung
machen muß. Noch mehr, wir koͤnnen in dieſer
Idee gewiſſe Anthropomorphismen, die dem gedachten
re
gulativen Princip befoͤrderlich
ſeyn, ungeſcheut und ungeta
delt
erlauben. Denn es iſt immer nur eine Idee, die
gar
nicht direct auf ein von der Welt
unterſchiedenes Weſen,
ſondern auf das
regulative Princip der ſyſtematiſchen Ein
heit der Welt, aber nur vermittelſt
eines Schema derſel
ben, nemlich
einer oberſten Intelligenz, die nach weiſen
Abſichten Urheber derſelben ſey, bezogen wird. Was
die
ſer Urgrund der Welteinheit an
ſich ſelbſt ſey, hat dadurch
nicht gedacht
werden ſollen, ſondern wie wir ihn, oder
vielmehr ſeine Idee, relativ auf den
ſyſtematiſchen Gebrauch
der Vernunft in
Anſehung der Dinge der Welt, brau
chen ſollen.
Auf ſolche Weiſe aber koͤnnen wir doch (wird
man
fortfahren zu fragen) einen einigen
weiſen und allgewalti
gen
Welturheber annehmen? Ohne allen Zweifel; und
nicht allein dies, ſondern wir muͤſſen einen
ſolchen vor
ausſetzen. Aber alsdenn
erweitern wir doch unſere Er
kentniß uͤber das Feld moͤglicher Erfahrung?
Keineswe
ges. Denn wir haben nur
ein Etwas vorausgeſezt, wo
X x 5
von
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
von wir gar keinen Begriff haben, was es an
ſich ſelbſt
ſey (einen blos transſcendentalen
Gegenſtand), aber, in
Beziehung auf die
ſyſtematiſche und zweckmaͤſſige Ordnung
des
Weltbaues, welche wir, wenn wir die Natur
ſtudiren,
vorausſetzen muͤſſen, haben wir
ienes uns unbekante We
ſen nur nach der Analogie mit einer
Intelligenz (ein em
piriſcher
Begriff) gedacht, d. i. es in Anſehung der
Zwecke
und der Vollkommenheit, die ſich auf
demſelben gruͤnden,
gerade mit denen
Eigenſchaften begabt, die nach den Be
dingungen unſerer Vernunft den Grund
einer ſolchen ſyſte
matiſchen
Einheit enthalten koͤnnen. Dieſe Idee iſt
alſo
reſpectiv auf den Weltgebrauch unſerer
Vernunft ganz
gegruͤndet. Wolten wir ihr aber
ſchlechthin obiective
Guͤltigkeit ertheilen,
ſo wuͤrden wir vergeſſen: daß es le
diglich ein Weſen in der Idee ſey, das wir
denken und, in
dem wir alsdenn von
einem durch die Weltbetrachtung gar
nicht
beſtimbaren Grunde anfingen, wuͤrden wir
dadurch
auſſer Stand geſezt, dieſes Princip
dem empiriſchen Ver
nunftgebrauch
angemeſſen anzuwenden.
Aber (wird man ferner fragen) auf ſolche Weiſe
kan
ich doch von dem Begriffe und der
Vorausfetzung eines
hoͤchſten Weſens in der
vernuͤnftigen Weltbetrachtung Ge
brauch machen? Ja, dazu war auch eigentlich
dieſe Idee
von der Vernunft zum Grunde
gelegt. Allein darf ich nun
zweckaͤhnliche
Anordnungen als Abſichten anſehen, indem
ich
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
ich ſie vom goͤttlichen Willen, obzwar
vermittelſt beſonde
rer dazu in der
Welt darauf geſtellten Anlagen, ableite?
Ja,
das koͤnt ihr auch thun, aber ſo, daß es euch
gleich
viel gelten muß, ob iemand ſage, die
goͤttliche Weisheit
hat alles ſo zu ſeinen
oberſten Zwecken geordnet, oder die
Idee der
hoͤchſten Weisheit iſt ein regulativ in der
Nach
forſchung der Natur und ein
Princip der ſyſtematiſchen und
zweckmaͤſſigen
Einheit derſelben nach allgemeinen Naturge
ſetzen, auch ſelbſt da, wo wir iene
nicht gewahr werden,
d. i. es muß euch da, wo
ihr ſie wahrnehmt, voͤllig einer
ley ſeyn, zu ſagen: Gott hat es weislich ſo
gewolt, oder
die Natur hat es alſo weislich
geordnet. Denn die groͤßte
ſyſtematiſche und
zweckmaͤſſige Einheit, welche eure Ver
nunft aller Naturforſchung als
regulatives Princip zum
Grunde zu legen
verlangte, war eben das, was euch be
rechtigte, die Idee einer hoͤchſten Intelligenz
als ein Sche
ma des regulativen
Princips zum Grunde zu legen und,
ſo viel ihr
nun, nach demſelben, Zweckmaͤſſigkeit in der
Welt antreft, ſo viel habt ihr Beſtaͤtigung der
Rechtmaͤſ
ſigkeit eurer Idee; da
aber gedachtes Princip nichts anders
zur
Abſicht hatte, als nothwendige und
groͤßtmoͤgliche
Natureinheit zu ſuchen, ſo
werden wir dieſe zwar, ſo weit
als wir ſie
erreichen, der Idee eines hoͤchſten Weſens zu
dan
ken haben, koͤnnen aber die
allgemeine Geſetze der Natur,
als in Abſicht
auf welche die Idee nur zum Grunde gelegt
wurde, ohne mit uns ſelbſt in Widerſpruch zu gerathen,
nicht
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
nicht vorbey gehen, um dieſe
Zweckmaͤſſigkeit der Natur
als zufaͤllig und
hyperphyſiſch ihrem Urſprunge nach anzu
ſehen, weil wir nicht berechtigt
waren, ein Weſen uͤber
die Natur von den
gedachten Eigenſchaften anzunehmen,
ſondern
nur die Idee deſſelben zum Grunde zu legen,
um
nach der Analogie einer Cauſſalbeſtimmung
der Erſcheinun
gen als ſyſtematiſch
unter einander verknuͤpft anzuſehen.
Eben daher ſind wir auch berechtigt, die
Welturſa
che in der Idee nicht
allein nach einem ſubtileren Anthro
pomorphism (ohne welchen ſich gar nichts von ihm
denken
laſſen wuͤrde), nemlich als ein Weſen,
was Verſtand,
Wolgefallen und Mißfallen,
imgleichen eine demſelben ge
maͤſſe
Begierde und Willen hat ꝛc. zu denken, ſondern
dem
ſelben unendliche
Vollkommenheit beyzulegen, die alſo die
ienige weit uͤberſteigt, dazu wir
durch empiriſche Kentniß
der Weltordnung
berechtigt ſeyn koͤnnen. Denn das re
gulative Geſetz der ſyſtematiſchen Einheit will:
daß wir
die Natur ſo ſtudiren ſollen, als ob
allenthalben ins Un
endliche
ſyſtematiſche und zweckmaͤſſige Einheit, bey
der
groͤßtmoͤglichen Mannigfaltigkeit,
angetroffen wuͤrde. Denn,
wiewol wir nur
wenig von dieſer Weltvollkommenheit aus
ſpaͤhen, oder erreichen werden, ſo
gehoͤrt es doch zur Ge
ſetzgebung
unſerer Vernunft, ſie allerwerts zu ſuchen
und
zu vermuthen und es muß uns iederzeit
vortheilhaft ſeyn,
niemals aber kan es
nachtheilig werden, nach dieſem Prin
cip
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
cip die Naturbetrachtung anzuſtellen. Es iſt
aber, unter
dieſer Vorſtellung, der zum
Grunde gelegten Idee eines
hoͤchſten
Urhebers, auch klar: daß ich nicht das Daſeyn
und die Kentniß eines ſolchen Weſens, ſondern nur
die Idee
deſſelben zum Grunde lege und alſo
eigentlich nichts von
dieſem Weſen, ſondern
blos von der Idee deſſelben, d. i.
von der
Natur der Dinge der Welt, nach einer ſolchen
Idee, ableite. Auch ſcheint ein gewiſſes, obzwar
unent
wickeltes Bewuſtſeyn, des
aͤchten Gebrauchs dieſes unſe
ren
Vernunftbegriffs, die beſcheidene und billige
Sprache
der Philoſophen aller Zeiten
veranlaßt zu haben, da ſie
von der Weisheit
und Vorſorge der Natur und der goͤtt
lichen Weisheit, als gleichbedeutenden
Ausdruͤcken, reden,
ia den erſteren Ausdruck,
ſo lange es um blos ſpeculative
Vernunft zu
thun iſt, vorziehen, weil er die Anmaſſung
einer groͤſſeren Behauptung, als die iſt, wozu wir
befugt
ſeyn, zuruͤck haͤlt und zugleich die
Vernunft auf ihr eigen
thuͤmliches
Feld, die Natur, zuruͤck weiſet.
So enthaͤlt die reine Vernunft, die uns
Anfangs
nichts Geringeres, als Erweiterung
der Kentniſſe uͤber alle
Graͤnzen der
Erfahrung, zu verſprechen ſchiene, wenn wir
ſie recht verſtehen, nichts als regulative
Principien, die
zwar groͤſſere Einheit
gebieten, als der empiriſche Ver
ſtandesgebrauch erreichen kan, aber eben
dadurch, daß
ſie das Ziel der Annaͤherung
deſſelben ſo weit hinaus ruͤcken,
die
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
die Zuſammenſtimmung deſſelben mit ſich
ſelbſt durch ſy
ſtematiſche Einheit
zum hoͤchſten Grade bringen, wenn
man ſie
aber mißverſteht und ſie vor conſtitutive
Princi
pien transſcendenter
Erkentniſſe haͤlt, durch einen zwar
glaͤnzenden, aber truͤglichen Schein, Ueberredung
und ein
gebildetes Wiſſen, hiemit
aber ewige Widerſpruͤche und
Streitigkeiten
hervorbringen.
So faͤngt denn alle menſchliche Erkentniß mit
An
ſchauungen an, geht von da zu
Begriffen und endigt mit
Ideen. Ob ſie zwar
in Anſehung aller dreyen Elemente
Erkentnißquellen a priori
hat, die beym erſten Anblicke die
Graͤnzen
aller Erfahrung zu verſchmaͤhen ſcheinen, ſo
uͤber
zeugt doch eine vollendete
Critik, daß alle Vernunft im
ſpeculativen
Gebrauche mit dieſen Elementen niemals
uͤber
das Feld moͤglicher Erfahrung hinaus kommen
koͤnne,
und daß die eigentliche Beſtimmung
dieſes oberſten Erkent
nißvermoͤgens ſey, ſich aller Methoden und der
Grundſaͤtze
derſelben nur zu bedienen, um der
Natur nach allen moͤg
lichen
Principien der Einheit, worunter die der
Zwecke
die vornehmſte iſt, bis in ihr
Innerſtes nachzugehen, nie
mals
aber ihre Graͤnze zu uͤberfliegen, auſſerhalb
welcher
vor uns nichts als leerer Raum iſt.
Zwar hat uns die
critiſche Unterſuchung aller
Saͤtze, welche unſere Erkent
niß
VII. Abſch. Critik aller
ſpeculativen Theologie.
niß uͤber die wirkliche Erfahrung hinaus
erweitern koͤnnen,
in der transſcendentalen
Analytik hinreichend uͤberzeugt:
daß ſie
niemals zu etwas mehr, als einer moͤglichen Er
fahrung leiten koͤnnen und, wenn man
nicht ſelbſt gegen
die klaͤreſte oder
abſtracte und allgemeine Lehrſaͤtze miß
trauiſch waͤre, wenn nicht reitzende
und ſcheinbare Aus
ſichten uns
locketen, den Zwang der erſteren abzuwerfen,
ſo haͤtten wir allerdings der muͤhſamen Abhoͤrung
aller dia
lectiſchen Zeugen, die
eine transſcendente Vernunft zum
Behuf ihrer
Anmaſſungen auftreten laͤßt, uͤberhoben ſeyn
koͤnnen; denn wir wußten es ſchon zum voraus mit
voͤlli
ger Gewißheit: daß alles
Vorgeben derſelben zwar vielleicht
ehrlich
gemeint, aber ſchlechterdings nichtig ſeyn
muͤſſe,
weil es eine Kundſchaft betraf, die
kein Menſch iemals
bekommen kan. Allein, weil
doch des Redens kein Ende
wird, wenn man
nicht hinter die wahre Urſache des Scheins
komt, wodurch ſelbſt der Vernuͤnftigſte
hintergangen wer
den kan und die
Aufloͤſung aller unſerer transſcendenten
Erkentniß in ihre Elemente (als ein Studium
unſerer in
neren Natur) an ſich
ſelbſt keinen geringen Werth hat,
dem
Philoſophen aber ſo gar Pflicht iſt, ſo war es
nicht
allein noͤthig, dieſe ganze, obzwar
eitele Bearbeitung der
ſpeculativen Vernunft
bis zu ihren erſten Quellen ausfuͤhr
lich nachzuſuchen, ſondern, da der dialectiſche
Schein hier
nicht allein dem Urtheile nach
taͤuſchend, ſondern auch
dem Intereſſe nach,
das man hier am Urtheile nimt, an
lockend
Elementarl. II. Th. II. Abth. II. Buch.
III. Hauptſt.
lockend und iederzeit natuͤrlich iſt und ſo
in alle Zukunft
bleiben wird, ſo war es
rathſam, gleichſam die Acten die
ſes Proceſſes ausfuͤhrlich abzufaſſen und ſie im
Archive
der menſchlichen Vernunft, zu
Verhuͤtung kuͤnftiger Ir
rungen
aͤhnlicher Art, nieder zu legen.