Methodenlehre I.
Hauptſt. II. Abſch.
Natur komt, eine Anlage zu guten Zwecken enthalten muß,
nemlich eine Neigung, ſeine wahre Geſinnungen zu verheelen und gewiſſe angenommene, die man vor gut und ruͤhmlich haͤlt, zur Schau zu tragen. Ganz gewiß haben die Menſchen
durch dieſen Hang, ſo wol ſich zu verheelen, als auch einen ihnen
vortheilhaften Schein anzunehmen, ſich nicht blos civiliſirt,
ſondern nach und nach, in gewiſſer Maaſſe, moraliſirt, weil keiner
durch die Schmincke der Anſtaͤndigkeit, Ehrbarkeit und Sittſamkeit
durchdringen konte, alſo an vermeintlich aͤchten Beiſpielen des
Guten, die er um ſich ſahe, eine Schule der Beſſerung vor ſich
ſelbſt fand. Allein dieſe Anlage, ſich beſſer zu ſtellen, als man
iſt und Geſinnungen zu aͤuſſern, die man nicht hat, dient nur
gleichſam proviſoriſch dazu, um den
Menſchen aus der Rohigkeit zu bringen und ihn zuerſt
wenigſtens die Manier des Guten, das er
kent, annehmen zu laſſen; denn nachher, wenn die aͤchte Grundſaͤtze
einmal entwickelt und in die Denkungsart uͤbergegangen ſind, ſo muß
iene Falſchheit nach und nach kraͤftig bekaͤmpft werden, weil
ſie ſonſt das Herz verdirbt und gute Geſinnungen, unter dem
Wucherkraute des ſchoͤnen Scheins, nicht aufkommen
laͤßt.
Es thut mir leid, eben dieſelbe Unlauterkeit, Verſtellung
und Heucheley ſo gar in den Aeuſſerungen der ſpeculativen Denkungsart wahrzunehmen, worin doch Menſchen, das Geſtaͤndniß ihrer Gedanken billiger Maaſſen offen und
unverholen zu entdecken, weit weniger Hinderniſſe und
gar