Ohne uns aber ſo weit zu verſteigen, muͤſſen wir geſtehen: daß die menſchliche Vernunft nicht allein Ideen, ſondern auch Ideale enthalte, die zwar nicht, wie die platoniſche, ſchoͤpferiſche, aber doch practiſche Kraft (als regulative Principien) haben, und der Moͤglichkeit der Vollkommenheit gewiſſer Handlungen zum Grunde liegen. Moraliſche Begriffe ſind nicht gaͤnzlich reine Vernunftbegriffe, weil ihnen etwas Empiriſches (Luſt oder Unluſt) zum Grunde liegt. Gleichwol koͤnnen ſie in Anſehung des Princips, wodurch die Vernunft der an ſich geſetzloſen Freiheit Schranken ſezt, (alſo wenn man blos auf ihre Form Acht hat) gar wol zum Beiſpiele reiner Vernunftbegriffe dienen. Tugend und, mit ihr, menſchliche Weisheit in ihrer ganzen Reinigkeit, ſind Ideen. Aber der Weiſe (des Stoikers) iſt ein Ideal, d. i. ein Menſch der blos in Gedanken exiſtirt, der aber mit der Idee der Weisheit voͤllig congruiret. So wie die Idee die Regel giebt, ſo dient das Ideal in ſolchem Falle zum Urbilde der durchgaͤngigen Beſtimmung des Nachbildes und wir haben kein anderes Richtmaaß unſerer Handlungen, als das Verhalten dieſes goͤttlichen Menſchen in uns, womit wir uns vergleichen, beurtheilen und dadurch uns beſſern, obgleich es niemals erreichen koͤnnen. Dieſe Ideale, ob man ihnen gleich nicht obiective Realitaͤt (Exiſtenz) zugeſtehen moͤchte, ſind doch um deswillen nicht vor Hirngeſpinſte anzuſehen, ſondern geben ein unentbehrliches Richtmaaß der Vernunft ab, die des Begriffs von dem, was