Ich nehme an: daß es wirklich reine moraliſche Geſetze gebe, die voͤllig a priori (ohne Ruͤckſicht auf empiriſche Bewegungsgruͤnde, d. i. Gluͤckſeligkeit) das Thun und Laſſen, d. i. den Gebrauch der Freyheit eines vernuͤnftigen Weſens uͤberhaupt, beſtimmen und daß dieſe Geſetze Schlechterdings (nicht blos hypothetiſch unter Vorausſetzung anderer empiriſchen Zwecke) gebieten und alſo in aller Abſicht nothwendig ſeyn. Dieſen Satz kan ich mit Recht vorausſetzen, nicht allein, indem ich mich auf die Beweiſe der aufgeklaͤrteſten Moraliſten, ſondern auf das ſittliche Urtheil eines ieden Menſchen berufe, wenn er ſich ein dergleichen Geſetz deutlich denken will.
Die reine Vernunft enthaͤlt alſo, zwar nicht in ihrem ſpeculativen, aber doch in einem gewiſſen practiſchen, nemlich dem moraliſchen Gebrauche, Principien der Moͤglichkeit der Erfahrung, nemlich ſolcher Handlungen, die den ſittlichen Vorſchriften gemaͤß in der Geſchichte des Menſchen anzutreffen ſeyn koͤnten. Denn, da ſie gebietet, daß ſolche geſchehen ſollen, ſo muͤſſen ſie auch geſchehen koͤnnen und es muß alſo eine beſondere Art von ſyſtematiſcher Einheit, nemlich die moraliſche, moͤglich ſeyn, indeſſen daß die ſyſtematiſche Natureinheit nach ſpeculativen Principien der Vernunft nicht bewieſen werden konte, weil die Vernunft zwar in Anſehung der Freiheit uͤberhaupt, aber nicht in Anſehung der geſamten Natur Cauſſalitaͤt hat und moraliſche Vernunftprincipien zwar freie Handlungen, aber nicht Naturgeſetze hervorbringen