Methodenlehre I.
Hauptſt. II. Abſch.
nur vergoͤnnet iſt, ſie in einer undeutlichen und von uns
ſelbſt bezweifelten Wahrnehmung anzutreffen, dadurch ausſpaͤhende
Blicke mehr gereizt, als befriedigt werden. Ob es nuͤtzlich ſey, in
Anſehung ſolcher Ausſichten dreuſte Beſtimmungen zu wagen, iſt
wenigſtens zweifelhaft, vielleicht gar ſchaͤdlich.
Allemal aber und ohne allen Zweifel iſt es nuͤtzlich, die
forſchende ſowol, als pruͤfende Vernunft in voͤllige
Freiheit zu verſetzen, damit ſie ungehindert ihr eigen
Intereſſe beſorgen koͤnne, welches eben ſo wol befoͤrdert wird,
dadurch, daß ſie ihren Einſichten Schranken ſezt, als daß ſie
ſolche erweitert und welches allemal leidet, wenn ſich fremde
Haͤnde einmengen, um ſie wider ihren natuͤrlichen Gang nach
erzwungenen Abſichten zu lenken.
Laſſet demnach euren Gegner nur Vernunft ſagen und bekaͤmpfet ihn
blos mit Waffen der Vernunft. Uebrigens ſeyd wegen der guten Sache (des practiſchen Intereſſe) auſſer Sorgen, denn die komt im blos ſpeculativen Streite
niemals mit ins Spiel. Der Streit entdeckt alsdenn
nichts, als eine gewiſſe Antinomie der Vernunft, die, da ſie auf
ihrer Natur beruhet, nothwendig angehoͤrt und gepruͤft werden muß.
Er cultivirt dieſelbe durch Betrachtung ihres
Gegenſtandes auf zweien Seiten und berichtigt ihr Urtheil dadurch,
daß er ſolches einſchraͤnkt. Das, was hiebey ſtrittig wird, iſt
nicht die Sache, ſondern der
Ton. Denn es bleibt euch noch genug uͤbrig, um
die vor der ſchaͤrfſten Vernunft gerechtfertigte Sprache eines feſten
Glau