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Kirchner/Michaëlis: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe
Friedrich Kirchner, Carl Michaëlis
1907
Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Leipzig {5}1907
Friedrich Kirchner, Carl Michaëlis
Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe
Erste Ausgabe: Heidelberg 1886. Hier nach der fünften, von Carl Michaëlis neubearbeiten Auflage, Leipzig 1907.
Hosô gar pleon esti to proseilêmmenon ek philosophias, toaoutô mallon enochlei to apoleipoenon.
Plutarchos
, de profect. in virtute 4.
Vorworte
Aus dem Vorworte der ersten Auflage.
Mein Hauptstreben mußte darauf gerichtet sein, 1. die wichtigsten philosophischen Begriffe zu behandeln, 2. mich möglichster Kürze und Präzision zu befleißigen und 3. jeden wichtigen Begriff durch die Geschichte der Philosophie zu verfolgen.
Berlin
1886.
Friedrich Kirchner
.
Aus dem Vorworte der vierten Auflage.
Die vierte Auflage des »Wörterbuchs der philosophischen Grundbegriffe« ist in der Weise bearbeitet, daß an dem Ziel, das Kirchner seiner Arbeit gesetzt hatte, festgehalten worden ist. Die historischen Nachweise sind vermehrt, Fehlerhaftes ist an sehr vielen Stellen verbessert, Überflüssiges ist oft gestrichen, Zusätze sind in großer Zahl hinzugekommen; wo es nötig schien, ist die Darstellung geändert und ihr eine größere Schärfe und Klarheit gegeben. Im ganzen erschien bei dem Wunsche, soviel wie möglich festzuhalten, doch so viel Umgestaltung ratsam, daß die vierte Auflage als eine
Neubearbeitung
bezeichnet werden mußte.
Berlin
im Februar 1903.
Carl Michaëlis
.
Vorwort zur fünften Auflage.
Die vierte Auflage des »Wörterbuchs der philosophischen Grundbegriffe« hat eine freundliche Aufnahme gefunden und ist schnell vergriffen worden. Ich habe mich aber trotzdem überzeugt, daß das Buch einer weiteren gründlichen Umarbeitung unter Beachtung der in den Rezensionen gemachten Ausstellungen bedürfe. Der Sache wie dem Andenken Friedrich Kirchners glaubte ich nunmehr am besten zu dienen, indem ich den Wunsch, soviel wie möglich vom ursprünglichen Texte festzuhalten, aufgäbe, es allenthalben umarbeitete und die Verantwortung für den Inhalt selbst übernähme. Wohl weiß ich, daß auch nach dieser zweiten Umgestaltung noch recht viel verbesserungsbedürftig bleibt, und werde für jeden dahingehenden Wink dankbar sein. Wer auf vollständige historische Nachweise über die Fassung der Begriffe bei den einzelnen Philosophen Wert legt, ist nach wie vor auf das verdienstvolle Werk von
R. Eisler
: Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke, hinzuweisen, das nunmehr in 2. Auflage Berlin 1904 vorliegt. Auch sei ihm angelegentlich
Franck
, Dictionnaire des sciences philosophiques 1844 und
James M. Baldwin
, Dictionary of Philosophy and Psychology (New York, London. Macmillan. 1901.) empfohlen. Wer sich mit den einzelnen Philosophen beschäftigen will, benutze
Noack
, Philosophie-geschichtliches Lexikon (Leipzig 1879). Ich habe an dem Ziel festgehalten, gerundete kritische Begriffserörterungen und feste Definitionen zu geben. Mit meinem eigenen philosophischen Standpunkt, der bezüglich der Methode der des Empirismus bezüglich des Abschlusses der Lebensanschauung der des Idealismus ist, habe ich möglichst zurückgehalten, ohne ihn zu verleugnen. Ungewollt und von selbst sind dabei aber in den historischen Nachweisungen immer wieder neben und vor anderen
Platon, Aristoteles, Kant
und
Wundt
in den Vordergrund getreten. Die Vorzüge, Mängel und Typen der Menschen kennzeichnenden anthropologischen Artikel ganz zu streichen, wie ein Rezensent empfahl, habe ich mich noch nicht entschließen können; aber ich habe sie angemessen verkürzt.
Verpflichtet bin ich allen, welche die vierte Auflage einer Besprechung unterzogen haben, insbesondere den Herren
Bruchmann, Goldstein, Goldbeck, Müller-Waldenburg, F. J. Schmidt, Wychgram
und dem verstorbenen Herrn
Weißenfels
.
Bei der Neubearbeitung haben mich freundlichst unterstützt Herr
Direktor Tschiersch
, Herr
Direktor Mellmann
, Herr
Prof. Ellinger
, Herr
Dr. Karl Schmidt
, der Verfasser der Zeittafel, Frau
Prof. Dinse
und Fräulein
Henriette Michaëlis
, denen ich auf das verbindlichste danke.
Möge nun auch die fünfte Auflage des Buches sich innerhalb des Leserkreises, für den es bestimmt ist, alte Freunde bewahren und neue hinzuwerben.
Vor der Benutzung bitte ich von folgenden Verbesserungen Kenntnis zu nehmen: S. 5: zu
ab ovo
ist folgender Zusatz zu machen: Nach anderer und wohl wahrscheinlicherer Auffassung stammt die Redewendung
ab ovo
aus
Horatius
Ars poetica 147 f., wo gesagt ist, daß Homer den trojanischen Krieg nicht mit dem Zwillingsei der Leda beginnt (nec gemino bellum Troianum orditur ab ovo), sondern den Hörer mitten in den Sachverhalt hineinsetzt, als ob dieser bereits bekannt wäre (et medias in res non secus ac notas auditorem rapit). Namentlich erinnert die Stelle bei
Wieland
, Oberon 5, 14, 3 ff. : »Die gute Mutter fängt beim Ei die Sache an und läßt es nicht am kleinsten Umstand fehlen«, mehr an Hor. Ars poet. 147 f., als an Hor. Sat. 3, 6 f. – S. 17, Z. 10-11 v. o. lies:
in seiner Rhetorik und in seiner Poetik
. – S. 21, Z. 11 v. o. lies:
Eine absolute Schönheit
. – S. 60, Z. 18 v. o. lies:
des Aristoteles
. – S. 171, Z. 4 v. o. verbessere Ramsoy in
Ramsay
. – S. 298, Z. 6 v. u. lies:
Ethizismus (Voluntarismus)
. – S. 362, Z. 11 v. u. lies:
Molière's
. – S. 377, Z. 4 v. u. lies: Entstehung. – S. 393, Z. 2 v. o. lies:
Arnoldt
. – S. 415, Z. 9 v. o. lies:
aequivoca
.
Berlin im Juni 1907.
Carl Michaëlis
.
A
A
ist A, bedeutet: Jedes ist, was es ist (omne subiectum est praedicatum sui = Jedes Subjekt ist sein eigenes Prädikat), oder auch: was ist, ist (quidquid est, est). Dieser Satz heißt in der Logik
principium identitatis
oder
Grundsatz der Identität
(s. d.). Er ist der oberste logische Grundsatz der Erkenntnis und drückt die Denkforderung aus, daß jeder Begriff im Bewußtsein ohne Verschiebung seiner Bedeutung festgehalten werde und somit alle Erkenntnis in sich widerspruchlos übereinstimme. Aber er ist nur ein formaler logischer Satz, aus dem der Inhalt unserer Erkenntnis nicht abgeleitet werden kann und aus dem sich überhaupt nichts ohne fremde Zuhilfenahme entwickeln läßt. Die
Wolfische Schule
im 18. Jahrhundert sah in ihm fälschlich ein metaphysisches Prinzip, aus dem sie die gesamte Vernunfterkenntnis herleiten wollte, obwohl sie in der Bestimmung des Verhältnisses des Satzes vom zureichenden Grunde zu dem Prinzip der Identität schwankte. (Vgl. Grund.) Die kritische Philosophie Kants (1781) hat diesen Wahn vernichtet und gezeigt, daß aus Vernunftprinzipien nur die Form, nicht der Inhalt unseres Wissens herstammt, daß auch der Grundsatz der Identität nur das Prinzip analytischer, aber nicht synthetischer Sätze sei. In der Philosophie J.
G. Fichtes
(1762-1814) steht der Satz A = A wieder an der Spitze des Systems und bezeichnet hier, daß das Ich die Grundlage alles Daseins ist, daß das Ich sich durch eine Tathandlung selber setzt. Vgl. Contradiction.
In der Logik bezeichnet der Buchstabe
a
das allgemein bejahende Urteil, z. B. Alle Käfer sind Gliederfüßer. Die allgemeine Form des allgemein bejahenden Urteils ist: Alle S sind P. Das Begriffsverhältnis zwischen Subjekt und Prädikat kann im allgemein bejahenden Urteil ein doppeltes sein: 1. Entweder ist das Subjekt der Art-, das Prädikat der Gattungsbegriff, z. B. Alle Pflanzen sind Organismen, oder 2. das Subjekt und das Prädikat sind Begriffe, die nach Inhalt und Umfang übereinstimmen, z. B. Alle Kurven zweiten Grades sind Kegelschnitte. Ein Gedächtnisvers des Michael Psellos (um 1050) besagt: Asserit
a
, negat
e
, sed universaliter ambo; asserit
i
, negat
o
, sed particulariter ambo. Die vier Buchstaben sind den Wörtern
a
ff
i
rmo und n
e
g
o
entlehnt.
Abänderung
Abänderung
ist der Wechsel einzelner Eigenschaften (s. d.) eines Dinges, ohne daß das Wesen des Dinges dadurch aufgehoben wird.
Aristoteles
(384-322) sieht in der Abänderung eine Form der
Bewegung
. Die Bewegung ist ihm die Verwirklichung des Möglichen. Sie hat vier Arten: die
quantitative
Bewegung oder die Zu- und Abnahme, die
qualitative
Bewegung oder die
Abänderung
(Verwandelung), die räumliche Bewegung oder die Ortsbewegung und das Entstehen und Vergehen. Die Verwandlung entsteht durch das Zusammentreffen eines Wirkenden und Leidenden (Arist. Phys. III, 3 p. 202 a. 22 ff.). Vgl. Zeller, Die Philosophie d. Griechen III, S. 389 ff.
abalienieren
abalienieren
(lat. abalienare) heißt entäußern, entfremden; Abalienation heißt Entäußerung, Geistesstörung.
Abart
Abart
, Unterart, Spielart oder Rasse heißt die aus der Vererbung zufälliger Merkmale entstandene Unterform einer Art. Vgl. Art, Darwinismus.
Abasie-Astasie
Abasie-Astasie
(gr.) heißt die durch hysterische Schwäche hervorgerufene Unfähigkeit Nervenkranker zu gehn und zu stehn. Der Kranke kann im Liegen mit seinen Beinen jede Bewegung ausführen; aber er kann nicht gehn und stehn. Vgl. Hellpach, die Grenzwissenschaft der Psychologie, Leipzig 1902, S. 184.
Abbüßungsvertrag
Abbüßungsvertrag
(lat. pactum expiatorium) heißt der Vertrag, durch den man sich verpflichtet, das einem andern zugefügte Unrecht wieder gut zu machen, und durch den der Staatsbürger das Recht erhält, statt bei Gesetzesverletzung vom Staate ausgeschlossen zu werden, sich einem anderen kleinen Übel (der Strafe) zu unterwerfen. J. G.
Fichte
(1762-1814) erklärt ihn für die Grundlage des ganzen Strafrechts und leugnet deshalb die Berechtigung der Todesstrafe. Aber er verkennt dabei, daß der Staat überhaupt nicht, wie er im Anschluß an
Rousseau
(1712-1778) annahm, auf einem Vertrage beruht, sondern allmählich entstanden ist. Vgl. Todesstrafe.
abdisputieren
abdisputieren
(v. lat. disputare = streiten) heißt abstreiten.
Abduktion
Abduktion
(lat. abductio), eigtl. Wegführung, heißt in der Logik der Übergang von einem Satz zum andern.
Aberglaube
Aberglaube
(auch Afterglaube, Mißglaube, lat. superstitio, gr.
deisidaimonia
) heißt
allgemein
jeder
falsche Glaube
. Er entsteht, indem niedere religiöse Vorstellungen zur Zeit des religiösen Fortschritts festgehalten werden.
Im engeren Sinne
ist der Aberglaube eine den Gesetzen der Erfahrung und des Denkens zuwiderlaufende Ansicht von dem ursächlichen Zusammenhange der sinnlichen Welt mit der nichtsinnlichen. Es ist z. B. abergläubisch, einen Krieg aus dem Erscheinen eines Kometen, oder den Tod eines Menschen aus dem Zusammensein von dreizehn Personen an einer Tafel abzuleiten. Der Aberglaube beruht hauptsächlich auf dem Fortleben der Vorstellungen der Naturreligionen und des Volksglaubens, die teils der Unwissenheit, teils dem ungeschulten Schlußvermögen, teils der Phantasie entsprungen sind. Er ist
theoretisch
, wenn er unsere Weltanschauung bestimmt,
praktisch
, wenn er unsere Handlungsweise regelt (Magie). Manche abergläubische Ansicht ist ziemlich harmlos, manche gefährlich, manche führt sogar zum Fanatismus. Die verschiedenen Formen des Aberglaubens sind belehrend für die Erkenntnis der menschlichen Natur und der menschlichen Kulturgeschichte, daher auch oft für den Dichter anregend und stoffgerecht, wie Goethe wohl wußte. Der aus dem Altertum und Mittelalter ererbte Aberglaube ist durch die Tätigkeit der Reformation und der Aufklärung wesentlich beschränkt, aber keineswegs völlig beseitigt, dagegen im volkstümlichen Lied neu belebt und psychologisch vertieft worden.
Der Aberglaube der Gegenwart
gipfelt
im Spiritismus
. Vgl.
Wuttke
, der deutsche Volksaberglaube, 1869.
Pfleiderer
, Theorie des Aberglaubens, 1872.
Lippert
, Christentum, Volksglaube und Volksbrauch, Berlin 1882. C.
Meyer
, der Aberglaube des Mittelalters, Basel 1884.
Strümpell
, der Aberglaube, 1890.
Aberratio delicti
Aberratio delicti
(lat.), Abirrung des Vergehens, bezeichnet die unbeabsichtigte Folge einer schlechten Handlung; ob sie dem Täter zuzurechnen sei, ist eine ethische und juridische Streitfrage.
Aberwitz
Aberwitz
ist soviel als Unverstand. Stärkere Grade des Aberwitzes heißen Wahnwitz, Wahnsinn (s. d.).
Ab esse ad posse valet
Ab esse ad posse valet
, a posse ad esse non valet consequentia (lat.): Vom Sein kann man auf das Können (oder von der Wirklichkeit auf die Möglichkeit), nicht aber umgekehrt schließen. Diese logische Regel, welche eine modale Konsequenz ausdrückt (vgl. Modalität), besagt, daß aus der Gültigkeit des assertorischen (s. d.) Urteils die des problematischen (s. d.), aber nicht aus der Gültigkeit des problematischen die des assertorischen Urteils folgt.
Abfall
Abfall
heißt das plötzliche Aufgeben eines bisherigen Verhältnisses auf politischem, religiösem, philosophischem u. a. Gebiet. War jenes Verhältnis ein uns aufgezwungenes oder ein verwerfliches, so zeugt der Abfall (die Apostasie) oft von Charakter; war es ein gutes oder wird es ohne Grund aufgegeben, so ist der Abfall meist charakterlos. Philosophisch verwendet ist die Idee des Abfalls von
Origenes
(185-254) und
Schelling
(1775-1854), welche die ganze sichtbare Welt aus einem Abfall von Gott herzuleiten versucht haben.
abgekürzt
abgekürzt
(decurtatus) heißt ein logischer Schluß oder Beweis, wenn bei seiner Darstellung ein oder mehrere selbstverständliche Glieder fortgelassen werden. Vgl. Enthymem, Sorites und Kettenschluß.
abgeleitet
abgeleitet
heißen Begriffe oder Sätze oder Erkenntnisse, wenn sie aus andern gefolgert sind oder gefolgert werden können. So scheidet z. B. Kant in unserer Erkenntnis die reinen
Stammbegriffe
des Verstandes, wie Substanz, Ursache, Gemeinschaft, die er
Kategorien
(s. d.) nennt, von den aus diesen
abgeleiteten
reinen Begriffen, die er
Prädikabilien
nennt; zu den letzteren gehören z. B. die Begriffe der
Kraft
, der
Handlung
, des
Leidens
, des
Entstehens
und
Vergehens
, der
Veränderung
, der
Gegenwart
, des
Widerstandes
etc.
abgemessen
abgemessen
(präzis) heißt ein Begriff, wenn er so genau bestimmt ist, daß in denselben, ohne daß ein Merkmal fehlt, kein zufälliges und abgeleitetes und überflüssiges, sondern nur wesentliche, ursprüngliche und unentbehrliche Merkmale aufgenommen sind.
Abgunst
Abgunst
ist das Mißfallen eines Menschen an dem Wohlsein eines Mitmenschen. Vgl. Neid.
abhängig
abhängig
heißt ein Gegenstand oder eine Person, deren Existenz oder Beschaffenheit durch einen anderen Gegenstand oder eine andere Person mitbestimmt ist. Es gibt z. B. eine logische, mathematische, physische, moralische, religiöse Abhängigkeit. In der
Logik
ist jeder Schlußsatz von den Prämissen nach Quantität und Qualität abhängig. Der besondere Ausdruck der logischen Abhängigkeit ist das hypothetische Urteil (s. d). Die mathematische Abhängigkeit findet ihren Ausdruck im Begriff der durch eine oder mehrere Variabeln bestimmten Funktion, z. B. y = f (u, v). Physisch sind alle Dinge, ja auch alle Personen von anderen abhängig, da alle unter dem Gesetz des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung stehen. Die
moralische
Abhängigkeit (Dependenz) ist soviel als Verbindlichkeit, d. h. Verpflichtung, etwas zu tun. Schleiermacher (1768-1834) nannte die
Religion
das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit von Gott.
Abiogenesis
Abiogenesis
(aus d. gr.
a
= nicht,
bios
= Leben,
genesis
= Entstehung gebildet), Urzeugung, heißt die erste Entstehung organischer Wesen aus unorganischem oder aus organischem, aber ungeformtem Bildungsstoffe. Die Beobachtungen und Versuche haben bisher die Möglichkeit einer solchen Urzeugung nicht erwiesen, aber für die Anhänger der Kant-Laplaceschen Hypothese ist die Urzeugung ein kosmologisches Postulat. Neuerdings versucht man um dieses Postulat durch die Theorie einer
Panspermie
herumzukommen (s. d.). Vgl.
Generatio aequivoca
.
Ablepsie
Ablepsie
(v. gr.
a
= nicht,
blepein
= sehen) heißt Blindheit, Verblendung, Stumpfsinn.
Abneigung
Abneigung
ist die zur Gewohnheit gewordene Unlust an einem Gegenstande oder einer Person. Die Ehescheidung aus »unüberwindlicher Abneigung« wird von den Gesetzen zugelassen, läßt sich aber vom ethischen Standpunkt aus schwer verteidigen.
Abnormität
Abnormität
(von d. lat. abnormis = regelwidrig gebildet) heißt die Abweichung von der Regel im Dasein oder im Handeln. Sie kann angeboren oder erworben, dauernd oder vorübergehend sein.
ab ovo
ab ovo
(lat.), von Anfang einer Sache an, ist eine sprichwörtliche Redensart, die aus dem Lateinischen stammt und von der Mahlzeit hergenommen ist, bei der man mit dem Ei (ovum) begann und mit den Äpfeln endigte (vollständig ab ovo usque ad mala bei Horaz, Sat. I, 3, 6 f.).
Abráxas
Abráxas
nannte der Gnostiker
Basilides
(2. Jahrhundert n. Chr.) die unter dem obersten Gott stehenden Weltgeister, die, gleich den Tagen des Jahres, 365 an Zahl sein sollten. (
a
= 1;
b
= 2,
r
= 100;
a
= 1;
x
= 60;
a
= 1;
s
= 200 im griechischen Ziffernsystem.)
Abrichtung
Abrichtung
(Dressur) heißt die methodische Gewöhnung von lebenden Wesen durch Zwangmittel zu bestimmten Fertigkeiten, z. B. zum Tanzen, Springen, Apportieren usw. Die Abrichtung führt zum Verständnis des fremden Willens, zu Gehorsam und Gewandtheit, aber nicht zur Einsicht und Selbständigkeit. Auch wir Menschen werden zum Stehen, Gehen, Essen, Schreiben, Lesen etc. abgerichtet. Der eigentliche Unterricht aber muß von aller Abrichtung frei sein.
abrupt / ex abrupto
abrupt
(lat. abruptus) heißt abgerissen, ohne Zusammenhang;
ex abrupto
bedeutet plötzlich.
Abscheu
Abscheu
(Abomination) ist die heftige Abneigung gegen etwas in Verbindung mit dem Streben, sich davon zu befreien. Abscheu ist also das Gegenteil von Begierde. Vgl. Hass.
Abschreckungstheorie
Abschreckungstheorie
vgl. Strafe, Todesstrafe.
Absicht
Absicht
bedeutet die Bestimmung des Willens zu einem Ziele. Die Absicht unterscheidet sich vom Zweck dadurch, daß unter jener meist die subjektive, unter diesem meist die objektive Bestimmung des Willens verstanden wird. Nach dem Grade der Absichtlichkeit einer Tat richtet sich die Zurechnung. Vgl. Zweck.
absolut
absolut
(lat. absolutus von absolvere), eigentl. losgelöst, bezeichnet die Loslösung von den verschiedensten Beziehungen, so daß sich die Bedeutung des Wortes sehr mannigfaltig gestaltet hat. Die gebräuchlichsten Verwendungen des Wortes sind: 1. losgelöst
von jeder Verbindung
; der Gegensatz ist
relativ
(in Verbindung gesetzt); so redet man von absoluten und relativen Zahlen; jene, z. B. 5 oder a sind Zahlen außerhalb jeder Rechnungsoperationen, diese, z. B. +5 oder –a sind ihrer Entstehung nach Glieder einer Additions- oder Subtraktionsaufgabe, Addenden oder Subtrahenden; 2. losgelöst
von jeder Bedingung
; der Gegensatz ist
hypothetisch
(bedingt), z. B. absolutes Gut, absolute Notwendigkeit, absolute Wahrheit; 3. losgelöst
von jeder Abhängigkeit und Einschränkung
; der Gegensatz ist
beschränkt, abhängig, konstitutionell determiniert
; so spricht man von einer absoluten Freiheit, einer absoluten Herrschaft (Absolutismus) im Gegensatz zu der Willensunfreiheit (dem determinierten Willen), zu konstitutioneller Herrschaft; 4. losgelöst
von jeder Empfindung
; der Gegensatz ist
empirisch
, so heißt der von dem Mathematiker vorausgesetzte reine unbewegliche Raum der absolute Raum im Gegensatz zu dem bewegten, mit Materie erfüllten Wahrnehmungsraume; ähnlich ist der Begriff der absoluten Zeit; 5. losgelöst
von jeder Raum- oder Zeitbeziehung
; der Gegensatz ist
in räumlicher oder in zeitlicher Beziehung zu einem anderen
; so bezeichnet philosophisch absolut das, was in sich ist und nicht in einem und mit anderen ist; 6. losgelöst
von jeder subjektiven Beimischung
, in sich geschlossen, an sich; das absolute Ding, das Ding an sich bildet den Gegensatz zu dem auf das Subjekt, auf das menschliche Bewußtsein bezogenen Ding,
der Erscheinung
; 7. losgelöst
von allen Schranken der Zeit, des Raumes und des Irdischen überhaupt
. In dieser Bedeutung versteht man unter dem Absoluten das Ewige, das Unendliche, den letzten Grund aller Erscheinungen, die Einheit von Natur und Geist, den Weltgrund, Gott. Das Absolute bildet den Gegensatz zum
Endlichen, Vergänglichen, Irdischen, Geschaffenen
. Der Begriff des Absoluten begegnet uns schon in der Philosophie der
Neuplatoniker
und der
Scholastiker
; aber
Nicolaus Cusanus
(1401-1464) verwendet zuerst den Ausdruck »absolutum« dafür, und erst durch die Philosophie
Fichtes
und
Schellings
erlangte er allgemeine Geltung. Für Fichte (1761-1814) ist das Absolute das Ich, für Schelling (1775-1854) die Einheit von Idealem und Realem. Vgl. Metaphysik.
absondern
absondern
s. abstrahieren.
absprechen
absprechen
heißt
ohne Gründe
urteilen oder entscheiden.
ábstine et sústine
ábstine et sústine
apechou kai anechou
heißt: Enthalte dich (der Genüsse) und ertrage (die Kränkungen). So lautete die ethische Forderung des Stoikers Epiktetos (in der 2. Hälfte des 1. Jahrh. n. Chr.), die wie alle ethischen Vorschriften der Stoiker nicht von Übertreibung und nicht von Einseitigkeit frei war. Nach Gellius noctes att. XVII, 19, 6 lehrte Epiktetos: Wer die Worte
anechou
und
apechou
beherzigt und befolgt, der führt ein schuldfreies und zufriedenes Leben. es müßte nach Gellius also eigentlich in richtiger Reihenfolge heißen:
sustine et abstine
.
Abstinenz
Abstinenz
(lat. abstinentia), d. i. Enthaltsamkeit von den Genüssen, ist seit je als moralisch-religiöse Selbsterziehung empfohlen worden, meist aber auf Grund der falschen Voraussetzung, daß die Seele sich dadurch von der Sinnlichkeit befreien könne. Die Abstinenz ist förderlich für den Charakter, soweit sie Selbstbeherrschung ist, aber wenig verdienstlich, soweit sie nur äußere Form ist, oder wenn sie ins Extrem getrieben wird. Vgl. Askese.
Abstoßungskraft
Abstoßungskraft
, Zurückstoßungskraft (vis repulsiva), heißt die bewegende Kraft, durch die eine Materie Ursache sein kann, eine andere von sich zu entfernen.
Kant
schreibt in seinen metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft der Materie die Anziehungs- und Zurückstoßungskraft zu. Vgl. Materie und Molekül.
abstrahieren
abstrahieren
(lat. abstrahere), abziehen, absehen, heißt der Denkprozeß, durch den wir die Anschauungen von Einzeldingen unter bestimmten Gesichtspunkten durch Vergleichung untereinander vom Individuellen und Zufälligen befreien und die ihnen gemeinsamen wesentlichen (s. d.) Merkmale zu allgemeinen Begriffen zusammenfassen. So verfährt z.B. jedes Gebiet der Mathematik und der Naturwissenschaft, um zu seinen Begriffen zu gelangen.
abstrakt
abstrakt
(lat.), abgezogen, heißt ein Begriff, welcher durch Abstrahieren (s. d.) gebildet ist, also von dem Individuellen und Zufälligen des Einzelobjekts befreit ist und nur die mehreren konkreten Dingen oder Vorstellungen gemeinsamen, wesentlichen (s. d.) Merkmale enthält. So ergibt die Vergleichung von Bäumen, Sträuchern, Blumen, Moosen usw. den abstrakten Begriff einer Pflanze, während wir durch Betrachtung des einzelnen Baumes nach allen seinen Merkmalen den konkreten Begriff einer Pflanze finden. Die Vergleichung verschiedener ausdauernder Holzgewächse mit Stamm und Krone und die Zusammenfassung der ihnen gemeinsamen Merkmale ergibt den abstrakten Begriff Baum. Auf dieselbe Weise bilden wir Abstrakta auf dem Gebiete jeder Wissenschaft, z. B. Staat, Kirche, Tugend, Menschenliebe u. s. f. Mit Ausnahme der Eigennamen bezeichnen alle Worte der Sprache abstrakte Begriffe, können aber von dem Sprechenden im occasionellen Gebrauch überall konkret gebraucht werden. (Vgl. Sprache.) Weil ein abstrakter Begriff nicht bloß von einem Gegenstand gilt, sondern als Merkmal in verschiedenen Dingen vorkommt, nennt man ihn auch einen allgemeineren oder höheren; vgl. die Stufenreihe der Begriffe: Sokrates, Athener, Grieche, Mensch. Verliert man bei der Bildung abstrakter Begriffe den konkreten Ausgangspunkt und die leitenden Gesichtspunkte aus dem Auge, so wird der Begriff leer. Daher kann durch das beziehungslose Abstrahieren kein rechtes Wissen erlangt werden. Der erste Philosoph, der die Kunst des Abstrahierens praktisch übte und zwar auf ethischem, nicht auf mathematischem oder naturwissenschaftlichem Gebiete, war
Sokrates
(469-399).
Aristoteles
(384-322) stellte die Abstraktion (
aphairesis
) der Determination (
prosthesis
) (s. d.) entgegen (Met. XII, 2p. 1077b, 9f.), verstand aber unter dem Abstrakten die von der Materie losgelöste Form, z. B. die mathematische Größe. Die spätere Logik bildete namentlich in der Neuzeit das Verfahren des Abstrahierens methodisch aus. Vgl. Überweg, Logik § 51. – Im Sprachgebrauche der
Grammatik
versteht man unter einem
Abstractum
in Anlehnung an Aristoteles etwas, das nur selbständig gedacht wird, während zur Bezeichnung für einen Gegenstand, der
von Natur
selbständig ist,
Concretum
genommen wird. Vgl.
Überweg
, Logik § 47.
Eucken
, Geistige Strömungen. Leipzig 1904, S. 52.
Abstraktion
Abstraktion
ist die Ausschließung des Individuellen und das Beibehalten des Wesentlichen und des Allgemeinen bei der Bildung eines Begriffes. Man unterscheidet quantitative und qualitative Abstraktion. Die quantitative Abstraktion bezieht sich auf die Form des Gegenstands, d. h. auf die Verbindung seiner Teile zu einem Ganzen; durch sie entstehen alle Raum- und alle Zeitbegriffe. Die qualitative Abstraktion dagegen führt zur Bildung geeigneter Gattungsbegriffe.
abstrus
abstrus
(vom lat. abstrudere, wegstoßen) heißt eigentlich weggestoßen, dann versteckt, verborgen, dunkel, unverständlich.
Abstumpfung
Abstumpfung
heißt der Zustand des Gemütslebens, in dem Einwirkungen, die an sich geeignet sind, starke Gefühle auszulösen, nur schwache oder gar keine Gefühle hervorzurufen vermögen. Die Abstumpfung beruht auf dem Gesetze, daß jedes Gefühl sich in seinem Fortgang um so schneller verringert, je stärker es ursprünglich gewesen ist. Schon
Epikuros
(341-372) hob gegen Aristipps (um 435-355) Hedonismus hervor, daß die höchste Lust jedesmal die kürzeste sei. Ähnlich ist es mit der Unlust. Strenge Strafmittel führen daher gewöhnlich schnelle Abstumpfung herbei.
absurd
absurd
(lat. absurdus) heißt mißklingend, ungereimt, widersinnig;
ad absurdum
führen heißt jemandem durch einen Beweisgang einen versteckten logischen Widerspruch aufdecken, jemanden widerlegen. Ein solcher Beweisgang, der vom Gegenteil des Wahren ausgeht, heißt seit Alexander Aphrodisiensis um 200 v. Chr.
hê eis to adynaton agousa apodeixis
(deductio ad absurdum). – Absurde Zahlen
heißen bei Michael
Stifel
(1486-1567) die negativen Zahlen. Vgl. Paradoxie, Apagoge.
Abulie
Abulie
(gr.
aboulia
), Willenlosigkeit, ist eine Art von Geisteskrankheit, welche oft mit Melancholie (s. d.) verbunden ist. Der Kranke kann zu keinem Entschluß und zu keinem Handeln kommen, obgleich er die Notwendigkeit dazu deutlich einsieht. Leichtere Grade von Willenlosigkeit sind Ratlosigkeit, Charakterschwäche und Weichlichkeit.
ab universali ad particulare valet
ab universali ad particulare valet
, a particulari ad universale non valet consequentia (lat.) heißt: Der Schluß vom Allgemeinen auf das Besondere ist gültig, der Schluß vom Besonderen auf das Allgemeine ist ungültig. Dieser Satz ist richtig; denn was von der Gattung gilt, muß auch von der Art gelten, nicht aber, was von der Art gilt, auch von der Gattung. Diese nicht zu bezweifelnde logische Regel erleidet jedoch im wirklichen Denken beim Prozeß der Induktion ihre psychologische Einschränkung. Manches Gesetz ist gefunden und manche Hypothese aufgestellt worden, indem faktisch vom Besonderen auf das Allgemeine geschlossen ist.
abusus
abusus
non tollit usum (lat.) heißt: Der Mißbrauch hebt den richtigen Gebrauch nicht auf; abusive heißt mißbräuchlich.
Acceleration
Acceleration
(lat. acceleratio = Beschleunigung) heißt die Beschleunigung der Bewegung, d. h. der Zuwachs der Geschwindigkeit während einer Sekunde (vgl. Bewegung). Beschleunigung oder Verzögerung und Richtungsänderung sind die einzigen Veränderungen, die eine Bewegung erleiden kann. Wo sie eintreten, sucht man nach veranlassenden Ursachen. Vgl. Dynamismus.
Acceptilation
Acceptilation
(lat. acceptilatio) heißt das Eintragen des Empfanges einer Schuldsumme. Der Begriff hat seinen Platz in der Lehre des
Duns Scotus
(1265-1308), daß Gott die an sich nicht genügende Satisfaktion Christi aus freiem Erbarmen für ausreichend zur Tilgung der Sünde der Menschheit ansieht.
Accidenz
Accidenz
(lat. accidens) heißt das nicht Wesentliche (das nicht Essentielle), das Wechselnde, das Zufällige. – Man versteht unter Accidenzen 1. die Eigenschaften im Gegensatz zur Substanz (so Aristoteles, Kant, Fichte u. a.);
Aristoteles
(Analyt. post. I 21p. 83 a, 24 ff.) unterscheidet von der Kategorie der Substanz alle übrigen Kategorien und faßt sie unter dem Namen
ta symbebêkota
(Accidentia) zusammen.
Kants
erste Analogie der Erfahrung besagt demgemäß: »Bei allen Veränderungen in der Welt bleibt die Substanz, und nur die Accidenzen wechseln« (Kr. d. r. Vernunft, S. 184). Man versteht unter Accidenzen 2. die nicht wesentlichen, nicht notwendigen Eigenschaften einer Substanz im Gegensatz zu den wesentlichen (essentiellen), einer Substanz dauernd anhaftenden Merkmalen (so auch bei Aristoteles, Herbart u. a.). Aristot. Met. 4. 30 p. 1025 a 14
Symbebêkos legetai, ho hyparchei men tini kai alêthes eipein ou mentoi out' ex anankês out' epi to poly
, Accidenz heißt, was einem Gegenstande zukommt und was man von ihm aussagen kann, aber was ihm nicht notwendig und nicht meistenteils zukommt.
accidenziell
accidenziell
oder accidental bedeutet zufällig.
Accommodation
Accommodation
(lat. accomodatio) heißt Anbequemung, Anpassung. Der Begriff wird auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft gebraucht. Er ist z. B.
physiologisch
, wenn er die Anpassung des menschlichen Auges durch Wölbung der Kristallinse an Gegenstände in verschiedenen Entfernungen,
theologisch
, wenn er die Anbequemung der göttlichen Offenbarung an die menschliche Schwäche,
pädagogisch
, wenn er die Anpassung des Lehrers an die Fassungsgabe und den Standpunkt seiner Schüler bezeichnet. In der
Descendenzlehre
ist die Accomodation die Anpassung eines Lebewesens an die äußeren Lebensbedingungen.
Acedie
Acedie
(gr.
akêdeia
) heißt Trägheit, Lässigkeit. Der Ausdruck ist wenig gebräuchlich.
acervulus cerebri
acervulus cerebri
(lat.), Hirnsand, heißt der Inhalt der Zirbeldrüse, welcher phosphorsauren und kohlensauren Kalk enthält (vgl. Zirbeldrüse).
acervus
acervus
(lat. acervus), Haufen (gr.
sôritês
= Haufenschluß von
sôros
= Haufe), heißt ein Trugschluß, der durch die Frage verwirrt, wie es möglich ist, daß viele Dinge zusammen eine Wirkung hervorbringen, die jedes einzelne von ihnen für sich nicht hervorbringt. Er geht auf
Zenon von Elea
(geb. zw. 490 und 485 v. Chr.) zurück, welcher behauptete, wenn ein Scheffel Korn beim Ausschütten ein Geräusch hervorbringe, so müsse auch jedes einzelne Korn und jeder kleinste Teil eines Korns ein Geräusch hervorbringen, was doch nicht wahr sei. Er erscheint bei
Eubulides
(4. Jhrhdt. v. Chr.), von der Wirkung auf die Masse übertragen, in der Form, daß gefragt wird, ob ein Korn einen Haufen bilde? Offenbar nicht; zwei Körner? Nein. Drei? Nein. Schließlich würde mithin ein Kornhaufen überhaupt nicht zustande kommen, da man nicht angeben kann, wieviel Körner dazu gehören.
Achamoth
Achamoth
(hebr.) heißt bei dem Gnostiker Valentinus (c. 150 n. Chr.) die durch die Begierde zerrüttete Weisheit, welche ein Äon ist und sich aus sinnlicher Liebe, aus dem Pleroma, dem gestalteten Chaos, abirrend, in den göttlichen Abgrund stürzt und dadurch Mutter des Demiurgen (Weltbildners) wird. Vgl. K.
Haase
, Kirchengeschichte § 78.
Achilleus
Achilleus
heißt ein Trugschluß des Eleaten
Zenon
(geb. zw. 490 und 485 v. Chr.), durch den er beweisen wollte, daß alle Bewegung nur Schein sei. Die Schildkröte, das langsamste der Tiere, meinte er, könne nie von Achill, dem schnellsten Menschen, eingeholt werden, wenn sie auch nur den geringsten Vorsprung hätte; denn der Abstand zwischen ihnen lasse sich bis ins Unendliche zerlegen, und Achill müsse immer erst dahin kommen, wo die Schildkröte eben gewesen sei. Aber wird einmal Bewegung von verschiedener Geschwindigkeit gedacht, so ist damit schon eingestanden, daß dieselben Räume in verschiedener Zeit durchlaufen werden. Auch überschreitet die Summe einer konvergierenden geometrischen Reihe, wie sie durch die Bewegungen der Schildkröte dargestellt wird, nie einen bestimmten endlichen Wert.
Achtung
Achtung
ist die Anerkennung einer Person um irgend eines Wertes willen. Sie ist oft nicht frei von Unlust; denn die Auffindung von Vorzügen an anderen Wesen bereitet uns zwar an sich Lust, weil wir Gutes vor uns haben, aber auch zugleich Unlust, weil unsere Selbstliebe darunter leidet. Die Achtung bildet einen Gegensatz zur Neigung und Liebe.
Kant
verlangt, daß wir das Gute aus keinem andern Motiv tun sollen, als aus Achtung vor dem Sittengesetz. (Kritik d. prakt. Vernunft I, III, S. 126 ff.). J. H. v.
Kirchmann
(1802-1884) teilte alle Gefühle in die Lust- und die gewöhnlich sittlich genannten Achtungsgefühle.
Act
Act
(lat. actus) heißt Handlung, Tätigkeit, z. B. Willensact.
Action
Action
(lat. actio) heißt die Tätigkeit im Gegensatz zum Leiden (Passion), oder die Wirkung im Gegensatz zur Reaktion (Gegenwirkung).
Activität
Activität
(franz. activité) heißt die Fähigkeit zu wirken oder das tätige Verhalten, wogegen Passivität die Unfähigkeit zu wirken oder das untätige Verhalten, die bloße Aufnahmefähigkeit bedeutet. Vollkommene Activität ist den Dingen ebensowenig eigen als vollständige Passivität, da alle Dinge in Wechselwirkung stehen und Aktion und Reaktion sich entspricht. Die Ansicht des
Aristoteles
(384-322 v. Chr.) und der Scholastiker war aber, daß Gott purus actus, reine Tätigkeit, sei.
Actualität
Actualität
(lat.) heißt die Wirklichkeit, insofern nur das wirklich existiert, was sich betätigt; Gegensatz dazu ist die Potenzialität, d. h. die Möglichkeit. Auch versteht man unter Actualität die augenblickliche Bedeutsamkeit. Unter
Actualitätslehre
versteht man diejenige philosophische Lehre, die das Wirkliche nicht im Substanziellen, sondern nur im Tätigsein, im Wirken sucht. Der Hauptanhänger dieser Weltanschauung, die schon von
Herakleitos
500 v. Chr. vertreten worden ist, ist gegenwärtig auf psychologischem Gebiete Wundt (geb. 1832).
adaequat
adaequat
(lat. adaequatus) heißt gleichkommend, übereinstimmend, angemessen; eine
Vorstellung
ist z. B. adaequat, wenn sie einem Gegenstand genau entspricht, ein
Begriff
, wenn er das Wesen desselben ausdrückt, eine
Definition
, wenn sie den Begriff nach seinen wesentlichen Merkmalen bestimmt, eine
Erkenntnis
, wenn sie einer Sache fehlerlos entspricht. Der Ausdruck adaequat begegnet uns oft in der philosophischen Sprache
Spinozas
und
Leibniz'
. Vgl.
angemessen
.
Adam Kadmon
Adam Kadmon
(hebr.) heißt bei den Kabbalisten der Urmensch, der himmlische Adam, das Vorbild der Menschheit und der irdischen Welt, der eingeborene Sohn Gottes und der Inbegriff der Ideen, nach gnostischer Lehre ist es der fast göttliche Äon, nach welchem Adam erst geschaffen wurde. Siehe Kabbâla.
Adamiten
Adamiten
hießen Sektierer, welche öfter, so im 2. und 3. Jahrh. n. Chr. in Nord-Afrika, 1421 in Böhmen aufgetreten sind und den Stand paradiesischer Unschuld durch völlige Nacktheit darstellen wollten, gewöhnlich aber in grobe Unsittlichkeit verfielen.
Adaption
Adaption
(von lat. adaptare, richtiger Adaptation) heißt die Anpassung oder Anbequemung, z. B. der Netzhaut an die vorhandene Lichtstärke, der Aufmerksamkeit an überraschende Gegenstände. Vgl. Accomodation.
Adept
Adept
(franz. adepte = lat. adeptus = wer etwas erlangt hat) heißt ursprünglich ein Eingeweihter, welcher den Stein der Weisen, das höchste geheimnisvolle Ziel der Alchymie, gefunden hat.
Paracelsus
(1493-1541) und andere Schwärmer nannten sich so. Im allgemeinen heißt jetzt so jeder, der in eine Wissenschaft oder Kunst eingedrungen ist.
ad hominem
ad hominem
(ergänze demonstratio, lat.) nennt man einen Beweis, der gemeinfaßlich und einleuchtend, der Fassungskraft des Hörers angepaßt ist, aber nicht allgemein gilt.
Adiáphora
Adiáphora
(gr.
adiaphora
= unausgezeichnet) heißen gleichgültige Dinge, Mitteldinge, Dinge zwischen Gutem und Bösem. Der Streit über die Frage, ob es Adiáphora gebe, durchzieht die Geschichte der Moral und der Religion.
Epikuros
(341-270) verneinte die Frage. Nach der Lehre der
Stoiker
dagegen, durch die das Wort seine Verbreitung gefunden hat, ist die Tugend das einzige Gut, das Laster das einzige Übel; alles was nicht Tugend oder Laster ist, z. B. das Leben, die Begabung, die Schönheit, die Gesundheit usw., ist ein Adiáphoron. – In Wirklichkeit wird jeder Mensch je nach seiner Individualität, Erziehung, Gewöhnung etwas anderes für gleichgültig erklären. Und in verschiedenem Zusammenhange mit anderen Dingen kann oft das an sich Gleichgültige bedeutungsvoll werden.
ad impossibilia
ad impossibilia
nemo obligatur (lat.) heißt: Zum Unmöglichen ist niemand verpflichtet. Der Satz trifft zu; denn das Sollen hat das Können zur Voraussetzung. Er kann aber natürlich nur da Anwendung finden, wo die Unmöglichkeit dargetan worden ist.
ad infinitum / ad indefinitum
ad infinitum
(lat.) heißt ins Unendliche;
ad indefinitum
dagegen heißt ins Unbestimmte (vgl. unendlich).
ad libitum
ad libitum
(lat.) heißt nach Belieben.
ad oculos
ad oculos
demonstrieren (lat.) heißt etwas so deutlich darlegen, daß man es wie mit den leiblichen Augen sieht.
Adrastea
Adrastea
(gr.
'Adrasteia
) heißt die Unentrinnbare; so bezeichneten die Alten das
Schicksal
, z. B. Platon Phaedr. p. 248 C. Vgl. Schicksal.
ad turpia
ad turpia
nemo obligatur (lat.) heißt: Zu Schlechtem kann niemand verpflichtet werden.
Advaita
Advaita
(sanskr.), Nichtdualismus, Monismus (s. d.), heißt eine philosophische Richtung des Brahmaismus, die seit dem 6. Jahrh. n. Chr. auftritt. Sie behauptet, die menschliche Seele sei identisch mit dem Brahman, der nicht persönlich, sondern als Weltseele und ewiger Urgrund alles Seins zu denken sei.
Ähnlichkeit
Ähnlichkeit
heißt im allgemeinen die
Übereinstimmung der Dinge in mehreren, Gleichheit die in allen Merkmalen
. – In der
Geometrie
bezeichnet
Ähnlichkeit die Übereinstimmung in der Gestalt, Gleichheit die Übereinstimmung in der Größe, Kongruenz die vollkommene Übereinstimmung
. Das moderne mathematische Zeichen (\$007E\) für ähnlich hat Leibniz (1646-1716) aus einem liegenden
s
(= similis) gebildet. Vgl. Leibniz, Characteristica geometrica ed. Gerhardt, 3. Folge, Bd. V, S. 153: Similitudinem ita notabimus ~. – Die Beziehung des Ähnlichen spielt im Geistesleben des Menschen eine wichtige Rolle. Es ist z. B. Sache des Witzes und Scharfsinns, Ähnlichkeiten zwischen den verschiedensten Dingen instinktiv herauszufinden. Auf leicht faßbaren Ähnlichkeiten beruht auch der bildliche Ausdruck des Dichters. Vergleicht man scharf denkend die Dinge, um aus ihrer Ähnlichkeit etwas zu folgern, so zieht man einen analogischen Schluß (s. Analogie). Mit solchen Schlüssen arbeitet besonders die Induktion (s. d.) innerhalb der Naturwissenschaft. – Die Tatsache, daß ähnliche Vorstellungen einander hervorrufen, erklärt uns einen Teil des Seelenlebens und begründet das Hauptgesetz der
Ideenassoziation
(s. d.). – Daß Ähnliches nur durch Ähnliches erkannt werde, ward von
Pythagoras, Empedokles
und
Demokritos
behauptet. –
Platon
(427-347) und andere forderten als höchstes Moralprinzip die Ähnlichkeit mit Gott.
Äon
Äon
(gr.
aiôn
) heißt Ewigkeit, beständige Dauer. Bei dem Gnostiker
Valentinus
(150 n. Chr.) werden aus den Äonen ewige Geister und göttliche Wesenheiten, Mittelwesen zwischen dem göttlichen Urgrunde und dem Menschen.
Äquilibrismus
Äquilibrismus
(nlt. von lat. aequilibrium Gleichgewicht) ist die Lehre, daß der Mensch nur dann frei handelt, wenn ein völliges Gleichgewicht aller Bestimmungsgründe des Willens stattfindet. Diese Lehre ist unhaltbar; denn abgesehen davon, daß ein solches Gleichgewicht kaum vorkommt, und wenn es vorkäme, schwer bestimmbar wäre, würde die Konsequenz des Gleichgewichts nur sein können, daß der Mensch gar nicht handelt, sondern untätig bleibt, wie der Esel des Buridan (s. d.) zwischen den Heubündeln. Dagegen erklärt
Platon
und
Herbart
nur den für frei, dessen tatkräftiger Wille mit dem Sittengesetz im Gleichgewicht steht. Vgl. Determinismus, Freiheit.
Äquipollenz
Äquipollenz
(nlt. aequipollentia aus dem lat. aequipollens), Gleichgeltung, spricht die Logik im engeren Sinne seit
Apuleius
(2. Jahrh. n. Chr.) den Sätzen zu, die dasselbe, aber unter verschiedener Form aussagen, so daß einer unmittelbar aus dem andern gefolgert werden kann. So sind z. B. die Sätze: »Platon war des Aristoteles Lehrer« und »Aristoteles war Platons Schüler« äquipollent. Solche Sätze schließen einander stets ein, und aus der Wahrheit oder Falschheit des einen folgt die Wahrheit und Falschheit des anderen. Im weiteren Sinne heißen aber auch diejenigen Sätze äquipollent, welche nicht unmittelbar, sondern erst durch Zwischensätze auseinander folgen. So ist z. B. der Satz: » In diesem Dreieck ist das Quadrat über der einen Seite gleich der Summe der Quadrate über den beiden anderen« äquipollent mit dem Satze: »Dies Dreieck ist rechtwinklig«.
Äquivalenz
Äquivalenz
(nlt. aus dem lat. gebildet), Gleichwertigkeit, Wert-Ersatz, heißt die Einsetzung eines Wertes für einen anderen. Vgl. Kraft.
Ärger
Ärger
ist die vorübergehende Gemütsverstimmung, in der sich ein leichterer Zorn mit einem leichteren Kummer verbindet. So ärgert man sich z. B. über schlechte Federn, einen versäumten Zug u. dgl., über erfahrene Zurücksetzung, über Vorurteile, Moden usw., über aufdringliche Menschen, unbotsame Dienstpersonen usw.
Ärgernis
Ärgernis
geben heißt durch Worte, Mienen, Gebärden oder Handlungen das sittliche oder religiöse Gefühl anderer beleidigen oder ihre Sittlichkeit in Gefahr bringen. Dies ist ein Unrecht. Anderseits können wir nichts dafür, wenn andere an uns Ärgernis nehmen, während wir sittlich handeln, weil sie selbst beschränkt, kurzsichtig, vorurteilsvoll sind.
Aërobat
Aërobat
(gr.
aerobatês
), heißt Luftwandler, Seiltänzer, dann spöttisch Ideolog, Phantast. So nennt Wieland Platon den großen Aërobaten.
Ästhetik
Ästhetik
(gr. von
aisthêtos
= sinnlich wahrnehmbar, gebildet) heißt zunächst die Lehre von der
Sinneserkenntnis
. In dieser
ursprünglichen Bedeutung
braucht Kant (1724-1804) das Wort in seiner
Kritik der reinen Vernunft
(1781), die aus der Aufgabe erwachsen war, die Grenzen der Sinnlichkeit und des Verstandes zu bestimmen. Der erste Teil der Elementarlehre in diesem Werke ist die
transscendentale Ästhetik
. Sie bestimmt die Sinneserkenntnis als das Vermögen der Anschauungen, als Rezeptivität, und weist als reine, allgemeine und notwendige, nicht aus der Erfahrung stammende Form der sinnlichen Erkenntnis Raum und Zeit nach. –
Gewöhnlich
und in zweiter Linie versteht man aber unter Ästhetik die
Wissenschaft von den Gefühlen
, welche durch das Schöne und das ihm Verwandte oder Entgegengesetzte hervorgerufen werden, und den Urteilen, die sich auf diese Gefühle gründen. Zur Wissenschaft erhoben und so benannt ward diese Disziplin erst durch den Wolfianer A. G.
Baumgarten
(1714-62) [»Aesthetica« (1750-58)]; vor ihm wurde nur beiläufig von den ästhetischen Begriffen gehandelt. So definiert z. B.
Platon
, (427-347), dem von den Neueren
Shaftesbury
(1671-1713) gefolgt ist, das Schöne (im Phaidros) als das Nachbild der Ideen, in deren Reich die Idee des Guten die herrschende ist, während er (im Philebos) die Freude am Schönen diejenige Lust nennt, welche durch Wahrnehmung eines Verhältnismäßigen und Ebenmäßigen erzeugt wird. Aber
Platon
sondert das Schöne nirgends scharf vom Guten. Die Schönheit dient bei ihm nur ethisch-politischen Zwecken, und gegen die Kunst verhält er sich ablehnend.
Aristoteles
(384-322) gibt in seiner »Rhetorik und Poetik« eine Reihe empirischer Regeln über das Schöne. Er geht von einzelnen Beispielen des Schönen aus, prüft das allen Gemeinsame und findet es in der Ordnung, im richtigen Verhältnis der Teile, in der Begrenztheit und angemessenen Größe, in dem Zusammenhang und der Vollständigkeit, mithin in der Einheit im Mannigfaltigen, also in der Form der Dinge. Das Wesen der Kunst setzt er in die Nachahmung (
mimêsis
). Aber er leitet das Wesen der Kunst noch nicht aus der menschlichen Natur ab. Dies hat erst
Baumgarten
(1714-1762) getan, indem er, von den Grundlehren der Philosophie Leibniz' und Wolfs und von französischen Anregungen (Dubos) ausgehend, die Ästhetik als Paralleldisziplin neben die Logik stellte. Wie diese das höhere Erkenntnisvermögen, das Begriffsvermögen, solle jene das niedere Erkenntnisvermögen, die sog. Sinnenerkenntnis (Aesthetica est scientia cognitionis sensitivae) behandeln. Demgemäß lehrten die Ästhetiker der Wolfschen Schule (Eschenburg, Eberhard, Sulzer, Mendelssohn), daß die ästhetische Erkenntnis nur eine Vorstufe der intellektuellen sei. Zur
Geschmackslehre
und
Lehre vom Schönen
ward aber für Baumgarten und seine Nachfolger die Ästhetik durch den optimistischen Gedanken der Leibnizschen Philosophie: In der Welt liegt der höchste Grad der Vollkommenheit, den der Schöpfer in sie hineinlegen konnte; erkennen wir diese Vollkommenheit begrifflich, so heißt sie Wahrheit, erkennen wir sie durch die Sinne, so heißt sie Schönheit; Schönheit ist also der Gegenstand der sinnlichen Erkenntnis. Die Lehre von der sinnlichen Erkenntnis wird daher nach der Annahme des Wolfianers durch die Beschaffenheit des Weltalls von selbst zur Schönheitslehre. Die Erklärung der Schönheit als sinnlich erkannter Vollkommenheit macht aber Baumgarten wie Aristoteles zum Formalisten; denn Vollkommenheit ist ihm die Übereinstimmung der einzelnen Teile eines Gegenstandes zum Ganzen. Von Aristoteles entlehnt er auch das Prinzip der Nachahmung in der Kunst, aus dem er das Verbot des Heterokosmischen für den Künstler ableitet. Baumgartens Formalismus ist die Ästhetik des
Rationalismus
. – Um dieselbe Zeit griffen die Engländer in die Untersuchung über das Schöne ein und begründeten, indem sie den Blick auf die subjektiven Bedingungen der Schönheit richteten, die
sensualistische
Ästhetik.
Hutcheson
(1694-1747) schied niedere und höhere Sinne von einander und leitete die Empfindung des Schönen nur aus den letzteren, Gehör und Gesicht, ab.
Home
(1696-1782) führte diese Untersuchungen fort und wies nach, daß die ästhetischen Empfindungen frei von der Beimischung des Verlangens seien.
Burke
(1730-97) untersuchte die Ideen vom Schönen und Erhabenen und führte jene auf den Geselligkeitstrieb, diese auf den Selbsterhaltungstrieb zurück. Die Untersuchungen der englischen Ästhetiker wurden in Deutschland beachtet und wirkten auf
Lessing, Herder
und besonders auf
Kant
in den Jahren 1760-1770 ein.
Kant
(1724-1804), in seiner »Kritik der Urteilskraft« (1790), findet das Schöne, das er scharf von dem Guten und Angenehmen trennt und das er auf die Verbindung der Urteilskraft mit dem Gefühlsvermögen gründet, in der Zweckmäßigkeit der Form, welche ein allgemeines und notwendiges, uninteressiertes Wohlgefallen in uns errege. Den Grund, warum gewisse Dinge oder Verhältnisse dies tun, sieht er darin, daß bei der Vergleichung der Anschauung mit dem Verstande sich eine Lust an der Harmonie zwischen beiden herausstelle. Kants Standpunkt in der Ästhetik ist die Verbindung des (ethischen)
Idealismus
mit dem
Rationalismus
. Das Prinzip des Geschmacksurteils stammt aus reiner Vernunft (Rationalismus); aber nicht die Welt an sich ist schön, sondern der Mensch trägt den aus seiner Urteilskraft und seinem Lustgefühl entstandenen Begriff der Schönheit in die Welt hinein (Idealismus). Kant ergänzt jedoch seinen rationalistischen und idealistischen Grundgedanken, der der Schönheit zwar alle Bestimmtheit des Begriffs, nicht aber alle Bedeutung raubt, durch die Idee, daß die schönen und erhabenen Dinge wie Symbole des Sittlich-Guten wirken.
Schiller
(1759-1805) hatte 1789 in dem Gedichte »Die Künstler«, dessen Idee die Verhüllung der Wahrheit und Sittlichkeit in die Schönheit ist, sich der deutschen Ästhetik vor Kant angeschlossen. Später betonte er im Anschluß an Kant mehr die Form, »das Gefäß des Inhaltes«; das Gleichgewicht der sinnlichen und vernünftigen Tätigkeit hielt er für die Normalstimmung des Künstlers und die Geburtsstätte des Schönen. Dieser Standpunkt erschien ihm freilich als ein Ideal. Schönheit ist ihm die Freiheit in der Erscheinung, die Natur in der Kunstmäßigkeit, die Versöhnung zwischen Verstand und Sinnlichkeit. Vor allem nimmt Schiller aber die Idee Kants auf, daß das Schöne als Symbol des Sittlich-Guten wirke. Die Anmut tritt z. B. da in die Erscheinung, wo der Mensch die Vernunftpflichten und Naturtriebe zur Einheit und Harmonie und diese Harmonie zum Ausdruck gebracht hat. –
Schelling
(1775-1854) hingegen behauptete, indem er die Ästhetik der
Philosophie des Absoluten
schuf, da Natur und Geist, Ideales und Reales gleich seien, das Schöne sei dasjenige, dessen sinnliche Existenz durchweg dem Idealen entspreche, also die Einheit des Realen und Idealen. (Vgl. Schelling: Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur. 1807.) Diesen Standpunkt führt geistvoll
Solger
in seinem »Erwin, vier Gespräche über das Schöne und die Kunst« 1815 durch.
Hegel
1770-1831 (»Ästhetik«, herausgeg. von Hotho, 1835) schuf eine rein (logisch-)
idealistische
Ästhetik, indem er das Schöne als die Idee in der Form begrenzter Erscheinung, als das sinnliche Scheinen der Idee bestimmte. Seine erste Existenz findet es in der Natur und, wie
Vischer
(»Ästhetik« 1846-1857) hinzufügt, in der Geschichte. Dort existiert es aber nur unbewußt, daher mangelhaft, bewußt erst im sinnlichen Geiste, in der Phantasie. Sobald die Phantasie sich verwirklicht, entsteht die Kunst. Das Kunstwerk existiert, losgelöst von seinem Urheber, unbefangen und absichtslos, wie ein Werk der Natur; doch ebensosehr entstammt es dem Geiste; denn es ist eine Verkörperung der Idee. Die einzelnen Künste erscheinen so als die stufenmäßige Herausarbeitung des Geistes aus der Materialität. Sie treten nacheinander als die symbolischen, klassischen und romantischen Künste auf. Die bildenden Künste sind stumm, massenhaft, noch durchweg material; die Musik bewegt sich in der idealgesetzten Materialität des Tones, die Poesie auf fast rein geistigem Gebiete; sie ist der Übergang des Geistes zum reinen Denken. Die Sprache, deren sie sich bedient, ist kein sinnlicher Stoff, sondern nur das Vehikel des Geistes. Die Ästhetik umfaßt also das ganze Reich des Schönen, die Kunst ist nur eine Provinz davon.
Herbart
(1776 bis 1841), dessen Philosophie im Grunde auf der Wolfs beruht, erneuerte den Formalismus der rationalistischen Ästhetik und dehnte Schillers Satz: »Die Vertilgung des Stoffes durch die Form ist das wahre Kunstgeheimnis des Meisters« auf die ganze praktische Philosophie aus und bezeichnete demnach die Ethik als Teil der allgemeinen Ästhetik, der Wissenschaft vom Gefallenden und Mißfallenden überhaupt. (Vgl.
Herbart
, Allg. prakt. Philos. 1805. Lehrb. z. Einl. in d. Philos. 4. Aufl. 1837; und
Rob. Zimmermann
, Allg. Ästhetik als Formwissenschaft 1865.) Die Ästhetik handelt demnach bei ihm von den Formen, durch welche ein beliebiger Vorstellungsinhalt, sei er nun Abbildung der Wirklichkeit oder bloß Erfindung, Anspruch auf Gefallen oder Mißfallen erlangt. Beim Schönen handelt es sich also um ein Bild, und die Ästhetik darf weder mit der Kunstgeschichte noch mit der Metaphysik verwechselt werden. Der Grund für das ästhetische Gefallen liegt nicht in den unverbundenen Teilen (der Materie) einer Vorstellung, sondern nur in deren Verbindung zu einem Ganzen (ihrer Form). Diese gefallen entweder wegen ihrer Stärke (Quantität), oder wegen ihres Inhalts (Qualität), d. h. es gefällt das Große und das Harmonische. Die Zusammenfassung beider in ein der Form des Charakteristischen entsprechendes Nachbild, eines die Formen der Vollkommenheit (Größe, Fülle, Ordnung), des Einklangs, der Korrektheit und des abschließenden Ausgleichs an sich tragenden Vorbildes erzeugt das Schöne. Die Durchführung jeder einzelnen Elementarform innerhalb eines Gesamtbildes führt zu den abgeleiteten Formen des ästhetischen Reinheits-, Freiheits-, Wahrheits- und Vollkommenheitssystems.
Eigene Wege in der Ästhetik gehen
Jean Paul
(»Vorschule der Ästhetik« 1804), A.
Schopenhauer
(»Die Welt als Wille und Vorstellung«, 3. Buch, 3. Aufl. 1859), J. H. v.
Kirchmann
(»Ästh. auf realist. Grundlage« 1868) und E. v.
Hartmann
(»Philosophie des Schönen« 1888).
Der Ästhetik hat, wie ihre Geschichte zeigt, bisher die
richtige Methode
gefehlt. Sie ist zu sehr den Bahnen der Metaphysik gefolgt. Die richtige Methode der Ästhetik kann nur die
empiristische
sein. Von der Beobachtung des Naturschönen und der auf die Kunstgeschichte gegründeten Kritik hat alle ästhetische Forschung auszugehn. Denn jedes Naturprodukt trägt seine eigene Schönheit in sich, und jedes Kunstwerk ist national, historisch und individuell bestimmt. Daneben freilich hat die Ästhetik das Wesen der Natur und des Menschen nach ihrer Allgemeinheit und Gesetzmäßigkeit zu untersuchen. An die biologischen und psychologischen Voraussetzungen haben sich Untersuchungen über das Wesen des künstlerischen Schaffens zu schließen, um endlich die Künste im einzelnen betrachten zu können. Die Ästhetik muß also nicht von der Metaphysik, sondern von der Erfahrung ausgehen; nicht der Begriff des Schönen, sondern das Wesen der einzelnen Schönheit ist ihre Basis. Ein absolutes Schöne gibt es höchstens als Ideal; in der Wirklichkeit existiert stets nur das Schöne eines bestimmten Gegenstandes. Die Gliederung der Ästhetik erfolgt, indem mit den Untersuchungen über die subjektiven und objektiven Bedingungen der Gefühle des Schönen und der ihm verwandten Gefühle begonnen, dann das Schöne der Natur und zuletzt das ganze Gebiet der Künste durchmessen wird. Vgl. C.
Köstlin
, Ästhetik 1863-1869, C.
Lemcke
, Populäre Ästhetik, 4. Aufl. 1873, und R.
Prölss
, Katechismus der Ästhetik 1878. J.
Cohn
, psychologische oder kritische Begründung der Ästhetik. Arch. f. system. Philos. 1904. H.
Cohen
, Kants Begründung der Ästhetik 1889.
ästhetisch
ästhetisch
heißt im weiteren Sinne jeder Begriff, der in den Kreis der Ästhetik fällt, also auch außer dem Begriff des Schönen der Begriff des Anmutigen, des Reizenden, des Hübschen, des Niedlichen, des Komischen, des Häßlichen, des Furchtbaren, des Tragischen, des Erhabenen usw.; im engeren Sinne dagegen ist ästhetisch nur der Begriff des Schönen, Geschmackvollen.
Kant
(1724-1804) nennt in der Kritik der reinen Vernunft eine Vorstellung ästhetisch, wenn ihr die Form der Sinnlichkeit anhängt und diese daher auf das Objekt, d. h. als Phänomen (s. d.), übertragen wird; in der Kritik der Urteilskraft heißt ihm dagegen dasjenige ästhetisch, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann.
Äternität
Äternität
(lat. aeternitas) heißt Ewigkeit.
Äther
Äther
(gr.), bei Hesiodos der Sohn des Erebos (Dunkel) und der Nyx (Nacht), heißt zunächst bei den Griechen ein mythisches Wesen, eins der Grundwesen, aus denen die Welt entstanden sein soll; die orphischen Hymnen feiern ihn als Weltseele. Später erscheint er in der Philosophie bei den Hylozoisten (s. d.) als das Wärmeprinzip neben den vier Elementen, Wasser, Feuer, Luft und Erde, und noch später, namentlich auch bei
Aristoteles
(384-322), als die höchste fünfte Substanz (daher: Quintessenz!), der alles Sein und Denken entstammt. – Die moderne Physik nimmt an, daß ein überaus feiner und elastischer Stoff durch den Weltraum und in den Zwischenräumen der kleinsten Teile des Körpers verbreitet sei, aus dessen Schwingungen sie die Erscheinungen des Lichts, der Elektrizität und dergl. erklärt. Daher sind manche neuere Philosophen, z. B. Ph.
Spiller
auf die Idee gekommen, den Äther wieder als Gott zu setzen. – Naturwissenschaftlich wird der Äther noch sehr verschieden gedeutet, und wir sind in der Hauptsache noch in Unkenntnis über seine Beschaffenheit. Nach
Fresnel
(1788-1804) ist der Äther ein sehr elastisches Mittel von unkonstanter Dichtigkeit, während andere ihm konstante Dicke und veränderliche Elastizität beilegen. Nach Lord
Kelvin
(geb. 1824) ist er ein festes elastisches Mittel, dessen Starrheit 1/10000000 des Stahls und dessen Dichte 1
-17
des Wassers beträgt.
Stockes
(geb. 1819) gibt ihm die Konsistenz einer dünnen Gallerte, da er sich den Lichtschwingungen gegenüber als fester Körper verhält, bei dem allein transversale Schwingungen vorkommen. Im allgemeinen versteht man also heute unter Äther nichts als ein Ding, das Wärme, Elektrizität und Licht verbindet, ohne zu wissen, welcher Art diese Verbindung ist. Vgl.
Spiller
, Gott im Lichte der Naturwissenschaften, Leipzig 1883.
Ätherleib
Ätherleib
nennt J. H.
Fichte
(1796-1879) mit anderen Spiritualisten den von der Seele unmittelbar gewirkten Leib; er versteht darunter nicht den äußerlichen, sichtbaren, tierischen, sondern einen inneren, unsichtbaren Geistleib. (Vgl. Fichtes »Anthropologie« S. 273 f.) Danach besteht also der Mensch aus Geist, Ätherleib und Außenleib. Ähnlich lehrte schon der Neuplatoniker
Porphyrios
(233-304).
Ätiologie
Ätiologie
(griech.
aitiologia
von
aitia
Ursache und
logos
Wort, Lehre), die Lehre von den Ursachen und ihren Wirkungen, gilt gewöhnlich als der zweite Teil der spekulativen Metaphysik, während der erste, die Ontologie, vom Wesen der Dinge und der dritte, die Teleologie, von dem Zwecke derselben handelt.
Äußeres
Äußeres
und Inneres sind Korrelate, d. h. Verhältnisbestimmungen, die sich aufeinander beziehen. Das Äußere für uns ist zunächst unser Leib, dann alles, was wir mit den Sinnen wahrnehmen können, die Außenwelt. Das Innere dagegen ist das unmittelbar im Bewußtsein Erlebte.
Affekt
Affekt
(lat. affectus = Gemütszustand, gr.
pathos
) heißt eine vorübergehende, zusammenhängende, stärkere Gemütsbewegung, welche durch äußere Ursachen oder psychische Vorgänge veranlaßt wird und unseren geistigen und leiblichen Zustand stark beeinflußt. Der Affekt hat eine bestimmte Entwicklung, in welcher Anfangsgefühl, Vorstellungsverlauf und Endgefühl unterschieden werden können. Bewußtseinsstärke, Willen, Blutumlauf, Atmung, Absonderung der Drüsen, Muskeltätigkeit und Gliederbewegungen werden durch den Affekt entweder gefördert oder gehemmt. Im Affekt gerät der Mensch, wie man sagt, »außer sich«. Die Wucht, mit der die Affekte auftreten, und die Art, wie sie verlaufen, richtet sich einerseits nach der Konstitution und dem Temperament, nach der Erziehung und dem Bildungsstandpunkt des Menschen, andrerseits nach dem äußeren Anlaß.
Kant
(1724-1804) definiert den Affekt als das Gefühl einer Lust oder Unlust im gegenwärtigen Zustande, welche im Subjekt die Überlegung (die Vernunftvorstellung, ob man sich ihm überlassen oder weigern solle) nicht aufkommen läßt, (Anthrop. § 70) oder als Überraschung durch Empfindung, wodurch die Fassung des Gemüts (animus sui compos) aufgehoben wird. (Anthrop. § 71). Man kann die Affekte mit ihm
einteilen
in sthenische (wackere), welche unser Lebensgefühl fördern, und asthenische (schmelzende), die es hemmen (Anthrop. § 73), oder mit
Nahlowsky
in aktive und passive oder mit
Drobisch
in Affekte der Überfüllung und Entleerung. Zu jenen gehören z. B. Zorn, Freude, Begeisterung; zu diesen Scham, Furcht, Verzweiflung. Jene sind dem Rausch, diese der Ohnmacht vergleichbar. Möglich ist auch eine Einteilung der Affekte in
allgemeine
und
besondere. Jene
bestehen in einem gesteigerten Gefühl der Lust und Unlust, ohne daß sie eine besondere Eigenart zeigen. Diese dagegen sind 1) Affekte der Erwartung: so Ungeduld, Hoffnung, Verzweiflung, Furcht, Schreck, Überraschung. Sie gründen sich 2) auf ästhetisches Wohlgefallen resp. Mißfallen: so Bewunderung, Schwärmerei, Entzücken und ihr Gegenteil. Sie sind 3) intellektuelle Affekte: so Verlegenheit, Verblüffung, Staunen, Begeisterung. Es gibt 4) moralisch-religiöse Affekte: so Entrüstung, Rührung, Scham, Reue, Verzückung. 5) Aus dem Selbstgefühl entspringen: Mut, Übermut, Zorn, Kleinmut, Niedergeschlagenheit, 6) aus der Antipathie: Neid, Schadenfreude, Groll und Ingrimm. Wundt (geb. 1832) definiert den Affekt als eine zeitliche Folge von Gefühlen, die sich zu einem zusammenhängenden Verlaufe verbindet und sich gegenüber den vorausgegangenen und nachfolgenden Vorgängen als ein eigenartiges Ganzes absondert, das im allgemeinen zugleich intensivere Wirkungen auf das Subjekt ausübt, als ein einzelnes Gefühl; er scheidet die Affekte nach der Qualität in Affekte der Lust und Unlust, nach der Intensität in schwache und starke, nach der Verlaufsform in plötzliche, allmählich ansteigende und intermittierende. (
Wundt
, Grundriß d. Psychologie 1905, § 13.)
Die Befreiung von Affekten kann einerseits dadurch geschehen, daß man die Anlässe dazu wirklich oder in der Vorstellung des Menschen beseitigt, oder anderseits dadurch, daß der Mensch sich selbst zwingt und überwindet. Ist z. B. jemand in Zorn, so pflegt der Affekt sich zu lösen, wenn man ihm den Gegenstand, der ihn dazu reizt, aus den Augen oder aus dem Sinn schafft und indem man ihn mit anderen Vorstellungen lebhaft beschäftigt. Die Befreiung von den Affekten durch Selbstüberwindung ist die ethische Grundforderung Spinozas.
Die Bestimmung des Begriffs der Affekte hat vielfach geschwankt. Bald sind die Affekte enger nur als Gemütsbewegungen gefaßt worden, bald sind sie weiter auch als Willensvorgänge gedacht, bald sind sie als vorübergehende Zustände, bald auch als dauernde Zustände definiert und dann mit den Leidenschaften (s. d.) vermischt worden. Vielfach greift die Erörterung über die Affekte in die Ethik ein. Die
Kyrenaiker
(im 4. Jhrh. v. Chr.) unterschieden zwei Affekte (
pathê
), nämlich
ponos
und
hêdonê
, Unlust und Lust, und sahen in jener eine reißende, in dieser eine sanfte Bewegung (
Kyrênaikoi – dyo pathê hyphistanto, ponon kai hêdonên; tên men leian kinêsin, tên hêdonên; ton de ponon tracheian kinêsin
Diog. Laert II, 8 § 86.) Die Lust ist nach Aristippos' (um 435-355) Lehre das Ziel des Lebens.
Aristoteles
(384-322) definiert die Affekte als seelische Vorgänge, die mit Lust oder Unlust verbunden sind (
legô de pathê – hois hepetai hêdonê ê lypê
. Eth. Nicom. II 4 p. 1105b 21-23). Er zählt folgende Affekte auf:
epithymia
(Begierde),
orgê
(Zorn),
phobos
(Furcht),
thrasos
(Mut),
phthonos
(Neid),
chara
(Freude),
philia
(Freundschaft),
misos
(Haß),
pothos
(Sehnsucht),
zêlos
(Eifer),
eleos
(Mitleid). Er ist sich aber auch bewußt, daß diese Seelenvorgänge mit körperlichen verbunden sind (
eoike de kai ta tês psychês pathê panta einai meta sômatos
) und führt als Beispiele solcher seelisch-körperlichen Vorgänge
thymos
(Erregung),
praotês
(Sanftmut),
phobos
(Furcht),
eleos
(Mitleid),
thrasos
(Mut),
to philein
(Liebe),
to misein
(Haß) an (De anim. Ip. 403 a 16-18).
Die
Stoiker
sahen von Zenon (350-258) ab in den Affekten vernunftlose und naturwidrige Gemütsbewegungen oder das Maß überschreitende Triebe. (
'Esti de auto to pathos, kata Zênôna, hê alogos kai para physin psychês kinêsis ê hormê pleonazousa
Diog. Laert. VII, 63 § 110). Sie entspringen aus Fehlern des Urteils, aus falschen Meinungen über gegenwärtige oder zukünftige Güter und Übel. Aus der falschen Meinung über gegenwärtige Güter entspringt die Lust (
hêdonê
), über zukünftige die Begierde (
epithymia
); aus der falschen Meinung über gegenwärtige Übel entspringt die Bekümmernis (
lypê
),über zukünftige die Furcht
(phobos) tou pathous – prôta – einai – tessara, epithymian, phobon, lypên, hêdonên. epithymian men oun kai phobon proêgeisthai, tên men pros to phainomenon agathon, tên de pros to phainomenon kakon. epigignesthai de toutois hêdonên kai lypên, hêdonên men hotan tynchanômen hôn epithymoumen ê ekphygômen, ha ephoboumetha, lypên de hotan apotynchanômen hôn epithymoumen ê peripesômen, hois ephoboumetha.
(Stobaios Eclog. II, 166-168). Die Tugend wird nur erlangt durch Überwindung der Affekte.
Von den neueren Philosophen versteht
Descartes
(1596-1650) unter den Affekten (passiones) Vorstellungen oder Empfindungen oder Erregtheiten der Seele, die man nur auf sie selbst bezieht und die durch gewisse Bewegungen der Lebensgeister bewirkt, unterhalten und verstärkt werden (Pass. anim. I, 27). Er unterscheidet sechs Grundaffekte: Bewunderung, Liebe, Haß, Verlangen, Freude, Traurigkeit. –
Spinoza
(1632-1677) nimmt als Grundaffekte nur die drei: Verlangen, Freude, Traurigkeit an und gründet auf die Lehre von den Affekten seine Ethik. Er versteht unter den Affekten Zustände des Körpers, durch welche die Fähigkeit desselben zu handeln vermehrt oder vermindert, gefördert oder eingeschränkt wird, und zugleich die Ideen dieser Zustände (corporis affectiones quibus ipsius corporis agendi potentia augetur vel minuitur, iuvatur vel coërcetur, et simul harum affectionum ideas Eth. III, 3). Der den Affekten unterworfene Mensch ist unfrei. Der über die Affekte siegende Mensch ist frei. Diese Befreiung erfolgt durch die wahre Erkenntnis der Affekte, die in die intellektuelle Gottesliebe ausmündet (Eth. III – V). Kants und Wundts Einteilung der Affekte ist bereits berührt. Vgl.
Lotze
, Medizinische Psychologie, S. 441f.,
Waitz
, Psychologie § 44,
Feuchtersleben
, Diätetik der Seele VI – VIII,
Wundt
, Grundz. d. phys. Psych. II, 404 ff. Bain, the emotions and the will 1859,
Ribot
, psychologie des sentiments 1896. Essai sur les passions Paris 1907.
Affektation / Affektiertheit
Affektation
(lat. affectatio) oder
Affektiertheit
ist die Ziererei in Reden und Handlungen, welche den Schein von Gefühlen zu erwecken sucht, die man gar nicht besitzt. Vgl. Anmut.
Affektion / Affektionspreis
Affektion
(lat. affectio) heißt Zuneigung;
Affektionspreis
(pretium affectionis) ist der Wert, den wir einer Sache oder Leistung mit Rücksicht auf das Gefühl des Besitzers oder Leistenden beilegen. Der Gegensatz dazu ist entweder der
Marktpreis
oder der
objektive Wert
(vera rei aestimatio). Diese drei Werte stehen natürlich oft im Widerspruch. So kann z. B. eine objektiv und im Marktpreise ganz wertlose Tasse, die wir von einem Verwandten ererbt haben, für uns einen großen Affektionswert haben, oder es können alte Bücher und Kunstwerke einen viel höheren Marktpreis als objektiven Wert haben. Im weiteren Sinne können alle Dinge einen Affektionspreis besitzen, insofern sie jeder verschieden hochschätzt.
Kant
(1724-1804) definiert Affektionspreis als »Äquivalent für ein Ding, das einem gewissen Geschmacke gemäß ist«. –
Affektion
heißt auch Zustandsänderung. So reden wir z. B. von einer Gemütsaffektion, Sinnesaffektion.
Affektlosigkeit
Affektlosigkeit
bedeutet soviel als Gemütsruhe, Freiheit von Affekten (s. d.). Vgl. Apathie.
Affenliebe
Affenliebe
ist die blinde Zärtlichkeit der Eltern gegen ihre Kinder, welche deren Fehler übersieht, ableugnet und ihnen schadet.
Affinität
Affinität
(lat. affinitas) heißt Verwandtschaft.
Logische
Affinität ist das Verhältnis der Begriffe oder Urteile, welche
nicht wesentliche
Merkmale gemein haben, z. B. rote Rose und rote Mütze. Der Gegensatz zu solchen
affinen
Begriffen sind die
kognaten
. Denn
Kognation
findet zwischen den durch
wesentliche
Merkmale verbundenen statt, z. B. Rose, Tulpe, welche beide als Organismen gedacht werden müssen. –
Psychologische
Affinität heißt die Ähnlichkeit von Vorstellungen, insofern auf derselben die Assoziation beruht.
affirmativ
affirmativ
(lat. affirmativus), bejahend, heißt ein Urteil, welches einem Subjekt irgend ein Prädikat beilegt (S ist P).
Negativ
dagegen heißt ein Urteil, das einem Subjekt ein Prädikat abspricht (S ist nicht P). Diese wesentliche Eigenschaft eines Urteils heißt seine
Qualität
. Affirmation ist also eine Art der Urteilsqualität. Die Bejahung (Affirmation) kann entweder auf den ganzen Umfang des Subjekts gehen (alle S sind P) oder nur auf einen Teil (einige S sind P). Diese Eigenschaft heißt die
Quantität
eines Urteils. Vgl. Urteilsformen. Verneinung.
affizieren
affizieren
(lat. afficio) heißt eine Zustandsänderung herbeiführen, Eindruck machen, zunächst auf die Sinne, dann auf die Seele des Menschen überhaupt.
Agathobiotik
Agathobiotik
(aus d. Griech. geb.) heißt Diätetik (s. d.).
Agathologie
Agathologie
(gr.) heißt die Lehre vom Guten oder von den Gütern; sie ist ein Teil der Ethik, welche gewöhnlich in die Lehre von den Pflichten, Tugenden und Gütern eingeteilt wird. Vgl. A.
Döring
, Philos. Güterlehre, Berlin 1888.
Agens
Agens
(lat., Plural: Agentien) heißt jedes Ding, sofern es sich betätigt, also eine Wirkung ausübt.
Ageusie / Ageustie
Ageusie
(aus d. Griech.) heißt Stumpfheit des Geschmacksorgans,
Ageustie
(gr.
ageustia
) heißt Nüchternheit.
Agglomerat
Agglomerat
(vom lat. agglomerare = zusammenknäueln) heißt ein nur äußerlich zusammengeballtes Ganzes; sein Gegensatz ist: Organismus (s. d.).
Agglutination
Agglutination
(lat. von agglutinare = anleimen, Verleimung) der Vorstellungen nennt
Wundt
(geb. 1832) die erste Stufe apperceptiver (siehe da) Verbindung, bei welcher wir uns der Bestandteile des Verbundenen wie z. B. bei der Vorstellung eines Kirchturms bewußt sind, aber aus denselben eine resultierende Vorstellung gebildet haben. Siehe Wundt, Grundz. der phys. Psychol. II S. 385. Vgl. Sprache.
Aggregat
Aggregat
(franz.) heißt ein durch die bloße Ansammlung seiner Teile entstandenes Ganzes, z. B. ein Haufen Getreide. Eine Erkenntnis, deren Teile nicht organisch miteinander verbunden sind, bildet dementsprechend ein bloßes Aggregat von Notizen. Die Physik unterscheidet nach der Größe der Kohäsion der Teile eines Körpers drei verschiedene
Aggregatzustände
(Formarten)
der Körper: den festen, tropfbar-flüssigen und luftförmigen. Vgl.
Ostwald
, Vorles. üb. Naturphil. Leipz. 1905 S. 200.
Agnosie
Agnosie
(gr.
hagnôsia
) heißt Unwissenheit. Bei Sokrates erscheint die Agnosie, ausgedrückt durch den Satz: »Ich bin mir bewußt, daß ich in keinerlei Weise wissend bin«, als Ausgangspunkt des Forschens. (Plat. Ap. 21 B
egô – oute mega, oute smikron xynoida emautô sophos ôn
.) Bei den Neuplatonikern und Skeptikern ist die Agnosie das Endergebnis ihrer theoretischen Philosophie.
Agnostiker
Agnostiker
(engl. agnostic) heißt seit
Huxley
(1825-1895) derjenige, welcher über die letzten Gründe alles Seins nichts zu wissen wünscht oder nichts behauptet, also alle transscendentalen Fragen ablehnt. Huxley, H. Spencer und Ch. Darwin z. B. bezeichneten sich so. Vgl.
Grosse
, H. Spencers Lehre von dem Unerkennbaren 1890. Auch Du Bois-Reymonds Standpunkt metaphysischen Fragen gegenüber, der durch die Worte »Ignoramus, Ignorabimus« ausgedrückt ist, ist der des
Agnostizismus
(»Über die Grenzen der Naturerkenntnis« 1872. Die sieben Welträtsel 1882). R. Flint, Agnosticism. 1903. Vgl. Eucken, Geistige Strömungen der Gegenwart 1904, S. 378. Raoul Richter, Der Skeptizismus in der Philosophie, Leipzig 1904.
Agoraphobie
Agoraphobie
(aus dem Gr. von
agora
= Markt und
phobos
Furcht), Platzfurcht, heißt eine Form der Nervosität, welche die damit behaftete Person unfähig macht, einen offenen Platz zu überschreiten.
Agraphie
Agraphie
(aus dem Gr. von
a
= nicht und
graphein
= schreiben), heißt das Unvermögen, infolge von Gehirnkrankheit einen Gedanken schriftlich auszudrücken. Siehe Aphasie.
Agrikultursystem
Agrikultursystem
(Physiokratismus) ist diejenige volkswirtschaftliche Theorie, welche in der Ausbeutung des Bodens die einzige Quelle des Nationalwohlstandes sieht. Diese Lehre vertrat schon J. Locke (1632-1704); doch erst Frz.
Quesnay
(1694-1774) hat 1758 in seinem »Tableau économique« die Theorie ausführlich entwickelt. Ihre Anhänger bezeichneten sich auch als Ökonomisten oder Physiokraten; auch Turgot (1727-1781) gehört zu ihnen.
Ahnung
Ahnung
ist die dunkle, auf (objektiv oder subjektiv) unbewußte Gründe gestützte Vorempfindung von etwas Zukünftigem. Sie entspringt entweder einem unwillkürlichen Analogieschluß (s. d.) oder einer Gemütsstimmung. Aus solchen Ahnungen läßt sich mithin wohl auf die subjektive Verfassung des betreffenden Menschen ein Schluß machen, dagegen durchaus nicht auf die Zukunft selbst und den Eintritt des Geahnten. Aber weil der Mensch unter den vielen Möglichkeiten bisweilen auch die wirklich später eintretende sich vorstellte, so ist der Glaube an die Wahrheit und Bedeutung von Ahnungen uralt und volkstümlich.
Jacobi
und
Fries
haben dem begrifflichen Wissen die Ahnung entgegengesetzt als die nur aus Gefühlen stammende Überzeugung von der Realität übersinnlicher Ideale.
Ahriman / Ahuramazda
Ahriman
und
Ahuramazda
sind die Gottheiten des Bösen und des Guten in der persischen Religionslehre des Zoroaster.
Akademie
Akademie
(gr.
Akadêmeia
) heißt zunächst der Hain des Heros Akademos, 6 Stadien von Athen am Kephissos, dann die Schule des
Platon
(427-347), der dort seine Anhänger um sich versammelte. Die
ältere
, die
erste
Akademie (Platon, Speusippos, Xenokrates, Heraklides der Pontiker, Philippos von Opunt, Polemon, Krates, Krantor) war dogmatisch (s. d.), die
mittlere
, die
zweite
(Arkesilaos) und die
dritte
(Karneades) dagegen skeptisch, während die neuere Akademie, die
vierte
, die des Philon von Larissa, wieder dogmatisch wurde, und endlich die
fünfte
, die des Antiochos von Askalon, die platonische Philosophie mit der aristotelischen und stoischen verband. In der Renaissancezeit gründete Cosmus von Medici auf Anregung des
Georgios Gemistos Plethon
aus Konstantinopel (geb. um 1355, gest. 1452 in Florenz), eine platonische Akademie, deren erster Vorsteher
Marsilius Ficinus
(1433-1499) war. In der Neuzeit sind Akademien zur Förderung der Wissenschaft in vielen Staaten begründet worden.
Akatalepsie
Akatalepsie
(gr.
akatalêpsia
), Unbegreiflichkeit oder Aphasie (gr.
aphasia
) oder Epoche (gr.
epochê
) ist die Bezeichnung für die Annahme der skeptischen Richtung unter den Akademikern, es lasse sich das Wesen der Dinge nicht begreifen und aussprechen, und wir müßten mit unserm Urteil zurückhalten. Diog. Laert. IX, 11, § 107. Vgl.
Aphasie, Epoche, Aoristie
.
Akataphasie
Akataphasie
(aus dem Griech. gebildet) heißt das durch Hirnkrankheit veranlaßte Unvermögen, Sätze grammatisch zu formen.
Akosmismus
Akosmismus
(aus dem Gr. gebildet), Weltlosigkeit, Leugnung der Welt, kann man sowohl den
Pantheismus
nennen, wenn er das All ganz in Gott aufgehen läßt (Eleaten, Spinoza), während er im umgekehrten Falle zum
Atheismus
wird, als auch den
absoluten Idealismus
, der die Realität der Außenwelt leugnet (Fichte), als auch endlich den
Spiritualismus
, der alles körperliche als Produkt des Geistes ansieht (Berkeley).
Akribie
Akribie
(gr.
akribeia
) heißt Genauigkeit, Sorgfalt in der Forschung und Untersuchung.
Akrisie
Akrisie
(gr.
akrisia
) heißt Mangel an Urteil oder Prüfung.
akroamatisch
akroamatisch
(gr.
akroamatikos
), eigtl. das Hörbare, das zum Anhören Eingerichtete heißt 1) die geheime (esoterische), nur den Eingeweihten mündlich mitzuteilende Lehre oder 2) die wissenschaftliche Lehre im Gegensatz zur populären, oder 3) diejenige Lehrform, bei welcher der Schüler nur hört, nicht, wie bei der erotematischen oder sokratischen, auch gefragt wird. Der Ausdruck stammt von den philosophischen Schriften des Aristoteles her.
Akrotismus
Akrotismus
(aus d.
akrotês
= das Äußerste, das Extrem gebildet) heißt das Streben nach dem Höchsten, die Erforschung der letzten Dinge.
albern
albern
nennt man im Neuhochdeutschen alles einfältige, kindische, unweise Denken, Reden und Handeln. Albernheit ist ein Zeichen entweder von Unreife oder von Narrheit. Ursprünglich bezeichnet das Wort dagegen das offene, natürliche, gütige, freundliche Wesen (ahd. alawâri, mhd. alwaere). Die Romantiker haben das Wort vergeblich wieder zu Ehren zu bringen versucht, nachdem es in der Neuzeit seine üble Bedeutung angenommen hat.
Alethophile
Alethophile
(gr.) oder Philalethes heißt der Wahrheitsfreund.
Alexandriner
Alexandriner
oder
jüdisch-griechische
Philosophen heißen diejenigen Philosophen, welche in Alexandria vom zweiten Jahrh. v. Chr. ab jüdische Theologie und griechische Philosophie miteinander verknüpften. Zu ihnen gehören
Aristobulos
um 160 v. Chr.,
Philon Iudaeus
um 20 v. Chr. bis 45 n. Chr. Man wirft ihnen Synkretismus (s. d.) vor.
Alexandrinismus
Alexandrinismus
. Siehe Averroismus.
Alexie
Alexie
(aus dem Gr. geb.
a
= nicht und
legein
= sagen) heißt die Unfähigkeit zu lesen, die meist Folge von Hirnerkrankung ist.
Algorithmus
Algorithmus
(arab. = Rechenbuch) ist zunächst der Personenname des Arabers Muhammed Ibn Musa
Alchwarizoni
, dessen Rechenbuch (Anf. des IX. Jahrh.) im Westen durch Übersetzungen verbreitet wurde. Er nahm in den lateinischen Übersetzungen des Buches die Form
Algorithmi
an. Später verstand man unter Algorithmus ein Rechenbuch oder die Rechenkunst. – Das Rechenbuch des Alchwarizoni vermittelte dem Abendland die Kenntnis der Null und des indisch-arabischen Rechnens. Es bildete sich daher im 12ten Jahrh. eine Schule der
Algorithmiker
, die den Sieg über die von Papst
Gerbert
(Sylvester II., 940-1003) herstammende Schule der
Abacisten
(von abacus = Rechenbrett) davontrug. – Unter
logischem Algorithmus
versteht man jetzt die in der Gegenwart eifrig betriebenen Versuche, die logischen Operationen durch ein besonderes Zeichensystem und Rechnungsverfahren zu ersetzen. Vertreter dieser Bestrebungen sind in Deutschland vor allem Schroeder, in England Mc-Coll, in Amerika Peirce, in Italien Peano u. a. Vgl.
Reinaud
, Mémoire géographique etc. sur l'Inde. Paris 1849.
Tropfke
, Gesch. d. Elementarmathematik. Leipzig 1902/3. Teil I S. 13 u. 14.
Alienation
Alienation
(lat. alienatio = Entfernung, Entäußerung) heißt die Geisteszerrüttung. Vgl. Abalienation.
alieni
alieni
iuris homo heißt ein Mensch von rechtlicher Unselbständigkeit; Gegensatz ist: sui iuris homo.
aliis ne feceris, quod tibi fieri non vis
aliis ne feceris, quod tibi fieri non vis
(lat.) heißt: Was du nicht willst, daß man dir tu', das füg' auch keinem andern zu; dieser Satz ist ein sehr einfaches und vielfach brauchbares Moralprinzip, welches schon im Neuen Testament Matth. 7,12 steht.
aliud sceptrum, aliud plectrum
aliud sceptrum, aliud plectrum
heißt: Scepter und Zither sind nicht ein und dasselbe. Der Satz bedeutet: jede Beschäftigung, jeder Stand erfordert besondere Fähigkeiten.
All
All
oder Universum (lat.) ist der Inbegriff aller Dinge. Im Griechischen heißt All: pan (
pan
), daher nennen wir die Auffassung, welche das
All-Eine
(
hen kai pan
) als Gott setzt,
Pantheismus
(s. d.). Aristoteles Metaph. IV, 26 1024 a 1-3 nennt
All
(
pan
) ein Quantum mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende, bei dem die Stellung der Teile keinen Unterschied ausmacht, dagegen
ganz
(
holon
) ein solches Quantum, bei dem die Stellung der Teile einen Unterschied ausmacht (
tou posou echontos archên kai meson eschaton, hosôn men mê poiei hê thesis diaphoran, pan legetai, hosôn de poiei, holon
).
Allegorie
Allegorie
(gr.
allêgoria
Andersreden, bildliche Redeweise) ist im engeren Sinne die sprachliche Darstellung eines Gegenstandes oder Vorgangs durch einen sinnfälligen anderen, im weiteren Sinne überhaupt ein Bild, welches sich selber zeigt, aber auch zugleich ein anderes Sinnfälliges oder Gedankenhaftes darstellt. Die nicht nachahmenden Künste, Musik und Architektur, sind keiner Allegorie fähig, wohl aber die nachahmenden, die Bildhauerkunst, die Malerei und vor allem die Poesie. Der poetische allegorische Ausdruck heißt auch bildliche Redeweise, Metapher. Die Poesie verwendet zu ihrem Ausdruck vergleichende anthropomorphe und personifizierende Allegorien; die vergleichende Allegorie vertauscht ähnliche Gegenstände derselben Art, die anthropomorphe verkörpert Geistiges, die personifizierende stellt Körperliches persönlich dar. Allegorische Dichtungsarten sind die Fabel und die Parabel.
allegorische Auslegung
allegorische Auslegung
ist die Methode, die Bibel so auszulegen, daß den der religiösen Auffassung einer späteren Zeit, als die Entstehungszeit der biblischen Schrift ist, widersprechenden Stellen ein anderer Sinn untergelegt wird; dabei wird aber natürlich die grammatisch-historische Methode verletzt. Aus übertriebener Ehrfurcht vor dem Buchstaben und dem historisch Gegebenen und aus Willkür entspringend, verfällt die allegorische Auslegung in Willkür und Gewaltsamkeit.
Alleinheitslehre
Alleinheitslehre
, s. Pantheismus, Monismus.
Alleinherrschaft
Alleinherrschaft
, s. Staatsverfassung.
Allgegenwart
Allgegenwart
(omnipraesentia) bezeichnet in der christlichen Dogmatik diejenige göttliche Eigenschaft, daß Gott an jedem Orte zugleich ist. Sie wird zu den operativen oder transeunten Eigenschaften Gottes gerechnet, die das Bestehen der Welt voraussetzen, und wird bald zu der Allmacht, bald zu der Allwissenheit in Beziehung gesetzt. Nach Schleiermacher ist Gott durch seine Allgegenwart die alles Räumliche und den Raum selbst bedingende Ursächlichkeit. Vgl. Allmacht.
allgemein
allgemein
(universal oder generell) heißt dasjenige, welches einer Gesamtheit von Gegenständen in gleicher Weise zukommt; das Allgemeine ist also je nach dem Umfang der Gesamtheit das der Art oder das der Gattung Angehörige. Sein Gegensatz ist das
Besondere
und in letzter Linie das
Einzelne
. Der Allgemeinbegriff (Klassenbegriff) faßt die Merkmale zusammen, welche einer Gesamtheit von Gegenständen zukommen, z. B. Fisch. Sein Gegensatz ist der Sonderbegriff der
Einzelbegriff
, der die Merkmale des Individuums enthält, z. B. der Brocken, der Kohinor, Sokrates. Die Allgemeinheit bildet eine Stufenfolge der Begriffe, in der immer der eine Begriff allgemeiner ist als der andere. Weil dem weniger allgemeinen Begriff gewisse Merkmale eigentümlich sind, die der mehr allgemeine Begriff nicht enthält, kann man weder vom Einzelnen noch vom Besonderen aufs Allgemeine schließen, sondern nur umgekehrt. Was von Sokrates gilt, gilt keineswegs von jedem Athener. Aber was von allen Athenern gilt, gilt auch von Sokrates.
Platon
(427-347) und
Aristoteles
(384-322) schrieben dem Allgemeinen einen höheren Wert zu als dem Besonderen und Einzelnen; aber Platon lieh dem Allgemeinen gesonderte Existenz, Aristoteles suchte das Allgemeine im Einzelnen. Über den Streit der
Scholastiker
um die Universalien vgl. Universalien, Nominalismus, Conceptualismus, Realismus.
Allgenugsamkeit
Allgenugsamkeit
(Aseïtät) bezeichnet in der christlichen Dogmatik Gottes völlige Unabhängigkeit von der Welt; Gott ist nur von sich (a se) abhängig.
Allheit
Allheit
(Totalität) heißt eine Vielheit von Gegenständen, sofern sie als Einheit gedacht wird und neben ihr gleichartige Gegenstände nicht vorhanden sind, z. B. Volk, Menschheit, Welt.
Kant
(1724-1804) erklärt: Allheit ist »nichts anderes als die Vielheit als Einheit betrachtet« (Kr. d. r. V., II. Aufl., S. 111). Diese Erklärung bedarf des obigen einschränkenden Zusatzes.
Allmacht
Allmacht
(omnipotentia) bedeutet in der christlichen Dogmatik das unbeschränkte Können Gottes. Nach
Schleiermacher
(1768-1834) faßt die Allmacht Gottes sich in den Sätzen zusammen: 1. Alles was ist und geschieht, kommt von Gott; 2. Alles was in Gott ist, wird verwirklicht. Gott ist also nach Umfang und Intensität absolute allwirksame Ursächlichkeit.
Allotriologie
Allotriologie
(vom gr.
allotriologeô
= Fremdes reden) heißt die Einmischung fremder Dinge in einen Vortrag; dies kann ein dialektischer Kunstgriff, aber auch ein Akt der Zerstreutheit oder der Zerfahrenheit sein.
Allsinn
Allsinn
nannte die Identitätsphilosophie
Schellings
(1775-1854) die Einheit von innerem und äußerem Sinne; der Allsinn sollte, über die Formen der Zeit und des Raumes hinausgerückt, eine unmittelbare Erkenntnis des allgemeinen Lebens der Dinge gewähren. Er sollte zwar eines besonderen Organs entbehren, aber doch als Komplement der Vernunft, Verstand und Anschauung in sich vereinigen, weswegen er auch »anschauender Verstand« genannt wurde. G. M.
Klein
, Anschauungs- und Denklehre. Bamberg 1824. § 77. Schon bei Kant kommt die Idee eines intuitiven Verstandes vor, aber nur im Gegensatz zum menschlichen und nur problematisch gedacht.
Allweisheit
Allweisheit
heißt in der christlichen Dogmatik die vollkommene Verbindung des Wissens und Wollens in Gott.
Schleiermacher
(1768-1834) bestimmt sie als Vollkommenheit der Liebe.
Allwissenheit
Allwissenheit
(lat. omniscientia) ist in der christlichen Dogmatik eine Eigenschaft Gottes, die
Schleiermacher
(1768-1834) als die schlechthinige Geistigkeit der Allmacht bestimmt.
Aloger
Aloger
(gr.
alogos
) hießen die Leugner der Logoslehre im 2. Jahrh.; auch die Socinianer im 17. Jahrh. hießen so, weil sie in Christus einen wirklichen Menschen sahen.
alogisch
alogisch
(gr.
alogos
) heißt unbegründet, unvernünftig.
altera pars Petri
altera pars Petri
(lat.) heißt der zweite Teil der Logik (Institutiones dialecticae) von
Petrus Ramus
(1515-72), welcher vom
Urteil
(de iudicio) handelt. Daher sagt man von einem beschränkten, urteillosen Menschen, ihm fehle die altera pars Petri. Die gewöhnlichere Ausdrucksweise, die auch Kant gebraucht, ist, es fehle an der
secunda Petri
. (Kant Kr. d. r. V. S. 134A).
alter ego
alter ego
(lat.), zweites Ich, ist eine Bezeichnung für den intimsten Freund.
Alteration
Alteration
(franz. altération = Verschlimmerung) heißt die Veränderung zum Schlechteren, die Gemütsaufregung;
alterieren
heißt ändern, verschlechtern, aufregen.
alternieren
alternieren
(lat. alternare), heißt sich ablösen, miteinander wechseln; die
Alternative
ist die (peinliche) Wahl zwischen zwei Dingen;
alternative Urteile
sind solche Urteile, die für einander gesetzt werden können, ohne daß der Sinn derselben sich ändert: z. B. Brutus hat Cäsar ermordet, oder Cäsar ist durch Brutus gefallen. Vgl. Subalternation.
Altruismus
Altruismus
(nlt. v. alter = der andere, vivre pour autrui) nennt A.
Comte
(1798-1857) die aus der Liebe zum Nächsten hervorgehende Denk- und Handlungsweise. Der Altruismus ist der Gegensatz zum
Egoismus
. Comte sieht in ihm die Moral der Zukunft, die als einziges sittliches Motiv des Handelns das Wohl des anderen anerkennen wird. Seit 1889 besteht in Nantes eine Altruisten-Gesellschaft. Auch H.
Spencer
(1820-1904) vertritt diesen Standpunkt, den übrigens schon die englischen Moralisten des 18. Jahrhunderts eingenommen haben. Ein anderer Name für dieselbe Richtung ist
Tuismus
(s. d.). Vgl. auch
Pluralismus
.
Alyta
Alyta
(gr.
alyta
), Unauflösliches, heißen sowohl im allgemeinen die menschlichem Scharfsinn trotzenden Welträtsel, als auch insbesondere die Fangschlüsse der
Megariker
(Euklides von Megara, Eubulides, Alexinos im 4. Jahrh. v. Chr.), die dadurch unauflöslich wurden, daß man auf jede Frage nur mit Ja oder Nein antworten durfte. Solche Fangschlüsse sind:
der Lügner, der Versteckte oder der Verhüllte, die Elektra, der Kornhaufe, der Gehörnte, der Kahlkopf
. (Siehe unter den einzelnen Artikeln.)
a maiori ad minus
a maiori ad minus
(lat.), vom Größeren läßt sich aufs Kleinere schließen, ist eine gültige Schlußregel; aber es gilt nicht die umgekehrte Regel a minori ad maius.
Amentie
Amentie
(lat. amentia) heißt Sinnlosigkeit, Blödsinn.
amethodisch
amethodisch
(gr.
amethodos
) heißt ohne Ordnung, ohne Weg, ohne Plan, ohne Ziel.
Ambiguität
Ambiguität
(lat. ambiguitas) heißt diejenige Zweideutigkeit, welche logisch durch unklare Begriffe oder falsch angewendete Worte entsteht.
Amnesie / Amnestie
Amnesie
(aus dem Gr. geb.) heißt die Nichterinnerung, Gedächtnisschwäche, während
Amnestie
(gr.
amnêstia
) das absichtliche Vergessen oder Verzeihen, die Straferlassung, ist.
Amnestik
Amnestik
(aus dem Gr. geb. von
amnêstos
= vergessen) heißt die Kunst des Vergessens; sie besteht darin, daß man seine Gedanken energisch von der betreffenden Sache ab- und einer andern zuwendet. Vgl. Mnemonik.
Amphibolie
Amphibolie
(gr.
amphibolia
) heißt allgemein Zweideutigkeit. Diese kann entweder beabsichtigt sein, wie bei Orakeln, Witzen u. dgl., oder aus Versehen, durch Verwechslung der Begriffe entstehn. –
Amphibolie der Reflexionsbegriffe
nennt
Kant
(1724-1804) in der Kr. d. r. V. S. 260-292 die Verwechslung der reinen Verstandesbegriffe mit den Erscheinungen, die Verwechslung des transscendentalen Verstandesgebrauchs mit dem empirischen, er führt aus, daß Leibniz, der die Sinnlichkeit nur für eine verworrene Vorstellungsart hielt, sich dieser Verwechselung schuldig gemacht habe, indem er alle Dinge nur als Verstandesobjekte ansah und so begriffliche Einerleiheit für numerische Identität der Erscheinungen nahm, Einstimmung der Begriffamjilogiae als Beweis des Nichtvorhandenseins des realen Widerstreites ansah, die Dinge, indem er ihnen alle äußere Relation absprach, zu Monaden mit inneren Vorstellungskräften machte und Raum und Zeit nur zu einem Verhältnis der Substanzen herabsetzte, mit einem Worte Inneres und Äußeres, Materie und Form verwechselte und die Erscheinungen intellektualisierte.
Amphilogie
Amphilogie
(gr.
amphilogia
) heißt Streit, Wortstreit, Widerspruch.
Amusie
Amusie
(gr.
amousia
) heißt Mangel an Kunstsinn und Bildung;
amusisch
heißt ungebildet.
Anaeresis
Anaeresis
(gr.
anhairesis
) heißt Wegräumung der Einwände, Widerlegung des Gegners.
Anästhesie
Anästhesie
(gr.
anaisthêsia
) heißt Unempfindlichkeit, Gefühllosigkeit, Stumpfsinn. Als Krankheit beruht sie auf der völligen oder partiellen Lähmung der Empfindungsnerven.
Anagke
Anagke
(gr.
anankê
, sprich Anangke) heißt Schicksal. Siehe unter Schicksal.
Anagoge
Anagoge
(gr.
anagôgê
), eig. Hinaufführung, ist eine Art sinnbildlicher Schriftauslegung, welche, die buchstäbliche Deutung verschmähend, überall Höheres, Himmlisches in derselben ausgesprochen findet. Solche Anagoge trieb z. B. der Alexandriner
Philon
(20 v. Chr. bis 45 n. Chr.).
Analgesie
Analgesie
(gr.
analgêsia
) heißt Schmerzlosigkeit, Unempfindlichkeit.
Analogie
Analogie
(gr.
analogia
) heißt Ähnlichkeit, Übereinstimmung in den Verhältnissen. Der Gegensatz ist
Anomalie
d. i. Regellosigkeit (s. d.). Im Altertum ward, seitdem die grammatische Wissenschaft entstanden war, heftig darüber gestritten, ob Analogie in den Sprachbildungen zu finden sei, oder ob dieselben nur Unregelmäßigkeiten zeigen. Für die Analogie trat namentlich Aristarch von Samothrake (um 170 v. Chr.), für die Anomalie die ganze Schar der
Stoiker
und vor allem
Krates
von Mallos (2. Jahrh. v. Chr.) ein.
Analogieschluß
Analogieschluß
(lat. ratiocinatio per analogiam oder argumentatio analogica) heißt ein Schluß, der aus der Ähnlichkeit zweier Dinge in dieser und jener Hinsicht auf ihre Ähnlichkeit überhaupt schließt; man schließt dabei: Dinge, die in mehreren Stücken übereinstimmen (analog sind), werden auch in den anderen und so auch in allen übereinstimmen (analog sein). So schloß
Kepler
(1571-1630) aus der elliptischen Bahn des Mars, daß alle ihm ähnlichen Planeten ebensolche haben. Die Form des analogischen Schlusses ist:
A ist = a, b, c... n
B ist = A in a und b
---------------------------
B ist = A auch in c, d ... n.
Es leuchtet ein, daß die Analogieschlüsse ziemlich unsicher sind, besonders wenn die analogen Merkmale unwesentlich sind. Vgl. Induktion.
Analogien der Erfahrung
Analogien der Erfahrung
heißen bei
Kant
(1724 bis 1804) die Grundsätze des Verstandes, welche aussprechen, wie aus Wahrnehmungen Einheit der Erfahrung entspringt. Der allgemeine Grundsatz derselben ist: Alle Erscheinungen stehen ihrem Dasein nach a priori unter Regeln der Bestimmung ihres Verhältnisses untereinander in einer Zeit. Da Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein die drei Modi der Zeit sind, so zerlegt sich der allgemeine Satz in folgende drei: 1. Alle Erscheinungen enthalten das Beharrliche (Substanz) als den Gegenstand selbst und das Wandelbare als dessen bloße Bestimmung, d. i. eine Art, wie der Gegenstand existiert; 2. Alles was geschieht (anhebt zu sein), setzt etwas voraus, worauf es nach einer Regel folgt; 3. Alle Substanzen, sofern sie zugleich sind, stehen in durchgängiger Gemeinschaft (d. i. Wechselwirkung untereinander). – Mit diesen Analogien glaubte Kant den Humeschen Zweifel (vgl. Kausalität) überwunden zu haben. Er hat aber kaum mehr nachgewiesen, als daß diese Sätze ideale Forderungen der wissenschaftlichen Forschung sind (Vgl. E.
Laas
, Kants Analog, d. Erf. Berlin 1876).
Analogismus
Analogismus
(gr.
analogiomos
) heißt Schluß, Beweis aus Analogie.
Análogon rationis
Análogon rationis
(gr.-lat. = Vernunftähnliches) heißt nach
Leibniz
dasjenige am Tiere, was ihm mit dem Menschen gemein ist.
Leibniz
(1646-1746) sah in der Tierseele eine Monade gleich der menschlichen, die der deutlichen, von Gedächtnis begleiteten Vorstellung fähig ist; sie unterscheidet sich aber nach ihm von der des Menschen dadurch, daß an die Stelle der Einsicht in den vernünftigen Zusammenhang der Dinge die bloße Erwartung ähnlicher Fälle tritt (Monadologie 26. 28).
Analyse
Analyse
(gr.
analysis
), eig. Auflösung, heißt im Gegensatz zur Synthese die Zerlegung eines Begriffes in seine Merkmale, eines Ganzen in seine Teile. Demgemäß heißt, eine Definition eine
analytische Erklärung. – Ein analytisches Urteil
ist ein solches, in dem das Prädikat aus dem Begriffe des Subjekts unmittelbar hervorgeht, z. B. ein gleichseitiges Dreieck hat drei gleiche Seiten.
Synthetische Urteile
dagegen vermitteln die Verknüpfung von Subjekt und Prädikat erst durch ein anderes Urteil, z. B. ein gleichseitiges Dreieck hat drei gleiche Winkel. Diesen Unterschied hat zuerst der Megariker
Stilpon
(380-300 v. Chr.), dann
Dav. Hume
(1711-1776) berührt, endlich besonders
Kant
(1724-1804) hervorgehoben, der die analytischen Urteile auf den Satz der Identität zurückführte, für die synthetischen aber das Prinzip in der Möglichkeit der Erfahrung fand. Vgl. z. B. Prolegomona z. e. jeden künftigen Metaphysik. Riga 1783. S. 24 ff. »Allein Urteile mögen nun einen Ursprung haben, welchen sie wollen, – so gibt es doch einen Unterschied derselben, dem Inhalte nach, vermöge dessen sie entweder bloß
erläuternd
sind und zum Inhalte der Erkenntnis nichts hinzutun, oder
erweiternd
und die gegebene Erkenntnis vergrößern; die ersten werden
analytische
, die zweiten
synthetische
Urteile genannt werden können.« »Analytische Urteile sagen im Prädikate nichts, als das, was im Begriffe des Subjekts schon wirklich, obgleich nicht so klar und mit gleichem Bewußtsein gedacht war«, z. B. alle Körper sind ausgedehnt, »Dagegen enthält der Satz: einige Körper sind schwer, etwas im Prädikate was in dem allgemeinen Begriffe vom Körper nicht wirklich gedacht wird, er vergrößert also meine Erkenntnis.« – Aber der Unterschied der analytischen und synthetischen Urteile ist nur
logisch
und
erkenntnistheoretisch
ein feststehender,
psychologisch
dagegen ein schwankender; denn was für uns heute ein synthetisches Urteil ist, ist morgen ein analytisches, und was für den Laien ein synthetisches, ist für den Kenner einer Sache ein analytisches Urteil. – Die
analytische Methode
geht vom Besonderen zum Allgemeinen, von dem Bedingten zu den Prinzipien, von denen das Gegebene abhängt (regressus a principiatis ad principia), während die synthetische vom Allgemeinen und von den Prinzipien ausgeht. Jene heißt auch die regressive, heuristische, diese die progressive, didaktische. Den Regreß vom Bedingten zur Bedingung nennt
Kant
qualitative Analysis, quantitative den Regreß vom Ganzen auf die Teile. Vgl. Methode.
Analytik
Analytik
(von gr.
analytikos
) heißt bei
Aristoteles
(384 bis 322) der elementare Teil der Logik, der sich mit den Formen des erkennenden Denkens, mit Begriffen, Urteilen und Schlüssen beschäftigt. Er handelt vom reinen Denken, in dem die Gedanken nur aufeinander, nicht wie in der Metaphysik auf Außendinge bezogen werden. –
Kant
(1724-1804) nennt
transscendentale Analytik
die Zergliederung unserer gesamten Erkenntnisse zu dem Zwecke, die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis aufzusuchen. (Kr. d. r. V. S. 64-292.) Er scheidet sie in die
Analytik der Begriffe
, welche die Begriffe a priori aufsucht und ihre Möglichkeit erforscht (siehe Kategorien) und in die
Analytik der Grundsätze
, welche ein Kanon für die Urteilskraft sein soll, jene Verstandesbegriffe auf Erscheinungen anzuwenden.
Anamnese
Anamnese
(gr.
anamnêsis
) heißt Wiedererinnerung. Die Anamnese spielt in der Erkenntnislehre
Platons
(427-347) eine besondere Rolle. Die Erkenntnis der Wahrheit erfolgt nach seiner Auffassung durch Wiedererinnerung an ein früheres Leben. Die Seele erinnert sich beim Denken an das, was sie in einem früheren Dasein gewußt hat. Vgl. angeboren.
Anamnestik
Anamnestik
(von gr.
anamnêstikos
) heißt Erinnerungskunst, vgl. Mnemonik.
Andacht
Andacht
heißt eigentl. Aufmerksamkeit, dann Richtung unserer Gedanken auf göttliche Dinge.
Kant
definiert sie als »die Stimmung des Gemüts zur Empfänglichkeit gottergebener Gesinnungen«. Ein im 19. Jahrh. weit verbreitetes Werk war »Zschokkes Stunden der Andacht«. –
Andächtelei
ist die entweder gedankenlose oder heuchlerische Übung der Andacht.
Andromanie
Andromanie
(gr.
andromania
) (Nymphomanie) heißt Mannstollheit. Sie entsteht bei Frauen sowohl aus physischen Ursachen, wie infolge von Geisteserkrankung.
angeboren
angeboren
(lat. innatus) heißt im Gegensatze zu erworben, angelernt, alles, was der Mensch von Geburt an besitzt. Dies sind zunächst gewisse Triebe und Fähigkeiten. Die Philosophie hat aber auch vielfach bestimmte Ideen und Grundsätze für angeboren angesehen. Vertreter der Lehre von den angeborenen Ideen sind z. B.
Platon, Descartes, Malebranche, Spinoza
. Bekämpft hat die Lehre von den angeborenen Ideen, die man
Nativismus
(s. d.) nennt, vor allem
Locke
im I. Buche seines Essay concerning Human Understanding (1689). Modifiziert erscheint die Lehre von den angeborenen Ideen schon bei
Aristoteles
(384-322), der die allgemeinen Grundsätze und Begriffe nur dem Keime nach als in der Vernunft vorhanden annimmt, und bei
Leibniz
(1646-1716), der aus fertigen angeborenen Ideen vielmehr Anlagen die »virtuellement« gegeben sind, macht. Bei
Kant
(1724-1804) erscheint die Lehre von den angeborenen Ideen umgewandelt in die Lehre vom a priori. A priori heißt dasjenige, was aus reiner Vernunft und nicht aus der Erfahrung stammt, keineswegs aber dasjenige, was zeitlich vor der Erfahrung vorhanden ist. Ein Nativist ist also Kant, wie die Engländer vielfach fälschlich annehmen, nicht gewesen. –
Angeborene
Vorstellungen, Ideen, Grundsätze existieren in Wahrheit nicht; der ganze Vorrat unseres Bewußtseinsinhaltes entsteht in der Erfahrung: aber die Anlagen zu der Bewußtseinstätigkeit sind aus der Tätigkeit der vorausgegangenen Generationen entstanden und gehen durch Vererbung auf uns über. –
Angeborene
Rechte sind solche, die der Mensch mit seiner Geburt erhalten hat; dies sind teils
natürliche
(die sog. Menschenrechte), daß er z. B. lebe, frei sei usw., teils
konventionelle
, d. h. durch Übereinkunft ihm gegebene, z. B. daß das Kind seinen Vater beerbe u. dgl.
angemessen
angemessen
(adäquat) heißt eine
Definition
, wenn sie weder zu weit noch zu eng ist; dies erkennt man daran, daß sie sich sowohl einfach als auch durch Kontraposition umkehren läßt. So ist z. B. die Definition angemessen: Ein Dreieck ist eine dreiseitige Figur; denn man kann sagen: a) Jede dreiseitige Figur ist ein Dreieck und b) Nicht dreiseitige Figuren sind keine Dreiecke. Läßt sich irgend eine
Instanz
gegen eine Erklärung anführen, so ist diese unangemessen (inadäquat). So führte
Diogenes
(404-323) gegen Platons Definition, der Mensch sei ein zweibeiniges Tier ohne Federn, die Instanz eines gerupften Hahnes (vgl. Hahn des Diogenes) an. – Angemessen heißt ferner eine
Einteilung
, die weder zu viel noch zu wenig Glieder hat, und ein
Beweis
, welcher weder zu viel noch zu wenig beweist.
angenehm
angenehm
heißt alles, was uns Lust dadurch erregt, daß es
den Sinnen gefällt
, ohne daß es, wie das Schöne, einer geistigen Idee entspricht, oder, wie das Sittliche, gewollt wäre. Ob etwas angenehm oder unangenehm ist, entscheidet nur das Gefühl. Da nun dieses zwar im großen und ganzen bei allen Menschen gleich, in vieler Beziehung aber auch verschieden ist, so läßt sich keine allgemeine Regel über das Angenehme aufstellen (de gustibus non est disputandum). Ja, dasselbe erscheint demselben Menschen unter verschiedenen Verhältnissen anders, je nachdem er in Stimmung oder körperlicher Verfassung ist. Selbst Schmerz kann unter Umständen Lust bereiten, z. B. wenn wir ihn einer höheren Idee zuliebe ertragen, d. h. wenn die sinnliche Unlust durch seelische Lust aufgehoben wird. Von dem Angenehmen hat
Kant
(1724-1804) ausführlich in der Kr. d. Urteilskraft S. 7 ff. gehandelt. Ihm ist angenehm das, was den Sinnen in der Empfindung gefällt.
Angst
Angst
ist die Furcht in Verbindung mit dem Gefühle der Ohnmacht. Aus physischen oder psychischen Ursachen entspringend, übt sie auf den leiblichen und geistigen Menschen die heftigsten Wirkungen aus. Das Blut stockt, es drängt sich zum Herzen, die Muskeln werden schlaff, der Verstand wird betäubt, die Phantasie füllt sich mit trüben Bildern, der Wille fühlt sich gelähmt. Die Angst gehört zu den ortlosen inneren Gefühlen. Die sog. Todesangst beruht auf der zunehmenden Lähmung der Atmungsmuskeln und des Herzens.
animalisch
animalisch
(v. lat. animal = das Tier) heißt tierisch, den Tieren eigentümlich.
Animalische Funktionen
sind die dem Tierleben eigenen Tätigkeiten, die hauptsächlich von dem Vorhandensein eines Nervensystems abhängen, nämlich Empfindung, willkürliche Bewegung, Vorstellung und Bewußtsein; die
vegetativen Funktionen
dagegen, welche auch den Pflanzen zukommen, sind Wachstum und Ernährung. –
Animalität
heißt Tierheit.
Animismus
Animismus
(v. lat. animus = Seele) ist die
philosophische
Lehre G. E.
Stahls
(1660-1734), daß die denkende Seele Lebensprinzip jeder Tätigkeit im Körper sein, also auch z. B. das Wachstum desselben bewirken soll. Vgl. Lebenskraft. Mit dieser Lehre ist der Hylozoismus, Leibniz' Monadologie, der Vitalismus und v. Hartmanns Prinzip des Unbewußten verwandt. – In der
Anthropologie
bedeutet Animismus den Glauben der Naturvölker an seelische Kräfte da, wo es sich um Wirkungen handelt, die sie auf mechanische Ursachen zurückzuführen außer stande sind.
animós
animós
(lat. animosus) heißt leidenschaftlich erregt.
Animosität
Animosität
ist leidenschaftliche Stimmung.
animus
animus
(lat.) heißt die Absicht, z. B. animus nocendi, iniuriandi, die Absicht zu schaden, zu beleidigen. Vgl. Absicht, Zweck.
Anlage
Anlage
ist die angeborene Fähigkeit, welche durch Übung zur Fertigkeit werden kann. Über ihr Wesen sind zwei extreme Ansichten vorhanden.
Locke
(1632-1704) und
Beneke
(1798-1854) betrachten den Geist des Neugeborenen als eine leere Tafel (tabula rasa), auf die Erfahrung und Erziehung den Inhalt schreiben.
Origenes
(185-254),
Kant
(1724-1804) und
Schelling
(1775-1854)sind der Ansicht, die Seele sei durch einen Fall vor der Geburt so geworden, wie sie jetzt ist. Zwischen jenen Empirismus und diesen Mystizismus hat sich die genetische Betrachtungsweise gestellt, welche im geistleiblichen Organismus eine durch die Jahrtausende erworbene und vererbte Disposition zu gewissen Fertigkeiten erkennt, mag man sie materialistisch oder spiritualistisch erklären. Es ist wohl unleugbar, daß jeder Mensch schon durch sein Geschlecht, ferner durch seine Konstitution und sein Temperament, sodann durch das verschieden geartete Verhältnis der einzelnen Seelenkräfte und der vegetativen und animalen Funktionen untereinander besondere Anlagen mit auf die Welt bringt. Weil besonders Phantasie, Empfindung, Verstand oder Wille der Anlage nach verschieden stark angeboren zu sein pflegen, so kann man von Kind auf an den Menschen eine verschiedene Empfänglichkeit für Kunst, Wissenschaft, sittliche und praktische Tätigkeit beobachten. Ein höherer Grad von Anlage heißt
Talent
, der höchste:
Genie
. – Natürlich finden sich auch bei ganzen Familien und Völkern gewisse, durch Gewöhnung, Klima, Bodenbeschaffenheit und Vererbung befestigte Anlagen. Vgl. Instinkt, Nativismus, Vererbung.
anmaßend
anmaßend
ist derjenige, welcher durch sein Auftreten die Anerkennung seines nicht wirklichen, sondern nur vermeintlichen Verdienstes oder Vorrechtes zu fordern scheint.
Anmut
Anmut
ist nach
Schillers
Erklärung (Über Anmut und Würde 1793) die
Schönheit der Bewegung
. Sie steht im Gegensatz zu dem Begriff der
architektonischen Schönheit
. Diese ist die allein durch Naturkräfte bestimmte Schönheit und besteht z. B. in einem glücklichen Verhältnis der Glieder, fließenden Umrissen, lieblichem Teint, zarter Haut, feinem und freiem Wuchs, wohlklingender Stimme usw.; sie ist nicht Verdienst des Menschen. Jene dagegen ist persönliches Verdienst. Sie liegt in demjenigen, was bei den beabsichtigten Bewegungen unabsichtlich ist, sie entsteht nur da, wo es der Mensch im Besitze der Freiheit zu einer höheren sittlichen Fertigkeit gebracht hat, wo Pflicht und Neigung in ihm zusammenstimmen und dieses innere Verhältnis, das nur der schönen Seele zufällt, zur Erscheinung kommt, während
Würde
da in die Erscheinung tritt, wo die Pflicht über die Neigung herrscht. Studierte Anmut aber ist
Ziererei
. – Die
neuere Ästhetik
versteht unter Anmut vielfach auch einen
milderen Grad der Schönheit
.
Annahme
Annahme
bedeutet in der Logik den Untersatz (vgl. Schluß) eines Schlusses (propositio minor oder assumptio), allgemeiner die Voraussetzung bei einem Beweise. Vgl. Hypothese.
Annex
Annex
(lat. von annecto = anknüpfen) heißt Anhängsel.
Annihilation
Annihilation
(aus dem Lat. geb. von annihilo = zunichte machen) heißt Vernichtung, Aufhebung, Zerstörung.
Anöa
Anöa
(gr.
anoia
) heißt Unverstand, Sinnlosigkeit, Verstandesschwäche.
Anomalie
Anomalie
(gr.
anomalia
) ist allgemein die Abweichung von einer Regel; spezieller nennt man jede quantitative oder qualitative Abweichung von einem Naturgesetz Anomalie. Siehe Analogie.
Anomie
Anomie
(gr.
anomia
) heißt Gesetzlosigkeit, Ungesetzlichkeit, Willkür, Zügellosigkeit.
Anordnung
Anordnung
ist die Herstellung einer zweckmäßigen Reihenfolge der Teile eines Ganzen; diese Reihenfolge wird bei wissenschaftlichen Werken durch die Logik, bei künstlerischen durch die Ästhetik vorgeschrieben. Sie entspringt aus der Herrschaft eines führenden Gedankens über die verschiedenen Teile, aus Partitio oder Divisio (s. d.).
anorganisch
anorganisch
ist der Gegensatz zu
organisch
(s. d.). Im allgemeinen scheidet man in der Natur das besonderen Gesetzen des Lebens unterworfene Reich des Organischen, das die Pflanzen, die Tiere und die Menschen umfaßt, von dem Reiche des Anorganischen, der Welt der leblosen Stoffe, die nur von den mathematischen, physikalischen und chemischen Gesetzen beherrscht wird. Aber nicht alle philosophischen Systeme erkennen diese Unterscheidung an. Den Begriff des Organischen und Anorganischen haben am schärfsten philosophisch zu bestimmen versucht
Aristoteles
(384-322) und
Kant
(1724 bis 1804). Vgl. Organismus.
Anschauung
Anschauung
(Intuition) oder Wahrnehmung bedeutet die
unmittelbare Bewußtseinserfassung
eines Gegebenen zunächst durch den Gesichtssinn, dann, allgemeiner, überhaupt
durch die Sinne
. Zum Zustandekommen einer Anschauung oder Wahrnehmung gehört 1. daß ein wirkliches Objekt vorhanden ist, 2. daß dieses einen Reiz auf unsere Sinnesorgane ausübt, 3. daß aus diesem Reiz eine Empfindung erwächst, 4. daß die Empfindung in bestimmter Form (Raum und Zeit) zum Bewußtsein kommt. Die Anschauung ist stets etwas Einzelnes, während
Vorstellungen
(s. d.) und
Begriffe
(s. d.), aus der Erneuerung und Verbindung früherer Anschauungen hervorgegangen, stets ein Allgemeines sind. Hierdurch bestimmt sich der Wert der Anschauung für die Erkenntnis. Anschauungen liefern uns den stofflichen Inhalt unseres Wissens, geordnet in den Formen des Raumes und der Zeit; aber zum Glied unserer Erkenntnis werden sie erst, indem aus ihnen allgemeine Vorstellungen und begriffliche Formen entwickelt werden. Das Wissen selbst besteht nicht aus Anschauungen oder Wahrnehmungen, sondern aus dem daraus gewonnenen Allgemeinen.
Kant
hat dies Verhältnis durch die zwei Sätze: »Gedanken ohne Inhalt sind leer« und »Anschauungen ohne Begriffe sind blind« ausgedrückt (Kr. d. r. V. S. 51). Die
äußere
Anschauung umfaßt die objektiven Dinge (im Raume und in der Zeit), die
innere
die subjektiven Vorgänge (in der Zeit); jene fällt unter das Gesetz der Gleichzeitigkeit, diese unter das der Aufeinanderfolge.
Kant
(1724-1804) unterscheidet außerdem die Anschauung a priori und a posteriori oder die
reine
und die
empirische
. Jene bezieht sich auf die reinen Raum- und Zeitformen, wie sie uns in den mathematischen Größen vorliegen, diese auf die in Raum und Zeit wahrnehmbaren, durch Empfindung gegebenen Erfahrungsgegenstände. (Vgl. Raum und Zeit.) Die spekulativen Philosophen Fichte, Schelling und Hegel reden noch von einer
intellektuellen
Anschauung.
Fichte
(1762-1814) versteht darunter das unmittelbare produktive Bewußtsein des handelnden Ichs,
Schelling
(1775-1854) den unbedingten Erkenntnisakt, in welchem Subjektives und Objektives zusammenfällt, das Wissen vom Absoluten,
Hegel
(1770-1831) das durch notwendige Gedankenbewegung erreichbare logische Wissen. Schelling streift damit jenes unmittelbare Anschauen Gottes, von welchem die Mystiker reden. Neuere Denker, wie
Herbart
(1776-1841),
Beneke
(1798-1854), H.
Lotze
(1817 bis 1881) u. a. erkennen nur die empirische Anschauung als Grundlage und Ausgangspunkt aller Philosophie an. –
Künstlerische Anschauung
ist die Betrachtung eines Gegenstandes nach ästhetischen Gesetzen. Vgl. Wahrnehmung.
an sich
an sich
bildet den Gegensatz zu dem, was ein Ding mit Rücksicht auf ein anderes ist. »Ding an sich« nennt daher
Kant
(1724-1804), indem er das andere als das menschliche Bewußtsein nimmt, einen von den menschlichen Erkenntnisformen unabhängigen Gegenstand, während er die Dinge, insofern sie durch die menschliche Erkenntnis in Raum und Zeit erfaßt werden,
Erscheinungen
nennt. Nach Kant erkennen wir die Dinge nicht, wie sie an sich sind, sondern nur, wie sie uns erscheinen.
Anstand
Anstand
heißt das durch die Sitte oder die Sittlichkeit geregelte Benehmen. Jenes ist der mehr äußerliche, konventionelle, dieses der innere, wahrhafte Anstand. Jener entspringt aus der Gewöhnung und dem Umgange, dieser aus dem Charakter des Menschen.
Antagonismus
Antagonismus
(gr. von
antagônizomai
= wetteifern) heißt der Widerstreit der Kräfte in der körperlichen wie der geistigen Welt; kein Ding verhält sich nur leidend, sondern jedes Ding reagiert stets (lex antagonismi) auf Einwirkungen. Auf dem Antagonismus der Kräfte beruht alles Leben in unserem Leibe und Geiste, in Staat, Kirche und Wissenschaft. Ausgesprochen ist diese Überzeugung zuerst von Herakleitos (um 500 v. Chr.), nach dem der Streit der Vater und Herr aller Dinge ist (Plutarch. de Isid. 48
Hêrakleitos – polemon onomazei patera kai basilea kai kyrion pantôn.
).
Antanagogé
Antanagogé
(vom gr.
antanagô
= dagegen hinaufführen) heißt das Zurückschieben einer Beschuldigung auf ihren Urheber vermittelst einer geschickten Wendung.
antecedens / consequens
antecedens
(lat. = das Vorhergehende) und
consequens
(lat. = das Folgende) heißt der Grund und die Folge in der Logik, die Ursache und die Wirkung in der realen Welt. In Urteilen heißt antecedens das Subjekt, wenn daraus das Prädikat selbstverständlich folgt; in Schlüssen heißen Obersatz und Untersatz so, während der Schlußsatz consequens heißt; bei Beweisen heißt der Beweisgrund antecedens.
antemundan
antemundan
(aus dem Lat. geb. von ante = vor und mundus = Welt) heißt vorweltlich, s. a. präexistent.
anthropocentrisch
anthropocentrisch
(vom gr.
anthrôpos
= Mensch und
kentron
= Mittelpunkt) nennt man diejenige Weltauffassung, welche den Menschen als das Zentrum der ganzen Welt ansieht, wie es die meisten Religionen, z. B. das Christentum, aber auch manche philosophische Systeme tun, z. B. im Altertum die Lehre des
Sokrates
, in der Neuzeit die
Wolfische
Philosophie. Auch in
Kants
(1724-1804) Erkenntnistheorie liegt eine neue eigentümliche anthropozentrische Wendung, indem sie lehrt, daß die menschliche Vernunft der Natur (sofern sie die Welt der Erscheinungen ist) die Formen und Grundgesetze vorschreibe.
Spinozas
(1632-1677) Lehre von Gott-Natur ist dagegen
theozentrisch
, und die gegenwärtige Naturwissenschaft führt ebenfalls seit Kopernikus, Kepler, Newton von der anthropozentrischen Weltbetrachtung ab. Am stärksten vertrat dagegen von den Neueren in seiner Philosophie den anthropozentrischen Standpunkt
Wilhelm von Humboldt
(1767-1835), dem sich die ganze Wissenschaft zu einer
philosophisch-empirischen Menschenkenntnis
zusammenfaßte.
Anthropologie
Anthropologie
(aus dem Gr. von
anthrôpologos
= von dem Menschen redend), die Lehre vom Menschen, bestimmt das Wesen des Menschen nach Leib und Seele und verfolgt seine Entstehung, Entwicklung und Verbreitung über die Erde. Sie zerfällt je nach ihrem besonderen Gegenstande in die
somatische
Anthropologie (Anatomie und Physiologie), welche den Leib und seine Funktionen, die
biologische
, welche die Lebensvorgänge, die
psychische
, welche die Seele des Menschen, und die
sozialpolitische
, welche das Verhältnis des Menschen zur Natur und zur Gesellschaft behandelt. Die erste und zweite Wissenschaft ist eine naturwissenschaftliche Disziplin, die dritte eine philosophische, die vierte eine sprachwissenschaftliche und historisch-archäologische. Die Anthropologie beruht also auf
Naturwissenschaft, Philosophie, Sprachwissenschaft, Geschichte
und
Archäologie
und ist für diese Wissenschaften, sowie für die Jurisprudenz und Theologie eine Mitarbeiterin. (Vgl. Völkerpsychologie.)
Der Schöpfer der Anthropologie als Wissenschaft war
Aristoteles
(384-322); aus der alexandrinischen Schule beschäftigten sich
Herophilos
(um 280 v. Chr.) und
Erasistratos
(um dieselbe Zeit) mit ihr. Das Mittelalter kannte die anthropologische Forschung nicht; erst
Arnoldus
v.
Villanova
(1235-1312), der die erste öffentliche Sektion zweier weiblicher Leichen in Bologna vornahm, begann wieder das Studium der Anthropologie. Die Naturphilosophen der Reformationszeit wie
Paracelsus
(1493-1541) und
van Helmont
(1577-1644) waren meist Theosophen und hatten nur geringes anthropologisches Interesse; doch wies um dieselbe Zeit
Bacon
v.
Verulam
(1561-1626) auf die Erfahrung als das beste Hilfsmittel der Forschung hin. Dieses Prinzip wandte dann J.
Locke
(1632-1704) und seine Schule einseitig an, so daß der Empirismus bald in Sensualismus und Materialismus ausartete. Ihm traten die Idealisten
Cartesius
(1596-1650),
Spinoza
(1632-1677),
Leibniz
(1646-1716) und
Wolf
(1679-1754) gegenüber. Alle diese Philosophen förderten aber die psychische Anthropologie. Durch
Harvey
(1578-1658), welcher den Blutumlauf (1619) entdeckte, wurde die neuere
physiologische Richtung
begründet, der auch A. v.
Haller
(1708-1777) angehörte, während der
Vitalismus
, d. h. die Annahme einer besonderen Lebenskraft, in Frankreich besonders Anklang fand. Berühmte exakte Forscher auf dem Gebiete der Anthropologie waren dann in Deutschland seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
Peter Camper, Sömmering, Blumenbach, Burdach, Joh. Müller
und
Virchow
. Die erste systematische Einteilung des Menschengeschlechts in (3) Rassen machte
Cuvier
( 1832), während
Ch. Bell
( 1842) die moderne Nervenphysiologie begründete.
Kants
»Anthropologie in pragmatischer Hinsicht 1798« gab manche Anregung. An
Schellings
Auffassung, daß der Mensch ein Glied am Organismus Gottes sei, knüpfte der Mesmerismus (s. d.) an, der erst schwand, als die neueren Psychologen:
Herbart, Beneke, Lotze, Waitz, Brentano, Fechner, Wundt
u. a. die Psychologie naturwissenschaftlich und vergleichend bearbeiteten. Die vergleichende Methode der »Völkerpsychologie«, wie
Lazarus
und
Steinthal
sie nannten, ward dann auf Religion, Sittlichkeit und Sprache übertragen, und die von
Quételet
begründete Statistik leistete vielfach willkommene Hilfe; eine ganz neue Betrachtung endlich hat
Darwins
Theorie auch der Anthropologie gebracht.
Aus der reichen
Literatur
heben wir hervor:
Kant
, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht 1798;
Burdach
, A. für das gebildete Publikum 1846; H.
Lotze
, Medizinische Psychologie 1852; A.
Quételet
, Physique sociale, dtsch. von Ricke 1838; F. G.
Klemm
, Allgem. Kulturwissenschaft 1854; Th.
Waitz
, Anthr. der Naturvölker 1859-1873;
Huxley
, Zeugnisse f. d. Stellung des Menschen in d. Natur (aus d. Engl. 1863);
Lyell
, d. Alter d. Menschengeschlechts (aus d. Engl.);
Bastian
, der Mensch in d. Geschichte 1860; Ch.
Darwin
, d. Abstammung d. Menschen 1871; Joh.
Ranke
, der Mensch, Leipzig 1886/87.
Anthropomorphismus
Anthropomorphismus
(aus dem Gr. von
anthrôpomorphos
= von menschlicher Gestalt) ist die Erfassung des Göttlichen in Menschengestalt. So falsch diese Vorstellung ist – schon
Xenophanes der Eleat
(6 Jahrh. v. Chr.) bekämpfte den Anthropomorphismus –, so nahe liegt sie für uns. Und zwar legt der Mensch entweder Gott seinen Leib bei, sei es, daß er diesen vervielfältigt und steigert (Inder), oder sei es, daß er ihn idealisiert (Hellenen) oder er denkt ihn nur als menschlichen Geist mit allen seinen Äußerungen: Wille, Verstand, Liebe, Zorn, Reue (Volksglaube).
Anthropopathismus
Anthropopathismus
(aus dem Gr. von
anthrôpopatheia
= Zustand menschlichen Empfindens) heißt die Auffassung des Göttlichen, welche der Gottheit menschliche Affekte wie Zorn, Haß, Neid, Reue, Eifersucht zuschreibt.
Anthropophagie
Anthropophagie
(gr.
anthrôpophagia
) heißt Menschenfresserei; sie wurde von den ältesten Menschen allgemein geübt und ist noch bei einzelnen Wilden (in Sumatra, Kalabar, Australien, am Amazonas) üblich. Sie widerspricht der Menschenwürde. Vgl.
Andree
, »Die A.« 1887.
Anthropotheismus
Anthropotheismus
(aus dem Griech. von
anthrôpos
u.
theos
) heißt Menschenvergötterung; so kann
Hegels
System genannt werden, insofern darin die logischen Kategorien des Menschen als Stufen der Weltentwicklung, ja der Selbstentfaltung Gottes gelten.
Anthropotheologie
Anthropotheologie
(aus dem Griech. geb.) heißt die Erkenntnis Gottes aus dem geistig – sittlichen Wesen des Menschen.
Antíchthon
Antíchthon
(gr.
antichthôn
), die Gegenerde, ist nach der Lehre der Pythagoreer ein Weltkörper, der sich gegenüber der Erde um das ruhende Zentralfeuer (
Dios phylakê
) bewegt. Die Pythagoreer ersannen ihn, um die heilige Zehnzahl der himmlischen Körper vollzumachen. (Aristoteles de caelo II, 13 p. 293 a 23; Met. I, 5 p. 986 a 10.)
Anticipation
Anticipation
(lat. anticipatio) heißt Vorwegnahme. Zuerst findet sich dieser Begriff bei
Epikuros
(341-270), welcher unter »Prolepsis« (= anticipatio) eine von einer Sache durch wiederholte Wahrnehmung, Erinnerung und Vergleichung gebildete Allgemeinvorstellung verstand. Bei den Stoikern hieß »Prolepsis« der unmittelbar aus der Wahrnehmung gebildete Begriff. Cicero (de nat. deor. I, 16, 43) übersetzt den Begriff des Epikur »Prolepsis« durch anticipatio (id est anteceptam animo rei quandam informationem, sine qua nec intellegi quidquam, nec quaeri, nec disputari potest).
Kant
(1724 bis 1804) versteht unter
Anticipationen der Wahrnehmung
das, was sich an jeder Empfindung als solcher a priori erkennen läßt. Der Grundsatz, welcher alles das ausspricht, was sich an jeder Empfindung anticipieren läßt, heißt bei Kant Kr. d. r. V. S. 166 so: »In allen Erscheinungen hat die Empfindung und das Reale, welches ihr an dem Gegenstande entspricht (realitas phaenomenon), eine intensive Größe, d. h. einen Grad«. Siehe Prolepse.
Antilogie
Antilogie
(gr.
antilogia
), Widerspruch, hieß bei den alten Skeptikern der Widerstreit der Gründe für und wider eine Meinung.
Antilogismus
Antilogismus
(aus dem Gr. von
antilogos
= widersprechend) heißt allgemein jeder Widersinn oder, wo das Wort die besondere Bezeichnung für ein philosophisches System ist, die Feindschaft gegen die Vernunft.
Antimoralismus
Antimoralismus
(aus dem Lat.), Gegensatz zur Moral, heißt entweder ein System, welches die Moral in seinen Folgerungen zerstört, oder die praktische Unsittlichkeit. So ist z. B. der Fatalismus, Materialismus und F. Nietzsches Herrenmoral ein systematischer Antimoralismus, der Epikureismus dagegen oft ein praktischer Antimoralismus. (Vgl. F.
Nietzsche
, »Jenseits von Gut und Böse« 1886. Epikureismus.)
Antinomie
Antinomie
(
antinomia
), eig. Widerstreit zweier Gesetze, heißt nach
Kant
derjenige Widerstreit der reinen Vernunft, in den sich diese bei ihrem Bestreben, sich die unbedingte Einheit der objektiven Bedingungen in der Erscheinung zu verschaffen, d. h. bei den kosmologischen Grundfragen, verwickelt. Hierbei entsteht eine natürliche
Antithetik
, sobald die Vernunft nach dem Grundsatze: »Wenn das Bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze Summe der Bedingungen, mithin das schlechthin Unbedingte gegeben, wodurch jenes allein möglich war«, absolute Totalität fordert und dadurch die Kategorien zur Idee erweitert. Diese Antithetik stellt Kant in
vier Sätzepaaren
auf, deren ersten er immer
Thesis
, deren zweiten er
Antithesis
nennt: 1. a) Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raume nach auch in Grenzen eingeschlossen; b) Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenzen im Raume, sondern ist sowohl in Ansehung der Zeit als des Raumes unendlich. 2. a) Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache, oder das, was aus diesem zusammengesetzt ist; b) Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts Einfaches in derselben. 3. a) Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus welcher die Erscheinungen der Welt insgesamt abgeleitet werden können. Es ist noch eine Kausalität durch Freiheit zur Erklärung derselben anzunehmen notwendig; b) Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich nach Gesetzen der Natur. 4. a) Zu der Welt gehört etwas, das, entweder als ihr Teil oder ihre Ursache, ein schlechthin notwendiges Wesen ist; b) Es existiert überall kein schlechthin notwendiges Wesen, weder in der Welt, noch außer der Welt, als ihre Ursache. (Kr. d. r. V. Transscendentale Dialektik, II. Buch, Zweites Hauptstück S. 405-571). Thesis und Antithesis lassen sich gleichmäßig indirekt durch Widerlegung des Gegensatzes beweisen, und die Vernunft scheint hier in einer verzweifelten Lage zu sein. Kant findet in seinem
kritischen Idealismus
durch die Unterscheidung von Erscheinungen und Dingen an sich die Lösung. Die beiden ersten Sätzepaare (die mathematischen Antinomien) sind sowohl in Thesis wie in Antithesis falsch, da beide von der falschen Voraussetzung ausgehen, daß das Weltganze gegeben sei, während es uns nur aufgegeben, eine Idee ist. Die beiden letzten Sätzepaare (die dynamischen Antinomien) sind sowohl in Thesis als in Antithesis zulässig, wenn die Thesis auf Dinge an sich, die Antithesis auf Erscheinungen angewandt wird. Durch die Rettung der Thesis gewinnt Kant den Boden für seine praktische Philosophie, in der er sich auf einen idealistischen Standpunkt stellt. – Neuerdings hat geistreich die verschiedenen Ansichten über das Wesen der Materie
Julius Schultz
zu Antinomien zusammengestellt (Jul. Schultz, die Bilder von der Materie, Göttingen 1905.)
Antipathie
Antipathie
(gr.
antipatheia
), der Gegensatz von Sympathie, ist die unklare Abneigung gegen Personen oder Sachen, welche aus physiologischen Ursachen oder psychologischen Gründen entspringt. Jene beruht auf der eigentümlichen Struktur unserer Sinne (daher die Abneigung gegen gewisse Gerüche u. dergl. ), diese auf Ideenverbindungen. Durch Erziehung und Ausbildung des Charakters kommt der Mensch dazu, die Antipathien zu beherrschen.
Antiphlogistik
Antiphlogistik
(aus dem Gr. geb. von
anti
= gegen und
phlox
= Flamme) heißt die gegen die Stahlsche Brennstofflehre (Phlogistontheorie) 1777 aufgestellte Theorie
Lavoisier's
(1743-1794), daß die Verbrennung in der Verbindung eines Körpers mit Sauerstoff bestehe (sur la combustion en général).
Antispiritualismus
Antispiritualismus
(aus dem Lat. geb.) ist soviel als Materialismus.
Antistréphon
Antistréphon
(gr.
antistrephôn
= der Umkehrende, lat. reciprocus) heißt ein Argument, das gegen den, welcher es braucht, umgekehrt werden kann.
Euathlos
, der Schüler des Protagoras (5. Jahrh. v. Chr.), sollte diesem die Hälfte seines Honorars erst dann bezahlen, wenn er einen Prozeß gewonnen hätte. Er führte aber keinen Prozeß, bezahlte also nicht. Da sagte Protagoras: »Ich verklage dich; gewinnst du diesen Prozeß, so bezahlst du mich kraft unseres Vertrages; verlierst du ihn aber, so bezahlst du mich kraft des richterlichen Ausspruchs.« Euathlos aber gebrauchte den Antistrephon und sagte: »Keineswegs bezahle ich; denn wenn ich den Prozeß gewinne, so bezahle ich dich nicht kraft des richterlichen Ausspruchs, verliere ich ihn, so bezahle ich dich nicht gemäß unserem Vertrage.« Der Schiedsspruch der Richter lautete auf Vertagung (Gellius, noct. Att. V, 10).
Antithetik
Antithetik
(gr.) ist nach
Kant
(1724-1804) der Widerstreit zweier dem Scheine nach dogmatischen Erkenntnisse, ohne daß man der einen Recht geben mag, z. B. zwischen den beiden Sätzen: »Es ist ein Gott«. – »Es ist kein Gott«. –
Transscendentale Antithetik
nennt
Kant
die Untersuchung über die Antinomien der reinen Vernunft. (Siehe unter Antinomie.)
Anziehung
Anziehung
(Attraktion) heißt die Kraft, welche sich in dem Bestreben der Körper, sich einander zu nähern äußert, oder richtiger sich in der Tatsache, daß sie sich nähern, dokumentiert. Sie zeigt sich zwar in allen Körpern, aber ist in ihrem Wesen bisher nicht erkannt, obwohl es viel Versuche zur Erklärung derselben, wie z. B. die Stromtheorie von Huyghens, die Stoßtheorie von Thomas Young, die Isenkrahesche Ätherhagelschirmtheorie etc. gibt. –
Newton
(1642-1718) hat 1665 das Gesetz entdeckt (ausgesprochen 1687 in den Naturalis philosophiae principia mathematica), daß sich alle Weltkörper im Verhältnis ihrer Masse und im umgekehrten Verhältnis des Quadrates ihrer Entfernung anziehen.
Kant
hat 1756 (Monadologia physica) die Materie auf die beiden Kräfte der Attraktion und Repulsion zurückgeführt und diese Reduktion auch in der Zeit seiner kritischen Philosophie aufrechterhalten (Metaphys. Anfangsgründe der Naturwissenschaft, Riga 1786).
Ostwald
setzt an Stelle der Anziehungskraft den Begriff der Distanzenergie. (Ostwald, Vorles. üb. Naturphil. Leipzig 1905 S. 117.) Vgl. Abstoßung.
Aoristie
Aoristie
(gr.
aoristia
), Unentschiedenheit, ist ein Prinzip der älteren Skeptiker, z. B. des
Pyrrhon v. Elis
(zur Zeit Alexanders) und des
Timon aus Phlius
(325-235), welcher lehrte, die Dinge seien ohne feste Unterschiede, unbeständig und unbeurteilbar. Wir dürften daher weder unseren Wahrnehmungen noch unseren Vorstellungen glauben. Hieraus gehe die Pflicht, sich nicht zu entscheiden (
aphasia, epochê, mêden horizein, aprosthetein
) hervor, und diese hätte die Unerschütterlichkeit des Gemütes (
ataraxia
) zur Folge. Aus dem Satze
ouden horizô
»ich entscheide nichts« ist der Begriff Aoristie abgeleitet (Diog. Laert. Vit. Phil. IX, § 104 ff.).
Apagogé
Apagogé
(gr.
apagôgê
, lat. deductio) heißt nach Aristoteles (Analyt. prior. II, 25, p. 69 a 20) ein Schluß folgender Art: Wenn ein erster Begriff ein Merkmal eines zweiten Begriffs ist und es zwar nicht feststeht, daß der zweite Begriff ein Merkmal des dritten ist, aber dies doch gleich wahrscheinlich oder noch mehr wahrscheinlich ist, als der zu folgernde Schlußsatz (nämlich daß der erste ein Merkmal des dritten sei), so heißt das Schlußverfahren Apagoge, z. B. : Es sei 1=lehrbar, 2=Wissen, 3=Gerechtigkeit. Dann steht fest: 1. das Wissen ist lehrbar, es steht aber nicht fest, 2. daß die Gerechtigkeit ein Wissen ist. Doch ist dies ebenso wahrscheinlich, oder wahrscheinlicher, als daß die Gerechtigkeit lehrbar ist. Wir schließen also, 3. daß die Gerechtigkeit lehrbar sei, durch den nicht sicher feststehenden zweiten Satz hindurch. Apagoge ist also ein Schluß aus sicherem Obersatz und einem Untersatz, der zwar nicht gewiß ist, aber mindestens ebenso gewiß oder gewisser ist als die Folgerung. Die Apagoge hat natürlich nichts völlig Überzeugendes an sich, sondern gehört zu den rhetorischen Schlüssen; ohne strenger Beweis zu sein, erweckt sie doch Glauben. –
Apagogischer Beweis
(demonstratio apagogica,
apagôgê eis adynaton
, deductio ad absurdum) heißt s. a. indirekter Beweis, also ein Schlußverfahren, in welchem man die Wahrheit einer Behauptung aus der Falschheit ihres Gegenteils beweist. Der bloße apagogische Beweis ist aber nur ein Beweis von beschränktem Werte, ganz abgesehen von den Sophistereien, die dabei oft unterlaufen. Er führt zwar zur Gewißheit, aber nicht zur Einsicht in die Gründe.
Apathie
Apathie
(gr.
apatheia
= Unempfindlichkeit) heißt
allgemein
die Gefühllosigkeit; diese kann entweder eine Folge von Stumpfsinn oder von Ekstase, Kummer, Überanstrengung und dgl. sein.
Im engeren Sinne
bedeutet Apathie die Freiheit von Leidenschaften und Affekten, welche sowohl von den
Stoikern
wie von
Spinoza
als ethisches Ziel gefordert worden ist. Von
Spinoza
(1632-1677) wird sie als die Folge unserer Einsicht in den Kausalzusammenhang angesehen. Die
Stoiker
übertrieben die Forderung der Apathie dahin, daß sie auch die edlen Affekte (s. d.) verwarfen. Der Weise ist, wie die Stoiker lehren, affektlos. Auch der Skeptiker
Pyrrhon
(zur Zeit Alexanders) empfahl die Apathie.
Maximus v. Tyrus
(unter den Antoninen) dagegen stellte den Gegensatz von
Empathischem
und
Apathischem
auf (
empathes – apathes
); jenes kommt den Dämonen, Menschen und Tieren zu, dieses den Pflanzen und Steinen. – Im weiteren Sinne kann auch die wahrhaft wissenschaftliche Betrachtung Apathie heißen, weil sie ohne Vorurteil und Neigung (sine ira et studio) nach der Wahrheit forscht.
Apeiron
Apeiron
(gr.
apeiron
= das Unermeßliche), das Unendliche, Unbegrenzte, nannte
Anaximandros
aus Milet (geb. 611 v. Chr.) den Grundstoff, aus dem alles andere entstanden sei. Er dachte sich diesen quantitativ unendlich und der Qualität nach wahrscheinlich nicht als Mischung verschiedener Stoffe, sondern als eigenschaftslosen Stoff, aus dem die jetzige Welt durch Ausscheiden der Gegensätze entstanden ist.
Aphaeresis
Aphaeresis
(gr.
aphairesis
) heißt
Abstraktion
(so zuerst bei Aristoteles). Vgl. Abstraktion.
Aphasie
Aphasie
(gr.
aphasia
), Sprachlosigkeit, ist nach dem jetzigen Sprachgebrauche eine vorübergehende oder dauernde Erkrankung unseres inneren Sprachorgans. Der Kranke vermag sich nicht auf die Worte zu besinnen, welche er brauchen möchte, oder kann nicht artikulierte Laute hervorzubringen. Die Intelligenz ist dabei unversehrt. Die Aphasie entsteht häufig aus einer Entzündung der inneren Herzwand, wodurch sich ein Faserstoffgerinnsel bildet, welches, durch den Blutstrom in die Gehirnarterie verschleppt, dort einen Bluterguß, resp. die Zertrümmerung des Sprachorgans veranlaßt. – Die
Skeptiker
verstanden unter Aphasie die Enthaltung von bestimmten Aussagen und Urteilen, welche aus der Einsicht in die Unmöglichkeit entspringt, etwas Bestimmtes zu behaupten. Vgl.
Akatalepsie
, Aoristie, Epoché.
Kußmaul
, Die Störungen der Sprache 1885.
Apirie
Apirie
(gr.
apeiria
) heißt entweder die Unerfahrenheit (von
apeiros
unerfahren) oder die Unbegrenztheit (von
apeiros
unbegrenzt). Jene hat zum Gegensatz die Empirie, diese die Bestimmtheit.
apodiktisch
apodiktisch
(v. gr.
apodeiknymi
= beweisen) heißt ein Urteil, mit dem sich das Bewußtsein seiner Unumstößlichkeit verbindet.
Kant
(1724-1804) teilt die Urteile der Modalität nach in problematische (S kann P sein), assertorische (S ist P) und apodiktische (S muß P sein) ein. Das apodiktische Urteil drückt eine logische Notwendigkeit aus (Kr. d. r. V. S. 70-76). So nennt
Kant
den Satz, daß der Raum drei Dimensionen habe, apodiktisch, weil er eine Vernunftnotwendigkeit und nicht empirisch erschlossen sei, – was freilich unrichtig ist, da die geometrischen Sätze nicht apodiktisch sind, sondern zuletzt der Empirie entspringen. Der Ausdruck »
apodiktischer Beweis
« ist übrigens ein Pleonasmus; denn Beweis (s. d.) heißt apódeixis.
Apodiktik
(z. B. v. Bouterwek) könnte die Erkenntnistheorie heißen, insofern sie darauf ausgeht, ein sicheres Wissen zu begründen.
Aporem
Aporem
(gr.
aporêma
) heißt Schwierigkeit. Bei Aristoteles heißt so ein dialektischer Widerspruchsschluß, der die entgegengesetzten Möglichkeiten in Betracht zieht.
Aporetiker
Aporetiker
(gr.
aporêtikos
= zum Zweifel geneigt), Skeptiker, Ephektiker, Zetetiker nannten sich die Schüler des
Pyrrhon von Elis
nach ihrer Lehre (Diog. Laert. IX, § 69). Man kann alle Philosophen in Dogmatiker und Aporetiker teilen. Jene halten die Welt für begreiflich, diese für rätselhaft (Diog. Laert. Prooem. 16). Vgl.
Raoul Richter
, Der Skeptizismus in der Philosophie, Leipzig 1904. –
Aporie
Aporie
(gr.
aporia
) heißt Zweifel, Ungewißheit, Verlegenheit, Schwierigkeit.
a posteriori / priori
a posteriori
,
a priori
(lat.) heißt eigtl. von dem späteren und von dem früheren. Die beiden Begriffe spielen in der Frage, ob unser Wissen die Erfahrung oder das Denken zur Quelle hat, also in dem Streite des Empirismus und Rationalismus eine wichtige Rolle. Schon
Aristoteles
(384-322) unterschied das von Natur Spätere und Frühere; jenes liefert die Erkenntnis aus den Wirkungen, dieses diejenige aus den Uraachen. Die
Scholastiker
verstehen daher ebenfalls mit Aristoteles unter a posteriori die Erkenntnis aus den Wirkungen, unter a priori die aus den Ursachen. Im 18. Jhrdt. versteht man vor Kant unter a priori die angeborene rein begriffliche, unter a posteriori die aus der Erfahrung geschöpfte, im Leben erworbene Erkenntnis, (so Leibniz, Hume).
Kant
(1724-1804) vertiefte den Begriff, er bezeichnete die
empirische Erkenntnis
, die ihre Quelle in der Erfahrung hat, und nicht allgemein notwendig ist, als
a posteriori; a priori
aber nannte er die davon unabhängige
reine Vernunfterkenntnis
, welcher Allgemeinheit und Notwendigkeit zukommen. Er versuchte nachzuweisen, daß nicht nur die gesamte Form unserer Erkenntnis, sondern auch das formale Sittengesetz, nach dem sich unsere Handlungen richten, und das formale Geschmacksprinzip a priori seien, während der Inhalt unseres Wissens, Handelns und Empfindens a posteriori sei. Bei Kant hat also das a priori und a posteriori nichts mehr mit einem zeitlichen Vorausgehen und zeitlichen Folgen, nichts mit dem Gegensatz des Angeborenen und Erworbenen zu tun. Kant verwirft vielmehr den
Nativismus
(s. d.), die Behauptung, daß es angeborene Begriffe gebe; er vertritt die Idee, daß sich die Begriffe a priori bei Gelegenheit der Erfahrung entwickeln. Alle unsere Erkenntnis fängt nach ihm mit der Erfahrung an. (Vgl. angeboren.) Ähnlich sagt J. G.
Fichte
(1762-1814), das, was lediglich durch das Wissen und nicht außer ihm durch das Ding gesetzt werde, heiße a priori. Vgl.
Eucken
, Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipzig 1904. S. 84 ff.
Apperzeption
Apperzeption
(nlat. u. franz. von ad und perceptio = das Innewerden) heißt im allgemeinen das
aktive Denken
im Gegensatz zu der passiven Perzeption (s. d.), die spontane und bewußte Denktätigkeit im Gegensatz zu der rezeptiven sinnlichen Wahrnehmung. Im speziellen hat der Begriff der Apperzeption vielfach geschwankt.
Leibniz
(1646-1716) verstand unter Apperzeption die Aufnahme einer Vorstellung in das Selbstbewußtsein, das über einen Zustand der Seele nachdenkende Bewußtsein.
Kant
(1724-1804) faßt die Apperzeption schlechthin als das Bewußtsein und schied die reine transscendentale oder ursprüngliche Apperzeption, das Selbstbewußtsein, das: »Ich denke«, das alle Vorstellungen des einzelnen begleitet und in allem Wechsel des Bewußtseins ein und dasselbe ist, von der
empirischen
Apperzeption, dem Bewußtsein des Menschen von seinem jedesmaligen Zustande. (Kr. d. r. V., II. Aufl., S. 132, § 16.)
Herbart
(1776-1841) faßte die Apperzeption als die Aneignung und Verarbeitung neu aufzunehmender Vorstellungen durch ältere verbundene und ausgeglichene Vorstellungsmassen.
Steinthal
(1823-1899) und
Lazarus
(1824-1903) bildeten den Herbartschen Begriff weiter aus. Steinthal z. B. unterschied die identifizierende, subsumierende, harmonisierende und disharmonisierende Apperzeption.
Wundt
(geb. 1832) versteht unter Apperzeption den Einzelvorgang, durch den ein psychischer Inhalt zu klarer Auffassung kommt, die Erfassung einer Vorstellung durch die Aufmerksamkeit (s. d.). Er unterscheidet, bei Vergleichung des Bewußtseinsaktes mit einem inneren Sehen, Blickfeld und Blickpunkt des Bewußtseins. Die Apperzeption ist nach diesem Bilde der Eintritt einer Vorstellung in den Blickpunkt des Bewußtseins (
Wundt
, Grundz. d. phys. Psych. II, S. 235). Am verbreitetsten dürfte gegenwärtig noch immer der Begriff der Apperzeption sein, wie ihn Herbart, Steinthal und Lazarus bestimmt haben. (Vgl. Otto Staude, Phil. Stud. I, S. 149 ff.)
apperzipieren
apperzipieren
heißt mit Bewußtsein erfassen oder neue Vorstellungen mit Hilfe älterer aufnehmen.
Appetenz
Appetenz
(lat. appetentia) heißt Begierde, Trieb.
Apprehension
Apprehension
(lat. apprehensio = Erfassung, Verständnis) heißt das Begriffsvermögen;
apprehendieren
heißt begreifen. Die Apprehension spielt nach Kant, Kr. d. r. V. S. 98 ff., beim Zustandekommen der Vorstellungen eine grundlegende Rolle. Alle Vorstellungen sind der Zeit unterworfen. Sie entstehen durch ein Durchlaufen einer Mannigfaltigkeit und die Zusammenfassung derselben, die
Synthesis der Apprehension
. Hieran schließt sich die Reproduktion in der Einbildung und die Rekognition im Begriffe.
Apraxie
Apraxie
(gr.
apraxia
) heißt Untätigkeit, Trägheit.
Apsychie
Apsychie
(gr.
apsychia
) heißt Bewußtlosigkeit, Ohnmacht, Scheintod;
apsychisch
heißt unbeseelt.
Arbeit
Arbeit
ist, soweit der
Mensch als Ursache
in Betracht kommt, die mit Anstrengung verbundene Tätigkeit, die auf einen subjektiv oder objektiv nützlichen Zweck gerichtet ist. Die Arbeit steht im Gegensatz zur Erholung und zum Spiel (s. d.). Die Erholung vermeidet die Anstrengung, und das Spiel ist frei von einem nützlichen Zweck. –
Im mechanischen Sinne
ist Arbeit das Produkt aus der Kraft in den Weg ihres Angriffspunktes oder nach der Definition
Ostwalds
: die Bewegung eines Körpers durch eine bestimmte Strecke gegen einen vorhandenen Widerstand. Ostwald empfiehlt, in der Mechanik, statt von dem Kraftbegriff, von dem Arbeitsbegriff auszugehen. Mathematisch gesprochen, erspart man sich dadurch eine Integration. Vgl.
Ostwald
, Vorles. üb. Naturphil. Leipzig 1905. S. 156, 174.
Arbeitsamkeit
Arbeitsamkeit
ist die Tugend, seine Kräfte gern, zweckmäßig und eifrig im Dienste des Nützlichen anzustrengen.
arbitrium liberum
arbitrium liberum
(lat.) heißt Willensfreiheit. Siehe unter Freiheit.
Archetyp
Archetyp
(gr.
archetypos
), heißt Urbild, Muster, Original, Ideal;
archetypisch
heißt urbildlich, eigenartig.
Archeus / Archaeus
Archeus
od.
Archaeus
(gr. von
archeios
= obrigkeitlich,
archaios
= anfänglich), der Herrscher, ist nach
Basilius
(15. Jahrh.) das Zentralfeuer als Lebensprinzip der Vegetabilien, nach
Paracelsus
(1493-1541) und van
Helmont
( 1644) das Urprinzip des animalischen Lebens in den Einzelwesen, die individuelle Naturkraft. Paracelsus dachte ihn sich als ein übernatürliches Wesen in einem astralischen Leibe, v. Helmont als Lebensgeist (aura vitalis), welcher den Samen der Dinge gestaltet und erhält.
Architektonik
Architektonik
(gr.
architektonikos
= zur Baukunst gehörig) heißt die Systemlehre oder die Kunst, ein wissenschaftliches Lehrgebäude aufzuführen.
Kant
(1724-1804) nennt daher in der Kr. d. r. V. den dritten Abschnitt der transscendentalen Methodenlehre die Architektonik der reinen Vernunft (S. 833-851) und erklärt: »Ich verstehe unter einer Architektonik die Kunst der Systeme. Weil die systematische Einheit dasjenige ist, was gemeine Erkenntnis allererst zur Wissenschaft, d. i. aus einem bloßen Aggregat derselben ein System macht, so ist Architektonik die Lehre des Scientifischen in unserer Erkenntnis überhaupt und sie gehört also notwendig zur Methodenlehre.«
Architektur
Architektur
(lat. architectura) heißt die Baukunst. Sie ist in dem System der Künste insofern die unterste, als sie am meisten mit dem physischen Stoffe zu ringen hat, aber darum auch andrerseits die oberste Kunst, insofern sie die größten Schwierigkeiten überwindet und dem Künstler am meisten Ehre zu bereiten imstande ist. Aus dem Bedürfnis der Menschen entstanden, die Erde als Wohnplatz zu benutzen, dient sie in ihren Werken Lebensforderungen und Zwecken der Menschheit. Ihre Werke sind daher nicht in jeder Hinsicht freie Kunstwerke. Der Kunstzweck muß sich bei ihnen mit dem Gebrauchszweck verbinden, ja selbst oft diesem unterordnen. Sie ist auch die wirklichste aller Künste, und die ausschließliche Verwendung fester Materialien, die auf den Boden der Erde gesetzt, sicher dastehn sollen, bindet sie an die Gesetze der Mathematik und Physik, so daß die Grundformen ihrer Gestalten im allgemeinen regelmäßige, geometrische sein müssen. Sie gibt dem Raume feste Grenzen und macht ihn dadurch nutzbar, sichtbar und ästhetisch wirksam. So schafft sie Räume, aber nicht die Gestalten, die sich in dem Raume bewegen. Ihre wesentlichen Teile bedingen die
konstruktive auf der rechten Proportion der Teile beruhende Schönheit
eines Bauwerkes und sind sämtlich Glieder von Raumgrenzen (Fundament, Wände, Träger, Pfeiler, Säulen, Decken, Gebälk, Gewölbe usw.). Zur Zierde der konstruktiven Glieder verwendet sie entweder einen den geometrischen Formen angepaßten zum Teil aus der Technik erwachsenden oder einen freieren plastischen und malerischen Schmuck (
dekorative Schönheit
). In diesen Ornamenten, und auch in der Ausgestaltung ihrer Konstruktionsformen, kann sie zur nachahmenden Kunst werden. Die Darstellung von Ideen bereitet der Baukunst mehr Schwierigkeit als anderen Künsten. Sie kann direkt nur Räumliches, nicht Zeitliches und Bewegung und Ideenhaftes darstellen. Aber sie kann sich in ihren geometrischen Verhältnissen und ihren konstruktiven wie dekorativen Formen in die Zwecke, die sie darstellt, und in den Zeitgeist, den sie verkörpern will, hineindenken und hineinleben und so Werke schaffen, die für alle ähnlichen Zwecke maßgebend werden und ein Zeitalter klarer als alle anderen gleichzeitigen Kunstwerke charakterisieren. Der Tempel der Griechen, der gotische Dom, der Palast des Renaissancezeitalters führen uns am sichersten in den Geist bestimmter Völker und Zeitalter ein. Die Architektur entwickelt und verändert sich also mit der Zeit und mit der Lebensweise der Menschheit und ist keineswegs eine stumme Kunst, sondern zeugt vom Geist der Zeiten und von den Ideen der Künstler.
Archologie
Archologie
(aus d. Gr. geb.) heißt Anfangs-, Grundlehre oder Fundamentalphilosophie.
Aretalog
Aretalog
(gr.
aretalogos
) heißt Tugendschwätzer. Die Aretalogen waren philosophische Spaßmacher, die gewerbsmäßig bei Gastmählern vornehmer Römer von ihren Tugenden Beschreibungen machten, denen ihr Leben widersprach. Sie bildeten bei Augustus' Tafel z. B. eine Art Hofnarren. (Suet. Aug. 74. Ad communionem sermonis – interponebat – frequentius aretalogos.)
Aretalogie
Aretalogie
(v. gr.
aretê
Tugend und
logos
Lehre) heißt Tugendlehre; sie bildet einen Teil der Ethik (s. d.).
Arglist
Arglist
ist die Handlungsweise eines Menschen, der mit böser Gesinnung und nicht mangelnder Geschicklichkeit üble Zwecke mit schlauen Mitteln zu erreichen sucht.
Argologie
Argologie
(gr.
argologia
) heißt müßiges Geschwätz.
Argument
Argument
(lat. argumentum) heißt
Beweis
oder auch
Beweisgrund
, d. i. dasjenige am Beweise, worauf die Sicherheit des Beweises beruht.
Argumentum ad hominem
heißt ein gemeinfaßlicher Beweis, der dem Verständnis des Hörers angepaßt ist, dagegen
ad veritatem
ein Beweis aus objektiven, allgemein anerkannten Gründen;
argumentum e consensu gentium
heißt der Beweis aus dem, was von allen Völkern zu allen Zeiten angenommen wird;
argumentum a tuto
heißt der Sicherheitsbeweis, in dem man sich für etwas entscheidet, das nicht bewiesen ist, nach der Maxime: Wenn die Annahme auch nichts hilft, so schadet sie auch nichts. So beweisen manche z. B. das Dasein Gottes a tuto dadurch, daß sie davon ausgehen, es sei immer sicherer, an Gott zu glauben, als ihn zu verwerfen. – Das
argumentum a priori
entnimmt seine Beweisgründe den Vernunftgesetzen, das
argumentum a posteriori
der Erfahrung. –
Argumentum achilleum
heißt ein Trugschluß,
argumentum e contrario
ein aus Erwägung des Gegenteils sich ergebender Schluß. –
Argumentieren
heißt beweisen, schließen;
Argumentation
heißt Beweisführung, Schlußfolgerung;
argumentös
heißt reich an Stoff oder Beweisgründen. Vgl. Beweis.
Argutien
Argutien
(lat. argutiae) nennt man die Spitzfindigkeit der Rede;
argutiös
heißt spitzfindig,
argutieren
heißt spitzfindig reden, schwatzen.
Aristotelismus
Aristotelismus
. Unter Aristotelismus versteht man 1. die Philosophie des
Aristoteles
(384-322). Sie ist neben
Platons
(427-347) System das erste und einzige große Lehrgebäude der griechischen Philosophie und umfaßt die
Logik
, die
Metaphysik
, die
Naturphilosophie
und
Psychologie
, die
Ethik
und
Politik
und die
Ästhetik
. Die
Logik
, die in einer Reihe von Schriften des Aristoteles behandelt wird, welche man unter dem Namen
Organon
zusammenfaßt (
katêgoriai, peri hermêneias, analytika protera, analytika hystera, topika, peri sophistikôn elenchôn
), behandelt die Lehre von den
Kategorien
, den durch die Existenzformen bedingten Grundbegriffen des Denkens (Substanz, Quantität, Qualität, Relation, Ort, Zeit, Lage, Haben, Tun und Leiden,
ousia
oder
ti esti, poson, poion, pros ti, pou, pote, keisthai, echeien, poiein
und
paschein
), die Lehre von den
Urteilen
und die Lehre von den
Schlüssen
. Die Aristotelische Logik ist die Grundlage der Logik bis nahezu zur Gegenwart geblieben. – Die
Metaphysik
des Aristoteles, die er selber
erste Philosophie
(
prôtê philosophia
) nennt, setzt sich mit Platon über das Verhältnis des Allgemeinen zum Einzelnen, der Idee zum Individuum auseinander. Nach Platon kommt der Idee höhere Existenz zu als dem Individuum, und das Allgemeine existiert als das wahrhaft Wirkliche, gesondert vom Einzelnen. Nach Aristoteles verdient das Allgemeine wohl einen höheren Wert als das Einzelne, hat aber keine gesonderte Existenz, existiert also nicht neben dem Vielen, sondern in dem Vielen. Die Metaphysik der Aristoten bestimmt sodann die Prinzipien des Seins. Die Grundformen des Daseins sind:
Form oder Wesen
(
morphê, eidos, hê kata ton logon onsia, to ti ên einai
),
Stoff
(
hylê, to hypokeimenon
),
Ursache
(
hothen hê archê tês kinêseôs
) und
Zweck
(
to on heneka
) (vgl. Met. I, 3, 983 a 26 ff.); reduziert werden aber diese vier metaphysischen Prinzipien auf zwei:
Form
und
Stoff
. Der Stoff ist nicht, wie Platon annahm, ein Nichtseiendes, sondern die Möglichkeit oder Anlage (
dynamis
), die Form ist die Vollendung der Anlage (
entelecheia
). Die Form fällt wenigstens bei organischen Wesen mit Zweck und bewegender Ursache zusammen. Die Bewegung ist der Übergang vom Möglichen zum Wirklichen. Das Bewegende und selbst Unbewegte ist die stofflose ewige Form, Gott, der göttliche Verstand (
nous
). – Die
Naturphilosophie
des Aristoteles handelt von der stofflichen in Bewegung oder Veränderung begriffenen Welt. Die Bewegung oder Veränderung besteht im Entstehn und Vergehn, in Zunahme und Abnahme, in qualitativer Wandlung und in der Ortsveränderung. Die Welt ist von endlicher Ausdehnung, aber ihrer Existenz nach ewig. Sie besteht aus dem Fixsternhimmel, der unmittelbar von der Gottheit bewegt wird, den Planetenhimmeln und der Erde, die im Mittelpunkt der Welt unbewegt ruht. Stofflich besteht die Welt aus dem Äther, dem Feuer, der Luft, dem Wasser und der Erde. Die Naturwesen bilden eine nach dem Prinzip der Zweckmäßigkeit gegliederte Stufenreihe von den Pflanzen zu den Tieren und zum Menschen. – In der
Psychologie
bestimmt Aristoteles die Seele als die erste Entelechie des physischen Leibes, welcher Leben der Anlage nach besitzt, womit er sie als Vollendung oder Erfüllung im Gegensatz zur Anlage, aber auch als nicht immer tätig, wie der göttliche Verstand es ist, sondern als nur immer im Körper vorhanden bezeichnen will. Die Seele ist die Form, die Bewegungsursache und der Zweck des Leibes. Bei der Pflanze ist die Seele nur das Ernährungsvermögen (
to threptikon
), beim Tiere besitzt sie außerdem das Wahrnehmungsvermögen, das Begehrungsvermögen und das Bewegungsvermögen (
to aisthêtikon, to orektikon, to kinêtikon kata topon
). Die menschliche Seele besitzt dazu den Verstand (
nous
) und bildet einen Mikrokosmos (eine Welt im kleinen). Der Verstand ist göttlichen Ursprungs und unsterblich. – In der
Ethik
bezeichnet Aristoteles die
Glückseligkeit
(
eudaimonia
) als das Ziel des menschlichen Strebens. Sie wird erreicht durch die vernünftige und tugendhafte Tätigkeit der Seele. Die Tugend ist die aus natürlicher Anlage durch Handeln herausgebildete Fertigkeit, das Vernünftige zu wollen. Die Tugenden sind entweder
ethische
oder
dianoëtische
. Die ethischen Tugenden wie Tapferkeit, Mäßigkeit, Freigebigkeit, Hochherzigkeit, Milde, Wahrheit, Gewandtheit im geselligen Verkehr, Freundlichkeit und Gerechtigkeit bestehen in der Besiegung der Begierden durch die Vernunft und sind stets ein Mittleres zwischen zwei Extremen. Die dianoëtischen Tugenden wie Vernunft, Wissenschaft, Kunst und praktische Einsicht sind die Ausbildungen der intellektuellen Anlagen des Menschen. – In der
Politik
bestimmt Aristoteles die Aufgabe des Staates. Der Mensch ist von Natur ein politisches Wesen (
politikon zôon
). Der Staat ist entstanden um des Lebens willen, hat aber seinen Zweck in dem sittlichen Leben, und seine Hauptpflicht ist die Bildung der Tugend und der Bürger. – In der
Ästhetik
steht Aristoteles auf formalistischem Standpunkt (vgl. Ästhetik). Das Schöne liegt in der Form. Die Kunst, welche Nachahmung ist, dient nach ihm der Unterhaltung, der zeitweiligen Befreiung von Affekten und der sittlichen Bildung. (Vgl. Ueberweg, Grundriß d. Gesch. d. Phil. I, §§ 45-50, Zeller, Gesch. d. griech. Philos. Bd. III.) Die Philosophie des Aristoteles ist demnach charakterisiert als logisch-begriffliche Verarbeitung des gesamten Wissensmaterials und Aufsuchung der obersten Prinzipien des Wissens. Ihr ganzes Streben ging darauf hin, die Sokratisch-Platonische Begriffsphilosophie zu einer die Erscheinungen, die Welt in ihrer ewigen Ordnung erklärenden spekulativen Theorie umzubilden. Sie hat hierdurch, wie durch die Unterordnung der praktischen Vernunft unter die theoretische und durch ihren dianoëtischen Tugendbegriff einen
intellektualistischen Charakter
angenommen. Dazu zeichnet sie sich aus durch ihre
Universalität
und durch die Fülle des empirischen Materials, die sie beherrscht und ordnet. In der Metaphysik ist Aristoteles realistischer und nüchterner als Platon, der die Ideen hypostasiert und die Ideenlehre poetisch ausschmückt, aber durch die Wertstellung, die dem Allgemeinen und den Ideen auch bei Aristoteles zuteil wird, und durch seinen Gottesbegriff, der auf Anaxagoras zurückgeht, rückt sein System doch mehr in die Systeme des Idealismus als die des Realismus ein, und durch die Anordnung der Welt nach dem Zweck-System wird sein System
teleologischer Idealismus
. In der Ethik ist Aristoteles
Eudämonist
, in der Ästhetik
Formalist
. Auf allen Gebieten der Philosophie hat er anregende Untersuchungen geführt, und für lange Zeiten ist er Ausgangspunkt der Philosophie geblieben. Aber die empirischen Fundamente seiner Philosophie sind unzureichend gewesen, und zur völligen Klärung der obersten Prinzipien hat es seine Philosophie nicht gebracht. Der Aristotelismus, als Philosophie des Aristoteles und als dominierende Weltphilosophie, ist erst durch den
Kantianismus
(s. d.) völlig überwunden worden.
Aristotelismus
heißt 2. die Philosophie der Schüler des Aristoteles, d. h. die
peripatetische Philosophie
(s. Peripatetiker), die wesentlich an den Lehren des Meisters festhält.
Aristotelismus
heißt 3. die arabische Philosophie seit dem 8. Jahrh. n. Chr., deren Hauptvertreter
Avicenna
(980 bis 1037) und
Averröes
(1126-1198) waren (vgl. Averroismus). Der arabischen Philosophie schloß sich die jüdische Philosophie des Mittelalters, vertreten durch
Gabirol
(geb. um 1020, 1069 od. 70) und
Maimonides
(1135-1204), an.
Aristotelismus
heißt 4. die christlich-scholastische Philosophie seit dem 12. Jahrh., die an die arabischen Bearbeitungen des Aristoteles anknüpft. Den Aristotelismus verband am innigsten mit der Kirchenlehre
Thomas von Aquino
(1225 bis 1274), dessen System das maßgebende für die katholische Kirche ward. (Vgl. Katholizismus und Philosophie und Neu-thomismus.)
Aristotelismus
heißt 5. diejenige Strömung der Renaissancephilosophie, die die reine Lehre des Aristoteles im 15. und 16. Jahrhundert zurückzugewinnen versuchten. Sie spalteten sich in Alexandristen (s. d.), zu denen vor allen
Petrus Pomponatius
(1462-1530) und Averroisten, zu denen
Achillinus
(1463-1518) und
Niphus
(1473-1546) gehörten. Aristoteliker in dieser Form war auch
Melanchthon
.
Aristotelismus
heißt 6. die Philosophie
Adolf Trendelenburgs
(1802-1872), der aber selbständig eine konstruktive, durch den Zweck geleitete Bewegung in das System des Aristoteles einfügte.
Arrhepsie
Arrhepsie
(gr.
arrhepsia
), Gleichgewicht der Seele, Gemütsruhe, heißt der Gemütszustand, der durch die Zurückhaltung im Urteil von den Skeptikern angestrebt wurde (Diog. Laert. IX, § 74:
Dia tês oun Ouden horizomen phônês to tês arrhepsias pothos dêloutai
. Siehe Aoristie, Aphasie, Epoché, Ataraxie).
Art
Art
(lat. species, gr.
eidos
) heißt in der organischen
Natur
die Einheit verwandter Einzelwesen, welche ihre Eigenschaften aufeinander vererben. Sie ist den Individuen übergeordnet und von diesen nur durch die Zusammenfassung in Abart oder Rasse, Unterart und Spielart oder Varietät getrennt; dagegen ist sie der Gattung untergeordnet. So bezeichnet die Art Leo (Löwe) eine Tierart, die eine Reihe von Spielarten (Löwe vom Senegal, Berberlöwe, Löwe vom Kap der guten Hoffnung und Abessynien, persischer Löwe, Löwe von Gudscherat) in sich einschließt, während die Gattung Felis (Katze) ist. Die Art ist also von den Kategorien der Systeme des Tier- und Pflanzenreichs die wichtigste, weil sie die elementare systematische Einheit ist, die in der Regel nicht weiter auflösbar ist. Zur Bestimmung der Art werden die Merkmale verwendet, die noch bei einer großen Anzahl von Individuen konstant sind. Von den Arten der organischen Natur behaupteten John Ray ( 1704), K. Linné ( 1778) und G. Cuvier ( 1832), sie seien die von Gott erschaffenen,
voneinander abgeschlossenen und unveränderlichen
Vereinigungen derjenigen Organismen, welche von denselben Eltern abstammen und einander ähnlich sind.
Darwin
(1809-1882) aber bestritt die
Abgeschlossenheit und Unveränderlichkeit
(Konstanz) der Arten und stellte die Theorie ihrer allmählichen Entstehung aus Varietäten auf: Die Arten sind konstant gewordene Varietäten. (On the origin of species by means of natural selection 1859.) Neuerdings streitet mit dem Darwinismus die Mutationstheorie. (Vgl. Darwinismus; Mutation.) Vgl. Fr. v. Wagner, Tierkunde, Leipzig 1897. – In der Logik heißt dagegen allgemein ein Begriff, der in einem höheren enthalten ist (z. B. Vogel in Tier), die Art, während der höhere Begriff die Gattung genannt wird. Das Verhältnis ist hier nur relativ. Der Artbegriff ist selbst wiederum für niedere Artbegriffe die Gattung; z. B. ist Vogel die Gattung, während Raub- und Wasservogel die Arten sind. Die Logik kennt hier keine Grenzen, da sich durch Hinzutun irgend eines Merkmals immer neue Arten bilden lassen, während in Wirklichkeit die Grenze da ist, wo Art und Individuum zusammenfallen. Logische Definitionen (s. d.) eines Begriffes bestehen in der Angabe des Gattungsbegriffes (genus proximum) und des Artunterschiedes (differentia specifica).
Artefakt
Artefakt
(vom. lat. ars = Kunst, facio = machen) heißt Kunstprodukt, Kunsterzeugnis, Kunstwerk. Gegensatz dazu ist Naturprodukt.
Asëität
Asëität
(aseitas, mittelalt. lat.), Allgenügsamkeit, bezeichnet bei den Scholastikern die vollständige Unabhängigkeit Gottes von allen Dingen außer ihm selbst.
Asketik
Asketik
(v. gr.
askêtikos
= arbeitsam) heißt eigentlich die Arbeitsübung, dann in abgeleiteter Bedeutung die Tugendübung. Man nennt so den Teil der Ethik, welcher von den Mitteln, tugendhaft zu werden, von der Bezähmung und Läuterung der Triebe und Begierden handelt. Im besonderen versteht man unter Asketik (oder Askese) die Lebensweise der Mönchsorden im Mittelalter, die sich bestrebten, die sinnliche Natur durch Weltflucht, Entsagung, Zucht und Kasteiung und beschauliches Leben nach Möglichkeit abzutöten, was ihnen nur unvollkommen gelingen konnte.
asomatisch
asomatisch
(vom gr.
asômatos
= unkörperlich) heißt körperlos, unkörperlich;
Asómaton
heißt ein körperloses Wesen, ein Geist, z. B. Gott. Für die Stoiker und Epikureer galt der obere Raum als asomatisch (Diog. Laert. VII, § 140 sagt von den Stoikern:
'Exôthen autou [= tou kosmou] einai to kenon apeiron. hoper asômaton einai ktl.
, X § 67, von Epikur:
kath' heautou ouk esti noêsai to asômaton plên epi tou kenou
).
Asomatosis
, Körperlosigkeit.
Asophie
Asophie
(gr.
asophia
) heißt Mangel an Weisheit, Torheit.
Asot / Asotie
Asot
(gr.
asôtos
) heißt Schwelger, Lüstling;
Asotie
heißt Schwelgerei.
assertorisch
assertorisch
(v. lat. assertorius = das Urteil betreffend) heißt ein Urteil seiner
Modalität
(s. d.) nach, welches ohne jeden Zusatz etwas als wahr oder wirklich behauptet oder leugnet, während das
problematische
Urteil etwas als möglich, das
apodiktische
Urteil etwas als notwendig hinstellt. Das bejahende assertorische Urteil hat die Form: A ist B, das problematische: A kann B sein, das apodiktische: A muß B sein. Ein Beispiel für das assertorische Urteil ist: Ellipsen sind Kegelschnitte.
Kant
definiert: Assertorische Urteile sind solche, da das Bejahen und Verneinen als wirklich betrachtet wird (Kr. d. v. V. S. 74).
Assimilation
Assimilation
(lat. von ad und similis), eigentl. Verähnlichung, heißt die Aufnahme fremder Stoffe in einen Organismus und ihre Umwandlung in seine Substanz. Die Assimilation findet nicht nur auf körperlichem, sondern auch auf geistigem Gebiete statt. Vgl. Assoziation.
Assoziation
Assoziation
(aus dem Lat. von associare = beigesellen) heißt eigentl. Vergesellschaftung, gesellige Verbindung. –
Ideenassoziation
heißt diejenige natürliche Verbindung unserer Vorstellungen, welche ohne unseren Willen entsteht und die Wirkung hat, daß die Vorstellungen einander unwillkürlich hervorrufen. Schon
Platon
(427-347) und
Aristoteles
(384-322) kennen sie, aber erst die neuere Psychologie hat sie gründlicher untersucht. Am allgemeinsten aufgefaßt, ist die Ideen-Assoziation im Wesen nicht unterschieden von dem, was man Phantasie nennt, sofern darunter das nicht durch Wille und Vernunft gelenkte Spiel unserer Vorstellungen gemeint ist. Das Phantasieren des Kindes, des Dichters und Musikers, der Witz und das Wortspiel des geistreichen Menschen, die Bilder und Gleichnisse des Redners, das Gedächtnis und die Erfindungskraft des Gelehrten – alles hängt von der Ideenassoziation ab. Trotz ihrer scheinbaren Regellosigkeit lassen sich für die in dieser Weise bestimmte Assoziation
Gesetze
aufstellen, nämlich 1. das Gesetz der
Zeitfolge und Gleichzeitigkeit
(lex successionis et simultaneitatis): Vorstellungen, welche wir hintereinander oder zugleich empfangen, assoziieren sich und rufen einander hervor: So erinnern Orte an Ereignisse, welche dort vorgefallen sind, und gleichzeitige Ereignisse aneinander; Wenn jemand zwei Personen zugleich kennen gelernt hat, fällt ihm, sobald er die eine sieht, die andere ein; 2. das
Gesetz der Ähnlichkeit
und
des Kontrastes
(lex similitudinis et oppositionis): Einander ähnliche Vorstellungen von Personen, Sachen, Gegenden, Ereignissen rufen sich gegenseitig hervor; aber auch Gegensätze, z. B. die Vorstellung von Himmel und Hölle, Engeln und Teufeln, Tugenden und Lastern u. dgl. tun dasselbe; hierzu kommen auch noch die
Korrelata
, wie Ursache und Wirkung, Zweck und Mittel, Ganzes und Teile, Subjekt und Objekt u. s. f. Eine fruchtbare Ideenassoziation ist die Voraussetzung alles künstlerischen und wissenschaftlichen Schaffens. – Strenger philosophisch gefaßt hat den Assoziationsbegriff
die empiristische Philosophie des 18. Jahrhunderts
und ihre Nachfolger. Für sie ist nach dem Vorgange von
Hartley
(1704 bis 1757) und
David Hume
(1711-1776) Assoziation die Verbindung der Vorstellungen, die sich bei passivem Bewußtseinsstande bildet, und ihre Reproduktion. (Vgl. Hume, Inquiry concerning Human Understanding, Section III und Assoziationspsychologic.) Der so gefaßte Assoziationsbegriff war aber insofern nicht haltbar, als die von dem Empirismus bei der Assoziation als Einheiten zugrunde gelegten Vorstellungen keine Einheiten sind, sondern selbst aus Verbindungen hervorgehen, und auch insofern, als eine Reproduktion im strengen Sinne, eine unveränderte Wiederhervorbringung früherer Vorstellungen nicht stattfindet. Auch berücksichtigt der empiristische Assoziationsbegriff nicht die Verbindung der Vorstellungen mit Gefühlen und Bestrebungen. – Neuere, wie
Wundt
(geb. 1832), haben deswegen den Assoziationsbegriff einer Berichtigung unterzogen, indem sie darunter die passive Verbindung der
Elemente
unseres Bewußtseinsinhaltes verstehen. Wundt scheidet sie in Verschmelzungen, Assimilationen, Komplikationen und sukzessive Assoziationen. Die
Verschmelzungen
sind die festen Assoziationen psychischer Elemente, durch die alle in unserm Bewußtsein vorhandenen psychischen Gebilde erst entstehen. Durch die
Assimilationen
bilden sich Veränderungen gegebener psychischer Gebilde unter Einfluß der Elemente anderer Gebilde. Durch die
Komplikationen
verbinden sich ungleichartige psychische Gebilde, und durch die
sukzessiven Assoziationen
entstehen im Anschluß an die simultanen Verschmelzungen Assimilationen und Komplikationen Verbindungen zeitlich aufeinanderfolgender psychischer Gebilde. (Vgl. Wundt, Grundriß der Psychologie, Leipzig 1905, § 16, S. 271-307.)
Assoziationspsychologie
Assoziationspsychologie
ist eine Richtung der neueren Philosophie, die besonders in England entstanden ist, auf
Hartley
(1704-1757) und
Hume
(1711-1776) basiert und Männer wie
James Mill
(1775-1836),
Stuart Mill
(1806-1873),
Herbert Spencer
(1820-1904),
Alexander Bain
(1818-1903) und
George Lewes
(geb. 1867) zu ihren Vertretern gehabt und auch in Frankreich und Deutschland namhafte Anhänger gefunden hat. Die Schule der Assoziationspsychologen schließt die Metaphysik von der Psychologie aus und hält sich an das Studium der Erscheinungen des Seelenlebens. Sie bearbeitet dieselben beobachtend, experimentierend und vergleichend und beschränkt sich nicht auf das Leben des Erwachsenen oder des Menschen, sondern zieht jede menschliche Altersstufe und auch die niederen Organismen in die Untersuchung hinein. Es scheidet sie keine feste Grundlinie von der Physiologie. Sie findet in dem Bewußtsein eine ununterbrochene Reihe von Sinneswahrnehmungen, Vorstellungen, Willensregungen, Empfindungen etc. Die Grundlage alles Seelenlebens sind verschiedene und ähnliche Wahrnehmungen des muskularen, organischen, Geschmacks-, Geruchs-, Tast-, Gehörs- und Gesichtssinnes. Das Grundgesetz aller Seelenphänomene ist aber das
Assoziationsgesetz
, das in der Psychologie etwa dieselbe Bedeutung hat wie in der Physik das Attraktionsgesetz. Durch Assoziation verbinden sich entweder gleichartige Seelenvorgänge, z. B. sinnliche Wahrnehmung mit sinnlicher Wahrnehmung, Vorstellung mit Vorstellung, oder ungleichartige, z. B. Wahrnehmung und Willensregung, Empfindung mit Vorstellung etc. Die Assoziation erfolgt 1. zwischen dem Ähnlichen, 2. zwischen dem, was sich (zeitlich und räumlich) berührt. Durch Assoziation entstehen 1. die Aufeinanderfolge, 2. die Gleichzeitigkeit. Die Aufeinanderfolge ist das ganze Leben des Bewußtseins. Die Gleichzeitigkeit erwächst aus ihr da, wo die Reihenfolge der Glieder umkehrbar ist. Die Kausalität ist nichts weiter als die konstante und gleichförmige Aufeinanderfolge. Das, was unveränderlich vorausgeht, heißt Ursache, was unveränderlich folgt, Wirkung. Die Gesamtheit aller Beziehungen der Aufeinanderfolge ist die Zeit, die Gesamtheit aller Beziehungen der Gleichzeitigkeit ist der Raum. Ihre Unendlichkeit ist nur der subjektive Zwang, über jede gegebene Grenze hinausgehn zu können. – Die Assoziationspsychologie, deren stärkere Seite bisher die Bearbeitung der Erkenntnis, deren schwächere Seite die Bearbeitung des Willens- und Gefühlslebens gewesen ist, läuft auf einen erkenntnistheoretischen Standpunkt hinaus, der als physiologisch umgestalteter Kantianismus bezeichnet werden kann. Sie sieht in der Seele weder ein leeres Blatt, wie die Sensualisten es sehen, noch folgt sie den Rationalisten in der Lehre von den angeborenen Ideen und Fertigkeiten, noch sucht sie mit Kant auf dem Wege der Abstraktion ein Apriori zu finden; aber sie schreibt der Seele eine Spontaneität zu, deren Einzelheiten zum Teil durch Vererbung entstanden sind. Die Assoziationspsychologie ist ein großer Fortschritt der Psychologie bezüglich der Methode gewesen, aber sie ist überholt durch Berichtigung ihres Grundbegriffes, durch Gründung der Psychologie auf Physiologie durch Anwendung der Psychophysik und durch Ausbildung des Apperzeptionsbegriffs, und sie hat die Schwäche aller positivistischen Richtungen in der Philosophie. Sie verkennt, daß in den metaphysischen Untersuchungen doch erst der Abschluß aller philosophischen Probleme zu suchen ist. Ein gut über die Assoziationspsychologie orientierendes Buch ist das von Th.
Ribot
, La psychologie anglaise contemporaine. Paris 1875. Vgl.
Herbert Spencer
, Principles of Psychology 1855. 5. Aufl. 1890.
Astasie
Astasie
(gr.
astasia
) heißt Unstetheit, Unruhe;
astatisch
heißt unstet, unruhig. (Vgl. auch Abasie-Astasie.)
Asthenie
Asthenie
(gr.
astheneia
) heißt Kraftlosigkeit, körperliche oder geistige Schwäche;
asthenisch
heißt kraftlos, schwach. Asthenisch nennt man eine Klasse von Affekten (s. d. ). Vgl. sthenisch.
Astralgeister
Astralgeister
heißen nach dem Glauben des Orients im Altertume Geister der Gestirne, nach dem Glauben des Mittelalters bald gefallene Engel, bald die Seelen Abgeschiedener, bald aus Feuer entstandene Geister.
Astralleib
Astralleib
ist nach
Paracelsus
(1493-1541) ein unsichtbarer und ungreifbarer Leib, der als tätige Kraft und Lebensgeist im irdischen Leibe waltet. Der moderne
Occultismus
, d. h. das Studium der geheimnisvollen Vorgänge des Seelenlebens (Hypnose, Somnambulismus etc.), die durch die uns bekannten Naturkräfte nicht genügend erklärt werden, hält an der Annahme der Existenz eines Astralleibes oder Metaorganismus im einzelnen Individuum fest.
Astrologie
Astrologie
(gr.
astrologia
), ursprünglich von gleicher Bedeutung wie Astronomie, heißt später die angebliche Wissenschaft oder Kunst, aus den Sternen das Geschick der Menschen zu deuten. Dieser uralte, noch heute nicht vollständig überwundene Aberglaube blühte vom 14. – 16. Jahrh., empfing aber durch das kopernikanische System den Todesstoß, durch welches die Erde zum Planeten unter Planeten herabsank. Vgl.
Mensinger
, Über ältere und neuere Astrologie. Berlin 1872.
Häbler
, Astrologie im Altertum 1879.
Ataraxie
Ataraxie
(gr.
ataraxia
) heißt Seelenruhe. Die alten Skeptiker suchten sie durch die Zurückhaltung im Urteil zu erreichen (siehe auch unter
Arrhepsie
) und stellten sie als das ethische Ziel ihrer Philosophie auf. Vgl. Skepsis.
Atavismus
Atavismus
(lat. v. atavus Vorfahr) heißt Rückschlag. Hiermit bezeichnet man das Gesetz der Erblichkeit, nach dem gewisse körperliche und geistige Anlagen entfernter Ahnen in den späteren Nachkommen wieder hervortreten. Es gibt zwei Arten der Vererbung, die
erhaltende
(konservative), die darin besteht, daß ein Organismus die selbst ererbten Eigenschaften auf seine Nachkommen forterbt, und die
fortschreitende
(progressive), die dann stattfindet, wenn ein Organismus die selbst erworbenen Eigenschaften vererbt. Durch die erhaltende Vererbung können nun die Eigenschaften entweder schon auf die erste Generation der Nachkommen übergehen (ununterbrochene Vererbung) oder (gesetzmäßig oder gelegentlich) erst in einer späteren Generation oder bei einem einzelnen Individuum einer späteren Generation hervortreten. In diesem Falle redet man von einem Rückschlag oder
Atavismus
.
Ataxie
Ataxie
(gr.
ataxia
), Ordnungslosigkeit, ist nach
Wundts
Erklärung (Grundz. d. physiol. Psychol. I, S. 97) die mangelnde Ordnung der Körperbewegungen bei erhaltener Kontraktionsenergie der motorischen Bahnen. Sie ist eine gewöhnliche Folge anästhetischer (empfindungsloser) Zustände der Bewegungsorgane des Menschen.
Atelie
Atelie
(gr.
ateleia
) heißt Zwecklosigkeit, Unzweckmäßigkeit.
Athambie
Athambie
(gr.
athambia
) heißt Unerschrockenheit, von Furcht freie Seelenruhe.
Demokritos
( 360 v. Chr.) betrachtete sie als das höchste Glück (Cic. de fin. V, 39, 87. Stobaios Ecl. II, 76).
Athanasie
Athanasie
(gr.
athanasia
) heißt Unsterblichkeit.
Athanatismus
heißt Verewigung, Vergötterung und Glaube an die Unsterblichkeit.
Athanatologie
heißt Unsterblichkeitslehre.
Athaumasie
Athaumasie
(gr.
athaumasia, athaumastia
), Verwunderungslosigkeit (
ouden thaumazein
) allem gegenüber, was überrascht und auffällig erscheint, wie z. B. die Ebbe und Flut, die feuerspeienden Berge, sah
Zenon
, der Stoiker (ca. 350-258), als Kennzeichen des Weisen an. (Diog. Laert. 7, § 12f.)
Horaz
nimmt diese Gedanken auf Epist. I, 6, 1: Nil admirari prope res est una, Numici, solaque, quae possit facere et servare beatum. –
Platon
(427-347) dagegen sah in der Verwunderung den Anfang der Weisheit.
Atheismus
Atheismus
(franz. athéisme v. gr.
atheos
= gottlos), Gottlosigkeit, bezeichnete
bei den Alten die Verachtung der vom Staat anerkannten Götter
, so daß Anaxagoras, Sokrates, Aristoteles u. a., ja später auch die Christen des Atheismus beschuldigt wurden.
Allgemeiner
versteht man unter Atheismus
die Leugnung des Daseins Gottes
, und es gibt einen theoretischen und praktischen Atheismus. Jener leugnet Gottes Dasein aus Prinzip, dieser aus Gleichgültigkeit. Die Wissenschaft hat es nur mit jenem zu tun, der die einseitige Anerkennung der greif- und sichtbaren Realität ist. Der Atheismus erwächst in der neueren Philosophie aus dem
Pantheismus
, wenn er Gott ganz im All aufgehn läßt (Ed. v. Hartmann), aus dem
Sensualismus
(Hume, Condillac, Bonnet), der als einzige Erkenntnisquelle die Sinnestätigkeit ansieht und in jedem psychischen Vorgang nichts als eine umgebildete Sinnesempfindung sucht, aus dem
Skeptizismus
(Hume), der jeden Glauben negiert, aus dem
Positivismus
(Comte), der alles metaphysische Wissen ablehnt, aus dem
Naturalismus
, der nur bei den Zeugnissen der Sinne und der äußeren Erfahrung stehn bleibt und außer der Kausalität und Natur nichts anerkennt, aus dem
Materialismus
(Mechanismus und Dynamismus), der dem Körper die Existenz zuspricht und dem Allgemeinen, der Idee, dem Geiste die Existenz abspricht (Franz. Philos. des 18. Jahrh.), und aus der
materialistischen Ethik
(Hedonismus, Eudämonismus, Utilitarismus), die das Streben der Menschheit nur durch ihre natürlichen Bedürfnisse, Triebe und Anlagen bestimmt sein läßt. Aber alle diese methodischen, erkenntnistheoretischen, metaphysischen und ethischen Richtungen der neueren Philosophie erfassen die Welt und das Dasein nur unvollständig. Die Welt der Sinneserfahrung ist nicht mehr als die halbe wirkliche Welt, und die eigenen Methoden und Schlußfolgerungen der Erfahrungswissenschaften drängen über das Sinnenbild der Natur hinaus. Die materielle Welt, für sich genommen, ist nichts anderes als die beharrliche Möglichkeit der menschlichen Empfindung, und die Zergliederung der Außenwelt führt überall zu unlösbaren Schwierigkeiten, die uns die Grenzen äußerer Erfahrung zum Bewußtsein bringen. Das Weltbild ist, solange wir bei den bloßen Naturobjekten und Naturvorgängen stehn bleiben, stets lückenhaft und unbefriedigend und fordert zu Ergänzung aus anderer Quelle heraus, ohne die unser metaphysischer Trieb nicht zur Ruhe kommt. Es gilt hier das Wort Bacons: Leves gustus in philosophia movere fortasse ad atheismum, sed pleniores haustus ad religionem reducere, das Reinhold Hoppe (Die Elementarfragen der Philosophie S. 83) so wendet: »Die Gottesleugnung beruht auf der Verschweigung von Tatsachen. Die Erfahrung der Existenz Gottes wächst mit jeder neuen Erkenntnis«. – Von den neueren Systemen sind entschieden atheistisch das
Schopenhauers
, E. v.
Hartmanns
und
Fr. Nietzsches
. Hier ist der treibende Gedanke der Pessimismus gewesen, der der Welt die Vollkommenheit abspricht und ihren Untergang fordert. Sie beruhen auf falschen Ansprüchen des Individuums und auf falscher Bilanz der Freuden und Leiden des Daseins, und auch ihnen gegenüber gilt der Satz: Der Gottesbegriff ist der Schlußstein der ganzen Philosophie, und Atheismus ist nur ein Resultat kurzsichtiger Einseitigkeit. Mit dem Atheismus hängen zusammen die Versuche, einen religiösen Kultus »ohne Gott« herzustellen, wie sie die Epikureer, Holbach, die französ. Revolution (Être Supreme), Dav. Strauß, Aug. Comte u. a. gemacht haben. Vgl.
Hume
, Dial. concern. Natural Religion. 1779.
Schleiermacher
, Reden üb. d. Relig. 1799.
Ulrici
, Gott u. d. Natur. 1875. F. A.
Lange
, Gesch. d. Materialismus 4. Aufl. 1881. A. J.
Balfour
, Die Grundlagen des Glaubens, deutsche Übersetzung von R. König. 1896.
Reinhold Hoppe
, Die Elementarfragen d. Philosophie. 1897.
Atheoresie
Atheoresie
(gr.
atheôrêsia
) heißt Unkenntnis, Unkunde.
Athesie
Athesie
(gr.
athesia
) heißt Unbeständigkeit, Bundbrüchigkeit.
Athesmie
Athesmie
(gr.
athesmia
) heißt Gesetzlosigkeit, Zügellosigkeit.
Atom
Atom
(gr.
hê atomos
= der unteilbare Stoffteil), das Unteilbare, heißt ursprünglich der kleinste Teil der Materie, welcher als das eigentlich Reale der Welt angesehen wurde.
Leukippos
und
Demokritos
(im 5. Jahrh. v. Chr.), die Begründer der atomistischen Lehre, definierten die Atome als kleinste, starre, unteilbare und undurchdringliche Körperchen (corpuscula), welche, ungeworden und unzerstörbar, sich in unendlicher Anzahl im leeren Raume befinden und sich nicht qualitativ, sondern nur quantitativ durch Gestalt, Lage und Anordnung voneinander unterscheiden. Zwischen den Atomen ist der leere Raum. Dieser ist die Voraussetzung für die Mehrheit der Atome und für ihre Bewegung, folglich für alle Veränderung. Den Atomen wohnt eine Bewegung seit Ewigkeit inne, die gleichmäßig schnell von oben nach unten geht. Die gewöhnlichen Dinge sind nur Anhäufungen von Atomen.
Epikuros
(341-270) hingegen, der die Lehre Demokrits erneuerte, wollte ihnen eine kleine Abweichung von der senkrechten Bewegung beilegen, um so die Verschiedenheit der Dinge und die Willensfreiheit zu erklären. Auch die Seele besteht bei ihm aus materiellen Teilchen, wenn auch aus sehr feinen, glatten, runden und daher beweglichen. Unsere Wahrnehmungen beruhen auf unendlich feinen stofflichen Abbildern der Dinge, die sich von ihnen ablösen und durch die Sinne in die Seele eindringen. Die Lehre Epikurs hat von den Römern nachdrücklich T.
Lucretius Carus
(98-55) in seinem Gedichte, De rerum natura, vertreten. – Diese physische Atomistik ward in der Neuzeit von
Gassendi
(1592-1655),
Hobbes
(1588 bis 1679),
Diderot
(1713-1784),
Holbach
(1723-1789) und jüngst von
Vogt, Büchner
und
Moleschott
verteidigt. – Die moderne Physik und Chemie bedient sich ganz allgemein des Hilfsbegriffs der Atome. Da aber die Teilung eines Körpers in kleinere Teile geometrisch ins Unendliche fortgesetzt werden kann, können die Atome nicht als wirkliche Grundbestandteile der realen Welt angesehen werden, sondern nur als Hilfsbegriffe der Forschung, als Denkmittel. Daher haben auch andere Philosophen die Atome verworfen und statt ihrer entweder geistige Einheiten oder kleinste Substanzteilchen oder Kraftzentren angenommen. So
Giordano Bruno
(1548 bis 1600),
Leibniz
(1646-1716),
Herbart
(1776-1841) und
Lotze
(1817-1881). – Nach neuerer naturwissenschaftlicher Anschauung sind die Atome Ansammlungen zahlreicher positiv und negativ geladener Teilchen, die Korpuskeln oder Monaden genannt werden, von der Größe 0,2 m
m
[1 m
m
d. h. Millimikron = 1/1000000 Millimeter]. Vielleicht besteht (nach Thomson) die Verschiedenheit der Atome nur in der verschiedenen Anzahl der Korpuskeln (s. d.), wodurch sich das verschiedene Gewicht der Atome erklären würde. Zusammengehalten werden die Atome kraft der elektrischen Attraktion der Korpuskeln. Letztere befinden sich in Wirbelbewegung, wodurch die zentrifugale Kraft entsteht, welche das Zusammenstoßen dieser elektrischen Monaden verhindert. Wahrscheinlich besteht die Elektrizität nur in der Wirbelbewegung der Korpuskeln. Vgl.
Fechner
, die physikal. und philos. Atomenlehre. 2. Aufl. Leipzig 1864. Vgl. Dynamismus, Monadologie, Homoeomerien, Molekül, Korpuskeln.
Atonie
Atonie
(gr.
atonia
) heißt die Abspannung, der Mangel an Spannkraft und Elastizität der tierischen Gewebe.
Atopie
Atopie
(gr.
atopia
) heißt Ungehörigkeit, Unschicklichkeit.
Atremie
Atremie
(gr.
atremia
), heißt der nervöse Zustand, bei welchem die Kranken jahrelang das Bett nicht verlassen und nicht zu gehn vermögen, obgleich ihre Bewegungsfähigkeit sonst normal ist.
Attraktion
Attraktion
(lat. attractio) heißt Anziehung (vgl. d. W.).
Attribut
Attribut
(lat. von attribuo = beilegen) heißt eigentlich das Beigelegte, dann das Merkmal, die Eigenschaft, das Kennzeichen eines Dinges.
Descartes
(1596-1650) versteht unter Attributen die wesentlichen nicht wechselnden Merkmale der Substanz. Bei
Spinoza
(1632-1677) hat das Attribut den besonderen Sinn, daß darunter die denknotwendigen Prädikate der Substanz verstanden sind, welche der Verstand an der Substanz als deren Wesen ausmachend erfaßt. Die Substanz hat unendlich viele Attribute, aber unser Verstand kann nur zwei davon fassen, nämlich Denken und Ausdehnung; denn alles, was er begreift, ist entweder etwas Denkendes oder Ausgedehntes. Vgl. Modus. Diese Begriffsbestimmung Spinozas ist unklar und nicht widerspruchsfrei. Sie läßt zweifelhaft, ob die Attribute der Substanz nur vom Verstande der Substanz beigelegt werden und nur im Betrachter existierende Erkenntnisformen sind, oder ob sie als reale Eigenschaften der Substanz betrachtet werden müssen, aus denen diese besteht. Die letztere von K. Fischer vertretene Ansicht kommt der Auffassung Spinozas jedenfalls näher als die erstere, welche Erdmann verteidigt hat. – In den
bildenden Künsten
sind Attribute dem Hauptgegenstande der Darstellung beigegebene Zeichen bestimmter Eigenschaften oder Zustände, also Symbole, wie etwa der Blitz des Zeus, die Schlüssel des Petrus, das Schwert des Paulus.
Auffassung
Auffassung
heißt die Aneignung einer Vorstellung oder eines Gedankens durch das individuelle Bewußtsein;
Auffassungsvermögen
heißt die Anlage dazu. Zur Auffassung, welche noch keine Beurteilung der Sache einschließt, gehört nicht bloß die Rezeptivität (Empfänglichkeit), sondern auch die Reproduktion und geistige Durcharbeitung. Von der Auffassung der Dinge, die etwas Individuelles an sich hat, hängt unser Urteil und auch unsere Handlungsweise ab.
Aufklärung
Aufklärung
ist das Streben des 18. Jahrhunderts, Klarheit des Urteils durch vorurteilfreies Denken zu verbreiten. Dies geschah durch philosophische Betrachtung, populäre, d. h. leichtverständliche Darstellung der Wissenschaft und durch Bekämpfung der Vorurteile und des Aberglaubens. Nachdem schon
Bacon
(1561-1626),
Spinoza
(1632-1677) und
Locke
(1632-1704) diese Geistesrichtung im 17. Jahrhundert vorbereitet hatten, wetteiferten im 18. Jahrh. deutsche, englische und französische Denker, die Philosophie des gesunden Menschenverstandes zu verbreiten. Zu ihnen gehören die »Freethinkers« in England, die Enzyklopädisten in Frankreich und die Rationalisten in Deutschland, denen Männer wie Friedrich der Große, Lessing, Mendelssohn, Nicolai beizugesellen sind. Da aber einzelne Denker, wie z. B. Bahrdt, Nicolai, Lamettrie und Holbach, ins Extrem gingen, alles Religiöse als Pfaffentrug, alles Übersinnliche als Aberglaube bekämpften, so kam die Aufklärung bei den Jüngeren im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts in Mißkredit, und Hamann, Herder, Goethe, auch
Kant
und die Romantiker traten gegen den Rationalismus auf. Namentlich haben die älteren Romantiker der Richtung der Aufklärung ein Ende bereitet. Vgl.
Kant
: Was ist Aufklärung?
Lecky
, Gesch. d. Aufklärung in Europa; a. d. Engl. Leipzig 1873.
Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeit
ist die mehr oder weniger absichtliche und anhaltende Hinlenkung des Bewußtseins auf eine zu erwartende Vorstellung, Vorstellungsmasse oder Sinnesempfindung, durch welche diese leicht, klar und deutlich aufgefaßt wird. Voraussetzung für sie ist das Interesse (s. d.), welches uns entweder unwillkürlich anzieht oder unseren Willen zu energischer Betätigung anspornt. Die beim Zustandekommen der Aufmerksamkeit zusammenwirkenden Vorgänge sind folgende: Eine äußere oder innere Reizung erzeugt eine Empfindung, Anschauung, Vorstellung, Erinnerung oder ein Phantasiebild. Dieses übt einen verstärkenden Einfluß sowohl auf die Empfindungstätigkeit als auch auf die Bewegungsmuskeln, in denen Spannungen hervortreten, aus. Die so erhöhte Bewußtseinsstärke ermöglicht die leichtere, schnellere, klarere und bestimmtere Erfassung neuer Reizungen und ihre bessere Verarbeitung. Man kann hierbei von einem sukzessiven Einrücken der Vorstellung in das Blickfeld und in den Blickpunkt des Bewußtseins reden. In der Aufmerksamkeit verbindet sich also wie in jedem Akt der Apperzeption (s. d.) immer Bewußtseins- und Willenstätigkeit. Je nachdem die hierbei erzeugte innere Willenstätigkeit geringer oder größer ist, kann man von unwillkürlicher und willkürlicher oder besser von passiver und aktiver Aufmerksamkeit reden. (Siehe Wundt, Grundz. d. phys. Psych. II, S. 253 ff. Grundriß der Psych. § 15.) Anhaltende Aufmerksamkeit ermüdet bald den Geist, einseitige schädigt ihn. – Die Aufmerksamkeit auf sich selber ist Selbstbeobachtung; Aufmerksamkeit im sittlichen Sinne heißt s. a. Rücksichtnahme auf andere. Vgl. Jean Paul, Levana § 133. Th. Ribot, Psychologie de l'attention. 1889.
Aufopferung
Aufopferung
ist die Verzichtleistung auf unseren eigenen Vorteil; sie ist die höchste Leistung der Liebe und bildet das Gegenteil zu der Handlungsweise der uns angeborenen Selbstsucht. Je selbstloser die Aufopferung geschieht, desto wertvoller ist sie. Bisweilen steigert sie sich zur Aufopferung des Lebens (Alkestis, Decius Mus, Winkelried und die Märtyrer). Vgl. Altruismus.
Aufrechtsehen
Aufrechtsehen
(das). Auf der Netzhaut entsteht beim Sehprozeß ein umgekehrtes verkleinertes Bild des vor dem Auge befindlichen Gegenstandes. Trotzdem sehen wir den Gegenstand aufrecht. Die Erklärung dieses Vorgangs hat große Schwierigkeit gemacht; man hat ihn physikalisch, physiologisch oder psychologisch zu deuten gesucht.
Cartesius
(1596-1650) nahm eine die Umkehrung ausgleichende Nebeneinanderlagerung der Sehnervenfasern im Gehirn an.
Kepler
(1571-1630) erklärte den Vorgang aus dem Gegensatze der Kategorien von Aktion und Passion.
Priestley
(1733-1804) dachte, die Korrektur geschehe durch den Tastsinn.
Schopenhauer
(1788 bis 1860) läßt die Seele das Bild nach der dem eindringenden Strahl entgegengesetzten Richtung projizieren. – Die Schwierigkeiten des Problems schwinden, wenn man sich klar macht, daß die Seele zwar Gesichtsempfindungen, aber kein inneres Auge hat, um die Vorgänge auf der Netzhaut des äußeren Auges zu beobachten, daß sie nicht Netzhautbilder, sondern nur die zu ihr fortgepflanzten Erregungen wahrnimmt, und daß das Sehen darin besteht, daß der Sehende den qualitativ und intensiv bestimmten Inhalt seiner Netzhautempfindungen in gewissen Linien nach außen projiziert und in den Raum hineinversetzt. Wir sehen unmittelbar weder aufrecht noch umgekehrt, weder einfach noch doppelt; denn wir sehen zunächst weder Gestalten noch Gesichtsfelder, sondern nur Lichterscheinungen. Ebensowenig wissen die Gesichtsempfindungen etwas, sei es vom Orte ihres Bildes auf der Netzhaut oder von der Lage der Netzhaut selbst. Das Netzhautbild ist außerdem noch doppelt, konkav, mosaikartig und von dem »blinden Fleck« durchbrochen – was uns alles doch auch nicht stört. Durch die Erklärung des Aufrechtsehens ist die Theorie von
Johannes Müller
und
Überweg
, wonach die von uns gesehene Welt eine kleine auf den Kopf gestellte Welt innerhalb unseres Sehapparates ist, der eine viel größere, auf den Füßen stehende reale Welt, unabhängig von unserem Bewußtsein, gegenübersteht, widerlegt. (Vgl. Helmholtz, physiologische Optik, S. 64 ff.; Liebmann, zur Analysis der Wirklichkeit, S. 128 ff.; Wundt, Grundriß der Psychologie, § 10, 31.)
aufrichtig
aufrichtig
ist derjenige, welcher freiwillig und unaufgefordert seine Gesinnung zu erkennen gibt. Der Gegensatz von Aufrichtigkeit ist Verstellung oder Verschlossenheit.
Augenschein
Augenschein
oder
Evidenz
bedeutet die über allen Zweifel erhabene, unmittelbare und anschauliche Gewißheit. Doch ist das Auge ebenso wie die anderen Sinne Täuschungen ausgesetzt. Vgl. Sinnestäuschungen, Illusion, Halluzination, Vision.
Ausbildung
Ausbildung
ist im weiteren Sinne die höchste zulässige Vervollkommnung einer Sache oder Person. Sie erfolgt
mechanisch
, wenn die Dinge äußerlich bearbeitet werden,
organisch
, wenn sie von innen heraus sich entwickeln. Ferner kann sie
physisch
oder
geistig
sein. Im engeren Sinne ist sie die höchste Entwicklung der Fähigkeiten und Anlagen des Menschen. Von der
Bildung
unterscheidet sich die Ausbildung durch ihre relative Vollendung.
Ausdehnung
Ausdehnung
ist die allen Körpern zukommende mathematische Eigenschaft, einen gewissen Raum einzunehmen. In der Ausdehnung, nicht in der Raumerfüllung, sah
Cartesius
(1596-1650) das Wesen der einen Substanz, der Materie, während er das Wesen der zweiten Substanz, des Geistes, in das Denken setzte. Auch
Spinoza
(1632-1677) bezeichnete als Wesen der Materie die Ausdehnung, setzte aber Ausdehnung und Denken zu Attributen einer einzigen Substanz herab.
Leibniz
(1646-1716) setzte das Wesen der Substanz in die vorstellende Kraft und sah in der Ausdehnung nur eine verworrene menschliche Vorstellung des Wirklichen. Nach
Kant
(1724-1804) ist die Ausdehnung Anschauung a priori und besitzt transscendentale Idealität, aber empirische Realität. – Die neuere
Physik
versteht im Gegensatz zur Mathematik unter Ausdehnung die Raumerfüllung, die entweder mechanisch oder dynamisch gedacht werden kann. –
Ausdehnbarkeit
bedeutet die Fähigkeit der Körper, ohne Änderung ihrer Masse einen größeren Raum einzunehmen.
Ausdruck
Ausdruck
heißt die Darstellung unserer Vorstellungen oder Empfindungen durch sinnliche Zeichen, seien es Laute, Töne, Mienen, Gebärden, oder sei es ein Stoff (Marmor, Erz u. dgl.). So ist die Sprache (s. d.) Ausdruck unserer Vorstellungen. Ein Gesicht ist ausdrucksvoll, wenn sich das geistige Wesen der Person in seinen Zügen kundgibt.
Ausdrucksbewegungen
Ausdrucksbewegungen
sind Bewegungen des Körpers, durch die sich die Gemütszustände kundtun und welche die Mitteilung letzterer zwischen verwandten Wesen ermöglichen. Sie sind teils unwillkürlich, teils willkürlich.
Wundt
(geb. 1832) führt die menschlichen Ausdrucksbewegungen nach ihrem Ursprunge auf drei Prinzipien zurück, das Prinzip der Innervationsveränderungen, das Prinzip der Assoziationen analoger Empfindungen und das Prinzip der Beziehung der Bewegungen zu Sinnesvorstellungen. (Wundt, Grundz. d. phys. Psych. II, 504 ff.)
Ausgelassenheit
Ausgelassenheit
heißt die höchste Stufe der Lustigkeit, welche nicht in den Schranken der Zucht und Sitte bleibt.
Ausnahme
Ausnahme
(lat. exceptio) ist die Aufhebung eines Gesetzes für den einzelnen Fall. Jede Ausnahme verringert die Gültigkeit eines Gesetzes. Werden die Ausnahmen zur Regel, so hört die Gesetzlichkeit des Vorganges auf. Vielfach entsteht aber der Schein der Ausnahme nur durch verkehrte Fassung des Gesetzes. So hat die ältere Sprachwissenschaft durch mangelhafte Fassung der Sprachgesetze fast überall Ausnahmen von den Regeln zulassen müssen, während die jetzige Sprachwissenschaft durch richtigere Fassung der Gesetze fast überall die Scheinbarkeit der Ausnahmen nachweisen kann. (Vgl. Gesetz, Hypothese.)
Aussage
Aussage
heißt 1. Urteil (s. d.), 2. Zeugnis in bezug auf eine Tatsache.
Ausschließung des Dritten
Ausschließung des Dritten
(exclusio tertii) ist die Nichtzulassung eines Mittleren zwischen zwei Entgegengesetzten. Bei kontradiktorischen Gegensätzen gilt die Regel: tertium non datur (ein Drittes ist nicht vorhanden), die Sache ist entweder A oder Non-A. Dieser Satz vom ausgeschlossenen Dritten (principium exclusi tertii seu medii) gilt aber nur bei kontradiktorisch, nicht bei konträr Entgegengesetztem. Es gibt z. B. zwischen gut und nicht-gut kein Drittes, wohl aber zwischen gut und böse. Im allgemeinen kann man also nur sagen: Gegensätze schließen sich aus (contraria mutuo se excludunt). – Die
Ausschließungssätze
(propositiones exclusivae) behaupten 1. etwas von einem Subjekte mit Ausschließung aller anderen Subjekte, z. B. der Mensch allein besitzt die Kunst, oder 2. etwas mit Ausschließung eines Teils des Prädikates, z. B. Cajus hat Glück, außer im Spiele.
Außenwelt
Außenwelt
heißt die Gesamtheit aller Dinge unserer sinnlichen Wahrnehmung, die sich uns in Raum und Zeit darstellen und die zu unserem Innern einen Gegensatz bilden. Auf der Unterscheidung der Innenwelt von der Außenwelt beruht das Selbstbewußtsein und die Idee der Persönlichkeit. Der naive Realismus schreibt der Außenwelt die Existenz im vollen Umfange zu. Anders die Philosophie. Schon die
Eleaten
(c. 550-400) leugneten die Existenz der Vielheit, der Bewegung, des Werdens und der Veränderung. Die Atomisten
Leukippos
und
Demokritos
(im 5. Jahrh. v. Chr.) bestritten die Existenz des Qualitativen in der Außenwelt.
Platon
(427 bis 347) sah in der Materie ein Nichtreales.
Locke
(1632-1704) schied die sekundären Eigenschaften (Licht, Farbe, Ton usw.) von den primären (Größe, Gestalt, Zahl, Lage, Bewegung, Ruhe) und erkannte nur die letzteren als wirkliche Eigenschaften der äußeren Dinge an.
Berkeley
(1685-1753) bekämpfte die Lehre von einer an sich existierenden Körperwelt und setzte das Sein derselben als gleichbedeutend mit dem Vorgestelltwerden (esse = percipi). Für
Leibniz
(1646 bis 1676) sind die wahrhaft existierenden Wesen die Monaden, punktuelle Seelenwesen mit der Kraft der Vorstellung. Die Außenwelt und alles Körperliche besteht aus Monaden und wird nur in verworrener Vorstellung als räumlich gefaßt. Nach
Kant
(1724-1804) ist die Außenwelt nicht Ding an sich, sondern Erscheinung. Es kommt ihr Realität, aber nur empirische Realität zu. Das Ansich der Dinge ist nur ein unbestimmbares X. Nach
Fichte
(1762-1814) ist die Außenwelt, das Nicht-Ich, nur eine Setzung des Ichs, das Material unseres Pflichtbegriffes. Nach
Hegel
(1770-1831) ist die Welt die sich logisch entwickelnde Vernunft. Der Natur kommt nur die Stellung zu, daß sie die absolute Vernunft in ihrer Selbstentäußerung, die Idee in der Form des Anderssein ist. So hat also die Philosophie besonders in ihren idealistischen Systemen die naive Vorstellung von der Außenwelt vielfach beschränkt und umgestaltet. – Aber auch die
moderne Physik
, die im wesentlichen die Idee der Atomisten aufgenommen hat, führt alles Qualitative in der Außenwelt auf Quantitatives zurück und steht etwa auf dem Standpunkt, den
Locke
philosophisch fixiert hat. Die Existenz einer objektiven Welt wird aber, ohne daß dadurch ihr Wesen bekannt wird, bewiesen durch das Unfreiwillige und Ungewollte unserer Sinneswahrnehmungen.
Austerität
Austerität
(lat. austeritas) heißt Strenge, unbiegsame Hartnäckigkeit (der Tugend und Moral).
Autarchie
Autarchie
(gr.
autarchia
) heißt Selbstherrschaft. –
Autarch
heißt Selbstherrscher.
Autarkie
Autarkie
(gr.
autarkeia
) heißt die Selbstgenügsamkeit, welche die Kyniker und Stoiker dem Weisen zusprechen, indem sie sich auf
Sokrates
(469-399) beriefen, welcher diese Tugend für den Grundstein aller Moral erklärte. (Vgl. Xenophon, Memor. IV 5, 2 ff. Diog. Laert. VI § 11; VII § 127.) Sokrates bekannte seine Überzeugung mit den Worten: »Nichts zu bedürfen ist göttlich, so wenig wie möglich zu bedürfen macht uns Gott am ähnlichsten« (
to men mêdenos deisthai theion einai, to de hôs elachistôn engytatô tou theiou
. Xenophon, Mem. I 6, 10). Vgl. Bedürfnislosigkeit.
Authadie
Authadie
(gr.
authadeia
) heißt Selbstgefälligkeit.
Authentie
Authentie
(gr.
authentia
) heißt eigtl. die Machtvollkommenheit, dann (von Schriften) die durch Kritik festgestellte Echtheit.
Authentisch
heißt die Auslegung einer Schrift, welche entweder mit den eigenen Worten des Verfassers (verba ipsissima) oder in seinem Geiste geschieht. Im allgemeinen gilt der Grundsatz: Jeder ist der beste Ausleger seiner Worte (verborum suorum quisque optimus interpres). Vgl. Kritik.
Autochirie
Autochirie
(gr.
autocheiria
) heißt das Hand an sich selbst Legen, der Selbstmord. Vgl. Selbstmord.
Autodidakt
Autodidakt
(gr.
autodidaktos
), eigentlich selbstgelehrt, heißt derjenige, welcher keinen regelrechten Unterricht genossen, sondern sich durch Bücher, Muster, Lebenserfahrung und Denkarbeit selbst gebildet hat. Selbständigkeit, Kraft und Gewandtheit des Geistes sind die Vorzüge – Einseitigkeit, Selbstüberschätzung und Eigentümlichkeit die Mängel solchen Studienganges.
Autodidachie
Autodidachie
heißt das Lernen ohne Lehrer.
autodynamisch
autodynamisch
(gr.
autodynamos
) heißt selbstkräftig, durch sich selbst wirkend.
Autognosie
Autognosie
(aus dem Gr. geb.) heißt Selbsterkenntnis, Selbstprüfung;
autognostisch
heißt auf Selbsterkenntnis beruhend.
Autohypnose
Autohypnose
(aus dem Gr. geb.) heißt die durch eine Person an sich selbst erzeugte Hypnose (vgl. d. W.).
Autokratie
Autokratie
(gr.
autokrateia
) heißt Selbst- oder Alleinherrschaft.
Autokrator
, Autokrat (russisch: Samoderzec, Titel des russischen Kaisers) heißt der Selbstherrscher.
Autoktonie
Autoktonie
(gr. von
autoktonos
= Selbstmörder) heißt Selbstmord (vgl. d.).
Automachie
Automachie
(aus dem Gr. geb.) heißt Selbstwiderspruch.
Automat
Automat
(gr.
automatos
) heißt von selbst geschehend, zufällig; so heißt bei Aristoteles (384-322)
to automaton
der
Zufall
; dann heißt das Wort von selbst bewegend; daher wird so ein Kunstwerk genannt, welches irgend eine Bewegung scheinbar von selbst ausführt.
Cartesius
(1596-1650) nannte die Tiere Automaten, indem er ihnen fälschlich die Seele absprach, und
Spinoza
(1632-1677) und
Leibniz
(1646-1716) bezeichneten so die menschliche Seele.
Automatisch
, d. h. unabhängig von äußeren Reizen, in den Nervenzentren selbst entstehend, sind im Tier- und Menschenkörper z. B. der Herzschlag und die Bewegung der Blutgefäßmuskeln.
Autonomie
Autonomie
(gr.
autonomia
), eigentl. Selbstgesetzgebung, hieß ursprünglich das Recht eines Staates, sich selbst zu regieren, also die Souveränität. Bei
Kant
(1724-1804) bedeutet es die Fähigkeit der Vernunft, sich selbst sittliche Gesetze zu geben, während
Heteronomie
der Zustand ist, in welchem die Vernunft das Gesetz anderswoher empfängt. Kants Kritik der praktischen Vernunft (1788) stellt die Frage, »ob reine Vernunft zur Bestimmung des Willens für sich allein zulange, oder ob sie nur als empirisch-bedingte ein Bestimmungsgrund derselben sein könne« (S. 30), und Kant beantwortet diese Frage, die gleichbedeutend ist mit der Frage, ob der praktischen Vernunft Autonomie zukomme, bejahend. Es gibt ein allgemeines Sittengesetz aus reiner Vernunft: »Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.« Aber die Autonomie der praktischen Vernunft ist nach Kant eine nur formale. Sobald der Wille auf ein bestimmtes Objekt des Begehrens gerichtet ist, ist die Bestimmung desselben empirisch und heteronomisch, durch das Prinzip der Selbstliebe oder eigenen Glückseligkeit gegeben.
Autopsie
Autopsie
(gr.
autopsia
) heißt Selbstbeobachtung, eigenes Sehen und Wahrnehmen im Gegensatz zu den Berichten anderer.
Autoritätsglaube
Autoritätsglaube
ist das blinde Vertrauen auf Autoritäten, d. h. auf angesehene Männer oder Bücher. Dieser Glaube ist, abgesehen von historischen Tatsachen, die man auf Grund von Zeugnissen annehmen muß, eine Unselbständigkeit der menschlichen Vernunft. Auch bei den Geschichtsquellen haben wir erst zu prüfen, ob ihre Verfasser die Wahrheit sagen wollten und konnten. Doch hat der Autoritätsglaube auch seine Berechtigung, teils für die, welche selbst zu urteilen unfähig sind, d. h. die Unmündigen (Kinder und Ungebildete), teils für den Forscher auf den Gebieten, wo er selbst keine eigenen Untersuchungen anstellen kann.
Autós épha
Autós épha
(gr.
autos epha
, lat. ipse dixit): »Er selbst hat es gesagt.« Mit dieser Formel beriefen sich die Pythagoreer auf die Lehren ihres Meisters. Der Ausdruck zeichnet treffend den blinden Autoritätsglauben, das iurare in verba magistri (s. Cic. de nat. deor. I, 5, 10).
Autoskopie
Autoskopie
(aus d. Gr. geb.) ist s. a. Autopsie.
Autosuggestion
Autosuggestion
(aus d. Gr. u. Lat. geb.) heißt die Selbsterzeugung der Suggestion (s. d.).
Autotelie
Autotelie
(gr.
autoteleia
) heißt die Selbständigkeit, Unabhängigkeit.
Autotheismus
Autotheismus
(aus d. Gr. geb.) heißt die Selbstvergötterung des Menschen. Dem Hegelschen System ist sie nicht mit Unrecht vorgeworfen.
Averroismus
Averroismus
. Im Zeitalter der Erneuerung der alten Philosophie teilten sich die Anhänger des Aristoteles in zwei Richtungen; die einen schlossen sich an den griechischen Erklärer des Aristoteles,
Alexander von Aphrodisias
(200 n. Chr.), der denselben
naturalistisch
ausgelegt, die anderen an den arabischen Erklärer
Averroës
(1162-1198) an, der Aristoteles
pantheistisch
aufgefaßt hatte. Die
Alexandristen
erklärten die Seele für sterblich, die
Averroisten
dagegen behaupteten, der allen Menschen gemeinsame vernünftige Anteil der Seele sei unsterblich. Der bedeutendste
Alexandrist
war
Pietro Pomponazzi
(1462-1530); die bedeutendsten
Averroisten
waren dagegen
Achillini
( 1519) und
Nifo
(1473-1546) in Padua. Vgl. Aristotelismus.
Axiopistie
Axiopistie
(gr.
axiopistia
) heißt Glaubwürdigkeit, vgl. Authentie.
Axiom
Axiom
(gr.
axiôma
), eigentlich Forderung, Grundsatz, heißt im
weiteren Sinne
ein unmittelbar einleuchtender Satz, der eines Beweises weder bedürftig noch fähig ist, der aber als Grundlage des Beweises für andere Sätze dient. So bestimmt den Begriff des Axioms
Aristoteles
(384-320) Analyt. post. I, 2 p 72a 14 ff. :
amesou d' archês syllogistikês – legô, hên mê esti deixai' – hên d' anankê echein ton hotioun mathêsomenon, axiôma
. Solche Axiome oder Prinzipien (s. d.) sind die Basis jeder Wissenschaft.
Logische
Axiome z. B. sind der Satz der Identität, des Widerspruchs, und des ausgeschlossenen Dritten; sie sind für jeden Menschen, der überhaupt zu denken vermag, unbedingt gültig. –
Im engeren Sinne
sind dagegen die Axiome im Gegensatz zu Prinzipien Sätze, die auf unmittelbarer Anschauung beruhen, während Prinzipien Denknotwendigkeit in sich einschließen. Die Mathematik und Physik beruhen auf solchen Axiomen. Nach
Kant
, der, wie es besser ist, den Begriff in dieser Beschränkung nimmt, sind die Axiome synthetische Sätze a priori von unmittelbarer, d. h. anschaulicher Gewißheit. Sie fassen sich in dem Satze zusammen: »Alle Erscheinungen sind ihrer Anschauung nach extensive Größen«; auf sie gründen sich die Sätze der Geometrie (Kr. d. r. V. S. 162 f.).
Bamalip
Bamalip
heißt der erste Modus der vierten Schlußfigur, welcher nur partikulär bejahende Schlüsse ergibt. Er hat die Form PaM, MaS, SiP; z. B. alle Hyperbeln sind Kegelschnitte, alle Kegelschnitte sind Kurven zweiten Grades, folglich sind einige Kurven zweiten Grades Hyperbeln. Vgl.
Schlußfiguren, Schlußmodi
.
Barbara
Barbara
bezeichnet in der Logik den ersten Modus der ersten Schlußfigur, in welchem alle 3 Sätze bejahend sind. Er hat die Form: MaP, SaM, SaP; z. B. alle Kegelschnitte sind Kurven zweiten Grades – alle Kreise sind Kegelschnitte; folglich sind alle Kreise Kurven zweiten Grades. Vgl.
Schlußfiguren, Schlußmodi
.
Barmherzigkeit
Barmherzigkeit
ist das menschliche Mitgefühl, sofern es uns zur Linderung der Leiden eines fühlenden Wesens (Menschen oder Tieres) antreibt.
barock
barock
(fr. baroque) heißt eigtl. schiefrund, dann s. a. unregelmäßig, seltsam, wunderlich. Das Barocke besteht als Kunststil in dem Widerspruch zwischen Zweck und Mittel, zwischen den Teilen und dem Ganzen, und ist geeignet, eine komische Wirkung zu erzielen. Der Barockstil kam im 16. Jahrh. durch Bernini in der Baukunst auf und wird durch das Hineintragen des Schwülstigen in die Renaissance charakterisiert.
Baroco
Baroco
, der zweite Modus der zweiten Schlußfigur, hat einen allgemein bejahenden Ober- und einen besonders verneinenden Unter- und Schlußsatz. Er hat die Form: PaM, SoM, SoP. Beispiel: Alles Gold hat Wert – einiges, was glänzt, hat keinen Wert; folglich ist einiges, was glänzt, nicht Gold. Vgl.
Schlußfiguren, Schlußmodi
.
Barythymie
Barythymie
(gr.
barythymia
) heißt Schwermut.
Bedeutungswandel
Bedeutungswandel
ist die allmähliche Veränderung der mit einem Lautbilde verbundenen Vorstellungen in einer Sprache. Der Bedeutungswandel ist eine der wichtigsten Erscheinungen im Leben der Sprache. Seine Möglichkeit liegt darin, daß ein Wort bei seiner Anwendung eine von der gewöhnlichen Bedeutung abweichende Bedeutung gewinnen kann, d. h. im Gegensatz der
occasionellen
Bedeutung zur
usuellen
. Die occasionelle Bedeutung ist gewöhnlich an Inhalt reicher und an Umfang enger als die usuelle. Der Zusatz des Artikels zu einem Substantiv, die gemeinsame Anschauung des Sprechenden und Hörenden, die Gemeinsamkeit ihrer Lebensbeziehungen, die Beziehung auf Vergangenes, der Zusammenhang der Rede usw. machen die Einengung der Bedeutung eines Wortes im occasionellen Gebrauch möglich. Andrerseits können in der occasionellen Bedeutung eines Wortes aber auch gewisse Teile der usuellen Bedeutung ausgeschlossen sein und so eine Erweiterung eintreten, oder die occasionelle Bedeutung kann etwas, was mit dem usuellen Bedeutungsinhalt räumlich oder kausal verknüpft ist, mitverstehn. In allen occasionellen Bedeutungen liegt nun die Wurzel des Bedeutungswandels. Bei Wiederholung wird das Occasionelle allgemein, und bei der Überliefung von einer Menschengeneration auf die andere erleidet es weitere Umbildung, z. B. durch die Generalisierungen des Kindes. Der Bedeutungswandel schafft im Gegensatz zum Lautwandel, der an die Stelle einer Form die andere setzt, die mehrfache Bedeutung ein und desselben Wortes. (Siehe H. Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte, Kap. IV.) Vgl. Sprache.
Bedingung
Bedingung
(conditio) heißt dasjenige, wovon ein anderes (das Bedingte)
abhängig
(s. d.) ist. Die Abhängigkeit kann entweder innerhalb des Gedachten oder innerhalb des Wirklichen bestehen. In ersterem Falle redet man von einer
logischen
, in letzterem von einer
realen
Bedingung. Für beide Fälle gilt das Gesetz: Ist die Bedingung gesetzt, so ist auch das Bedingte gesetzt, und ist die Bedingung aufgehoben, so fällt auch das Bedingte fort. (Posita conditione ponitur conditionatum, et sublata conditione tollitur conditionatum.) Aus dem Begriff der Bedingung erwachsen die hypothetischen Urteile und Schlüsse. Die
logische
Bedingung heißt der
Grund
(
ratio
), das Bedingte
die Folge
(
consequens
); die
reale
Bedingung heißt
Ursache
(
causa
), das Bedingte heißt
Wirkung
(
effectus
). Eine logische Bedingung ist eine solche, vermöge welcher ein Gedanke
wahr
oder
unwahr
ist; eine reale Bedingung dagegen ist die notwendige Voraussetzung (conditio sine qua non), daß ein anderes ist. Da alles nur insofern bedingend ist, als es etwas bedingt, und ein Bedingtes nur da vorhanden ist, wo ein Bedingendes da ist, so sind Bedingtes (conditionatum) und Bedingung (conditio)
Wechselbegriffe
(correlata), d. h. der eine Begriff fordert den andern. Aber es läßt sich der Satz, daß mit Aufhebung der Bedingung auch das Bedingte aufgehoben werde, nur in dem Falle umkehren, wenn ein Ding oder Gedanke nicht mehrfach, sondern nur durch eins bedingt ist, nicht, wenn ein Bedingtes von mehreren Bedingungen abhängt. Wo mehrere Bedingungen da sind, kann man Haupt- und Nebenbedingungen, sowie positive und negative unterscheiden. Vgl.
Grund
, Folge, Ursache, Causalität.
Bedürfnis
Bedürfnis
. Von Natur ist der menschliche Organismus so eingerichtet, daß seine Erhaltung an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Das aus dem Bewußtsein der Bedingungen, an welche die Erhaltung des Lebens geknüpft ist, entstehende Streben des Menschen nach Erfüllung derselben heißt Bedürfnis. Wo das Bedürfnis keine Befriedigung findet, entsteht das Gefühl des
Mangels. Kant
definiert Bedürfnis allgemeiner als das Verhältnis eines lebenden Menschen zu dem nötigen Gebrauche gewisser Mittel in Ansehung eines Zweckes. Das Bedürfnis ist also für ihn eine praktische, in dem Begehrungsvermögen begründete, subjektive Notwendigkeit (Kr. d. pr. V. 56. 255-259). Die Bedürfnisse sind zahlreich; man kann sie nach ihrer Art
qualitativ
in körperliche und seelische einteilen. Gegenstände der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse sind: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Schutz usw.; Gegenstände der Befriedigung seelischer Bedürfnisse: Betätigung, Erkenntnis, Ausdruck usw. Die Bedürfnisse unterscheiden sich auch
quantitativ
nach der Stärke, mit welcher sie sich geltend machen, und nach dem Bedarf, d. h. nach der Menge wirtschaftlicher Güter, die zu ihrer Befriedigung erforderlich sind. Die
Stärke
der Bedürfnisse hängt ab von ihrer Intensität, ihrer Verbreitung und ihrer Dauer. Nach ihrer
Intensität
unterscheidet man entbehrliche und unentbehrliche, absolute und relative, notwendige und freie, aufschiebbare und dringliche Bedürfnisse. Nach ihrer
Verbreitung
sind die Bedürfnisse allgemein menschliche, nationale, soziale und individuelle, nach ihrer
Dauer
ständige und vorübergehende. Nach dem
Bedarf
sind die Bedürfnisse bescheidene oder anspruchsvolle, beschränkte oder umfassende, einfache oder zusammengesetzte. Auch nach ihrer
Entstehung
unterscheiden sich die Bedürfnisse und sind in natürliche und künstliche oder konventionelle einzuteilen. Die Bedürfnisse haben ihre untere und obere
Grenze
; jene ist bestimmt durch das zur Erhaltung des Lebens Notwendige, diese ist bei den Selbsterhaltungsbedürfnissen wohl durch die Natur bestimmt, aber meist verschiebbar, so daß der Mensch oft im Genuß die natürlichen Grenzen überschreitet, bei den Vervollkommnungsbedürfnissen ist sie ohne bestimmte Grenze. – Die Befriedigung der Bedürfnisse ist mit Genuß verknüpft, der bei körperlichen Bedürfnissen im Maße der Befriedigung verhältnismäßig schnell abstumpft, bei seelischen Bedürfnissen viel andauernder ist. Die Geschichte der Bedürfnisse zeigt eine stetige Vermehrung derselben, zum Teil eine Veredlung, zum Teil eine Entartung ins Unnatürliche. Bei ihrer Mannigfaltigkeit ist für ein und dasselbe Subjekt gleichzeitig eine Konkurrenz der Bedürfnisse oft unvermeidlich; doch gibt meist in dieser Konkurrenz eine Vergleichung ihrer Notwendigkeit und der Grad der Möglichkeit ihrer Befriedigung jedesmal den Ausschlag. Vgl. Luxus, Mode, Interesse. (A. Döring, Güterlehre 1888.)
Bedürfnislosigkeit
Bedürfnislosigkeit
, die Freiheit von Bedürfnissen, ist vollkommen keinem Menschen eigen. Der Organismus wird nur erhalten durch die Befriedigung der Bedürfnisse, und kein Mensch kann, ohne z. B. den Hunger und den Durst zu befriedigen, existieren. Unter Bedürfnislosigkeit hat man daher den möglichst niederen Grad der Bedürftigkeit verstanden, und diesen haben als ethisches Ziel
Sokrates
, die
Cyniker
und die
Stoiker
aufgestellt. Vgl. Autarkie.
Befehlsautomatie
Befehlsautomatie
ist eine Willenshemmung des Hypnotisierten, welche aus der Hinwendung der Aufmerksamkeit auf den Hypnotiseur entsteht. Vgl. Suggestion, Hypnose.
Begehren
Begehren
heißt das Streben nach Lust durch die Verwirklichung eines Vorgestellten.
Begehrungsvermögen
heißt die Fähigkeit eines Wesens, seinen Vorstellungen Wirklichkeit zu verleihen und hierdurch der Lust teilhaftig zu werden. Aus ihm entspringt das Wünschen und Meiden, das Streben und Widerstreben. Richtet es sich darauf, einen zukünftigen, als angenehm vorgestellten Zustand
herbeizuführen
, so heißt es
Begehren
im engeren Sinne; sucht es dagegen einen unangenehmen
zu vermeiden
, so heißt es
Verabscheuen
. Ohne die, wenn auch dunkle Vorstellung dieser Zustände entsteht keines von beiden. Die ältere Psychologie unterschied ein
höheres
und ein
niederes
Begehrungsvermögen; die neuere unterscheidet ein
materielles
und
intellektuelles
. Jenes umfaßt die sinnlichen Triebe, dieses die geistigen. Das vernünftige Begehren heißt
Wollen. Kant
(1724-1804) definiert das Begehrungsvermögen als das Vermögen eines lebenden Wesens, durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklichkeit ihres Gegenstandes zu sein oder doch sich selbst zur Bewirkung desselben zu bestimmen, mag das physische Vermögen zur Hervorbringung des begehrten Objekts hinreichend sein oder nicht (Kr. d. pr. V. S. 16, Anm. S. 29-30). Vgl. Trieb, Neigung, Wille usw.
Begeisterung
Begeisterung
ist die durch lebhafte Erfassung eines neu an uns herantretenden wertvollen Objektes oder bedeutenden Vorganges erzeugte Steigerung unserer Geistestätigkeit. Durch die Begeisterung wird die Einbildungskraft entfesselt, der Verstand geschärft, das Gefühl erwärmt, das Interesse gespannt und der Wille gestärkt. Die Menschen sind in sehr verschiedenem Grade der Begeisterung fähig; am meisten diejenigen, welche lebhafte Phantasie und ein tiefes Gemüt bei sanguinischem Temperament besitzen; doch bedürfen sie auch starker Reflexion und Willenskraft, um nicht in Schwärmerei oder selbst Wahnwitz zu verfallen. Die höheren Grade der Begeisterung äußern sich so, daß ein Geist oder ein Dämon aus dem begeisterten Menschen zu sprechen scheint; so erschienen ihrer Umgebung die Propheten und die ersten Christen. Nach ihrem Objekt kann man eine moralische, ästhetische, religiöse und politische Begeisterung unterscheiden. Die Begeisterung ist die Ursache mancher bedeutenden Leistung geworden. Vgl. Inspiration, Genialität.
Begierde
Begierde
(cupido) ist im Unterschied von dem bezüglich des erstrebten Objekts unbewußten Triebe das bewußte Streben nach Erreichung eines als angenehm
vorgestellten
Objektes. Niemand begehrt etwas, wovon er keine Vorstellung hat. (Ignoti nulla cupido.) Die Begierden, die aktive Willenszustände sind, zerfallen in
sinnliche
(materielle)und
geistige
(intellektuelle),die letzteren wieder in
unmittelbare
und
mittelbare
. Das Gegenteil der Begierde heißt Abscheu oder Widerstreben. Jede Begierde hat Inhalt, Stärke und Rhythmus. Ihr
Inhalt
ist die Vorstellung des Begehrten, die Lust, welche man durch Gewinnung des Objekts zu erlangen wähnt. Ihre
Stärke
hängt von dem Triebe, aus dem sie hervorwächst, der Wertschätzung des Begehrten und den Hindernissen, welche man zu überwinden hat, ab. Ihr
Rhythmus
ist das Steigen und Sinken der Begierde, indem sie teilweise durch Befriedigung gestillt, teilweise von neuem aufgestachelt wird. Inhalt, Stärke und rhythmische Bewegung der Begierden sind bei den verschiedenen Personen sehr verschieden und ändern sich auch mit dem Alter, der Lebensweise, dem Gedankenkreise jeder einzelnen Person. Der Zusammenhang von leiblichen und seelischen Vorgängen tritt bei der Begierde deutlich hervor; denn sie nimmt, wie jeder an sich beobachten kann, bald im Geiste, bald in der Sinnlichkeit ihren Ursprung, äußert sich aber alsbald auch auf der anderen Seite. So erzeugt die Vorstellung leckerer Speisen eine erhöhte Absonderung der Speicheldrüsen, und der sinnliche Trieb nach Nahrung (Hunger) erweckt in uns alsbald Vorstellungen von Speisen. Nach
Descartes
(1596-1650 Passiones animae II, 86) ist die Begierde eine durch die Lebensgeister bewirkte Erregung der Seele, durch die sie bestimmt wird, für die Zukunft Dinge zu wollen, die sie sich als angenehm vorstellt; nach
Spinoza
(1632-1677 Ethica III, 9) ist die Begierde der bewußte Trieb (appetitus cum eiusdem conscientia), der Trieb aber das eigene Wesen des Menschen, insofern es sich in dem Zustande befindet, das zu tun, was seiner Erhaltung dient (ipsa hominis essentia, quatenus ex data quacumque eius affectione determinata est ad ea agendum, quae ipsius conservationi inserviant). Nach
Kant
(1724-1804 Anthropologie § 70) ist die Begierde (appetitio) die Selbstbestimmung der Kraft eines Subjekts durch die Vorstellung von etwas Künftigem, als einer Wirkung derselben. Die habituelle sinnliche Begierde heißt
Neigung
, das Begehren ohne Kraftaufwendung des Objekts ist der
Wunsch
. Nach
Herbart
(1776-1841), der das Wesen aller Seelenvorgänge im Vorstellen sieht, entstehen Begierden, wenn die Vorstellung irgend eines Gegenstandes im Bewußtsein zu steigen sucht, aber Hemmnissen begegnet. Das Bewußtwerden des Anstrebens einer Vorstellung oder einer Vorstellungsmasse gegen ihr widerstrebende Hemmnisse ist die Begierde. Nach
Wundt
(Phys. Psych. I, S. 535) ist die Begierde die aktive Reaktionsweise der Apperzeption gegenüber äußeren Eindrücken.
Begreifen
Begreifen
, eigtl. Erfassen, heißt, ein Ding oder einen Vorgang in seinem Zusammenhange, nach seinen Ursachen, seinem Wesen, seinem Zweck, seinen Beziehungen verstehen lernen. Begriffen ist also eine Sache nur dann, wenn wir nicht nur wissen, was sie ist, sondern warum sie so ist und wozu sie dient und wie sie mit allen anderen Dingen zusammenhängt. Der
Stoiker Zenon
( 258 v. Chr.) schilderte den Übergang von der Erfahrung zum Begreifen, indem er die Wahrnehmung mit den ausgestreckten Fingern, die Zustimmung mit der halbgeschlossenen Hand, das Begreifen mit der Faust und das Wissen mit beiden zusammengedrückten Fäusten verglich (Cicero, Acad. II, 47, 145). Nach
Kant
(1724-1804) gehören zum Begreifen Vernunftbegriffe, wie zum Verstehn Verstandesbegriffe. Das Begreifen ist also ein Vernunftgeschäft. Vollständig begreift man nur, was man a priori einsieht. (Kant, Kr. d. r. Vern. II. Aufl., S. 367.)
Begriff
Begriff
(lat. conceptus, notio, gr.
logos, ennoia
) heißt dasjenige psychische Gebilde, durch welches ein Mannigfaltiges zur einheitlichen Gedankenbeziehung verknüpft wird. In einem Begriff sind verschiedene Einzelvorstellungen nicht bloß zusammengefügt, wie in der Anschauung, sondern sie sind durch die Denkbeziehungen in Verbindung gesetzt, welche die Form ihrer Zusammengehörigkeit zum Ausdruck bringen. Daher führt nur Denken und Urteilen, nicht aber bloße Anschauung und Erfahrung, zur Bildung von Begriffen. Der Begriff ist somit nicht bloß die abgeschlossene Gesamtvorstellung, sondern er entsteht erst aus den Vorstellungen durch deren Vergleichung und die Heraushebung des Gemeinsamen. Der Begriff ist also das Produkt einer Analyse der Einzeldinge und Synthese ihrer gemeinsamen Merkmale (notae) durch Abstraktion. Er bestimmt daher ein Allgemeines und nicht ein Einzelnes. Der Begriff Dreieck, Mensch, Pferd usw. ist z. B. nicht die Vorstellung eines einzelnen Dreiecks, eines Menschen, eines Pferdes usw. überhaupt, sondern die Gesamtvorstellung vieler Dreiecke, Menschen, Pferde usw. Diese läßt sich freilich in jedem einzelnen Falle, wo man sie veranschaulichen will, nur dadurch zur Anschauung bringen, daß man sich ein spezielles Dreieck usw. vorstellt. Darum ist, was die Logik einen Begriff nennt, mehr eine Denkforderung als eine Denkleistung. Wir denken den Begriff auf einmal nur durch die Forderung der Zusammenfassung aller der einzelnen Dinge, auf die wir ihn anwenden wollen, während wir ihn in seinen Anwendungen nur in einer Reihe sukzessiver Vorstellungen und Denkakte erfassen können. Ein Begriff heißt
klar
, wenn das Bewußtsein ihn von allen anderen bestimmt unterscheidet, im entgegengesetzten Falle
dunkel
; er heißt
deutlich
, wenn auch die einzelnen Merkmale klar vorgestellt werden, im entgegengesetzten Falle
verworren
. Von
Cartesius
(1596-1650) bis auf
Kant
(1724-1804) galt Klarheit und Deutlichkeit als Kriterium der Wahrheit; in der Tat wird dadurch mindestens formale Richtigkeit erreicht und die Zuverlässigkeit der Erkenntnis angebahnt. – Man unterscheidet an jedem Begriff
Inhalt
(complexus) und
Umfang
(ambitus). Jener ist die Summe aller seiner Merkmale, dieser die Menge der unter ihm befaßten Dinge. Je reicher der Inhalt ist, d. h. je größer die Zahl der Merkmale eines Begriffes sind, desto enger ist sein Umfang, d. h. desto kleiner die Zahl der Dinge, die er umfaßt; jede Hinzufügung eines Merkmals beschränkt das Geltungsgebiet eines Begriffes. Während z. B. das Parallelogramm nur die Quadrate, Rechtecke, Rhomben und Rhomboiden umfaßt, ist der Umfang des Begriffes »Viereck« größer, weil sein Inhalt kleiner ist, d. h. weil ihm das Merkmal des Parallelismus der Seitenpaare fehlt. Der Begriff, in dessen Umfang andere fallen, heißt in bezug auf diese der
höhere
oder
übergeordnete
; diese selbst heißen
untergeordnet
im Verhältnis zu dem
übergeordneten, nebengeordnet
im Verhältnis zueinander; die niederen haben bei engerem Umfang reicheren Inhalt. Nach den verschiedenen Stufen der Über- und Unterordnung der Begriffe scheidet man
Reich, Kreis, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, Abart, Spielart
. – Dem
Inhalte
nach sind die Begriffe entweder
verwandt
oder
disparat
, je nachdem sie Merkmale gemeinsam haben oder nicht. So sind Eiche und Buche verwandte Begriffe, Ton und Farbe dagegen disparate. In bezug auf den
Umfang
heißen Begriffe, welche derselben Gattung angehören,
homogén
(aber spezifisch verschieden); die, welche kein Merkmal gemeinsam haben,
heterogén
(toto genere diversae). Begriffe, deren Umfang ganz derselbe ist, heißen
Wechselbegriffe
(aequipollentes, reciprocae), z. B. gleichseitiges und gleichwinkliges Dreieck. Begriffe
kreuzen sich
, wenn ihre Umfänge zum Teil ineinander fallen, wie Neger und Sklave; doch findet eine Kreuzung nur statt, wenn die Begriffe überhaupt
vereinbar
sind.
Unvereinbar
dagegen nennt man die Begriffe, welche demselben Gegenstand nicht in derselben Beziehung zugleich beigelegt werden können; und zwar unterscheidet man
konträre
Begriffe, d. h. solche, die nicht im Umfange des anderen liegen können, und
kontradiktorische
, d. h. solche, bei denen jeder Unterbegriff, der nicht im Umfange des einen liegt, in demjenigen des anderen liegen muß. So schließen die Begriffe schwarzes und braunes Pferd einander konträr, die Begriffe Sein und Nichtsein kontradiktorisch aus. Die Einteilung des
Inhaltes
eines Begriffs heißt
Partitio
, die des
Umfanges Divisio
. Die äußerste Grenzstellung nehmen unter den Begriffen einerseits die
Kategorien
, die allgemeinsten Begriffsformen, andererseits die
Individualbegriffe
, die äußersten Sonderformen des Begriffs, ein. Das Ideal der Klassifikation durch Begriffe ist das wissenschaftliche
System
(s. d.), welches alle durch Erklärung und Einteilung auseinander abgeleiteten Begriffe enthält, wie es die Naturwissenschaften anstreben. Den Wert der Begriffsbildung hat zuerst
Sokrates
(469-399) erkannt; seitdem hat kein Philosoph ihn geleugnet. Vgl.
Beiordnung
und
System
.
Behagen
Behagen
ist das dunkle Gefühl der Befriedigung durch das sinnfällig Angenehme der Gegenwart, wie es sich etwa in dem Gedanken ausspricht: »Wirklich ist es allerliebst auf der lieben Erde« und von Goethe, zu dessen Seelenstimmungen das Behagen gehörte, in seinem Tischlied: Mich ergreift, ich weiß nicht wie, himmliches Behagen usw. poetisch ausgeführt ist.
Beharrungsvermögen
Beharrungsvermögen
oder Trägheit (vis inertiae) ist die Eigenschaft der Materie, im Zustand der Ruhe oder im Zustand einer bestimmten Bewegung unverändert zu bleiben, bis durch irgend eine Kraft dieser Zustand geändert wird. Alle Körper beharren in Ruhe, bis sie bewegt werden. Ein sich bewegender Körper würde sich ins Unendliche mit unveränderter Geschwindigkeit und Richtung fortbewegen, brächten ihn nicht Kräfte, z. B. die Reibung, zur Ruhe oder veränderten seine Geschwindigkeit und Richtung. Das Beharrungsgesetz war im Altertum unbekannt. Bei
Galilei
(1564-1641) hat es die Fassung: Ein Körper, der auf einer wagerechten Ebene in Bewegung gesetzt wird, würde sich, insofern kein Hindernis vorhanden ist, geradlinig und gleichförmig ohne Aufhören weiterbewegen, wenn die Ebene sich bis ins Unendliche ausdehnte. Wir fassen es jetzt allgemeiner in die Form: Ein Körper, auf den keine Kraft wirkt, ändert seinen Bewegungszustand nicht, d. h. er verharrt in dem Zustande der Ruhe oder der gleichförmigen geradlinigen Bewegung. Vgl. Poske, Oberstufe der Naturlehre, Leipzig 1907, § 7 und § 14. Vgl. Substanz, Materie, Trägheit.
Beifall
Beifall
(assensio,
synkatathesis
) ist die Zustimmung, welche wir einem Urteil, einer Handlung oder einem Kunstwerk zu teil werden lassen, weil wir sie für wahr, gut oder schön halten. Die Skeptiker forderten, daß man den Beifall ganz zurückhielte (
epochê
); doch ist das ebenso unmöglich als die Forderung, gegen den Beifall der anderen Menschen ganz gleichgültig zu sein.
Beiordnung
Beiordnung
(coordinatio) heißt das Verhältnis mehrerer Begriffe, welche ein und demselben höheren Begriff untergeordnet (subordiniert) sind; so sind z. B. Tier und Pflanze einander beigeordnet, aber dem Begriff: Organismus untergeordnet.
Wundt
unterscheidet fünf Arten beigeordneter Begriffe: a) disjunkte (z. B. rot und blau), b) korrelate (z. B. Mann und Frau), c) konträre (z. B. weiß und schwarz), d) kontingente (z. B. weiß und gelb), e) interferierende (z. B. Neger und Sklave). (Logik I, S. 115 f.)
Beispiel
Beispiel
(exemplum) heißt der einzelne aus der Erfahrung geschöpfte konkrete Fall, insofern er dazu dient, einen Begriff oder Satz durch eine Anschauung zu beleuchten oder eine allgemeine Regel durch eine einzelne Tatsache zu bestätigen. Das einzelne Beispiel beweist positiv wenig; es kann aber negativ beweisen, daß eine für allgemein gehaltene Regel auch Ausnahmen hat. Andrerseits haben viele Beispiele zusammen eine Beweiskraft (Induktion), mit der man sich auf manchen Gebieten begnügen muß. Besonders auf dem Gebiete des Lebens, des Unterrichts, des Rechtes, der Kunst und der Wissenschaft haben Beispiele große Bedeutung, weil sie sowohl die Ausführbarkeit einer Vorschrift beweisen, als auch zur Nacheiferung anspornen. Jedoch beweisen noch so viele Beispiele der Unsittlichkeit nichts gegen die Gültigkeit der Moralgesetze, wenn diese in unserer Vernunft begründet sind. Im allgemeinen gilt von den Beispielen die Regel:
exempla illustrant, non probant
. (Beispiele erläutern, aber beweisen nicht).
Beleidigung
Beleidigung
ist die Kränkung oder die Zufügung eines Leides oder die Verletzung der Ehre eine Menschens durch Worte oder Handlungen (iniuria verbalis oder realis). Je nachdem sie mit oder ohne Absicht geschieht, heißt sie
dolós
oder
kulpós
. Gesühnt werden sollte die Beleidigung nur durch richterliche Bestrafung, Abbitte, Widerruf und Ehrenerklärung, nicht aber, wie es noch immer bisweilen geschieht, durch das Duell. Das Duell als Sühnung der Beleidigung ist vom sittlichen und rechtlichen Standpunkte aus gleich verwerflich.
Bellscher Lehrsatz
Bellscher Lehrsatz
ist die von
Ch. Bell
(1774-1842) gemachte Entdeckung, daß die Nerven eine doppelte Leitungsrichtung haben, daß die vorderen Wurzeln der aus dem Rückenmark hervortretenden Nerven aus motorischen, vom Gehirn wegleitenden, die hinteren aus sensiblen, zum Gehirn hinleitenden Nerven bestehen (Charles Bell, The nervous system of the human body. London 1830, deutsch von Romberg 1836). Diese Behauptung wurde die Basis der Nervenphysiologie. Vgl.
Wundt
, Grundzüge der physiol. Psychologie I, S. 102.
Beobachtung
Beobachtung
(observatio) heißt allgemein die
absichtliche Hinlenkung gespannter Aufmerksamkeit
(s. d.) auf einen Gegenstand, dann, auf naturwissenschaftlichem Gebiete, die
methodisch
, d. h. nach bestimmten Gesichtspunkten und Regeln
vorgenommene Untersuchung
desselben, wie er sich unmittelbar darbietet, ohne daß an demselben Veränderungen vorgenommen werden. Daher definiert Kant: »Erfahrung methodisch anstellen heißt (allein) beobachten« (Gebrauch teleol. Prinzipien in der Philos., Kants Werke, herausgegeben von v. Kirchmann VIII, S. 147). Sobald man dagegen das Objekt der Forschung willkürlich verändert oder in gewisse zu seiner Beobachtung geeignete Lagen bringt, geht die Beobachtung in das
Experiment
über. Die verschiedenen Wissenschaften verhalten sich verschieden zu Beobachtung und Experiment. Der Astronom z. B. kann nur beobachten, nicht experimentieren, weil er zwar seine Instrumente umlegen und ändern, die Zeiten und Orte auswählen, aber die Gestirne selbst nicht künstlichen Veränderungen unterwerfen kann, während der Chemiker, Physiker, Botaniker, Zoologe usw. durch von ihm selbst ausgehende Änderung der Stoffe Experimente anstellt. Beobachtung und Experiment sind die Hauptmittel der exakten Forschung. Hierauf hat zuerst
Bacon von Verulam
(1561-1626) hingewiesen, der deshalb auch Vater der Naturwissenschaft genannt wird (De dignitate et augmentis scientiarum 1623, und Novum organum 1620). Vgl. auch
Sénébier
, Sur l'art d'observer et de faire des expériences 2. Aufl. Genf 1502, deutsch von Gmelin 1776.
John Herschel
, A preliminary discourse on the study of natural philosophy. Lond. 1831.
John Stuart Mill
, a system of Logic ratiocinative and inductive. London 1843, deutsch n. d. 5. Aufl. 1862. W.
Wundt
, System d. Logik, 2 Teile, 1881.
Beschaulichkeit
Beschaulichkeit
(contemplatio) heißt in der Philosophie zunächst die Beschäftigung des Geistes mit sich selbst, dann jede theoretische, spekulative Beschäftigung; im Leben ist die Beschaulichkeit die Begleiterin der Askese (s. d. W.).
Bescheidenheit
Bescheidenheit
, eigentl. der Verstand, das gebührliche, verständige, kluge Handeln (so in Vrîdancs Bescheidenheit ca. 1229), ist die aus natürlicher, richtiger Selbsterkenntnis entspringende Mäßigung in der Selbstschätzung und den Ansprüchen. Sie äußert sich in der bereitwilligen Anerkennung der Verdienste anderer und in der leichten Verzichtleistung auf eigene Ehrenbezeugungen und persönlichen Gewinn. Neben der natürlichen Bescheidenheit gibt es auch eine künstliche, auf Eitelkeit oder Kriecherei beruhende; auf solche affektierte Bescheidenheit läßt sich
Goethes
Wort aus dem Gedichte: »Rechenschaft« anwenden: »Nur die Lumpe sind bescheiden«. Wahre Bescheidenheit pflegt hingegen die Begleiterin großer Verdienste zu sein. Was die Bescheidenheit im Verhältnis der Menschen zueinander ist, ist die Demut im Verhältnis des Menschen zu Gott.
Beschleunigung
Beschleunigung
s. Acceleration, Bewegung.
Beschreibung
Beschreibung
(descriptio) ist die geordnete Aufzählung der charakteristischen Merkmale eines Begriffes oder Dinges. Die
Stoiker
definierten sie als summarische Definition eines Gegenstandes (
hypographê de esti logos typôdôs eisagôn eis ta pragmata ê horos haplousteron tên tou horou dynamin prosenênegmenos
, Diog. Laert. VII § 60). Kant definiert sie als die Exposition eines Begriffes, sofern sie nicht präzis ist (Logik § 5). Viele moderne Naturforscher und Philosophen sind der Ansicht, sie hätten Dinge und Erscheinungen nur zu beschreiben, nicht aber zu erklären. (Siehe Definition).
beseelt
beseelt
(lat. animatus, gr.
empsychos
) heißt im engeren Sinne alles, was eine Seele hat, d. h. der Mensch und das Tier. Da es aber schwer ist, eine Grenze vom Tiere aus nach unten zu ziehen, so liegt es nahe auch scheinbar leblosen Wesen eine Seele zuzuschreiben. Daher schrieb
Leibniz
(1646-1716) auch den Pflanzen und überhaupt allen wirklichen Wesen, die er Monaden, oder geradezu Seelen (les âmes) nannte, Beseeltheit zu. Neuere Naturforscher sind ihm vielfach gefolgt. Die Alten hielten auch zum Teil die Weltkörper für beseelte Tiere. Vgl. Seele, Pflanzenseele.
sich besinnen
sich besinnen
heißt eine Vorstellung, die man gehabt hat, absichtlich durch Nachdenken wieder ins Bewußtsein zurückrufen und sich der Übereinstimmung der ursprünglichen Vorstellung und der Erinnerungsbilder bewußt werden. Vgl. Gedächtnis.
besonnen
besonnen
(eigentl. bei Sinnen) heißt derjenige Mensch, der sich seiner Aufgaben und Pflichten, sowie seiner Kräfte und Grenzen bewußt, daher frei von Unruhe, Leidenschaftlichkeit, Einseitigkeit und Verworrenheit ist.
Schopenhauer
(1788-1860) nennt die Besonnenheit die Wurzel aller theoretischen und praktischen Leistungen. Mit dem Verlust der Besonnenheit büßt der Mensch das richtige Urteil über sich selbst und über die Verhältnisse, die Ruhe des Gemüts und die Konsequenz im Handeln ein. Die Besonnenheit (Gesundsinnigkeit,
sôphrosynê
) gehört bei
Platon
(427-347) zu dem engsten Kreise der Tugenden und ist die Tugend des begehrenden Teiles der Seele (
epithymêtikon
).
Beständigkeit
Beständigkeit
ist die Gleichförmigkeit unserer Gesinnung und unserer Denk- und Handlungsweise. Sie entspringt zum Teil aus dem Temperament, zum Teil aus der Erziehung und Charakterbildung. Da sie eine nur formale Eigenschaft ist, kann sie sich ebenso im Guten, als Treue und Ausdauer, wie im Schlechten, als Verstocktheit, Haß u. dergl., äußern.
beste Welt
beste Welt
, s. Optimismus.
bestimmt
bestimmt
heißt in der
Logik
ein
Begriff
, von dem alles angegeben ist, was darin gedacht werden soll, der also gegen alle anderen Begriffe nach Umfang und Inhalt vollständig abgegrenzt ist. Die Bestimmung eines Begriffs (Definition) erfolgt durch Angabe seiner Unterarten (s. Einteilung), durch Angabe des übergeordneten Begriffes und durch die Aufzählung seiner besonderen Merkmale. Durch bestimmte Begriffe werden Verwechslungen vermieden. – Im
psychologischen
Sinne heißt der
Wille
bestimmt, sofern er von den Motiven abhängt und dem stärksten folgt. Vgl. Determinismus. – In der
Naturwissenschaft
heißt
bestimmen
: ein Tier, eine Pflanze, ein Mineral der Familie, Gattung, Art oder Unterart einreihen, zu der es nach seinen Merkmalen gehört. Man muß dazu eine Reihe von Fragen beantworten, welcher von zwei Gegensätzen dem zu bestimmenden Gegenstande jedesmal als Merkmal angehört und welcher nicht, und steigt so von Reich, Kreis, Klasse immer weiter hinab bis zu Familie, Gattung, Art, Unterart (s. z. B. Lackowitz, Flora von Berlin u. d. Provinz Brandenburg. 9. Aufl. Berlin 1894. Vorwort).
Bestimmung
Bestimmung
(lat. determinatio) heißt
logisch
die Hinzufügung eines Merkmals zu einem Begriff. Durch die Bestimmung wird aus dem allgemeinen Begriff ein minder allgemeiner gebildet; fügt man z. B. zu »Soldat« das Merkmal »zu Pferde«, so wird jener Begriff reicher an Inhalt, aber ärmer an Umfang.
Spinoza
(1632-1677) faßte den Begriff der Determination nicht nur logisch, sondern auch metaphysisch und schloß von dem Wirklichen, der einen unendlichen Substanz, jede Bestimmung aus, indem er lehrte: omnis determinatio est negatio (Jede Bestimmung ist eine Verneinung). Seine Behauptung hängt aber eng mit seiner Wertschätzung des Allgemeinen und Zurücksetzung des Individuellen zusammen. Jeder Schritt vom Allgemeinen der Substanz zum Individuellen des Modus ist für ihn ein Schritt von dem Wahren zum Falschen. Sein Standpunkt ist also der des Rationalismus. Der Empirist muß anders urteilen. Wohl wird er anerkennen, daß durch Hinzufügung eines Merkmals der Umfang begrenzt, aber er wird auch behaupten, daß dem Ding selbst neuer Inhalt positiv hinzugefügt wird. – Im
moralischen
Sinne heißt Bestimmung des Menschen der Zweck seines Daseins. Vgl. das höchste Gut, Moralprinzip. Vgl. J. Fiske, Die Bestimmung des Menschen, dtsch. v. F. Kirchner, Leipzig 1890.
Bestimmungsgrund
Bestimmungsgrund
heißt
logisch
der Grund, welcher den Verstand zur Ableitung einer Folgerung,
moralisch
der Grund, der den Willen zum Handeln bestimmt.
bestürzt
bestürzt
ist derjenige, welcher durch plötzlichen Schreck der Besonnenheit beraubt ist. Die Bestürzung ist ein Affekt (s. d.).
betäubt
betäubt
ist jemand, der Empfindung und Bewußtsein verloren hat. Die Betäubung kann entweder durch Nervenreize (Gerüche, Opium, narkotische Mittel, Gehirnerschütterung) oder durch Schreck entstehn. In der Moral ist Betäubung s. a. die absichtliche Erstickung des Gewissens.
Betonung
Betonung
, s. Ton.
betrachten
betrachten
heißt 1.
allgemein
, beobachten, forschen, untersuchen; 2.
im besonderen
, etwas genau ansehen oder auch anhören; was den Menschen interessiert, betrachtet er. Die Betrachtung spielt ihre Rolle nicht nur in der exakten
Naturwissenschaft
, deren Hauptmittel Beobachtung und Experiment ist, sondern auch in der
theoretischen Philosophie
, welche das Wesen der Dinge zu erfassen strebt. 3. In der
Moral
heißt praktische Betrachtung die Abschätzung des Verhältnisses, in welchem ein Gegenstand zu uns steht. Diese Abschätzung kann sich entweder auf den Nutzen oder auf den sittlichen Wert des Gegenstandes richten. 4. Der Begriff der Betrachtung gehört auch in die
Ästhetik
. Schön heißt nur ein mit den Sinnen wahrgenommenes, nie ein bloß gedachtes Objekt; die sinnlichen Wahrnehmungen, auf die sich jedes ästhetische Urteil gründet, sind aber nur die der höheren Sinne, des Gesichts und Gehörs. Durch die niederen Sinne erfaßt der Mensch die Dinge nur leidend, empfindend, bleibt mit ihnen eins. Durch die höheren Sinne aber stellt er sie außer sich, sondert seine Persönlichkeit von ihnen ab,
betrachtet
sie; es erscheint ihm eine Welt, weil er aufgehört hat, mit den Dingen eins auszumachen. »Die Betrachtung ist das erste liberale Verhältnis des Menschen zum Weltall, das ihn umgibt.« Auf der
Betrachtung
beruht jedes ästhetische Urteil, nicht auf physischem Genuß. (So Schiller in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen, Br. 25, 1794 und schon in dem Gedichte »Die Künstler« (1789); und so jede Ästhetik außer der des Naturalismus.) – Die Betrachtung ist also eine allgemeine menschliche Geistes- oder eine
wissenschaftliche
Tätigkeit oder ein
praktisches
oder ein
ästhetisches
Verhalten des Menschen.
Betrug
Betrug
(dolus) ist im allgemeinen Sinne jede absichtliche Verletzung oder Unterdrückung der Wahrheit; im engeren Sinne eine gewinnsüchtige Täuschung des anderen.
Bettelstolz
Bettelstolz
besitzt derjenige, der seinem Stolze durch äußeres Gepränge schmeicheln will, es jedoch nicht kann, ohne die Armseligkeit seiner Umstände zu zeigen.
Beweggrund
Beweggrund
, vgl. Bestimmungsgrund, Motiv.
Bewegung
Bewegung
nennt man die Ortsveränderung eines Körpers,
Ruhe
dagegen sein Verharren an demselben Orte. Man unterscheidet zunächst
absolute
und
relative
Bewegung und Ruhe. Jene ist die an sich gedachte Ortsveränderung eines Körpers oder sein an sich gedachtes Verharren an demselben Orte
im unendlichen Raume
, diese seine Ortsveränderung oder sein Verharren an demselben Orte
in Beziehung auf einen anderen Körper
. –
Alle wahrnehmbare
Bewegung und Ruhe ist in Wahrheit nur
relativ
; mit der
Idee
der absoluten Bewegung und Ruhe überschreiten wir den Kreis der Erfahrung. Die relative Bewegung und Ruhe ist entweder wirklich oder scheinbar.
Wirklich
ist die Bewegung und Ruhe, wenn der bewegte Körper für bewegt und der ruhende für ruhend angesehen wird,
scheinbar
, wenn der bewegte Körper als ruhend und der ruhende als bewegt gilt. So ist die tägliche Bewegung der Erde um ihre Achse und die Ruhe des Sternenhimmels wirklich, die tägliche Sternbewegung aber und die Erdruhe scheinbar. Ob eine Bewegung scheinbar oder wirklich ist, ist oft sehr schwer festzustellen. So ist die Achsendrehung der Erde jahrtausendelang nicht als wirkliche Bewegung erfaßt worden, und es hat schwieriger Forschungen bedurft, sie nachzuweisen und ebenso schwerer Kämpfe, die Wahrheit gegen das Vorurteil zur Geltung zu bringen. Auch im Leben ist es nicht immer leicht, über Scheinbarkeit oder Wirklichkeit einer Bewegung zu urteilen. Denken wir uns z. B. auf ein Schiff versetzt, das auf dem Äquator von Osten nach Westen fährt, und gehen wir ebenso schnell, als das Schiff fährt, auf demselben vom Bug zum Heck. Wie steht es dann mit Bewegung und Ruhe? Wir gehen scheinbar von Westen nach Osten – aber wir fahren ebenso schnell von Osten nach Westen – also schließen wir, daß wir
wirklich
ruhen; aber wir bewegen uns ja mit der Erdachsendrehung in bestimmter Geschwindigkeit von Westen nach Osten und mit der Erde um die Sonne andrerseits mit anderer Geschwindigkeit nach Westen und mit unserem ganzen Planetensystem in wieder anderer Geschwindigkeit und Richtung: Hier kümmern wir uns im alltäglichen Leben nur um das Nächstliegende und überlassen das Weitere dem wissenschaftlichen Forscher. – Zur Bestimmung jeder Bewegung gehört der vom Körper oder vielmehr seinem Schwerpunkt zurückgelegte Weg, die
Bahn
der Bewegung, und die
Zeitdauer
der Bewegung.
Geradlinig
heißt die Bewegung eines Körpers, wenn derselbe seine Richtung während der Bewegung unverändert beibehält,
krummlinig
, wenn er sie stetig ändert.
Gleichförmig
heißt die Bewegung eines Körpers, wenn er stets in gleichen Zeiten gleiche Wegstrecken zurücklegt,
ungleichförmig
, wenn dies nicht der Fall ist. Eine
ungleichförmige
Bewegung heißt
beschleunigt
, wenn die in gleichen Zeiten zurückgelegten Wegstrecken stets wachsen,
verzögert
, wenn sie stets abnehmen. Das Verhältnis des in einem bestimmten Zeitabschnitte zurückgelegten Weges zur Größe dieses Zeitabschnittes heißt die
Geschwindigkeit
des Körpers.
Gleichmäßig beschleunigt oder verzögert
heißt die Bewegung eines Körpers, wenn die Geschwindigkeit desselben in gleichen Zeiten gleichviel zu- oder abnimmt. – Die Bewegung führen wir vom Standpunkt des Dynamismus (s. d.) aus in jedem Falle auf verursachende Kräfte zurück, und in den Bewegungen erforschen wir die Kräfte. Jede Änderung in dem Bewegungszustande eines Körpers leiten wir von einer Kraft ab. Wir fordern, daß kein bewegter Körper in Ruhe, kein ruhender in Bewegung geraten kann, ohne daß eine Kraft dies bewirkt. Der Kinetiker sucht ohne Kräfte mit dem Begriff Impuls auszukommen.
Einfach
nennen wir die Bewegung, wenn wir sie auf eine Kraft, zusammengesetzt, wenn wir sie auf mehrere Kräfte zurückführen. Wirken auf einen Körper zwei Kräfte in gleicher Richtung, so ist die Geschwindigkeit gleich der Summe, wirken sie in entgegengesetzter Richtung, so ist die Geschwindigkeit gleich der Differenz der Geschwindigkeiten, welche beide Ursachen, einzeln wirkend, dem Körper erteilt haben würden. Wirken auf einen Körper zwei Kräfte, deren Richtungen einen Winkel bilden, so erfolgt die Bewegung in der Richtung und Größe der Diagonale desjenigen Parallelogramms, welches sich aus der Richtung und Größe der beiden Kräfte ziehen läßt (Parallelogramm der Kräfte). – Eine Bewegung heißt
frei
, wenn ein Körper ungehindert der Wirkung der ihn bewegenden Kräfte folgen kann,
unfrei
, wenn ihm (wie bei einem Eisenbahnzug oder den Teilen einer Maschine) eine feste Bahn vorgeschrieben ist. Unter der
Größe
der Bewegung versteht man die Gewalt, die ein bewegter Körper auf andere auszuüben vermag. Die Größe der Bewegung ist gleich dem Produkt aus der bewegten Masse und der Geschwindigkeit. – Die Bewegung ist ein
Grundphänomen
alles Geschehens in der Außenwelt. Frühzeitig hat sich daher der Blick der Naturforscher und Philosophen auf diesen Begriff gelenkt. Während unter den griechischen Philosophen
Herakleitos
(um 500) lehrte, daß sich alles in der Natur beständig bewege (
panta rhei
), haben die
Eleaten
(6. u. 5. Jahrh. v. Chr.) die Realität der Bewegung gänzlich geleugnet und die Bewegung für Sinnestrug erklärt; vor allem hat
Zenon
(geb. zw. 490 u. 485) die Lehre des
Parmenides
von der Nichtexistenz der Bewegung streng zu beweisen versucht. Aber seine Beweise schließen den mathematischen Fehler in sich ein, daß sie nicht beachten, daß die Summe einer unendlichen konvergierenden Reihe unter einer endlichen Größe zurückbleibt. Auch
Aristoteles
(384-322), der in der Bewegung den Übergang vom Möglichen zum Wirklichen sah, hat das Wesen der Bewegung nicht verstanden, da er das Trägheitsgesetz nicht kannte und annahm, daß jeder bewegte Körper allmählich von selbst zur Ruhe käme. Auch
Kant
(1724-1804) hat in seiner Erstlingsschrift das Wesen der Bewegung, obwohl es in seiner Zeit bereite richtig erkannt war, mißdeutet, aber in seinen späteren Schriften, z.B. den Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft, richtig bestimmt.
Die mehr oder weniger phantastischen Spekulationen der Philosophen über die Bewegung wurden zuerst durch
Galilei
(1564-1641) und dann durch
Newton
(1642-1727) (siehe Newtonsche leges motus) auf eine wissenschaftliche Grundlage gebracht. Vgl.
Newton
. Philosophiae naturalis principia mathematica 1687.
Laplace
, Mecanique celeste 1799f.
Euler
, Mechanica 1736.
Möbius
, Mechanik des Himmels, Lpz. 1843.
Interessant, aber verfehlt ist
Trendelenburgs
(1802 bis 1872) Versuch, alles, sowohl Sein als Denken, auf die Bewegung (räumliche und konstruktive) zurückzuführen und Raum und Zeit aus der Bewegung, nicht umgekehrt, die Bewegung aus Raum und Zeit abzuleiten. Vgl. Trendelenburg »Logische Untersuchungen«, 3. Aufl. 1870.
Bewegungen
Bewegungen
. Siehe Körperbewegungen.
Bewegungsorgane
Bewegungsorgane
. Die Fähigkeit der freien Ortsveränderung, bewirkt durch die Bewegung einzelner Körperteile, ist eine der wichtigsten Eigentümlichkeiten der tierischen Wesen. Zwar haben, zahlreiche Tiere, wie Schwämme und Korallen, die Ortsbewegung aufgegeben, aber auch bei ihnen besteht die Bewegungsfähigkeit einzelner Körperteile fort, und der Laie unterscheidet meist nach dem Vorhandensein oder dem Fehlen freier Bewegungsfähigkeit die Zugehörigkeit der Organismen zum Tier- oder Pflanzenreiche. Den niederen tierischen Wesen dienen als Organe der Bewegung Zellfortsätze und Wimpernepithele, den höheren wesentlich die Muskulatur, die den Reiz von den motorischen Nerven erhält.
Beweis
Beweis
(lat. argumentatio, gr.
apodeixis
) heißt die Feststellung der Wahrheit oder der Falschheit eines Urteils. Diese Feststellung erfolgt durch Rückgang auf objektiv oder subjektiv anerkannte Sätze, aus denen, das zu beweisende Urteil durch Schlüsse abgeleitet werden kann. Beweis ist demnach die Ableitung eines Satzes aus unbezweifelten anderen Sätzen durch syllogistische Verknüpfung, oder allgemeiner ausgedrückt, eine Zurückführung des Anzuerkennenden auf Anerkanntes. In der Regel verbinden sich beim Beweis mehrere Sätze schrittweise miteinander. Bei jedem Beweise kommen 4 Stücke in Betracht: 1. das Objekt, welches (thesis probanda), 2. der Grund, wodurch (Beweisgrund, argumentum probandi), 3. das Subjekt, für welches (obnoxius probationi) und 4. die Art, wie bewiesen werden soll (modus probandi). – 1. Das
Objekt
kann entweder ein Erfahrungs- oder ein Vernunftsatz sein. – 2. Die
Beweisgründe
werden ebenfalls entweder der Erfahrung, (Beobachtungen, Experimente, Zeugnisse) oder der Vernunft und ihren Gesetzen entnommen. Demnach unterscheidet man Erfahrungs- und Vernunftbeweise (induktive und deduktive, a posteriori und a priori, empirische und rationale); jenen wohnt nur beschränkte, diesen absolute Gewißheit bei. Die Erfahrungssätze aus der Natur und Geschichte werden meist induktiv und die Vernunftsätze aus der Mathematik deduktiv bewiesen. – 3. Bezüglich des
Subjekts
gibt es solche Beweise, die für alle (ad omnes) und solche, die nur für einen beschränkten Kreis (ad hominem) überzeugend sind. – 4. Was die
Art
des Beweises betrifft, so stehen den direkten oder ostensiven, welche das zu Beweisende im geraden Gange aus vor ausgeschickten Sätzen ableiten, die
indirekten
oder apagogischen gegenüber, welche dadurch, daß sie das Gegenteil des zu Beweisenden zunächst als richtig annehmen, dann aber durch Folgerungen als falsch dartun, die Richtigkeit des zu Beweisenden erschließen. Vermöge eines disjunktiven Obersatzes, welcher sämtliche Möglichkeiten der betr. Sphäre erschöpft, kann der indirekte Beweis durch sukzessive Ansschließung aller anderen Möglichkeiten die noch übrigbleibende zur Gewißheit erheben. – Der direkte Beweis ist
progressiv
oder
regressiv
, je nachdem er aus den Beweisgründen den zu beweisenden Satz (theorema) folgert, oder diesen vorläufig als richtig voraussetzt und daraus auf die unvermeidlichen Bedingungen zurückschließt, mit deren Wahrheit auch der fragliche Satz bewiesen ist.
Die
Beweiskraft
(nervus probandi) richtet sich natürlich nach den Gründen; nur die sogenannten
apodiktischen
, d.h. die streng syllogistischen Beweise geben volle Gewißheit, die
analogischen
oder induktiven und die
oratorischen
dagegen nur Wahrscheinlichkeit. Neben den Hauptargumenten gibt es noch Nebengründe; sie bilden zusammen den
Stoff
(materia) des Beweises, während ihre logische Verbindung die Form und die rhetorische Einkleidung die
Gestalt
des Beweises heißt. Stellt man die Beweisgründe selbst wieder in Zweifel, so bedürfen auch diese eines Beweises. Im Rückgang des Schließens gelangt man dann stets zuletzt zu unbeweisbaren Grundsätzen, Prinzipien (s. d.) oder Axiomen (s. d.). Das Wichtigste bei jedem Beweise ist die Vermeidung falscher Beweisgründe. Sie dürfen weder an sich noch in bezug auf das Theorem ungehörig sein (ignoratio elenchi). Wird zu viel oder zu wenig bewiesen, so ist der Beweis verfehlt (qui nimium probat, nihil probat); dasselbe ist beim
Zirkel
(circulus vitiosus, petitio principii, Diallele) der Fall, wo das Theorem als Beweisgrund verwendet wird.
Hysteron-Proteron
heißt dagegen der Fehler, der entsteht, wenn man ein Argument verwendet, das schwieriger zu beweisen ist, als der Satz selbst. – Bei der Verknüpfung der Glieder nennt man
Sprung
(saltus in demonstrando) die Auslassung, dagegen
Fälschung
(fallacia medii tertii) die Einschiebung falscher Glieder. Unabsichtliche Fehler beim Beweisen ergeben
Fehlbeweise
(Paralogismen), absichtliche dagegen
Trugbeweise
(Sophismen). Vgl. Überweg, Logik. Bonn 1882, § 135.
Bewußtsein
Bewußtsein
bedeutet im allgemeinen den wachen Zustand des Geistes, in welchem sich Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle und Strebungen nebeneinander vorfinden (empirisches Bewußtsein). Es besteht darin, daß wir überhaupt Zustände und Vorgänge in uns vorfinden, kann aber seinem Grundwesen nach nicht erklärt werden, da wir unbewußte Vorgänge uns nur nach den Eigenschaften, die sie im Bewußtsein annehmen, vorstellen und somit die unterscheidenden Kennzeichen der bewußten und unbewußten Vorgänge und Zustände nicht angeben können. Aufgabe der
Psychologie
ist es, die im Bewußtsein liegenden Vorgänge (Empfindungen, Vorstellungen, assoziativen und apperzeptiven Verbindungen) aufzudecken und in ihre einfachsten und verwickelteren Funktionen zu verfolgen, sowie die begleitenden äußeren Umstände (Nervenvorgänge) festzustellen, unter denen das Bewußtsein vorkommt. Aber auch die Psychologie kann nicht die Ursachen des Bewußtseins aufdecken, und wir haben im Bewußtsein wohl den Ausgangspunkt, auf den wir das geistige Leben zurückführen, aber für das Bewußtsein selbst keinen weiteren Ausgangspunkt. Insbesondere ist die Erklärung des Bewußtseins aus materiellen Vorgängen völlig unmöglich und hiermit dem Materialismus seine Grenze gesetzt. (Vgl. Wundt, Grundz. d. physiol. Psychologie II, S. 225 bis 260.) – Aus dem empirischen Bewußtsein entwickelt sich durch Aufmerksamkeit und Willen die Bewußtheit der einzelnen Seelenzustände; der Mensch wird sich namentlich mit Hilfe der beständigen Sinnesempfindungen und Bewegungsvorstellungen, die er von seinem eigenen Leibe empfängt, seiner selbst bewußt. Dieses Unterscheiden schreitet allmählich weiter fort: der Mensch unterscheidet sich als Subjekt von seinen Vorstellungen, Empfindungen usw., und diese wiederum unterscheidet er von den Dingen, durch welche jene erregt wurden. Indem sich der Mensch als Ich im Gegensatz zum Nicht-Ich erfaßt, erhebt er sich zum
Selbstbewußtsein
. Er erkennt die ganze Summe von Seelenzuständen, welche er in sich vorfindet, als seine eigenen; er erfaßt dieselben ferner als Einheit und stellt sich endlich über alle Zustande als den autonom mit ihnen schaltenden Herrn. Der erste Akt des Bewußtseins begreift also die Seelenzustände als Objekt, der zweite als zugehörig zu einem Subjekt, der dritte erkennt, daß das vorgestellte nur im vorstellenden Wesen, d.h. das Objekt im Subjekte, vorhanden ist. – Das Bewußtsein ist nun aber nicht nur eine Summe von inneren Zuständen und Vorgängen, sondern es ist eine Einheit, wenn auch eine sich allmählich verändernde Einheit, und als solche die Grundlage aller zusammenhängenden Erkenntnis, die uns mit der Wirklichkeit in Verbindung setzt. Aufgabe der
Erkenntnistheorie
ist es, die Beziehungen des Bewußtseins zu einer wirklichen Welt darzulegen. Hierfür ist
Kants
Kritik der reinen Vernunft das grundlegende Werk geworden. – Das Bewußtsein des einzelnen Menschen begleitet fast kontinuierlich das Leben, aber es ist doch kein völlig ununterbrochener Zusammenhang, sondern es wird unterbrochen durch Schlaf, Ohnmacht, Rausch, Vergessen, Fieber, Delirium, Wahnsinn. Auch hat man am Bewußtsein verschiedene Grade zu unterscheiden. Vgl. Selbstbewußtsein, Apperzeption, Aufmerksamkeit. – Im weiteren Sinne spricht man von einem sittlichen, religiösen, politischen usw. Bewußtsein und meint damit eine Summe von Vorstellungen nebst deren Wertschätzung. Vgl. G.
Ulrich
, Bewußtsein und Ichheit. Zeitschr. f. Philos. und philosoph. Kritik Bd. 124, S. 58-79.
Beziehung
Beziehung
ist der psychische Vorgang, kraft dessen wir zwei Gebilde oder Vorgänge bewußt miteinander verbinden. Meist geht damit eine Vergleichung Hand in Hand. Die Beziehung ist eine der einfachsten Formen der Apperzeption. W. Wundt stellt drei Beziehungsgesetze auf: 1. das der Resultanten, 2. der Relationen und 3. der Kontraste (Grdr. der Psychol., S. 375 ff.. Leipzig 1896). Vgl. Kategorien.
Beziehungen
Beziehungen
. Methode der Beziehungen nennt Herbart seine eigene metaphysische Methode. Sie besteht darin, daß die in den Erfahrungsbegriffen liegenden Widersprüche beseitigt werden. Ergibt sich bei der Analyse eines Gegebenen ein Widerspruch zwischen Subjekt und Prädikat, so muß das Subjekt in mehrere Subjekte zerlegt werden und in dem Prädikat der Ausdruck für ein bestimmtes Verhältnis dieser Subjekte gefunden werden. Hierdurch gelangt Herbart zu seinen Realen mit ihren Selbsterhaltungen, überhaupt zu seiner gesamten Metaphysik.
Bienenfabel
Bienenfabel
, s.
Mandevilles Bienenfabel
.
Bildung
Bildung
bezeichnete bis auf
Just. Möser
(1720-1794) nur die körperliche Gestalt, jetzt aber bezeichnet es die Gestaltung des geistigen Lebens, und zwar zunächst im Gegensatz zur Natur, zur Roheit und Naivität. Sodann liegt darin der Begriff einer gewissen Abgeschlossenheit, Vollkommenheit und Mustergültigkeit des menschlichen Wesens. Ein gebildeter Arzt, Jurist, Lehrer usf. muß seine Wissenschaft beherrschen; aber er darf sich nicht darauf beschränken. Ein wahrhaft Gebildeter besitzt nicht nur gründliche Fachkenntnis, sondern hat auch Sinn und Verständnis für alle Gebiete menschlichen Strebens, für Wissenschaft und Kunst, für Religion und Politik, steht also mitten in den Kulturfragen seiner Zeit. Auch ohne jede Fachkenntnis kann jemand gebildet sein, der für alle menschlichen Interessen Sinn hat. Die höchste Stufe der Bildung ist demnach die Humanität, welche zum Grundsatz den aus Terentius entnommenen Ciceronianischen Satz hat: homo sum, nil humani a me alienum puto. Diese umfaßt nicht bloß die Bildung des Verstandes, sondern auch des Willens und Gemütes. Nicht allein eine Summe von Kenntnissen macht den Gebildeten, sondern moralische, ästhetische, philosophische und religiöse Bildung gehört auch dazu. Das ist die allgemeine Bildung, die durch die Erziehung angebahnt, aber erst durch ein ganzes Leben erworben wird. Vgl. K. A.
Schmid
, Geschichte der Erziehung vom Anfang an bis auf unsere Zeit, 1884 ff. Fr.
Paulsen
, Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland. 2. Aufl. 1897.
Bildungstrieb
Bildungstrieb
(nisus formativus) nannte
Blumenbach
(1752-1840) das Formprinzip, welches in Pflanzen und Tieren die Materie organisiert und sich in der Erzeugung, Ernährung, Reproduktion und Heilung der Organismen geltend macht. In neuerer Zeit hat sich die Naturforschung gegen die Annahme eines solchen Prinzips erklärt. Der Begriff des Bildungstriebes ist aber nicht allzu sehr verschieden von der »Idee« Platons und der »Lebenskraft« Liebigs, und es steckte in ihm, wenn man ihn nach Analogie der Gesetze denkt, ein verständiger Sinn. Die biologischen Prozesse sind von den mechanischen, physikalischen und chemischen nach Kombination und Komplikation verschieden und bedürfen ihrer eigenen Benennung. Aber der Ausdruck Blumenbachs ist heutzutage außer Kurs gesetzt. Vgl.
Blumenbach
, Über den Bildungstrieb 1791. H.
Lotze
, Medizinische Psychologie 1852.
Frohschammer
, Phantasie als Grundprinzip des Weltprozesses 1877.
Billigkeit
Billigkeit
ist die Geneigtheit, die Unvollkommenheiten des Rechts durch geeignete Maßregeln zu ergänzen. Der Billigdenkende wird also rechtlicher empfinden, als es der Buchstabe des Gesetzes vorschreibt. Die Billigkeit beim Rechtsakte zeigt sich z.B. in der Bereitwilligkeit, ein Gesetz da nicht anzuwenden, wo ein Fall eintritt, der von dem Gesetzgeber nicht vorausgesehen ist, und auf den das Gesetz nicht paßt. Im Leben zeigt sich die Billigkeit in dem Streben, dem Guten und Bösen die rechte Vergeltung zu verschaffen und da helfend und unterstützend einzugreifen, wo kein Gesetz es befiehlt, aber Sachlage und Person es angemessen erscheinen lassen. –
Herbart
(1776-1841) rechnet die Billigkeit (neben der Idee der inneren Freiheit, der Vollkommenheit, des Wohlwollens und des Rechtes) zu den praktischen Ideen, den Musterbegriffen, nach denen der wirkliche Geschmack über Wert und Unwert des Wollens urteilt, und findet ihre Wurzel in dem Mißfallen an der unvergoltenen Tat als einem gestörten Gleichgewicht. Die Idee der Billigkeit fordert, daß keine Wohl- oder Übeltat unerwidert bleibt und ein gleiches Quantum von Wohl und Wehe auf den Täter zurückfällt, als er verursacht hat.
Biologie
Biologie
(Neubildung aus gr.
biologos
= Lebensdarsteller von
bios
= Leben und =
logos
= Lehre) ist die Wissenschaft, die die Gesetze des organischen Lebens umfaßt. Im
engeren Sinne
ist sie die Lehre von den Existenzbedingungen der Pflanzen und Tiere. Sie untersucht dann die Verbreitung der Organismen über die Erde, die Abhängigkeit derselben von Klima und Bodenbeschaffenheit und die Veränderung ihrer Lebensweise und ihres Baus durch diese Faktoren.
Im weiteren Sinne
ist sie die gesamte Wissenschaft von dem organischen Wesen, den Pflanzen und Tieren, und umfaßt die Botanik, Zoologie und einen Teil der Anthropologie. Der Ausdruck Biologie stammt von
Lamarck
(1774-1829), er ist aber erst in der Gegenwart allgemein gebräuchlich geworden. Die Wissenschaft selbst ist von
Aristoteles
(384-322) geschaffen (vgl. Organismus, Pflanze, Tier). Erneuert ist sie durch
Wotton
(1552),
Cesalpino
(1519-1603),
Harvey
(1578-1668),
Haller
(1708-1777),
Linne
(1707-1778),
Darwin
(1809 bis 1882) u. a.
Bitheismus
Bitheismus
(vom lat. u. gr.) heißt Zweigötterei.
Blödigkeit
Blödigkeit
ist die aus Urteilsschwäche und Mangel an Selbstvertrauen entspringende Schüchternheit im Verkehr mit anderen.
Blödsinn
Blödsinn
(lat. stupiditas, gr.
anoia
) ist die hochgradige Schwäche des Geistes. Der Blödsinn hat drei Stufen: 1. die
Dummheit
, d. i. die Schwäche des Verstandes (die Albernheit, die kindische Auffassung der Dinge); 2. den
Stumpfsinn
, der da besteht, wo neben vorhandener Verstandesschwäche auch Gefühl und Wille wenig entwickelt sind; 3. den
Blödsinn im engeren Sinne
, d.h. den völligen Mangel an Vorstellungen, Gefühlen und Bestrebungen, bei dem der Mensch völlig zum Tiere herabsinkt. – Der Blödsinn (Idiotismus) ist entweder
angeboren
oder
erworben
; der letztere tritt bei alten Leuten infolge von Hirnschwund auf (Puerilität), oder er entsteht aus Gehirnkrankheiten. Auch fast alle Wahnsinns- und Tobsuchtsformen enden mit unheilbarem Blödsinn.
Bocardo
Bocardo
ist der fünfte Modus der dritten Schlußfigur mit besonders verneinendem Ober- und Schluß-, aber allgemein bejahendem Untersatz. Er hat die Form: MoP, MaS, SoP; z.B.: Einige Geladene sind nicht gekommen; alle Geladene sind meine Freunde; folglich sind einige meiner Freunde nicht gekommen.
böse
böse
heißt das
Gegenteil von gut
. Da nun unter gut bald das
Nützliche
, bald das
Angenehme
, bald das
Schöne
, bald das
Sittliche
verstanden wird, so hat auch der Begriff des Bösen verschiedene Bedeutung angenommen, und man spricht z.B. von einem bösen Geschwür, einer bösen Nachricht, einem bösen Gesicht und einem bösen Menschen.
Im engeren Sinne
ist aber böse soviel als unsittlich. Das Wesen des Bösen besteht, soweit unser Verhältnis zu den Mitmenschen in Betracht kommt, vor allem in der Selbstsucht, in der rücksichtslosen Verfolgung des Selbsterhaltungstriebes. Dieser ist an sich natürlich; er äußert sich auch auf natürliche Weise in den Trieben nach Existenz, Nahrung, Ruhe, Eigentum, Schmuck, Ehre, Macht usw. Solange wir diesen Trieben mit Maß, mit Vernunft und mit Berücksichtigung unserer Nebenmenschen folgen, kann unser Handeln nicht böse heißen. Erst die egoistische Selbstbehauptung, welche den Forderungen der Sympathie und Gerechtigkeit widerspricht, ist böse. Weiter besteht das Sittlich böse in allen Schwächen und Irrungen, die die menschliche Anlage zu normaler Entfaltung und Vervollkommnung hemmen und ablenken. – Den Ursprung des Bösen hat die Religion und Philosophie auf verschiedene Weise zu erklären versucht. Der
Parsismus
leitet das Böse aus einem Weltprinzip ab und stellt dem guten Ormuzd den bögen Ahriman als von Anfang an existierend gegenüber. Dadurch wird aber der Begriff der Gottheit wesentlich eingeschränkt. Der Parsismus und der vom Parsismus beeinflußte und im 3. Jahrh. n. Chr. entstandene Manichäismus, der das Böse als selbständiges Prinzip ansieht, sind daher unvereinbar mit der allein haltbaren Idee des Göttlichen. – Auch die Ableitung des Bösen durch
Platon
(427-347) aus der Materie
hylê
befriedigt nicht, weil dadurch das Böse zu einem Negativen verflüchtigt und in den Stoff gelegt wird, während es doch positiv ist und, vor allem in der Gesinnung, in der verkehrten Richtung des Willens liegt. – Ebensowenig genügt die Herleitung des Bösen aus der menschlichen Freiheit, mag man sie mit
Origenes
(254),
Kant
(1804) und
Schelling
(1854) als transscendentalen Akt in einen Zustand vor der Geburt setzen, oder mit
Augustin
(430),
Schleiermacher
(1834) und
Jul. Müller
(1875) in das Diesseits. Denn die Freiheit reicht nicht aus, zu erklären, wie ein faktisch gutes Wesen böse werden konnte. Auch die Ableitung des Bösen aus einem Abfall von Gott, wie sie
Plotin
(270) und
Augustin
(430) lehren, kann nicht als angemessen gelten; ebensowenig die Auffassung des
Thomas von Aquino
(1274), der im Bösen ein Mittel zum Guten sieht. – Ein andrer Versuch der Ableitung des Bösen findet sich in der indisch-neuplatonischen Ansicht, nach der zwar die gesamte Welt durch Emanation aus Gott hervorgeht, aber das einzelne unberechtigt ist, sich als solches zu behaupten. Ähnlich behauptet
Leibniz
(1646-1716), in seiner Theodicee (1710), das Böse sei bei der Unvollkommenheit der Geschöpfe unvermeidlich, es habe mithin seinen Ursprung nicht in Gott, sondern in der Beschränktheit der endlichen Wesen. – Hieran anknüpfend kann man den Ursprung des Bösen im
Endlichen
und
Menschlichen
suchen. Das Endliche ist unvollkommen, und der Mensch ist selbstsüchtig von Natur. Aber so wenig der Naturzustand auf sozialem Gebiete festgehalten, sondern zur Kultur veredelt wird, so wenig bleibt der ethische Naturzustand (vgl. Bildung, Humanität). Von Natur ist der Mensch noch nicht das, was seine Entwicklung aus ihm machen kann. Dies lehrt uns die Betrachtung der menschlichen Entwicklung. Jedes Kind ist, solange es ohne Selbstbewußtsein ist, weder gut noch böse. Sobald aber der Selbsterhaltungstrieb erwacht, zeigen sich schlechte Eigenschaften, Selbstsucht, Trotz, Grausamkeit, Ungehorsamkeit usw. Da sich nun die Sinnlichkeit jahrelang entwickeln kann, ehe die Vernunft durch die Erziehung ausgebildet wird, so findet sich der zum Selbstbewußtsein erwachte Mensch zu seinem Schrecken in einem Zustande vor, den Kant das »radikale Böse« genannt hat. Diesen Namen verdient es wenigstens insofern, als es mit der menschlichen Entwicklung unvermeidlich verknüpft ist. Nun beginnt in dem Menschen der sittliche Kampf gegen das Böse. – Das Böse ist ein ethischer Begriff, der daneben auch seine kulturhistorische Bedeutung hat. Was auf einer noch unerzogenen Stufe menschlicher Entwicklung erklärlich und entschuldbar ist, wird auf einer höheren Unsittlichkeit. Der verwandte metaphysische Begriff ist das
Übel
(s. d.). Vgl.
Herbart
, Gespräche ü. d. Böse, Königsb. 1818.
Blasche
, das Böse im Einklang mit der Weltordnung. Leipzig 1827.
Jul. Müller
, Christl. Lehre v. d. Sünde. 3. Aufl. Breslau 1849.
Fr. Paulsen
, System der Ethik. 6. Aufl. 1903.
Braidismus
Braidismus
, s. Hypnotismus.
Buridans Esel
Buridans Esel
ist der Name des erdachten Beispiels, durch welches der Scholastiker
Buridan
(1300-1358) zu Paris seine Ansicht von der Unmöglichkeit der Willensfreiheit zu erläutern versucht haben soll. Es ist zur sprichwörtlichen Wendung geworden. Buridan soll, um seine Behauptung zu beweisen, das Beispiel eines hungrigen Esels gewählt haben, welcher, zwischen zwei gleich große, gleich beschaffene, in gleichem Abstande befindliche Heubündel gestellt ist und nun nach Buridans Ansicht sich nicht zu entscheiden vermag, von welchem Bündel er zuerst, fressen soll, der daher verhungern muß. In Buridans Schriften findet sich dies Beispiel nicht; in der Ethik des Spinoza wird aber darauf angespielt. Übrigens ist der Gedanke nicht Buridans Eigentum. Schon
Dante
, Parad. IV, 1-3 sagt: »Zwischen zwei gleich entfernten und gleich anlockenden Speisen würde der Mensch eher Hungers sterben, als daß er bei der Willensfreiheit eine von ihnen zwischen die Zähne brächte«, und Aristoteles (de caelo II, 13 p. 295b 32) weist schon wie auf ein bekanntes Beispiel und Bild auf den »heftig Hungernden und Dürstenden hin, der gleich weit von Speise und Trank entfernt ist und der in Ruhe verharren muß«. (Siehe Schopenhauers Schriften 1877. IV², 58.)
burlesk
burlesk
, s. komisch.
C
C
bezeichnet in der
Logik die Contraposition
, d.h. diejenige Umkehrung eines Urteils (Vertauschung von Subjekt und Prädikat), bei der außer der Relation zwischen Subjekt und Prädikat noch die
Qualität
(s. d.) des Urteils verändert wird, die Quantität (s. d.) dagegen unverändert bleibt oder verändert wird und die Modalität (s. d.) keine Änderung erleidet. Zwischen dem ursprünglichen und dem neu entstandenen Urteil besteht eine Art Gegensatz, aus dem sich der Name Contraposition erklärt. Das bejahende Urteil: In allen Kreistangentenvierecken ist die Summe der Gegenseiten einander gleich, wird z.B. durch Contraposition in das verneinende Urteil umgewandelt: Alle Vierecke, in denen die Summe der Gegenseiten einander nicht gleich ist, sind nicht Kreistangentenvierecke. – Innerhalb der scholastischen Namen für die
Schlußmodi
(s. d.) bezeichnet
c
das kontradiktorische Gegenteil des Schlußsatzes. Wenn man nämlich die Modi der zweiten, dritten und vierten Figur auf die der ersten Figur zurückführen will, so hat man bei denjenigen Schlußmodi der zweiten und dritten Figur, deren Namen ein
c
im Inlaut enthält (Baroco und Bocardo) zunächst das kontradiktorische Gegenteil des Schlußsatzes für wahr anzunehmen und dann zu zeigen, daß diese Annahme mit einem Schluß nach Barbara (s. d.) in Widerspruch steht, daß sie mithin unmöglich ist und daß damit die Richtigkeit ihres kontradiktorischen Gegenteils, also des ursprünglichen Schlußsatzes, gesichert ist;
c
bedeutet demnach hier die Führung durch die dem Schlußsatz entgegengesetzte Behauptung oder durch das Unmögliche (ductio per contradictoriam propositionem sive per impossibile). Den Schluß z.B. nach
Bocardo
(s. d.): Einige Geladene sind nicht gekommen; alle Geladene sind meine Freunde; folglich sind einige meiner Freunde nicht gekommen (Mo P, Ma S, So P), reduziere ich auf Barbara, indem ich zunächst das kontradiktorische Gegenteil von (So P): Einige meiner Freunde sind nicht gekommen für wahr annehme, nämlich (Sa P): Alle meine Freunde sind gekommen. Nun würde aber aus diesem Satze (Sa P) und aus dem Untersatze: Alle Geladenen sind meine Freunde (Ma S) nach Barbara folgen: Alle Geladenen sind gekommen (Ma P). Dieser Satz steht aber im Widerspruch zu dem Obersatz (Mo P): Einige Geladene sind nicht gekommen. Also ist die Annahme, daß das kontradiktorische Gegenteil des Schlußsatzes von Bocardo, nämlich: Alle meine Freunde sind gekommen, richtig sei, falsch; daher muß der Schlußsatz in Bocardo: Einige meiner Freunde sind nicht gekommen, richtig sein. Ähnlich läßt sich Baroco (s. d.) auf Barbara zurückführen. Vgl. Überweg, System der Logik § 113. –
In der Physik
bedeutet
c
die Geschwindigkeit der Bewegung (Celeritas), z.B. in der Formel: c = s/t, welche besagt, daß die Geschwindigkeit eines Körpers gleich dem Quotienten aus dem durchlaufenen Räume (s) und der durchlaufenen Zeit (t) ist.
Calculus Minervae
Calculus Minervae
heißt der Stein der Athena (Minerva), durch welchen nach Aischylos (Eumen. 742/3) Orestes freigesprochen wurde, weil durch ihn die Zahl der verurteilenden und die Zahl freisprechenden Stimmen gleich werden
anêr hod' ekpepheugen haimatos dikên, ison gar esti t' arithmêma tôn palôn
, sodann bezeichnet der calculus Minervae einen vom Zufall oder vom Lose abhängigen Spruch, auch den Zufall selbst und das Gottesgericht. Die Abstimmung der Minerva ist dargestellt auf dem corsinischen Silberbecher, Baumeister, Denkm. d. kl. Alt. n. 1316. (Vgl. Christ, Gesch. d. griech. Litt. 3. Aufl., München 1898, S. 221.)
Calemes
Calemes
heißt der zweite Modus der vierten Schlußfigur, in dem der Obersatz allgemein bejaht, der Unter- und der Schlußsatz allgemein verneinen. Er hat die Form: PaM, MeS, SeP; z.B. Alles Irdische ist vergänglich; nichts Vergängliches macht dauernd glücklich; also ist nichts, was uns dauernd glücklich macht, irdisch.
Calvus
Calvus
(lat.) der Kahlkopf, (gr.
phalakros
) heißt ein Fangschluß des
Eubulides
(4. Jahrh. v. Chr.). (Vgl. Diog. Laert. II § 108.) Er besteht in der Frage: »Wieviel Haare maß man jemandem ausziehen, damit er kahlköpfig wird?«
Camestres
Camestres
heißt der erste Modus der zweiten Schlußfigur, worin der Obersatz allgemein bejahend, der Unter- und der Schlußsatz allgemein verneinend sind. Er hat die Form; PaM, SeM, SeP; z.B. Alle Körper sind ausgedehnt; kein Geist ist ausgedehnt; folglich ist kein Geist ein Körper.
Cardinaltugenden
Cardinaltugenden
heißen die
Haupttugenden
, denen alle anderen untergeordnet sind.
Platon
(427-347), der die Tugend in der Tauglichkeit der menschlichen Seele zu dem ihr zukommenden Werke sah, stellte vier Haupttugenden auf: Weisheit (
sophia
, prudentia), Tapferkeit (
andreia
fortitudo), Gesundsinnigkeit (
sôphrosynê
, temperantia) und Gerechtigkeit (
dikaiosynê
, iustitia). Während die drei ersteren, der Einteilung der Seele in die erkennende, mutige und begehrliche entsprechend, Tugend einzelner Seelenkräfte sind, besteht die letzte Tugend in dem rechten Verhältnis der Seelenkräfte zueinander; sie bestimmt also den drei anderen ihr
Maß. Aristoteles
(384-322), für den die Tugend die aus der natürlichen Anlage durch Handeln erworbene Fertigkeit, das Vernünftige zu wollen, war, gab jene Einteilung auf und unterschied die
ethische
(tätige) Tugend von der
dianoetischen
(der Denktugend). Die ethische Tugend ist die Fertigkeit, die uns entsprechende Mitte zwischen zwei Extremen innezuhalten. Ihre Wurzel ist nicht, wie bei Platon, die Einsicht
sophia
, sondern die Mannhaftigkeit
andreia
. An sie schließen sich die anderen ethischen Tugenden: Gesundsinnigkeit
sôphrosynê
, Freigebigkeit und Großherzigkeit
eleutheriotês, megaloprepeia
, Ehrliebe
megalopsychia, philotimia
, Sanftmut
praotês
, Wahrhaftigkeit
alêtheia
, Freundlichkeit
eutrapelia, philia
, Gerechtigkeit
dikaiosynê
und Billigkeit
to epieikes
(Ethic. Nic. II, 7, p. 1107 a 28 ff.) an. Die
dianoetischen
Tugenden, die in dem richtigen Verhalten der denkenden Vernunft an sich und bezüglich der niederen Seelentätigkeiten bestehen, sind Vernunft, Wissenschaft, Kunst und praktische Einsicht. Sie gipfeln in der Theorie, der höchsten menschlichen Glückseligkeit. Die platonische Tugendlehre ist populär geworden und auch in die
stoische
Lehre und römische Philosophie übergegangen, die aristotelische hat sich weniger verbreitet.
Plotin
(205-270) stellte drei Klassen von Tugenden auf; bürgerliche (politische), philosophische (reinigende) und religiöse (vergöttlichende).
Ambrosius
(340-397) schloß den vier sog. philosophischen Kardinaltugenden Platons die drei theologischen: Glaube, Liebe, Hoffnung an, ebenso später
Petrus Lombardus
(1164), der alle sieben aus der Liebe abzuleiten sucht.
Schleiermacher
(1768-1834) endlich unterscheidet erkennende und darstellende Tugenden; jene sind Weisheit und Besonnenheit, diese Liebe und Beharrlichkeit. Die Lehre von den Kardinaltugenden hat im allgemeinen für die Gegenwart wenig Bedeutung. Die reiche Gestaltung des Lebens verbietet jeden starren Schematismus in der Tugendlehre.
Cartesianismus
Cartesianismus
ist die Lehre des
Cartesius
(1596 bis 1650) und seiner Schüler. Sie schreibt der Philosophie die
rationalistische Methode
vor und beginnt mit dem
Zweifel
an allem demjenigen Wissen, das vor dem philosophischen Denken erworben ist (de omnibus dubitandum). Sie geht von der
Selbstgewißheit des Denkens
(cogito, ergo sum), zu der Aufstellung der
Klarheit und Deutlichkeit
als Kriteriums der Wahrheit (omne est verum, quod clare et distincte percipio), zu der Annahme allgemeiner
Kausalität
(nihil ex nihilo fit), zu dem Nachweis der
Existenz Gottes
, zu der
dualistischen Aufstellung
einer unendlichen Substanz (deus) und
zweier endlichen Substanzen
, der ausgedehnten und denkenden, der Materie und des Geistes, und endigt in der
mechanistischen Erklärung
aller Naturvorgänge, die nur den Begriff von Druck und Stoß voraussetzt, sowie in der Scheidung von Leib und Seele am Menschen. Aus dem Cartesianismus hat sich der Occasionalismus (s. d.) entwickelt. – Am charakteristischsten für den Cartesianismus ist der scharfe Dualismus von Geist und Körper, Seele und Leib. Dem Prinzip des influxus physicus (s. d.) gegenüber war der Cartesianismus ein Fortschritt, an sich aber eine unhaltbare Idee. Ihn zu beseitigen, strebte die nachfolgende Philosophie (Spinoza, Leibniz, auch Kant).
Casualismus
Casualismus
(nlt.) ist diejenige Lehre, nach der die ganze Welt durch Zufall (casus) entstanden ist und sich unter der Herrschaft des Zufalls entwickelt hat. So dachten sich z.B.
Epikuros
(342-270) und
Lucretius
(99-55) die Weltentstehung und Weltentwickelung.
Casuistik
Casuistik
(franz. casuistique) heißt derjenige Teil der Moral, welcher von den Gewissensfällen (casus conscientiae) oder der Kollision der Pflichten handelt. Casuist ist derjenige Moralist, welcher solche Fälle zu lösen sucht. In Wahrheit kollidieren freilich viel weniger die Pflichten untereinander, als die menschlichen Wünsche. Spuren von Casuistik finden sich zuerst bei den
Stoikern
(um 260 v. Chr.). So stritten Diogenes und Antipater darüber, ob ein Kaufmann, der zur Zeit einer Hungersnot Getreide nach Rhodos bringe, aber unterwegs erfahre, daß mehr Zufuhr komme, dies sagen und einen geringeren Preis fordern solle oder nicht. Auch den Fall erwogen die Stoiker, wie sich zwei Schiffbrüchige verhalten sollten, die sich auf ein Brett retteten, das doch nur einen tragen könnte. Aber erst die Talmudisten und die Scholastiker haben diese meist fruchtlosen Untersuchungen fleißig ausgeführt. Bekannt sind von casuistischen Schriften die
Summa Raimundiana
des
Raymund de Pennaforti
(1176-1273), die Summa Astesana vom Franziskaner Astesanus und die Summa Bartolina vom Dominikaner Bartholomäus de Sancta Concordia. Auch die Jesuiten Escobar, Sanchez und Busenbaum sind als Casuisten bekannt.
casum sentit dominus
casum sentit dominus
(lat. den zufälligen Verlust trägt der Eigentümer) und
casus a nullo praestatur
(für den Zufall wird nicht gehaftet) sind zwei entgegengesetzte Sätze, deren Widerspruch andeutet, daß der Mensch für das, was zufällig aus seinen Handlungen entspringt, schwer Regeln aufstellen kann. Vgl. Zufall.
causa sui
causa sui
(lat.), Ursache von sich selbst, nannten die Scholastiker
Gott
. Sie wollten mit diesem Begriff sagen, Gott habe sich selbst geschaffen und sei durch nichts anderes bedingt. Auch
Spinoza
(1632-1677),
Schelling
(1775-1864) und
Hegel
(1770-1831) nahmen diesen Begriff auf. Spinoza setzte die causa sui und die
Substanz
(Gott und Natur, deus sive natura) einander gleich. Die erste Definition des ersten Teiles seiner Ethik lautet: »Per causam sui intelligo id, cuius essentia involvit existentiam, sive id, cuius natura non potest concipi nisi existens«. (Unter causa sui verstehe ich dasjenige, dessen Wesen die Existenz einschließt, oder dasjenige, dessen Natur als existierend vorgestellt werden muß.) Hieran schließt sich der Nachweis, daß die Substanz Gott, Natur und causa sui ist.
Schelling
lehrt, daß Gott in sich den Grund seiner Existenz hat. Hegel sieht in jeder Ursache eine causa sui, die sich in den endlichen Dingen auseinandergezogen hat. So richtig aber Gott als absolut gedacht wird, so schließt doch der Begriff der causa sui den logischen Widerspruch in sich ein, daß durch ihn etwas zugleich als nicht existierend und als existierend gesetzt wird. Denn Ursache heißt im Gegensatz zur Wirkung nur dasjenige, was vor einem anderen als existierend gedacht werden muß. Vor allem aber beruht der Begriff der causa sui auf einer fehlerhaften Definition des Daseins, nach der das Dasein zum Wesen des Begriffs gehört. Erst
Kant
(1724-1804) hat in seiner Kritik der Beweisgründe des Daseins Gottes und vor allem des ontologischen Beweises (Kr. d. r. V., S. 592-602) den richtigen Begriff des Daseins aufgestellt und nachgewiesen, daß das Dasein kein Merkmal des Begriffs, sondern absolute Position ist. Er hat hierdurch den Begriff
causa sui
aufgelöst. (Vgl. Kant, Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes. Königsberg 1763.)
Causalität
Causalität
(Ursächlichkeit) bezeichnet das Verhältnis von Ursache (s. d.) und Wirkung. Auf dem Begriffe der Causalität beruht die gesamte Naturwissenschaft. Auf dem Begriffe der Causalität beruht ferner auch eins der Assoziationsgesetze der Ideen. Die Gültigkeit dieses Begriffes hat
David Hume
(1711-1776) in seinem »Enquiry concerning Human Understanding« (London 1748) bestritten: Die kausale Verbindung der Tatsachen wird uns nach Hume weder durch Schlüsse a priori, noch durch Erfahrungen gegeben. Alle Causalitätsschlüsse beruhen vielmehr nur auf der Gewohnheit. Der Verstand wird, wenn sich ähnliche Fälle wiederholen, durch die Gewohnheit bestimmt, bei Erscheinung einer Begebenheit, diejenige, die sie regelmäßig begleitet, ebenfalls zu erwarten. Aber wir wissen nichts von dem inneren Band der sich begleitenden Begebenheiten. – Dem gegenüber hat
Kant
(1724-1804) in seiner Kr. d. r. V. die Apriorität der Causalität und der anderen Kategorien nachzuweisen versucht. Vgl. Ursache.
Causalnexus
Causalnexus
ist die Verbindung der Vorgänge durch die Begriffe von Ursache und Wirkung. Die Nachweisung des Causalnexus ist die Grundlage jeder wissenschaftlichen Betrachtung der Dinge.
Causalprinzip
Causalprinzip
heißt der Grundsatz, nach dem jedes Ding seine Ursache haben muß: »Alles, was geschieht, setzt etwas voraus, worauf es nach einer Regel folgt« (Kant, K. d. r. V., S. 189).
Cavillation
Cavillation
(T. lat. cavillari = verspotten) heißt Trugschluß.
Celarent
Celarent
heißt der zweite Modus der ersten Schlußfigur, in dem der Obersatz allgemein verneint, der Untersatz allgemein bejaht und der Schlußsatz wieder allgemein verneint. Er hat die Form: MeP, SaM, SeP; z.B. Kein Körper ist ohne Gewicht; alle Gasarten sind Körper; folglich ist keine Gasart ohne Gewicht.
Cesare
Cesare
ist der dritte Modus der zweiten Schlußfigur mit allgemein verneinendem Ober- und Schlußsatz und allgemein bejahendem Untersatz. Er hat die Form: PeM, SaM, SeP; z.B. die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz; die Tugenden beruhen auf Vorsatz; also sind die Tugenden nicht Affekte. (Arist. Eth. Nicom. II 4 p. 1106 a 2
orgizometha men kai phoboumetha aprohairetôs, hai de aretai prohaireseis tines, [pathê oun ouk eisin hai aretai]
).
cessante causa cessat effectus
cessante causa cessat effectus
(lat.), wenn die Ursache aufhört, hört die Wirkung auf, ist ein falscher mittelalterlicher Satz, der durch die richtige Fassung des Trägheitsgesetzes und des Begriffes der Bewegung umgestoßen ist.
Chaos
Chaos
(gr.
chaos
v.
chainô
gähne) bezeichnete bei den griechischen Dichterphilosophen den Urzustand der Welt, den man sich als rohe, ungestaltete, verworrene, ungeordnete Masse vorstellte (Ovid Met. I, 7: rudis indigestaque moles). Man dachte sich, daß das Chaos erst später durch ein höheres Prinzip: Streit, Liebe, Verstand, Gott u. dgl. geordnet und gestaltet worden sei. Den Gegensatz zum Chaos bildete der Kosmos (gr.
kosmos
), die gesetzlich geordnete Welt.
Charakter
Charakter
(gr.
charaktêr
v.
charassô
prägen = Gepräge) heißt in anthropologischer Hinsicht die bleibende Willensart des Menschen. Im weiteren Sinne hat jeder Mensch einen Charakter, auch der Charakterlose, dessen Eigentümlichkeit es ist, unbeständig zu sein. Im engeren Sinne heißt Charakter soviel als Willensstärke. Charakter im engeren Sinne ist also das Wesen des Menschen, wie es sich auf Grund angeborener Individualität durch Gewöhnung und selbsterworbene Fertigkeit zu vernünftiger, zusammenhängender und fester Selbstbetätigung entwickelt. Der feste Charakter zeigt sich in der Entschiedenheit und Konsequenz des Handelns nach Grundsätzen. Diese Konsequenz kann Entschiedenheit im Guten oder Bösen sein. Einen guten Charakter besitzt nur der Mensch, der seinen Willen durch sittliche Grundsätze leiten läßt. Nur er bleibt von Zerrissenheit des Gemüts, Zerfahrenheit des Begehrens und Unschlüssigkeit im Handeln verschont. Bei ihm vereinen sich Einsicht und Wille zur wahren sittlichen Freiheit. »Charakter im Großen und Kleinen ist, daß der Mensch demjenigen eine stete Folge gibt, dessen er sich fähig fühlt«, sagt Goethe (Spr. in Pr. 587).
Kant
(1724-1804) lehrt: »Von einem Menschen schlechthin sagen zu können: er hat einen
Charakter
heißt sehr viel von ihm nicht allein gesagt, sondern auch gerühmt; denn das ist eine Seltenheit, die Hochachtung gegen ihn und Bewunderung erregt. Wenn man unter dieser Benennung überhaupt das versteht, wessen man sich zu ihm sicher zu versehen hat, es mag Gutes oder Schlimmes sein, so pflegt man dazu zu setzen: er hat diesen oder jenen Charakter, und dann bezeichnet der Ausdruck die
Sinnesart
. – Einen Charakter aber schlechthin zu haben, bedeutet diejenige Eigenschaft des Willens, nach welcher du Subjekt sich selbst an bestimmte praktische Prinzipien bindet, die es sich durch seine eigene Vernunft unabänderlich vorgeschrieben hat. Ob nun zwar diese Grundsätze auch bisweilen falsch und fehlerhaft sein dürften, so hat doch das Formelle des Wollens überhaupt, nach festen Grundsätzen zu handeln (nicht wie ein Mückenschwarm bald hierher, bald dahin abzuspringen), etwas Schätzbares und Bewunderungswürdiges in sich, wie es dann noch etwas Seltenes ist. – Alle anderen guten und nutzbaren Eigenschaften (des Menschen) haben einen
Preis
– das Talenteinen
Marktpreis
– das Temperament einen
Affektionspreis
– aber der Charakter hat einen inneren
Wert
und ist über allen Preis erhaben.« (Kant, Anthropologie S. 264f.) – Die allgemeine Verwendung des Wortes Charakter in seiner jetzigen Bedeutung datiert von
La Bruyere's
Schrift: Les caracteres de Theophraste et les moeurs de ce siecle 1688 her. Vgl.
Smiles
, der Charakter. Leipz. 1878.
Th. Ribot
, die Persönlichkeit, a. d. Frzös. v. E. Papst. Berlin 1894.
Charakteristica universalis
Charakteristica universalis
(sc. ars) heißt allgemeines Zeichensystem. Leibniz (1646-1716) strebte danach, die philosophische Methode, um sie demonstrativ zu machen, in einen allgemeinen philosophischen Kalkül umzuwandeln, und so ein unbedingt gültiges Begriffssystem mit einer wissenschaftlichen Universalsprache zu schaffen, die in einem leicht verständlichen, den Begriffsinhalt sicher bezeichnenden Zeichensystem bestände. Diese Universalsprache ist also ihrem Wesen nach eine Mathesis, ihrer Außenseite nach eine Charakteristica universalis. In neuerer Zeit sind diese Bestrebungen von
G. Frege
wieder aufgenommen. (Siehe G. Frege, Begriffsschrift 1879. Grundgesetze der Arithmetik 1893). Auch von England, Amerika und Italien sind ähnliche Versuche ausgegangen (Boole, Jevons, Mc-Coll, Peirce, Peano usw.). Immerhin ist der Kreis der Gedanken, die durch eine solche Universalsprache ausgedrückt werden können, ein beschränkter, und nur Spezialwissenschaften, wie die Mathematik und Chemie, bedienen sich bisher mit Erfolg eines solchen Hilfsmittels. Vgl. Algorithmus.
charakterologisch
charakterologisch
heißt den Charakter betreffend.
Charakterologie
ist die Lehre vom Wesen und von dem Entwicklungsgang des Charakters.
Chemie
Chemie
ist die Lehre von den Eigenschaften und Veränderungen des Stoffes der Körper. Sie ist als exakte Wissenschaft jung und hat ihre Methode erst gegen Ende des 18. Jahrhunderte geschaffen. Ihre Vorläuferin ist die Alchymie.
chronometrische Hilfsmittel
chronometrische Hilfsmittel
(Chronoskop, Chronograph) sind elektrische Registrierapparate, welche bis auf 1/1000 Sekunde sicher sowohl den Augenblick eines Sinneseindrucks wie den der dadurch hervorgerufenen Reaktionsbewegung des Beobachters angeben. Vgl. Wundt, Grundz. d. phys. Psych. II, S. 274 ff.
circulus vitiosus
circulus vitiosus
heißt der logische Fehler, der beim Beweisen (circulus in probando) unterläuft, wenn das zu Beweisende wieder als Beweisgrund gebraucht wird, also wenn A durch B, B durch C, C durch D etc., aber D wieder durch A bewiesen wird, wenn z.B. der Beweis für Gottes Dasein aus der Bibel, der Glaubwürdigkeit der Bibel aber daraus, daß sie Gottes Wort enthält, abgeleitet wird.
Civilisation
Civilisation
ist derjenige Zustand in der Entwicklung der einzelnen Völker und der Menschheit, in welchem sie die Barbarei überwunden haben, zu geordneten gesellschaftlichen Verhältnissen aufgestiegen sind und geschichtliche Bedeutung gewinnen. Die Civilisation geht der vollen Kulturentwicklung eines Volkes voran und bildet die erste Stufe der Kultur.
clare et distincte
clare et distincte
(lat.) heißt klar und deutlich. Klarheit (d.h. Unterscheidung des Gegenstandes von allen anderen) und Deutlichkeit (d.h. Gegenwart, Bewußtheit und Verständlichkeit für den aufmerksamen Geist) sind nach Cartesius die Kennzeichen der Wahrheit.
Classification
Classification
(franz. classification) oder Classifizierung heißt die übersichtliche Darstellung des gesamten Begriffsinhaltes eines Wissensgebietes mit Hilfe einer fortgesetzten Division (d.h. der Einteilung des Umfanges der Begriffe), welche von dem höchsten Begriffe bis zu den niedrigsten stetig fortschreitet. Ihr Ergebnis ist das System (s. d.). Die einzelnen Gliederungsstufen werden mit den Namen Reich, Kreis, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, Unterart usw. bezeichnet. Zur Klassifikation gehört an jeder Stelle des Systems 1. der allgemeine Begriff, welcher eingeteilt werden soll, 2. der Einteilungsgrund (principium divisionis), 3. die Einteilungsglieder (membra divisionis). Ist der Einteilungsgrund willkürlich, so heißt das System künstlich (vgl. System); liegt er in der Natur der Sache, so heißt es natürlich. Die Klassifikation gestattet eine doppelte Ordnung des Systems. Analytisch ist sie, wenn sie vom Einzelnen zum Allgemeinen emporsteigt; synthetisch, wenn sie vom Allgemeinen zum Besondern herabsteigt. Die bekanntesten durch Klassifikation gewonnenen Systeme sind das natürliche Pflanzen- und Tiersystem. In jeder einzelnen Sprache liegt aber schon, durch die Worte vorbereitet, ein Keim zu einer Klassifikation sämtlicher Begriffe. Vgl. System.
Coefficient
Coefficient
(franz. coefficient, nlt. coefficiens), mitwirkender Faktor, heißt der bestimmte oder konstante Faktor in einem Produkt, das außer diesem Faktor allgemeine oder variable (veränderliche) Faktoren enthält.
Coexistenz
Coexistenz
(franz. coexistence) heißt das Zusammenbestehen, das Zugleichsein. Die Coexistenz ist eine der Eigenschaften, die allem Räumlichen beiwohnt.
Colibat
Colibat
(lat. caelibatus) heißt die Ehelosigkeit. Sie kann entweder eine freiwillige oder eine erzwungene sein. Der Zwang kann im letzteren Falle ein politisch-sozialer, oder ein religiöser oder ein physischer sein. Namentlich aus religiösen Gründen ist meist im Orient und dann in der katholischen Kirche (seit 1074), nachdem schon lange die Virginität als besonders heilig galt, die Ehe verworfen worden. Auch Philosophen haben oft die Ehe verschmäht, so die Epikureer, Spinoza, Leibniz, Kant und Schopenhauer. Aber abgesehen von den Fällen der physischen oder ökonomischen Unfähigkeit zu heiraten, ist kein Mensch lediglich aus sittlichen Gründen verpflichtet, ehelos zu bleiben. Die Ehe ist vielmehr die moralische Vervollkommnung, die der menschliche Geschlechtsverkehr angenommen hat und der Normalzustand der Erwachsenen. Natur und Sitte legen aber bis jetzt bei Eingehung der Ehe dem Manne die Pflicht des Werbens, der Frau die passivere Haltung auf, so daß für die Frau die Ehelosigkeit schon die Zwangslage des Lebens ist, falls sie nicht geworben wird. In diesem Punkte sind Verschiebungen, soweit Konvention und Sitte in Betracht kommen, für die Zukunft wohl denkbar. Dagegen ist die »freie Liebe« unreine sittliche Verirrung.
cogito, ergo sum
cogito, ergo sum
(ich denke, also bin ich) lautet der Fundamentalsatz des
Cartesius
(1596-1660), durch den er die Philosophie auf die Selbstgewißheit des Denkens gegründet hat. Wie die Skeptiker
Montaigne
und
Charron
ging er vom vollständigen Zweifel an allem in der Jugend erlernten Wissen aus; doch gerade durch dieses »methodologische Zweifeln« suchte er den festen Ausgangspunkt für die Philosophie, indem er schloß, daß der Mensch, wenn er auch alles in Zweifel ziehe, doch eins, nämlich daß er zweifelt, also denkt, dabei nicht bezweifeln könne. – Genau würde nun folgen: Ich denke, also wird gedacht; Cartesius aber wandte den Gedanken von der Tatsache des Denkens sofort auf ein denkendes, unausgedehntes Ich hin, dem er die Existenz beweislos zuschrieb, während nur die Existenz des eigenen Denkens für das zweifelnde Subjekt nachgewiesen war. Übrigens findet sich Ähnliches schon bei
Augustin
(Soliloqu. 2, 1). Vgl. die interessante Novelle unter demselben Titel in G. v.
Ompteda
»Vom Tode« 1893.
Coincidentia oppositorum
Coincidentia oppositorum
, Zusammenfall der Gegensätze, nahm schon
Anaximandros von Milet
(geb. um 611 v. Ohr.) im Urstoff, dem Apeiron
apeiron
an;
Nikolaus von Kues
(1401-1464) ließ diesen Zusammenfall in Gott stattfinden, der zugleich das absolut Größte und Kleinste ist. Ihm folgen
Giordano Bruno
und
Schelling
.
Collision
Collision
(lat. collisio, von collidere = zusammenstoßen) heißt der Zusammenstoß der Rechte oder Pflichten. Eine Kollision der Rechte untereinander kann stattfinden. So kollidieren z.B. die Rechte von A und B, wenn dieser eine Uhr kauft, die jenem gestohlen worden ist. Eine Kollision der Pflichten aber gibt es für den moralischen Menschen nur in seltenen Fällen und meist nur vorübergehend; denn durch sittlichen Takt findet er meist bald heraus, welche Pflicht die größere ist und daher Erfüllung heischt. Daher kommen auch die von der Casuistik (s. d.) ausgesonnenen Fälle meist in der Wirklichkeit gar nicht vor. Die Tragödie, wie die Poesie überhaupt, hat es aber oft mit solchen Kollisionen zu tun; in der Antigone des Sophokles hat z.B. Antigone zwischen der Pflicht gegen den toten Bruder und der Pflicht gegen den König zu wählen. In den Choephoren und Eumeniden des Aischylos kollidiert die Pflicht der Blutrache des Orestes mit der Pflicht der Pietät gegen seine Mutter. Doch auch in der Tragödie findet der Held meist den rechten Ausweg, der freilich ein solcher sein kann, daß seine Person zugrunde geht, während das sittliche Gesetz triumphiert.
Combination
Combination
(mlt.) ist im allgemeinen Sinne die Verbindung des Zusammengehörigen in unserem Geigte. Im engeren Sinne schreibt man der Phantasie ein Kombinationsvermögen zu. In der Logik und Mathematik heißen Kombinationen die Verbindungen von zwei (Binionen, Amben), drei (Ternionen), vier (Quaternionen)..., n Elementen, die sich nicht nur durch die Reihenfolge der Elemente, sondern auch durch die darin enthaltenen Elemente voneinander unterscheiden. Die Anzahl der Kombinationen ohne Wiederholungen von n Elementen zur m-ten Klasse ist: [n(n-1)(n-2)...(n-m+1)] / (1*2*3*..*m), die Anzahl der Kombinationen mit Wiederholungen von n Elementen zur m-ten Klasse ist [n(n+1)(n+2)...(n+m-1)] / (1*2*3*..*m). Auf der Kombinationslehre beruht die von Stanley
Jevons
(The Principles of science, London 1874) konstruierte logische Maschine.
Common sense
Common sense
. Siehe Gemeinsinn.
comparativ
comparativ
(lat.), vergleichungsweise, nennt man die Gültigkeit eines Satzes, wenn dieser nur
auf der Vergleichung mehrerer ähnlicher Dinge
beruht, z.B.: Die Kinder (nicht alle!) sind leichtsinnig. – Unter
komparativer Psychologie
, welche von Burdach, Carus, Scheve und Bastian angebaut wurde, versteht man die Vergleichung tierischer und menschlicher Seelenzustände und der psychischen Vorgänge bei verschiedenen Völkern. –
Komparative Grammatik
heißt die von Franz
Bopp
(1791-1867) begründete Sprachwissenschaft, die durch Vergleichung der Sprachen die Verwandtschaft derselben und die Entstehung der grammatischen Formen überhaupt nachgewiesen hat.
complex
complex
(lat. v. complecti) heißt in der Logik ein zusammengesetzter Begriff, in der Mathematik eine Zahl von der Form a
±
bi, worin i =
Ö
-1 ist. –
Complexus
heißt der Inhalt des Begriffes (s. d.). Vgl. Zahl.
Complication
Complication
der Vorstellungen nennt W. Wundt mit Herbart die Verbindungen disparater Vorstellungen, wie z.B. zwischen Gesichtswahrnehmungen und Tastempfindungen (Wundt, Gr. d. phys. Ps. II, S. 369).
Conceptualismus
Conceptualismus
(v. lat. conceptus = Zusammenfassen, Begriff) heißt eine Richtung des
Nominalismus
, welche durch
Thomas v. Aquino
(1225-1274) eingeleitet und durch
Wilh. v. Occam
(1347) ausgebildet wurde. Während der strenge Nominalismus Roscellin's und Abälards die Möglichkeit allgemeiner Vorstellungen überhaupt bestritt und die Begriffe nur auf die sprachliche Bezeichnung einer Mehrheit konkreter Vorstellungen durch die Einheit des Wortes zurückführte, trat der Konzeptualismus für das Gegebensein allgemeiner Vorstellungen als
psychischer Phänomene
ein (universalia post rem!).
Thomas v. Aquino
ließ über den Konzeptualismus hinausgehend und dem Realismus zuneigend, das Allgemeine außer in den Begriffen auch im göttlichen Geiste und den Dingen gegeben , sein, W. v. Occam dagegen schrieb ihm streng konzeptualistisch nur begriffliche Existenz zu. Auch nach dem Falle der Scholastik ist dieser Gegensatz aufgetreten, indem
Hobbes, Berkeley, Hume, Mill
usw. für den
Nominalismus, Locke, Reid, Brown
für den
Konzeptualismus
Partei nahmen. So leugnet
Hobbes
(1588-1679) (de corpore 2, 10), daß die Allgemeinheit selbst irgend im psychischen Prozesse zum Ausdruck gelange;
Berkeley
(1685-1753) bezweifelt die allgemeinen Ideen (Treat. conc. the princ. of hum. knowl. Introd. X-XIV). Locke (1632 bis 1704) hingegen spricht ausdrücklich von allgemeinen Ideen, die, aus den konkreten durch Loslösung von den Bestimmungen des Raumes, der Zeit usw. entstanden, das den konkreten Sinnesvorstellungen Gemeinsame zusammenfassen und legt dem Erkenntnisvermögen geradezu die Funktion zur Bildung solcher Begriffe bei. (Locke, Essay concerning Human Understanding III, 3.) Vgl. Nominalismus, Universalien.
conclusio
conclusio
(lat.) heißt Schluß oder Schlußsatz (s. d.).
conclusio sequitur partem debiliorem
conclusio sequitur partem debiliorem
(lat. der Schluß folgt dem schwächeren Teil) ist ein Satz der
Logik
, welcher besagt, daß, wenn eine der beiden Prämissen eines Syllogismus negativ oder partikulär ist, es auch der Schlußsatz sein muß. Vgl. Schluß.
concret
concret
(v. lat. concrescere = zusammenwachsen), eig. das Zusammengewachsene, heißt jeder unmittelbar aus der Anschauung gewonnene Begriff, dessen Gegenstand für ein von Natur selbständiges, ein zusammenhängendes Ganzes bildendes Ding angesehen wird. Hegel (1770-1831) spricht auch von einem »Konkret-Allgemeinen«, worunter er den Begriff versteht, der sich selbst zur Besonderheit und individuellen Bestimmtheit entwickelt, also ein Einzelnes, in welchem sich das Allgemeine darstellt. Vgl. abstrakt.
Concretianer
Concretianer
heißen diejenigen Psychologen, welche behaupten, die Seele sei mit dem Leibe durch die Erzeugung beider gleichsam zusammengewachsen. Vgl. Traducianismus.
Concursus dei
Concursus dei
heißt die Mitwirkung Gottes bei der Verbindung der Vorgänge in der Seele und dem Leibe des Menschen. Eine solche Mitwirkung nahmen die
Occasionalisten
Clauberg, Louis de la Forge, Cordemoy, Geulincx (1625 bis 1669) und Malebranche (1638-1716) an, da sie jeden direkten Einfluß der Seele und des Leibes aufeinander leugneten. Bei
Gelegenheit
des leiblichen Vorganges rufte Gott in der Seele die Vorstellung hervor, bei Gelegenheit des Wollens bewegte Gott den Leib.
Conditio sine qua non
Conditio sine qua non
(lat.) heißt die unerläßliche Bedingung. –
Posita conditione ponitur conditionatum
. (Wenn die Bedingung gesetzt ist, so wird auch das Bedingte gesetzt) heißt s. a. die Ursache bedingt die Folge.
conjunktive Urteile
conjunktive Urteile
sind solche, in denen ein und demselben Subjekt mehrere Prädikate beigelegt sind, z.B. Die Kunst ist erheiternd, bildend und erziehend. Die allgemeine Form des konjunktiven Urteils ist: A ist B und C und D. usw. Vgl. copulativ.
Connex
Connex
(lat. connexus) heißt Zusammenhang, Verbindung.
consecutiv
consecutiv
(lat.) heißen die Merkmale eines Begriffs, welche aus anderen folgen. Im gleichseitigen Dreieck z.B. sind alle drei Winkel gleich; also ist die Gleichwinkligkeit ein konsekutives Merkmal des Merkmals Gleichseitigkeit beim Dreiecke.
Consectarium
Consectarium
(lat. consectarium) heißt Schlußsatz (s. d.), aber auch Folgesatz, Zusatz, Corollarium oder Porisma.
Consensus gentium
Consensus gentium
(lat.), die übereinstimmende Ansicht der Völker, heißt der Beweisgrund, dessen sich einer der Beweise für das Dasein Gottes schon in der alten Philosophie (Cicero) und dann oft später, doch nur mit beschränktem Recht, bedient hat. Er schließt auf das Dasein Gottes aus der Allgemeinheit des Gottesglaubens. Es ist nun zwar wahr, daß völlige Religionslosigkeit nur sehr selten selbst bei unzivilisierten Völkern vorkommt, aber die Gottesvorstellungen sind bei den verschiedenen Völkern so verschieden, daß sich aus dem allen Gemeinsamen keine brauchbare Gottesvorstellung ableiten läßt.
Consequenz
Consequenz
(lat. consequentia v. consequi = folgen) heißt die Folgerichtigkeit des Denkens oder Handeins. Jene, die
logische
oder
theoretische
, verknüpft die Gedanken den Denkgesetzen gemäß; diese, die
moralische
oder
praktische
, bringt die einzelnen Handlungen mit den einmal angenommenen Grundsätzen in Übereinstimmung. Logische Konsequenz in einem System ist da vorhanden, wo sich alle Sätze des Systems als Folgerungen aus einem. Prinzip ergeben. Sie begründet nur die Widerspruchslosigkeit, nicht die sachliche Richtigkeit des Systems. Es ist daher notwendig, nicht nur die Konsequenz eines Systems, sondern auch das Prinzip, von dem ein Philosoph ausgeht, zu prüfen, um über sein System urteilen zu können. Praktische Konsequenz bringt Ordnung und System in das Leben der einzelnen Menschen und trägt zur sicheren Lebensführung bei.
Constabilierte Harmonie
Constabilierte Harmonie
nannte der Theosoph Em. v.
Swedenborg
(1688-1772) die Ordnung des mechanisch-organischen Weltsystems, das er in seiner Schrift »Oeconomia regni animalis« 1740 darstellte. Vgl.
Prästabilierte
Harmonie.
Constante
Constante
(lat. die Unveränderliche, C.) heißt in allen mathematischen und philosophischen Formeln im Gegensatz zur Variabeln (Veränderlichen) diejenige Zahl, die sich nicht verändert.
Constitution
Constitution
(lat. constitutio) heißt die körperlich-seelische Beschaffenheit des Menschen. Sie wird sowohl durch die Größe und Stärke und Lebensfähigkeit der einzelnen Organe, als auch durch das Geschlecht und das Temperament (a. d.) von innen heraus, sowie durch die geographischen und klimatischen Verhältnisse, unter denen der Mensch lebt, von außen her bestimmt.
constitutiv
constitutiv
(lat. constitutivus v. constituere = bestimmen) nennt man die wesentlichen Merkmale eines Begriffs; konstitutive Sätze ferner heißen die grundlegenden, objektiv gültigen Sätze einer Wissenschaft, während regulativ diejenigen Sätze genannt werden, welche nur die subjektive Richtschnur zur zweckmäßigen Behandlung eines Erkenntnisobjekts angeben. So ist 2. B. nach
Kants
(1724-1804) Auffassung die Naturzweckmäßigkeit ein regulatives, aber kein konstitutives Prinzip der Forschung, und so ist nach ihm der Gebrauch aller Ideen innerhalb der theoretischen Philosophie nur regulativ, nicht konstitutiv; dagegen ist der Satz: »Alles, was geschieht, setzt etwas voraus, worauf es nach einer Regel folgt« ein konstitutives Prinzip der Naturforschung.
Construction
Construction
(lat. constructio v. construere zusammenstellen), Zusammenfügung, Aufbau, ist nach
Kant
(1724-1804) die Darstellung eines Begriffs in der Anschauung. Kant teilt dementsprechend alle Vernunfterkenntnis
in die aus diskursiven Begriffen – Philosophie – und die aus der Konstruktion der Begriffe in der reinen Anschauung – Mathematik
. (Kr. d. r. V., S. 832-851). Die Durchführung dieses Gedankens ist Kant für die Geometrie leicht gelungen. Er benutzt dazu den Satz von der Summe der Dreieckswinkel; für die Arithmetik hat Kant dagegen den Begriff der Konstruktion in den verfehlten Begriff einer symbolischen Konstruktion umbiegen müssen (Kr. d. r. V., S. 717), so daß sich seine Definition der Mathematik als unhaltbar erweist. (Vgl. C. Michaelis, über Kants Zahlbegriff, Berlin 1884.) –
Schelling
(1775-1864) verstand unter Konstruktion die Entwicklung der Begriffe und Urteile zu einem System und nannte seine Methode philosophische Konstruktion, wobei er nicht, wie man ihm wohl vorwarf, das Gegebene, die Natur, entstehn lassen, sondern das Besondere als Erscheinung im allgemeinen, das Reale im Idealen nachweisen und ableiten wollte. Allerdings gingen seine Schüler so weit, nach einem willkürlichen Schema das aus der Erfahrung Gewonnene zu ordnen. Bei ihnen spricht man daher mit Recht von einem Konstruieren der Geschichte und Natur, d.h. einer gewaltsamen Ableitung des Faktischen aus Begriffen.
Hegel
(1770-1831) setzte an die Stelle der Konstruktion die immanente Selbstbewegung des Gedankens, durch welche sich der Begriff betätigen soll.
Contemplation
Contemplation
(lat. contemplatio Betrachtung), Beschaulichkeit, ist derjenige Zustand der Betrachtung, bei dem sich der Geist von allen äußeren Eindrücken freizumachen versucht, um sich in sein Inneres, seine eigenen Ideen oder in Gott zu versenken. Vgl. Mystik.
Contiguität
Contiguität
(lat. contiguitas = die Angrenzung) heißt die Berührung in Raum und Zeit. – Auf der Berührung in Raum und Zeit beruht das eine der Assoziationsgesetze, das z.B. Alexander
Bain
(1818-1903) im Anschluß an Hume (the mention of one appartment in a building naturally introduces an inquiry or discourse concerning the others [Contiguity] Inquir. Sect. III), Hartley, James Mill usw. so ausdrückt: »Handlungen, Wahrnehmungen, Gefühlsregungen, die gleichzeitig entstehen oder sich unmittelbar folgen, haben das Bestreben, sich zusammen zu reproduzieren und so aneinander zu haften, daß, wenn hinterdrein die eine ins Bewußtsein tritt, auch die andere mit vorgestellt wird.«
Contingent
Contingent
(lat. v. contingere = berühren), benachbart heißen solche Artbegriffe einer Gattung, die in einer Reihe von Gegensätzen einander nahestehen, wie gelb und weiß (vgl. Beiordnung).
Contingenz
Contingenz
(franz. Contingence von lat. contingere = sich ereignen) heißt Zufälligkeit, vgl. Zufall. Der kosmologische Beweis für das Dasein Gottes wird e contingentia mundi (aus der Zufälligkeit der Welt) folgendermaßen geführt: Die Welt im Einzelnen und als Ganzes ist nicht notwendig; nun aber muß man für sie als Ursache etwas Notwendiges annehmen, welches allbedingend, unbedingt und ein erstes ist; also verbürgt die zufällige Welt die Existenz eines absolut notwendigen, positiven und kausalen Wesens.
Aristoteles
(384-322) und im Anschluß an ihn
Leibniz
(1646-1716) und
Wolf
(1679 bis 1754) fordern in dieser Gedankenrichtung einen ersten Beweger,
Cicero
(43 v. Chr.),
Diodor v. Tarsus
(394) und
Augustin
(430) eine zeitlich erste allbedingende Ursache. Selbst
Kant
(1724-1804) hat trotz seiner kritischen Einwendungen dem kosmologischen Argument einen gewissen Wert beigelegt. Die Schulform lautet: Alles Existierende muß eine Ursache haben, die entweder ein durch sich selbst notwendiges Wesen oder wieder verursacht ist, bis zuletzt auf eine nicht zufällige, sondern notwendige Ursache zurückgegriffen wird. Dieses Wesen muß als ein allererstes und allerrealstes gedacht werden. Das Bedenkliche dieses Beweises liegt aber, wie Kant ausführt, namentlich darin, daß es die unendliche Kausalitätsreihe an einer Stelle willkürlich abbricht und daß die Identifizierung des schlechthin notwendigen Wesens mit dem allerrealsten ein unbewiesener Sprung ist. (Vgl. Kant, Kr. d. r. V., S. 603-620.)
Continuität
Continuität
(lat. continuitas) heißt Stetigkeit (s. d.); continuierlich heißt stetig.
contra vim non valet jus
contra vim non valet jus
(lat.) heißt: Gegen Gewalt gilt kein Recht.
Contradictio
Contradictio
(lat. contradictio) heißt Widerspruch.
Principium contradictionis
heißt der Satz des Widerspruchs. Er lautet: »Ein und derselbe Begriff kann nicht das nämliche zugleich sein und nicht sein.« Er ist also die Umkehrung des Identitätsgesetzes (a. d. Vgl. auch A = A). Der Satz des Widerspruchs hat nicht bloß subjektive, sondern auch objektive Gültigkeit: Widersprechendes kann nicht zusammen sein, ohne sich zu beschränken und aufzuheben.
Hegel
(1770-1831) hatte Unrecht, wenn er sagte, alles Existierende sei der daseiende Widerspruch. Aus dem Satze des Widerspruchs folgt der Satz vom »ausgeschlossenen Dritten« (s. d.). Vgl. auch Enthymem. –
Contradictio in adjecto
, der Widerspruch im Beigelegten, entsteht, wenn von einem Subjekt ein Prädikat ausgesagt wird, das ihm direkt widerspricht, z.B. der eckige Kreis, das hölzerne Eisen.
Contradiktorisch
Contradiktorisch
(sich widersprechend) nennt man zwei entgegengesetzte Begriffe, von denen der eine die Verneinung des anderen ist: A und Non-A. Häufig ist in der Philosophie der mathematische Gegensatz der positiven und negativen Größen irrtümlich mit dem kontradiktorischen Gegensatz verwechselt worden. Zur Klärung der Begriffe hat zuerst beigetragen
Kants
(1729-1804) Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen. 1763.
Contraposition
Contraposition
(lat. contrapositio = Umwendung) heißt in der Logik diejenige Umkehrung (conversio) eines Urteils, bei welcher die Relation verändert wird(Vertauschung von Subjekt und Prädikat, von Bedingung und Bedingtem), zugleich aber auch das zweite der ursprünglichen Glieder (das Prädikat) die Negation in sich aufnimmt, und die
Qualität
des Urteils sich ändert. – Im
kategorischen
Urteil wird also bei der Kontraposition das kontradiktorische Gegenteil des Prädikats zum Subjekt gemacht, und die Qualität des Urteils geht in die entgegengesetzte über; im
hypothetischen
wird das kontradiktorische Gegenteil des bedingten Satzes zum bedingenden, und an die Stelle einer bejahenden Verbindung zwischen beiden Urteilsgliedern tritt eine verneinende und umgekehrt. Aus dem allgemein bejahenden kategorischen Urteil wird also ein allgemein verneinendes, aus: Jedes S ist P: kein Non-P ist S, und aus dem allgemein affirmativen hypothetischen ein allgemein negierendes, aus: Jedesmal wenn A ist, ist B, niemals wenn B nicht ist, ist A. – Aus dem allgemein verneinenden kategorischen Urteil wird ein partikulär bejahendes, aus: kein S ist P: Mindestens einige Nicht-P sind S, und aus dem allgemein verneinenden hypothetischen Urteil ein partikulär affirmierendes, aus: Niemals, wenn A ist, ist B: mindestens in einigen Fällen, wo B nicht ist, ist A. – Aus dem partikulär verneinenden kategorischen Urteil wird ein partikulär bejahendes, aus: Einige S sind nicht P: Einige Non-P sind S, und aus dem partikulär verneinenden hypothetischen Urteil ein partikulär affirmierendes, aus: Zuweilen, wenn A ist, ist B nicht: Mindestens in einigen Fällen, wenn B nicht ist, ist A. Besonders bejahende Urteile lassen sich nicht kontraponieren. Also wird durch Kontraposition aus A: E; aus E: 1; aus 0:1. 1 ist nicht zu kontraponieren.
contra principia negantem disputari non potest
contra principia negantem disputari non potest
heißt: Gegen den, der die Prinzipien leugnet, läßt sich nicht streiten. Dieser Satz ist ein logischer Grundsatz für das wissenschaftliche Disputieren. Man muß sich zuerst mit dem Gegner über die Voraussetzungen einigen, auf Grund deren der Streit entschieden werden soll. Es hilft z.B. nichts, mit einem Menschen zu disputieren, der unsere Vernunft für unfähig hält, die Wahrheit überhaupt zu erkennen.
conträr
conträr
(vom lat. contrarius entgegengesetzt) heißen die Begriffe, welche innerhalb derselben Gattung am weitesten voneinander abliegen, z.B. Anfang und Ende, a und z, schwarz und weiß, groß und klein, alt und jung, während kontradiktorisch diejenigen heißen, deren einer den anderen einfach verneint, z.B. A und Non-A, sterblich und nicht sterblich. Kontradiktorische Gegensätze entstehen nur bei einer zweiteiligen Einteilung, konträre bei einer mehrteiligen. Ein Mensch ist z.B. lebend oder tot, ein lebendiger ist entweder im
Kindheits
-, Jugend-, Mannes- oder
Greisenalter
. Auf der Vermischung des konträren und kontradiktorischen Gegensatzes beruht die antithetisch-synthetische Methode Hegels. Siehe R. Haym, Hegel und seine Zeit. Berlin 1857.
Contrast
Contrast
(franz. contraste) heißt die Gegenüberstellung sich widersprechender Anschauungen und Vorstellungen. Vorstellungspaare mit dem größeren Kontraste befinden sich in höherer Klarheit als solche mit dem geringeren Gegensatze. Jeder Kontrast erregt unsere Aufmerksamkeit, unterbricht die Eintönigkeit und ist mithin ein wichtiges ästhetisches Mittel.
Contrastgefühle
Contrastgefühle
sind nach W. Wundt solche, in denen sich Lust und Unlust so mischt, daß bald diese bald jene vorherrscht. Ein solches ist z.B. das Kitzelgefühl.
Conversion
Conversion
(lat. conversio v. convertere = umkehren) beißt in der Logik diejenige Umkehrung eines Urteils, bei welcher die Relation verändert wird (Vertauschung von Subjekt und Prädikat, Bedingung und Bedingtem). Im kategorischen Urteil wird durch Konversion das Subjekt zum Prädikat und umgekehrt. Im hypothetischen Urteil wird der bedingende Satz zum bedingten und umgekehrt. Es gibt drei Arten der Konversion: 1. die einfache Umkehrung ohne Quantitätsänderung (conversio simplex); 2. die Umkehrung mit Veränderung der Quantität (conv. per accidens); 3. die Umkehrung mit Veränderung der Qualität, wobei zugleich die Quantität des Urteils sich ändert,
Kontraposition
(s. d.). Allgemein bejahende Urteile sind nur dann einfach umkehrbar, wenn sie reziprokabel sind, d.h. wenn P dem S ausschließlich zukommt, z.B. Alle Fixsterne sind Sonnen – alle Sonnen sind Fixsterne. Allgemein bejahende Urteile, in welchen sich S und P nicht vollständig decken, sind nur unter Beschränkung der Quantität umkehrbar (conv. per accidens). Beispiel: Alle Eschen sind Bäume – einige Bäume sind Eschen. Allgemein verneinende Urteile sind rein umkehrbar; partikulär bejahende Urteile sind rein umkehrbar; aus partikulär verneinenden Urteilen kann durch Konversion überhaupt nichts gefolgert werden. Vgl. den Gedächtnisvers:
E, I simpliciter vertendo signa manebunt,
Ast A cum vertis, signa minora cape!
Er besagt: Kehrt man E, I einfach um, so bleibt die Quantität des Urteils, kehrt man A um, so ändert sich die Quantität.
coordiniert
coordiniert
heißt beigeordnet (s. Beiordnung).
Copula
Copula
, s. Satz.
copulativ
copulativ
(lat. copulativus v. copula = Verbindung) heißen diejenigen Urteile, welche nur ein Prädikat, aber mehrere Subjekte haben. Beispiel: Sowohl die Germanen als auch die Romanen und Slawen sind Indogermanen. Die negative Form heißt auch
remotives
Urteil: Weder Herodes noch Pompejus verdienen den Beinamen des Großen. Vgl. conjunctiv.
cornutus
cornutus
(lat.), der Gehörnte (gr.
keratinês
) heißt ein Fangschluß des Eubulides (400 v. Chr.). Er besteht in der Frage: »Hast du deine Hörner verloren?« Bei Bejahung schließt sich die Folgerung an: »Also hast du Hörner gehabt«; bei Verneinung: »Also hast du sie noch«. Der Name cornutus wird auch allgemein für einen Fangschluß gebraucht.
Corollarium
Corollarium
(lat. corollarium = Anhang) heißt ein Folgesatz oder Zusatz. Ist z.B. erwiesen, daß drei Winkel eines Dreiecks = 2 R., so folgt daraus das Corollarium, daß nur ein Winkel im Dreieck ein rechter sein kann.
Corpuskularphilosophie
Corpuskularphilosophie
heißt die Atomistik, weil sie Körperchen als letzte Bestandteile der Dinge annimmt. Vgl. Korpuskeln.
Corpuskeln
Corpuskeln
, siehe Korpuskeln.
Correspondenz der Geister
Correspondenz der Geister
, d.h. Verkehr der Geister auf übersinnliche Weise, wird von einigen Philosophen, wie Schopenhauer, J. H. Fichte, Ulrici, und Mystikern, wie Perty, Schubert u. a. angenommen. Besonders behaupten die Möglichkeit einer solchen Korrespondenz die Spiritisten. Doch sind die Zeugen dafür meist fragwürdig in objektiver und subjektiver Hinsicht; zum Teil sind sie als Schwindler entlarvt worden wie M. Slade. Die von den Geistern gegebenen sogenannten Offenbarungen sind durchweg höchst platt, ja oft absurd. So wird mit Kant (»Träume eines Geistersehers« 1766) füglich jeder Vernünftige über die Frage im Klaren sein.
Correlata
Correlata
(Wechselbegriffe) heißen Begriffe, die miteinander so zusammenhängen, daß sie nicht ohne einander gedacht werden können. Solche Wechselbegriffe sind z.B. Ursache und Wirkung, Grund und Folge, Zweck und Mittel, Gott und Welt. Leib und Seele, Stoff und Kraft, Mann und Weib. Siehe Beiordnung.
Creatianismus
Creatianismus
(v. creo schaffe) heißt die von der alten Kirche (Ambrosius, Hilarius, Pelagius von Pictavium), später von Petrus Lombardus, Calvin, Calixtus, Musaeus, und von Neueren, z.B. Nasse, vertretene Ansicht, wonach der Leib des Menschen von den Eltern gezeugt, die Seele aber von Gott geschaffen und bei oder kurz vor der Geburt jenem eingehaucht werde. Doch widerspricht die Idee der Tatsache, daß sich die Geschichte der Seele bis in die Keimzelle zurückverfolgen läßt.
Criminalpsychologie
Criminalpsychologie
heißt die gerichtliche Psychologie, welche diejenigen Fälle untersucht, in denen aus körperlichen, seelischen oder sittlichen Gründen die Zurechnung (s. d.) ganz oder teilweise ausgeschlossen scheint. Als medizinische Disziplin entstand diese Wissenschaft durch Metzger und Plattner in den zwanziger Jahren des 19. Jahrh. und wurde durch Hoffbauer, Grohmann, Heinroth u. a. fortgebildet. Vgl. Friedrich, System der gerichtl. Psychol. 2. Aufl. Regensburg 1842.
Crocodilinus
Crocodilinus
sc. syllogismus, s. Krokodilschluß.
culpós
culpós
(lat. v. culpa = Schuld) heißt eine strafbare Handlung, die nicht aus böslicher Absicht, sondern aus Fahrlässigkeit hervorgegangen ist. Gegensatz: dolós. Vgl. Zurechnung, Dolus.
Cultur
Cultur
(lat. cultura) heißt eig. die Pflege, Bearbeitung und Ausbildung einer Sache zu dem Zweck, sie zu irgend einer Verwendung brauchbar zu machen. Im weiteren Sinne ist die Kultur die Bearbeitung der ganzen Natur durch den Menschen und die Ausbildung seiner moralischen, intellektuellen und technischen Anlagen und Fertigkeiten. Sie folgt der Zivilisation als höhere Stufe der Entwicklung eines Volkes nach, hat aber ihre Grenzen darin, daß der Mensch die Naturkräfte wohl entdecken und benutzen kann, aber nicht zu ändern vermag. Gegenüber dem Naturzustande bildet die Kultur trotz aller ihrer Schattenseiten den höheren, wertvolleren Zustand der Menschheit.
Cynismus
Cynismus
(gr.
kynismos
v.
kyôn
= Hund) bedeutet eine Auffassung und Führung des Lebens, welche alles, was über den Standpunkt des Bedürfnisses hinausgeht, verachtet. Bequemlichkeit, Luxus, vor allem
Anstand, Sitte
, Kunst, Wissenschaft und
Bildung
sind in den Augen eines cynischen Menschen nichts; ja er gefällt sich darin, sie geflissentlich zu verhöhnen. Der Name Cyniker (Kyniker) stammt daher, daß
Antisthenes
(geb. 444 v. Chr.), der Schüler des Sokrates, das Haupt der Kyniker, ca. 380 seine Schule im Kynosarges, dem Gymnasium für Nichtvollathener, eröffnete, hat aber auch eine besondere Färbung dadurch erlangt, daß man
Diogenes v. Sinope
(404-323), den Schüler des Antisthenes wegen seiner Gesinnung
kyôn
(Hund) nannte. Außer diesen beiden gehört der cynischen Schule noch Krates von Theben, dessen Gattin Hipparchia und deren Bruder Metrokles an. Antisthenes war Schüler des Sophisten Gorgias und im höheren Alter Schüler des Sokrates. Er lehrte, daß die Tugend das einzige Gut sei, daß die Lust verderblich wirke, und verlegte die Tugend in die Selbstbeherrschung und Bedürfnislosigkeit. So forderte er Rückkehr zur Einfachheit des Naturzustandes.
Diogenes von Sinope
übertrieb die Grundsätze seines Lehrers und verwarf mit den Unsitten seiner Zeit auch ihre Sitte und Bildung; so wurde er zu einem selbstgefälligen Sonderling, der sich der Richtung seiner Zeit entgegenstellte, den jedoch der Spott seiner Zeitgenossen nicht abhielt, nach seiner Weise naturgemäß, aber einflußlos zu leben. – Der bessere Kern der cynischen Lehre ist später in die Philosophie der Stoiker übergegangen; doch entwickelte sich daneben aus dem Cynismus ein hochmütiges und schamloses Bettlertum, an dem der Name der Cyniker haftete. Einen solchen Vertreter des Cynismus in seiner Zeit verspottet z.B. Lukianos in seinem Peregrinus Proteus.
Daltonismus
Daltonismus
, siehe Farbenblindheit.
Daimonion
Daimonion
nannte Sokrates (469-399) eine innere Stimme, die ihn in entscheidenden Augenblicken warnte und von der Ausführung einer gefährlichen Absicht abhielt. (Nach Platon Apol. 31 D und 41 D, Xen. Mem. I, 1, 6 warnte das Daimonion
peri – tôn adêlôn, hopôs an apobêsoito
.)
Dankbarkeit
Dankbarkeit
(Dank, eigtl. das Denken) heißt die Gesinnung eines Menschen, welcher empfangene Wohltaten anerkennt, sich ihrer erinnert und sie nach Kräften erwidert. Die Dankbarkeit ist verhältnismäßig selten zu finden; daher das Sprichwort: »Undank ist der Welt Lohn«. Vergeßlichkeit, Leichtsinn, Gewohnheit, Selbstsucht, – aber auch die Umstände verhindern oft die Dankbarkeit da, wo sie nicht gerade fehlt, sich zu äußern. So wenig die Wohltat erzwingbar ist, so wenig ist es der Dank dafür. Beides verliert durch Zwang allen Wert. Wenn daher, obwohl die Wohltätigkeit an sich eine hohe Tugend ist, derjenige »seinen Lohn dahin hat«, der etwas Gutes tut, um Dank zu ernten, so ist andrerseits Undankbarkeit ein Zeichen von Hohlheit oder Roheit des Gemütes, und Dankbarkeit eine schöne, aber schwere Tugend. Die Wohltaten, die wir anderen erweisen, vergessen wir langsam, die uns erwiesenen schnell. Unedlen, selbstsüchtigen Menschen sind empfangene Wohltaten drückend, weil sie sich nicht zum Dank verpflichtet fühlen möchten; freigebige, großmütige dagegen, die anderen oft Wohltaten erweisen, vergessen auch ihrerseits leicht des Dankes. Wer sich viel über Undank der Menschen beschwert, macht sich dadurch verdächtig, daß er nicht aus Menschlichkeit, sondern aus Eigennutz Wohltaten erwiesen hat.
Darapti
Darapti
heißt der erste Modus der dritten Schlußfigur, in dem die beiden Vordersätze allgemein bejahen, der Schlußsatz aber nur partikulär bejaht. Er hat die Form: MaP, MaS, SiP; z.B. Alle Cetaceen sind Wassertiere; alle Cetaceen sind Säugetiere; folglich sind mindestens einige Säugetiere Wassertiere.
Darii
Darii
ist der dritte Modus der ersten Schlußfigur mit allgemein bejahendem Obersatz und partikulär bejahendem Unter- und Schlußsatz. Er hat die Form: MaP, SiM, SiP; z.B. Alle nur durch 1 und sich selbst teilbare Zahlen sind Primzahlen; einige ungerade Zahlen lassen sich nur durch 1 und sich selbst teilen; also sind einige ungerade Zahlen Primzahlen.
Darstellung
Darstellung
ist die Tätigkeit, durch die man Gedanken zur äußeren Anschauung bringt. In der Kunst z.B. werden bestimmte Ideen des Geistes zur Anschauung gebracht, um dadurch einen der Idee angemessenen Gefühlszustand hervorzurufen. Am besten erreichen dies Ziel die Plastik und Malerei, weniger deutlich die Poesie und Musik. Diese müssen erst mittels der Laute oder Töne diejenigen Gedanken und Gefühle erregen, welche der den Augen dargestellte Gegenstand unmittelbar erregen würde. In der Deutlichkeit und Verständlichkeit der Darstellung übertreffen also die bildenden Künste die redenden, die ihnen andrerseits durch die Fülle des Darstellbaren bei weitem überlegen sind. (Vgl. Lessings Laokoon.)
Darwinismus
Darwinismus
ist die von Ch.
Darwin
(1809-1882) aufgestellte Entwicklungslehre, nach der die Arten der Organismen nicht fertig auf einmal geschaffen wurden, sondern auseinander und nacheinander allmählich auf Grund der wechselnden Existenzbedingungen und der Anpassungsfähigkeit der Organismen entstanden sind. Als die bestimmenden Einflüsse bei der Entstehung der Arten betrachtet Darwin die Vererbung (s. d.), die Variabilität der Individuen, die durch den Kampf ums Dasein (struggle for life) bewirkte natürliche Zuchtwahl oder Auslese (Selection), die Korrelation der Organe und die Folgen des Gebrauchs oder Nichtgebrauchs der Glieder. (Ch. Darwin, On the origin of species by means of natural selection, London 1859.) Es ist das Verdienst Darwins, das Dogma von der Konstanz der Arten umgestoßen und eine Betrachtungsweise in der Zoologie und Botanik zur Geltung gebracht zu haben, die das Seiende nicht als starre Form hinnimmt, sondern sein Wesen aus dem Werden begreifen lehrt. Der Grundgedanke einer allmählichen Vervollkommnung der Organismen ist wissenschaftlich überaus fruchtbar und widerspricht auch nicht dem Glauben. Die Theorie Darwins bedroht nicht, wie anfangs angenommen wurde, den Theismus. Denn die schöpferische Tätigkeit Gottes erscheint, wie schon Newton im Kampf gegen den Mechanismus angedeutet hat, ebenso groß, ja noch größer, wenn die Natur entwicklungsfähig ist, wenn also, wie es der Darwinismus später gelehrt hat, fortwährend neue Stufen der Entwicklung erscheinen, als wenn die Natur konstant wäre, also die Arten am Anfang fest ins Dasein getreten wären. Und selbst wenn die Ursache einer Erscheinung noch so weit, bis in die Elemente aller Dinge zurückgeschoben wird, so bleiben wir doch damit nur innerhalb der endlichen Erscheinungswelt stehen. Mag die Entwicklung der Individuen von innen (wie nach Wallaces Evolutionstheorie) oder von außen (wie nach Darwins Selektionstheorie) kommen, die Frage einer Weltschöpfung wird dadurch nicht berührt. Die Schöpfung gewinnt nur an Würde und Bedeutung, sagt O.
Peschel
(1826-1875), wenn sie die Kraft der Erneuerung und Entwicklung in sich selbst trägt. Der unbefangene Blick wird leicht erkennen, daß die Züchtungslehre die Teleologie nicht einfach abweist, sondern ihr vielmehr den Boden bereitet. Doch darf die Darwinsche Theorie nicht in das Gebiet der Wertunterschiede im Dasein übergreifen. Das Gebiet des Geistes, besonders das ethische, läßt sich nicht in bloßen Naturmechanismus auflösen. Denn die geistigen und ethischen Tatsachen sind nicht nur verschieden von den materiellen, sondern auch bedeutungsvoller als diese. Das Weltall, den Menschen mit einbegriffen, kann nicht in eine Mechanik der Atome verwandelt werden. Die Darwinsche Theorie muß sich auf das naturwissenschaftliche Gebiet beschränken und die Ethik als ein selbständiges, außerhalb ihres Forschungskreises liegendes Gebiet anerkennen. – Recht leer und unbedeutend ist übrigens die von einem Schüler
Haeckels
, des hervorragendsten Vertreters des Darwinismus in Deutschland,
Joh. Unbehaun
, versuchte rein philosophische Selektionstheorie (Jena 1896). Vgl. G. P.
Weygoldt
, Darwinismus, Religion, Sittlichkeit. Leyden 1878. R.
Schmidt
, die Darwinsche Theorie. Leipzig 1876. Vgl. Evolution, Mutation.
Dasein
Dasein
(existentia) ist das Sein in der Wirklichkeit. Während das Sein zunächst nur s. a. Gesetztwerden, Gedachtsein ist, so z.B. bei allem Abstrakten, haben die realen Außendinge Dasein. Das Dasein ist kein Merkmal der Dinge, sondern absolute Position. Das Denken reicht nie dazu aus, ein Dasein nachzuweisen; vielmehr gehört dazu stets Empfindung, Wahrnehmung oder Zusammenhang mit Wahrnehmungen nach den Grundsätzen der erfahrungmäßigen Verknüpfung derselben. Ein Dasein hat nur (d.h. wirklich ist nur) »was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt«. Vgl. Kant, Kr. d. r. V. S. 218ff. und Kant, der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes. Königsberg 1763.
Datisi
Datisi
heißt der vierte Modus der dritten Schlußfignr mit allgemein bejahendem Obersatz, aber partikulär bejahendem Unter- und Schlußsatz. Er hat die Form: Map, MiS, SiP; z. B: Alle Zahlen, die nur durch 1 und sich selbst teilbar sind, sind Primzahlen; einige Zahlen, die nur durch 1 und sich selbst teilbar sind, enthalten 7 Einer; also sind einige Zahlen, die 7 Einer enthalten, Primzahlen.
Dauer
Dauer
ist das unveränderte Dasein eines Gegenstandes im Wechsel der Zeit. Die Zeit selbst ist beständiger Fluß; ihr kommt keine Dauer zu. Nur von den Dingen in der Zeit, dem Zeitinhalt, kann Dauer ausgesagt werden. Das Bewußtsein von der Dauer eines Gegenstandes beruht auf dem Gegensatz, daß das Objekt mit seinem Empfindungs- und Gefühlsinhalte verharrt, während der Vorstellende sich ändert. Dies geschieht besonders wirksam, wenn der Wunsch des Vorstellenden dem Zustande des Objekts widerstrebt, d.h. das Nochdasein einer Vorstellung die Erwartung einer anderen Lügen straft. Unendliche Dauer heißt Ewigkeit. Alle Dauer im Fluß des Werdens der Dinge leugnete
Herakleitos
von Ephesos (um 600 v. Chr.), während die Eleaten umgekehrt allen Wechsel und alle Veränderung für Sinnestrug erklärten.
Declaration
Declaration
(lat.) heißt s. a. Definition (s. d.).
Decoration
Decoration
(franz. decoration) heißt die Ausschmückung oder Verzierung eines Gegenstandes, die ihm gegeben wird, damit er ein gefälligeres oder ein zweckentsprechenderes Aussehen erhalte. Bei räumlich gestalteten Kunstwerken besteht die Dekoration in den Zutaten, die nicht unmittelbar organisch mit ihrer Idee zusammenhängen, sondern mehr zur feineren Gestaltung der einzelnen Glieder und zur Ausfüllung des gegebenen Raumes dienen. Besonders in der Baukunst ist zu scheiden zwischen konstruktiven Teilen und dekorativen (ornamentalen) Zutaten des Bauwerks. Jene sind die unentbehrlichen Bestandteile des Ganzen, wie etwa Mauern, Säulen, Pfeiler, Architrave, Bögen, Gewölbe, diese, wie Basis, Kapital, Kanellüren der Säulen, Triglyphenschlitze, Gesimse, Metopentafeln, Friese, Wandgemälde, Giebelgruppen, Maßwerk, Wimperge, Fialen, Krabben usw., wachsen in ihren einfachsten Grundformen teilweise aus der Technik des Materials bei Gestaltung der einzelnen Teile hervor, teilweise sind sie eine vermannigfaltigende und verschönernde Zugabe. Auch können die dekorativen Zutaten der Baukunst sich in der Form den Gestalten der konstruktiven Teile anpassen und sich innerhalb des geometrischen Figurenkreises halten, oder sie können, in selbständigeren Formen sich bewegend, die besondere Bestimmung eines Gebäudes deutlicher zum Ausdruck bringen. Ein völliger Mangel an aller Dekoration ist an einem Bauwerk, soweit es Kunstzwecken dient, ebenso unerträglich wie ein Zuviel. Doch ist das Verhältnis der verschiedenen Stilarten zur Dekoration ein sehr verschiedenes.
deductio ad absurdum
deductio ad absurdum
, s. Apagoge.
Deduction
Deduction
(lat. deductio, gr.
apagôgê
), eigentl. die Herabführung, die Ableitung, ist diejenige Beweis- und Darstellungsmethode, welche das Besondere aus dem Allgemeinen ableitet. Das Mittel dieser Ableitung ist der Syllogismus (s. d.). Sie ist also nur da in der Wissenschaft möglich, wo ein Allgemeines bereits gegeben ist. Da dieses aber nur durch Abstraktion und Induktion gefunden wird, so fußt die Deduktion auf den Resultaten des Abstraktions- und Induktionsprozesses. Sie stellt die Abstraktionen und Induktionen in Definitionen, Gesetzen und Hypothesen zusammen, gliedert dann durch Einteilung den wissenschaftlichen Stoff nach den Verhältnissen der Über-, Unter- und Beiordnung. Sie setzt die allgemeinen Begriffe logisch in Beziehung zueinander und zieht aus ihnen Folgerungen oder leitet aus den gewonnenen Gesetzen syllogistisch die Tatsachen und ihre Erklärung ab. Sie ist die fruchtbare Methode der Mathematik und hat auch in der Naturwissenschaft da ihren Platz, wo man bereits Erfahrungen gesammelt, Hypothesen aufgestellt und Prinzipien gewonnen hat. Für die Philosophie ist sie dagegen die fruchtbare Methode nicht. Die Philosophie ist nur durch die Induktion vorwärts gekommen, und auch in ihr kann die Deduktion erst der Induktion folgen. Deduktive Systeme wie das des Aristoteles, Fichtes, Schellings, Hegels, Schopenhauers haben sich nicht bewährt. So ist der Versuch des
Aristoteles
(384-322), den ganzen Kosmos aus vier Prinzipien: Form, Stoff, Ursache und Zweck, Fichtes (1762-1814) aus dem Ich,
Schellings
(1776-1854) aus dem Absoluten, Hegels (1770-1831) aus der Idee,
Schopenhauers
(1788-1866) aus dem Willen zu konstruieren, doch im Kerne mißlungen.
Deduction, transscendentale
Deduction, transscendentale
. Der Kern der kantischen Vernunftkritik besteht darin, nachzuweisen, wie Begriffe a priori sich auf Objekte beziehen und, ohne aus der Erfahrung zu stammen, Gültigkeit von Gegenständen der Erfahrung erlangen können. Dieser Aufgabe dient in der Kr. d. r. V. von dem II. Teil der Elementarlehre (Transsc. Logik) das zweite Hauptstück der ersten Abteilung (Transsc. Analytik), das sich, S. 84-130, die transscendentale Deduction der Kategorien nennt. Kant weist darin nach, daß diejenigen Anschauungen und Begriffe a priori, welche die Erfahrung erst möglich machen, nicht subjektive Erdichtungen sind, sondern als Bedingungen aller Erkenntnis von allen Objekten Gültigkeit haben müssen. (Vgl. Raum u. Zeit, Kategorien.) Seinem Beweise fehlt aber zweierlei, erstens der Nachweis der Notwendigkeit der einzelnen Anschauungsformen und Kategorien und zweitens der Nachweis einer Notwendigkeit der Erkenntnis überhaupt. Die Unmöglichkeit, diesen doppelten Nachweis anders als empirisch und in den Einschränkungen, die der Empirismus vorschreibt, zu geben, entscheidet über das Schicksal des kantischen Apriori, das in der Form, wie Kant es selber gibt, unhaltbar sein dürfte. Ein schlechthin Notwendiges und Allgemeines ist nicht nachzuweisen. Vgl. Angeboren, a posteriori, Nativismus, Kategorien, Raum und Zeit.
definitio hybrida
definitio hybrida
heißt eine Erklärung, die zu viel umfaßt.
Definition
Definition
(lat. definitio von definire = begrenzen, bestimmen) heißt die vollständige und geordnete Darlegung des Inhalts eines Begriffs. Diese wird gewöhnlich in der Form eines Urteils durch Setzung des zu definierenden Begriffs als Subjekt des Urteils und durch Angabe des nächsten Gattungsbegriffs (genus proximum) und des Artunterschiedes (differentia specifica) als Prädikat des Urteils erreicht. Jede Definition in dieser Form enthält also 1. als Subjekt den zu definierenden Begriff (definitum), 2. als Prädikat den in seine Merkmale nach Gattung und Artunterschied zerlegten Inhalt desselben (definiens); z.B. das Parallelogramm (definitum) ist ein Viereck (Gattung) mit parallelen Seitenpaaren (Artunterschied). – Die Definitionen zerfallen a) in
Nominal
– und
Realdefinitionen
, je nachdem nur der Gebrauch eines Wortes festgelegt oder dem zu Erklärenden zugleich mit der Erklärung reale Gültigkeit zugeschrieben werden soll; b)
in essentiale und distinguierende
, je nachdem man die primären oder abgeleiteten Merkmale angibt; c)
in existentiale oder genetische
Definitionen, je nachdem sie ein Objekt als fertig oder als entstehend darstellen. – Eine gute Definition ist nicht leicht. Sie muß 1. ein kategorisches Urteil sein, 2. den höheren Gattungsbegriff und den Artunterschied ohne jede Künstelei geben, 3. die konstitutiven Merkmale enthalten. Sie muß 4. präzis, klar und adäquat sein, 5. kein aus einem anderen schon gegebenen ableitbares Merkmal enthalten und 6. Zirkel, Tautologien, Bilder und Einteilungen vermeiden. – Falsche Definitionen sind daher z.B. folgende: Psychologie ist Seelenlehre. Das Gute ist die Sonne im Reiche der Ideen. Ein Dreieck ist eine dreiseitige, dreiwinklige Figur. Ein Parallelogramm ist ein Viereck mit parallelen und gleichen Seitenpaaren. – Die Wichtigkeit und das Wesen der Definitionen hat zuerst Sokrates (469-399) erkannt (Arist. Met. XIII, 4, p. 1078b 27
dyo gar estin. ha tis an apodoiê Sôkratei dikaiôs, tous t' epaktikous logous kai to horizesthai katholou
). Die Form der Definition hat zuerst
Aristoteles
(384-322) durch Hinweis auf Gattung und Artbegriff bestimmt. (
ho horismos ek genous kai diaphorôn estin.
Top. I, 8, p. 103 b 15).
Definitum
Definitum
heißt der zu erklärende Begriff oder das Subjekt des zu erklärenden Satzes.
Deisidaimonie
Deisidaimonie
(gr.) heißt Gottesfurcht, Dämonen- oder Gespensterfurcht, Aberglaube.
Deismus
Deismus
(nlt., geb. von deus = Gott) ist die religiöse Weltanschauung, welche eine Gottheit als Urgrand aller Dinge annimmt, diesen aber nicht, wie es der Theismus tut, als den persönlichen Regenten der Welt ansieht, und die zugleich alle geoffenbarte Religion zugunsten einer natürlichen verwirft. Der Deismus steht dem Naturalismus nahe; beide verwerfen die Wunder, die Weissagung, die übernatürliche Offenbarung und stellen die Vernunft als Norm der Religion auf. Der Naturalismus aber leugnet das Göttliche überhaupt, während der Deismus an der Existenz eines Göttlichen festhält.
Deisten
oder Freidenker (Freethinkers) nannte man demgemäß diejenigen, welche die natürliche Religion begründen wollten. Am bekanntesten sind die Engländer
Herbert v. Cherbury
(1581-1648), Ch.
Blount
(1659-1693), der sich zuerst
Deist
nannte,
John Toland
(1670-1722),
Graf Shaftesbury
(1671-1713),
Anthony Collins
(1676-1729),
Matthew Tindal
(1656-1733), der Franzose
Voltaire
(1694-1778), die Deutschen
Bahrdt, Edelmann, Lessing, Mendelssohn. Vgl. G. V. Lechler
, Gesch. d. engl. Deismus. Stuttgart 1841. Kant (1724-1804) definiert kurz: »
Der Deist
glaubt einen Gott, der
Theist
aber einen lebendigen Gott (summam intelligentiam)«. Kr. d. r. V., S. 633. Siehe Theismus.
Demiurg
Demiurg
(gr.
dêmiourgos
= Werkmeister, Weltbildner) bezeichnet schon bei
Platon
(427-347) den Weltbaumeister (
poiêtên kai patera tou pantos
Platon Tim. V, 28 B); ihm folgt
Plotinos
(205-270); ähnlich ist in der Kosmologie der Gnostiker (s. Gnosis) der Demiurg der vom höchsten Gott unterschiedenen Schöpfer der Sinnenwelt. Er ist der Vorsteher (
archôn
) der untersten Stufe der Geisterwelt (
plêrôma
). Durch seine Berührung mit dem Chaos schuf er eine beseelte Körperwelt. Dem Menschen verlieh der höchste Gott, da der Demiurg ihm nur eine
psychê
geben konnte, noch die Vernunft (
pneuma
). – Bei den Kirchenvätern heißt auch der
Logos
s. a. Demiurg; in der Philosophie bezeichnet man jetzt noch allgemein die Gottheit so, wenn sie nicht als Schöpfer der Welt, sondern nur als Weltbaumeister gedacht wird.
Demokratie
Demokratie
, s. Staatsverfassung.
Demonstration
Demonstration
(lat. demonstratio = Darlegung) heißt ein Beweis, der aus der Anschauung gegeben wird. Demonstrationen bilden den Gegensatz zu den
diskursiven
Beweisen, d.h. den Beweisen aus bloßen Begriffen. (Vgl. Kant, Kr. d. r. V. S. 834. Nur ein apodiktischer Beweis, sofern er intuitiv ist, kann Demonstration heißen.) S. Beweis; demonstrabel heißt aus der Anschauung beweisbar; demonstrandum heißt das zu Beweisende; quod erat demonstrandum heißt: was zu beweisen war. Unter allen Philosophen hat
Christian Wolf
(1679-1764) am eifrigsten danach gestrebt, die Philosophie in eine lediglich demonstrierende Wissenschaft nach dem Muster der Geometrie umzuwandeln. Siehe Rationalismus.
Demoralisation
Demoralisation
(franz. demoralisation) heißt Entsittlichung, sittliche Verwilderung nach vorherigem besserem Zustande.
Demut
Demut
ist die aus dem Bewußtsein eigener Unvollkommenheit oder Niedrigkeit entspringende Ergebenheit, sich Gottes Willen unterzuordnen. Die wahre Demut geht aus religiöser Gesinnung hervor und ist ein Kennzeichen echter Herzensbildung, die falsche entspringt dem Egoismus oder der Eitelkeit. Den Menschen gegenüber geziemt nicht Demut, sondern Bescheidenheit. Diese ist die aus richtiger Selbsterkenntnis entspringende Mäßigung in der Selbstschätzung und den Ansprüchen (s. d.).
Denkart / Denkungsart
Denkart
und
Denkungsart
sind zwei Ausdrücke, die häufig miteinander vertauscht worden sind, so daß ihre Unterscheidung eine unsichere ist; sie ließen sich vielleicht so unterscheiden, daß man mit dem ersten Aasdruck die Art und Weise bezeichnete, wie jemand die Denkgesetze (s. d.) anwendet, mit dem zweiten dagegen die Auffassung, welche man von den Lebensverhältnissen hat. Die beiden Ausdrücke schlössen dann die Begriffe Form und Inhalt in sich ein. Hegel und Haeckel hätten eine verschiedene Denkart, ein Agrarier und ein Gewerbetreibender hätten eine verschiedene Denkungsart. Die Methode des Denkens bestimmte dann die Denkart, Umstände (wie Erziehung, Umgang, Beschäftigung) beeinflußten die Denkungsart. Es gäbe z.B. eine fromme und unfromme Denkungsart, aber keine fromme Denkart (doch sagt gerade Schiller: die Milch der frommen Denkart, Teil IV, 3). Die Denkart wäre rationalistisch oder empirisch, deduktiv oder induktiv, dogmatisch oder kritisch oder skeptisch. Die Denkart wäre eine Seite der Intelligenz, die Denkungsart eine Seite des Charakters des Menschen. – Im allgemeinen ist der Ausdruck Denkart jetzt wenig gebräuchlich, und geläufig nur der Ausdruck Denkungsart und zwar in der Bedeutung Lebensauffassung. Die Unterscheidung beider Ausdrücke hat also etwa Künstliches an sich.
Denken
Denken
(lat. cogitare, gr.
noein, phronein
) heißt im weiteren Sinne im Gegensatz zu der Assoziation (s. d.), den passiven Erlebnissen des Bewußtseins, die Aktivität oder Selbstbetätigung des menschlichen Bewußtseins, im engeren Sinne das nicht unmittelbar von außen angeregte Vorstellen, während das Erkennen in der bewußten Erfassung der wirklich vorhandenen Gegenstände besteht. Beide Tätigkeiten, Denken und Erkennen, bedingen freilich einander. Denn das Erkennen ist nicht ohne Denken möglich, und das Denken nimmt stets seinen Ausgang von dem Wirklichen. Im engsten Sinne bedeutet Denken die logische Trennung und Verbindung der Vorstellungen nach den Denkgesetzen (s. d.). Die durch Empfindung und Wahrnehmung gewonnenen Vorstellungen werden in reproduktiven Verbindungen festgehalten, erneuert und fortgebildet, das Denken aber bearbeitet sie nach der durch ihre Qualität bedingten Notwendigkeit. Seine Hauptoperationen sind dabei: Apperzeption, Aufmerksamkeit, Abstraktion, Begreifen, Urteilen und Schließen. Seine Vorzüge sind Widerspruchslosigkeit und Einheit, Klarheit und Deutlichkeit, Zusammenhang und Konsequenz. Dadurch erreicht es, sofern es sich auf sich selbst beschränkt, logische Richtigkeit, sofern es mit Außendingen zu tun hat, Wahrheit.
Denkgesetze
Denkgesetze
heißen die Gesetze, welche die gleichbleibenden Formen bestimmen, in denen sich unser Denken vollzieht. Sie gleichen den Naturgesetzen darin, daß sie die Gleichmäßigkeit des Geschehens zum Ausdruck bringen, während den juridischen und moralischen Gesetzen, welche freien Persönlichkeiten als Postulate eine Verpflichtung auferlegen, nicht natürliche Notwendigkeit beiwohnt. Da aber die Menschen durch Gefühle, Vorurteile und Motive vielfach in ihrem Denken beeinflußt sind und ferner aus Nachlässigkeit, Egoismus und Mangel an Methode falsche Begriffe, Urteile und Schlüsse bilden, so werden die Denkgesetze, obwohl sie den Naturgesetzen ähnlich sind, keineswegs immer befolgt und erleiden Ausnahmen, wie es die Naturgesetze nicht erleiden. Die Denkgesetze sind: 1. das Gesetz der Identität, 2. der Satz des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten, 3. der Satz vom zureichenden Grunde. Daran schließen sich dann die zahlreichen Gesetze der Kategorienlehre, der Lehre vom Begriff, Urteil und Schluß und der Methodenlehre. Vgl. Gesetz.
Denklehre
Denklehre
, s. Logik.
Deontologie
Deontologie
(v. gr.
to deon
= die Pflicht) heißt Pflichtlehre; sie ist ein Teil der Ethik; der Ausdruck ist zuerst von J. Bentham (1748-1832) gebraucht worden: »Deontology or the science of morality«, 1834 (nach Benthams Tode herausgegeben).
Dependenz
Dependenz
, s. Abhängigkeit, Causalität.
Depression / Exaltation
Depression
und
Exaltation
, d.h. übermäßige Gedrücktheit und Gehobenheit, sind krankhafte Gemütszustände, in denen sich der Mensch entweder gehemmt oder überkräftig fühlt und meistens zwischen beiden, »himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt« schwankt.
Descendenztheorie
Descendenztheorie
, s. Darwinismus.
Determination
Determination
(lat. determinatio, gr.
prostheois
), eigentl. Begrenzung, ist die der Abstraktion (s. d.) entgegengesetzte Tätigkeit, welche einem Begriffe bestimmende Merkmale hinzufügt und dadurch zu einem dem Inhalt nach reicheren, dem Umfange nach engeren, dem Begriffe, von dem man ausgeht, untergeordneten Begriffe führt. Daß ein durch ein bestimmtes Merkmal schon determinierter Begriff ohne Widerspruch nicht auch durch das entgegengesetzte Merkmal bestimmt werden kann, besagt der Satz des Widerspruchs (principium contradictionis) und der Satz vom ausgeschlossenen Dritten (principium exclusi medii inter duo contradictoria) oder der Satz der durchgängigen Bestimmbarkeit (principium determinationis omnimodae). Vgl. Contradiction.
Determinismus
Determinismus
(nlt.) (auch Prädeterminismus) heißt diejenige ethische Ansicht vom Wesen des menschlichen Willens, welche diesen in seinen Äußerungen durch, bewußte oder unbewußte Ursachen bestimmt sein läßt, während der
Indeterminismus
unseren Willen für frei erklärt, mithin annimmt, daß er auch eine den bestimm enden Ursachen entgegengesetzte Richtung einschlagen oder zum absoluten kausalitätslosen Anfang eines Geschehens werden könne. Der Indeterminismus hat seine bestimmteste Ausprägung in der Lehre Kants von der
intelligiblen Freiheit
(s. d.) gefunden. Der Determinismus hat verschiedene Formen angenommen. Seine roheste Form ist der
Fatalismus
(s. d.), der die Willensakte, wie alles andere Geschehen, von einer allgemeinen, blind wirkenden Notwendigkeit, dem Schicksal, beherrscht werden läßt. Einen solchen Fatalismus schließt der Islam in sich ein. Einen
mechanischen Determinismus
dagegen lehrt der Materialismus der Naturalisten, der den Menschen bloß als eine Maschine betrachtet. Der
theologische Determinismus
hingegen, den z.B.
Paulus, Augustinus
(430) und
Calvin
(1509-1564) vertreten, läßt die menschlichen Handlungen von einem unbedingten Ratschluß Gottes abhängen (vgl. Prädestination). Einen
metaphysischen Determinismus
lehrte
Spinoza
(1632-1677): Alles Geschehen ist kausal begründet durch die göttliche Natur, aus der mit mathematisch-logischer Notwendigkeit aller Wille seine Bestimmung empfängt. – Ähnlich nimmt
Leibniz
(1646 bis 1716) an, daß der Wille durch innere Beweggründe, die von Gott begründet sind, bestimmt wird. Der
psychologische Determinismus
endlich, den
Locke
(1632-1704) begründet und auch
Herbart
(1776-1841) vertreten hat, hebt die praktische menschliche Freiheit und die Verantwortlichkeit keineswegs auf; denn er betrachtet das Wollen nicht als Folge äußerlich und mechanisch wirkender Ursachen, sondern als Ausdruck und Folge der inneren Gesetzmäßigkeit des geistigen Lebens selbst, einer psychologischen Kausalität, für die freilich das Prinzip der quantitativen Äquivalenz von Ursache und Wirkung nicht gilt. Die Willensregung hängt mit der Apperzeption zusammen, wobei sowohl äußere Eindrücke wie reproduzierte Vorstellungen und die ganze durch Erziehung, Leben und angeborene Eigenschaften entwickelte Persönlichkeit des Wollenden mitwirken, so daß für den Beobachter oft der Schein eines freien ursachlosen Handelns entstehn kann, weil oft der direkte Zusammenhang mit einer äußeren Ursache fehlt. Für die Existenz einer psychologischen Kausalität spricht die Stetigkeit des gesamten Seelenlebens, die durchgängige Abhängigkeit des Wollens von Motiven, ferner der Umstand, daß gerade das entschiedenste Wollen sich seiner Beweggründe am deutlichsten bewußt ist, und daß der Begriff der Kausalität auf den Willen nicht minder angewendet werden muß als auf sonst irgend eine Kraft. Und der Satz des Indeterminismus: »Ohne Freiheit keine Zurechnung« kehrt sich gegen ihn selber. Denn die Zurechnung, indem sie den Faden der Kausalität verfolgt, hört da auf, wo dieser abgerissen wird; bestände zwischen dem Ich und seinem Endwollen kein Zusammenhang mehr, d.h. wäre dem Ich dieses Wollen ebenso willkürlich als ein anderes, so hörte jede Verantwortlichkeit des Ichs für dieses Wollen auf, und ein von allen Motiven unabhängiger Wille müßte als von sittlichen Motiven unabhängig, d.h. als unfrei gelten. Ohne die deterministische Gesetzmäßigkeit unserer Handlungen wäre die Rechtspflege wie die Erziehung unmöglich; jene allein begründet den historischen Pragmatismus, die exakte Auffassung individueller Entwicklung und die Moralstatistik. Vgl.
Wundt
, Gr. d. phys. Psych. H 478-487, vgl. auch Freiheit.
deutlich
deutlich
heißt ein Begriff, der nicht nur allen anderen gegenüber scharf abgegrenzt, sondern auch durch die Feststellung seiner Merkmale in sich geklärt ist. Nach
Leibniz
(1646-1716) heißt eine solche Vorstellung
deutlich
, »wie sie die Goldscheider vom Golde haben«, auf Grund von Merkmalen nämlich und Untersuchungen, die hinreichen, die Sache von allen ändern ähnlichen Körpern zu unterscheiden. (Leibniz, Betracht. über die Erkenntnis, die Wahrheit und die Ideen 1687. Vgl. Philos. Bibl. Bd. 101, S. 20.)
Wundt
(geb. 1832) versteht unter der Deutlichkeit der Vorstellungen die bestimmtere Abgrenzung gegenüber anderen psychischen Inhalten. (Grundz. d. Psych. S. 152.) Vgl. klar, dunkel, verworren. Siehe auch clare et distincte.
Dialektik
Dialektik
(gr.
hê dialektikê
sc.
technê
) ist eigentlich die Kunst der Unterredung, dann die Kunst einer methodischen wissenschaftlichen Forschung, also das, was wir gewöhnlich Logik nennen. Die Sophisten (5. Jahrh. v. Chr.) verstanden darunter die Kunst des logischen Scheins, die Fertigkeit, den Gegner durch Fang- und Fehlschlüsse zu täuschen. Als Erfinder dieser Dialektik wird
Zenon
der Eleate (5. Jahrh. v. Chr.) genannt.
Sokrates
(469-399) gestaltete die Dialektik zur Kunst mit anderen zu meditieren (Sokratische Methode) um. Bei
Platon
(427-347) ist es die Methode, einen Gegenstand begrifflich zu erforschen. Der Eros, welcher das Endliche zum Unendlichen zu erhöhen strebt, ist der philosophische Trieb; das Mittel, die Wahrheit zu erlangen, ist die Dialektik, d.h. die Gesprächskunst. Da sie aber die Wahrheit sucht, so ist die Dialektik schließlich die Wissenschaft von dem wahrhaft Seienden, von den Ideen (Rep. VI, 511 B. Phil. 58A).
Aristoteles
(384-322) hingegen unterschied wissenschaftliche Beweise von den bloß dialektischen und verstand unter letzteren die Wahrscheinlichkeitsbeweise. Die Dialektik deckt die verschiedenen Seiten auf, von denen aus ein Gegenstand betrachtet werden kann, und dient daher namentlich zur Aufsuchung der verschiedentlichen Prinzipien. (Vgl. Arist. Top. I, 2 p. 101b 2ff.). So näherte sich der Begriff der Dialektik wieder bei Aristoteles dem der Sophistik. Auch bei den
Stoikern
galt sie wieder als die Kunst gut zu reden (
epistêmê tou eu legein
). Für
Kant
(1724-1804) ist die Dialektik nicht die Kunst, sondern die Kritik des dialektischen Scheins der Logik; sie kritisiert die Ideen, die eine unmittelbare objektive Beziehung nicht haben, und sie entwickelt z.B. in der Lehre von der Antinomie der reinen Vernunft den scheinbaren Widerstreit der Vernunft mit sich selbst in bezug auf die Welt als Ganzes und die das Geschehen in ihr betreffenden Fragen. (Kr. d. r. V., S.62ff.)
Schleiermacher
(1768-1834) und Hegel (1770-1831) hingegen sind zur platonischen Bedeutung zurückgekehrt. Jener betrachtet die Dialektik als eine Architektonik alles Wissens, als Organon für das richtige Verfahren im zusammenhängenden Fortschreiten alles Denkens und als Kriterium für jedes Einzeldenken, welches Wissen zu sein beansprucht. Hegel sieht in ihr die allein wissenschaftliche, dem Gegenstand der Erkenntnis selbst immanente Methode, deren Wesen darauf beruht, daß nicht bei den abstrakten Bestimmungen der Begriffe stehn geblieben, sondern über diese hinausgegangen und dadurch der wahrhaft wissenschaftliche Fortschritt gewonnen wird. Sie ist die Aufzeigung der dem Gegenstand selbst innewohnenden Widersprüche; denn alles Endliche schlägt in sein eigenes Gegenteil um, damit es sich kraft dieser Diremption zu einer höheren, reicheren Einheit erhebe. Das dialektische Denken steht mithin zwischen dem abstrakt verständigen, welches an der sicheren Bestimmtheit der Begriffe festhält, und dem spekulativen Denken, das die Einheit des Entgegengesetzten als das Affirmative betont, was in ihrer Auflösung und ihrem Übergehen enthalten ist. Die dialektische Methode betrachtet das Umschlagen jedes Begriffs in sein Gegenteil und die Vermittlung des Gegensatzes zu der höheren Einheit (Thesis – Antithesis – Synthesis); in ihr ist sowohl der bloß unterscheidende Verstand, wie auch die bloß die Unterschiede aufhebende negative Vernunft oder Skepsis als Moment enthalten. Vgl. H.
Ulrici
, Prinzip und Methode d. Hegelsch. Philos. 1841. Über das Unhaltbare der dialektischen Methode Hegels siehe conträr und contradictorisch. – Neuerdings hat den Namen Dialektik wieder aufgenommen E.
Dühring
in seiner natürlichen Dialektik, 1866. Vgl. Maieutik.
dialektische / eristische
dialektische
oder
eristische
Schule hieß die Schule der
Megariker
, die sich an Sokrates anschloß. Zu ihr gehört
Euklides
von Megara,
Eubulides
von Milet,
Alexinos, Diodoros Kronos, Philon
und
Stilpon
. Die Megariker verbanden die Lehre des Sokrates mit der Lehre der Eleaten und polemisierten mit Fangschlüssen gegen die Existenz der Bewegung.
Diallele
Diallele
(gr.
diallêlos
sc.
tropos
), eigentl. der Schluß »durcheinander«, der Zirkelschluß, ist der Fehler im Schlußverfahren, der eintritt, wenn das zu Beweisende unmittelbar oder mittelbar zum Beweise verwendet wird. Vgl. circulus vitiosus.
Diätetik
Diätetik
(gr.
diaitêtikê
sc.
technê
von
diaita
Lebensweise) heißt die Lebenskunst, d.h. die Lehre von der vernunftmäßigen und gesundheitmäßigen Lebensweise oder von der Selbsterziehung. Auf Grund der physiologischen, psychologischen und logischen Grundgesetze hat sie diejenigen Regeln zu entwickeln, deren Befolgung den Menschen gesund, vernünftig und sittlich macht. Vgl.
Makrobiotik
; E. v.
Feuchtersleben
, Diätetik der Seele. 1838. F.
Kirchner
, Diätetik des Geistes. 2. Aufl. Berlin 1886.
Dianoia
Dianoia
(gr.
dianoia
) heißt die Denkkraft.
Dianöologie
heißt die Denklehre (
Schopenhauer
).
Dianoetische
Tugenden sind bei
Aristoteles
(384-322) die richtigen Betätigungen der denkenden Vernunft an sich und bezüglich der niederen Seelentätigkeiten: Vernunft, Wissenschaft, Kunst und praktische Einsicht. Siehe Cardinaltugenden.
Dichotomie
Dichotomie
(gr.
dichotomia
von
dicha
zweimal und
tomê
Einteilung) heißt im weiteren Sinne jede zweigliedrige Einteilung, z.B. die Einteilung des menschlichen Wesens in Leib und Seele, oder der Gestirne in Fixsterne und Planeten. Die Dichotomie im engem Sinne zerlegt ein Ganzes in zwei kontradiktorische (s. d.) Gegensätze, so daß ein Drittes daneben ausgeschlossen ist. Vgl. Einteilung u. Divisio und Partitio.
dictum de omni et nullo
dictum de omni et nullo
wird der logische Grundsatz genannt: Was von dem Allgemeinen gilt, hat auch von dem Besonderen Gültigkeit; was von Keinem gilt, gilt auch nicht von dem Besonderen. Quidquid de omnibus valet, valet etiam de quibusdam et singulis; quidquid de nullo valet, nec de quibusdam vel singulis valet. Der Doppelsatz besagt also, daß aus der Wahrheit des allgemeinen kategorischen oder hypothetischen Urteils (SaP, SeP; immer, wenn A ist, ist B; niemals wenn A ist, ist B) die Wahrheit des besonderen kategorischen oder hypothetischen Urteils (SiP; SoP; einigemal wenn A ist, ist B; einigemal wenn A nicht ist, ist B) folgt. Zu ergänzen ist der Satz dahin, daß umgekehrt aus der Unwahrheit des besondern Urteils die Unwahrheit des allgemeinen folgt, aber nicht aus der Unwahrheit des allgemeinen die Unwahrheit des besonderen. Ein Beispiel ist: Weil alle Menschen irren, irrt auch der Weise, oder: Weil kein Mensch die Zukunft kennt, kann sie auch kein Dichter wissen. Übrigens heißt, das dictum de omni, insofern es bei der Induktion von vielen Einzelheiten aufs Ganze schließt, auch dictum de exemplo, weil jedes Einzelding ein Beispiel von der Gattung ist, unter der es steht, und den Satz de nullo nennt man auch de diverso, weil etwas, das von einem Dinge ganz verschieden ist, ihm auch nicht ab Merkmal zukommen kann. Eine Zusammenfassung beider ist der Satz
de reciproco
: Wenn kein M B ist, so ist auch kein B dieses oder jenes M; und wenn C dieses oder jenes B ist, so gibt es B, die C sind. Dieser Satz liegt allen Umkehrungsschlüssen zu Grunde. Vgl. nota notae est nota rei ipsius.
Differenz
Differenz
(lat. differentia = Verschiedenheit) ist in der Logik ein aus dem beziehenden Denken entspringender Begriff, dessen Korrelat die Gleichheit ist. Individuelle Differenz ist der Inbegriff der Merkmale, wodurch sich ein Einzelding von der Art unterscheidet,
spezifische
Differenz (differentia specifica,
diaphora eidopoios
) ist der Unterschied einer Art von der Gattung,
generische
Differenz ist der Unterschied der unter einer Familie enthaltenen Gattungen. In der Mathematik ist Differenz der aus einer gegebenen Summe (Minuendus) und dem einen gegebenen Summandus (Subtrahendus) zu bestimmende zweite Summandus.
Differenzierung
Differenzierung
heißt in der Entwicklungslehre die Entstehung neuer Merkmale, durch die eine Reihe gleichartiger Wesen sich in der Fortentwicklung voneinander unterscheidet.
Dilemma
Dilemma
(gr.
dilêmma
von
dis
zweimal,
lêmma
Satz = Doppelsatz), eigtl. zweiteilige Annahme, ist im logischen Sinne ein hypothetisch-disjunktiver Schloß, in dem der Obersatz ein hypothetisches Vorderglied und ein disjunktives Hinterglied hat, im Untersatz aber die in dieser Disjunktion enthaltenen Fälle oder Folgen, und somit auch im Schlußsätze das Vorderglied oder, was dasselbe ist, die Voraussetzung aufgehoben wird. Das Dilemma schließt so: Wenn A wäre, so müßte es entweder B oder C sein; nun ist es weder B noch C; also ist A überhaupt nicht. Ein Beispiel ist: Wenn eine reelle Quadratwurzel aus –4 ( =
Ö
-4) existierte, so müßte sie entweder +2 oder –2 sein; nun ist sie aber weder +2, denn (+2)
2
ist +4, noch –2, denn (-2)
2
ist ebenfalls +4; also existiert keine reelle Quadratwurzel aus –4 ( =
Ö
-4). Dieser aufhebende Schluß (Syllogismus modo tollente) führt leicht zu trügerischen Schlußsätzen (Cornutus, Krokodilsschluß, Antistrephon s.d.), wenn die Disjunktion im Obersatze unvollständig ist. Wenn er richtig sein soll, muß die Disjunktion im Obersatze vollständig sein. Ist die Disjunktion drei-, vier- oder vielgliedrig, so heißt der Schluß: Tri-, Tetra- und Polylemma. – Im
allgemeinen
Sinne heißt
Dilemma
eine
schwierige Lage
, die uns die Wahl zwischen zwei unangenehmen Dingen aufnötigt.
Dimatis
Dimatis
heißt der dritte Modus der vierten Schlußfigur, in dem der Ober- und der Schlußsatz besonders bejahen, der Untersatz aber allgemein bejaht. Er hat die Form: PiM, HaS, SiP; z.B. Einige Pflanzen sind giftig; alles Giftige ist gesundheitsschädlich; folglich ist einiges Gesundheitsschädliches Pflanze.
Dimension
Dimension
(lat.) ist im engeren Sinne die Richtung einer geraden Linie, die mit anderen rechte Winkel bildet; in der Ebene lassen sich von einem Punkte aus nur zwei, im Räume drei solcher Linien konstruieren; geht man von der Ebene zur einfachen geraden Linie zurück, so fällt die eine Gerade fort; man sagt daher, den Sinn des Begriffes Dimension erweiternd, diese habe eine Dimension (die Länge), die Ebene zwei (die Länge und die Breite), der Raum drei Dimensionen (Länge, Breite, Höhe [Tiefe, Dicke]). Analytisch bestimmt wird ein Punkt in einer Geraden von einem gegebenen Punkte aus durch eine Variable (x), in der Ebene von dem Durchschnittspunkt zweier rechtwinkliger Geraden (Koordinaten) aus durch zwei (x, y), im Räume vom Durchschnittspunkt dreier rechtwinkliger Geraden aus durch drei voneinander unabhängige Variable (x, y, z). Analytisch kann nun der Gedanke weiter verfolgt werden und ein Punkt durch 4, 5, 6... n voneinander unabhängige Variable in seiner Lage bestimmt gedacht werden. So entsteht der Gedanke mehrdimensionaler Räume; doch korrespondiert der analytischen Formel keine Anschauung, und der empirisch gegebene Raum wird von diesem Gedanken nicht berührt. Der empirische Raum ist nur dreidimensional. Von dem als Spiritisten auftretenden Betrüger
Slade
betrogen, nahm dagegen
Zöllner
(Gesammelte Abh. 1878) vier Dimensionen des empirischen Raumes an. Schon
H. More
, ein englischer Theosoph, hat an die Erweiterung der Raumanschauung (Ende d. 17. Jahrh.) gedacht, dann im 18. der Pfarrer
Fricker
und F. C.
Öttinger
, um den Zustand der Seelen nach dem Tode (Hiob 11, 7-9; Eph. 3, 18) zu veranschaulichen. Auch
Kant
berührt in seinen frühesten Schriften die Idee eines andersartigen Raumes, als der empirische ist.
Riemann
(1826-1866) suchte durch die vierte Dimension die Schwerkraft,
Mach
mehratomige Moleküle zu erklären,
Zöllner
deutete dadurch das Rätsel der Symmetrie, das Hellsehen der Hypnotisierten und die spiritistischen Phänomene.
Ding
Ding
(mlat. ens) heißt alles, was sich ohne Widerspruch denken läßt. Solange es nur in Gedanken, nicht auch in Wirklichkeit existiert, ist es ein
Gedankending
(ens cogitabile). Wird ihm Wirklichkeit zugeschrieben, so heißt es ein
reales Ding
(ensreale). Das Gegenteil vom Gedankending ist das
Unding
(non ens), das des realen Dinges das
Nichts
(nihil). Ein gleichseitiges Tausendeck z.B. ist ein Gedankending, ein viereckiger Kreis ein Unding; die Sonne ist ein reales Ding, ein Messer ohne Klinge und Heft ein Nichts. Was die Phantasie erdichtet (ens imaginarium), existiert auch nicht, aber muß sich doch wenigstens denken lassen, z.B. Chimären, Feen, Gespenster, goldene Berge.
Ding an sich
Ding an sich
heißt bei
Kant
(1724-1804) das den Erscheinungen zu Grunde liegende, außerhalb unseres Bewußtseins existierende Wirkliche; es ist die Idee eines übersinnlichen Grundes der Vorstellungen; es enthält nur den Grund, das Vorstellungsvermögen sinnlich zu bestimmen; aber es ist nicht selbst der Stoff der empirischen Anschauung. Es ist vielmehr für uns ein völlig unbekanntes X. Kant hält Raum und Zeit nicht für etwas Reales oder den Dingen objektiv Anhängendes, sondern nur für Formen der äußeren und inneren Anschauung. Aus dieser transscendentalen Idealität von Raum und Zeit folgert er, daß die räumlich und zeitlich bestimmten Außendinge nur Vorstellungen unserer Sinnlichkeit sind, daß überhaupt alle Objekte unserer Anschauung nichts als Erscheinungen (Phänomene) sind; der nicht in die Sinne fallende, völlig unbekannte Grund derselben ist das Ding an sich. – Diese Ansicht Kants ruft manchen Einwand hervor. So richtig es zunächst ist, an der Wahrnehmung ein subjektives und objektives Element zu unterscheiden und zu betonen, daß unseren Sinnen nicht die Dinge, wie sie sind, sondern nur die Vorstellungen von den Dingen entstammen, so mißlich ist es, an der Wahrnehmung Form und Inhalt zu trennen und jene als Raumzeitlichkeit abzusondern. Der sinnliche Stoff unserer Erkenntnis, der auf den Empfindungen beruht, ist ebensosehr nur Bewußtseinsinhalt, wie die sinnliche Form. Andrerseits genügt die Absonderung der Anschauungsformen Raum und Zeit von den Gegenständen, unserer Erkenntnis nicht, um zu ihrem Wesen zu gelangen Auch die Denkkategorien, die dann übrig bleiben, sind nur im Bewußtsein zu finden und müssen ebenso wie die Anschauungsformen von dem wirklichen Dinge außerhalb unseres Bewußtseins abgezogen werden. Dann behalten wir aber nicht, wie Kant annimmt, die Noumena (nur begrifflich gedachte Dinge, die als leere Begriffe dem Ding an sich korrespondieren), sondern schlechterdings nichts übrig. Das Reelle läßt sich nicht auf dem von Kant eingeschlagenen Wege der Scheidung von Sinnlichkeit und Verstand finden, sondern es ist das uns ohne unseren Willen in der Erfahrung durch die Empfindung Gegebene und kann immer nur in den Formen des Bewußtseins erfaßt werden. Das Ding an sich ist eben, wie
Schopenhauer
(1788-1860) schon bemerkte, für das Bewußtsein das Ding für mich, d.h. Objekte gibt es nur für Subjekte, und die Außenwelt wird von uns nach Maßgabe unserer Sinneswahrnehmung und in den Gesetzen unseres Verstandes erkannt. Der Begriff Ding an sich widerspricht also dem Begriff des Bewußtseins überhaupt und gehört nicht in die Erkenntnistheorie. Also hat es absolut keinen Zweck, sich außerhalb metaphysischer Hypothesen in der Erkenntnistheorie mit Aufstellung des Begriffs des Dings an sich zu plagen.
Disamis
Disamis
heißt der dritte Modus der dritten Schlußfigur, in dem der Obersatz besonders, der Untersatz allgemein und der Schlußsatz wieder besonders bejaht. Er hat die Form: MiP, MaS, SiP; z.B. Einige neuhochdeutsche Deklinationen entsprechen den mittelhochdeutschen; alle neuhochdeutschen Deklinationen sind endungsarm; also sind einige endungsarme Deklinationen (bereits) im Mittelhochdeutschen vorhanden.
disjunkt
disjunkt
(lat von disiungere = scheiden), geschieden heißen Begriffe, die innerhalb eines anderen Begriffs einen Gegensatz bilden, z.B. Mann und Weib (Mensch), Trapez und Parallelogramm (Viereck). Disjunkte Begriffe sind also im Umfang eines höheren Begriffs gelegene koordinierte, aber gegensätzlich erfaßte Arten eines Gattungsbegriffs. Das Verhältnis der Disjunktion ist die logische Grundlage der Einteilung. In einer Reihe von koordinierten Artbegriffen müssen disjunkt aber auch diejenigen heißen, die einen Abstand voneinander haben, nicht nur diejenigen, die die äußersten Grenzen bilden. Vgl. conträr, contingent.
Disjunktion
Disjunktion
(lat. disiunctio = Scheidung) heißt logische Entgegensetzung.
disjunktiv
disjunktiv
(lat. disiunctivus) heißt gegensätzlich. Disjunktive Urteile sind solche, deren Prädikat oder Subjekt disjunktive Begriffe enthalten. Ihre Formel ist: A ist entweder B oder C; oder: entweder A oder B ist C. Der disjunktive Schluß ist derjenige, welcher durch eine bestimmte Aussage über das eine Trennungsglied etwas über das andere entscheidet:
A ist entweder B oder C;
nun ist A B; also ist A nicht C.
nun ist A nicht B; also ist A C.
Bekannt ist
Leibniz'
(1646-1716) Disjunktionsschluß: Wäre die bestehende Welt nicht die beste, so hätte Gott die beste Welt entweder nicht gekannt oder nicht schaffen können oder nicht wollen; alle drei Annahmen aber sind unhaltbar – folglich ist die bestehende Welt die beste von allen möglichen.
Diskrepanz
Diskrepanz
(lat. discrepantia) heißt Abweichung.
diskret
diskret
(lat. von discernere = absondern) heißt getrennt, abgesondert, unterschieden.
Diskrete Größen
sind im Gegensatz zu den
kontinuierlichen
solche Größen, deren Teile voneinander abgesondert sind, während bei kontinuierlichen Größen alle Teile zusammenhängen. Eine gestrichelte oder punktierte gerade Linie z.B. ist eine diskrete, eine nicht unterbrochene gerade Linie, dagegen eine kontinuierliche Größe. Die Reihe der ganzen Zahlen ist eine diskrete Größe, während die geometrischen Gebilde kontinuierliche Größen sind. Daß auch die Zahlenreihe kontinuierlich gemacht werden kann, hat
Dedekind
(geb. 1831) nachgewiesen. – Zu scheiden von dem aus dem Lat. stammenden Ausdruck ist der auf dem Franz, (discret) beruhende
diskret
. Dieser bedeutet: besonnen unterscheidend, umsichtig, taktvoll, verschwiegen. Dementsprechend bezeichnet Diskretion die angemessene Rücksicht in unserem Betragen auf Zeit und Umstände. Vgl.
Stetigkeit
.
diskursiv
diskursiv
(v. lat. discursus = das Hin- und Herlaufen, die Besprechung) heißt begrifflich. Es bildet den Gegensatz zu intuitiv, welches anschaulich heißt.
Kant
(1724-1804) stellt in der Kr. d. r. V. diskursiv und ästhetisch einander gegenüber. Eine diskursive Erkenntnis entsteht demnach aus Begriffen, die der Verstand verknüpft, während die intuitive (oder ästhetische) Erkenntnis auf Anschauungen beruht.
disparat
disparat
heißen diejenigen Begriffe, welche unter keinem gemeinschaftlichen höheren Gattungsbegriffe stehen, also ohne Gleichheit des Inhalts sind und einem dritten Begriff zugleich als seine Merkmale beigelegt werden können, z.B. Mut und Schönheit. Ein Mensch kann zugleich Mut und Schönheit besitzen. –
Disparate Urteile
sind solche, deren Subjekte disparate Begriffe sind; z.B.: Den Dachs im Loche beißt der Hund, Soldaten tut der Säbel kund. Die Zusammenstellung solcher Urteile wirkt immer komisch, wie im Leben die von disparaten Dingen.
Disposition
Disposition
(lat. dispositio) heißt Gemütsstimmung, Geneigtheit, Anlage. In anderer Bedeutung heißt es
logische Anordnung
eines wissenschaftlichen Stoffs. Vgl. Anordnung.
distinkt
distinkt
(lat. von distinguere = unterscheiden) heißt unterschieden, klar. (Vgl. clare et distincte.) Qui bene distinguit, bene docet, heißt: Wer gut unterscheidet, lehrt gut.
Distinktion
heißt klarmachendes Urteil, Unterscheidung.
Divisio
Divisio
(lat. divisio = Teilung) heißt die Einteilung des Umfangs eines Begriffs, also die Zerlegung der Gattung in Arten. Vgl. Einteilung, Partitio, Anordnung.
Dogmatismus
Dogmatismus
heißt zunächst das wissenschaftliche
Lehrverfahren
, welches von Grundsätzen ausgeht und aus diesen die Lehrsätze durch Beweise ableitet. So verfährt die Mathematik. Als
Methode
ist der Dogmatismus ( = Rationalismus) dem Empirismus, der in der wissenschaftlichen Forschung von Beobachtung und Experimenten ausgeht, entgegengesetzt. – Unter Dogmatismus versteht man ferner nicht nur ein methodisches Verfahren, sondern eine bestimmte
Stellungnahme
im Streite über die Grenzen der menschlichen Vernunfttätigkeit, und, so genommen, ist der Dogmatismus jede Philosophie, die den Erfahrungskreis überschreitet, ohne die Überschreitung vorher durch eine Prüfung der Erkenntniskraft gerechtfertigt zu haben. So heißt Dogmatiker oder Dogmatist derjenige Philosoph, welcher ein unbedingtes Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit der menschlichen Vernunft besitzt und ohne Prüfung und Beweis gewisse allgemeine Sätze als Grundlage seines Systems aufstellt. Er gebraucht die Vernunft, ohne erst ihre Fähigkeit und ihre Grenze zu untersuchen, zu metaphysischen Behauptungen. Den Dogmatikern unter den Philosophen stehen die
Skeptiker
und
Kritiker
gegenüber. Die ersten zweifeln an der Leistungsfähigkeit der menschlichen Vernunft überhaupt ohne Prüfung der menschlichen Erkenntniskraft, die zweiten fordern vor jedem Aufbau einer Erkenntnis erst die Aufstellung einer Erkenntnistheorie, welche die Natur und Grenzen unserer Vernunft zu prüfen hat.
Dogmatiker
sind
Cartesius, Spinoza, Leibniz, Wolf
und die
Aufklärungsphilosophen des XVIII. Jahrhunderts, ferner Fichte, Schelling, Hegel
gewesen. (Vgl. Kant Kr. d. r. V. 2. Aufl. Vorrede S. XXXV. »Dogmatismus ist – das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens.«)
Skeptiker
war
Hume, Kritiker
waren
Locke
und
Kant
.
Dolus
Dolus
(lat. dolus) heißt der widerrechtliche Wille, das wissentlich rechtswidrige Handeln im Gegensatz zur Fahrlässigkeit. Man unterscheidet noch praemeditatio, absichtliche, und dolus impetus, im Affekt geschehene Tat. Jene bedingt bei der Tötung eines Menschen den Mord, dieses den Totschlag. Siehe culpos.
Drama
Drama
(gr.
drama
) ist die poetische Darstellung einer Handlung, d.h. einer solchen Begebenheit, die aus inneren Antrieben der menschlichen Seele hervorgeht, Menschen in Bewegung setzt, als Vorgang in der Außenwelt verläuft und auf den inneren Menschen wieder zurückwirkt. Während das Gebiet des epischen Dichters vor allem die Außenwelt, das des lyrischen Dichters die Innenwelt ist, stellt der dramatische Dichter die Außen- und Innenwelt in ihrem Zusammenhange und ihrer Wechselwirkung dar, so daß das Drama relativ die vollständigste aller Dichtungen und damit überhaupt die höchste Leistung der Kunst ist. Das Drama ist ein Gesamtbild des menschlichen Daseins und Könnens. Seine Entstehungszeit fällt daher erst hinter die des Epos und der Lyrik, deren Wesen es vereinigt; es setzt vorgeschrittene Kulturzustände und höhere Kunstformen voraus. Das Drama stellt die Handlung als gegenwärtig dar. Es gebraucht zur Darstellung einer sich gegenwärtig abspielenden Handlung als Form den Dialog, die Wechselrede, in der sich das Innenleben der Personen offenbart, und in Verbindung mit der sich die äußere Tätigkeit derselben abspielt. Die im Drama dargestellte Handlung muß in sich geschlossen und vollständig sein, d.h. sie muß einen solchen Umfang haben, daß ihre Entstehung aus den natürlichen Anfangen begreiflich gemacht, ihr Verlauf dargestellt und zu einem Abschluß gebracht wird, mit dem das menschliche Interesse an dem Vorgange von selbst aufhört. Die Handlung gliedert sich in natürliche Teile, die Vorfabel, den Konflikt und die Lösung des Konfliktes; spezieller angegeben, pflegt man dem Drama folgende Teile zuzuweisen: die
Exposition
, d.h. die Einführung in die Situation und in die Vorfabel, das
erregende Moment
, d.h. diejenige Begebenheit, durch welche die Personen zu Entschlüssen und Taten angeregt werden, die
steigende Handlung
, d.h. den sich entwickelnden Konflikt, den
Höhepunkt
, d.h. den Akt der größten Kraftanstrengung der gegeneinander ringenden Menschen und den Eintritt des den Ausgang bestimmenden Ereignisses, die
sinkende Handlung
, d.h. die Reihe von Begebenheiten, die uns dem Ausgang nahe führen, die
Momente der letzten Spannung
, d.h. die aufhaltenden Ereignisse, welche die
Lösung
noch für Augenblicke in andere Wege zu leiten scheinen, und die Lösung, d.h. den natürlichen Ausgang der Handlung. – Die in der Handlung liegende
Einheit
muß eine innere sein; Einheit des Ortes und der Zeit sind nur Nebensachen und keineswegs unbedingt notwendig; aber der innere pragmatische Zusammenhang der Teil-Begebenheiten, der aus ihnen eine einzige abgeschlossene Handlung macht, und die stetige Entwicklung darf nicht fehlen. Diese Einheit kann sich auch zuweilen zu der eines sittlichen Grundgedankens, der Idee, steigern. In jedem Falle muß alles Episodenhafte vom Drama ausgeschlossen sein. Das Drama eignet sich am wenigsten zum Extravagieren der Dichtung. – Mit der Handlung verbindet sich im Drama die
Charakteristik
der Personen, die Darstellung der geistigen Welt, aus welcher die Motive des Handelns fließen und das äußere Getriebe des Lebens verständlich wird. Die Charakteristik kann
indirekt
gegeben werden, indem die Personen wesentlich nur handelnd und in Beziehung zu den mitwirkenden Personen dargestellt werden, dem Zuschauenden also die Aufgabe zufallt, sich ihr Wesen zurechtzulegen; oder sie kann
direkt
, durch die eigenen Reden der Person selbst, durch die Urteile der anderen,
durch Kontrastfiguren
gegeben sein. Auch steht dem dramatischen Dichter das Mittel zu Gebote, uns in
Monologen
der wichtigeren Personen in ihr Herz hineinschauen zu lassen. Die Charakteristik der Personen stuft sich naturgemäß nach der Bedeutung derselben für die Handlung ab. Die uns am meisten interessierenden, deren Schicksal der Kern der Gesamthandlung ist, die
Helden
oder Hauptpersonen, verlangen die sorgfältigste Charakteristik; um sie gruppiert sich eine Reihe mehr oder minder wichtiger Nebenpersonen, die
Partei
des Helden; andere treten dem Helden in den Weg, durchkreuzen seinen Willen, suchen ihm das Gelingen zu vereiteln; sie bilden die
Gegenpartei
, und so entwickelt sich
Spiel
und
Gegenspiel
; auch hier verteilt sich das Interesse des Zuschauenden und demgemäß die Charakteristik stufenmäßig. – Zu scheiden ist zwischen dem
antiken
und
modernen
Drama. Jenes hat sich namentlich bei den Athenern vom 6. Jahrhundert ab entwickelt. Die Athener besaßen im 6. Jahrhundert ein ernstes Götter- und Heldendrama mit glücklichem oder unglücklichem Ausgange, die
Tragödie
(s. d.), ein heiteres mythologisches und politischsatirisches Drama voll übermütiger Scherze, die
Komödie
(s. d.), und ein Drama mit ernsten Personen, die geneckt und umscherzt waren von den Satyrn, den heiteren Genossen des Bakchos, das
Satyrdrama
. Das griechische Drama war aus dem Dionysoskult hervorgegangen, bewahrte im allgemeinen seinen mythischen Schicksalsinhalt, stellte die Handlung über die Charakteristik und brachte es zu keiner einheitlichen Form, indem Dialoge und Chorlieder wechselten; nur die Komödie entwickelte sich allmählich zu reiner Kunstform und zu rein menschlichem Inhalte. – Das
moderne
Drama, das mit den
kirchlichen
Spielen (Oster-, Passions-, Weihnachtsspielen), den
Moralitäten
und
Fastnachtsspielen
gegen Ende des Mittelalters beginnt, erleidet bald eine eingreifende Veränderung durch den Einfluß der antiken Vorbilder. Es entwickelt sich so ein Drama, in dem mehr und mehr die Charakteristik der Personen an Bedeutung gewinnt, dessen psychologischer Gehalt stetig wächst, das das Ringen der menschlichen Geisteskraft mit den Schranken des Daseins darstellt. Im modernen Drama scheiden sich das
Trauerspiel
, ein ernstes Drama mit unglücklichem Ausgang (auch Tragödie genannt), das
Schauspiel
, ein ernstes Drama mit glücklichem Ausgang, und das
Lustspiel
, ein heiteres Drama mit glücklichem Ausgang. An der Pflege des Dramas haben in der Neuzeit alle gebildeten Völker Europas teilgenommen. Vgl.
Aristoteles
, Poetik (
peri poiêtikês
. In der Ausgabe des Aristoteles, Berlin 1831, p. 1447-1462). G. E.
Lessing
, Hamburgische Dramaturgie 1767 ff. Fr.
Schiller
, Über den Grund des Vergnügens an trag. Gegenständen. 1792. A. W.
Schlegel
, Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur. 1809-1811. G.
Freytag
, Technik des Dramas. 1864. J. L.
Klein
, Geschichte des Dramas. Leipzig 1865ff. 15. Bd. – O.
Ludwig
, Shakspearestudien und daraus: Die dramatischen Aufgaben der Zeit. Mein Wille und Weg.
Druckempfindung
Druckempfindung
ist eine Art der Empfindung des allgemeinen Sinnes, welche nicht an einen bestimmten Nerv gebunden, sondern allen Teilen der Begrenzung des Körpers eigen ist. Die Druckempfindung bildet ein System für sich. Man kann zwischen Tast- und eigentlicher Druckempfindung unterscheiden. Jene bringt uns den aktiv gegen das Objekt gerichteten, diese den vom Objekt gegen die Hautfläche ausgebenden passiv empfundenen Druck zum Bewußtsein. Der Hautsinn ist überwiegend als Ganzes tätig, während der Tastsinn in einzelnen Gliedern besonders zur Funktion kommt. Bei der eigentlichen Druckempfindung werden die leise Berührung mit Hartem und die kräftige Berührung mit Weichem gleich wahrgenommen; bei gleicher Druckgröße entspringt aus der Beschaffenheit der Erregungsstelle eine spezifische Lokalfärbung der Empfindung. Das Schema der Qualitäten bei Druckempfindungen ist also die Folge der Härtegrade, illustriert durch die Lokalfarben der Erregungsstellen. – Für unser Seelenleben haben die Druckempfindungen große Bedeutung. Zunächst geht aus ihnen in Verbindung mit Bewegungsempfindungen die Raumvorstellung hervor; hierin wirken sie den Gesichtsempfindungen analog; ferner vergewissern sie uns über die Existenz der Außenwelt. Sodann kann der Hautsinn sich selbst zum Objekt werden, er gehört also zu den rekurrenten Sinnen. Druckempfindungen begleiten uns vom ersten bis zum letzten Moment des Daseins; plötzliche Störungen darin versetzen uns daher in Unruhe, ja Schrecken. (Vgl. Wundt, Grundriß d. Psychol. § 6A S. 56. Grundzüge d. physiol. Psych. I S. 367.)
Dualismus
Dualismus
(nlt.-franz. von lat. dualis = zweifach) beißt diejenige Ansicht, welche, im Gegensatz zum
Monismus
, zwei Prinzipien annimmt, und zwar entweder in bezug auf den Menschen oder in bezug auf Gott oder in bezug auf die Welt und das Dasein. Die erste Form des Dualismus heißt anthropologischer, die zweite theologischer, die dritte kosmologischer oder metaphysischer Dualismus. – Der
anthropologische
Dualismus sieht in
Leib
und
Seele
des Menschen zwei Wesen, die nicht bloß durch einen Gegensatz von Qualitäten, sondern auch durch die ganze Form ihrer Tätigkeit voneinander getrennt sind und weder eine Ableitung auseinander zulassen, noch eine gemeinsame Grundlage besitzen. Um diesen Gegensatz der Seele und des Leibes hervorzuheben, bedient sich der Dualismus der Prädikate: einfach und zusammengesetzt, übersinnlich und sinnlich, unbedingt und bedingt usw. Er stützt sich auf die Behauptung, daß die Verschiedenheit der Erscheinungen einen verschiedenartigen Träger fordere. Er fußt auch auf dem Gegensatz zwischen Sinnlichkeit und. Vernunft auf dem Gebiet des Erkennens und auch des Begehrens. Auch glaubt er am besten das Vorhandensein von Irrtum und Sünde sowie die Existenz von apriorischen Wahrheiten und kategorischen Imperativen erklären zu können; er rühmt sich, die ursprüngliche und naive Ansicht zu sein. Gegen ihn aber ist geltend gemacht, daß die Prädikate, die er an Leib und Seele gegenüberstellt, sich nicht ausschließen; übersinnlich ist z.B. alles am Leibesleben, was sich unsrer Wahrnehmung entzieht; und wenn die Körperwelt »bedingt« genannt wird, so wird hierdurch gerade der Monismus gefordert. Das Wesen des Geistes in die Freiheit, das des Leibes in die Notwendigkeit zu setzen, ist willkürlich und hinfällig. Und wenn aus der Verschiedenheit der Erscheinungen auf verschiedenartige Substanzen geschlossen wird, so ist dieser Schluß dadurch entkräftet, daß uns nur Vorstellungen, nicht die Dinge selbst durch unser Bewußtsein gegeben sind. Wir haben räumliche und zeitliche Vorstellungen von den Dingen; aber die Dinge sind nicht selbst räumlich, und die Vorstellung des Körpers ist auch nur Vorstellung. Der Rücksicht auf ethische Interessen darf kein Einfluß auf psychologische Theorien eingeräumt werden; und den Leib für den Irrtum verantwortlich zu machen ist deshalb unstatthaft, weil der Irrtum nur Sache des Urteils ist. Vor allem vermag der Dualismus nicht die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele und besonders die Sinnesempfindung und Bewegung zu erklären. Der eigentliche anthropologische Dualismus beginnt in der Neuzeit erst mit
Descartes
(1596-1650) und ist von
Leibniz
(1646-1716) bekämpft, wirkt aber noch in
Kant
abgeschwächt nach; in neuerer Zeit haben ihn
Krause, Günther, Ulrici
u.a. vertreten. Vgl. W.
Volkmann
, Psychol. 4. Aufl. 1894. 1, 102, 136. Flügel, die Seelenfrage. Köthen 1878.
2. Der
theologische
Dualismus nimmt zwei Urprinzipien der Dinge, ein gutes und ein böses an, welche seit Ewigkeit im Streite liegen. Diese durch den Parsismus und Manichäismus vertretene Ansicht macht das Wesen Gottes innerlich widerspruchsvoll. Vgl. böse, Determinismus, Freiheit.
3. Der
kosmologische
oder
metaphysische
Dualismus stellt zwei Grundwesen auf, aus denen alles Vorhandene bestehn soll,
Geist
und
Materie
(Anaxagoras) oder
Denken
und
Ausdehnung
(Cartesius), von denen er annimmt, daß nicht eins auf das andere oder beide auf ein drittes zurückgeführt werden könnten. Aber dieses Stehenbleiben bei zwei Prinzipien hat etwas Unbefriedigendes an sich, und fast alle modernen philosophischen Versuche zielen darauf hin, ein einziges letztes Prinzip für die Lösung der Welträtsel zu finden und sich monistisch abzurunden. Das einzige ausgesprochen dualistische System eines bedeutenden neueren Philosophen ist nur der
Cartesianismus
(s. d.) gewesen, und wo die Systeme größerer Denker nicht voll monistisch ausfielen, da hat die Mit- und Nachwelt sofort die monistische Umbildung in die Hand genommen, wie es z.B. dem Kantianismus durch Fichte, Schelling und Hegel erging. Vgl. Metaphysik, Monismus.
Duldsamkeit
Duldsamkeit
(Toleranz) ist die Anerkennung fremder Ansichten und Grundsätze, besonders auf religiösem und konfessionellem Gebiete. Die Toleranz ist eine Pflicht jedes einzelnen wie auch des Staates, da keine Partei behaupten kann, im Besitze der Wahrheit zu sein, und jeder Mensch als moralische Person das Recht hat, religiös zu denken, was er will, wenn er damit nicht gegen das Strafgesetzbuch oder die Sittlichkeit verstößt. Echte Toleranz entspringt nicht aus Gleichgültigkeit gegen Religion und Moral, sondern aus Humanität und Einsicht. Die Toleranzidee hat sich philosophisch in England und Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert entwickelt und zur Zeit unserer klassischen Dichtung auch in Deutschland ihre bedeutenden Vertreter, wie Lessing gefunden. (Vgl. Lessings »Nathan«). In der verhetzten und gespaltenen Gegenwart hat sie viele fanatische Gegner gefunden.
Dummheit
Dummheit
ist die Schwäche der Erkenntnisfähigkeit, welche sich in Mangel an Empfänglichkeit, an Denk- und Urteilskraft zeigt. Ursprünglich bezeichnet »tumpheit« die Weltunerfahrenheit, wie sie z.B. der junge Parzival und Simplicissimus besaßen. Vgl. Geistesschwäche, Blödsinn.
Dunkel
Dunkel
ist der Gegensatz zu klar. Dunkel heißt eine Vorstellung, wenn ihr Gegenstand für den Vorstellenden nicht genügend gegenwärtig und verständlich, sie selbst nicht genügende von anderen Vorstellungen gesondert sind. (Vgl. clare et distincte, klar, deutlich, verworren.)
Dynamik
Dynamik
(
dynamikos
von
dynamis
, Kraft) ist die Lehre von der Kraft, welche die Körper in Bewegung setzt. Sie handelt nicht nur von den aus der Erfahrung hervorgehenden Gesetzen der Bewegung, sondern auch vom Wesen der Kräfte. Im übertragenen Sinne kann man auch von einer Dynamik der psychischen Vorgänge reden. Z.B. ist Herbarts Psychologie in dieser übertragenen Bedeutung Dynamik der Vorstellungen.
Dynamismus
Dynamismus
ist eine Form des Materialismus und bildet den Gegensatz zum
Atomismus
. Während der Atomismus die Naturerscheinungen nur aus der Lage, Stellung und wechselnden Verbindung der Atome zu erklären versucht, erklärt der Dynamismus die Naturphänomene anthropomorphisierend aus qualitativ bestimmten Kräften, Abbildern des menschlichen Willens, deren Wirksamkeit die mathematische Bestimmtheit der Natur verursacht. Er stützt sich vornehmlich auf die organischen Vorgänge, welche der Atomismus (s. d.) nicht zu erklären vermag. Der Dynamismus schreibt entweder den Erscheinungen gewisse ihnen innewohnende Kräfte zu, wie Kant der Materie Attraktion und Repulsion, Liebig den Organismen Lebenskraft, oder er setzt die Entstehung der Kräfte samt der mathematischen Bestimmtheit ihrer Wirkungsweisen auf das Konto der qualitativen Verhältnisse des den Phänomenen zugrunde liegenden X. Die verschiedenen Ansichten sind auch vielfach als verbindungsfähig angesehen worden. Der Begriff der Kraft als Inhärenzbegriff ist dann als Korrelat eines Wesens betrachtet worden, das sein Träger ist, mag man es als Substanz, Monade oder Reales denken.
Fechner
hob hervor, daß gewisse Naturerscheinungen nur unter Annahme der Atome denkbar seien: die Farbenzerstreuung, Wärmeleitung und Wärmestrahlung. Vgl.
Fechner
, d. physikal u. philos. Atomenlehre. 2. Aufl. Leipzig 1864:.
Julius Schultz
, Die Bilder der Materie. Göttingen 1905.
E
E
. In der Logik bezeichnet e ein allgemein verneinendes Urteil (Asserit a, negat e, sed universaliter ambo, asserit i, negat o, sed particulariter ambo.), z.B.: Kein Meister fällt vom Himmel. Die allgemeine Form des allgemein verneinenden Urteils ist: Alle S sind nicht P, oder: Kein S ist P. Das Begriffsverhältnis zwischen Subjekt und Prädikat ist im allgemein verneinenden Urteil das Verhältnis der völligen Ausschließung ihrer Sphären voneinander.
Edelmut
Edelmut
heißt die Gesinnung desjenigen, der, von Niedrigkeit und Eigennutz frei, aus feinerem sittlichen Empfinden heraus sich getrieben fühlt, gut und hilfreich gegen andere zu sein und so das Göttliche in seinem Beispiele herzustellen. Vgl. Goethes Gedicht, Das Göttliche: »Der edle Mensch sei hilfreich und gut. Unermüdet schaff' er das Nützliche, Rechte, sei uns ein Vorbild jener geahnten Wesen!«, Wielands Oberon: »Nichts halb zu tun ist edler Geister Art.«
Egoismus
Egoismus
(nlt. und franz. v. lat. ego = ich) heißt eigentlich Ichtum, Selbstsucht, Eigennutz. Man kann einen doppelten Egoismus unterscheiden, den theoretischen und den praktischen. Der
theoretische Egoismus
, jetzt gewöhnlich
Solipsismus
genannt, ist die Lehre, daß nur das eigene Ich existiere, und daß die übrige Welt nur Vorstellung des Ichs, Phänomen für dasselbe sei. Ein solcher Standpunkt ist z.B. die logische Konsequenz des Immaterialismus von Berkeley (1685 bis 1753), der das Sein im Wahrgenommenwerden bestehn läßt (esse = percipi), obwohl Berkeley selbst diese Theorie nicht konsequent durchgebildet hat (siehe Liebmann, Analysis der Wirklichkeit, 1876, S. 19ff.); ein solcher Standpunkt ist auch die Konsequenz der Lehre Fichtes (1762-1814), soweit das Fichtesche Ich als persönliches Einzel-Ich gefaßt wird. Goethe läßt im Faust II, 2 den Baccalaureus Mephistopheles gegenüber den sich zum Egotheismus steigernden Gedanken des Solipsismus vertreten: »Die Welt sie war nicht, eh' ich sie erschuf; die Sonne führt' ich aus dem Meer herauf; mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf; da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen, die Erde grünte, blühte mir entgegen« usw. Aller theoretischer Egoismus hat aber etwas Unpraktisches, im Leben Undurchführbares an sich. – Der
praktische Egoismus
ist nach
Kant
(Anthropologie § 2) ein dreifacher, der
logische, ästhetische
und
moralische
. »Der logische Egoist hält es für unnötig, sein Urteil auch am Verstande anderer zu prüfen.« »Der ästhetische Egoist ist derjenige, dem sein eigener Geschmack schon genügt.« »Der moralische Egoist (ist) der, welcher alle Zwecke auf sich selbst einschränkt, der keinen Nutzen worin sieht, als in dem, was ihm nützt auch wohl als Eudämonist bloß im Nutzen und der eigenen Glückseligkeit, nicht in der Pflichtvorstellung, den obersten Bestimmungsgrund seines Willens setzt. Denn weil jeder andere Mensch sich auch andere Begriffe von dem macht, was er zur Glückseligkeit rechnet, so ist's gerade der Egoismus, der es so weit bringt, gar keinen Probierstein des echten Pflichtbegriffs zu haben, als welcher durchaus ein allgemein geltendes Prinzip sein muß. Alle Eudämonisten sind daher praktische Egoisten.« Den moralischen, rücksichtslosen Egoismus meinen wir im allgemeinen, wenn wir das Wort Egoismus gebrauchen. Vom Egoismus ist zu unterscheiden die Selbstliebe. (Siehe Selbstliebe und Eigenwert.) Dem Egoismus entgegengesetzt ist der Altruismus (s. d.) oder Tuismus (s. d.) oder nach Kant der Pluralismus (s. d.).
Egotheismus
Egotheismus
(Neubildung aus d. Lat. u. Gr.) heißt Selbstvergötterung.
Ehe
Ehe
(coniugium) ist die nach gesetzlichen Vorschriften eingegangene Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zu lebenslänglicher, geistig-leiblicher Gemeinschaft. Ihr physischer Zweck ist die Fortpflanzung des Menschengeschlechts, ihr sittlicher die Entfaltung der Liebe. Ihre Bestimmung kann sie vollständig nur erfüllen als Monogamie. Sittlich ist eine Ehe nur dann, wenn zwei geistig und leiblich Mündige sich aus Liebe und mit Bewußtsein ihrer gesellschaftlichen und ehelichen Pflichten zu ausschließlicher Lebensgemeinschaft vereinigen. Die Ehe ist die Mutter der Kultur und Sittlichkeit. Denn aus ihr entspringt die Familie, die Achtung vor dem Weibe, der Staat; sie führt und pflegt die Sympathie und erfordert zahlreiche Tugenden: Selbstverleugnung, Geduld, Mäßigkeit, Offenheit, Wohlwollen, Versöhnlichkeit, Tatkraft und Treue. Da, juristisch angesehen, die Ehe ein Vertrag ist, so genügt zu ihrer Gültigkeit die öffentliche Bekanntmachung vor einem Beamten (Ziviltrauung); so urteilte auch bis 1563 die Kirche. Erst das Tridentiner Konzil in der Sessio 24 (Decretum: Tametsi) forderte die kirchliche Einsegnung, da die Ehe ein Sakrament sei. Die evangelische Kirche sieht in der Ehe kein Sakrament, aber ein sittlich-religiöses Verhältnis, und seit dem 17. Jahrhundert fiel in ihr der eigentliche Rechtsakt der Eheschließung, die Trauung, den Geistlichen zu, welche dies Recht bewahrt haben, bis die Gesetzgebungen des 19. Jahrhunderts dies Verhältnis aufgehoben haben. Obgleich seit 1876 in Deutschland, Belgien, Frankreich u. a. die Zivilehe legitim ist, hat sich trotzdem die Sitte ohne wesentlichen Abbruch erhalten, einen so wichtigen Schritt, wie das Heiraten ist, nicht ohne eine religiöse Feier (kirchliche Trauung) zutun.
Ehebruch
Ehebruch
(adulterium) ist die Verletzung der ehelichen Treue. Während der juridische Ehebruch in der vertragswidrigen Befriedigung des Geschlechtstriebes mit einem anderen als dem Gatten besteht, findet moralischer Ehebruch schon da statt, wo der Gatte sein Herz einem anderen zuwendet. (Matth. 5, 28:
pas ho blepôn gynaika pros to epithymêsai autês êdê emoicheusen autên en tê kardia autou
.)
Ehre
Ehre
ist die Anerkennung unserer wirklichen oder vermeintlichen Vorzüge durch andere (existimatio). Da die Ehre eine Voraussetzung gedeihlicher Wirksamkeit des Menschen ist, so tut der Mensch nicht Unrecht, nach Ehre zustreben, soweit er dadurch nicht höhere Pflichten versäumt. Es ist aber dabei zwischen äußerer und innerer Ehre zu unterscheiden. Leicht kann man durch das einseitige Trachten nach äußeren Ehren (Titel, Orden, Würden u. dgl.), die vor der Menge gelten, die Selbstachtung und die Achtung der Urteilsfähigen (honor, dignitas) einbüßen. Das wahre Ehrgefühl jagt daher nicht nach äußeren Ehrenzeichen, sondern begehrt nur nach dem, was wirklich ein Lob oder eine Tugend ist, und tröstet sich, falls es nicht anerkannt wird, mit dem Beifall seines Gewissens. Kann man nicht äußere und innere Ehre zugleich erlangen, so wird der bessere Mensch nur nach der inneren oder moralischen Ehre, nach der auf Selbstachtung gegründeten sittlichen Würde trachten. Auch zwischen der allgemein menschlichen und der bürgerlichen Ehre ist zu scheiden. Jene ist die dem Menschen als solchem zukommende Würde und Achtung, die nach den Grundsätzen der Moral von ihm sowohl beobachtet als auch beansprucht werden kann; diese ist die Achtung, die ihm als Rechtssubjekt gebührt, sei es überhaupt, sei es als Mitglied eines Standes (Familien-, Berufs-, Standes-, Nationalehre). Auch sie ist ein Gut, dessen Verletzung niemand dulden soll. Unter den Idealen des Lebens nennt von den deutschen Dichtern die Ehre zuerst Walther von der Vogelweide neben Reichtum und göttlicher Huld (diu zwei sint ere und varnde guot, daz dicke einander schaden tuot; daz dritte ist gotes hulde, der zweier übergulde. Lachmann 8, 14-17).
Schopenhauer
(1788-1860) widmet in den Aphorismen zur Lebensweisheit Kap. IV (Von dem, was einer vorstellt, Parerga u. Paralip. S. 382) dem Begriff der Ehre einen Abschnitt. Er definiert: Ehre ist objektiv die Meinung anderer von unserm Wert und subjektiv unsere Furcht vor dieser Meinung. Vgl. Schande.
Ehrerbietung
Ehrerbietung
ist die durch Handlungen einem anderen erwiesene Hochachtung; verbindet sich damit Anerkennung und Unterwürfigkeit, so heißt sie Ehrfurcht.
Ehrgefühl
Ehrgefühl
ist das Gefühl für Ehre und Schande und die Gesinnung, welche auf Ehre hält. Es ist das Gefühl der sozialen Selbstachtung, welches uns antreibt, das Bild, welches andere von uns haben, fleckenlos zu erhalten oder, wenn nötig, wieder rein herzustellen. Aber das Ehrgefühl bleibt nicht dabei stehen, unser Abbild in anderen als ein Heiligtum (noli me tangere) zu hüten, sondern es verlangt auch, daß darauf äußerlich Wert gelegt, daß es geehrt werde. Das Ehrgefühl hat Stufen: »Das Kind begnügt sich, überhaupt geschätzt zu werden, etwa wie ein wertvolles Spielzeug; der Jüngling will als freie Persönlichkeit gelten und fordert es despotisch; der Mann mag, weil er sich in seinem Stande fühlt, als etwas Bestimmtes gelten.« Vgl. W.
Volkmann
, Psychol.II, 377. Cöthen 1885. 4. Aufl. 1894.
Lazarus
, Leben der Seele (Ehre und Ruhm). 3. Aufl. 1883.
Ackermann
, das Ehrgefühl im Dienste d. Erziehung. 1883.
Ehrgeiz
Ehrgeiz
ist die übertriebene Begierde nach äußerer Ehre. Wenn sich die Ehrliebe zum Ehrgeiz entwickelt, sinkt das Ehrgefühl zum sittlich gleichgültigen Selbstgefühl herab; denn dem Ehrgeizigen ist meist jedes Mittel recht; er schämt sich nicht, die Ehre durch Ehrlosigkeit zu erkaufen. Wie jede Begierde, wächst der Ehrgeiz, je mehr er befriedigt wird, und macht daher den Menschen unglücklich.
Eid
Eid
(iusiurandum) ist die feierliche, mit den für den Schwörenden stärksten Motiven verbundene Aussage. Da die menschliche Gesellschaft ohne Vertrauen, ohne Glauben an Treue und Wahrheit nicht bestehn kann, so ist der Eid eine der ältesten und wichtigsten Einrichtungen. Man beschwor schon frühe Verträge und Bündnisse; Obrigkeiten und Untertanen, Soldaten und Bürger verpflichteten sich für ihr Amt durch den Eid; besonders im Strafprozeß wurde der Eid angewandt. Gewöhnlich schwur man bei den Göttern oder bei Gott, doch auch bei anderen teuren Gegenständen, so die Hebräer bei ihrem Haupte, die Römer beim Genius des Kaisers, die Germanen bei ihrem Schwerte. Die Kirche verbot zuerst den Eid ganz, dann den Mißbrauch desselben; Justinianus erlaubte nur bei dem vom christlichen Glauben als heilig Verehrten zu schwören, und der Augsburger Religionsfriede setzte für Protestanten und Katholiken die Formel fest: bei Gott und seinem heiligen Evangelium. Das Wesentliche am Eide ist jedenfalls die Anrufung Gottes als des allwissenden Richters; die Formel ist heute in verschiedenen Ländern verschieden. Die inneren Bedingungen eines echten Eides sind, daß er mit völliger Freiheit, Unterscheidungsfähigkeit, Aufrichtigkeit und zu einem gerechten Zweck geleistet werde.
Es gibt zwei Hauptarten des Eides: den
Zeugniseid
und den
Gelöbniseid
. Der erstere bezieht sich auf die
Vergangenheit
, der letztere auf die
Zukunft
. Jener versichert, daß etwas wahr sei (iusiurandum assertorium), oder daß man etwas für wahr halte, es von anderen glaubwürdigen Leuten gehört (i. credulitatis), oder daß man etwas nicht gesagt oder getan habe (i. purgatorium). Dieser umfaßt die Gelöbnisse, durch die man etwas zu tun verspricht (i. promissorium; z.B. der Krönungs-, Verfassungs-, Untertanen-, Amtseid).
Kant
(1724-1804) verwarf den Eid als Aberglauben, ebenso
Fichte
(1762-1814) als ein »übernatürliches, unbegreifliches und magisches Mittel, sich die Ahndung Gottes zuzuziehen«. Vgl.
Stäudlin
, Geschichte der Vorstellungen und Lehren vom Eide. Göttingen 1824.
Göschel
, Der Eid nach seinem Prinzip, Begriff und Gebrauch 1837.
Trechsel
, Der Eid. Bern 1878.
Eifersucht
Eifersucht
ist die mit Haß verknüpfte Furcht, den Besitz einer geliebten Person oder Sache mit einem anderen teilen oder an einen anderen verlieren zu müssen. Vom Neid unterscheidet sie sich dadurch, daß jener ein Gut einem anderen nicht gönnt, ohne es gerade selbst besitzen zu wollen, die Eifersucht aber den ausschließlichen Besitz beansprucht, auch dadurch, daß es sich beim Neide um ein allgemeines, öfter vorhandenes Gut, bei der Eifersucht um eine bestimmte einzelne Persönlichkeit oder um ein individuelles Gut handelt. Die Eifersucht kann sich auf jede Art von Gut beziehen: Gelehrte, Künstler, Helden, Könige können auf den Ruhm des anderen eifersüchtig sein; Freunde, Geschwister, Eltern auf die Liebe, welche den anderen gewidmet wird. Im engeren Sinne bezieht sich die Eifersucht aber nur auf die Geschlechtsliebe; Liebende und Gatten werden am leichtesten und heftigsten aufeinander eifersüchtig, da sie einander ausschließlich beanspruchen. Frauen verfallen diesem Affekt öfter als Männer, teils wegen ihrer größeren Reizbarkeit, teils wegen der größeren Freiheit der Männer. So verderblich oft die Folgen dieser Leidenschaft sind, so ist es den Frauen keineswegs immer unangenehm, wenn ihre Liebhaber eifersüchtig sind; ja sie legen es wohl darauf an, sie dazu zu machen; denn Eifersucht zeugt von Liebe, wenn auch zugleich von Mißtrauen zu sich selbst und zu der Treue des Geliebten. Ein klassisches Beispiel für die Eifersucht gibt
Shakespeare's
Othello.
Eigenschaft
Eigenschaft
(attributum) heißt jedes einem Dinge oder Begriffe beigelegte Merkmal, durch welches seine bleibende Beschaffenheit bestimmt wird. Im gewöhnlichen Sprachgebrauche werden unter Eigenschaften sowohl die einem Gegenstande dauernd angehörigen Merkmale als auch die vorübergehenden Zustände desselben verstanden. Im strengen wissenschaftlichen Sprachgebrauche sollten (mit Wundt) nur solche Merkmale als Eigenschaften gelten, die dauernd an einem Dinge haften. Man kann somit wohl
wesentliche
und
zufällige Merkmale
unterscheiden ; aber nur jene verdienen vorzugsweise den Namen der Eigenschaften. Man unterscheidet ferner
konstitutive
, d.h. unabgeleitete wesentliche, und
konsekutive
, d.h. abgeleitete wesentliche Eigenschaften, endlich
eigentümliche
, die einem Dinge allein zukommen, und
gemeinsame
, die es mit anderen teilt. Der Eigenschaftsbegriff ist das Korrelat des Substanzbegriffes. Vgl. Substanz, Accidenz, Inhärenz.
Eigensinn
Eigensinn
heißt die Gesinnung, welche zur hartnäckigen Verfolgung eines Grundsatzes oder eines Entschlusses ohne Achtung auf Gegengründe oder Hemmnisse oder den mangelnden Wert des Erstrebten antreibt. Der Eigensinn ist eine Übertreibung der Willensstärke, die dadurch zustande kommt, daß der Mensch sich wider bessere Einsicht an eine einmal gefaßte Idee oder Absicht anklammert, nur um nicht schwach zu erscheinen. Dadurch wird der Eigensinn zur Schwäche. Denn der Mensch befreit sich durch Starrheit von der Aufgabe, zu prüfen und zu wählen; der Eigensinn, die Art sich ohne Erwägung zu entschließen und bei dem unmotivierten Beschluß zu beharren (Hoc volo, sic iubeo, sit pro ratione voluntas, Juvenalis Sat. 6, 223), tritt gewöhnlich an den Stellen hervor, wo sich ein Charakter unsicher fühlt. Willensschwäche, einseitige, unfertige und des plötzlichen Umschlags fällige Menschen sind oft die eigensinnigsten, während Stärke, Vielseitigkeit der Einsicht und des Handelns und Konsequenz vor Eigensinn bewahrt. Der wahre Charakter hält seine Maximen beisammen und läßt sich je nach den Verhältnissen durch die Vernunft bestimmen, während der Eigensinnige blindes Vorgehn für Charakter nimmt. Vgl.
Wolff
, Gemüt u. Charakter Leipzig 1882.
Eigentum
Eigentum
(lat. dominium) heißt alles, worauf jemand ein Recht durch Kauf, Erwerb, Geschenk oder Erbschaft erworben, oder worauf er mit Ausschluß eines anderen einen Anspruch hat. Er kann damit machen, was er will; er kann es verändern, verschenken, verkaufen usf.
Besitz
hingegen ist nur die faktische Herrschaft über eine Sache. Das Eigentum kann
Einzel- oder Gemeineigentum
sein, je nachdem es einer Person oder einer Gemeinschaft von Personen gehört. Die Unverletzlichkeit des Eigentums bildet eine Hauptstütze der menschlichen Gesellschaft. Kant (1724-1804) definiert: »
Das Rechtlich-Meine
(meum iuris) ist dasjenige, womit ich so verbunden bin, daß der Gebrauch, den ein anderer ohne meine Einwilligung von ihm machen möchte, mich lädieren würde. Die subjektive Bedingung der Möglichkeit – des Gebrauchs überhaupt ist der Besitz«. (Kant, Metaphysik der Sitten 1, S. 55). Die natürliche Eigentumstheorie (Stahl, Bluntschli) betrachtet das Eigentum als ein Urrecht der menschlichen Persönlichkeit, die Okkupationstheorie (vertreten von den Naturrechtslehrern des 17. und 18. Jahrhunderts) führt es auf erste Besitzergreifung zurück, die Arbeitstheorie (Locke, Thiers, Bertin) auf Arbeit, die Vertragstheorie (Grotius, Pufendorf, Kant) auf Vertrag und die Legaltheorie (Hobbes, Montesquieu, Bentham, Kant) auf positive Gesetze. Der Sozialismus fordert die Rückkehr zum Gemeineigentum. Der Begriff des Eigentums als
Rechtsbegriff
ist ohne wesentliche Schwierigkeiten. Der Begriff des Eigentums als
philosophischer Begriff
ist weit schwieriger. Als Eigentum kann philosophisch nur gelten, was dauernd mein ist, und was ich wahrhaft nutze. Dauernd mein sind aber weder äußere Reichtümer, noch körperliche Eigenschaften, noch geistige Habe. Darum ist selbst das die geistige Habe als wahre Habe der körperlichen und äußeren voranstellende philosophische Wort (des Bias) unzutreffend: Omnia mecum porto mea (Cicero, Paradoxa I, 1,8), und nur Goethes Wort trifft zu: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, nm es zu besitzen. Was man nicht nutzt, ist eine schwere Last. Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.« Vgl. Leist, Natur des Eigentums. Jena 1859.
Mayer
, Das Eigentum nach den verschiedenen Weltanschauungen. Freiburg 1871.
Eigentum ist Diebstahl
Eigentum ist Diebstahl
(la propriete c'est le vol) behauptete Proudhon (1809-1865) in seinem Buche »Qu'est-ce que la propriete?« 1840. Doch hat Ähnliches schon Brissot 1780 gesagt.
Eigenwert
Eigenwert
ist der Wert, den wir als Persönlichkeit erworben haben. In der Herausbildung eines Eigenwertes der Person durch individuelle Vervollkommnung aller Gaben sieht August Döring (Philosophische Güterlehre 1888) das höchste Gut und damit das ethische Ziel der Menschen.
Einbildung
Einbildung
(gr.
phantasia
) heißt 1. eine Vorstellung überhaupt; 2. eine Vorstellung, der nichts in der realen Welt entspricht (imaginatio), vgl. Vision; 3. eine unbegründete Vorstellung, die jemand von seinem Werte hat.
Einbildungskraft
Einbildungskraft
, s. Phantasie.
Eindruck
Eindruck
, s. Impression.
Einfalt
Einfalt
(lat. simplicitas) bezeichnet 1. eine gewisse Begrenztheit des Verstandes und Geradheit des Urteils, und, da diese den Kindern eigen ist, die echte Kindlichkeit, 2. die Abwesenheit von Ziererei, falscher Rücksichtnahme, Verstellung und Unredlichkeit. (Vgl. Naivität.) Wer einfältigen Verstandes ist, kann nicht nach weitaussehenden und verwickelten Absichten handeln; wer einfältigen Herzens ist, will es nicht. Der Einfältige ist das Gegenteil vom Gewandten, Pfiffigen und Weltklugen. Sein Leben ist naturgemäß, ohne Luxus und Affektiertheit; seine Gesinnungen und Handlungen stehen, frei von allen Nebenabsichten, in Harmonie. – Die
ästhetische Einfalt
oder Einfachheit besteht im ungekünstelten Zusammenstimmen aller Teile eines Kunstwerkes. Sie gibt nie mehr, als der Zweck des Ganzen fordert; ihre Kunstmittel sind die einfachsten; ihre Anordnung und Verbindung ist natürlich; sie ist fern von aller Überladung und Verschnörkelung. Solche Einfalt adelt die Werke aller wahren Genies. Sie herrschte in der Kunstrichtung der Alten und fehlt in vielen Richtungen der modernen Kunst (vgl. Schillers Gedicht an Goethe: »Des falschen Anstands prunkende Gebärden verschmäht der Sinn, der nur das Wahre preist«).
Einheit
Einheit
ist nach dem
allgemeinen Sprachgebrauch
entweder das anschaulich gegebene Einzelne oder ein zusammengesetztes Ganzes, das jedoch das Bewußtsein auf einmal erfaßt und denkt. So ist die Einheit eines Begriffs die Zusammenstimmung seiner Merkmale in der Gesamtvorstellung. Vgl.
Monade
. – In der
Ästhetik
bezeichnet Einheit die Zusammenstimmung der Teile eines schönen Gegenstandes in sich und die Durchdringung des Gegenstandes durch eine verbindende Idee. Vgl. Drama.
Einteilung
Einteilung
ist die Zerlegung des Umfangs oder des Inhalts eines Begriffs. Man unterscheidet demnach Divisio und Partitio.
Divisio
ist die Einteilung des Umfangs eines Begriffs, d.h. also die Zerlegung der Gattung in Arten usw. Die Einteilungsglieder (membra divisionis) entstehen dadurch, daß der
Gattungsbegriff
(totum divisum) durch verschiedene Merkmale determiniert wird, welche in einer Reihe liegen, also ursprünglich selbst Determinationen eines der Merkmale sind, die sich in dem einzuteilenden Begriff vorfinden. Je nach der Zahl der Glieder heißt die Einteilung
dichotomisch, trichotomisch
oder
polytomisch
(zwei-, drei-, vielgliedrig). Das Merkmal des eingeteilten Begriffs, nach dessen Determination sich die Einteilung richtet, heißt Einteilungsgrund (principium dividendi); ohne solchen würden die Glieder nicht in einer Reihe der Unterordnung liegen. Für jeden Begriff gibt es natürlich so viel Einteilungsgründe als Merkmale; der Begriff Mensch läßt sich z.B. nach Alter, Geschlecht, Stand, Farbe, Temperament usw. einteilen. Wendet man mehrere Einteilungsgründe zugleich an, so erhält man Kodivisionen, d.h. koordinierte Einteilungen; die fortgesetzte Einteilung schon gewonnener Einteilungsglieder führt zur Subdivision (Unterteilung). Nur durch Anwendung aller Einteilungsgründe kann das Ideal der Einteilung, die Klassifikation, erzielt werden, welche ein System, z.B. die Botanik, Zoologie u. dergl. darstellt. –
Partitio
ist dagegen die Zerteilung des Inhalts eines Begriffs in die Merkmale. Die Partitio muß die vollständige Summe der wesentlichen Merkmale durchlaufen. Am besten bringt man also den Begriff in eine Definition und sondert nacheinander die einzelnen Merkmale aus. Bei einer Divisio enthält jedes Glied sämtliche Merkmale des eingeteilten Begriffs, bei einer Partitio enthält kein Glied das Wesen des Ganzen. – Hauptregeln einer guten Einteilung sind: 1. Sie darf weder zu eng noch zu weit sein, d.h. es darf kein Glied zu viel oder zu wenig sein; 2. die Glieder müssen sich wirklich ausschließen; es ist z.B. falsch, die Menschen in Gebildete und Arme einzuteilen; 3. Ober- und Unterabteilungen dürfen nicht vermischt werden; 4. die Einteilung muß fruchtbar sein; es würde z.B. außer in einer Kostümkunde nichts nützen, die Menschen nach ihrer Kleidung einzuteilen; 5. sie muß erschöpfend sein, d.h. das Einteilungsprinzip muß durchgeführt werden; sie muß 6. auch stetig sein, um jeden Sprung (hiatus divisionis) zu vermeiden.
Einzelding
Einzelding
, s. Individuum.
Eitelkeit
Eitelkeit
(lat. vanitas) bezeichnet objektiv die Vergänglichkeit der Dinge, subjektiv das Selbstgefühl, welches sich auf wirkliche oder eingebildete nichtige Vorzüge stützt. Die subjektive Eitelkeit besteht in dem beständigen Verlangen nach fremder Bewunderung für Dinge, die gar nicht den inneren Wert des Menschen ausmachen, z.B. Schönheit, Orden, Titel, Reichtum, Gelehrsamkeit u. dgl. Der Eitle sucht bloß die äußeren Zeichen der Ehre ohne ihren inneren Gehalt, ja er buhlt förmlich um Anerkennung, während der Stolze sie verschmäht. Die Eitelkeit ist eine der verbreitetsten Charakterschwächen der Menschen. Nicht bloß die Frauen sind eitel auf Schönheit, Kleider, Putz, kleine Füße und Hände, sondern auch Männer sind es, wenn auch mehr auf Geburt, Stärke, Titel, Orden, Kunstfertigkeiten und Kenntnisse. Vgl. Stolz.
Ekel
Ekel
(lat. nausea) ist in
allgemeinerer
Bedeutung der heftige Grad des Widerwillens gegen ein Objekt, der mit körperlichem Übelbefinden verknüpft ist. In engerer
Bedeutung
ist er ein Zustand der Geschmacks- und Geruchsempfindung. Dieser Ekel kann als eine Halluzination der Magen- und Geschmacksnerven (nervus vagus und glossopharyngeus) betrachtet werden. Wundt (geb. 1832) definiert ihn als eine Muskelempfindung, deren. Ausbreitung und Verlauf durch die antiperistaltischen Bewegungen der Schlingmuskeln des Ösophagus und Magens bestimmt wird (Grundz. der phys. Psych. I S. 412). – Sittlich ekelhaft heißt alles, was eine gemeine Denkart verrät.
Eklektiker
Eklektiker
(gr.
eklektikos
= Auswähler von
eklegein
) heißt derjenige, welcher weder selbst ein neues philosophisches System aufstellt, noch sich an einen Philosophen anschließt, sondern von verschiedenen Systemen das Wahre oder das ihm als wahr Erscheinende auswählt. Der Name schließt gewöhnlich auch einen Tadel ein; denn die Bedingung alles Philosophierens ist Konsequenz und Systematik, wie sie uns bei Platon, Aristoteles, Spinoza, Kant, Hegel und Schopenhauer entgegentritt, und es ist ein Zeichen von Schwäche des Denkens, verschiedene im Grunde nicht gegeneinander ausgeglichene Gedanken zusammenzufügen. Andrerseits, wenn man bedenkt, daß kein Philosoph allein die Wahrheit besitzt, daß die einseitige Verfolgung eines Prinzips oft in grobe Irrtümer führt, daß selbst die originellsten Systematiker nachweislich von anderen Anregungen empfangen haben so wird man den Eklektizismus wenigstens verständlich finden, falls er mit selbständigem und logischem Geiste geübt wird. So waren im Altertum
Cicero, Plotinos, Proklos
, in der Neuzeit die deutschen
Moralphilosophen
des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert V.
Cousin
in Frankreich Eklektiker. Vgl. Synkretismus. Der Name Eklektiker rührt von
Potamon
(Ende des 2. Jahrh. n. Chr.) aus Alexandria her (Diog. Laert. Prooem. 21).
Ekstase
Ekstase
(gr.
ekstasis
), eigentlich das Außersichsein, Veränderung, ist derjenige Grad von Begeisterung, in welchem der Mensch seine Phantasiebilder mit wirklichen Gegenständen verwechselt. Der Schwärmer hört Stimmen, sieht Gestalten, fühlt und schmeckt etwas, von dem nichts in der realen Wirklichkeit ist. In diesen an Wahnsinn grenzenden Zustand wird er durch körperliche Störungen, Nervenüberreizung oder Ausschweifung der Phantasie versetzt. Nach Plotinos (205 bis 270) ist die Ekstase die Ruhe der Seele in Gott, den sie unmittelbar erfaßt. Der Mystiker Job. v.
Ruysbroek
(1381) hieß Doctor ecstaticus. Vgl. B. A.
Mayer
, die Sinnestäuschungen, Hallucinationen und Illusionen. Wien 1867.
Preyer
, die Entdeckung des Hypnotismus. Berlin 1881.
Eleaten
Eleaten
. Die Eleaten, die ihren Namen von der Stadt Elea in Lukanien hatten, waren Philosophen dreier Menschenalter im 6. und 5. Jahrh. v. Chr. (ungefähr 550-450), welche die Lehre von der Einheit und Unveränderlichkeit des Seienden vertraten und die Existenz der Vielheit, der Bewegung und des Werdens ableugneten. Ihr ältester Vertreter Xenophanes von Kolophon (zwischen 580 und 575) gab der Lehre eine theologische Form, indem er den griechischen Polytheismus und Anthropomorphismus bekämpfte, die Einheit, Ewigkeit, Unveränderlichkeit und Geistigkeit des Göttlichen behauptete und das Weltall dem Göttlichen pantheistisch gleichsetzte. Der zweite Eleat,
Parmenides
(geb. zw. 520 u. 510 in Elea), ein Schüler des Xenophanes, gestaltete die eleatische Lehre in eine metaphysische Theorie vom Sein und Nichtsein um. Nach ihm ist nur das Sein; es ist ungeworden, ewig, eins, unveränderlich und unbeweglich, eine den Raum kontinuierlich erfüllende Kugel, und Sein und Denken ist bei ihm ein und dasselbe. Das Nichtsein ist nicht. Es gibt kein Werden. Alles Viele und Wechselnde ist nur Schein und Redetrug, und alle Sinneserkenntnis ist nur Täuschung. Die dritte Generation bilden
Zenon
(geb. am Anf. d. 5. Jahrh.) und
Melissos
(5. Jahrh.), die beide Schüler des Parmenides waren. Sie sind die
Dialektiker
der eleatischen Schule und suchen die Lehre des Parmenides indirekt durch Beweise gegen die Vielheit und Bewegung (wie den Achilleus, den fliegenden Pfeil usw., s. d.) zu stützen. Alle Eleaten haben also gemeinsam den Gegensatz zur Volksreligion, die Verwerfung des Erfahrungswissens, die Entwicklung der Begriffe des Seins und Nichtseins, die Leugnung der Vielheit und Bewegung und andrerseits die Unfähigkeit, zum reinen Idealismus vorzudringen. Innerhalb der griechischen Philosophie hat die Lehre der Eleaten am meisten auf
Platon
(427-347) eingewirkt, der mit ihr in der Forderung eines Seins und in der Verwerfung der Sinneserkenntnis übereinstimmte, hierauf aber seine Ideenlehre begründete. Von neueren philosophischen Theorien nähern sich stellenweise der eleatischen Philosophie der Spinozismus (s. d.) und die Metaphysik Herbarts (1776-1841).
Elektra
Elektra
, vgl. Velatus.
Elektron
Elektron
(aus dem Gr.) ist die elektrische Einheit der Materie (s. d.), so daß das Atom aus Elektronen besteht, wie denn auch nach der elektromagnetischen Theorie das Licht nicht durch Vibration der Moleküle, sondern der Elektronen entsteht. Stoney hat die Ladung eines Korpuskels (s. d.) als ein Elektron bezeichnet.
Elemente
Elemente
(lat.) sind nach der älteren Auffassung die Ur- oder Grundstoffe der Körper, welche nicht weiter zerlegt werden können. Schon die Naturphilosophen des Altertums haben sich bemüht, sie aufzufinden. Als gewöhnliche Zahl derselben galten im Altertum seit Empedokles 4, Feuer, Wasser, Luft und Erde.
Aristoteles
(384-322) nahm 5 an, zu den 4 üblichen den Äther. Die Feststellung der Elemente ist aber erst der Chemie der Neuzeit gelungen; die heutige Naturwissenschaft zählt gegen 70 Elemente auf. Vgl. L. Meyer, Die modernen Theorien der Chemie. Breslau 1884. Neuerdings dringt die Auffassung durch, daß die Elemente nicht, wie man bisher annahm, etwas für sich Bestehendes, Unzerstörbares sind, da es Ramsoy gelungen ist, nachzuweisen, daß Radium sich in Helium unter bedeutendem Energieverluste verwandelt. Viele Forscher nehmen weiter an, daß Radium aus dem es stets begleitenden Uran entstanden sei. Da nun nachgewiesen ist (Lockyer), daß auf den Himmelskörpern mit sehr hoher Temperatur viel weniger Elemente von geringerer Dichte als auf der Erde vorhanden sind, 80 nennt
Ostwald
die Elemente auch Körper, welche unter allen bekannten Bedingungen nur hylotrope (den Stoff wechselnde) Phasen bilden können. –
Psychische
Elemente nennt W.
Wundt
die einfachen Erfahrungsinhalte des Seelenlebens, nämlich Empfindungen und Gefühle.
Eleganz
Eleganz
(lat. elegantia), Anmut, Zierlichkeit heißt im allgemeinen das Wesen des Wohlgefälligen, insofern es zugleich modisch ist. Sprachlich bedeutet Eleganz die mit Korrektheit verbundene Rede, welche den Gedanken treu und wahr wiedergibt, welche richtig, natürlich und treffend ist. Zur Eleganz gehört vollkommene Beherrschung der Sprache in ihrem Reichtum, ihren Feinheiten und ihrer Gliederung, nebst Beachtung des Wohlklanges und Rhythmus.
Elenchus
Elenchus
(gr.
elenchos
, lat. refutatio) bedeutet seit Aristoteles (384-322) den Gegenbeweis, die Widerlegung der Unrichtigkeit einer Behauptung durch Beweis (
ho elenchos antiphaseôs syllogismos
Arist. Analyt. prior II, 20 p. 66 b 11). Ignoratio elenchi (
hê tou elenchou agnoia
) heißt derjenige Fehler im Beweisen, bei dem man das zu Beweisende außer acht läßt; mutatio (
metabolê
) elenchi oder fallacia dagegen ist die bewußte Verrückung des Beweises.
Eleutherismus
Eleutherismus
heißt die Lehre, daß der menschliche Wille frei sei. Vgl. Freiheit.
Emanation
Emanation
(lat. emanatio), eigentlich Ausfluß, ist die Lehre des
Zoroaster
, der
Neuplatoniker
und der
Gnostiker
, nach der die Welt durch Überfließen der göttlichen Fülle (
plêrôma
) mit innerer Notwendigkeit entstanden ist. Das von dem ursprünglich Vollkommenen Emanierte entfernt sich gradweise immer mehr davon und wird so immer schlechter; so erklärt sich nach Ansicht jener Denker auch schließlich das Hervorgehn des Bösen aus Gott. Vgl. böse.
Empfindlichkeit
Empfindlichkeit
(Sensibilität) ist physiologisch die Ausstattung einer Körperstelle mit sensiblen Nervenfasern,
psychologisch
die zu große Empfänglichkeit des Menschen für unangenehme Empfindungen, besonders im Verhalten anderer uns gegenüber;
Empfindsamkeit
(Sentimentalität) oder Empfindelei hingegen heißt die Neigung, sich rührenden Vorstellungen und Empfindungen hinzugeben. Der Empfindliche wird leicht beleidigt, der Empfindsame gerührt. Vgl. J. H. Campe, Über Empfindsamkeit und. Empfindelei. 1779.
Empfindung
Empfindung
(von ahd. intfindan) heißt das durch einen Nervenreiz veranlaßte objektive Element der Bewußtseinsinhalte. Die Empfindung, die erfahrungsmäßig durch die Einwirkung eines Äußeren auf das Innere, oder durch die Aufnahme eines Sinneseindruckes in die Seele entsteht, ist ein durch ein körperliches Organ vermittelter objektiver Grundbestandteil der Bewußtseinsinhalte, im Gegensatz zu dem auf dieselbe Weise veranlaßten subjektiven Gefühlszustand der Lust und Unlust. Zustande kommt die Empfindung dadurch, daß ein äußerer Reiz eine Nervenfaser erregt und diese Erregung ins Gehirn fortgepflanzt wird, wo sie sich in einen psychischen Inhalt umsetzt. Man hat physikalische und physiologische Empfindungsreize zu unterscheiden, je nachdem sie in der Außenwelt oder in unseren Organen entspringen. Die physiologischen zerfallen wieder in zentrale und peripherische; jene bestehen aus Vorgängen im Gehirn, diese aus solchen in den Körperorganen.
Alkmaion
von Kroton (5. Jahrh.) meinte, es drängen gewisse Ausflüsse von Dingen durch Poren in die Augen, Ohren usw.; ähnlich lehrten
Empedokles
(484-424),
Demokritos
(460-320) und
Anaxagoras
(500-428); aber schon
Aristoteles
(384-322 v. Chr.) erkannte, daß nicht die Materie des Objekts in die Seele kommt, sondern nur dessen Form. Die Scholastik lehrte wieder einen physischen Einfluß (influxus physicus) der Dinge in die Seele. Descartes (1596-1650) denkt sich, daß der Reiz vom Organ durch die Nerven sich zum Gehirn fortpflanze und dort die vom Herzen aufsteigenden Lebensgeister bewege.
Leibniz
(1646-1716) betont die Selbsttätigkeit der Seele und läßt die Empfindung aus dunklen Perzeptionen entstehn. Kant (1724-1804) leitet die Empfindung aus der passiven Sinnlichkeit ab, welche das empirische Material hergebe, während es erst durch die apriorische Kraft des Subjektes geformt werde. Neuere Psychologen, wie
Wundt, Lange
und
Spencer
, fassen die Empfindung als subjektiv-innerliche Erscheinungsweise der objektiven Molekularbewegung in der Nervenfaser. – Die Empfindungen sind nach Inhalt (Qualität) und Stärke (Intensität) verschieden. Ferner unterscheidet man sensitive und sensorielle Empfindung; jene wird durch die Empfindungsnerven, die im Rückenmark endigen, vermittelt, diese durch die im Gehirn endigenden Sinnesnerven. Jene bringt uns den Zustand unseres eigenen Leibes, diese die Außenwelt zum Bewußtsein. Vgl. G. A.
Spieß
, Physiol. d. Nervensystems. Braunsch. 1844.
Tourtual
, Die Sinne des Menschen. 1837. W.
Wundt
, Grundzüge d. physiolog. Psychol., 3. Aufl. Leipzig 1887.
Empirie
Empirie
(gr.
empeiria
, lat. experientia), Erfahrung, heißt zunächst jede sinnliche Wahrnehmung, sodann die systematische Verknüpfung der Wahrnehmungen, welche wir durch Bearbeitung und innere Verbindung der Wahrnehmungen gewinnen. Diese Erfahrung, welche dem Hörensagen, der mündlichen und der schriftlichen Überlieferung gegenübersteht, hat wegen ihrer Tatsächlichkeit und Allgemeinheit einen hohen Erkenntniswort. Natürlich verbindet sich das Erfahrungswissen aufs engste mit der sie zusammenfassenden und gestaltenden Denktätigkeit. Kant (1724-1804) drückt dies in dem Satze aus: »Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.« Aber die Erfahrung allein und nicht die von der Erfahrung unabhängige Denktätigkeit setzt uns mit der objektiven Welt in Verbindung. Die wissenschaftliche Erfahrung vollzieht sich durch Abstraktion, Analogie und Induktion (s. d.). Die Vorzüge der Empirie sind ihre Gewißheit und Wahrheit, d.h. die Unmittelbarkeit des Eindrucks und die hieraus folgende relative Notwendigkeit des Inhalts. Ihre Mängel aber sind folgende: Dieselben Dinge machen auf verschiedene Menschen oft einen verschiedenen Eindruck, und das Wesen der Dinge nehmen wir überhaupt nicht wahr. Die Erfahrung, erhält dadurch etwas Persönliches, ihr fehlt die volle Allgemeinheit; sie erschöpft auch nicht den Umfang des Wissens und befriedigt den Wissensdrang des Menschen nicht. Endlich fehlt ihr die absolute Notwendigkeit; denn wir erfahren durch sie nicht den Grund unserer Erkenntnis. Das sind aber im wesentlichen die Schranken unseres Wissens überhaupt. Vgl. Sensualismus, Rationalismus.
Empirismus
Empirismus
(nlt.-franz., von gr.
empeiria
= Erfahrung) heißt diejenige methodische Richtung in der Philosophie, für welche die Erfahrung die Quelle alles Wissens ist. Nach der Auffassung des Empirismus ist die Beobachtung und das Experiment der Ausgangspunkt der Wissenschaft, von dem wir durch Zusammenfassung zu allgemeineren Sätzen und höheren Prinzipien aufsteigen. Der Vernunft weist der Empirismus nicht den Ursprung, sondern nur die Formung, Ordnung und Gestaltung unseres Wissens zu. Der Empirismus ist die eigentliche neuere philosophische Methode. England ist seine Heimat. Seine ersten Vertreter sind
Bacon
(1561-1626) und
Locke
(1632 bis 1704). Er ist jetzt die philosophische Methode der meisten Vertreter der
Naturwissenschaft
geworden, und auch der größere Teil der neueren Philosophen hat sich ihm angeschlossen. In der Gestalt, die ihm Locke gegeben hat, scheidet er die äußere und innere Erfahrung, Sensation und Reflexion. In einseitigerer Form, die im Altertum schon durch Epikur, in der Neuzeit durch Gassendi, Hobbes, Hume, Condillac, Bonnet usw. vertreten wird, erkennt er nur die Sinnestätigkeit als letzte Erkenntnisquelle an, so daß er jeden psychischen Vorgang als umgebildete Sinnesempfindung ansieht. Er nennt sich in dieser Form
Sensualismus
. In seiner reicheren Entfaltung und Ausgestaltung als
kritischer Empirismus
gründet er sich aber auf die Doppelquelle der Erfahrung und übersieht auch nicht, daß Erfahrung nicht nur das Ergebnis der Wahrnehmung, sondern auch der gesamten geistigen Tätigkeit des Menschen ist. Auch führt die Erkenntnis, welche Rolle die geistige Arbeit beim Zustandekommen der Erfahrung spielt, dazu, im Gegensatz zu den englischen Begründern des Empirismus, der Vernunft und ihren apperzeptiven Verbindungen eine viel aktivere, wenn auch nicht schöpferische Leistung zuzuschreiben, die uns das Weltbild als ein den Gesetzen des Bewußtseins unterworfenes menschliches Wissen erkennen läßt, uns vor platter materialistischer Weltanschauung, wie sie gewöhnlich die Folge des Sensualismus gewesen ist, bewahrt, und uns gestattet, hypothetisch den Erfahrungskreis in zusammenfassenden Ideen zu überschreiten und mit metaphysischen Gedanken abzuschließen. In dieser höher entwickelten Form ist der philosophische Empirismus die fruchtbare Methode der jetzigen Philosophie geworden, während kein Zweifel darüber herrschen kann, daß die Bahnen der entgegengesetzten Richtung, des Rationalismus, heutzutage verödet daliegen. – Neuerlich hat
Rich. Avenarius
(1843-96) ein System reiner Erfahrung aufgestellt, welches er »
Empiriokritizismus
« nannte. Die Empfindung ist ihm das einzige objektiv Gegebene, das Element, von dem der Inhalt und die Form des Seins abhängt. Er unterscheidet subjektive und objektive Erfahrung, das Erfahren als Charakter und als Inhalt. Aller Aussageinhalt des Menschen (die sogenannten E-Werte) ist vom Zentralnervensystem (C), von den Umgebungsbestandteilen oder Reizen (R) und von den Wirkungen des Stoffwechsels (S) abhängig. Die Schwankungen und die Selbstbehauptung des System C bestimmen das Leben des Individuums. Es ist Aufgabe der Kritik der reinen Erfahrung aus der naiven Erfahrung durch Ausschaltung aller individuellen, logisch unhaltbaren Zwecke die reine Erfahrung herzustellen. – Ein
roher Empiriker
ist derjenige, welcher sich auf die Praxis beschränkt, ohne auf wissenschaftliche Theorien Rücksicht zu nehmen. –
Empirém
heißt ein Lehrsatz, dessen Wahrheit einzig auf Erfahrung beruht. –
Empirische Wissenschaften
sind die, welche vorzugsweise auf Beobachtung und Sammlung des Tatsächlichen angewiesen sind, z.B. Geschichte, Naturforschung, Medizin. Vgl. a posteriori, Sensualismus. Apelt, Theorie der Induktion. Leipzig 1854. Fr. Paulson, Versuch e. Entwicklungsgeschichte der Kritischen Erkenntnistheorie. Leipzig 1875. Vorländer, Geschichte der Philosophie, 2 Bde. Leipzig 1903.
Empyreum
Empyreum
(nlt. vom gr.
empyros
= brennend) bedeutet bei den alten Naturphilosophen den Feuerhimmel, d.h. den höchsten Ort, wo sich das Feuer, das leichteste Element, sammeln und alle leuchtenden Phänomene am Himmel veranlassen soll. Im Mittelalter ist es s. a. Himmel. Bei Dante ist es das oberste Paradies (Par. 30-33). Empyreisch heißt himmlisch.
Encyklopädie
Encyklopädie
(gr.
enkyklios paideia
), eigtl. der Kreis der Kenntnisse, die allumfassende Unterweisung, bedeutete bei den Alten von Aristoteles (384-322) ab die Gesamtheit von Wissenschaften und Künsten, die jeder freigeborene Grieche und Römer kennen mußte. Er faßte sich später in den sieben freien Künsten zusammen: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Wir reden jetzt dafür von einer allgemeinen Bildung (s. d.). Das erste encyklopädische Werksoll Speusippos, Platons Schüler, verfaßt haben; ihm folgten Varro, Plinius d. Ä., Stobaios, Suidas, Isidorus und Hrabanus Maurus; aber erst
Vincenz
v.
Beauvais
(1264) mit seinem Speculum majus (1250) und
Bacon
v.
Verulam
(1626) begründeten die Encyklopädie als Wissenschaftskunde (Instauratio magna: De dignitate et augmentis scientiarum; Novum Organum; Sylva sylvarum). Aber dieser richtige Weg wurde in den folgenden Jahrhunderten nicht verfolgt, bis erst die französische Encyklopädie (1751-1772) und in Deutschland Sulzers »Kurzer Inbegriff aller Wissenschaften« (1756) das Thema wissenschaftlich behandelten. Daneben kamen Encyklopädien der einzelnen Wissenschaften auf, welche das Wichtigste daraus systematisch oder lexikalisch geordnet enthielten. Lesenswerte
Encyklopädien der Philosophie
sind:
Hegel
, Encykl. d. philos. Wiss. Heidelb. 1817.
Herbart
, Einl. i. d. Philos. Königsb. 1813. L.
Noack
, Propädeutik der Philos. Weimar 1854.
Jos. Beck
, Philos. Propädeutik. Stuttg. 1851. Ad. Steudel, Philos. i. Umriß. Stuttg. 1877. Fr. Paulsen, Einl. i. d. Philos. 15. Aufl. 1906. Külpe, Einleitung in die Philosophie. 1895.
Encyklopädisten
Encyklopädisten
heißen die Herausgeber und Mitarbeiter der Encyklopädie (ou dictionnaire raisonne des sciences, des arts et des metiers. Paris 1751-1772), welche, von
Diderot
(1713-1784) und
d'Alembert
(1717-1783) begründet, nicht bloß den ganzen Umfang menschlichen Wissens darstellte, sondern zugleich das gemeinsame Organ der französischen Freidenker war. Sie huldigten meist dem Materialismus oder dem Rationalismus; die berühmtesten sind:
Diderot, Holbach
(1723-1789),
Rousseau
(1712-1778),
Voltaire
(1694 bis 1778),
d'Alembert
. Allmählich bezeichnete das Wort Encyklopädist jeden Anhänger dieser Richtung überhaupt, z.B.
Condillac
(1715-1780),
Helvetius
(1715-1771), La
Mettrie
(1709 bis 1751),
Cabanis
(1757-1808),
Destutt de Tracy
(1754 bis 1836) u. a.
Endelechie
Endelechie
(gr.
endelecheia
, lat. continuatio) heißt Dauer, Fortsetzung. Es tritt aber auch dieser Ausdruck in Verwechslung mit Entelechie (s. d.) auf. So zunächst bei Cicero Tuscul. I, 10, 22, der die doppelte Verwechslung macht, das fünfte Element bei Aristoteles mit dem Geiste zu identifizieren, während es der Äther (s. d.) ist, und
endelecheia
für
entelecheia
zu setzen: sie ipsum animum
endelecheian
appellat (Aristoteles) novo nomine quasi quandam continuatam motionem et perennem. Ihm folgt
Melanchthon
(Commentarius de anima. 1540 abgedr. Corpus reformatorum XIII S. 1 ff.), der die folgende Begriffsbestimmung der Seele gibt: Anima est Endelelchia prima corporis physici organici, potentia vitam habentis. Melanchthons Amtsgenosse in Wittenberg Veit Amerbach trat für
entelecheia
ein und verfeindete sich darüber mit Melanchthon.
Endursache
Endursache
, s. Zweck.
Energie
Energie
(gr.
energeia
, lat. actio), Tätigkeit, bezeichnet bei Aristoteles (384-322) die Form der Dinge, die Vollendung, Ausbildung oder Erfüllung der Anlage, die dem Stoff eigen ist. Die Materie ist die Möglichkeit oder Anlage und als solche im relativen Sinne ein Nichtseiendes, das Nochnichtsein des vollendeten Gebildes. Die Form (
entelecheia
oder
energeia
) ist der Vollendungszustand und die wirkliche Tätigkeit des Vollendeten. Der Energie entgegengesetzt ist das Beraubtsein oder der Mangel (
sterêsis
). Durch immanente Selbstbewegung geht aus dem Zustande der Möglichkeit (
dynamis
) oder des relativen Nichtseins der Zustand der Wirklichkeit (
energeia
) hervor; und weil dadurch das Streben der Natur zu seinem Zwecke kommt, so ist die Form (
energeia
) zugleich der Zweck der Natur. Aristoteles geht zwar zunächst von vier Prinzipien in der Metaphysik, dem Stoff, der Form, der Ursache und dem Zweck, aus (
hylê, eidos, hothen hê archê tês kinêseôs, hou heneka
, causa materialis, formalis, efficiens und finalis). Erfaßt aber die Form, die Ursache und den Zweck auch in ein einziges metaphysisches Prinzip zusammen, so daß also nur zwei Prinzipien übrig bleiben: Stoff und Form, welche sich wie Möglichkeit und Wirklichkeit zueinander verhalten. – Im
physikalischen Sinne
versteht man unter Energie jetzt (Young [1773-1829] hat diesen Ausdruck eingeführt. Lectures on Natural Philosophy, Lecture VII 1807) die Fähigkeit des Körpers, eine mechanische Arbeit zu leisten.
Ostwald
definiert sie als Arbeit, oder alles, was aus Arbeit entsteht oder sich in Arbeit umwandeln läßt. (Vorles. über Naturphilos., S. 152 ff.) Man unterscheidet
aktuelle
(kinetische) und
potentielle
Energie.
Aktuelle
Energie (Bewegungsenergie) ist die einer bewegten Masse vermöge ihrer Geschwindigkeit eigene, auf irgend eine Weise direkt zu bestimmende Energie; sie wird durch die lebendige Kraft (d.h. durch die Fähigkeit einer mit Geschwindigkeit behafteten Masse, sich einer Kraft entgegengesetzt zu bewegen) gemessen.
Potentielle
Energie (Energie der Lage und Anordnung, Summe der Spannkräfte) ist diejenige, deren Größe nur so weit zu bestimmen ist, als sie aus aktueller Energiegröße entsteht, oder in solche umgewandelt werden kann. Der Ausdruck potentielle Energie ist durch Rankine eingeführt. Ein Beispiel der aktuellen Energie ist eine Masse m, welche die Geschwindigkeit v besitzt, durch welche sie in der der Fallbewegung entgegengesetzten Richtung so hoch au steigen vermag, als sie fallen müßte, nm die Geschwindigkeit v zu erlangen. Ein Beispiel der potentiellen Energie ist ein Gewicht p, das, in der Höhe h über dem Boden hängend, sinkend die Arbeit p · h zu leisten vermag. Andere Beispiele für die potentielle Energie sind: das gestaute Wasser eines Mühlenteiches, die gespannte Feder einer Taschenuhr, ein gespannter Bogen, die chemische Energie des Schießpulvers usw. Der Vorgang, bei welchem durch Leistung einer kleinen Arbeit eine große potentielle Energie veranlaßt wird, sich in mechanische Arbeit umzusetzen, heißt Auslösung der Energie. – Die Beobachtung, daß bei vielen Bewegungen in der Welt potentielle Energie in aktuelle umgesetzt wird, hat das Bedürfnis hervorgerufen, dieser Umsetzung auch da nachzuforschen, wo eine Ausnahme stattzufinden und lebendige Kraft verloren zu gehn scheint. J.
Robert Mayer
(1842) und
James Prescott Joule
(1850) erkannten, daß z.B. die beim Stoß unelastischer Massen erzeugte Wärme der verlorenen aktuellen Energie entspräche, daß zwischen der erzeugten Wärmemenge und der anfgewendeten Arbeit ein festes und unveränderlishes Verhältnis bestehe. Es ist eine Arbeit von 423,55 Kilogrammetern erforderlich, um 1 kg Wasser um 1°C zu erwärmen (mechanisches Äquivalent der Wärmeeinheit). Durch v.
Helmholtz
(1821-1891) wurde diese Auffassung auf alle Gebiete der Physik übertragen und der Satz von der
Erhaltung der Energie
gewonnen, der besagt,
daß die Summe der aktuellen und potentiellen Energie zu jeder Zeit konstant ist
. Durch mechanische Arbeit werden lebendige Kraft, Wärmezustände, elektrische Zustände usw. hervorgerufen, die beim Verschwinden wieder nach festem Verhältnis in mechanische Arbeit umgesetzt werden. – Im anthropologischen Sinne bedeutet Energie soviel wie Willensanstrengung, Willensstärke. (Vgl. Maxwell, Matter and Motion, Substanz und Bewegung, übersetzt von E. v. Fleischl. Braunschweig 1881, Kp.V. Ostwald, Vorlesungen über Naturphilosophie 1901. 3. Aufl. 1905. Poincare, Wissenschaft und Hypothes. übers, von Lindemann. Lpz. 1904).
Enkekalymmenos
Enkekalymmenos
(gr.
enkekalymmenos
), der Verhüllte, siehe unter
Velatus
.
Ensoph
Ensoph
, das Unendliche. Siehe Kabbala.
Entelechie
Entelechie
(gr.
entelecheia
v.
entelês
= vollkommen und
echein
= haben) bedeutet bei Aristoteles die Form (
eidos
), welche sich im Stoffe betätigt und im Einzelwesen darstellt. Als Energie (s. d.) wird sie aufgefaßt, weil sie zugleich die wirkende Ursache (
hothen hê kinêsis
) in sich schließt, als Entelechie aber, insofern das Ziel (
telos
) des Wirkens in ihr enthalten ist. Entelechie bedeutet also den Vollendungszustand, die Zweckrealisierung, wodurch ein abgeschlossenes Ganzes, ein vollendetes Einzelding zustande kommt. Daher heißt der lebendige Organismus und die denselben bildende Seele Entelechie (
entelecheia
), vgl. Metaphys. IX, 8. 3. Phys. III, 1. VIII, 1. De anima II, 1. Abstrakt gedacht und entsinnlicht, ohne
hylê
, als reine Form des denkenden Geistes nennt Aristoteles die Form auch beharrliches wesentliches Sein (
to ti ên einai
), Metaph. VII, 4-6. VII, 7, womit gesagt wird, daß dieser gedachte Begriff im Einzeldinge war, dessen Wesen konstituierend. Vgl. Alb. Schwegler, die Metaphysik des Aristoteles. Tüb. 1847. IV. Demgemäß bezeichnet Aristoteles die Seele als »erste Verwirklichung eines physischen Leibes, welcher der Möglichkeit nach Leben hat«. De an II, 1. Sie ist Energie, sofern sie für ihre organische Verwirklichung tätig ist, Entelechie, sofern diese Verwirklichung im beseelten, organischen Leibe erreicht ist. Vgl.
Frohschammer
, die Prinzipien der aristotel. Philosophie. München 1881. Ähnliches lehrt
Leibniz
(Nouveaux Essais II, 21), vgl. F.
Kirchner
, Leibniz' Psychol. Köthen 1875. Vgl. auch Energie, Endelechie.
Enthusiasmus
Enthusiasmus
(gr.
enthousiasmos
) oder Begeisterung ist die Steigerung der geistigen und leiblichen Kräfte desjenigen Menschen, der lebhaft von einer Idee ergriffen ist. Von der Schwärmerei unterscheidet sich der Enthusiasmus dadurch, daß er durch die Vernunft geleitet ist; besonders erfährt durch ihn die produktive Phantasie eine Steigerung. Daher kommt es, daß man die Schöpfungen der Begeisterung auf religiösem, ästhetischem und ethischem Gebiete für übernatürliche Offenbarungen der Gottheit angesehen hat. Vgl. Offenbarung.
Enthymem
Enthymem
(
enthymêma
) heißt eigentlich das im Gemüte Befindliche, das Zurückbehaltene. Man nennt so einen verkürzten Schluß, bei dem etwas unterdrückt ist und unausgesprochen bleibt, z.B. Heute geht der Mond nm Sonnenuntergang auf; denn es ist Vollmond. Entweder wird der Obersatz im Sinne (
en thymô
) behalten: Epimenides ist ein Kreter, also ein Lügner; oder der Untersatz: Alle Kreter sind Lügner, also auch Epimenides; oder man zieht das Enthymem sogar in einen Satz zusammen: Als Kreter ist Epimenides ein Lügner. Enthymeme sind aber ferner noch folgende Klassen: 1.
Entgegensetzungsschlüsse
(ratiocinia oppositionis), durch die ein Satz aus dem ändern vermöge des Gegensatzes beider gefolgert wird, und zwar a)
Widerspruchsschlüsse
(ratiocinia contradictionis): Diese Linien schneiden sich rechtwinklig, also nicht schiefwinklig; b)
Widerstreitsschlüsse
(ratioc. contrarietatis): Dieser Winkel ist ein rechter, also ist er kein stumpfer; 2.
Gleichheitsschlüsse
(rat. aequipollentiae), worin ein Satz aus dem anderen gefolgert wird, der nur den Worten nach verschieden ist, z.B.: Gottes Kraft ist unendlich; also ist Gott allvermögend; 3.
Umkehrungsschlüsse
(conclusiones ad conversam), worin ein Satz durch Umkehrung des ersten gefolgert wird: Kein Mensch ist vernunftlos, also ist kein vernunftloses Wesen ein Mensch; 4.
Unterordnungsschlüsse
(ratiocinia subalternationis), welche einen Satz aus dem anderen vermöge der Unterordnung folgern, z.B. Alle Wissenschaften bilden den Geist, folglich auch die mathematischen.
Entia sine necessitate
Entia sine necessitate
non sunt multiplicanda (lat. die Dinge sind nicht ohne Not zu vervielfältigen) ist ein methodologischer Satz, welcher besagt, man habe nicht unnötigerweise neue Kräfte, Wesen usw. zur Erklärung einer Sache aufzustellen.
Entität
Entität
(mlt. v. ens = das Seiende, das Ding) ist ein veralteter scholastischer Ausdruck für das Wesen.
Entschluss
Entschluss
ist der Abschluß des Erwägens zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten des Handeins. Aus dem Entschluß geht das feste Begehren oder Verabscheuen und das Handeln in bestimmter Sichtung hervor. Alles Wollen schließt ein Denken in sich, das sich zuerst als Besinnen über das Motiv, den Zweck und das Mittel darstellt; daran schließt sich die Erwägung, welche die Sicherheit, Zulänglichkeit und Opportunität der Mittel abwägt. Solange das Wollen noch nicht vollendet ist, heißt es Überlegung, Wunsch. Entscheidet sich der Mensch für die eine oder andere Möglichkeit, so tritt der Entschluß ein, welcher mithin ein Abschluß des Schwankens ist. Dadurch verwandelt sich das Begehren zum Wollen; der Entschluß macht es zur selbstbewußten, eigensten Tat des Ichs.
Wundt
(geb. 1832) bestimmt den Vorgang der Entschließung so: »Den der Handlung unmittelbar vorangehenden psychischen Vorgang des mehr oder weniger plötzlichen Herrschendwerdens des entscheidenden Motivs nennen wir bei den Willkürhandlungen im allgemeinen die Entscheidung, bei den Wahlhandlungen die Entschließung.« Dieser Vorgang wird als Endergebnis betrachtet. »Während sich nun die Anfangsstadien eines Willensvorgangs von einem gewöhnlichen Affektverlauf nicht bestimmt unterscheiden, sind diese Endstadien von durchaus charakteristischer Beschaffenheit. Namentlich sind sie durch begleitende Gefühle ausgezeichnet, die außerhalb der Willensvorgänge nicht vorkommen und daher als die dem Willen spezifisch eigentümliche Elemente betrachtet werden müssen. Diese Gefühle sind die der
Entscheidung
und der
Entschließung
, von denen sich das letztere von dem ersteren wohl nur durch eine größere Intensität unterscheidet.« (Wundt, Grundriß der Psych. §14, S. 226.) Vgl. Handlung, Wollen, Motiv, Begehren.
Entsetzen
Entsetzen
ist ein passiver Affekt, welcher aus dem plötzlichen Anblick einer übergroßen oder auch ganz unerwarteten Gefahr entspringt und meist mit zeitweiliger Hemmung der Bewegungsorgane verbunden ist.
entstehn
entstehn
heißt sich aus dem Nichte in Etwas zu verwandeln. Der Begriff der Entstehung überschreitet die Erfahrung. Sein Gegensatz ist das Vergehn. Vgl. Schöpfung.
Entwicklung
Entwicklung
bedeutet bei
Begriffen
die allmähliche Darlegung ihres Wesens nach Inhalt und Umfang ohne die strengere Form der Definition (vgl. Erörterung, Beschreibung, Definition), in der Natur die allmähliche Ausbildung der Organismen. So entwickelt sich ein Mensch, wenn er stufenweise diejenige Größe und Stärke, diejenigen körperlichen und geistigen Vorzüge erlangt, welche in seiner Natur veranlagt sind. Die Entwicklung vollzieht sich entweder so, wie jede Veränderung, daß der eine Zustand in dem Maße zu sein aufhört, als der andere zu sein beginnt, oder so, daß eine beständige Bereicherung, Vermannigfaltigung und Vervollkommnung der Zustände eintritt. In beiderlei Weise hat man der Welt, oder besser der Menschheit und der Erde, eine Entwicklung zugeschrieben. Vgl. Geschichte, Fortschritt, Evolution, Darwinismus, Mutation, Bewegung.
Entzücken
Entzücken
ist der höchste Grad der Freude, welcher den Geist gleichsam von der Leiblichkeit befreit.
Entzückung
oder Verzückung dagegen ist s. a. Ekstase (s. d.).
Epagoge
Epagoge
(gr.
epagôgê
, lat. inductio) ist 1. soviel als Induktion (s. d. [Aristot. Analyt. prior. II 23 p. 68 b 13 und Analyt. post. I, 18 p. 81b]), 2. das Gegenteil der Apagoge (s. d.), also ein Beweis, welcher die Wahrheit eines Satzes dadurch zu zeigen versucht, daß dargetan wird, das, was aus dem Satze folgt, sei wahr. Dieses Verfahren schließt also von den Folgen auf den Grund; ihm haftet Unsicherheit an, und es führt nur zur Wahrscheinlichkeit. Vgl. Induktion.
Epicherem
Epicherem
(gr.
epicheirêma
– die richtigere Sprachform wäre Epichirem) ist eine Schlußform, welche entsteht, wenn eine oder beide der Prämissen eines einfachen Schlusses durch Hinzufügung von Gründen erweitert werden. Das Epicherem kann als ein erweiterter
einfacher
oder auch als ein verkürzter zusammengesetzter Schluß gelten. – Die Bedeutung des Ausdrucks Epicherem hat in der Sprache der Logiker lange geschwankt. (Vgl. Quintilianus, inst. orat. V, 10, 2ff.) Bei
Aristoteles
(Top. VIII, 11, p. 162 a. 16) ist es ein dialektischer Versuchsschluß, der das Wahre durch Prüfung und Verhandlung zu finden versucht (
esti de – epicheirêma – syllogismos dialektikos
. Seine Gegensätze sind: das Philosophem, das Sophisma und das Aporem); erst die neuere Logik gebraucht ihn in der oben bezeichneten Weise. Ein Beispiel ist: Was den Geist bildet, ist wertvoll, denn es ist unserer Bestimmung gemäß; die Astronomie bildet den Geist, denn sie reizt zum Nachdenken – also ist sie wertvoll.
Epigenesis
Epigenesis
. Um die Möglichkeit eines organisierten Wesens zu begreifen, reicht nach
Kant
(1724-1804) der Mechanismus der Natur nicht zu. Wenn nun das teleologische Prinzip der Erzeugung dieser Wesen angenommen wird, so heißt
Prästabilismus
die Annahme, daß in die anfänglichen Organismen durch die oberste Weltursache die Anlage gebracht ist, vermittelst deren ein organisches Wesen seinesgleichen hervorbringt und die Spezies sich selbst erhält. Betrachtet nun der Prästabilismus jedes von seinesgleichen erzeugte organische Wesen als Produkt des ersteren, so heißt diese Auffassung System der Epigenesis oder der generischen Präformation. (Kant, Kr. d. U. Teil II § 81 S. 369 ff.)
Epikureer
Epikureer
heißt im gewöhnlichen Leben ein Mensch, der dem Sinnengenuß huldigt. Aber der Vorwurf, so gelebt zu haben, ist insofern er gegen Epikuros selbst und seine echten Anhänger gerichtet worden ist, ungerecht, wenn er auch schon frühe von ihren Gegnern, den Stoikern, erhoben wurde. Vgl.
Lucretius
, De rerum natura.
Epikureismus
Epikureismus
ist die Lehre des
Epikuros
(geb. 341, gest. um 270) und seiner Schüler. Sie besteht in der Unterordnung der Logik unter die Physik und der Physik unter die Ethik. Epikuros leitet unsere Erkenntnis aus der Sinneswahrnehmung ab, folgt dem Atomismus Demokrits, der nur dahin abgeändert ist, daß den Atomen Schwere, senkrechte Fallbewegung und eine Abweichung von dieser Bewegung zugeschrieben wird und begründet einen Eudämonismus, der aus dem Hedonismus Aristipps abgeleitet ist. Das höchste Gut ist für Epikuros die Glückseligkeit. Die Physik Epikurs hat der modernen Physik vorgearbeitet, die Ethik Epikurs ist der christlichen gewichen.
Episyllogismus
Episyllogismus
(moderne Wortbildung n. d. Griech.) heißt Nachschluß. Dadurch, daß einfache Schlüsse mit Hilfe gemeinsamer Glieder verbunden werden, entsteht ein zusammengesetzter Schluß (der Polysyllogismus genannt wird). Die regelmäßige Form des Polysyllogismus ist die, daß der Schlußsatz des ersten Schlusses Prämisse im zweiten Schlüsse wird und so fort; dann heißt derjenige Syllogismus, worin der zwei aufeinanderfolgenden gemeinsame Satz Prämisse ist,
Episyllogismus
(Nachschluß), während derjenige, worin er Schlußsatz ist,
Prosyllogismus
(Vorschluß) heißt. Der Fortgang vom Prosyllogismus zum Episyllogismus heißt episyllogistisch oder progressiv oder synthetisch, der umgekehrte prosyllogistisch oder regressiv oder analytisch. Boethius (525) führt folgendes Beispiel eines progressiven Polysyllogismus an (de consol. philos. 4, 7): Was fördert, ist gut; was übt oder bessert, fördert; also was übt oder bessert, ist gut (Syllogismus); – das Mißgeschick, welches den Guten trifft, dient ihm entweder (wenn er ein Weiser ist) zur Übung oder (wenn er ein Fortschreitender ist) zur Besserung. (Ergänze aus dem Syllogismus als Obersatz: Was übt oder bessert, ist gut.) Folglich ist das Mißgeschick, welches den Guten trifft, gut. (Episyllogismus.) Vgl. Überweg, System der Logik, §124.
Epoche
Epoche
(gr.
epochê
) heißt das Zurückhalten des Urteils. Diese Zurückhaltung forderten die Skeptiker vom Weisen. Vgl.
Akatalepsie, Aphasie
. – Epoche (dasselbe Wort, aber zum Lehnwort geworden) heißt in der
Geschichte
ein Haltepunkt, mit welchem ein neuer Abschnitt beginnt, auch ein wichtiger Moment überhaupt. Daher sagt man von bedeutenden Menschen, daß sie Epoche machen. Hieraus hat sich die Bedeutung Zeitabschnitt, Periode entwickelt, die jetzt die vorherrschende ist.
Epos
Epos
(gr.
epos
), eigentl. Wort, Rede, Gedicht, heißt die poetische Erzählung von wichtigen vergangenen Begebenheiten, die sich unter Menschen zugetragen haben. Der Dichter selbst tritt im Epos nur insofern, als die Erzählung sein Werk ist und die Worte seine Art und Kunst verraten, hervor, sonst bleibt er aus seiner Dichtung fort und erzählt die Begebenheiten, wie sie sich von selbst gemacht und zugetragen haben. Eingestreute Reflexionen im Epos, die der Dichter unmittelbar selbst gibt, sind unepisch und Stilfehler, die sich allerdings bei höfischen Dichtern des Mittelalters sehr häufig (z.B. bei Wirnt von Gravenberg) und bei Wieland (1733-1813) bis zum Überdruß vorfinden. In den vom Epos dargestellten Begebenheiten erscheint der Mensch zwar handelnd, aber mehr durch die feste Weltordnung gebunden und von der Gesamtheit getragen, als im Drama. Das Menschengeschick ist sein Geschick, er kann es nicht ändern und kämpft gegen dasselbe nicht an. Faustnaturen sind keine epischen Helden. Dagegen gehören Achilleus, Hektor, Siegfried, Gestalten, die ihr Geschick erfüllen, ins Epos. Das Bild der Begebenheiten ist im Epos ausführlich gehalten. Es treten viele Personen, Fürsten und ihre Völker, vornehme Führer und ihre Scharen, bedeutende Menschen und ihre Zeitgenossen auf. Die Erzählung durchläuft längere Zeiten und gliedert sich in eine Reihe von Einzelbegebenheiten. Sie verweilt gerne bei den einzelnen Gegenständen. Sie liebt den ruhigen Gang und Fortschritt und erschöpft oft das Einzelne, stillhaltend und verweilend, in allen seinen Momenten und Zügen. So ist Breite das Kennzeichen epischen Stils, dagegen straffe Spannung dem Epos fremd. – Die epische Poesie umfaßt drei Gattungen: a) das eine Idealwelt mit der wirklichen Welt verschmelzende, zweiweltige nationale Volksepos (Götter- und Heldenepos), b) das nachahmende, fremde Stoffe verarbeitende Kunstepos (römisches Epos, religiöse Epen des Mittelalters, höfische Epen, Legenden, Märchen) und c) das die Realwelt und den wirklichen Verlauf der Dinge darstellende einweltige moderne Epos (Roman und Novelle). Vgl. W. v.
Humboldt
, Über Goethes »Hermann und Dorothea«. 1799 (verfaßt 1797). Fr.
Vischer
, Ästhetik. Stuttgart 1857, III, 2, 5, §§ 865-883.
Victor Hehn
, über Goethes Hermann und Dorothea. Stuttg. 1893.
Erdichtung
Erdichtung
(lat. fictio) heißt allgemein eine grundlose Voraussetzung, eine unbegründete Hypothese, im
moralischen Sinne
eine Unwahrheit, Lüge, im ästhetischen die Betätigung einer lebhaften und fruchtbaren Phantasie.
Erfahrung
Erfahrung
, siehe Empirie.
Erfahrungswissenschaften
Erfahrungswissenschaften
bilden den Gegensatz zu den Vernunftwissenschaften. Der Gegensatz zeigt sich in den Beispielen der Geschichte und Mathematik; doch ist die Gegenüberstellung im Grunde nicht aufrecht zu erhalten. Auch die Geschichte schöpft aus der menschlichen Vernunft, und die letzten Grundlagen der Mathematik stammen aus der Erfahrung. Vgl. Geschichte.
Erfindung
Erfindung
ist diejenige schöpferische Tätigkeit des Menschen, durch die er etwas bis dahin noch nicht Vorhandenes hervorbringt,
Entdeckung
dagegen nur das Auffinden eines Gegenstandes, welcher bereits vorhanden, aber noch unbekannt war. Erfindungen und Entdeckungen sind ebenso oft Sache des Zufalls (s. d.) als Ergebnis der Forschung und geistreicher Kombination; doch setzen die Erfindungen stets bestimmte neue Bedürfnisse, die einer Zeit erwachsen, voraus, und die Geschichte der Erfindungen, die zugleich die Geschichte der Steigerung der menschlichen Bedürfnisse ist, zeigt eigentümliche Gesetze der Stufenfolge. (F. Reuleaux, Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien. 9 Bde. Lpz. 1889 bis 1893. 8. Aufl.)
Ergebung
Ergebung
ist die auf dem Gefühl der Abhängigkeit von Gott beruhende Bereitwilligkeit, sich in seine Schickungen zu fügen. Sie unterscheidet sich durch Freudigkeit, Rührigkeit und Einsicht von der den Schmerz fliehenden, einsichtsarmen Ataraxie (Unerschütterlichkeit) der Stoiker, ebenso von der passiven stumpfsinnigen Unterwerfung des Fatalismus, nicht minder von der affektfliehenden, das Persönliche preisgebenden Resignation des Pantheisten und der hoffnungslosen am Gemeinen klebenden Gleichgültigkeit des Materialisten. Schon in Platons »Phaidon« und in Sophokles' »Oidipus auf Kolonos« finden sich Spuren dieser Ergebung, deren klassischer Ausdruck Hiobs Wort ist: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!«
Hiob
, 1, 21. Von der Demut (s. d.) unterscheidet sich die Ergebenheit, indem jene das Bewußtsein der eigenen Unwürdigkeit, diese die Anerkennung der göttlichen Macht zum Ausgangspunkt hat.
erhaben
erhaben
heißt das Große, insofern es das Gemüt und den Gedanken zum Unendlichen und Ewigen hinführt. Es erscheint als ein anschauliches Unendliches, obgleich es nur ein Begrenztes ist. – Kant (1724-1804, Krit. d. Urteilskraft) nimmt an, daß der erhabene Gegenstand nur als ein
Begrenztes
sinnlich erfaßt wird, und daß der Gedanke der
Unendlichkeit
im Gegensatz zu dem Objekte erst von dem urteilenden Menschen gefaßt werde, also nur im Subjekte vorhanden, nicht im Objekte gegeben sei; er sagt: »Erhaben ist, was auch nur denken zu können ein Vermögen des Gemüts beweiset, das jeden Maßstab der Sinne übertrifft.« (Kr. d. U. S. 84.) Dem Erhabenen schreibt Kant daher eine größere Subjektivität zu als dem Schönen. Schönheit ist Zweckmäßigkeit der Form des Gegenstandes für das Subjekt, Erhabenheit dagegen Zweckmäßigkeit des Subjekts hinsichtlich des Gegenstandes. Das Schöne ist Gegenstand eines unmittelbaren Wohlgefallens, das Erhabene ruft zunächst durch den sinnlichen Anblick eine Hemmung und dann erst eine stärkere Ergießung der Lebenskräfte hervor, sobald die Vernunftidee in uns rege wird. – Aber die Kantische Definition, die sich auch
Schiller
und
Schopenhauer
im wesentlichen angeeignet haben, widerspricht dem tatsächlichen Vorgang. Der angeschaute Gegenstand wird unmittelbar Bild und Symbol des Unendlichen, und das Gefühl des Erhabenen ist einheitlich und schließt nicht den Widerstreit der Lust und Unlust ins ich ein. (Vgl. Kant, Kritik der Urteilskraft, S. 73 bis 129 und H. Lotze, Geschichte der Ästhetik in Deutschland, S. 324ff.) – Man kann das Erhabene mit Kant in ein mathematisch und ein dynamisch Erhabenes einteilen. Das mathematisch Erhabene wirkt durch seine Ausdehnung, das dynamisch Erhabene durch seine Macht. Beispiele des Erhabenen sind das Meer, der Sturm, hohe Felsen, der Sternenhimmel Am erhabensten erscheint uns der sittliche Charakter, welcher über die Macht des Schicksals triumphiert, selbst indem er leiblich untergeht. Vgl.
Schiller
, Vom Erhabenen 1792/93. Über das Pathetische 1793. Über das Erhabene 1801. B.
Zimmermann
, Ästhetik 1865. Fr. Th.
Vischer
, Über das Erhabene und Komische. Stuttg. 1837.
Erhaltung
Erhaltung
. Siehe Energie.
Erinnerung
Erinnerung
ist nach der Auffassung der vulgären und der Vermögenspsychologie die Fähigkeit des Geistes, Vorstellungen, die früher einmal in der Seele gewesen sind, zu erneuern und wiederzuerkennen, ohne daß der Gegenstand selbst in Wirklichkeit vor unsere Sinne tritt. Vom Gedächtnis unterscheidet sich die Erinnerung dadurch, daß jenes die Fähigkeit zur unwillkürlichen, unmittelbaren, diese die Fähigkeit zur absichtlichen, mittelbaren Reproduktion und Wiedererkennung früherer Vorstellungen, jenes mehr passiv, diese mehr aktiv ist. Was die Erinnerung reproduziert, bringt sie als persönliches Erlebnis, während das Gedächtnis Fremdes bewahrt. Schon Platon und Aristoteles machten diesen Unterschied (
mnêmê
und
anamnêsis
) – Die Erinnerungsvorgänge gehören nach Wundt (Grundr. d. Psychol. § 16 S. 293ff.) zu den sukzessiven Assoziationen; ihre Vorstufen sind die gewöhnliche simultane Assoziation und der simultane und der sukzessive Wiedererkennungsvorgang. Vgl. Assoziation, Reproduktion, Gedächtnis.
Jean Paul
, Levana §141ff., F.
Kirchner
, ü. d. Gedächnis. Berlin 1891.
Eristik
Eristik
(gr.
eristikê
sc.
technê
) heißt die Streit-, Disputierkunst. Eristiker hießen die Megariker, d.h. die Anhänger des Euklides von Megara, eines Schülers des Sokrates (um 400 v. Chr.), wegen ihrer Neigung zum Streiten. Euklides von Megara stellte die Lehre auf, daß das Gute eins sei trotz verschiedener Namen (
hen to agathon apephaineto pollois onomasi kaloumenon
. Diog. Laert.II, § 106). Er verband also die eleatische Lehre mit der sokratischen und beharrte somit auf einem Prinzip, das keiner reicheren Entwicklung fähig, aber zum Ausgange für eine vielseitige Polemik geeignet war. – Eristisch heißt streitsüchtig.
Erkenntlichkeit
Erkenntlichkeit
ist die Bereitwilligkeit, die uns erwiesenen Wohltaten als solche anzuerkennen und es durch die Tat zu beweisen, während
Dankbarkeit
mehr nur den Gemütszustand ausdrückt, in welchem man der genossenen Wohltaten gedenkt.
Erkenntnis
Erkenntnis
ist das Gesamtergebnis der Bewußtseinstätigkeit des Menschen, insoweit wir durch diese Tätigkeit zu der Wirklichkeit in fester Beziehung stehen. Der zusammengesetzte Vorgang des Erkennens hat, in seine wichtigsten Stadien zusammengefaßt, folgende Stufen: durch Nervenreize entsteht die Empfindung, welche durch die ihr zugewendete Aufmerksamkeit zur Wahrnehmung wird. Von den Wahrnehmungen bleiben im Geiste Bilder zurück, die Vorstellungen. Zur Erkenntnis werden die Vorstellungen, indem unser Geist die Übereinstimmung zwischen Vorstellungen und vorgestellten Gegenständen herausfindet und in einem Urteil ausspricht. Die einzelnen Vorstellungen verschmelzen miteinander, werden zu Begriffen gestaltet, indem sie in ihre Merkmale zerlegt und nach den wichtigsten neu zusammengefaßt und in neuen Urteilen vereinigt werden; so wird allmählich ein Zusammenhang und eine Ordnung des gesamten Bewußtseinsinhalts hergestellt, die uns mit der Wirklichkeit in sichere Verbindung setzen. Die Mittel, die unser Geist bei dieser Arbeit verwendet, sind mannigfach. Er ergänzt die Wahrnehmungen beständig, erneuert die Vorstellungen und gestaltet die Bewußtseinsmasse gemäß den Denkgesetzen. Er schafft sich ordnende Kategorien, wie die der Zahl, der Substantialität, der Kausalität und des Zweckes. Daraus bildet er Schlüsse, und vermittelst ihrer beweist er die Wahrheit oder Unwahrheit eines Urteils auf deduktivem oder induktivem Wege. Er bedient sich vor allem des Hilfsmittels der Zeichen und der Sprache. Das Resultat aller dieser Tätigkeit ist nicht, daß sich die Wirklichkeit in uns abspiegelt. Der Bewußtseinsinhalt ist nicht die Wirklichkeit selbst; sondern er ist ein seinen eigenen Gesetzen unterworfenes Gebilde; aber unsere Erkenntnis bezieht sich auf die Wirklichkeit, und das feste Band zwischen beiden ist in der Empfindung und Wahrnehmung gegeben, auf deren Boden die ganze menschliche Erkenntnis fußt. Es ist eine Hauptaufgabe der Philosophie, der sie sich namentlich seit
Locke
(1632 bis 1704) und
Kant
(1724-1804) unterzogen hat, Ursprung, Gesetze, Grenzen und Wesen der menschlichen Erkenntnis zu untersuchen. Diese
Erkenntnistheorie
gehört teils in die Logik, teils in die Metaphysik. Vgl.
Kant
, Kritik der reinen Vernunft. 1781 Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik. 1783.
Beneke
, Erkenntnislehre. 1820.
Drobisch
, Logik. 3. Auflage. Lpz. 1863. W.
Schuppe
, Das menschliche Denken, Berlin 1870. W.
Wundt
, Logik. Leipzig 1881. A. Sigwart, Logik. Tübingen 1873-1878.
Ernst
Ernst
bedeutet im Gegensatz zum Scherz die Wahrhaftigkeit einer Aussage und die erreichte Übereinstimmung der Aussage mit dem Gegenstande derselben. Im Gegensatz zur
Heiterkeit
ist Ernst die gehaltene, gemessene, planvolle, schaffende Gemüts- und Willensführung, die aus der Hingabe an die Lebenszwecke und aus der Überzeugung vom Werte des Lebens und der Pflicht der Arbeit entspringt. Ein ernsthafter Charakter läßt sich mithin durch momentane Eindrücke und Täuschungen über die Wirklichkeit nicht beirren, spielt nicht mit dem Dasein, sondern zeigt Eifer und Emsigkeit in der Verfolgung seiner Absichten und Würde im äußeren Auftreten. Goethe erbte von seinem Vater des Lebens ernstes Führen.
Erörterung
Erörterung
heißt in der Logik die vielseitige Betrachtung eines Gegenstandes oder Begriffs ohne die strengere Form der Definition. Vgl. Beschreibung, Entwicklung, Definition.
Eros
Eros
. Vgl. Liebe.
Erotematisch
Erotematisch
(gr.
erôtêmatikos
= Fragen vorgetragen) heißt in Frageform. Man nennt erotematisch die Lehrform eines Unterrichts, bei dem der Unterrichtende fragt und der Unterrichtete antwortet. Den Gegensatz zur erotematischen Lehrform bildet die
akroamatische
(vortragende), bei der der Unterrichtende vorträgt und der Unterrichtete zuhört. Die erotematische Lehrform hat ihre Vorzüge darin, daß sie einen anregenden Verkehr zwischen dem Lehrenden und dem Lernenden schafft und den Lehrer befähigt, sich in die Denkweise der Schüler hineinzufinden und sie individuell zu behandeln, den Schüler betätigt und ihm Lust an der Arbeit und die Freuden des eigenen Findens bereitet. Sie ist aber nur da anwendbar, wo bei dem Schüler ein bestimmtes Maaß des Wissens schon vorauszusetzen ist.
Erregbarkeit
Erregbarkeit
(Irritabilität) ist die Fähigkeit des tierischen Organismus, auf Reize von außen durch Empfindung und Bewegungen zu antworten (reagieren). Vgl. Reizbarkeit.
Erscheinung
Erscheinung
(gr.
phainomenon
) heißt jeder Gegenstand, sofern er von den Sinnen aufgefaßt wird. Die Erscheinung darf also nicht mit dem Schein verwechselt werden, welchem nichts Wirkliches außerhalb unseres Geistes entspricht. Da aber nicht die Dinge selbst in unser Bewußtsein eintreten, sondern nur ihre sinnlichen Abbilder, so ist die ganze Welt, in der wir uns bewegen, zunächst nur Erscheinung. Jede Erscheinung deutet aber auf ein
Sein
hin. Das Hauptresultat der
Kantischen
in der Kritik der reinen Vernunft gegebenen Erkenntnistheorie ist, daß dasjenige, was nicht Erscheinung ist, kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, daß wir also die Dinge nicht erkennen, wie sie sind, sondern nur, wie sie uns erscheinen. Hierin besteht Kants
Phänomenalismus
. (Kant, Kr. d. r. V., S. 246). Vgl. Ding an sich, Phänomen, Phänomenalismus. In einem anderen Sinne heißt Erscheinung s. a. Vision, Illusion oder Halluzination (s. d.).
Erschleichung
Erschleichung
(subreptio) heißt jeder versteckte Beweisfehler, sofern der Hinblick auf das gewünschte Resultat dazu verleitet hat, ferner die beweislose Aufnahme eines durch die Grundannahmen nicht mitgegebenen Begriffs in ein System. Diesem Fehler sind alle Systematiker ausgesetzt, die aus einem oder wenigen Prinzipien allein ihr ganzes System ableiten, ohne daß das Besondere, welches unter jenes Allgemeine zu subsumieren ist, anderweitig, sei es empirisch, sei es hypothetisch, hinzugenommen wird. Insbesondere hat die rationalistische Methode nie zum Aufbau eines Systems genügt, und alle Rationalisten haben unbewußte Erschleichungen, Entlehnungen aus der Erfahrung nötig gehabt. Aus dem Begriffe der Substanz läßt sich z.B. nie ohne Zuhilfenahme der Erfahrung der Gegensatz von Ausdehnung und Denken, aus dem Begriffe der Anschauung nie der Gegensatz von Raum und Zeit, aus dem Begriffe der transscendentalen synthetischen Einheit der Apperzeption nie die Kategorientafel im einzelnen ohne Erschleichung ableiten.
Erwartung
Erwartung
ist derjenige Zustand, der in uns entsteht, wenn durch sich uns aufdrängende Vorstellungen künftiger Ereignisse unsere Aufmerksamkeit erregt ist und wir in Unruhe versetzt sind. Je nach der Klarheit der künftigen Vorstellung ist die Erwartung bestimmt oder unbestimmt; je nach der Art der Unruhe, die lustvoll oder peinvoll sein kann, heißt sie Hoffnung oder Furcht; nach dem Grade seiner Bildung erwartet der Mensch weniger oder mehr; daher die größere Ungeduld ungebildeter Menschen bei unliebsamen Verzögerungen. Die Erregung und Befriedigung von Erwartungen bringt in unser Leben einen angenehmen Rhythmus; wer nichts mehr zu erwarten hat, wird leicht lebensüberdrüssig. Je bestimmter die Erwartung wird, desto ungeduldiger werden wir; daher erscheint der Rhythmus des Lebens mit dessen Fortschritt beschleunigt. Was und wie man erwartet, hängt von des Menschen Individualität, Erziehung und Beruf ab. Dringende Erwartung verfälscht oft unser Urteil. Man hält für möglich, ja notwendig, was man erwartet. Getäuschte Erwartung verwandelt oft Angenehmes in Unangenehmes, Gleichgültiges in Verabscheutes. Das Kind erwacht, wenn die Wärterin aufhört zu singen, der Müller, wenn seine Mühle plötzlich stillsteht. Mancher ästhetische Genuß beruht auf dem Wechsel von Befriedigungen und Enttäuschungen, z.B. bei musikalischen Variationen, bei der Fuge, beim Roman. Aus unbestimmten Erwartungen entspringt die Langeweile (s. d. W.). Die Ungeduld der Erwartung spricht sich meist durch Instinktbewegungen aus, die ebenso zwecklos sind wie die auf- und abwogenden Vorstellungen, z.B. Trommeln, Schaukeln, Hin- und Hergehn u. dgl.
Erziehung
Erziehung
ist die Erhebung der Jugend zur Höhe der Kulturstufe, auf der sie im Leben stehn soll, und die Ausbildung derselben zum sittlichen Wollen, wodurch sie zum Verständnis, zur Erneuerung und Fortführung der von den älteren Generationen überkommenen Aufgaben des Kulturlebens befähigt werden soll. Der Charakter ist das letzte Ziel der Erziehung, ihre Voraussetzung sind bildungsfähige Individuen, ihre Mittel der gesamte Kulturinhalt einer Zeit. Die Wissenschaft, welche sich mit den Fragen der Erziehung beschäftigt, ist die
Pädagogik
; sie gründet sich auf die Physiologie, Psychologie, Ethik und das gesamte Wissensgebiet. Da niemand das Gute tun kann, wenn er es nicht kennt, so gehört zur Erziehung der Unterricht, welcher den Zögling mit bestimmten Kenntnissen und Gedanken zu erfüllen hat; doch dürfen die Fachkenntnisse nicht zum alleinigen Gegenstand der Erziehung gemacht werden, wie diejenigen wollen, welche die praktische Vorbereitung für einen Lehrberuf mit Erziehung verwechseln. Vielmehr hat die Erziehung die Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen ein sittlicher Charakter entstehn und sich befestigen kann. Die erste
Bedingung
ist die natürliche
Anlage
(Temperament, Konstitution, Triebleben und Geistesgaben), die zweite der Einfluß der Umgebung, in welcher ein Mensch aufwächst, fremdes Beispiel und eigene Erfahrung. In diese Faktoren greift die Zucht ein, welche teils abhaltend (negativ, Negierung), teils fördernd (positiv, Zucht im engeren Sinne) wirkt, und der bildende, erziehliche
Unterricht
, der die Jugend mit den Kulturaufgaben bekannt macht, um dem Zögling die fruchtbare Beziehung zur Außenwelt und den Mitmenschen und die innere Einheit seines Wesens zu verleihen, welche die Voraussetzung nützlicher Tätigkeit, helfender Förderung der Kulturzwecke der Menschheit und des eigenen Glückes ist. Auf die Erziehung haben außer den Schulmännern (Trotzendorf, Sturm, Neander, Ratichius, Comenius, Francke, Basedow, Campe, Salzmann, v. Rochow, Pestalozzi usw.) die Philosophen stets ihr Augenmerk gerichtet, im Altertum besonders Platon, in neuerer Zeit Montaigne, Locke, Rousseau, Kant, Fichte, Herbart, Hegel, Schleiermacher und Beneke. Auch Goethe behandelt pädagogische Fragen in Wilhelm Meisters Wanderjahren, Schiller in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen, Jean Paul in der Levana usw. Vgl. Waitz, Allgem. Pädagogik. 3. Aufl. Braunschw. 1852. Ziller, Allgem. Pädagogik. 2. Aufl. Lpz. 1884. Strümpell, Psycholog. Pädagogik. Lpz. 1880. F. Kirchner, Pädagogik. Lpz. 1888. K. A. Schmid, Geschichte der Erziehung, 1884ff. Fr. Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland. 1895. 12. Aufl. 1906. Th. Ziegler, Geschichte der Pädagogik. München 1896.
esoterisch
esoterisch
heißt für Eingeweihte bestimmt. Sein Gegensatz ist
exoterisch
(allgemeinverständlich). Der Gegensatz gilt zunächst von den Schriften des Aristoteles, die teilweise streng wissenschaftlich, teilweise populär waren.
Ethelismus
Ethelismus
. Vgl. Voluntarismus.
Ethik
Ethik
(gr.
ta êthika
von
to êthos
= Sitte, Gesinnungsart) oder Moral (lat. pars philosophiae moralis) oder praktische Philosophie ist die Sittenlehre, d.h. die Wissenschaft vom Sittlich-Guten und –Bösen. Auf historischer, anthropologischer, psychologischer und metaphysischer Grundlage untersucht die Ethik das Wollen und Handeln des Menschen, und ihre Entwicklung hat, nachdem sie im Altertum durch
Sokrates
(469 bis 399) und
Platon
(427-347) geschaffen war, mit den übrigen Teilen der Philosophie, namentlich mit der
Metaphysik
, gleichen Schritt gehalten. Eine
naturalistische
(empiristische), alle Metaphysik von sich weisende, oder auf dem Boden des metaphysischen Realismus stehende Ethik läßt das Streben des Menschen ausschließlich durch seine natürlichen Bedürfnisse, Triebe und Anlagen bestimmt sein. Sie berechnet den Wert der einzelnen Handlungen nach dem Maße der Lust, der Lebensbetätigung, des Nutzens, den dieselben dem einzelnen oder der Gesellschaft bringen. Sie hat als
Hedonismus
(Lustlehre),
Eudämonismus
(Glückseligkeitslehre, s. d.) und
Utilitarismus
(Nützlichkeitslehre) ihre reiche Entfaltung gefunden, und sie
erklärt
die menschlichen Handlungen mehr, als sie dieselben zu
beeinflussen
strebt. Ihre Gesetze sind im Kern Naturgesetze, nicht. Imperative, und schließen nur einen geringen Grad der Verbindlichkeit in sich ein. Sie hat ihre Vertreter im Altertum und in der Neuzeit, in den
Cyrenaikern
(Aristippos), in
Aristoteles
, den
Epikureern, Gassendi, Hobbes, Leibniz
, den
Encyklopädisten
und namentlich in
England
(Bentham, Stuart Mill, Spencer usw.) gefunden. Sie hat sowohl eine Güter- als auch eine Tugendlehre ausgebildet. – Demgegenüber hat sich eine idealistische (rationalistische) Ethik gebildet, welche die Antriebe des Handelns in der Vernunft und Gesinnung des Menschen sucht und diese als
Pflichten
den natürlichen Trieben und Bedürfnissen des Lebens entgegenstellt und imperativisch (als Pflichtenlehre) die Einschränkung der Natur durch die Vernunft verlangt. Sie ist entweder rein
formalistisch
, wo das Urteil über Gut und Böse nur von der Art, wie die Bestimmung des Willens erfolgt, abhängig gemacht wird (so bei Kant und Fichte), oder
teleologisch
, wo der Inhalt und Zweck der Handlung mit in Rechnung gezogen ist (so bei Sokrates, bei Platon, im Christentum, im nachkantischen Idealismus). Abseits von aller übrigen idealistischen Ethik steht die negativ-pessimistisch-quietistische und
atheistische Ethik Schopenhauers
mit ihrer indischen Verneinung des Willens zum Leben. Innerhalb der idealistischen Ethik ist durch die Stellung, in welche der Wille zum Kausalitätsgesetz gebracht wird, der Gegensatz des
Determinismus
(s. d.) und
Indeterminismus
entstanden, aber für beide, so weit sie idealistisch sind, ist das Sittengesetz dem Naturgesetz entgegengesetzt. – Die dritte Richtung der Ethik beruht auf der absoluten oder Identitätsphilosophie. In ihr kann von einer Bevorzugung des Natürlichen oder der Vernunft keine Rede sein. Sitten- und Naturgesetz müssen innerlich verwandt und im Wesen eins sein. Die Scheidung von Gut und Böse verliert in ihr die Schärfe. Ihr erster Vertreter ist Spinoza gewesen, der das Sittliche in der Ablenkung vom Einzelnen zum Zusammenhang des Ganzen, vom Vergänglichen zum Ewigen (sub specie aeternitatis), vom Modus zur Substanz, von den passiven Affekten zu den tätigen suchte, aber die sittliche Tätigkeit (wie Sokrates, Platon, Aristoteles) wesentlich als intellektuellen Vorgang auffaßte und das höchste ethische Prinzip in der intellektuellen Liebe zu Gott (amor intellectualis dei) suchte. Ein zweiter Vertreter dieser ethischen Richtung ist Goethe, der im wesentlichen das Ethische aus der Entwicklung des Einzelnen auf Grund der angeborenen Individualität fand und in den Gesetzen der Sittlichkeit eine Realität und den Ausdruck der normalen Bedingungen individueller und gesellschaftlicher Entwicklung sah. Rein-Menschliches ist ihm zugleich Sittliches und Sittliches ein Hauptteil der menschlichen Natur. Auch
Schleiermacher
, der in der Ethik die Güter-, Pflichten- und Tugendlehre zu vereinigen sachte, strebte einen Ausgleich zwischen Natur- und Sittengesetz an. Besondere Wege geht dagegen die Ethik v.
Hartmanns
mit ihrer pessimistischen Erlösung des Absoluten vom Dasein und ihrem optimistischen Gegenzug der Steigerung der Intelligenz und Kultur zur Erreichung des negativen Ziels. Die neueste sogenannte Ethik dagegen, die Ethik
Nietzsches
, ist mit ihrer Massenverachtung, ihrem Willen zur Macht, ihrer Herrenmoral, ihrem Zukunftsbild des Übermenschen, ihrer blonden Bestie wohl nicht, wie sie es zu sein vorgibt, eine Umwertung aller Werte, sondern eine Aufhebung derselben und eine Ersetzung der Moral durch Gewalt, ein Zusammenbruch der Ethik überhaupt. Jenseits von Gut und Böse beginnt keine neue Ethik, sondern hört die Ethik einfach auf. Allen diesen Richtungen der Ethik gegenüber bahnt sich eine von metaphysischen Prinzipien freie, auf empirischer Grundlage und exakter Forschung beruhende Ethik neuerdings an, die, wie es schon Platon, Aristoteles, Hegel und andere anerkannt haben, alle Gebiete des Handelns und der individuellen wie sozialen Betätigung der Menschheit, besonders auch die der Sprache, der Religion, des Rechts-, Staats- und Gesellschaftslebens zu umfassen strebt. Sie hat richtig erkannt, daß nur durch die umfassende und gründliche Berücksichtigung aller Erscheinungen des sittlichen Lebens die Aufgabe der Ethik gelöst werden kann. Sie muß freilich als normative Wissenschaft zur Aufstellung allgemeiner Postulate des Willens schreiten, tut dies aber erst auf Grund der in der Kulturgeschichte vorliegenden tatsächlichen Verhältnisse. Diese Ethik dürfte die Ethik der Zukunft werden. Sie bewahrt in ihrem normativen Teile manches vom größten deutschen Ethiker
Kant
, bricht aber mit dessen einseitigem und unhaltbarem Rationalismus in der philosophischen Methode. Vgl.
Schleiermacher
, Kritik d. bisher. Sittenlehre. 1808.
Stäudlin
, Gesch. der Moralphilos. 1823.
Koestlin
, Gesch. der Ethik 1. Bd. Tübingen 1887.
Laas
, Idealistische und positivistische Ethik. Berlin 1882.
Wundt
, Ethik. 2. Aufl. 1892. Fr.
Paulsen
, System der Ethik. 2 Bde. 1903.
Ed. v. Hartmann
, Phänomenol. d. sittl. Bewußtseins. Berlin 1880. Th.
Achelis
, Ethik. Leipzig 1900. Vgl. Eudämonismus und Determinismus, Freiheit.
Ethikotheologie
Ethikotheologie
nennt man seit Kant den Versuch, das Dasein Gottes aus der moralischen Ordnung der Welt zu beweisen, während die
Physikotheologie
es aus der Schönheit und Zweckmäßigkeit der Natur zu beweisen versuchte. Kant nannte Gottes Dasein ein Postulat der reinen praktischen Vernunft, d.h. etwas, das man aus theoretischen Gründen zwar nicht wissen könne, woran man aber aus praktischen Gründen glauben müsse, und begründete so die Ethikotheologie. Vgl. Gott.
ethisch
ethisch
(gr. von
êthos
, Sitte) heißt sittlich, die Sittenlehre betreffend.
ethisieren
ethisieren
heißt sittlich machen, der Ethik gemäß gestalten.
Ethos
Ethos
(gr.
êthos
) heißt Sitte, sittliche Gemüts- und Denkungsart, auch Charakter, im Gegensatz zum Pathos, der wechselnden Sinnesart.
Eubiotik
Eubiotik
(vom gr.
eubiôtos
= gutlebend) ist ein wenig gebräuchlicher, synonymer Ausdruck für Diätetik (s. d.).
Eubulie
Eubulie
(gr.
euboulia
) heißt Klugheit, Einsicht.
Eubulides' Sophisma
Eubulides' Sophisma
, s. Velatus und Sophisma.
Eudämonie
Eudämonie
(gr.
eudaimonia
) heißt Glückseligkeit, Wohlbehagen.
Eudämonismus
Eudämonismus
(gr.
eudaimonismos
) ist diejenige Richtung in der Ethik, welche die Glückseligkeit zum letzten Ziel alles Strebens, zum Maßstab des Guten und Schlechten, mithin zum Moralprinzip macht.
Eudämonist
heißt ein Anhänger dieser Ansicht. Da aber das Glück in sehr verschiedenen Dingen gesucht werden kann, so unterscheidet man gröberen und feineren Eudämonismus, und da als Ziel des Handelns nicht nur das eigene Wohlbefinden, sondern auch das des Mitmenschen gelten kann, so zweigt sich vom Eudämonismus als besondere Richtung der
Utilitarismus
(s. d.) ab. Der gröbere Eudämonismus, auch
Hedonismus
(Lustlehre) genannt, hält den Sinnengenuß für das Höchste; dieser Ansicht huldigten der Cyrenaiker Aristippos, ein Teil der Epikureer und einige Encyklopädisten, wie Helvetius, Holbach usw. Der feinere Eudämonismus sucht das Glück in der Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft, in Schmerzlosigkeit, Reisen, Macht und Ehre. Dieser wird durch Demokritos, Aristoteles, Epikuros, Leibniz, Strauß und auch andere vertreten. – Der Eudämonismus hat darin recht, daß er als Tatsache annimmt, daß der Mensch nach Glückseligkeit strebe und daß ein Motiv unseres Wollens die Lust sei. Aber zum ethischen Grundprinzip eignet sich das eudämonistische nicht, weil es das Ethische viel zu eng und zu individualistisch bestimmt.
Kant
verwarf daher jedes ethische Prinzip, das Rücksicht auf unser Glück nimmt, und forderte, man solle den Begriff des Guten nur aus dem Pflichtbegriff ableiten. Aber seine Stellung war eine Konsequenz seines Formalismus in der praktischen Philosophie und zwang ihn, bei einem nur die Form des Wollens bestimmenden Sittengesetze stehen zu bleiben. Er spricht es selbst klar aus, daß alle materialen praktischen Prinzipien unter das allgemeine Prinzip der Selbstliebe oder der eigenen Glückseligkeit gehören (Krit. d. prakt. V. I, 1 §3, S. 40). Edm.
Pfleiderer
, Eudämonismus und Egoismus. Leipzig 1880.
Euhemerismus
Euhemerismus
(nach Euhemeros c. 300 v. Chr. benannt) ist die Lehre, daß die Verehrung der Götter nur aus der Apotheose verdienter Männer entstanden sei. Euhemeros' »heilige Geschichte« (
hiera anagraphê
) ist bloß noch bei Diodoros und in Fragmenten der Übersetzung des Ennius vorhanden.
Eukolie
Eukolie
(gr.
eukolia
) heißt Heiterkeit, Zufriedenheit; bei den Stoikern gilt sie als Charaktereigenschaft des Weisen (Gegensatz: Dyskolie, Unzufriedenheit).
Eukrasie
Eukrasie
(gr.
eukrasia
) heißt gute Mischung der Säfte des Körpers, also gute Konstitution (Ggs. Dyskrasie), dann gutes, heiteres Temperament.
Euthanasie
Euthanasie
(gr.
euthanasia
) heißt ein leichter, sanfter Tod oder die Kunst, dem Sterbenden den Tod zu erleichtern; Euthanasie bedeutet auch die Kunst, gut zu sterben, die eine ethisch-ästhetische Forderung des Altertums war.
Euthymie
Euthymie
(gr.
euthymia
) heißt Frohsinn, Gemütsruhe.
Evidenz
Evidenz
(lat. evidentia) heißt Einsicht, Gewißheit, und bezeichnet die entweder unmittelbar durch Anschauung, wie in der Mathematik, oder durch objektiv zureichende Gründe, wie in der Philosophie, erreichte Gewißheit. Ästhetische Urteile können nicht zur Evidenz erhoben werden.
Evolution
Evolution
(franz. evolution) heißt Entwicklung. Fortschritt. Hauptsächlich versteht man darunter die stufenmäßige Entwicklung der organischen Natur. (Siehe Darwinismus). Herbert
Spencer
(1820-1904) hat das Evolutionsgesetz zum leitenden Grundgedanken seines gesamten philosophischen Systems gemacht. Das Wesen der Evolution besteht nach seiner Erklärung, in einer Vereinigung des Stoffes (integration of matter) und der Ausbreitung der Bewegung (dissipation of motion), wobei der Stoff eine sich steigernde Differenzierung und Gliederung erhält. Der entgegengesetzte Vorgang ist der der
Dissolution
. Spencer überträgt das Evolutionsgesetz auch von – der Natur auf die Seele und auf gesellschaftliche und ethische Verhältnisse der Menschheit. Er wendet es auf die Entstehung der Welten, des Lebens, des Gedankens, der Wissenschaft, Kunst, Zivilisation usw. an, bei den Problemen der Soziologie allerdings nicht ohne Zwang. Als Vorgänger Spencers können Leibniz, Herder u. a. gelten. (H. Spencer, System of synthetic philosophy seit 1860. Th. Ribot, la psychologie anglaise contemporaine 1875, S. 160-247.) Vgl. Fortschritt.
Ewigkeit
Ewigkeit
, das Gegenteil von Zeitlichkeit, Vergänglichkeit, bezeichnet die unendliche Dauer in der Zeit ohne Anfang und ohne Ende. Die Ewigkeit ist nur ein Denkbegriff; wir können uns die Ewigkeit nicht anschaulich vorstellen, weil wir nur begrenzte Zeiten überschauen. Die Ewigkeit der
Welt
behaupteten die Hylozoisten und die Pantheisten, ja auch spekulative Theologen, z.B. Origenes, Schleiermacher, Dorner u. a. Die Ewigkeit
Gottes
ist von dem Begriff Gottes nicht zu trennen. Faßt man mit Kant die Zeit als bloß subjektive Form der Anschauung, so ist Ewigkeit soviel als Zeitlosigkeit, das der subjektiven Zeitform entgegengesetzte intelligible Wesen der Dinge.
exakt
exakt
(franz. exact) heißt vollendet, wissenschaftlich genau; daher nennt man exakte Wissenschaften diejenigen, welche sich nicht mit Spekulationen, Wahrscheinlichkeiten, Hypothesen u. dgl. begnügen, sondern nach genau bestimmten und streng bewiesenen Erkenntnissen streben. Da dies nur bei Objekten möglich ist, deren Erkenntnis an meßbare Größenverhältnisse gebunden ist, so heißt zunächst nur die Mathematik und deren Anwendung, Physik, Astronomie, Mechanik usw., exakt. Herbart rechnete auch die Psychologie dazu, war aber nicht imstande, ein Maß für Seelenvorgänge zu schaffen. Dies hat erst in einer gewissen Beschränkung die Psychophysik geschaffen.
Exaltation
Exaltation
(lat. exaltatio), eig. Erhöhung, heißt die übermäßige leidenschaftliche Erhebung und Spannung des Gemüts und Willens, welche den Menschen zur Überwindung außerordentlicher Hindernisse anspornt, aber etwas Krankhaftes in sich trägt. Sie ist verwandt mit der Begeisterung, aber auch mit der Schwärmerei.
Existenz
Existenz
(franz. existence) ist s. a. Dasein.
exoterisch
exoterisch
(gr.
exôterikos
) heißt für Nichteingeweihte bestimmt, populär, volksmäßig. Der Ausdruck wird vor allem von einem Teil der Schriften und Lehren des
Aristoteles
(384-322) gebraucht. Sein Gegensatz ist
esoterisch
(siehe dort).
Experiment
Experiment
(lat. experimentum), Versuch, heißt dasjenige Verfahren des Forschers, bei welchem er selbsttätig in den gewöhnlichen Gang der Erscheinungen eingreift und nach seiner Willkür die Naturkräfte unter Bedingungen mit- oder gegeneinander wirken läßt, unter denen sie gerade jetzt nicht oder vielleicht selten oder nie zusammengetroffen wären. Auf der systematischen Verwendung des Experiments beruhen die großen Fortschritte der Naturforschung in der Neuzeit. Die alten Philosophen unterschätzten die Bedeutung der Experimente; daher blieb ihre Kenntnis der Natur, trotz ihres Scharfsinnes, beschränkt. Erst
Bacon von Verulam
(1561-1626) wies energisch auf ihre Wichtigkeit in seinem Novum Organen hin. Ihm folgte der gesamte Empirismus. Vgl. Empirismus.
Experimentum crucis
Experimentum crucis
heißt ein entscheidender Versuch. Der Ausdruck stammt von
Bacon
(1561-1626) her. Auf das Experimentum crucis bezieht sich eine der Regeln oder prärogativen Instanzen, die bei der Beurteilung der Tatsachen zum Zweck neuer Entdeckungen zur Anwendung kommen sollen. Bacon äußert sich im Novum Organon Buch II Art. 36 so: »Zu den vornehmsten Fällen rechne ich vierzehntens
die Fälle des Kreuzes
, indem ich dieses Wort von den Kreuzen hernehme, welche an Scheidewegen aufgerichtet sind, um die sich trennenden Wege zu zeigen. Ich nenne solche Fälle auch
entscheidende oder Urteilsfälle
und manchmal Orakel- oder Gebotsfälle. Es verhält sich mit ihnen folgendermaßen: Oft schwankt der Verstand, bei Untersuchung einer Eigenschaft, welche von zweien oder mehreren Eigenschaften er als die Ursache der in Frage befindlichen Eigenschaft ansehen soll, weil gewöhnlich und häufig mehrere Eigenschaften zusammenwirken. Hier zeigen nun diese Kreuzesfälle die zuverlässige und unauflösliche Verbindung einer dieser Eigenschaften mit der in Frage stehenden, während die andere trennbar ist und in ihrer Verbindung wechselt. Dadurch entscheidet sich die Sache, und jene erstere Eigenschaft gilt als die Ursache, die andere wird beseitigt. Deshalb sind solche Fälle sehr aufklärend und von großer Bedeutung; der Lauf der Untersuchung hört mitunter bei ihnen auf, und die Untersuchung ist mit ihnen abgeschlossen.«
Experimentum in corpore vili
Experimentum in corpore vili
heißt Versuch an einem wertlosen Körper, z.B. eine an einem, zum Tode Verurteilten im Interesse der Wissenschaft ausgeführte Operation.
explicite
explicite
(v. lat. explicitus) heißt entwickelt, auseinandergefaltet. Sein Gegensatz ist
implicite
, unentwickelt, eingeschlossen.
ex pure (mere) negativis et particularibus nihil sequitur
ex pure (mere) negativis et particularibus nihil sequitur
, ist eine logische Regel, welche besagt, daß aus rein negativen oder partikulären Obersätzen im Schlüsse nichts folgt.
Fallacien
Fallacien
(lat. fallaciae v. fallo betrüge) heißen die formal unrichtigen Schlüsse. Vgl. Fehlschluß, Trugschluß, Paralogismus, Sophisma.
falsch
falsch
(falsus) heißt das Gegenteil von richtig. Falsch nennt man allgemein etwas, das nicht so ist, wie es sein soll, mag die Abweichung nun absichtlich (durch Betrug und Heuchelei) oder unabsichtlich (durch Irrtum) veranlaßt worden sein. In der
Logik
heißt falsch soviel als
wahrheitswidrig
. In der Moral ist Falschheit die Gesinnung, welche die absichtliche Täuschung des Mitmenschen über die eigene Denkweise durch unwahre Äußerungen erstrebt, um dem anderen zu schaden.
Familie
Familie
(vom lat. familia, bei den Römern die Hausgenossenschaft, die sich aus den Kindern, dem Gesinde und den Sklaven zusammensetzt) heißt die durch Geschlechtsvereinigung von Mann und Weib gestiftete Gemeinschaft der Eltern und Kinder, welche durch gleiche Interessen, Gefühle und Gesinnungen zusammengehalten wird. Die Familie, besonders wenn sie auf Monogamie beruht, weckt die gegenseitige Liebe bei ihren Angehörigen und das Autoritätsgefühl bei den Kindern, sie führt zur Bändigung der egoistischen Triebe und zur neidlosen Anerkennung der Verdienste der anderen und ist die Grundlage aller Kultur, besonders der Sitte, Religion und der Gesellschaft, des Staates. Durch sie werden die nachhaltigsten Einflüsse auf die heranwachsende Generation unwillkürlich durch die Sitte und absichtlich durch die Erziehung ausgeübt. Die Auflösung des Familienlebens ist daher stets der Vorbote oder die Folge allgemeinen sozialen Verderbens. Vgl. Ehe.
Riehl
, die Familie. 9. Aufl. Stuttgart 1882.
Fanatismus
Fanatismus
(franz. fanatisme, vom lat. fanum, Tempel, eigtl. Glaubensschwärmerei) heißt die leidenschaftliche Begeisterung für etwas Heiliges (ein religiöses, politisches, soziales, wissenschaftliches System, eine Kunstrichtung), welche den Menschen zur rücksichtslosen Feindschaft und zu Gewalttätigkeiten gegen Andersdenkende hinreißt. Der Gegensatz zum Fanatismus ist der
Indifferentismus
; zwischen beiden steht die
Toleranz
.
Farbenblindheit
Farbenblindheit
(Dyschromatopsie) oder
Daltonismus
(nach dem Entdecker Dalton 1794 benannt) besteht darin, daß dem damit Behafteten die Empfindungsfähigkeit für alle oder für bestimmte Farben fehlt (z.B. Rotblindheit, Grünblindheit), oder für bestimmte Farben in schwächerem Grade eigen ist, als für andere. Der erste Zustand heißt totale, der zweite partielle, der dritte unvollständige Farbenblindheit (siehe Wundts Grundz. d. phys. Psych. I S. 467 ff. Grundr. d. Psych. § 6, S. 87 u. 88).
Fatalismus
Fatalismus
(nlt. v. lat. fatalis = verhängnisvoll) heißt diejenige Ansicht, nach der alle Erlebnisse und Handlungen des Menschen nicht sowohl durch den Kausalzusammenhang des Weltlaufs, als durch ein unabwendbares Schicksal vorherbestimmt sind; der Fatalismus glaubt, was der Mensch auch tue, mag er gut oder böse handeln, das Verhängte geschehe notwendig. Diese Absicht, welche von
Epikuros
, den
Stoikern
und vom
Islam
vertreten wird, ist das einseitige Extrem der Wahrheit, daß alles in der Welt, auch die menschlichen Handlungen, durch Ursachen und Gründe bestimmt sind. In Wirklichkeit aber besteht nicht eine blinde und unheimliche Macht, welche vorher die Reihenfolge der Ereignisse festsetzt, sondern nur die Wechselwirkung der physischen, logischen und moralischen Gesetze, durch welche der einzelne bestimmt wird, ohne daß er darum aufhörte, ein Freiheitsgefühl zu besitzen und praktisch frei zu sein. (Vgl. Freiheit.) Auch der
Pantheismus
, der praktisch das Individuum zu Aktionen des All-Einen macht, kann zu ähnlichen Auffassungen wie der Fatalismus führen, ebenso der
Materialismus
, der die menschlichen Handlungen nur als Resultate physischer Antriebe betrachtet, und der
Naturalismus
, dem der Weltlauf nur ein Produkt der Naturgesetze ist. Die Folgen des Fatalismus sind einerseits kühner Todesmut und Zügellosigkeit, andrerseits Resignation und Quietismus, Kulturniedergang. Vgl Freiheit, Determinismus, Prädestination.
Fechners psycho-physisches Gesetz
Fechners psycho-physisches Gesetz
siehe
psycho-physisches Gesetz
.
Fehlschluß
Fehlschluß
(Paralogismus) heißt ein formal unrichtiger Schluß, der auf einem Irrtum beruht. Er entsteht entweder aus der Mißachtung der für die Schlüsse geltenden Regeln oder aus der Mehrdeutigkeit eines Begriffs, vor allem des Mittelbegriffs. Ein Paralogismus entsteht z.B., wenn in der ersten Schlußfigur (s. d.) ein negativer Untersatz gesetzt oder in der zweiten Figur beide Prämissen affirmativ gewählt oder in der dritten Figur der Schlußsatz allgemein gemacht wird oder wenn versteckterweise statt dreier Begriffe vier in dem Schlüsse miteinander verbunden werden (quaternio terminorum). Vgl. Überweg, System der Logik § 126.
Felapton
Felapton
heißt der zweite Modus der dritten Schlußfigur, in dem der Obersatz allgemein verneint, der Untersatz allgemein bejaht und der Schlußsatz besonders verneint. Seine Form ist: MeP, MaS, SoM; z.B. kein Rind hat obere Vorderzähne; alle Rinder sind Zweihufer, folglich haben einige Zweihufer keine oberen Vorderzähne.
Ferio
Ferio
ist der vierte Modus der ersten Schlußfigur, in dem der Obersatz allgemein verneint, der Untersatz besonders bejaht und der Schlußsatz besonders verneint. Seine Form ist: MeP, SiM, SoP; z.B. kein mittelhochdeutsches männliches Wort erweitert im Plural den Stamm durch die Endung er; einige neuhochdeutsche Wörter mit der Erweiterungssilbe er im Plural sind (dem Ursprung nach) mittelhochdeutsche männliche Wörter (z.B. Wald, Geist, Leib); also hatten einige neuhochdeutsche Wörter mit der Erweiterungssilbe er im Plural im Mittelhochdeutschen nicht die Erweiterungssilbe er (der geist, die geiste; der walt, die walde; der lîp, die lîbe).
Ferison
Ferison
heißt der sechste Modus der dritten Schlußfigur mit derselben Quantität und Qualität wie in Ferio (s. d.). Seine Form ist: MeP, MiS, SoP; z.B. kein Wiederkäuer (außer dem Kamel) hat obere Vorderzähne; einige Wiederkäuer haben Eckzähne; also haben einige Tiere mit Eckzähnen keine oberen Vorderzähne.
Fertigkeit
Fertigkeit
(eigentlich Bereitschaft zur Fahrt) heißt die durch Übung erworbene Leichtigkeit in der Ausübung einer Tätigkeit.
Fesapo
Fesapo
heißt der vierte Modus der vierten Schlußfigur mit allgemein verneinendem Obersatz, allgemein bejahendem Unter- und besonders verneinendem Schlußsatz. Seine Form ist: PeM, MaS, SoP; z.B. kein Mensch, der die Kunst kennt, haßt sie; die, welche die Kunst hassen, schaden dem Kulturfortschritt; also kennen einige Menschen, die dem Kulturfortschritt schaden, die Kunst nicht.
Festino
Festino
ist der dritte Schlußmodus der zweiten Figur mit allgemein verneinendem Obersatz, besonders bejahendem Untersatz und besonders verneinendem Schlußsatz. Seine Form ist: PeM, SiM, SoP; z.B.: »Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild entfalten«; einige Naturprozesse (z.B. bei der Entstehung der Organismen) führen zu kunstvollen Gebilden. In einigen Naturprozessen verrät sich kein sinnloses Walten roher Kräfte. (Überweg, System der Logik, § 113, S. 376.)
Fetischismus
Fetischismus
oder Fetismus (v. portugies. Feitiçio = Zauberei) heißt eine der niedrigsten Stufen der Religion, auf der der Mensch einen sinnlichen Gegenstand, dem er Zauberkraft zuschreibt, zu seinem Gott macht, aber fortwirft, wenn er seiner überdrüssig ist. Der glänzende Scherben, der messingene Knopf ist dem Neger Afrikas keineswegs etwa nur Symbol, sondern Talisman, nicht Zeichen für ein Übersinnliches, sondern Träger desselben, ja Gott selbst. Wer jenen zu sich steckt, hat diesen und befreit sich dadurch, wenigstens in einem Punkte, von der Abhängigkeit gegenüber der Natur. Es ist offenbar die roheste Form des Polytheismus. Vgl.
Fr. Schultze
, der Fetischismus. Leipzig 1871.
Fiat Justitia et pereat mundus
Fiat Justitia et pereat mundus
(Geschehe das Recht, mag auch die Welt untergehen, wahrscheinlich ein Ausspruch
Kaiser Ferdinands
I., 1556-1564) ist ein Satz, den zwar der Richter, aber nicht der Mensch allgemein gegen seinen Nächsten zu befolgen hat. Denn höher als die Gerechtigkeit (s. d.) steht die Billigkeit (s. d.) und die Liebe (s. d.).
fixe Idee
fixe Idee
(v. lat. fixus = fest) heißt jede falsche Vorstellung, die keiner Berichtigung zugänglich ist. Sie ist die Folge einer Art von Geisteskrankheit, welche auch Monomanie heißt, und hat das Eigentümliche, daß sich um jene fixe Idee alle anderen Gedanken und Bestrebungen gruppieren, ja daß der Kranke ganz logisch daneben denkt und handelt, so daß man ihn so lange für ganz vernünftig hält, als jenes Gebiet nicht berührt wird. Je nachdem der Verstand, das Gefühl oder der Wille vorwaltet, tritt eine andere fixe Idee in den Vordergrund. Abgesehen von dem Zustand der Geisteskrankheit, können sich aber auch bei gesunden Menschen irrtümliche Ideen durch zufällige Einwirkungen festsetzen, an denen die Person stetig festhält.
Folge
Folge
(lat. consecutio, gr.
akolouthêsis
) bedeutet eigentl. dasjenige, was nach einem anderen stattfindet; der Begriff der Folge ist also der eines Zeitverhältnisses. Da aber häufig das einer Erscheinung Vorangehende zugleich die Ursache dafür ist, so hat jenes ursprünglich zeitliche Verhältnis eine logische Bedeutung bekommen – aus: »post hoc« ist: »propter hoc« geworden – und zwar die Bedeutung, daß die Folge als ein Zweites gedacht wird, das nur unter Voraussetzung eines Ersten, des
Grundes
, denkbar ist. Grund und Folge (ratio und consecutio) sind Korrelata; d.h. etwas ist nur Grund, sofern es Folgen hat, und Folge heißt etwas nur, sofern es in anderem begründet ist. Insofern hat jede Folge etwas Hypothetisches an sich. Erst seitdem der Menschheit der Satz vom zureichenden Grunde aufgegangen ist, kann von Erkenntnis die Rede sein. Man scheidet nun ferner im philosophischen Sprachgebrauche Grund und Folge von
Ursache
und
Wirkung
. Die ersteren Begriffe bezeichnen ein
Denk
-, die letzteren ein
reales Verhältnis. – Folgerung
heißt das, was man aus dem Vorhergehenden ableitet;
folgerichtig
(konsequent) ist ein Gedanke oder eine Gedankenreibe, in der das Gefolgerte wirklich aus dem als Grund Gesetzten folgt; ist das nicht der Fall, so nennt man den Schluß
folgewidrig
. Vgl. Grund, Ursache, Wirkung.
Form
Form
(lat. forma, gr.
eidos
) oder Gestalt ist das Gegenteil und Korrelat von
Stoff
und bedeutet im allgemeinen die Gesamtheit der bestimmten Verhältnisse, in welchen ein Objekt erscheint. Am deutlichsten tritt die Form uns in Zahl, Raum und Zeit entgegen. Der Gegensatz von Stoff und Form beschäftigte die Philosophie zu allen Zeiten. Die ältesten griechischen Naturphilosophen, die
Hylozoisten
, trennten Stoff und Form noch nicht, erfaßten aber das Dasein wesentlich von der stofflichen Seite (Wasser, Luft),
Herakleitos von Ephesos
(um 500 vor Chr.) erfaßte im Gegensatz zum Stoff (Feuer) zuerst die beständige Formveränderung der Welt, die
Pythagoreer
reduzierten das Dasein auf die Form der Zahl;
Empedokles
(um 490-430) und
Anaxagoras
(500-428) stellten Stoff und formende Kräfte in Gegensatz zueinander, während die
Eleaten
in einseitiger Metaphysik, abseits von den übrigen Philosophen, sich nur mit dem logischen Begriff des Seins beschäftigten. Die Verbindung der Lehre der Eleaten mit der des Herakleitos, die von Sokrates angeregte Abstraktion der Begriffe aus den Einzelvorstellungen, die ästhetische Wertschätzung der künstlerischen Form, welche dem Marmor erst Leben verleiht, die personifizierende Richtung unserer Phantasie und die mythologische Tradition von einem erst durch den Demiurgen geformten Chaos führten Platon (427-347) zu seiner Ideenlehre (s. d.), welche die Formen als hoch über dem Stoffe schwebende, selbstgenugsame Urbilder aller Vollkommenheit ansah. Da, mit ihnen verglichen, die wirklichen Dinge mangelhaft erschienen, so gewannen dadurch die Formen an Wert. Auch
Aristoteles
(384-322), obgleich er die Ideen nicht als vor und neben den Dingen existierend dachte, legte ihnen doch alles Wesen, alles wahrhafte Sein an den Dingen bei. Die Materie ist, sofern sie nicht geformt ist, überhaupt nichts Wirkliches, sondern nur Möglichkeit. Die Formen sind das Wesentliche, der Stoff nur die Anlage. Aristoteles setzt zwar vier Prinzipien an: Stoff, Bewegung, Wirklichkeit, Zweck, aber er reduziert dieselben auch, namentlich, wo es sich um die organische Welt handelt, auf die zwei Prinzipien Stoff und Form, die also das Dasein ausmachen, und zwar so, daß die Form das höhere Prinzip ist. Wie Platon und Aristoteles den Wert der Form überschätzten, so verfuhr auch die rationalistische und idealistische Philosophie der Neuzeit; sie hat vielfach eine einseitige Auffassung in der Naturphilosophie, Metaphysik, Logik, Ethik und Ästhetik geschaffen, die wir mit dem Namen Formaliamus (s. d.) charakterisieren, während der Empirismus und Realismus und namentlich der Materialismus der Neuzeit die Überschätzung des Wertes des Stoffes herbeigeführt hat. Auch
Kant
(1724-1804), der nach einem Ausgleich zwischen beiden Bewertungen strebte, hielt sich von der Überschätzung der Form. nicht frei; die Sinnlichkeit, meinte er, gebe uns in der Empfindung einen ungeordneten Stoff, den erst die Anschauung durch die Raum- und Zeitform und der Verstand mit seinen Kategorien zu ordnen habe; ja selbst in die Natur bringe der Verstand erst Ordnung hinein. Kants Ethik und Ästhetik waren ganz formalistisch. Bei
Hegel
(1770-1831) wurde das Spiel der logischen Formen sogar zum Selbstentwicklungsprozeß des Absoluten. Aber gerade dieser Paniogismus trug zur Untersuchung des Verhältnisses von Form und Stoff bei; auf die einseitige Überschätzung der Form durch Hegel folgte die einseitige Unterschätzung derselben durch die Naturwissenschaft. Am richtigsten betrachtet man beide, als denknotwendige Wechselbegriffe, welche nicht ohne einander sein oder gedacht werden können und welche mit anderen die Grundlage unserer Erkenntnis bilden. Vgl. Materie. Ostwald, Vorlesungen über Naturphilosophie. 1902. 3. Aufl. 1905.
formal
formal
heißt alles, was sich auf die Form bezieht, ohne den Inhalt des Gegenstandes zu berücksichtigen. So steht die formale Logik der metaphysischen Logik gegenüber, da jene es mit formalen Begriffen und formaler Wahrheit zu tun hat, diese das Wesen und die Bedingungen des Daseins erforschen will. Formale Prinzipien bestimmen die Art und Weise, nicht den Inhalt unseres Denkens und Handelns; die formale Wahrheit bezieht sich nur auf den logischen Charakter unserer Erkenntnisse und entspricht den Gesetzen des reinen Denkens; das formale Recht ist die allgemeine Befugnis jedes vernünftigen Wesens, mit Freiheit die Außenwelt zu bestimmen.
Formalismus
Formalismus
heißt im Leben ein sich genau, oft peinlich nach bestimmten konventionellen Regeln richtendes Verhalten, welches korrekt, aber für sich allein herz- und gemütlos ist. – In der
Wissenschaft
ist Formalismus diejenige Richtung, die in der Form das Wesen der Dinge sieht. Oft sucht sie, um das Lebendige zu erkennen und zu beschreiben, erst den Geist herauszutreiben und hält dann die Teile ohne das geistige Band in den Händen (Goethe). – Der
logische
Formalismus feiert seinen Triumph in der Syllogistik. – Der
ethische
Formalismus läßt den Wert des Handelns nur von der Art, wie sich der Wille bestimmt, ob autonom oder heteronom, nicht von dem Inhalt und den Folgen des Geschehens abhängen und wird leicht zum sittlichen Rigorismus. – Der
ästhetische
Formalismus sucht das Schöne nur in der Form des Objekts und nicht zugleich, wie es nötig ist, in Stoff, Inhalt, Aufgabe, Idee. Er schafft meist nur unfruchtbare Kunstkritik. – Der
Formalismus
ist die Einseitigkeit, der aller Rationalismus immer wieder verfallen muß, und damit im Grunde der
Tod des wahren philosophischen Geistes
.
Fortschritt
Fortschritt
bedeutet seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. die allmähliche Vervollkommnung. Ob die Natur und das Menschengeschlecht bei ihren Veränderungen fortschreiten oder nicht, ist nicht leicht zu entscheiden. Es ist dies ein Hauptproblem der Geschichtsphilosophie. Manche leugnen es, indem sie den Werdeprozeß entweder dem Kreislauf oder der Wellenlinie vergleichen und auch darauf berufen, daß alles schon einmal dagewesen sei, ja daß die Menschen heute schlechter seien als je. Dagegen läßt sich einwenden, daß zwar im allgemeinen die Naturgesetze und die Triebe, Gefühle und Bestrebungen der Menschen seit Anfang der Natur und des Menschengeschlechts dieselben sind, daß aber unleugbar in der Natur eine Vermannigfaltigung der Arten und in der Kultur, d.h. in der Beherrschung der Natur durch den Menschen, eine stetige Ausdehnung stattgefunden hat, und nicht nur das menschliche Wissen, sondern, was wichtiger ist, seine Fähigkeit zu denken, seine Art, die Dinge zu begreifen, sich gesteigert hat, seine Gefühle verfeinert, seine Ideen gereift und seine Triebe veredelt worden sind, endlich daß die Glückseligkeit der Menschen extensiv und intensiv gewachsen ist. Heutzutage befinden sich mehr Individuen in einem menschenwürdigen Dasein als früher, und ihre Ansprüche an das Leben sind höher. So wird man von einem Fortschritt in Natur und Geschichte, wenn auch nicht im transscendenten Sinne reden dürfen. – Hiernach scheint ein gewisser Fortschritt der Natur und Menschheit, der freilich nicht in gerader Linie erfolgt ist, denn mit den Fortschritten sind auch Rückschritte verbunden, wirklich stattgefunden zu haben. Siehe
Entwicklung
. Vgl. J. G. v. Herder, Ideen zur Geschichte der Menschheit 1784-1791 und Briefe zur Beförderung der Humanität 1793. Eucken, Geistige Strömungen der Gegenwart 1904, S. 192. H.
Rickert
, Geschichtsphilosophie 1902.
Frage
Frage
. Die Frage ist die Äußerung eines Sprechenden mit der Aufforderung an den Hörenden, Auskunft zu erteilen. Die Auskunft kann entweder das Stattfinden oder Nichtstattfinden eines Vorgangs (
Entscheidungsfragen
) oder einen einzelnen Punkt innerhalb eines Vorgangs betreffen (
Ergänzungs-, Bestimmungsfragen
). Der Fragende kann nie den Imperativ des Verba anwenden, weil die Frage schon an sich eine besondere Aufforderung, nämlich die, zu antworten, in sich einschließt. Vgl. erotematisch.
Freigebigkeit
Freigebigkeit
(lat. liberalitas, mhd. milte) ist die Gesinnung dessen, der reichlich zu geben pflegt. Geschieht dies ohne Verschwendung und Prahlerei, so ist es zu loben. Die Freigebigkeit ist die von den Dichtem am meisten gepriesene Tugend der Fürsten des Mittelalters. Ihr Gegensatz ist der Geiz.
Freiheit
Freiheit
, im
weitesten Sinne
, ist die einem Wesen gegebene Möglichkeit, so zu handeln, wie es will. In dieser weitesten Fassung schließt die Freiheit auch die Willkür in sich ein und bildet den Gegensatz sowohl zur Notwendigkeit wie zum Zwange.
Enger gefaßt
, wie es gewöhnlich geschieht, ist die Freiheit die Möglichkeit der
Selbstbestimmung
eines vernünftigen Wesens im Gegensatze zur Abhängigkeit von fremder Macht. Derjenige Mensch handelt frei, für dessen Handlungen die Ursachen in ihm selbst liegen und nicht in fremden Gewalten. So gedacht, ist die Freiheit dem Zwange, aber nicht der Notwendigkeit entgegengesetzt. Die Freiheit kann nun eine vollständige (absolute, metaphysische) oder eine beschränkte (relative) sein. Zur Annahme einer
absoluten oder metaphysischen
Freiheit muß konsequenter Weise der streng idealistische Standpunkt führen, der die Außenwelt als eine Setzung des Subjektes und das mit Selbsttätigkeit begabte Ich als die einzige unmittelbare Wirklichkeit ansieht. Eine solche Freiheit hat
Fichte
(1762-1814), von Kants praktischer Philosophie ausgehend, gelehrt, während
Spinoza
(1632 bis 1677), der andere Denker, von dem Fichte beeinflußt ist, den entgegengesetzten Standpunkt einnahm, die Wirklichkeit in Gott-Natur und den notwendigen Gesetzen suchte und dem Menschen die metaphysische Freiheit absprach. Auch
Schopenhauer
(1788-1860) nimmt wie Fichte eine metaphysische Freiheit an. Er rückt aber die Freiheit aus dem Gebiete des Handeins, in dem der Satz des Grundes herrscht, in eine höhere, unserer Erkenntnis schwerer zugängliche transscendente Region hinaus. Indem er den Willen, den er sich blind und ziellos vorstellt, als das metaphysische Prinzip annimmt und dem Menschen diesen Willen als intelligiblen Charakter angeboren sein läßt, führt er aus: »Jedes Ding wirkt gemäß seiner Beschaffenheit, und sein auf Ursachen erfolgendes Wirken gibt diese Beschaffenheit kund. Jeder Mensch handelt nach dem, wie er ist, und die demgemäß jedesmal notwendige Handlung wird im individuellen Fall allein durch die Motive bestimmt. Die Freiheit, welche daher im
Operari
nicht anzutreffen sein kann, muß im Esse liegen. Es ist ein Grundirrtum, ein
hysteron proteron
aller Zeiten gewesen, die Notwendigkeit dem Esse und die Freiheit dem Operari beizulegen. Umgekehrt im Esse allein liegt die Freiheit; aber aus ihm und den Motiven folgt das Operari mit Notwendigkeit, und
an dem, was wir tun, erkennen wir, was wir sind
. Hierauf, und nicht auf dem vermeinten libero arbitrio indifferentiae, beruht das Bewußtsein der Verantwortlichkeit und die moralische Tendenz des Lebens« (Über d. Freiheit des menschlichen Willens Werke Bd. IV S. 47). Auch in der Konsequenz der Humeschen metaphysischen Gedanken hätte, da Hume (1711-1776) die Gültigkeit des Kausalitätsgesetzes bestreitet, die Annahme einer metaphysischen Freiheit liegen müssen; aber Hume hat diese Konsequenz nicht gezogen, sondern huldigt vielmehr, rein empirischen Betrachtungen folgend, einem psychologischen Determinismus. – Innerhalb der
relativen
Freiheit ist zu scheiden zwischen äußerer und innerer Freiheit, der Unabhängigkeit von äußeren und inneren Gewalten, die die Möglichkeit der Selbstbestimmung aufheben. Die
äußere
Freiheit ist entweder eine okkasionelle oder physische oder nationale oder soziale oder politische Freiheit. Die
okkasionelle
Freiheit ist die jeweilige Nichtexistenz
äußerer beschränkender und hindernder Umstände
für die Person, wie Kerker und Fessel; ihr Gegensatz ist die Gefangenschaft, Fesselung und Ähnliches. Die
physische
Freiheit ist Möglichkeit des Gebrauchs der körperlichen Werkzeuge beim Handeln; ihr Gegensatz ist Ohnmacht, Hemmung, Lähmung usw. Die
nationale
Freiheit ist da vorhanden, wo ein Volk, gleichviel wie es regiert wird, seine Angelegenheiten durch sich selbst bestimmen kann und nicht von einer anderen Nation abhängig ist. Nationale Unfreiheit ist dagegen da vorhanden, wo ein Volk unter das Joch eines anderen gerät. Ein solcher Zustand ist der Zustand vieler Völker in der Weltgeschichte gewesen, so der Mittelmeervölker nach Unterwerfung unter die römische Republik, so der Iren in Großbritannien in der Jetztzeit. Aus der nationalen Unfreiheit hat sich vielfach die
soziale
Unfreiheit, die Ausnutzung der Kräfte eines zum dienenden Stande herabgedrückten, unterjochten Volkes, das Sklaventum und Schutzbürgertum (Metöken), ein jetzt wesentlich überwundener Zustand, entwickelt. Sein Gegensatz, die soziale Freiheit, ist die Zugehörigkeit eines Menschen zu den Rechten des Staatsbürgers. Die
politische
Freiheit entsteht nur bei besonderer Gestaltung des Staatswesens und ist die Unabhängigkeit des einzelnen Bürgers von der Gewalt eines Einzelnen, einer Gruppe von Menschen oder einem Stande. Ein solche Freiheit gewährender Staat ist, im Gegensatz zur Monarchie, Tyrannis, Oligarchie, Aristokratie usw., ein Freistaat, eine Republik, wie z.B. die Schweiz, Frankreich, die amerikanische Union. – Der die Philosophie aber am meisten beschäftigende Begriff der Freiheit ist der Begriff der
inneren Freiheit
, der
Willensfreiheit
, der Möglichkeit, aus reiner Selbstbestimmung sich zu entschließen und zu handeln. Die Frage, ob der menschliche Wille sich selbst bestimmen könne,
autonom
sei, oder ob er von fremden Mächten bestimmt werde, unfrei,
heteronom
sei, hat die Philosophie zu allen Zeiten beschäftigt und hat im allgemeinen drei verschiedene Antworten hervorgerufen. Entweder haben Philosophen den Willen für autonom erklärt, und diese Autonomie als den Gegensatz zur Ursächlichkeit, als die Aufhebung des Kausalitätsgesetzes für den Willen angesehen, oder sie haben den Willen für heteronom und alles Handeln lediglich für verursacht erklärt, wie die Vorgänge in der Natur es sind, oder sie haben die Selbstbestimmung des Willens nicht geleugnet, aber die Freiheit des Willens nicht für den Gegensatz zur Ursächlichkeit, sondern für eine bestimmte Form der Verursachung genommen. Der erste Standpunkt heißt
Indeterminismus
, der zweite
Determinismus
, der dritte
psychologischer Determinismus
. Im einzelnen haben diese Standpunkte durch das Eingreifen religiöser Lehren und individueller Auffassung mannigfaltige Färbung angenommen. Am schärfsten hat den
Indeterminismus
Kant (1724-1804) vertreten. Zwar steht nach seiner Lehre die Natur unter der Herrschaft des Kausalitätsgesetzes, und das menschliche Handeln, insofern es in die Erscheinung tritt, ist ebenfalls diesem Gesetz unterworfen. Aber der Mensch ist Bürger zweier Welten, einer sichtbaren und einer intelligiblen, und als Bürger der letzteren besitzt er völlige Willensfreiheit. Die intelligible Freiheit ist die Fähigkeit des Menschen, eine Kette des Geschehens, die erst, sobald sie in die Erscheinung tritt, nach Naturgesetzen abläuft, ursachlos durch Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit der praktischen Vernunft zu beginnen, und auf die Existenz dieser Freiheit gründet sich das Sittengesetz mit seiner Überordnung der Pflicht über die Neigung und mit seiner Forderung: Du sollst, denn du kannst, und der Glaube an Gott und die Unsterblichkeit der Seele als Postulaten der praktischen Vernunft. Auf ähnlichem Standpunkt wie Kant steht auch
Aristoteles
(384-322). Er erklärt den Menschen für die Quelle seiner Taten (
eoike dê, kathaper eirêtai, anthrôpos einai archê tôn praxeôn
Arist. Eth. Nicom. III 5 p. 1112b 31) und definiert das freiwillige Handeln als die bewußte Selbstbestimmung (
'Ontos de akousiou tou bia kai di' agnoian, to hekousion doxeien an einai, hou hê archê en autô eidoti ta kath' hekasta en hois hê praxis
– Eth. Nie. III 3 p. 1111 a 22). Der Indeterminismus begnügt sich aber meist damit, nicht wie Kant eine intelligible Freiheit, sondern nur eine Wahlfreiheit des Willens, bei verschiedenen Möglichkeiten des Handelns, anzunehmen. Einen solchen Indeterminismus vertritt z.B.
Platon
(427-347), wenn er sagt: »Die Tugend untersteht keinem Herrn, und je nachdem jeder sie ehrt oder mißachtet, wird er mehr oder weniger von ihr besitzen. Die Schuld fällt dem Wählenden zu. Gott trägt keine Schuld« (
aretê de adespoton, hên timôn kai atimazôn pleon kai elatton autês hekastos hexei. aitia helomenou; theos anaitios
. Rep. X, 16, 617 E). Von den neueren Philosophen ist außer Fichte und Kant vor allem
Descartes
(1596-1650) Anhänger des Indeterminismus. Er nimmt eine unbeschränkte Wahlfreiheit des Willens an und rechnet diese Annahme zu den angeborenen und verbreitetsten Begriffen (»Daß aber unser Wille Freiheit besitzt, und daß wir vielem willkürlich zustimmen oder nicht zustimmen können, ist so offenkundig, daß es unter die obersten und allgemeinsten Begriffe, die uns angeboren sind, zu rechnen ist« Princ. phil. I, 39). Der Indeterminismus, der sich auf die Wahlfreiheit bei der Möglichkeit verschiedener Handlungen stützt und behauptet, daß die Verantwortlichkeit der menschlichen Handlung nur im Zusammenhange mit seiner Auffassung nachgewiesen werden könne, übersieht aber, daß die Antriebe des Willens keineswegs immer eine Wahl in sich schließen, und daß bei stattfindender Wahl der Wille tatsächlich unter dem Einfluß mannigfaltiger äußerer und innerer Bestimmungsgrunde steht, und endlich, daß eine Verantwortlichkeit auch im Zusammenhange mit anderen Theorien angenommen werden kann. Der Wille steht, wo eine wirkliche Wahl stattfindet, stets unter dem Einfluß von Motiven und dem Charakter der wählenden Person. Die Möglichkeit, verschieden zu wählen ist oft vorhanden; aber die wirkliche Entscheidung erfolgt stets durch Gründe. Inbesondere ist Kants Annahme einer intelligiblen Freiheit auf eine in Wirklichkeit nicht zutreffende Scheidung der empirischen Willenstätigkeit und der Vernunfttätigkeit des Menschen begründet. Kant hat nicht die Frage im Auge gehabt, wie der Mensch, dessen Wille nach Inhalt und Ziel bestimmt ist, handele, sondern nur, wie reine Vernunft den Willen bestimme. Er kommt daher mit seinen Untersuchungen nur zu einem formalen inhaltlosen Moralprinzip. Nur durch seine einseitige und isolierende Fragestellung ist er zur Theorie der intelligiblen Freiheit des Willens gekommen. Wer nicht, wie Kant, das Apriori ins Auge faßt, sondern den ganzen Menschen, wird zu einer Lehre von der intelligiblen Freiheit keine Veranlassung finden. – Vertreter des
Determinismus
sind im Altertum die
Stoiker
gewesen. Nach ihrer Auffassung erfolgt in der Welt alles vermöge eines natürlichen und unveränderlichen Zusammenhangs von Ursachen und Wirkungen; eine Freiheit des Willens könne darum nicht bestehn. Die Stoiker nahmen sogar eine alles beherrschende
heimarmenê
an (Zeller, Die Phil. d. Gr., IV. S. 144, 146, 148, 151). Das Mittelalter mit seiner
Prädestinationnlehre
und seinem Dogma von der
Erbsünde
denkt wesentlich deterministisch. In der Neuzeit vertreten den Determinismus (außer Spinoza) Hobbes, Leibniz und die Materialisten. Nach
Hobbes
(1588-1678) sind alle Erscheinungen Körperbewegungen, die mit mechanischer Notwendigkeit vonstatten gehen; auch die sittlichen Erscheinungen unterliegen ebenso wie die physischen dem Gesetz der mechanischen Kausalität. Aus sinnlichen Eindrücken gehen die Gefühle der Lust und Unlust, aus diesen gehen die Affekte und Begehrungen und aus dem Sieg der einen Begehrung über andere der Wille hervor, der daher nicht frei genannt werden kann. Auch
Leibniz
(1646-1716) erklärt den Willen für determiniert. Der Wille unterliegt wie jede einzelne Monade und wie das Weltganze einer Vorherbestimmung. Wir sind in unserm Wollen niemals indifferent und werden auch niemals von gleich starken Bestimmungsgründen nach entgegengesetzten Seiten getrieben. Der Mensch wählt immer das, wozu ihn eine an Stärke überwiegende Neigung hinzieht. Unsere Willensakte sind das natürliche Ergebnis unserer Individualität und ihrer Entwicklung, wie diese in Rücksicht auf das Weltganze angelegt ist. (Vgl. Zeller, Gesch. d. deutschen Philos. S. 118 ff.) Auch der gesamte
Materialismus
der Neuzeit tritt in innerer Konsequenz Für den Determinismus ein. Aber soweit der Determinismus lediglich äußere Bestimmungsgründe für den Willen ansetzt, wie dies bei den Materialisten geschieht, während Leibniz schon einen freieren Blick besitzt, beruht er auf ungenügender Beobachtung der Vorgänge; denn die Willensbestimmung erfolgt ebensosehr durch innere wie durch äußere Begtimmungsgründe, und der psychische Charakter des Menschen hat oft den größeren Anteil an der Bestimmung als das den äußeren Bestimmungsgrund bildende Motiv, oft sogar den einzigen. Auch hebt der konsequente Determinismus in der Tat die praktische Willensfreiheit und die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen auf und setzt sich dadurch in Widerspruch zur natürlichen Auffassung. –
Der einzige den Tatsachen entsprechende und die Vorgänge richtig erklärende Standpunkt bleibt darum der des
psychologischen Determinismus
, der den Willen als zugleich durch äußere und innere Ursachen, durch Motive und psychische Gründe, vor allem durch den ganzen Charakter des Menschen bestimmt ansieht, der das Gesetz der Willensbestimmung nicht als einen Gegensatz zum kausalen Geschehen ansieht, sondern der Kausalität der Außenwelt eine innere Kausalität, für die freilich das Gesetz der Äquivalenz von Ursache und Wirkung noch nicht aufgestellt werden kann, an die Seite setzt und sowohl die Selbstbestimmung des Willens, die praktische Freiheit, wie auch die Verantwortlichkeit zu erklären vermag, indem er alle Zufälligkeit im Gebiete des Handelns aufhebt und zugleich allen fatalistischen Ansichten ein Ende macht. Die Hauptvertreter dieses psychologischen Determinismus sind Locke und die englischen Empiristen sowie Herbart und Wundt.
Locke
(1632-1704) sieht den Willen selbst als nicht frei an. Der Wille wird stets durch ein Verlangen in Bewegung gesetzt und der Entschluß durch ein Urteil der Vernunft bestimmt. Aber es steht in der Macht des Menschen, eine Überlegung anzustellen und ihr die Richtung zu geben. Die Freiheit liegt zwar nicht im Willen, sie ist ein Vermögen, wie der Wille es auch ist; aber die Freiheit liegt in der Person des Menschen und kommt bei den Überlegungen zur Geltung, so daß eine sittliche Verantwortlichkeit des Menschen besteht (Locke, Versuch ü. d. menschl. Verstand II 21 §§ 4-73).
Herbart
(1776-1841) betrachtet die innere Freiheit als die Einstimmigkeit des Willens mit dem eigenen Urteile. Das Wollen hängt nach seiner Auffassung von der Einsicht ab und wird durch die Vorstellungen und den Charakter des Menschen bestimmt. Freiheit ist nur die Bestimmbarkeit des Willens durch Motive und den Charakter, und eine Freiheit, die der Kausalität entgegengesetzt wäre, existiert nicht. Am schärfsten hat
Wundt
(geb. 1832) den Begriff des psychologischen Determinismus entwickelt und für die Willensbestimmung die inneren Ursachen und eine geistige Kausalität ohne das Prinzip der Äquivalenz von Ursache und Wirkung aufgestellt (Wundt, Grundz. d. phys. Psych. II S. 463-487). Es ergibt sich mithin, daß der Mensch beim Handeln bald durch Motive getrieben wird und dann nicht frei ist, bald durch seinen Charakter bestimmt wird und dann freihandelt, daß aber Willensfreiheit nicht die Fähigkeit ursachlosen oder grundlosen oder gar gesetzlosen Handelns, sondern die Möglichkeit der Willensbestimmung aus psychologischer Notwendigkeit, unabhängig von äußerem Zwange, ist. Die Freiheit ist kein dauernder Zustand des Willens, sondern muß in jedem Falle errungen werden; so trifft Goethes Wort zu: »Das ist der Weisheit letzter Schluß; Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß.« Vgl. Determinismus, Willkür, Zurechnung, Notwendigkeit.
Drobisch
, d. moral. Statistik und Willensfreiheit. Lpz. 1867.
J. C. Fischer
, Die Freiheit des menschlichen Willens. Lpz. 1871. H.
Sommer
, Freiheit des Willens. Berlin 1880.
Fremdsuggestion
Fremdsuggestion
heißt im Gegensatz zur Autosuggestion (s. d.) die Mitteilung einer von starken Gefühlen begleiteten Vorstellung durch den Befehl einer fremden Person. Vgl. Hypnose und Suggestion,
Wundt
, Grundriß d. Psych. § 18, 8, S.336.
Fresison
Fresison
heißt der fünfte Schlußmodus der vierten Figur mit allgemein verneinendem Obersatz, mit besonders bejahendem Untersatz und besonders verneinendem Schlußsatz. Seine Form ist: PeM, MiS, SoP; z.B.: Wahrheit ist kein Wahn; mancher Wahn beglückt; also ist manches, was beglückt, nicht Wahrheit.
Freude
Freude
ist das gesteigerte Lustgefühl, das durch eine äußere Veranlassung hervorgerufen wird. Die Freude gehört zu den aktiven Affekten (s. d.), welche aus einer Überfüllung unseres Gemüts entspringen. Je nach Temperament, Bildung und Lebenslage empfinden die Menschen über die verschiedensten Dinge Freude. Ihr Gegenteil ist die Betrübnis.
Cartesius
(1596-1650 Passiones Anim. II 61 u. II 91) definiert: Die Betrachtung eines gegenwärtigen Gute erweckt in uns Freude. – Die Freude ist eine angenehme Gemütsbewegung über den Genoß eines Guts, welches die Gehirneindrücke der Seele als das ihrige darstellen.
Spinoza
(1632-1677) erklärt (Eth. III, 11): Unter
Fröhlichkeit
werde ich den leidenden Zustand verstehn, durch den die Seele zu einer größeren Vollkommenheit übergeht. (Eth. III, 18, 2.) Die Freade ist eine Fröhlichkeit, welche nur dem Bilde einer vergangenen Sache entstanden ist, über deren Erfolg wir zweifelten. Kant (1724-1804 Anthrop. § 73, S. 207) definiert: Das Gefühl, welches das Subjekt antreibt in dem Zustande, darin es ist, zu bleiben, ist angenehm. – Als Affekt heißt es Freude. –
Freudigkeit
dagegen ist kein Affekt, sondern eine angenehme, unbestimmte Empfindung, welche dem Bewußtsein allgemeiner Lebensförderung entstammt. »Die Freudigkeit«, läßt Goethe im »Götz« den Bruder Martin sagen, »ist die Mutter aller Tugenden.«
Freundschaft
Freundschaft
ist die geistige Verbindung zweier Personen, welche, auf Liebe, Achtung oder Gleichartigkeit ihrer Interessen gegründet, sich durch herzliche Teilnahme füreinander, durch gefälliges Benehmen, gefällige Worte und freiwillige Dienste äußert.
Aristoteles
(Eth. Nic. 8, 9) unterscheidet drei Arten Freundschaft: die um des Vergnügens willen (Zech-, Spiel-, Jugendfreundschaften), die um des Nutzens willen (politische, gelehrte, kommerzielle) und die um der Tugend willen geschlossene. Die dritte Art entspricht am meisten dem Ideal, wenn auch die anderen dem Charakter förderlich sein können. Am häufigsten sind die Jugendfreundschaften, welche das Leben verklären; freilich dauern sie oft nicht lange. Die Freundschaften des Nutzens wahren meist so lange wie dieser selbst. Diejenigen der Tugend, welche der gemeinsamen Begeisterung für das Gute und Wahre entspringen, sind am beständigsten. Berühmte Freundschaftspaare in Dichtung und Wirklichkeit sind: Achillens und Patroklos, Orestea und Pylades, David und Jonathan, die Pythagoreer Dämon und Phintias (vgl. Schillers »Bürgschaft«), Scipio und Lälius, Konradin und Friedrich, Ernst v. Schwaben und Werner v. Kyburg, Ludwig v. Bayern und Friedrich, Egmont und Oranien, Carlos und Marquis Posa, Schiller und Goethe. Über die Freundschaft schrieb außer Aristoteles im Altertum auch Cicero (»Laelius«). Vgl. Stäudlin, Gesch. d. Vorstellungen von d. Freundschaft. Hannover 1826. Lazarus, Leben d. Seele. 1883-85, 1882.
Frömmigkeit
Frömmigkeit
(abgeleitet von fromm, mhd. vrum, ahd. fruma, eigentlich = der Nutzen) heißt die durch das Gefühl der Abhängigkeit vom Göttlichen hervorgerufene Gesinnung. Diese Gesinnung führt alles Sein und Geschehen in Natur, Geschichte und im persönlichen Leben, wie nicht minder alle moralischen Gebote auf Gott als das letzte Prinzip zurück. In dem religiös gestimmten Gemüte wird die Vorstellung Gottes zum Mittelpunkte aller Vorstellungen, Gefühle und Triebe und erregt im Ich, wenn dies nicht in Harmonie mit jener ist, Unlust (Furcht vor Gott), sobald es aber sich in Harmonie mit jener fühlt, Lust (Gottseligkeit). Ihrem Wesen nach kann die Frömmigkeit gleich tief und stark sein, wie man sich auch Gott dabei vorstellt: ein Buddhist, ein Jude, ein Katholik und ein Protestant können gleich fromm sein. Wahre Frömmigkeit beweist auch in milder und sanfter Gesinnung, in Taten der Nächstenliebe und in der Moral. – Frömmelei dagegen ist die aus Furcht oder Selbstsucht entspringende Affektion der Frömmigkeit. Vgl.
Schleiermacher
, Reden über die Religion. 1799.
Ziller
, Allgem. phil. Ethik. Langensalza 1880.
Fühlen
Fühlen
, siehe
Gefühle
.
Fundamentalphilosophie
Fundamentalphilosophie
, Erste Philosophie, Metaphysik heißt die Anfangs- oder Grundlehre der Philosophie. Vgl. Metaphysik.
Funktion
Funktion
(lat. functio = Verrichtung) heißt in der Philosophie die Tätigkeitsweise eines geistigen oder körperlichen Organs, in der Mathematik ein Ausdruck, der mit der Veränderung einer in ihm enthaltenen Größe sich selbst verändert.
Furcht
Furcht
ist das Gefühl heftiger
Unlust
, welche aus der
Erwartung, eines künftigen Übels
entspringt. Sie ist einer der passiven Affekte, welche aus plötzlicher Herabdrückung des Gemüts entstammen. Die Furcht jagt das Blut zum Herzen; daher das Erbleichen und der beschleunigte Herzschlag; sie lahmt den Willen und läßt unsere Vorstellungen stocken. Furcht ist oft sogar tödlich. Was Furcht erregt, heißt
furchtbar
. Die Furcht ist ein den lebenden Wesen natürlicher Affekt, dem der am meisten ausgesetzt ist, der die lebhafteste Phantasie hat. Stufen der Furcht sind
Bangigkeit, Angst
und
Verzagtheit. Plötzliche Furcht
heißt
Erschrecken, Grausen
und
Entsetzen
; ihr ist auch der Mutigste ausgesetzt, weil auch ihn das Gefühl seiner Ohnmacht durch Überraschung überfallen kann. Geneigtheit zur Furcht heißt
Furchtsamkeit
; diese kann physisch, geistig oder moralisch sein. Im Umgang mit Menschen erscheint die. mäßige Furchtsamkeit als
Schüchternheit
. (Vgl. Schreck.) Vgl.
Mosso
, über die Furcht. Aus d. Ital. Lpz. 1894.
Galenische Schlußfigur
Galenische Schlußfigur
heißt die vierte und letzte, wie man nach einem Zeugnis des Averröes annimmt, von dem Arzt
Galenus
(131-200) ausgeschiedene Figur des kategorischen Schlusses, welche nur die Konversion der ersten ist. Ihre Form ist: P ist M, M ist S; folglich: S ist P. Sie hat fünf Modi: Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo und Fresison (s.d.). Nur unter folgenden Bedingungen ergeben sich gültige Schlüsse: 1. Mit einem bejahenden Obersatz muß ein allgemeiner Untersatz verbunden sein; 2. bei einer verneinenden Prämisse muß der Obersatz allgemein sein; 3. wenn eine Prämisse partikulär oder der Untersatz bejahend ist, wird der Schlußsatz partikulär. Die Schlußweise dieser ganzen Figur ist unnatürlich. Sie liefert nur halbe Wahrheit. Vgl. Schluß.
Gattungsbegriffe
Gattungsbegriffe
sind. solche, die mehrere in den wesentlichen Eigenschaften übereinstimmende Begriffe zusammenfassen. Die zusammengefaßten Begriffe heißen im Gegensatz zu dem zusammenfassenden die Arten. Die Gattung hat größeren Umfang als die Art, die Art bestimmteren Inhalt als die Gattung. Die Zusammenfassung kann sowohl bei abstrakten wie bei konkreten Begriffen stattfinden. Werden Gattungen zusammengefaßt, so entstehen Familen und durch immer größere Umfänge sich ergebende Zusammenfassungen: Ordnungen, Klassen, Kreise, Reiche. – Bei der Anwendung dieser stufenmäßigen Folge der Begriffsüberordnungen und Begriffsunterordnungen auf die Erscheinungen der
organischen Natur
erhält das Verhältnis der Gattung zur Art einen genetischen Nebensinn, und zwar bezeichnet Art eine nicht unveränderliche, aber zunächst fest erscheinende Stufe der Wesen, nämlich derjenigen, die aus gleichartigem Samen oder von gleichartigen Eltern abstammen und ihre Eigenschaften aufeinander vererben, während die Gattung die verschiedenen Arten zusammenfaßt. So sind die Hauskatze, die Wildkatze, der Löwe, der Tiger und Lachs verschiedene Arten; die zusammenfassende Gattung ist die der Feliden (Katzen), während die Ordnung durch die Carnivoren (Raubtiere), die Klasse durch die Mammalien (Säugetiere) gebildet wird. – Bei
logischer
Anwendung der Stufenfolge der Begriffe wird dagegen allgemeiner jeder übergeordnete Begriff im Verhältnis zum untergeordneten Gattung, und jeder untergeordnete im Verhältnis zum übergeordneten Art genannt, so daß hier der Art und Gattung kein unverrückbarer Platz in dem System der allgemeinen Begriffe zufällt. Vgl. Art;
Darwinismus
;
Einteilung
;
Klassifikation
;
Mutation
.
Gattungstrieb
Gattungstrieb
. Vgl. Trieb.
Gebärden
Gebärden
(lat. gestus) sind eine Art der Ausdrucksbewegung, d.h. sie gehören zu denjenigen Reflex-, Trieb- und willkürlichen Bewegungen, welche Gemütsbewegungen widerspiegeln und als Zeichen innerer Zustände von anderen Wesen ähnlicher Art verstanden werden. Je nachdem das Unwillkürliche oder Willkürliche in ihnen überwiegt, redet man von natürlichen und von mimischen Gebärden. Letztere fallen namentlich den Schauspielern, Geistlichen und Rednern zu. Eine besondere Art der Gebärdensprache, bei der die Triebbewegungen in willkürliche übergehen und die Gebärden zum Hilfsmittel absichtlicher Mitteilung werden, ist die Fingersprache (Daktylologie), welche mittels der Finger die Begriffe nach ihren wesentlichen Merkmalen andeutet. Als ihr Erfinder gilt der Spanier
Bonet
, 1620, der aber sein Alphabet einer Schrift des Johann Baptista Portas, De furtivis litterarum notis, entlehnt hat. Die Abstrakta bereiten dabei natürlich große Schwierigkeit. Viele Gebärden hat der Mensch mit dem Tier gemein, Vgl.
Darwin
, Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Tieren. Deutsch v.
Carus
. Stuttg. 1872. Wundt, Grundz. der phys. Psych. II S. 504-530. Vgl.
Körperbewegungen
.
Gedächtnis
Gedächtnis
(lat. memoria) ist nach der Auffassung der vulgären und der Vermögenspsychologie das Vermögen des Geistes, Vorstellungen, die aus dem Bewußtsein entschwunden waren, unverändert wieder hervorzurufen (zu reproduzieren) und wiederzuerkennen. Von der
Erinnerung
(s. d.) unterscheidet es sich dadurch, daß jene eine willkürliche, dieses eine unwillkürliche Reproduktion ist, von der
Phantasie
dadurch, daß diese die Vorstellungen verändert und in neue apperzeptive Verbindungen bringt, das Gedächtnis sie dagegen unverändert und in ihrer assoziativen Ordnung reproduziert. Ein Vorzug des Gedächtnisses ist also die Treue. Diese hängt von der Stärke der ursprünglichen Auffassung, vom Interesse an der Sache und von der Wiederholung desselben Eindruckes ab. Neben der Treue bildet die Dauerhaftigkeit, Leichtigkeit und Vielseitigkeit einen Vorzug des Gedächtnisses. Die sogenannten besonderen Gedächtnisse für Zahlen, Namen u. dgl. hängen vom Interesse und der Gewöhnung ab. Bei Kindern ist ein starkes Gedächtnis das erste Zeichen von Begabung, bei Erwachsenen jedoch nicht; denn wo viel Gedächtnis ist, pflegt weniger Urteilskraft zu sein. Die Abnahme des Gedächtnisses entspringt entweder aus dem Alter oder aus Gehirnkrankheit.
Kant
(1724 bis 1804) definierte das Gedächtnis, Erinnerung und Gedächtnis nicht unterscheidend, als Vermögen, vormalige Vorstellungen willkürlich zu. reproduzieren; memorieren bezeichnete für ihn, etwas
methodisch
ins Gedächtnis fassen. Er unterschied
mechanisches, ingeniöses
und
judiziöses
Memorieren. Das erste beruht nach seiner Auffassung auf Wiederholung, das zweite auf Assoziation, das dritte auf Einreibung der Vorstellung in ein System (
Kant
, Anthropologie I, § 31, S. 92 ff.). Beispiele von ausgezeichnetem Gedächtnis sind Themistokles, welcher die Namen aller athenischen Bürger kannte, Scaliger, der den Homer in 21 Tagen auswendig lernte, Leibniz und Euler, welcher die Aneide, Giambattista Giuliani, der Dantes Divina Commedia, und Hugo Grotius, welcher das ganze Corpus iuris auswendig wußte. Die neuere Psychologie führt jeden Gedächtnisvorgang auf Erinnerungsassoziationen zurück (vgl. Erinnerung). Vgl.
Jean Paul
, Levana § 141 ff. E.
Hering
, Über das Gedächtnis. Wien 1870. J.
Huber
, Das Gedächtnis. München 1878. Ribot, maladies de la mémoire. 1881. Wundt, Grundr. d. Psychologie, § 16, 18 ff., S. 293 ff.
Gedächtniskunst
Gedächtniskunst
, s. Memorieren, Mnemotechnik, Erinnerung.
Gedanke
Gedanke
ist das Erzeugnis eines Denkaktes (s. Denken).
Gedankenlosigkeit
bedeutet entweder Mangel an Herrschaft über die dem Bewußtsein sich aufdrängenden Vorstellungen oder Langsamkeit im Ablauf der Vorstellungen und Begriffe oder endlich Mangel an selbständigen Gedanken.
Gedankenlesen
Gedankenlesen
(mind-reading) ist die durch Brown zuerst 1875, dann durch Cumberland geübte Fertigkeit, welche wahrscheinlich auf der Beobachtung der feinsten Muskelbewegungen des Mediums beruht. Preyer hat das Vorkommen solcher ideomotorischen Zuckungen durch seinen Palmographen nachgewiesen. Vgl.
Preyer
, d. Erklärung des Gedankenlesens. Leipzig 1886.
Geduld
Geduld
ist Selbstbeherrschung im Leiden, die ruhige, entschlossene Hinnähme von Üb ein, Anstrengungen und Widerwärtigkeiten, die wir entweder nicht abwenden können oder (aus Pflichtgefühl) nicht abweisen wollen.
Gefühle
Gefühle
heißen die subjektiven Elemente unseres Bewußtseinsinhalts, welche wie die objektiven Elemente, die Empfindungen, sich im einzelnen durch ihre
Qualität
und
Intensität
voneinander unterscheiden, aber im Gegensatz zu jenen nicht durch größte Unterschiede, sondern
durch größte Gegensätze begrenzt
werden. Die Empfindungen bieten innerhalb ein und derselben Qualität regelmäßig Intensitätsunterschiede dar, die von einem Minimum aus in einer Richtung zu einem Maximum aufsteigen; die Gefühle dagegen entwickeln sich von einem Null- oder Indifferenzpunkte aus regelmäßig nach zwei einander entgegengesetzten Richtungen, wobei sie zu immer stärker kontrastierenden Gefühlen werden. Irrtümlich werden die Gefühle oft mit den Empfindungen überhaupt oder im besonderen mit den Empfindungen des Tastsinnes verwechselt, und der ältere Sprachgebrauch wirft beide Ausdrücke unterschiedlos durcheinander; aber die neuere Psychologie scheidet sie mit größter Schärfe. So wenig zwar Gefühle in dem Verlaufe unseres Seelenlebens isoliert für sich auftreten, so sehr sie. Begleiterscheinungen von Empfindungen und Vorstellungen sind – man nennt sie daher auch Gefühlstöne der Empfindung – so richtig trennt sie doch die Analyse als besondere subjektive Elemente unseres Erfahrungsinhalts von den objektiven Elementen des Empfindungs- und Vorstellungsinhalts. Diese bringen uns die objektiven Verhältnisse der Wirklichkeit, jene die Zustände unserer eigenen Person zum Bewußtsein. Auf den Empfindungen baut sich in uns die Erkenntnis der Welt auf, die Gefühle treiben uns zur Erhaltung und Vervollkommnung des eigenen Ichs und der Menschheit. An die Empfindungen schließen sich also als eigenartige Begleiterscheinungen die Gefühle der Lust und Unlust, der Beruhigung und Erregung, der Lösung und Spannung an und. bilden die Hauptklassen einfacher sinnlicher Gefühle, aus denen sich in beständiger Wechselwirkung mit den Erkenntnis- und Willensvorgängen die aus Partialgefühlen entstehenden mannigfaltigen zusammengesetzten niederen und höheren intellektuellen ästhetischen und ethischen Gefühle herausbilden, die zeitweise zu Gemeingefühlen (s. d.), zu Stimmungen (s. d.) und zu Affekten (s. d.) anwachsen. Die Gefühle sind eigenartigen Gesetzen unterworfen. Sie vermindern sich mit der Dauer. Sie entwickeln sich vom Nullpunkt in zwei Richtungen, aber die angenehmen Gefühle schlagen an einer bestimmten Grenze bei weiterer Steigerung in ihr Gegenteil um, während schwache unangenehme Gefühle unter Umständen noch angenehm wirken können. Lust und Unlust hat also etwas Relatives an sich. Herabgesetzte Unlust wird als Lust empfunden und umgekehrt. Derselbe Anlaß bereitet verschiedenen Menschen verschiedene Lust oder Unlust und denselben Menschen zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Lagen verschiedene Gefühle. – Die Erklärung der Gefühle hat der Psychologie viel Schwierigkeiten bereitet, und ihre Analyse ist noch unfertig.
Vor Kant
unterschied man im allgemeinen nur Vorstellen und Begehren und dementsprechend theoretische und praktische Philosophie.
Kant
(1724-1804) leitete nach
Sulzers
(1720-1779) Vorgange die Gefühle aus einem besonderen Vermögen der Seele ab, dem Vermögen der Lust und Unlust. (Vgl.
Kant
, Von der Einteilung der Philosophie, Einleitung in die Kr. d. Urteilskraft, S. XI – LVI, Anthropologie I, § 67-59, S. 169-202). Da aber, abgesehen von der Unhaltbarkeit der Vermögenstheorie, wie die neuere Psychologie zeigt, Gefühle nicht gesondert von den Empfindungen und Vorstellungen entstehen, so kann den Gefühlen keine andere Existenz und kein anderer Ursprung zugeschrieben werden als den übrigen psychischen Elementen, und die Annahme eines besonderen Gefühlsvermögens erscheint unberechtigt. Nur die psychologische Analyse sondert die Gefühle von den übrigen psychischen Vorgängen ab. Vgl. Wundt, Grundzüge der phys. Psychologie I, S. 508-544; Grundriß d. Psychol., §§ 5, 7, 12.
Nahlowsky
, Das Gefühlsleben. 2. Aufl. Leipzig 1894. Biunde, Empirische Psychologie III, S. 72f.
George
, Psychologie. Berlin 1851.
Horwich
, Psychologische Analysen. 2 Bde. 1872-1878.
Anton Palme
, J. G. Sulzers Psychologie und die Anfänge der Dreivermögenslehre. Berlin 1905.
gefühllos
gefühllos
im
eigentlichen
Sinne, d.h. der Fähigkeit zu fühlen beraubt, ist nichts Lebendes; im
bildlichen
Sinne heißt so der Grausame und der Egoist.
Gefühlssinn
Gefühlssinn
nannte man früher den Sinn, der jetzt der allgemeine Sinn genannt wird. Er ist zunächst über die ganze Hautfläche des Menschen verbreitet. Rousseau sagt von ihm: »Das Gefühl ist über die ganze Oberfläche unseres Körpers verbreitet, um uns gleichsam wie ein beständiger Wachtposten. von allem, was ihn verletzen könnte, in Kenntnis zu setzen« (Rousseau, Emil B. II, 197). Er umfaßt aber auch außerdem eine große Anzahl innerer Organe (Gelenke, Muskeln, Sehnen, Knochen usw.), er liefert uns die Empfindungen des Drucks, der Kälte, der Wärme und des Schmerzes. Die Druckempfindungen werden gewöhnlich als Tastempfindungen, die übrigen Empfindungen des allgemeinen Sinnes als Gemeinempfindungen bezeichnet. (Vgl. Wundt, Grundr. d. Psych. § 6, S. 56 ff.)
gegeben
gegeben
heißt alles, was ohne unseren Willen in unser Bewußtsein mittels des Sinnenreizes und der Empfindung eintritt.
Gegensatz
Gegensatz
(oppositio) heißt entweder das Verhältnis zweier Begriffe, die sich gegenseitig ausschließen, oder das Verhältnis zweier Sätze, die beide zwar unwahr, aber nicht beide zugleich wahr sein können. Der Gegensatz ist entweder
kontradiktorisch
(Widerspruch, s.d.), wenn er der Gegensatz der Bejahung und Verneinung ist, d.h. wenn nicht nur die Wahrheit des einen Teils die Falschheit des anderen bedingt, sondern auch die Falschheit des einen die Wahrheit des anderen, oder
konträr
, wenn nur das erstere Verhältnis stattfindet. Vgl. conträr und contradiktorisch.
Gehör
Gehör
(auditus) ist derjenige Sinn, welcher durch die schwingende Bewegung der Materie, die sich der Luft mitteilt, gereizt, uns die Empfindungen von Schällen, Tönen, Klängen und Geräuschen vermittelt. Das Hörbare entsteht nur da, wo Bewegung ist. Sein körperliches Organ ist das Ohr. Die Gehörsempfindungen unterscheiden sich durch ihre Entstehungsart, ihre Qualität, ihre Intensität und ihre Zeitdauer voneinander. Der durch einfache periodische Schwingungen, die von 12-16 Doppelschwingungen in der Sekunde bis zu 40000-60000 reichen, hervorgebrachte Schall ist der Ton; der Klang ist die Zusammenfassung mehrerer Töne, deren Schwingungszahlen kleinste Vielfache eines ihm zu Grunde liegenden Haupttones sind; das Geräusch dagegen entsteht durch unregelmäßige Schwingungen. Die Töne und Klänge ordnen wir nach ihrer Qualität (Tonhöhe) zu einem System und stellen die Verhältnisse ihres Zusammenklanges (Harmonie) und ihres Mißklanges (Disharmonie) für gleichzeitige oder aufeinanderfolgende Töne und Klänge fest. Harmonische Töne erregen unser Wohlgefallen, disharmonische nicht; heftiger rhythmischer Lärm spricht nur robuste Naturen an, zartere werden dadurch ebenso wie durch regelloses Gesumme und schrille Töne peinlich erregt. Die Musik ist dagegen die älteste und auf das Gemüt am stärksten einwirkende Kunst. Sie gründet sich auf die harmonischen Verhältnisse und Unterschiede der Töne in Zeitdauer und Intensität. Akustische Täuschungen, die oft zu Halluzinationen Anlaß geben, entstehen durch Abnormitäten des Blutlaufs im Hirn oder im inneren Ohr, durch Ermüdung oder Schwache der Nerven oder durch entotische (im Ohre selbst entspringende) Geräusche (d.h. Knacken, Sausen u. dgl.). Das Gehör ist ein höherer, für das Geistesleben des Menschen und die Erfassung einer objektiven Welt unentbehrlicher Sinn, auf dem ein großer Teil unserer Erkenntnis der Dinge beruht. Ein Vorzug der menschlichen Organisation besteht darin, daß wir Laute und Töne nicht nur vernehmen, sondern auch mit unseren eigenen Organen im reichsten Maße hervorbringen können. Dem pasiven Gehörsinne korrespondiert daher das aktive Sprachvermögen, das sich nur da entwickelt, wo der Gehörsinn vorhanden ist, bei dem Taubgebornen aber, trotz aller physischen Fähigkeit zum Sprechen, nicht zur Funktion kommt. Im Gegensatz zu dem Gesicht setzt uns aber das Gehör nur mit dem Näherliegenden, Terrestrischen, nicht mit dem Fernen, Kosmischen in Verbindung. Erst seit dem letzten Jahrhundert hat die Erfindung geeigneter Apparate (Telephon, erfunden von Reis 1860 usw.) es möglich gemacht, Töne und Worte auf weite terrestrische Entfernungen zu übermitteln; über die Erdatmosphäre reicht aber die Tonvermittlung auch jetzt nicht hinaus, und die pythagoreische Lehre von der Sphärenharmonie (s. d.), die das Ohr des Weisen vernimmt, ist eine Illusion. Vgl. H. Helmholtz, Die Lehre von den Tonempfindungen. 4. Aufl. 1877.
Preyer
, Die fünf Sinne des Menschen. Leipzig 1870.
Gehörnte
Gehörnte
, s. cornutus.
Geist
Geist
(
pneuma
lat. Spiritus, hebr. [...] Hauch) heißt anthropologisch dasselbe wie Seele (s. d.), nur daß diese auch den Inbegriff der inneren oder auch der niederen Lebenszustände, nicht nur den Träger des Denkens und die Persönlichkeit bezeichnet. Die Unterscheidung von Geist und Seele beruht historisch auf dem alten spiritualistischen Dualismus (s. d.), welcher dem Leibe als toter Materie (vgl. Cartesios, Spinoza, Leibniz, Fichte) die immaterielle Seele gegenüberstellte und letztere wieder in eine vegetative, empfindende niedere Seele und eine denkende höhere Seele (Geist) zerlegte. – So hat namentlich Aristoteles (384 bis 322) dem
threptikon
(der Ernährungskraft), dem
aisthêtikon
(der Empfindungskraft), dem
orektikon
(der Begehrungskraft) und
kinêtikon kata topon
(der Bewegungskraft), die der Mensch mit dem Tiere gemeinsam hat, den
nous
(Geist) als höheres menschliches Vermögen entgegengestellt. Ob man sich den Geist als Substanz oder als Energie denken will, hängt wesentlich von dem Erkenntniswerte ab, den man diesen Kategorien beilegt; auch den göttlichen Geist denken wir uns gegenwärtig nicht mehr nur mit dem altchristlichen Begriff als unendliche Substanz, sondern vielmehr als höchste Energie und zwecksetzenden Willen. Doch ist der Substanzbegriff metaphysisch nur schwer zu entbehren und für den Begriff von Geist und Gott vielfach festgehalten. In jedem Falle zwingt uns die Summe unseres Bewußtseinslebens dazu, den Begriff der materiellen Außenwelt durch den der geistigen zu ergänzen und in ihr den tieferen Kern des Daseins zu suchen. (Siehe Idealismus.) Der philosophische Materialismus übersieht einfach die Hälfte der gegebenen Tatsachen. – Da der Geist auch als Lebensprinzip angesehen werden kann, so legt man nicht bloß dem einzelnen Menschen, sondern auch Gemeinschaften einen Geist bei; man spricht vom Geist einer Schule, Kirche, vom Geist eines Zeitalters, d.h. von seiner Denkweise. Ferner stellt man den Geist, d.h. Inhalt, dem Buchstaben, der äußeren Form entgegen. Je nachdem ein Mensch viel oder wenig Geist zeigt, heißt er geistig, geistvoll resp. geistesarm, geistlos.
Geistreich ist
s. a. witzig;
geistlich
bedeutet soviel als kirchlich. Ein schöner Geist (bel-esprit) heißt ein Freund der Literatur und Kunst; ein
starker Geist
ist ein Freidenker.
Geisterlehre
Geisterlehre
u. Geisterseherei, s. Spiritismus.
Geisteskrankheiten
Geisteskrankheiten
(Seelen- oder Gemütskrankheiten) sind abnorme Zustände des Geisteslebens, in denen auf Grund physiologischer Störungen entweder einzelne Seelenprozesse (Vorstellen, Fühlen, Wollen) abnorm verlaufen, oder miteinander in Widersprach stehen. Die Grenze zwischen gesundem und ungesundem Seelenleben ist unsicher und fließend. Als Typen, die schon die Grenze der Psychose (Seelenkrankheit) berühren, gelten: 1. Die Verengung des Vorstellungskreises. 2. Die große Zerstreutheit. 3. Die Heftigkeit des Wollens und Fühlens. 4. Die fixen Ideen. 5. Das Schlafwandeln und der magnetische Schlaf. 6. Die Halluzinationen und Visionen. – Die Geistesstörungen im engeren Sinne zerfallen in solche der Depression und solche der Exaltation; dort zeigt sich übermäßige Herabstimmung, hier Überspannung des Seelenlebens. A. Typen der Depression sind: 1. Die Hypochondrie und Hysterie. 2. Die Melancholie. 3. Die Monomanie. B. Typen der
Exaltation
: 1. Die Manie oder Narrheit. 2. Die Tobsucht. 3. Die Verrücktheit. – Die Ursachen der Psychose sind mannigfach: Bald sind es Natureinflüsse, bald die Geschlechtsreife, bald die klimakterischen Jahre, bald die Konstitution, bald die Erblichkeit, bald das Leben in großen Städten, bald anstrengender Beruf und Stand, bald Sorgen und Leidenschaften, die zur Geisteskrankheit führen. Eine neue Klassifikation der Geisteskrankheiten, die scharf zwischen Neurosen und Psychosen scheidet, gibt
Hellpach
, die Grenzwissenschaften der Psychologie. Leipzig 1902. Vgl.
Hohnbaum
, Psych. Gesundheit und Irrsinn. Berlin 1845.
Wachsmuth
, Allgem. Pathol. d. Seele. Frankfurt 1859. J.
Weiß
, Kompend. d. Psychiatrie. Wien 1882. T.
Krafft-Ebing
, Psychiatrie. Leipzig 1883.
Geistesschwäche
Geistesschwäche
(imbecillitas) heißt die krankhaft verminderte Intelligenz. Sie tritt als Blöd-, Stumpf-, Schwachsinn, Dummheit, Einfalt oder Idiotismus auf. Einfalt, Dummheit, Schwachsinn, Stumpfsinn und Blödsinn bilden eine Stufenreihe. Dummheit und Schwachsinn sind zwei verschiedene Stufen der Schwäche der Erkenntnis, Stumpfsinn ist dagegen die Schwäche nicht nur der Intelligenz, sondern vielmehr aller Seelenprozesse, Blödsinn die höchste Stufe des Stumpfsinns.
Ursachen
der Geistesschwäche sind entweder die
angeborene
Schwäche (Einfalt und Idiotismus), welche auf abnormer Gehirn-, Schädel- oder Sinnesbildung beruht, oder die
sekundäre
, eine Folge von Gehirnkrankheiten oder vom Alter (senile Schwäche). Geistes-Schwäche ist immer mit physiologischen und psychischen Abweichungen vom normalen Zustande verbunden.
Geisteswissenschaften
Geisteswissenschaften
sind nach Dilthey diejenigen Wissenschaften, welche die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit zu ihrem Gegenstande haben (
Dilthey
, Einleitung in die Geisteswissenschaften I, 1883). Vgl. Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte, 3. Aufl. 1898. Einleitung S. 1-20.
Geiz
Geiz
, die Ausartung der Sparsamkeit, ist das übertriebene Streben nach Gutem, welches, Zweck und Mittel verwechselnd, den Besitz nur um des Besitzes willen begehrt, nicht, um für sich oder andere daraus Nutzen zu ziehen. Der Geizhals selbst genießt nichts von seinem Besitz; er genießt höchstens in der Einbildung, nie in Wirklichkeit, was ihm sein Geld verschaffen könnte. In der Sucht, sich die Mittel für ein frohes Leben zu sammeln, verabsäumt er, das Leben zu nutzen. Dieses völlige Zurücktreten des Zweckbegehrens hinter das Begehren des Mittels tritt am leichtesten gegenüber dem Gelde, dem Allmittel, auf. Leidenschaften schützen bis zu einem gewissen Grade vor dem Geize oder heilen davon. Darum ist die Jugend seltener geizig; dagegen disponiert das Alter, das durch ein langes Leben den Wert des Geldes erkannt hat, mehr zum Geize. Vgl. Molière, »L'Avare«.
Gelübde
Gelübde
sind feierliche, Gott gegebene Versprechungen des Menschen, etwas tun oder lassen zu wollen, wenn ihm ein bestimmter Wunsch gewährt wird. Solche einseitigen Abmachungen entspringen meist der Selbstsucht (do, ut des) und sind dann ihrem Wesen nach irreligiös. Vgl. Sprüche Salom. 20, 25: Es ist dem Menschen ein Strick, das Heilige zu lästern und danach Gelübde zu suchen.
Gemeinempfindung
Gemeinempfindung
nennt man gewöhnlich eine Empfindung, die aus einer Zustandsänderung im Organismus des Menschen entsteht. Die Gemeinempfindungen, so gefaßt, bilden das somatische Bewußtsein, das uns von dem Zustand unseres Leibes unterrichtet. Ihm wohnt eine gewisse Dunkelheit bei, von der sich, wie von einem Hintergrunde, die Empfindungen der einzelnen Sinne abheben. Die Gemeinempfindungen sind die Empfindungen innerer Teile. Obgleich mancherlei Schwankungen ausgesetzt, beruht auf ihnen das
Gemeingefühl
, das sinnlich bestimmte subjektive Befinden des Körpers; auch sind sie die leibliche Grundlage für unser Ichbewußtsein. Von ihnen hängt ferner besonders das sogenannte Temperament, und der Wechsel von Depression und Exaltation, der in der Jugend so häufig ist, ab. Auf ihnen beruhen auch die sogenannten Ahnungen, Sympathien, Launen, Stimmungen, Träume, und in ihnen kündigen sich physische und psychische Krankheiten an. –
Wundt
(geb. 1832) versteht unter den
Gemeinempfindungen
die Wärme-, Kälte- und Schmerzempfindungen nebst den in inneren Organen (Magen, Darm, Lunge usw.) zeitweise vorkommenden Druckempfindungen (Grundriß d. Psych. §6, 6; § 57). Unter
Gemeingefühl
versteht Wundt dasjenige Totalgefühl, das an die äußeren und inneren Tastempfindungen geknüpft, zugleich aber auch von den Geruchs- und Geschmacksempfindungen abhängig und der unmittelbare Ausdruck unseres sinnlichen Wohl- oder Übelbefindens ist (Wundt, Grundriß d. Psych. §12, 4, S. 193). Vgl. Muskelgefühl.
Gemeinsinn
Gemeinsinn
heißt 1. der gesunde
Menschenverstand
(common sense, sensus communis), wie man ihn bei jedem natürlichen Menschen antrifft; 2. das
Gemeingefühl
(s. Gemeinempfindung); 3. der
Gemeingeist
, entweder a)
objektiv
der ein Gemeinwesen beherrschende Geist (s. Geist), b)
subjektiv
die Hingebung an das Ganze im Gegensatz zum Egoismus und zur Engherzigkeit. Vgl.
Gefühlssinn
.
Gemüt
Gemüt
heißt die durch die Gesamtheit der Gefühls- und Willenserregungen erworbene Einheit und Bestimmtheit des Seelenlebens. Das Gemüt bildet den Gegensatz zur Intelligenz, welche der Gesamtzustand des Erkenntnislebens des Menschen ist und ihn in Beziehung zur Außenwelt setzt. Im Gemüte besitzt und genießt die Seele sich selbst; es bildet ihr innerstes Leben. Die Grundlage der jedesmaligen Gemütsstimmung ist das Gemeingefühl. – In prägnantem Sinne heißt ein Mensch von reichem Innenleben gemütvoll, während gemütlos sowohl der rohe Mensch als auch der Mensch, dessen Innenleben arm ist, heißt. Die Art und Weise, wie sich die Gefühle und Neigungen eines Menschen ausbilden, macht seine
Gemütsart
aus, welche heiter oder trübe, furchtsam oder tapfer, gutartig oder bösartig sein kann.
Gemütlichkeit
legen wir dem bei, welcher, ohne die Absicht dazu zu haben oder zu zeigen, durch sein Benehmen andere in eine angenehme Gemütsstimmung versetzt.
Gemütsbewegungen
sind alle stärkeren, oft plötzlich ausbrechenden Veränderungen der Stimmung, also heftige Gefühle, Affekte, Begierden und Leidenschaften. Das Gegenteil davon ist die
Gemütsruhe
, die nicht in der Gefühllosigkeit, sondern in der Harmonie der Gefühle und Bestrebungen besteht. Gemütskrankheiten s. Geisteskrankheiten. Vgl. Affekte, Apathie, Ataraxie.
Generatio aequivoca
Generatio aequivoca
(primaria, spontanea), Urzeugung, d.h. die elternlose Entstehung organischer Wesen aus unorganischem Stoffe, wurde von den alten Zoologen als Naturvorgang angenommen. Aristoteles glaubte an die generatio aequivoca selbst höher organisierter Tiere, wie der Aale und Frösche. Durch genaue Beobachtung und Experimente wurde diese Theorie im 17. und 18. Jahrhundert gestürzt, und sie ist in der Gegenwart sogar bezüglich der Protozoen widerlegt. Das Resultat aller neueren Untersuchungen ist, daß die derzeitige Existenz einer Urzeugung nicht bewiesen ist. Wer aber die Kant-Laplacesche Hypothese über die Bildung unserer Erde annimmt, ist gezwungen, zuzugeben, daß das Leben auf der Erde nicht von Anfang an vorhanden in der Tier- und Pflanzenwelt gewesen, sondern im Laufe der Entwicklung aus den unorganischen Stoffen entstanden ist. So wird die Hypothese von der generatio aequivoca zu einem
Postulat der Wissenschaft
, kann aber nicht dahin ausgedehnt werden, daß auch jetzt noch Urzeugung existieren muß. Siehe B. Hertwig, Lehrb. d. Zoologie 1897. S. 112 ff. Vgl. Abiogenesis; Panspermismus.
Generifikation
Generifikation
(nlt. generificatio) heißt die Zurückführung der Arten auf Gattungen. Vgl. Gattungsbegriffe, Division.
generisch / spezifisch
generisch
(franz. générique) und
spezifisch
(franz. spécifique) heißt ein Merkmal, je nachdem es einer Gattung oder einer Art von Begriffen zukommt. Vgl. Erklärung, Begriff.
genetisch
genetisch
(v.
genesis
= Ursprung, Entstehung) heißt zum Ursprung, zur Erzeugung einer Sache gehörig; eine genetische Erklärung gibt nicht die Merkmale eines fertigen Begriffs an, sondern leitet das Wesen des Begriffs aus der Entstehung seines Objektes ab. Die genetische Methode stellt den Bildungs- und Entwicklungsgang eines Wissensstoffes dar. In der Psychologie z.B. leitet sie die zusammengesetzten seelischen Phänomene aus ihren Elementen, die Tätigkeiten der Seele aus ihrem Ursprunge nach allgemeinen Gesetzen ab und führt so zu einem Verständnis der verwickeltsten Vorgänge des Seelenlebens. Ohne die genetische Methode kann keine Erfahrungswissenschaft auf die Höhe gebracht werden. Zoologie, Botanik, Mineralogie, Geologie, Geographie, Sprachwissenschaft, Psychologie usw., haben sich alle in der Neuzeit die genetische Methode angeeignet und die bloß deskriptive Methode aufgegeben. Erst hierdurch sind sie zu wahren Wissenschaften geworden.
Das Sein begreift sich nur aus dem Werden.
– Vgl. W. Volkmann, Lehrb. d. Psychol. 4. Aufl. I, § 3. Köthen 1894.
Spencer
, Principles of Psychology I, §61. Lond. 1885.
Genie
Genie
(franz. génie, v. lat. genius), eigtl. der Schöpfergeist, die Schöpfungskraft, bedeutet die außergewöhnliche Begabung, welche Originelles und Musterhaftes hervorbringt. Die Grundlage des Genies ist die schöpferische Phantasie, welche eine Fülle von Vorstellungen leicht erzeugt, verbindet und von sich gibt. Daher rührt die Lebhaftigkeit und Kühnheit, die Klarheit, Schnelligkeit und Objektivität und der nie rastende Schöpfungsdrang des Genies, seine Abneigung gegen starre, feste Normen, das äußerlich Unvermittelte, Überschwengliche, oft Unverständliche seines Schaffens. Fehlt es ihm an Schulung, so verwildert es und zerfällt mit dem Leben und sich selbst. Zur vollen Entwicklung bedarf es der Selbstbeherrschung, wie sie z.B. Goethe sich erwarb. Daher kommt, es, daß sich die größten Genies auch durch Fleiß ausgezeichnet haben, so außer Goethe Rafael, Michel Angelo, Shakespeare. (Vgl. F.A.Wolf: »Genie ist Fleiß!« und
Schopenhauer
, die Welt als Wille und Vorstellung I, § 36). Das Genie beschränkt sich meist auf ein bestimmtes Gebiet, so weit dieses auch innerhalb seiner Grenzen sein mag. Sogenannte Universalgenies mit Vollständigkeit aller menschlichen Gaben gibt es selten. Von universaler Begabung waren aber Aristoteles, Leonardo da Vinci, Leibniz, Goethe. Kant (1724-1804) definiert Genie als das Talent, welches der Kunst die Regel gibt oder als die angeborene Gemütsanlage, durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt (vgl. Kr. d. Urteilskr. § 46, S. 178 ff.). In neuerer Zeit hat man die Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn vielfach nachzuweisen versucht. Vgl.
Lombroso
, d. geniale Mensch. Übersetzt von Fränkel, Hamburg 1890. F.
Brentano
, das Genie. Leipzig 1892.
geocentrisch
geocentrisch
(aus d. gr. und lat. geb.) heißt die z.B. von Ptolemaeus (im 2. Jahrh. n. Ohr.) vertretene Weltansicht, welche, im Gegensatz zu der die Sonne als Mittelpunkt des Planetensystems betrachtenden heliocentrischen Ansicht des Kopernikus, die Erde als Mittelpunkt der Welt ansah.
Geogonie
Geogonie
ist die Lehre von der Entstehung der Erde, Sie setzt da ein, wo die
Kosmologie
(s. d.) aufhört. Ihre wichtigsten Hypothesen sind folgende: Die Erde war bei ihrer Entstehung ein feurig-flüssiger Ball, von dem sich durch Rotation erst später die Masse des Mondes ablöste. Alle jetzt festen Stoffe waren zu dieser Zeit auf der Erde dampfförmig oder flüssig. Der Ball kühlte sich allmählich ab, und die Oberfläche desselben begann zu erstarren, seine Wasserdampfhülle kondensierte sich und schlug sich nieder. Die Oberfläche bekam durch Zusammenschrumpfen des Innern Risse, Sprünge und Einbrüche, durch die Säure hervorquoll, und in die das Wasser als Meer drang. Meer und Landmassen schieden sich auf der Oberfläche, vielfach die Herrschaft an einzelnen Stellen wechselnd. Wo das Meer ursprünglich war, ließ es eine Schlammschicht zurück. Anfangs beherrschten nur physikalische und chemische Kräfte den Erdball. Bei genügender Abkühlung trat das organische Leben hinzu durch generatio aequivoca (s. d.). Pflanzen entstanden und Tiere, gebunden an das Sonnenlicht und die Sonnenwärme. Und schließlich brachte es der Mensch zur Herrschaft hier auf Erden und griff mit seiner Kraft umgestaltend ein. (Siehe Anthropologie).
Gerechtigkeit
Gerechtigkeit
ist diejenige Tugend, welche in dem Bestreben des Menschen besteht, jedem das Seine zuteil werden zu lassen. Chr. Wolf (1679-1754) definiert: Iustitia virtus est, qua ius suum cuique tribuitur (Eth. II, § 576). Sie hat eine negative und eine positive Seite: jene zeigt sich darin, daß man den ändern nicht verletzt (neminem laede), diese darin, daß man dem anderen gibt, was ihm zukommt (suum cuique tribue). Vgl. Kant, Metaphys. d. Sitten, I. Einleitung, S. XLIII ff. Schon in der Natur kann man vielleicht einen gewissen Grad von Gerechtigkeit wahrnehmen, insofern man der Ansicht ist, dass sie jedes Ding seinem Zweck zuführt. Soweit dies der Fall ist, kann man Gerechtigkeit die Existenzform des Universums nennen. (Vgl. Schiller: »Die Natur ist ewig gerecht.«) Die Alten rechneten sie zu den vier Cardinaltugenden (s. d.), neigten aber dazu, in ihr die Summe aller Tugenden zu sehen. Schon der Dichter Theognis (um 660 T. Chr.) sagte V. 147, in der Gerechtigkeit sei alle Tugend befaßt (
en de dikaiosynê syllêbdên pas' aretê 'stin
).
Platon
(427-347) sah in ihr die allgemeine Tugend, die nicht einem besonderen Teil der Seele angehört, sondern darin besteht, daß jeder Teil der Seele die ihm eigentümliche Aufgabe erfüllt. Bei
Aristoteles
(384-322) ist sie die vollkommenste unter den ethischen Tugenden (Eth. Nicomach. V. 5-6); sie umfaßt im allgemeineren Sinne alle anderen ethischen Tugenden, soweit sie sich auf den Nebenmenschen beziehen (
hê men oun kata tên holên aretên tetagmenê dikaio-synê kai adikia, hê men tês holês aretês ousa chrêsis pros allon, hê de tês kakias
Aristot. Eth. Nicom. V, 5 p. 1130 b 19). Im engeren Sinne ist sie die Tugend, die das Angemessene bezüglich Gewinns und Nachteils herstellt. Sie ist entweder
distributiv
(
hen men esti eidos to en tais dianomais
p. 1130b 31), sofern sie sich auf die Austeilung von Gütern und Ehren bezieht, oder
kommutativ
,
diorthôtikon
sofern sie freiwillige oder unfreiwillige Ausgleichung im Verkehr (
to de loipon hen to diorthôtikon, ho gignetai en tois synallagmasin kai tois hekousiois kai tois akousiois
Aristot. Eth. Nicom. V, 6 p. 1131b 25), bei Verträgen oder im Strafverfahren herstellt. Im N. T. steht ebenfalls oft Gerechtigkeit für Tugend überhaupt, z.B. Matth. 5, 17 ff. 7, 12. In neuerer Zeit faßt man sie mehr im engeren Sinne.
Herbart
(1776-1841) rechnet sie zu den praktischen Ideen oder Musterbegriffen und läßt sie aus dem Mißfallen am Streite hervorgehen.
Geruch
Geruch
(lat. olfactus) beißt nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche einer der fünf Sinne des Menschen, durch den wir bei Reizung der in der Nase befindlichen Endorgane des Riechnervs, der Riechzellen, Ausdünstungen von Körpern wahrnehmen. Die Geruchsempfindungen unterscheiden sich durch ihre Intensität und Qualität. Die Stärke der Empfindung hängt von den den Reiz veranlassenden Substanzen selbst, vom Umfang der gereizten Stelle des Riechnervs und der Dauer des Riechens ab. Die Qualitätsunterschiede der Geruchsempfindungen sind noch wenig erforscht. So wichtig der Geruchssinn dem Subjekte für die Auffindung nützlicher und für die Abwehr schädlicher Stoffe ist, so unentwickelt und unerzogen ist er doch beim Menschen und so wenig psychologische oder ästhetische Bedeutung hat er für uns, weil wir seine Empfindungen nicht unmittelbar in Zeit- und Raumform einordnen und also mit Hilfe dieses Sinnes nicht direkt Objekte erfassen, auch die einzelnen Qualitäten der Geruchsempfindung bisher nicht in bestimmte Beziehungen zueinander zu bringen und zu klassifizieren vermögen. Nur frühere Stimmungen werden uns öfters durch den Geruch (so durch Weihrauch und Leichenduft) ins Gedächtnis gerufen. – In neuester Zeit hat Jäger ihn als das wichtigste Mittel zur Menschenkenntnis gepriesen. Vgl. G.
Jäger
, die Entdeckung der Seele. Leipzig 1879.
Wundt
, Grundz. d. phys. Psych. I S. 413 ff. Grundriß d. Psych. § 6, 12 S. 65.
Zwaardemaker
, Physiologie des Geruches. 1895.
Geschehen
Geschehen
, s. Werden.
Geschichte
Geschichte
(von geschehen) heißt,
unmittelbar und objektiv erfaßt
, die
Summe von Veränderungen und Entwicklungen
, welche einzelne Dinge oder Personen während ihres Daseins erleiden. Im allgemeinen hat jedes einzelne Ding, seine Geschichte, ein Baum, ein Stein, die Erde usf.; denn alles verändert sich fortwährend. Im engeren Sinne aber hat nur der Mensch eine Geschichte; denn er allein erlebt die Veränderungen durch sein Selbstbewußtsein und bestimmt sie durch seine Freiheit. Zunächst hat nur jeder einzelne Mensch seine Geschichte. Aber die Geschichte erweitert sich zu derjenigen einer Familie, eines Geschlechts, einer Stadt, eines Landes, eines Menschenalters, eines Jahrhunderts, ja der ganzen Menschheit. Von der Geschichte des einzelnen können wir also stufenweise bis zur Geschichte der Menschheit aufsteigen. Diese umfaßt nicht bloß die Entwicklung der Individuen und aller Völker, also die Entwicklung der Personen und Personengemeinschaften, sondern auch die aller Tätigkeitsgebiete, welche der Mensch auszuüben gelernt hat, z.B. des Ackerbaus, des Handels, der Industrie, des Staatswesens, des Rechts, der Kunst, der Religion, der Wissenschaft usf. Jedes Zeitalter in der Entwicklung der Menschheit bildet eine bestimmte Stufe, und der Mensch erscheint auf solcher Stufe als abhängig von der Vergangenheit und bestimmt durch die vorausgegangene Geschichte. Andrerseits hat jede Zeit ihre eigenen Aufgaben und macht wie die vorausgegangenen Zeiten einen Fortschritt und wird ein die Folgezeit mitbestimmender Faktor. Es geht aus diesem Verhältnis im allgemeinen eine Schwierigkeit für die lebenden Menschen hervor, ein Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen dem Bestehenden und dem erst zu Schaffenden, zwischen der Fessel, die die Vergangenheit bildet, und dem Drang nach Freiheit, und denkende Zeitalter nehmen auch bestimmte Stellung zur Frage vom Werte und der Bedeutung des Geschichtlichen. Und gerade in der Gegenwart macht sich das Bedürfnis einer solchen Stellungnahme besonders geltend. Das 18. Jahrhundert, das Zeitalter der Aufklärung und des Rationalismus, versuchte unbekümmert um die Vergangenheit sich das Leben auf abstrakter, vernünftiger Grundlage neu zu gestalten, verlor aber dabei den Reichtum des Lebens aus dar Hand und gelangte nur zu unhaltbaren Schöpfungen. Das 19. Jahrhundert, das saeculum historicum, entwickelte nach dem Zusammenbruch des Rationalismus die historische Denkweise der Menschheit und gewann damit das tiefere Verständnis für die Gegenwart, schuf sich aber durch sein historisches Denken eine Schranke im eigenen Schaffen, eine schwer zu bewältigende Last und eine einengende Unfreiheit. Eucken (Geistige Strömungen der Gegenwart, Leipzig 1904, S. 252 ff.) faßt daher das Problem dahin zusammen: »Wir können die Geschichte weder festhalten, noch entbehren; wir geraten ins Leere, wo wir sie abschütteln, wir verfallen in ein Schattenleben, wo wir uns ihr anschmiegen. Die Durchschnittsart mag sich demgegenüber mit Kompromissen behelfen und sich ein Mittelding von Freiheit und Knechtschaft gefallen lassen, eine energische Denkweise wird die Unmöglichkeit eines Kompromisses durchschauen und auf einer inneren Überwindung des Gegensatzes bestehen.« Die innere Überwindung des Gegensatzes sucht Eucken in einer Erhebung über die Zeit, in dem Streben nach Entfaltung einer zeitüberlegenen Geistigkeit, zu der in der Geschichte Anweisungen, Aufforderungen und Möglichkeiten liegen, die aber selbst vom Zeitlichen zum Ewigen vordringt. In der Geschichte muß Vergängliches und Unvergängliches geschieden, aus ihr eine geistige Gegenwart herausgehoben und so aus der Vergangenheit ein Stück einer zeitüberlegenen Gegenwart gemacht werden, das in einer durchgreifenden Umwälzung, einem Aufsteigen einer neuen Art des Lebens besteht. Wer weniger idealistisch denkt, wird vielleicht anders als Eucken den Kampf zwischen Historismus, Rationalismus wenigstens in der Praxis, für eine fortdauernde, niemals zu beseitigende und zu versöhnende Erscheinung des Menschengeschicks ansehen. – Die Geschichte
mittelbar und subjektiv erfaßt
, ist die
Erforschung und Darstellung
des objektiven Geschehens; diese umfaßt im weitesten Sinne als Universalgeschichte zugleich alle Gebiete des Lebens in- und nebeneinander; da eine solche Zusammenfassung aber meist die Fähigkeit des Darstellers oder Lesers übersteigt, so hat man gewöhnlich die einzelnen Gebiete in besonderen Darstellungen behandelt, und wir unterscheiden Staats-, Rechts-, Kirchen-, Kunst-, Literatur-, Handelsgeschichte usw. Bin Zweig derselben ist auch die Geschichte der Philosophie. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hat man auf die Kenntnis der Kulturentwicklung immer mehr Gewicht gelegt, und zuerst haben Voltaire ( 1778) und Herder ( 1803) auf die gesonderte Darstellung derselben hingewiesen. Neben der Kulturgeschichte hat die individualistische (politische) Geschichte ihr volles Recht, und beide Zweige der Geschichtswissenschaft haben sich im 19. Jahrhundert kräftig entwickelt. Die Aufgabe der Geschichtsforschung besteht darin, sowohl die allgemeinen Bedingungen des Lebens und Handelns der Menschheit, als auch die besonderen Bedingungen eines jeden einzelnen Zeitraums und jeder einzelnen Kulturstufe bis zu den individuellen Faktoren des einzelnen Menschenlebens festzustellen. Andere Wissenschaften, wie die Mathematik, die Naturwissenschaft, die Philosophie, suchen in den Erscheinungen das Gleichbleibende, das Gesetz, und beschäftigen sich nicht mit dem Einzelnen. Sie verfahren also generalisierend. Die Geschichte ist individualisierende Kulturwissenschaft und beschäftigt sich gerade mit dem einzelnen Menschen und dem einzelnen Ereignis, wie sie gegeben sind, und jeder Historiker behandelt sein Objekt stets individualisierend, es als ein einmal zu bestimmter Zeit und an bestimmter Stelle Gegebenes betrachtend. Und für die Geschichte kommen auch neben den allgemeinen kausalen Faktoren des Geschehens der Zufall und der freie Wille mit in Betracht, die in der Geschichte neue Kausalreihen beginnen und herbeiführen, die wieder ihrerseits andere Kausalreihen als Gegenwirkung hervorrufen. Auf dem Zusammenwirken dieser Faktoren beruht die Wirklichkeit des Daseins mit ihrer großen Mannigfaltigkeit, und sie hat der Historiker darzulegen und bezüglich seiner Werte für die Kultur zu bestimmen, indem er das einzelne Geschehen im Zusammenhang mit dem Vorausgegangenen und mit der gleichzeitigen Umwelt betrachtet. – Die
Philosophie der Geschichte
untersucht das Wesen der Geschichte im Unterschied von der Natur, stellt die Gesetze ihres Ursprungs und ihrer Entwicklung auf und hebt die Ideen hervor, von welchen bedeutende Individuen, ganze Perioden und Völker geleitet worden sind. Sie geht von der Universalgeschichte aus, sucht die Prinzipien des geschichtlichen Lebens auf und begründet eine Logik der Geschichtswissenschaft. Sie darf nicht dazu führen, die Geschichte zu konstruieren, wie das Hegel getan hat, besteht aber doch zu Recht, soweit es Allgemeines in der Geschichte gibt. Vgl.
Herder
, Ideen z. Philos. d. Gesch. d. Menschh. 1784 ff. Lessing, Erziehung d. Menschengeschl. 1781.
Schiller
, Was heißt u. zu welchem Ende stud. man Universalgesch.? 1784. Kant, Ideen zu einer allgem. Gesch. in weltbürgerl. Absicht 1784. Hegel, Phänomenol. 1832. Lotze, Mikrokosmos 3. Aufl. 1882.
Jhering
, Geist des römischen Rechts. 5. Aufl. Leipzig 1878-91.
Niebuhr
, Römische Geschichte. Berlin 1811-1832.
Savigny
, Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter. Heidelberg 1815-1831. J. G.
Droysen
, Grundriß der Historik. 3. Aufl. 1862. K.
Lamprecht
, die kulturhistorische Methode. 1900. H.
Rickert
, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft. 1892. H.
Rickert
, Geschichtsphilosophie. Heidelberg 1904. G.
Simmel
, die Probleme der Geschichtsphilosophie. 1899.
Windelband
, Naturwissenschaft und Geschichte. 1894. Vgl. Völkerpsychologie.
Geschichte der Philosophie
Geschichte der Philosophie
. Wie jede Wissenschaft, hat auch die Philosophie (s. d.) ihre Geschichte, d.h. sie hat eine Summe allmählicher Veränderungen und Entwicklungen durchgemacht. Diese haben (vgl. Fortschritt) zu einer immer besseren Herausgestaltung ihres Wesens geführt. Die Geschichte der Philosophie ist die Geschichte des menschlichen Ringens nach Erkenntnis. Und wenn Erkenntnis uns auch nie vollständig zu teil wird, wenn auch kein Philosoph unfehlbar, kein System unangreifbar ist, so ruht und rastet die Menschheit doch nicht, die alten Probleme immer aufs neue zu untersuchen, neue Fragen aufzuwerten und, was die Einzelwissenschaften an neuen Gedanken gewinnen, zur Begründung einer haltbaren Weltanschauung an verwerten. Oft ist geurteilt worden, daß die Geschichte der Philosophie uns in der Denkarbeit der Menschheit nur ein Penelopebild gebe. Was ein Zeitalter schaffe, löse das andere wieder auf. Wer aber schärfer zusieht, erkennt doch den Fortschritt, die Entwicklung und die Ausdehnung der Probleme. Rein negierend stehen sich die einzelnen Philosophen doch nicht gegenüber. Nur wird oft, was ein Zeitalter als das Ganze nimmt, später als bloßes Glied des Wissens erkannt. An der Entwicklung der Philosophie sind hauptsächlich im
Altertum die Griechen
und Römer, im
Mittelalter
und in der Renaissancezeit die
Italiener
, die
Franzosen
, die
Deutschen
und die
Engländer
, in
der Neuzeit die Franzosen, Engländer
und
Deutschen
beteiligt gewesen. Neuerdings zeigt sich aber wieder in
Italien
frisches philosophisches Streben. Die angemessene Darstellung dieser Entwicklung ist weder bloß gelehrt, noch skeptisch, noch konstruierend; die
gelehrte
Darstellung häuft Wissensstoff, ohne den Gang der Entwicklung aufzuzeigen; die
skeptische
hält die ganze Geschichte für ein zweckloses Hin und Her von Irrtümern; die
konstruierende
zwängt jedes System in das Schema vorgefaßter Begriffe. Demgegenüber wird nur die
kritische Darstellung
den einzelnen historischen Erscheinungen gerecht, indem sie zunächst die Ansichten der einzelnen Philosophen möglichst objektiv darstellt, dann ihren Gedankengang nachzuphilosophieren und auf die Folgerichtigkeit durchzuprüfen und endlich das Bleibende herauszuschälen sucht. – Quellen dieser Geschichte sind die noch vorhandenen Schriften der Philosophen, ihrer Schüler, Gegner und Zeitgenossen. Wichtige Werke zum Studium der Geschichte der Philosophie sind: H.
Ritter
, Gesch. d. Phil. Berl. 1839f.
Überweg-Heinze
, Gesch. d. Phil. 10. Aufl. Berl. 1907. Job. Ed.
Erdmann
, Grundriß d. Gesch. d. Philos. 2 Bde. 4. Aufl. 1896. Ed.
Zeller,
die Philos. der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung. 3. Bde. 4. Aufl. 1889. Ed.
Zeller
, Geschichte d. deutschen Phil. seit Leibniz. München 1875. W.
Windelband
, Geschichte der neueren Philosophie. 2 Bände. 1892. R.
Falckenberg
, Geschichte der neueren Philosophie. 1898. Kuno
Fischer
, Geschichte der neueren Philosophie. 8 Bde. 5. Aufl. 1904.
L. Noack,
Philos-geschichtl. Lexikon. 1879.
Vorländer,
Geschichte der Philosophie. 2 Bde. Lpz. 1903.
Geschlechtscharakter
Geschlechtscharakter
heißt die Mann und Weib voneinander unterscheidende, vom Geschlecht abhängige Eigentümlichkeit der Menschen. So wie sich dieser Unterschied bisher aus der Natur und der Stellung von Mann und Frau in der Geschichte ergibt, ist er etwa folgender: Der Mann hat ansehnlicheren Knochenbau, stärkeres Muskelsystem, weitere Brust, größere Lungen, schärfere Umrisse und größere Maße des Körpers als das Weib. Der männliche Körper ist im ganzen großer, kräftiger, fester, zäher, eckiger, der weibliche dagegen kleiner, schwächer, weicher und runder. Diesem leiblichen Unterschied entspricht der seelische. Der Mann ist im allgemeinen unternehmender, begehrlicher, offener, aufstrebender und aufbrausender als das Weib, während dieses mehr in sich gekehrt, bescheiden, rücksichtsvoll, listig, verschlossen und ruhig ist. Beim Manne wiegt der Verstand, beim Weibe das Gemüt vor; jenen bezeichnet Universalität, dieses Individualität; der Mann steht den Dingen mehr aktiv, die Frau mehr passiv gegenüber; er kämpft für Freiheit, Recht und Wahrheit, sie für Sitte, Überlieferung und Schönheit; er ist energisch, produktiv, selbständig, sie hingebend, reproduktiv, anschließend. Er macht die Geschichte, sie lehnt sich an die Natur an; sein ganzes Seelenleben ist ausgeprägter als das ihre; er richtet sich aufs Allgemeine, Ganze, Große, während sie das Einzelne, Kleine hegt und pflegt. – Die moderne Frauenbewegung läßt diesen Unterschied nicht mehr gelten. Es ist auch zuzugeben, daß vieles, was als Geschlechtscharakter gegolten hat und noch gilt, viel mehr Produkt der sozialen Verhältnisse als der Natur ist. Das Weib fordert jetzt, dem Manne völlig gleich oder ebenbürtig zu werden. Führen diese Bestrebungen auf sozialem, pädagogischem und wissenschaftlichem Gebiet zum Ziele, so wird eine seelische Umstimmung des Weibes eintreten müssen, die auf alle Verhältnisse zurückwirken muß. Jedenfalls liegt in der Frauenfrage nicht nur eine soziale Frage, sondern auch eine Frage von großer kulturgeschichtlicher Tragweite vor. Es ist Tatsache, daß die Frau wohl, wie in den Zeiten des Bittertums, hie und da übertriebene Verehrung seitens des Mannes erfahren hat; aber ihre gerechte und von aller Schwärmerei freie Einschätzung hat sie trotzdem nicht gefunden. In der Kulturarbeit hat sie nur eine untergeordnete Nebenstellung einnehmen und den Bahnen des Mannes folgen dürfen. Alles drängt dahin, ihr einen größeren Anteil zu gewähren. Prüfstein für die ganze Frauenarbeit wird aber sein müssen, ob sie imstande ist, der Kultur der Menschheit aus sich heraus etwas Neues zu geben. Soweit die Frauen nur den Bahnen der Männer folgen und einfach deren Bildungsformen auf sich übertragen, hat die Frauenbewegung nur einen beschränkteren Wert und kann nur als ein Akt der Gerechtigkeit angesehen werden. – Nach
Aristoteles
verhalten sich die Geschlechter wie Form und Stoff, wie Seele und Leib; den Mann vergleicht er dem Löwen, das Weib dem Panther. Jedes Geschlecht ist besonderen leiblichen und seelischen Krankheiten ausgesetzt, hat seine eigentümlichen Vorzüge, Schwächen und Leidenschaften. Der Mann ist mehr dem Zorn, der Wut und Raserei, das Weib der Lust, Eifersucht und Melancholie unterworfen. Vgl.
Rousseau
, Emile, Buch V.
Jean Paul
, Levana § 81 ff. W. v.
Humboldt
, Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluß auf die organische Form; Über die männliche und weibliche Form. 1794. H.
Lotze
, Mikrokosmos III, S. 370f.
Helene Lange
, Die Frau (Zeitschrift).
Geschmack
Geschmack
(lat. gustus) heißt in
physiologischer Beziehung
der Sinn, welcher uns das Süße, Saure, Bittre, Salzige, Alkalische und Metallische der Gegenstände empfinden läßt, sobald dieselben in löslicher Form das Empfindungsorgan berühren. Dieses Empfindungsorgan besteht in den Endorganen des Geschmacksnervs, den Schmeckzellen, die auf der Zungenschleimhaut liegen. Der Geschmack gehört zu den niederen unentwickelten Sinnen; denn sein Kreis ist eng, und für die Ausbildung der höheren Fähigkeiten leistet er dem Menschen fast nichts, da bei ihm die unterscheidbaren Qualitäten nur unvollkommen in wechselseitige Beziehungen zu setzen sind; nur für die Auswahl der Nahrungsmittel ist er wichtig. Geschmacksaufhebung und –täuschung kommt in Krankheiten und Geistesstörungen vor. Vgl.
Bernstein
, die fünf Sinne. Lpz. 1875. Wundt, Grundzüge d. phys. Psych. I, S. 411 ff. Grundriß d. Psych. § 6, 13 S. 66. – In
ästhetischer
Hinsicht ist der Geschmack subjektiv die Fähigkeit, das Schöne zu beurteilen und vom Häßlichen zu unterscheiden;
objektiv
ist er der Inbegriff der ästhetischen Urteile, die daraus hervorgehen, daß gewisse Dinge, unabhängig vom Nutzen und von der Begierde, dem geistigen Menschen möglichst unmittelbar und uninteressiert gefallen. Der Satz: de gustibus non est disputandum (über den Geschmack läßt sich nicht streiten) bezieht sich daher weniger auf das Schöne als auf das Angenehme, welches in stärkerem Maße dem subjektiven Fühlen anheimgegeben ist. Kant definiert den Geschmack als das Vermögen der ästhetischen Urteilskraft, allgemeingültig zu wählen (Anthropologie I § 64, S. 186) oder als das Beurteilungsvermögen eines Gegenstandes oder einer Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen oder Mißfallen
ohne alles Interesse
(Kr. d. Urt. I § 5, S. 16). Vgl. Ästhetik.
Gesetz
Gesetz
(lat. lex, gr.
nomos
) heißt im allgemeinen der Ausdruck des in einer Reihe von Vorgängen Wiederkehrenden oder einer Regel, wonach etwas zu geschehen hat. Kant definiert Gesetze als Prinzipien der Notwendigkeit dessen, was zum Dasein eines Dinges gehört (Metaph. Anfangsgr. der Naturw., Vorrede S. VII). Die Notwendigkeit, deren Ausdruck das Gesetz ist, ist entweder eine physische oder eine psychische oder eine logische oder eine moralische oder eine juridische. Es gibt daher
Natur-, Seelen-, Denk-, Sitten-
und
Staatsgesetze
. Im Sprachgebrauch ist der älteste Begriff des Gesetzes der juridische gewesen. Er ist vom menschlichen Handeln zur Natur gewandert, hat hier eine neue Gestalt genommen und kehrt mit ihr zum Menschen zurück, um auch sein Dasein in ein neues Licht zu rücken. (Eucken, geistige Strömungen 1904, S, 151.)
Naturgesetz
bezeichnet zunächst nicht Gesetz der Außenwelt, sondern ungeschriebenes Gesetz der menschlichen Natur (
agraphos nomos
) Erst bei den Stoikern wird der Name auf die Natur übertragen. Lukrez kennt den Ausdruck leges naturae. Aber erst die Neuzeit benennt allgemein die Gesetze des Geschehens Naturgesetze. (Vgl. Zeller, über Begriff n. Begründung der sittlichen Gesetze. 1883.) Die
Natur
– und
Seelengesetze
sind Gesetze, von denen es keine Abweichung gibt; es steht nicht in jemandes Belieben, sich von ihnen frei zu machen. Die Natur- und Seelengesetze sind Formeln für die Stetigkeit des Geschehens in der Natur und in der Seele, für die Resultate gewisser bleibender Verhältnisse; in ihnen fällt Notwendigkeit und Tatsächlichkeit zusammen. Es ist z.B. ein Gesetz, daß Eisen im Sauerstoff oxydiert; das heißt, es ist eine stets beobachtete Tatsache, daß Eisen durch Sauerstoff eine bestimmte Veränderung erleidet, oder Sauerstoff hat die Eigenschaft, d.h. die Kraft, Eisen zu. zersetzen; ebenso verhält es sich mit den Fallgesetzen, mit dem Gesetz von der Erhaltung der Energie – es sind Ausdrücke für Vorgänge, die unter denselben Bedingungen immer wieder eintreten, und zwar, weil es nicht anders geschehen kann. Auch die
Sprachgesetze
schließen sich den Natur- und Seelengesetzen an und zeigen dieselbe Ausnahmelosigkeit wie jene. (Siehe Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte. 3. Aufl. 1898.) – Anders steht es mit den
Denk-, Sitten-
und
Staatsgesetzen
, welche sich auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Moral, der Geschichte, des Hechts, mit einem Wort, der menschlichen Kulturarbeit beseitigen. Diese sind von den Menschen geschaffen und aufgestellt, damit sie von Menschen anerkannt und befolgt werden. Weil diese aber Personen sind, d.h. Wesen mit Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung, so steht es bei ihnen, ob sie den Gesetzen gehorchen wollen oder nicht. Daher finden wir, wenn wir die Geschichte der Individuen wie der Völker betrachten, daß sie so oft dasjenige, was ihnen die Gesetze gebieten, übertreten, indem sie ihren Trieben, Interessen, Gefühlen oder Gewohnheiten folgen. Darauf beruhen alle Fehler in der wissenschaftlichen Forschung, alle moralischen Gebrechen, alle Verstöße gegen die Ordnung des Staates. Der Unterschied zwischen den Natur- und Seelengesetzen einerseits und den logischen, moralischen, juridischen Gesetzen anderseits besteht also darin, daß jene eine Notwendigkeit, diese eine Verpflichtung in sich schließen; jene müssen, diese sollen befolgt werden; jene sind nur der Ausdruck der objektiven Verhältnisse, diese wenden sich an den Willen des Menschen. Daß jene unter denselben Bedingungen nicht zur Geltung kommen sollten, ist ebenso unmöglich, als daß diese nicht übertreten werden sollten. Damit hängt ein weiterer Unterschied zwischen jenen und diesen zusammen. Jene Bind induktiv, diese deduktiv gefunden, d.h. jene sind durch (vielleicht nicht immer zureichende und nie völlig abzuschließende) Beobachtung gewonnen, diese hingegen nicht allein aus der Erfahrung, sondern auch aus der Vernunft selbst abgeleitet. Ein Naturgesetz, welches durch eine Instanz nicht bewährt wird, muß umgestaltet werden; ein Vernunftgesetz, z.B. aus der Moral, bleibt gültig, auch wenn es hundertmal übertreten würde. Was die Vernunft als gut oder wahr oder schön oder recht usf. anerkannt hat, bleibt so, selbst wenn es Tausende von Menschen, ja zeitweilig gar die Mehrzahl derselben nicht anerkennen. Andrerseits zeigt sich bei tieferer Betrachtung doch auch wieder eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen beiden Arten von Gesetzen. Beide werden von den
Menschen
durch ihre Erkenntnistätigkeit gefunden und aufgestellt, beide werden von ihnen fort und fort modifiziert entsprechend dem Stand ihrer Erkenntnis. Die Vernunftgesetze ferner, welche wir für die menschliche Gesellschaft aufstellen, beruhen auch auf der
Natur
, nämlich auf der über die ganze Erde verbreiteten Menschennatur, ebenso wie die Naturgesetze, welche wir finden, schließlich auch als Beweise einer objektiven
Vernunft
zu gelten haben – eine Auffassung, welche von der Metaphysik naher zu begründen ist. Vgl. Natur, Zweckmäßigkeit, Notwendigkeit, Hypothese.
Gesicht
Gesicht
(lat. visus) heißt nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche der Sinn, durch welchen wir Vorstellungen von dem Licht der Farbe und den Umrissen beleuchteter Gegenstände in verschiedener Qualität und Intensität erlangen. Die »spezifische Energie« des Gesichtssinnes ist das Licht; denn mag das Auge durch Lichtwellen, Elektrizität oder mechanischen Druck gereizt werden, so hat es doch stets Lichtempfindungen. Die farblosen Lichtempfindungen bilden ein eindimensionales System mit den Qualitäten Schwarz, Grau, Weiß, die zugleich Intensitätsstufen oder Helligkeitsgrade darstellen. Die Farbenempfindungen Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett bilden ein System, das sich in der Form eines Kreises (Farbenkreis) anordnen läßt und in dem zwei einander gegenüberliegende Farben Gegenfarben bilden, so z.B. Gelb und Blau, Rot und Grün usw., und in dem jede einzelne Farbe ihre verschiedenen Sättigungsgrade und Helligkeitsstufen besitzt. Ergebnis der an die Sinnesempfindung sich anschließenden Bewußtseinstätigkeit ist es, daß wir die Dinge mit zwei Augen einfach und aufrecht sehen (vgl. Aufrechtsehen); ebenso werden wir ihre Größe, Entfernung und Richtung nicht unmittelbar gewahr, sondern erschließen sie erst durch Bewußtseinstätigkeiten. Auch erhebt der Geist die Lichtempfindung erst zu einer Vorstellung. Gesehen wird nur das Empfundene; Größe, Entfernung, Richtung, Gestalt, Bewegung und Zahl sind alles innerlich hinzutretende Formbestimmungen, die wir nicht empfinden. Der Hauptvorzug des Auges vor den übrigen Sinnen besteht sowohl in der gleichen Empfänglichkeit aller Fasern des Sehnerven für die verschiedenen Erregungsweisen als auch in der organischen Möglichkeit, durch Bewegung die Qualität der Empfindung abzuändern.
Wundt
(geb. 1832) nimmt an, daß die bestimmte Form des Reizes auf die Nervensubstanz die Empfindung beeinflusse, also beim Gesicht die Einwirkung des objektiven Lichtes auf den Sehnerv. Es pflanzen sich hiernach die Molekularvorgänge fort. Die Nerven-Substanz besitzt solche Anpassungsfähigkeit, daß ihre Moleküle eine Beschaffenheit annehmen, welche sie gerade zu dieser oder jener Bewegung befähigen. Daher üben auch inadäquate Reize (z.B. ein Schlag auf das Auge) dieselbe Empfindung (Licht) aus.
Die Bedeutung des Gesichts für das Seelenleben ist sehr groß. Der vorwiegend in den Dienst des Lebens gestellte Gesichtssinn erschließt uns die Welt mit Deutlichkeit und Anschaulichkeit bis in kosmische Fernen, er ermöglicht den Grundprozeß des Geistes, das Unterscheiden; er ist ebenso verwendbar im praktischen Leben wie in der Wissenschaft und in der Kunst. Der Verlust des Gesichts trifft den Menschen am schwersten. Aber das Gesicht übt seine Tätigkeit nur, wo die Quelle des Lichts
physisch
gegeben ist. Im Finstern können wir nur unvollkommen oder gar nicht sehen, während das Gehör in der Dunkelheit ebenso funktioniert wie bei Tage. Ferner können wir mit den Organen unseres Körpers nicht Licht und Farben willkürlich hervorbringen, während wir Laute und Töne mit unserem Organ erzeugen können. Dem Gehör korrespondiert die menschliche Sprache, aber dem Gesicht entspricht keine optische Produktion des Menschen. – Das Auge ist vielfach (optischen) Täuschungen ausgesetzt.
In einem anderen Sinne ist Gesicht (Plural: Gesichte) s. a.
Vision
, s. d.
Gesichtswinkel
Gesichtswinkel
ist der durch zwei Linien gebildete Winkel, von denen die erste von der Stirn zum Oberkiefer, die zweite vom Ohr zur Basis der Nasenhöhle zurückgezogen wird. Beim Menschen beträgt er nach P. Camper (1791) 65 bis 100°, beim Orang-Utan 58°, beim Mandrill 30-42°, beim Hasen 30°, beim Pferde 23°. Bei Vögeln, Fischen und Amphibien verschwindet derselbe ganz. Die Menschenrassen scheidet man nach der Größe des Gesichtswinkels in orthognathische (mit gerader Stellung der Kiefer und Zähne) und prognathische (mit vorspringenden Zahnhöhlenfortsätzen und Zähnen).
Gesinnung
Gesinnung
ist die festgewordene Denkweise des Menschen, aus der die Bestimmungsgrunde seines Handelns entspringen.
Gespensterglaube
Gespensterglaube
, s. Spiritismus.
gewiß
gewiß
nennen wir dasjenige, von dessen Wahrheit wir überzeugt sind; je nachdem wir uns dabei auf
subjektiv
oder
objektiv
zureichende Gründe stützen, ist etwas für uns allein oder für alle gewiß. So sind z.B. alle Glaubenserfahrungen zwar für den, der sie hat, etwas Gewisses; was sie aber begründen, gilt nicht für andere. Ein niederer Grad der Gewißheit ist die
Wahrscheinlichkeit
. Über sie führt z.B. alle Induktion nicht hinaus. Alle Gewißheit ist ferner eine
unmittelbare
, sofern sie sich auf Tatsachen, oder eine
mittelbare
, sofern sie sich auf Schlüsse gründet. Den Ausdruck der letzten, fundamentalsten Tatsachen bilden die Prinzipien, Axiome und Hypothesen, welche eines Beweises nicht fähig sind. Auf sie müssen auch alle Beweise schließlich zurückgehen, wenn sie stichhaltig sein sollen. Damit erscheint alle Gewißheit nur als eine relative. Manche Wahrheit, die für alle Zeiten gefunden zu sein schien, wird im Fortgang der Wissenschaft umgestaltet und verändert. Vgl. Beweis, Hypothese, Denkgesetz, Grund. Vgl.
Windelband
, ü. d. Gewißheit d. Erkenntnis. Berlin 1873.
Poincaré
, Wissenschaft u. Hypothese, übersetzt v. Lindemann. Lpz. 1904.
Gewissen
Gewissen
(von wissen) ist die Gesamtheit aller bei einer Willensentscheidung mitwirkenden inneren Bestimmungsgründe. Das Gewissen ist nicht angeboren, sondern entwickelt sich langsam in den einzelnen Menschen. Je nach dem Alter und nach der intellektuellen und moralischen Bildung des einzelnen äußert es sich entweder als ein dunkles Gefühl der Unlust, sobald er in Versuchung zum Bösen gerät, oder als klares Bewußtsein der Pflicht. Die Regungen des Gewissens gehen der Tat voran, sie begleiten sie und wirken als Reflexion über die Tat auch nach derselben nach. Vor der Tat sind sie, je nachdem diese gut oder böse ist, ratend oder warnend, in derselben fördernd oder hemmend, nachher lobend oder tadelnd. Es betreffen dieselben immer den Einzelfall und die Einzelperson; daher rührt auch der subjektive Charakter des Gewissens, der es ungeeignet macht, als allgemeine Norm zu dienen. Niemand, auch der Frömmste und Klügste nicht, hat mithin das Recht, sein Gewissen anderen zum Gesetz zu machen. Bei jedem entwickelt es sich individuell. Je nach unserer Anlage, Erziehung und Lebensführung ist unser Gewissen stark oder schwach, eng oder weit, zart oder stumpf. Da es die subjektive Vernunft des einzelnen ist, sofern sie über Sittliches urteilt, so kann es natürlich auch irren, und einzelne wie ganze Völker haben für recht gehalten, was wir heute verwerfen. Aus Gewissenhaftigkeit hat vielleicht Calvin den Servet verbrannt, Ravaillac Heinrich IV. ermordet; aus Gewissenhaftigkeit haben ganze Völker ihre Eltern erschlagen, ihre Feinde verzehrt i. dgl. m. Daraus folgt, daß das Gewissen steter Erziehung bedarf.
Kant
(1724-1804) nennt es ein Bewußtsein, das für sich selbst Pflicht ist (Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft IV, §4, S. 237), J. G.
Fichte
(1762-1814) das unmittelbare Bewußtsein unserer bestimmten Pflicht,
Hegel
(1770-1831) den seiner unmittelbar als der absoluten Wahrheit und des Seins gewissen Geist, H.
Ulrici
(1806-1884) das ins Bewußtsein getretene Gefühl des Sollens,
Schopenhauer
(1788-1860) die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit uns selbst.
Theologen
wie Wuttke, Rothe, Schmid, v. Oettingen bezeichnen es als die im vernünftigen Selbstbewußtsein gegebene Offenbarung Gottes, eine Definition, die vor der Analyse nicht standhält. Vgl.
Rée
, d. Entstehung d. Gewissens. Berlin 1886. Eine besonders klare Analyse des Gewissens hat A.
Döring
in seiner philosophischen Güterlehre 1888 gegeben.
gewissenhaft
gewissenhaft
heißt derjenige, der her seinen Handlungen streng seinem Gewissen folgt.
Gewissensfälle
sind Lagen des Menschen, in denen er handeln muß, ohne über die Moralität der Handlung zur Klarheit zu kommen. Vgl. Kollision der Pflichten und Kasuistik.
Stäudlin
, Gesch. d. Lehre vom Gewissen. Halle 1824.
Wohlrabe
, Gewissen und Gewissensbildung. Gotha 1883.
Gewissensfreiheit
Gewissensfreiheit
ist das Recht des Menschen, in seinen Reden und Handlungen seiner eigenen Überzeugung zu folgen. Vgl. Gedankenfreiheit. Dieses Recht darf keinem Menschen verkümmert werden, am wenigsten auf moralischem und religiösem Gebiete, wenn dadurch das Wohl anderer oder der Gesellschaft überhaupt nicht geschädigt wird. Freilich hat derjenige, welcher seinem Gewissen folgt, auch die Nachteile zu tragen, welche ihm Vorurteil, Herrschsucht und Tyrannei bereiten.
Gewohnheit
Gewohnheit
(lat. consuetudo) ist die durch öftere Wiederholung desselben Vorstellens und Tuns entstandene Neigung und Fertigkeit, unter gleicher Veranlassung dasselbe vorzustellen und zu tun. Jene Wiederholung heißt Gewöhnung und kann willkürlich oder unwillkürlich sein. Auf der durch Gewöhnung erworbenen Gewohnheit, welche die willkürlichen Bewegungen in unwillkürliche, die Entschließungen in Triebe umwandelt, und die uns zur zweiten Natur wird, beruhen alle leiblichen und geistigen Geschicklichkeiten. Durch Gewohnheit lernen wir stehen, laufen, turnen, reiten, sprechen, zeichnen, schreiben. Gewohnheitsmäßig gebrauchen wir gewisse Formeln des Grußes, der Konversation und Korrespondenz. Auf Gewohnheit beruht fast alles Tun der Menschen im Beruf und Verkehr, ja oft auch ihre Moral und Religion. Da die Gewohnheit alles Geistige allmählich mechanisiert, d.h. alles Willkürliche in Unwillkürliches verwandelt, ist sie von höchster Wichtigkeit für die Erziehung. Ebenso wichtig ist sie für die Moral; denn Gewohnheit macht uns zum Herrn oder zum Sklaven der Dinge, je nachdem wir uns zum Guten oder zum Schlechten gewöhnen. Hume (1711-1776) hat versucht, alle Kausalitätsschlüsse auf Gewohnheit zurückzuführen (Inquiry concerning Human Understanding, Sect. IV). Kant (1724-1804) hat ihn in der Kr. d. r. V. zu widerlegen versucht.
Glaube
Glaube
(lat. fides) ist die auf subjektiv zureichende Gründe gestützte Überzeugung; der Glaube steht also zwischen Meinen und Wissen; während jenes eine zufällige, unmaßgebliche Ansicht, dieses eine subjektiv und objektiv begründete Erkenntnis ist, gewährt der Glaube nur eine rein persönliche Gewißheit, welche sich entweder auf Autoritäten (Eltern, Lehrer, Überlieferung, Schriften), oder auch auf die eigenen Erfahrungen des Subjekts stützt. Die Gewißheit der Meinung ist problematisch, die des Wissens apodiktisch, die des Glaubens assertorisch. Der Glaube behauptet einfach, ohne sich durch Gegengründe irre machen zu lassen; er wird sogar durch Widerspruch meist noch befestigt. Obgleich er einer objektiven Begründung nicht fähig ist, pflegt der Glaube dem Wissen an Überzeugungskraft keineswegs nachzustehen. Glaube heißt daher auch die Zuversicht, die der Herzenshingabe entspringt. So glaubt der Freund an den Freund, das Kind an die Eltern, der Mensch an Gott. Diesem rein ethischen Glauben ist der spezifisch religiöse verwandt, welcher die Realität übersinnlicher Dinge auf Grund von Autoritäten und persönlicher Erfahrung behauptet. Dieser erscheint wieder als positiver glaube (fides quae creditur) und als Eigenglaube (fides qua creditur).
Da aber der menschliche Geist immer mehr über sich selbst und die Welt zur Klarheit kommt, ist ein Widerspruch zwischen
Glauben und Wissen
unvermeidlich. Jener liebt Wunder und Geheimnisse, dieses kann und will sie nicht dulden; jener stützt sich vor allem auf das Gemüt, dieses auf die Vernunft; jener erkennt eine übernatürlich geoffenbarte, unfehlbare Urkunde als Norm an, dieses betrachtet sie nur als eine von Menschen allmählich verfaßte Schriftensammlung. Dazu kommt, daß durch die historische, psychologische und naturwissenschaftliche Forschung die Weltanschauung vielfach umgestaltet wird. Daraus erwächst für den einzelnen die schwere Aufgabe, glauben und Wissen in Einklang zu setzen, d.h. zu untersuchen, was sich von seinem Kindesglauben gegenüber unserer Weltanschauung als haltbar erweise; er hat sich zu fragen, was Haupt-, was Nebensache, was Kern, was Schale sei.
Anderseits ist auch der Glaube von höchster Bedeutung auf dem Gebiete des Gemütes, der Liebe, der Moral und Religion; denn er ist die auf moralische Gründe gestützte Überzeugung von demjenigen, was zu wissen zwar unmöglich, aber anzunehmen subjektiv notwendigist. Ja auch für das Wissen hat der glaube Wichtigkeit; denn zunächst müssen wir unseren Sinnen glauben, dann den Eltern und Lehrern, ferner den Büchern. In historischen Fragen haben wir den besten Zeugen zu glauben, in naturwissenschaftlichen denjenigen, welche von uns nicht auszuführende Experimente angestellt haben. Endlich verläuft alles Wissen zuletzt in metaphysischen glauben, d.h. in unbeweisbare Annahmen (Hypothesen). Die Axiome unserer Vernunft wie die psychologischen und kosmologischen Probleme enden schließlich in Hypothesen. Vgl.
Ulrici
, Glauben und Wissen. Lpz. 1858.
Glück / Glückseligkeit
Glück
oder
Glückseligkeit
(Eudämonie) ist derjenige Zustand, in welchem sich der Mensch in vorübergehender oder dauernder Übereinstimmung mit seinem Zwecke findet, mithin zufrieden ist. Die Glückseligkeit definiert Kant (Kr. d. r. V., S. 40) als »das Bewußtsein eines vernünftigen Wesens von der Annehmlichkeit des Lebens, die ununterbrochen sein ganzes Dasein beglückt«. Weil aber die verschiedenen Menschen eine verschiedene Vorstellung vom Zweck ihres Daseins oder vom Wesen des Menschen haben, verstehen sie unter Glück meistens etwas anderes. Die einen denken, es sei Gold, Macht, Besitz, die anderen Sinnenlust, andere wieder Ehre, noch andere Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft; andere endlich verstehen darunter Tugendhaftigkeit. Da nun das Wesen des Menschen offenbar nicht nur im Leibe, sondern in dem von der Vernunft beherrschten Leibe besteht, die Vernunft aber nicht nach sinnlichen, sondern nach ewigen, unvergänglichen Gütern strebt, so kann dauernde Glückseligkeit nur in sittlicher Tätigkeit beruhen. Vgl. Eudämonismus.
Gnade
Gnade
ist die Güte, welche einem niedriger stehenden oder einem unwürdigen Menschen von einem höher Stehenden erwiesen wird.
Gnosis
Gnosis
(gr.
gnôsis
) bedeutet die (höhere) Erkenntnis, welche die positive Religion durch Philosopheme tiefer begründen will. In der alten christlichen Kirche gab es katholische und häretische Gnostiker. Jene, wie die Alexandriner Clemens und Origenes, wollten den Glauben (
pistis
) nur durch Spekulation stützen, diese (Basilides, Valentinus, Saturninus, Marcion usw.) verwandelten ihn durch heidnische und jüdische Ideen in eine phantastische Metaphysik, in welcher sie die Welt und das Christentum durch Emanation aus dem Absoluten hervorgehen ließen. Vgl. Emanation, Äon, Asketik, Logos. Auch die Neuplatoniker und Schelling gehören hierher. Vgl. C. F.
Baur
, Die christl. Gnosis. Tüb. 1836.
Gott
Gott
bedeutet das höchste Wesen. Je nach ihrem Bildungsstandpunkt, nach Abstammung und Umgebung und Glauben stellen sich die Menschen dieses Wesen verschieden vor. Mit der Darstellung der Entstehung und Kritik der verschiedenen Vorstellungen, welche die Menschheit allmählich von Gott erworben hat, beschäftigt sich die
Religionsgeschichte
, während die
Religionsphilosophie
Gottes Wesen, seine Existenz und Wirksamkeit untersucht. – Furcht und Liebe (Dankbarkeit) sind die Wurzeln des religiösen Gefühls, welches mit Hilfe der Phantasie verschiedene Naturgegenstände und Kräfte personifiziert (vgl. Religion). Die niedrigste Stufe dieses Gottesbewußtseins ist der
Fetischismus
(s. d.), der in der Verehrung irgend eines Gegenstandes als Gott besteht; aus diesem entwickelt sich dann der
Polytheismus
(s. d.), der Glaube an viele Götter. Dieser verehrt als
Zoolatrie
Tiere, als
Sabäismus
Gestirne, als
Naturalismus
Naturkräfte. Letzterer verklärt sich allmählich zum ethischen
Anthropomorphismus
, welcher die Götter wie verklärte Menschen schildert. In derselben Richtung bewegt sich der
Dualimus
, der ein gutes und ein böses Prinzip annimmt. Mit zunehmender Abstraktion erhebt sich die Menschheit zum
Monotheismus
, dessen niedrigste Stufe der
Henotheismus
ist; dieser verehrt nur einen Gott, als Gott eines Stammes, eines Volkes, ohne jedoch die Existenz anderer Götter zu leugnen. Der reine Monotheismus hat drei Formen: Theismus, Deismus und Pantheismus. Der
Theismus
(Juden-, Christentum und Islam) denkt sich Gott als den
persönlichen
Schöpfer und Regenten der Welt, der
Deismus
denkt ihn sich nur als Schöpfer. Beide aber trennen Gott und die Welt als Schöpfer und Schöpfung (deus et natura). Der
Pantheismus
dagegen, der sich Gott als geistiges Prinzip der Welt denkt, sucht Gott in der ewigen Natur, nicht außerhalb derselben oder identifiziert Gott und Natur (deus in natura, deus sive natura, s. Pantheismus).
Die Religionsphilosophie untersucht zunächst
Gottes Dasein
. Für dieses haben Theologen und Philosophen eine Reihe von
Beweisen
aufgestellt. Schon Melanchthon ( 1560) kannte deren zehn, reformierte Dogmatiker, wie Polanus, sogar sechzehn. Diese sechzehn aber lassen sich mit Ausscheidung der sekundären, die nur geringe Bedeutung gehabt haben, sämtlich auf vier zurückführen. Der Beweis a
tuto
hat z.B. keinen, der a
consensu gentium
(s. d.) geringen Wert, der
ab utili
entspricht nur bestimmten Gesellschaftstheorien. Der erste sagt, Gottes Dasein sei zwar nicht ausgemacht, aber es sei doch sicherer, dasselbe anzunehmen; der zweite beruft sich darauf, daß alle Völker an eine Gottheit Glauben (Arist, de caelo I, 3. Cic. Tusc. I, 13); der dritte leitet die Existenz Gottes aus der praktischen Nützlichkeit des Gottesglaubens für die Wohlfahrt der Gesamtheit ab (Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer. Voltaire). Die vier Beweise dagegen, die allein als primäre gelten können, sind folgende: 1. Der
kosmologische
Beweis, welcher von der Zufälligkeit und Bedingtheit der Schöpfung, also a posteriori, auf einen bedingenden Schöpfer schließt. Jedes Ding hat seine Ursache, diese wiederum usf., folglich muß es eine letzte Ursache (eine causa sui) geben. Dieser Beweis findet sich schon bei Anaxagoras, Aristoteles (
kinei ou kinoumenon
) und Cicero. Wenn man nun auch weiter fragen kann, woher diese »letzte« Ursache stamme, so führt uns doch dieser Gedankengang auf ein Allbedingendes, Allererstes, aber freilich nur durch eine im Grunde eigenmächtige Bescheidung und Grenzsetzung. Unser Geist vermag bei Beobachtung des Wechsels in allem Werdenden nicht stehen zu bleiben, sondern sucht das Sein eines Unbedingten, eines Wesenhaften und Allbedingenden zu gewinnen, welches ihm gerade, je mehr er in den Zusammenhang der Welt eindringt, als Einheit erscheinen wird (Aristoteles, Duns Scotus). 2. Der
teleologische
Beweis, welcher von der Zweckmäßigkeit des Kosmos auf einen höchst geschickten Weltbaumeister schließt, und zwar entweder
physikotheologisch
von der sichtbaren Schönheit und Harmonie des einzelnen Weltobjektes auf einen ebenso beschaffenen Weldgrund (Sokrates, Augustin), oder spezifisch
teleologisch
aus der Zielstrebigkeit des Universums auf die Idee einer zwecksetzenden Urvernunft (Platon, Aristoteles, Fechner). Dieser Beweis hat sehr viel für sich und wirkt am tiefsten auf das Menschengemüt ein; denn wenn sich auch manche Unzweckmäßigkeiten oder Lücken in den Tatsachen nicht leugnen lassen, so findet sich doch solche Harmonie zwischen den Dingen untereinander, sowie zwischen den physikalischen, logischen und moralischen Gesetzen, daß wir uns getrieben fühlen, die Existenz einer objektiven Vernunft anzunehmen. 3. Der
Moralbeweis
, welcher den Zweckbegriff auf die sittliche Sphäre anwendet und aus dem Widerspruch zwischen Tugend und Glück, Pflicht und Leistung, Ideal und Wirklichkeit auf eine göttliche Gerechtigkeit schließt, welche diesen Streit ausgleicht und in der dieser Widerspruch nicht existiert. Er schließt also entweder von der Unendlichkeit des sittlichen Bedürfnisses auf das Sein eines absoluten Wertes (Jacobi) oder von der Tatsache des Sittengesetzes und des Freiheitsbewußtseins. auf einen absolut verpflichtenden höchsten Willen (Kant) oder von unserem sittlichen Streben auf eine sittliche Weltordnung (Raimund v. Sabunde, Fichte, Ulrici). Der moralische Beweis führt leicht zu der Idee eines unpersönlichen Gottes; daß Schicksal, welches die Alten als etwas Über- und Außerweltliches vorstellten, war das Resultat eines solchen Widerstreites der psychologisch begründeten Handlungen, welche mit anderen Verhältnissen kollidieren. Der Moralbeweis ist aber auch lückenhaft, sofern nicht bewiesen ist, ob jene sittliche Weltordnung auch außerhalb der Menschen existiere; denn sittliches Bedürfnis, Gewissen und Streben sind zunächst nur im Menschenkreise gegeben. Dazu kommt nun 4. der
ontologische
Beweis, welcher aus der Idee des höchsten Wesens auf dessen Dasein schließt. Dieses metaphysische Argument sucht allein aus Gottes Wesen den Zusammenhang zwischen seinem Sein in uns und seinem Sein an sich zu ermitteln. So Augustin, Anselm und Cartesius. Wer Gott denkt, muß ihn als das vollkommenste Wesen denken; dieses muß mit allen nur denkbaren Eigenschaften ausgerüstet sein; eine derselben ist auch die Existenz – folglich muß Gott nicht nur gedacht werden, sondern auch existieren. Gegen diesen Beweis hat schon Gaunilo, Roscellin (c. 1100) und später Kant mit Recht eingewendet, er beweise nur, daß Gott als existierend
gedacht
werden müsse, nicht aber, daß er existiere. Gegen diese Kritik läßt sich vielleicht nur erwidern, daß, wenn der Gottesbegriff mit Ernst psychologisch erfaßt ist, der Mensch ihn nicht leicht spielend wieder aufgeben wird und somit eine subjektive Nötigung, an ihm festzuhalten, zurückbleibt.
Die Kritik aller dieser Beweise überhaupt faßt sich dahin zusammen: Keiner derselben ist stringent. Dies hat z.B. Kant, der Vertreter des moralischen Beweises, der aber auch diesen nicht als demonstrativen Beweis ansieht, sondern die Existenz Gottes nur für ein Postulat der praktischen Vernunft erklärt, in seiner Kr. d. r. V. S. 571-704 zu zeigen versucht. Aber zusammen haben die Beweise doch ein gewisses Gewicht. Das Richtigste ist wohl: das Verhältnis des Menschen zu Gott als ein persönliches aufzufassen. Wer Gott nicht in den Schicksalen des Lebens von innen heraus findet, um in ihm seine Ruhe und sein Ziel zu gewinnen, wird ihn nicht finden. (Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Gott. Augustinus.) Alle solche Begriffe wie Ursache, Zweck, Moral, Wesen haben ihren Hauptwert in bezug auf den Menschen. Ob z.B. die Welt als solche und an sich einen Zweck habe, ist für die meisten viel unwichtiger, als daß wir Menschen eben genötigt sind, nach Zwecken zu handeln und bei allen Dingen nach dem Zweck zu fragen; und das religiöse Gefühl des Menschen besteht wesentlich darin, daß er sich und alles abhängig setzt von einem Höheren, das alle diese Zwecke zusammenfaßt. Für ihn existiert also Gott so real wie alles Geistige überhaupt, d.h. mehr als das Sinnliche. Dieses Gefühl findet dann in den für jene Gottesbeweise benutzten Gedanken seine unterstützende theoretische Wendung. Ist für uns die Vielheit der Weltdinge undenkbar ohne eine allbedingende Einheit und ohne einen vernünftigen Zweck, hat das Leben des einzelnen wie der ganzen Menschheit keinen Zweck ohne die sittlichen Maßstäbe, so ist eben die Existenz Gottes so weit bewiesen, als sie bewiesen zu werden braucht, d.h. die Idee Gottes ist in den Zusammenhang unseres geistigen Bewußtseins aufgenommen.
Das
Wesen
und die
Wirksamkeit Gottes
ergibt sich aus dem bisherigen. Wie die Wahrheit, ist Gott für uns erkennbar und unerkennbar zugleich; jenes, soweit sein Geist in uns lebt, dieses, soweit seine Fülle weit über unsere beschränkte Einsicht hinausgeht. Wir denken ihn uns als »das vollkommenste Sein« zunächst substantiell oder auch aktuell. Da nun Sein und Tätigkeit wieder als Wechselwirkung, dieses aber nur unter Voraussetzung einer Ordnung, d.h. einer zweckmäßigen Harmonie gedacht werden kann, Zweckmäßigkeit, Ordnung, Harmonie aber wiederum dasselbe ist als Vernunft, so läßt sich aus jener einfachen Definition das Wesen Gottes als das objektiv Vernünftige erschließen. Die pantheistische Strömung unserer Philosophie faßte Gott unpersönlich, so
Fichte
(1762 bis 1814) als moralische Weltordnung,
Schelling
(1775-1854) als absolute Indifferenz,
Schleiermacher
(1768-1834) als einfache Kausalität der Welt,
Hegel
(1770-1831) als die absolute, sich in der Welt realisierende Vernunft. Dagegen trat die theistische Richtung des J. H.
Fichte
, H.
Ulrici
und C.
Schwarz
auf, welche die Persönlichkeit mit der Immanenz zu vereinigen strebt. Ihm aber
persönlich
, d.h. als höchste Einheit des Bewußtseins, zu denken, fühlen wir uns durch unser eigenes Wesen gedrängt. Persönlichkeit ist die höchste Daseinsform, die wir kennen, folglich neigen wir dahin, sie auch Gott beizulegen. Will man Gott besondere Eigenschaften zuschreiben, so würde dem ontologischen Argument die Macht, dem teleologischen die Weisheit, dem moralischen die Gerechtigkeit, dem kosmologischen die Liebe entsprechen. Daraus lassen sich dann die ändern Eigenschaften: Gnade, Langmut, Güte usw. ableiten. Vgl. Religion, glaube, Theodicee.
Schleiermacher
, Der christliche Glaube. 1821. F. E.
Beneke
, System d. Metaphysik. 1840. M. W.
Drobisch
, Religionsphilosophie. 1840.
Pfleiderer
, Religionsphilosophie. 1878. R.
Seydel
, Die Religion u. d. Religionen. 1872.
Gottähnlichkeit
Gottähnlichkeit
ist ein Ideal, welches nicht bloß die Bibel (Genes. 1, 26. Matth. 5, 48), sondern auch Platon und andere Philosophen aufgestellt haben. In dem Sinne, daß Gott das vollkommenste Wesen und das Ideal ist, welches unser Geist erfassen kann und dem er zustrebt, ist jener Begriff richtig; doch darf er nicht buchstäblich genommen werden.
Grenzwert
Grenzwert
ist eine unveränderliche Größe, der sich eine veränderliche so weit nähern kann, daß sie zuletzt mit derselben zusammenfällt. (
Bonnel
, les limites et l'atome.)
Größe
Größe
ist eine Grundeigenschaft der sinnlichen Anschauung. Alles sinnlich Angeschaute erscheint in Raum und Zeit. Die Größe ist uns zunächst als Merkmal des Räumlichen gegeben. Alles Räumliche hat, bestimmte Größe. Die Größenbestimmung beginnt mit der geraden Linie und ist durch das Axiom ermöglicht, daß durch die Endpunkte einer begrenzten geraden Linie auch deren Größe bestimmt ist. Indem nun willkürlich gewählte, geeignet bestimmte gerade Linien als Einheiten zu Grunde gelegt werden, findet jede weitere Größenbestimmung durch Vergleichung mit diesen Einheiten und Bestimmung des Zahlenverhältnisses zueinander statt. Von der Linie schreitet die Größenbestimmung zur Ebene, von da zum Raume, vom Raume zur Zeit, von den mathematischen Größen zu physikalischen Maßbestimmungen fort, so daß schließlich die ganze Außenwelt in Maße gefaßt und in Größenverhältnissen bestimmt wird. Alle Größen sind demnach relativ; was im Vergleich zum Kleineren groß, ist, mit Größerem verglichen, klein. Man unterscheidet extensive, protensive und intensive Größen, je nachdem die Ausdehnung räumlich, zeitlich oder graduell ist. Alle wirklich gegebenen Größen sind endlich; läßt sich für die Konstruktion einer Größe keine bestimmte endliche Grenze nachweisen, so heißt sie unendlich. Verkehrt ist es, die abstrakte (unbenannte) Zahl als Größe zu bezeichnen. Die Zahlen in Verbindung mit Größen sind bei der Messung unentbehrlich, aber die Zahlen selbst sind keine Größen. Herbart unternahm es, die Psychologie mit Hilfe bloßer Zahlen in eine Größenlehre zu verwandeln, was vollständig unmöglich war; erst die Psychophysik hat es zur Größenbestimmung auch in den psychologischen Vorgängen gebracht. Vgl. Maß.
Großmut
Großmut
(lat. magnus animus) bedeutet die aus Erhabenheit über gemeine Denk- und Handlungsweise hervorgehende hochherzige Gesinnung gegen andere. Diese tritt besonders darin hervor, daß man Kleinigkeiten als solche behandelt, Beleidigungen leicht verzeiht und auf Vorteile gern verzichtet. Vgl.
F. Kirchner
, Gemütsbildung. Hamburg 1888.
Grund
Grund
(lat. ratio) heißt ein Urteil (Satz, Gedanke), dessen Gültigkeit zugleich die Gültigkeit eines anderen notwendig macht. Das Verhältnis von Grund und Folge ist die Abhängigkeit eines Gedankens von einem ändern. Dieses Verhältnis nachweisen heißt etwas begründen oder beweisen (s. Beweis); die von einem Gedanken abhängenden Gedanken entwickeln, heißt folgern. Der
Satz vom zureichenden Grunde
(principium rationis sufficientis), welcher lautet: »Setze nichts ohne Grund«, enthält die Anerkennung, daß unsere Erkenntnis ohne Beziehung auf ihre Gründe Zusammenhangs- und haltlos wäre. Stützt sich unser Urteil auf objektiv zureichende Gründe, so begründen sie ein Wissen oder Erkennen; subjektiv zureichende Gründe gestatten nur ein glauben; sind die Gründe aber unzureichend, so kann daraus nur ein Wähnen oder Meinen hervorgehen. Alle Begründung (Demonstration) endet zuletzt in unbeweisbare Sätze (Grundsätzen, Axiomen oder Prinzipien), welche einer Begründung weder fähig noch bedürftig sind, sondern entweder unmittelbar aus der Anschauung hervorgehen oder denknotwendig sind. – Man kann zwischen
Erkenntnisgrund
und
Realgrund
unterscheiden; jener bestimmt die Richtigkeit unserer Schlüsse, dieser die Wahrheit unserer Erkenntnis. Häufig fällt Erkenntnis- und Realgrund nicht zusammen; z.B. wenn ich sage: »Die Störche kommen, also wird es Frühling«, so ist die Ankunft der Störche wohl für mich der Erkenntnisgrund für den Eintritt des Frühlings; Realgrund aber ist gerade umgekehrt der Frühling für die Ankunft der Störche. Der Grund für die Vorstellung einer Sache ist nicht immer Grund für ihr Sein. Aus den Gründen können wir freilich oft auf die Ursachen schließen. Sowohl Erkenntnisgrund wie Realgrund sind aber zu scheiden von Ursache. Unter
Ursache
und
Wirkung
verstehen wir ein
reales Verhältnis
, unter Grund, gleichviel ob von Erkenntnis- oder Realgrund die Rede ist, ein
Verhältnis unserer Gedanken
. Vgl. Kausalgesetz, Folge, Beweis, Schließen, Bedingung.
Schopenhauer
, Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. 1813.
Grundbegriffe
Grundbegriffe
sind 1. die reinen oder ursprünglichen Begriffe des Verstandes, welche auch Stammbegriffe oder
Kategorien
(s. d.) heißen; 2. diejenigen Begriffe einer Wissenschaft, aus welchen sich die anderen oder wenigstens viele derselben ableiten lassen. In dieser Bedeutung ist der Titel des vorliegenden Werkes zu nehmen.
Grundsatz
Grundsatz
(lat. principium) bedeutet 1. ein allgemeines Urteil, aus welchem andere durch Folgerung abgeleitet werden (s. Deduktion); 2. eine Richtschnur unseres Handeins (Prinzip, Maxime). Vgl. Moralprinzip. Beide müssen schließlich im Wesen der (logischen, psychischen, physischen) Natur des Menschen begründet sein, wenn sie Anerkennung finden sollen. Darin beruht aber gerade der Mangel mancher sonst äußerst konsequenter Systeme, daß ihr Grundprinzip unbegründet ist. Vgl. Prinzip.
Grundteilchen
Grundteilchen
, s. Atom.
gut
gut
heißt im allgemeinen alles, dem der Mensch einen Wert beilegt, weil es ihm Lust bereitet, sei es in der Erinnerung oder sei es im Genuß oder sei es in der Hoffnung. Diese Lust aber entspringt aus der Steigerung unseres Lebensgefühls, unserer Selbstbetätigung. Da diese nun nicht ohne ein vorgestelltes Ziel stattfinden kann, so verbindet sich mit der Wertschätzung eine Art von intellektuellem Wohlgefallen. Man unterscheidet ein mehrfaches Gutes: das Nützliche, Angenehme, Geschmackvolle und Sittlich-Gute.
Nützlich
ist ein Ding, sofern es uns als Mittel zu irgend einem Zwecke dient. Die Wertschätzung des Nützlichen ist nicht frei von Subjektivität; denn manches Ding, welches dem einen nützlich ist, kann dem anderen schädlich oder wenigstens für ihn unbrauchbar sein. Daher hat das Nützlich-Gute nur relativen Wert.
Angenehm
heißt das Gute, welches unseren Sinnen Lust bereitet; auch dieses ist bis zu einem gewisse Grade Subjektiv, ja noch mehr als das Nützliche; denn während dieses doch stets tatsächlichen Verhältnissen entsprechen muß, um zu wirken, hängt das Angenehme so sehr von der Situation des Subjekts ab, daß, was eben angenehm war, jetzt schon das Gegenteil davon sein kann. Das
Geschmackvolle
unterscheidet sich vom Nützlichen insofern, als seine Brauchbarkeit gar nicht dabei in Frage kommt; dagegen ist es mit dem Sinnlichen so weit verwandt, als es auch durch die Sinne (freilich nur die höheren) uns zugeführt wird. Es erhebt sich aber dadurch über das Angenehme, daß es ein mehr geistiges uninteressiertes Wohlgefallen erregt und nicht die niederen Begierden des Menschen erweckt. Es beruht also wohl auf einer Zweckmäßigkeit des Objekts (wie beim Nützlichen und Angenehmen), aber auf einer mehr idealen; sein Wert ist ein allgemeinerer. Insofern ist ihm endlich das
Sittlich
-
Gute
verwandt. Es erweckt unsere Billigung, weil es der Idee des Menschen entspricht; die Lust, die es hervorruft. ist rein geistig; aber in der geistigen Natur des Menschen (Willen und Intellekt) veranlaßt es ein lebhaftes Interesse; die Lust am Sittlich-Guten ist zugleich intellektuell und praktisch, so daß nicht bloß die Handlung selbst, sondern auch der Guthandelnde für uns Wert erhält. Das Nützliche erfreut uns, das Angenehme vergnügt, das Geschmackvolle gefallt, das Sittliche wird geschätzt. Das Schöne und Gute hat bleibenden, das Nützliche und Angenehme nur vorübergehenden Wert; jene haben objektiven, diese subjektiven Wert. Anderseits gruppieren sich die vier Arten so: dem Schönen und Angenehmen gegenüber verhalten wir uns überwiegend passiv, rezeptiv, dem Nützlichen und Sittlichen hingegen aktiv. Jene wenden sich an unser Gefühl, diese an den Willen.
Im ethischen Sinne ist also gut dasjenige, was an sich wertvoll und von einer Persönlichkeit mit Bewußtsein und Freiheit aus idealem Interesse getan wird. Das Sittlich-Gute inhaltlich zu bestimmen, ist schwer. Die bloß formale Bestimmung desselben dahin, daß es auf der Übereinstimmung mit einem formalen Sittengesetze beruhe, ist jedoch völlig unzureichend; inhaltlich läßt es sich im einzelnen wesentlich nur aus der Praxis des Lebens, von einem philosophischen System oder von einer Religion aus bestimmen. Der inhaltsreichste Kodex des Sittlich-Guten ist das Neue Testament.
Gut, sittliches
Gut, sittliches
. Da sich bei jeder Handlung dreierlei unterscheiden läßt, das Handeln selbst, die Person, welche handelt, und das Objekt, das dadurch hervorgebracht wird, so zerfällt die Ethik in die Pflichten-, Tugend- und Güterlehre (vgl. Ethik). Ein
sittliches
Gut ist im allgemeinen alles, was durch sittliches Tun erworben wird und zur Förderung der Menschheit dient. Zunächst muß es irgendwie gut sein, d.h. uns ideale Lust, Lebensförderung bereiten. Es muß aber ferner irgendwie Produkt unserer sittlichen Tätigkeit sein; alles in der Welt kann dazu werden. Das
Sinnliche
, Genuß, Reichtum, Macht wird uns aber auch leicht ein Gegenstand der Versuchung und Sünde. Wir dürfen es also weder durch schlechte Mittel erwerben, noch selbstsüchtig erstreben, noch auch beliebig verwenden, sondern wir haben es wieder in den Dienst des Guten der Menschheit zu stellen. Das Sinnliche bildet den Kreis der äußeren und leiblichen Güter. Von ihm sind die
geistigen
Güter und Fähigkeiten, wie Wissen, Kunstfähigkeit und Tugend, zu scheiden. Die
Stoiker
wollten nur die geistigen Güter als wahre Güter anerkennen, während sie die anderen als gleichgültig
adiaphora
bezeichneten. Ihre Auffassung war einseitig und rigoros. Auch blieben sie sich darin nicht konsequent: Einiges sollte unter dem. Gleichgültigen annehmlich
lêpta
, anderes nicht annehmlich
alêpta
und unter jenem manches vorzüglich
proêgmena
sein. – Eine ausführliche Darlegung alles dessen, was sittliches Gut sein kann, gibt A.
Döring
, philosophische Güterlehre, 1888.
Das
höchste
Gut ist nicht nur dem Range nach das erste, sondern auch das, was alle anderen mit einschließt. Je nach dem philosophischen Standpunkt und je nachdem man dabei auf die Menschheit Rücksicht nimmt, wird man es anders bestimmen. Kant erklärte Glückseligkeit in Verbindung mit Sittlichkeit für das höchste Gut. Metaphysisch hat man darunter Gott zu verstehen. Ethische Betrachtungen führen dazu, es als
Humanität
, d.h. als eine wahrhaft menschliche, folglich der Vernunft gehorchende und daher auch glückliche Handlungsweise der Menschheit zu bestimmen. Die Lehre vom höchsten Gut heißt Agathologie.
gutmütig
gutmütig
, gutartig, s. Gemüt.
Habitus
Habitus
(lat. habitus, gr.
hexis
) heißt die äußere Gewohnheit, das dauernde Verhalten, die bleibende Erscheinungsweise; habituell heißt gewohnt, bleibend.
Habsucht
Habsucht
ist die leidenschaftliche Begier nach Besitz, nur um zu haben. Sie ist die auf das Streben nach äußerem Besitz eingeschränkte Selbstsucht; der Habsüchtige strebt nach Geld und Besitz, der Selbstsüchtige nach jedem Vorteil: jenem ist das Geld der alleinige Götze, dieser ist Sklave des Nutzens. Vgl. Geiz.
Häcceität
Häcceität
(mlt. haecceitas von haec,
tode ti
, veraltet), ist die barbarisch-scholastische Bezeichnung für das Wesen des Einzeldings, sofern dieses von der Spezies als durch besondere Eigenschaften geschienen gilt.
Hahn des Diogenes
Hahn des Diogenes
. Diogenes Laertius VI, 2, 6 § 40 erzählt: Als Platon definierte: »Ein Mensch ist ein zweifüßiges Tier, das ungefiedert ist«, und Billigung fand, rupfte Diogenes einen Hahn, brachte ihn in die Schule mit und sagte: »Das ist der Mensch des Platon«. Daher wurde dem Begriffe das Merkmal »breitnagelig« hinzugesetzt.
Halluzination
Halluzination
(lat. hallucinatio von hallucinari = faseln) heißt die Sinnestäuschung, durch welche der Mensch eine reproduzierte Vorstellung abwesender Gegenstände für eine Empfindung nimmt und diese veräußerlicht, d.h. in die Außenwelt projiziert. Von der einfachen Sinnestäuschung (Nachbilder, Doppeltsehen) unterscheidet sie sich durch die Zusammengesetztheit der Wahrnehmungen, von der Illusion durch Abwesenheit eines veranlassenden Reizes. Doch ist auch bei der Halluzination nicht ausgeschlossen, daß kleine, unmerkbare Reize die Reproduktion veranlassen. Entweder usurpiert eine Vorstellung eine schon vorhandene Empfindung, oder sie begründet selbst eine neue. Solche Täuschungen entstehen aus abnormer Reizung der Sinnesnerven. Es handelt sich dabei entweder um abnorme Empfindungen im Innern des Leibes oder in den peripherischen Sinnesorganen oder um solche, die aus Reaktion gegen äußere Erregungen stattfinden. Zu jenen gehören die Wahngebilde der Säufer von Ratten und Flammen im Unterleib, die Kugel der Hysterischen. Bisweilen bilden sich Seelenkranke, Sterbende, Trunkene ein, sie hätten einen ganz anderen Leib, etwa von Glas, Holz oder dergl. Zur zweiten Art sind die Gesichtebilder Sterbender, das Glockengeläute bei Kongestionen des Gehirns, der Leichengeruch, der manche stets verfolgt, zu rechnen. Bei der dritten Art glaubt der Mensch, wenn er sich selbst im Spiegel sieht, einen Toten, einen Dämon zu sehen, oder fortgesetzt Schimpfworte zu hören. Eine Abart der Halluzination. ist die Vision (s. d.). Oft werden Mörder vom Gesicht ihres Opfers verfolgt, Pascal sah, seitdem er in Gefahr gewesen, in die Seine zu stürzen, zeitlebens einen Abgrund neben sich, Shakespeares Macbeth sieht den Geist Bankos. Wie ansteckend diese Psychose ist, zeigt der Hexenglaube, die Gespensterfurcht, das »zweite Gesicht« (second sight) der Schotten und das »Ragl« der Wüstenreisenden. Vgl Wundt, Grundriß d. Psych. § 18, 3 S. 331. B. A.
Mayer
, die Sinnestäuschungen, Halluzinationen und Visionen. 1869.
Leubuscher
, Grundzüge z. Pathol. d. psych. Krankheiten. 1848.
Clemens
, die Sinnestäuschungen. 1858.
Perty
, die myst. Erscheinungen d. mschl. Nat. 2. Aufl. 1872. Wundt, Grundz. d. phys. Psych. II 430 ff.
Hellpach
, Grenzwissenschaften der Psychol. 1902. S. 309 ff.
Handlung
Handlung
(actio) ist eine auf eine Absicht gerichtete Betätigung des menschlichen Willens. Der Handelnde hat ein Motiv und ein Ziel, faßt einen Entschluß und schreitet zur Ausführung. Das Ziel ist die Vorstellung eines Gegenstandes oder Vorganges, welcher durch irgendwelche Mittel realisiert werden muß. Dieses bleibt aber so lange nur eine subjektive Idee, als nicht ein Motiv, d.h. ein Beweggrund, unseren Willen anreizt, die Idee also Kausalität gewinnt. Die Motive wurzeln stets in Gefühlen der Lost oder Unlust, welche sich als sinnliches, ästhetisches, praktisches, religiöses oder ethisches Interesse darstellen. Solange jedoch diese Interessen noch in der Schwebe sind, kommt es noch nicht zum Handeln. Erst wenn das eine Motiv stärker wird als alle übrigen, kommen wir zum Entschlusse. Damit tritt das Handeln in die Außenwelt über. Es folgt die Ausführung, durch welche ebensosehr der Verstand, wie der Villen, wie der Körper in Ansprach genommen wird, um die richtigen Mittel herauszufinden und anzuwenden. Vgl. Zurechnung, Freiheit, Wahl S.
Smiles
, der Charakter. 1878. – In der
Kunst
heißt alles Handlung, was Leben und Bewegung zeigt, im engeren Sinne das Auftreten und Benehmen des Menschen, besonders im Epos und Drama, während die Fabel das Ganze der dargestellten Begebenheiten bedeutet; im engsten Sinne enthält das Drama Handlung, d.h. aus Motiven entspringende einheitliche menschliche Tätigkeit, welche gegenwärtig vor uns erscheint und in Entstehung, Fortgang und Abschluß, durch das Wechselwirken bewußter und freier Persönlichkeiten vorgeführt wird. In Skulptur und Malerei bezeichnet Handlung nur Andeutung der Handlung und Bewegung durch Haltung und Stellung.
Hang
Hang
(propensio) ist die starke Disposition, etwas zu wollen.
Kant
(1724-1804) definiert: Hang ist die subjektive Möglichkeit der Entstehung einer gewissen Begierde, die vor der Vorstellung ihres Gegenstandes vorhergeht. Die Neigung ist dagegen die dem Subjekt zur Regel dienende sinnliche Begierde. (Anthropol. I, § 77, S. 225.)
Haplose
Haplose
(gr.
haplôsis
) heißt Vereinfachung, Trennung vom Leibe; bei Plotinos (205-270 n. Chr.) bedeutet es die leiblose Vereinigung der Seele mit Gott.
haptische
haptische
(gr.) Täuschung heißt die Gefühlstäuschung, die Täuschung des Tastsinns.
Härese
Härese
(gr.
hairesis
) bedeutet bei den alten Philosophen eine Sekte oder Schule, in der Kirchensprache eine Ketzerei, d.h. Abweichung von der geltenden Kirchenlehre.
Harmonie
Harmonie
(gr.
harmonia
= Zusammenfügung) ist eigentl. die den Klanggesetzen angemessene gleichzeitige Verbindung von Tönen. Von der Musik hat man das Wort auf jede wohlgefällige Einheit eines Mannigfaltigen übertragen, besonders in der bildenden Kunst; daher spricht man auch von einer Harmonie der Anordnung, des Ausdrucks, der Lichtabstufungen, der Farben usw. – Eine
harmonische Weltanschauung
nennt man die Vereinigung des Glaubens mit dem Wissen, der Forderungen des Gemüts mit den Resultaten der Forschung. Ein
harmonischer Charakter
ist derjenige, bei welchem alle Grundkräfte des Geistes gleichmäßig ausgebildet sind, wie es uns an Sokrates, Goethe u. a. entgegentritt. – Die
Pythagoreer
erfanden den Begriff einer
Harmonie der Sphären
, d.h. eines gesetzmäßigen Kreislaufs der Himmelskörper um die Hestia, das Zentralfeuer, den ein. musikalischer Heptachord begleiten sollte.
Leibniz
(1646-1716) lehrte pluralistisch, alle Monaden seien voneinander unabhängig, jede ein Wesen für sich, ohne kausale Beziehung zu den anderen, er nahm aber eine »
prästabilierte
« (d.h. vorher von Gott bestimmte)
Harmonie
zwischen den Monaden an, um ihr Zusammenwirken zu erklären, und ersetzte durch diese Lehre den unhaltbaren Occasionalismus (s. d.) der Cartesianer.
Swedenborg
(1688-1772) spricht von einer »
konstabilierten
«
Harmonie
, welche die Ordnung der mechanisch-organischen Welt ausmacht. Die
Materialisten
alter und neuer Zeit nennen endlich die Seele die »
Harmonie des Leibes«
. So auch schon Philolaos, Aristoxenos, Dikaiarchos und Galenus. Vgl. Seele.
Harmonische Obertöne
Harmonische Obertöne
, s.
Obertöne
.
Haß
Haß
(odium = feindliche Verfolgung) ist die leidenschaftliche Abneigung gegen daß, was uns Unlust bereitet hat. Der Haß, das Gegenteil der Liebe, verabscheut nicht nur einen Menschen, sondern möchte ihm auch schaden. Er entspringt oft dem Eigennutz, dem Neide, dem gekränkten Ehrgeiz, der Eifersucht oder der verschmähten Liebe. Insofern er dem Gehaßten Wichtigkeit beilegt, unterscheidet er sich von der Verachtung. Dinge kann man im Grunde nicht hassen, sondern nur Abneigung gegen sie, Abscheu vor ihnen empfinden; denn man vermag sie wohl zu zerstören, aber nicht ihnen zu schaden. Auch der Haß gegen das Böse ist nur der Abscheu vor demselben.
häßlich
häßlich
ist das Gegenteil von schön, also dasjenige, was geistiges Mißfallen erregt; es wächst aus dem Sinnlich-Unangenehmen hervor und beruht stets auf einem Widerspruch, meist dem Widerspruch zwischen der Idee und ihrer sinnlichen Darstellung, durch den die Idee Einbuße erleidet. Die höchste Steigerung des Häßlichen im natürlichen Dasein ist das Ekelerregende, der vollständige Sieg des Sinnlichen, im geistigen Dasein die Gemeinheit des Charakters, die unverhüllte Selbstsucht. Sobald dagegen geistiges Leben ins Häßliche hineinleuchtet, kann auch ein Verbrecher wie Richard III. oder ein Lump wie Falstaff ästhetisch erträglich sein. Das Häßliche tritt jedesmal mit scharfem Ausdruck an uns heran, wodurch es sich vom ästhetisch Indifferenten unterscheidet. Schönes und Häßliches berühren sich im Charakteristischen. Erst wo dieses aufs Gefühl bezogen wird, kann es schön und häßlich genannt werden. Bei rein wissenschaftlicher Betrachtung verschwindet dagegen der Unterschied. Daher ist die. Natur als solche niemals für den Forscher häßlich oder schön, sondern wird es erst für den Ästhetiker. Der Affe erscheint erst häßlich, sobald man ihn mit dem Menschen vergleicht und an der Idee desselben durchs Gefühl mißt. Unmittelbar suchen wir daher das Häßliche nur an einem Kunstwerk, weil es sich von vornherein an den Geschmack des Menschen wendet, nicht an den wissenschaftlichen Forschungstrieb. Vgl. K.
Rosenkranz
, Ästhetik des Häßlichen. 1853.
Häufelschluß
Häufelschluß
, s. Sorites.
Heautognosie
Heautognosie
(v. Gr. geb.) heißt Selbsterkenntnis.
Heautonomie
Heautonomie
, Selbstgesetzgebung (Gegens. Heteronomie), ist s. a. Autonomie (s. d.).
Heautontimorumenos
Heautontimorumenos
(ipse se poeniens), der Selbstquäler, Selbstpeiniger, ist der Titel eines Stückes von P.
Terentius
Afer ( 169 v. Chr.), das nur die Nachbildung einer griechischen Komödie des Menandros ist.
Hedonismus
Hedonismus
(v. gr.
hêdonê
= Vergnügen) heißt die niedrigste Stufe des Eudämonismus, welche die körperliche Lust, den Sinnesgenuß, für das Höchste ansieht.
Aristippos
(436 bis 366), der Schüler des Sokrates, das Haupt der Kyrenaiker, heißt Hedoniker, weil er die Sinnenlust als das höchste Ziel des menschlichen Strebens ansah (
einai de tên hêdonên agathon
. Diog. Laert. II, 8 § 88.) Andere Anhänger des Hedonismus waren
Theodoros, Euhemeros, Bion, Hegesias
. Auch ein Teil der
Epikureer
huldigte dem Hedonismus, der die Philosophie der griechischen Lebemänner wurde. Reiche Griechen trugen auf ihrem Siegelringe Aussprüche, wie etwa die
Pardala peine, trypha, perilambane; thanein se dei ho gar chronos oligos
(Pardalas, trink, schwelge, genieße Wollust; du mußt einmal sterben; das Leben ist nur kurz). Schon der assyrische König
Sardanapal
(668-628) soll auf sein Grabmal bei Anchialos die Inschrift haben setzen lassen
esthie kai pine kai paize
(Iß, trinke und scherze. Arrian Anab. II 6, 4). Neuere Hedoniker sind
Helvetius
(1716-1771),
Holbach
(1723-1789), La
Mettrie
(1709-1751). Als Lebensphilosophie herrscht auch in der Gegenwart der Hedonismus vielfach in den Kreisen der Reichen; nur wagt er sich selten so offen und so schamlos hervor wie im Altertum.
Hedypathie
Hedypathie
(gr.
hêdypatheia
) heißt Wohlbehagen, Wohlleben.
Hegemonikón
Hegemonikón
(gr.
hêgemonikon
) d.h. Herrschendes, nannten die Stoiker das edelste Vermögen der Seele, welches die verschiedenen Seelenvermögen zur Einheit zusammenschließt und dem die Vorstellungen, Begehrungen und der Verstand entstammen (Diog. Laert. VII, § 169
hêgemonikon de einai to kyriôtaton tês psychês, en hô hai phantasiai kai hai hormai gignontai, kai hothen ho logos anapempetai
). Die Seele hat nach ihrer Lehre acht Teile, die fünf Sinne, das Sprachvermögen, die Zeugungskraft und das Hegemonikon, auch
dianoêtikon
genannt, dessen Sitz im Herzen ist. (Diog. Laert. VII, § 110.)
heilig
heilig
(v. Heil = Heil habend und Heil bringend) bedeutet 1. unverletzlich (sacer), 2. vom gewöhnlichen Gebrauch abgesondert, 3. moralisch vollkommen. So gibt es heilige Gegenstände, Orte, Gebräuche, Schriften, aber auch Personen, Gefühle und Gedanken. Auch das Recht, die Wahrheit, der Staat, das Vaterland kann heilig heißen, also auch Begriffe und Verhältnisse. Endlich heißt Gott, das höchste Wesen, heilig.
Heimarménê
Heimarménê
(gr.
heimarmenê
) heißt das Schicksal; siehe unter Schicksal.
Heimweh
Heimweh
(Nostalgie) heißt die durch unbefriedigende Sehnsucht nach der Heimat oder nach den heimatlichen Verhältnissen hervorgerufene Melancholie. Vgl.
Zangerl
, üb. d. Heimweh. Wien 1821.
heliocentrisch
heliocentrisch
, s. geocentrisch.
Hellsehen
Hellsehen
, s. Schlafwandeln.
Helmholtzsche Hypothese
Helmholtzsche Hypothese
, besser
Young-Helmholtzsche
Hypothese, heißt die nach ihrem Urheber (v. Helmholtz 1821-1894) benannte Ansicht, welche im Anschluß an
Young
die Ergebnisse der physikalischen Farbenmischung in physiologische Prozesse umdeutend, drei Grundempfindungen (Rot, Grün und Violett) annimmt, aus deren wechselnden Mischungen alle Lichtempfindungen, auch die farblosen, hervorgehen. Sie entbehrt hinreichender Begründung. (Wundt, Grundz. d. phys. Psychol. I, S. 488, 500).
Hemerose
Hemerose
(gr.
hêmerôsis
), Bezähmung, sc. der Seele, nannten die Pythagoreer die Beherrschung der Leidenschaften, indem sie diese mit wilden Tieren verglichen.
Hemmung
Hemmung
der Vorstellung ist eine Hauptlehre der Psychologie
Herbarts
(1776-1841), nach der gleichzeitige Vorstellungen, die einander partiell oder total entgegengesetzt sind, ihre Intensität gegenseitig nach dem Maße ihres Gegensatzes beschränken. In der gehemmten Vorstellung wird das Vorstellen in ein Streben, vorzustellen, umgewandelt. Für das Bewußtsein bedeutet die Hemmung eine Verdunkelung der Vorstellungen. Herbart schreibt den Vorstellungen eine Art Elastizität zu, vermöge deren sie sich wie Kräfte entgegensetzen, und sucht das Resultat dieser Gegenwirkung durch Rechnung zu bestimmen. · So spricht er von einer Statik und Mechanik der Vorstellungen. In diesen Zusammenhang gehört der Begriff der Hemmung hinein. Vgl.
Herbart
, Psychol. als Wissensch. 1824-25. – Die neuere Psychologie hat diesen Begriff aufgegeben. Die Herbartsche Gleichsetzung der Vorstellungen und Kräfte ist unhaltbar; die Vorstellungen, sind keineswegs selbständige Wesen mit Kräften, die sich heben, halten oder hemmen, sondern Bewußtseinszustände. Die Gefühle und Interessen streiten sich wohl, nicht aber die Vorstellungen. Ihre Stärke hängt von äußeren und inneren Bedingungen ab. Die Statik und Mechanik der Vorstellungen, die Herbart schuf, ist eine Rechnung ohne ein Maß für die Größe, eine Rechnung mit bloßen Zahlen, die zwecklos, ist. Maße für die Empfindungsintensitäten hat erst die Psychophysik geschaffen. Wundt (geb. 1832) kritisiert die Herbartsche Theorie in den Worten: »So wenig es jemals gelingen wird, aus der Reizbarkeit der Nervenfasern die physiologischen Funktionen zu erklären, so fruchtlos ist das Unternehmen aus dem Drücken und Stoßen der Vorstellungen die innere Erfahrung abzuleiten« (Grundzüge d. phys. Psych. II, S. 393).
Hemmungssumme
Hemmungssumme
der Vorstellungen nennt
Herbart
den Inbegriff des in den einzelnen Vorstellungen gehemmten Vorstellens,
Hemmungsverhältnis
dagegen das Verhältnis, in dem sich die Hemmungssumme auf die einzelnen einander entgegengesetzten Vorstellungen verteilt. Vgl. Herbart, Psychologie als Wissenschaft. § 36. W.
Volkmann
, Psych. I, 168f. 338f. 4. Aufl. Köthen 1894.
Henaden
Henaden
(gr.
henas
), Einheiten, sind (im Gegensatz zu dem, was eine Vielheit in sich einschließt) soviel als Monaden; auch sind sie ein Name für die Ideen Platons.
Henotheismus
Henotheismus
(v. gr.
heis
und
theos
), Eingottlehre, heißt nach
Max Müller
(1823-1900) die Vorstufe des Monotheismus, auf der zwar ein Stammesgott verehrt, aber die Existenz anderer Götter nicht geleugnet wird. Dies ist der Standpunkt des älteren Mosaismus. Vgl. Kathenotheismus.
Herkules
Herkules
am
Scheidewege
ist eine allegorische Erzählung des
Prodikos
(c. 430-v. Chr.), nach welcher Herakles zwischen der Tugend und dem Laster, die ihm erscheinen, wählt. Vgl. Xenophon, Memorab. II, 1, 21 ff. (Das dort genannte
syngramma peri Hêrakleous
war ein Teil seines größeren Werkes
hôrai
.)
Herz
Herz
(cor), der Mittelpunkt des Gefäßsystems und somit der Ernährung, des Stoffwechsels oder des Lebens, wurde von den alten Hebräern, Ägyptern, Indern u a. als Sitz der Seele angesehen; ebenso von den Pythagoreern. Seit
Demokritos
versetzten die Hellenen dahin den Mut oder Zorn
thymos
Platon
unterschied drei Teile der Seele, die vernünftige
logistikon
, deren Sitz im Kopf, die begehrliche
epithymêtikon
deren Sitz im Unterleib, die mutige
thymoeides
deren Sitz im Herzen ist.
Aristoteles
verlegte in das Herz die Empfindung, während ihm das Gehirn von untergeordneter Bedeutung zu sein schien. Die Stoiker sahen das Herz als Sitz des Hegemonikon an. Seit
Herophilos
von Alexandrien (c. 280 v. Chr.), einem Arzt und Anatomen, der auch zuerst den Pulsschlag feststellte, galt das Gehirn als Sitz der Seele. Da jedoch der Herzschlag durch die Gemütsbewegungen sehr beeinflußt wird, so galt das Herz doch immer wieder als Organ der Gefühle, und man redet daher von einem herzlosen, beherzten Menschen, herzlicher Teilnahme u. dgl. Weil das Lernen nicht ohne Lust und Liebe zur Sache möglich ist, sagt der Franzose apprendre par cur.
Hesychie
Hesychie
(gr.
hêsychia
), Ruhe, Stille, bezeichnet entweder das Schweigen der Pythagoreer, oder die Ataraxie (s. d.) der Skeptiker, also die Gemütsruhe; der Stoiker Chrysippos (282 bis 209) verstand darunter das Abwarten beim Disputieren.
Hesychasten
Hesychasten
(gr.
hêsychastai
) hießen im Mittelalter griechisch-katholische Mönche, die durch völlige Ruhe in ihren Zellen im mystischen Schauen und Gebet, das Kinn auf die Brust gelegt und nach dem Herzen starrend (Omphalopsychie), die Vereinigung mit Gott suchten. Der Hesychasmus ist für rechtgläubig anerkannt und besteht jetzt noch, z.B. auf dem Athos.
heterogén
heterogén
(gr.
heterogenês
) heißt einer anderen Gattung ungehörig, ungleichartig, unähnlich; Gegensatz dazu ist homogen von gleicher Gattung.
Heterogonie
Heterogonie
(v. gr.
heterogonos
) der Zwecke nennt W. Wundt (geb. 1832) das psychische Gesetz, wonach sich das Verhältnis der Wirkungen zu den vorgestellten Zwecken so gestaltet, daß mit den Wirkungen stets noch Nebenwirkungen verbunden sind, die in den vorausgehenden Zweckvorstellungen nicht mit gedacht waren, die aber in neue Motivreihen eingehen und entweder die vorhergehenden Zwecke abändern oder zu neuen Zwecken werden. Wundt, Ethik, S. 206.
Heteronomie
Heteronomie
, s. Autonomie.
Heterozetesis
Heterozetesis
(v.gr.
heteros
= anders und
zêtêsis
= Frage) heißt eine verfängliche Frage, die auf verschiedene Weise beantwortet werden kann. Vgl.Cornutus, Krokodilschluß, Sophisma.
Heuchelei
Heuchelei
hypokrisis
ist die aus selbstsüchtigen Interessen entspringende Verhüllung der wahren und Vorspiegelung einer falschen, in dem Betreffenden nicht vorhandenen lobenswerten Gesinnung. Der Heuchler will besser erscheinen, als er ist, um Mächtigen zu gefallen und davon Gewinn zu haben. Er heuchelt politische, religiöse, ethische Grundsätze, um vorwärts zu kommen, also um das liebe Brot, aus Liebedienerei, aus Feigheit. Die Heuchelei wird leicht durch despotisches Regiment in Staat und Kirche geweckt. Strenge Staatsgesetze und orthodoxe Religionsedikte, auch wo sie von der besten Absicht eingegeben sind, machen die schwächere Menschheit nicht gut und fromm, sondern nur heuchlerisch. Gegen die Heuchelei der Pharisäer richtete Jesus vor allem seine Lehre.
Heuristik
Heuristik
(nlt. vom gr.
heuriskein
= finden) heißt die Erfindungskunst oder die Anweisung, auf methodischem Wege Erfindungen zu machen. Früher suchte man sie in einer willkürlichen Kombination logischer Begriffe, so Raimund Lullus (1235-1316) mit seiner Ars magna (Großen Kunst) und Leibniz (1646-1716) mit seiner Kombinationskunst (ars combinatoria). Fruchtbarer waren Lord
Bacons
(1561-1626) Winke in seinem Novum Organen, ebenso die Anweisungen Herschels und Whewells und die Methoden der experimentellen Forschung. Stuart
Mills
(1806-1873.) Es ist aber unmöglich, sowohl für alle Wissenschaften eine Methode der Forschung zu erfinden, als auch die verschiedenen Methoden der Erfindung auf Regeln zu bringen: Scharfsinn, Kombination, Genie und Zufall tun bei der Erfindung ebensoviel wie methodische Induktion. Am leichtesten ist das Erfinden, wo es sich um Verfeinerung von bereits vorhandenen Instrumenten, Maschinen u. dgl. handelt. Fast unmöglich dagegen ist es, dem künstlerischen Erfindungsgeiste Bahnen zu weisen. – Das
heuristische Verfahren
in der wissenschaftlichen Darstellung ist die Schilderung des Weges, auf welchem die Lehren einer Wissenschaft gefunden worden sind oder wenigstens hätten gefunden werden können. Es überliefert also die Disziplin nicht als etwas Fertiges, sondern als etwas Werdendes. Dieses Verfahren, das man auch genetisch oder analytisch nennt, hat hohen pädagogischen Wert. Für die Naturwissenschaft ist vor allem die Induktion und die Zurückführung des Qualitativen auf Quantitätsverhältnisse brauchbar; doch hat auch die Teleologie bei der Behandlung der Organismen heuristischen Wert. Vgl.
Stuart Mill
, A System of Logic Rationative and Inductive, übersetzt von Gomperz. Leipzig 1884. J.
Schiel
, Die Methode der induktiven Forschung. Braunschweig 1865.
Liard
, les logiciens anglais contemporains. Paris 1878. Vgl. auch Reduktion, Hypothese.
Historismus
Historismus
s. Geschichte.
Hochmut
Hochmut
(eigtl. hoher Mut) ist die übermäßige Selbstschätzung auf Grund
eingebildeter
Vorzüge, welche sich in geringschätzigem, verletzendem Betragen gegen andere äußert. Weil oft der Stolz (s. d.), der aus dem Besitz
wirklicher
Vorzüge hervorgeht, in Hochmut ausartet, werden beide leicht miteinander verwechselt. Vgl. Stolz.
höchstes Gut
höchstes Gut
(summum bonum), s. Gut.
Hodegetik
Hodegetik
(v. gr.
hodêgêtikos
zum Wegweisen geeignet), eigentlich Wegführung, heißt die Einleitung in eine Wissenschaft; vgl. Propädeutik.
Höflichkeit
Höflichkeit
, eigtl. höfisches Benehmen im Gegensatz zur »Dörperheit« (d.h. bäurischem Benehmen), ist die Fertigkeit, anderen durch Rede, Benehmen und Handlung diejenige Aufmerksamkeit zu beweisen, die ihnen nach ihren Standes-, Geschlechts- und Altersverhältnissen und nach den Sitten des Landes zukommt. Gleichaltrigen Freunden und Verwandten gegenüber ist die Höflichkeit verdächtig, weil sie auf Mangel an Herzlichkeit beruhen kann; gegen gemeine Naturen dient sie als eine Art von Schutz. Übertriebene Höflichkeit zeugt von Mangel an Selbstschätzung. Vgl. Kriecherei, Heuchelei.
Hoffnung
Hoffnung
ist der Affekt freudiger Erwartung eines zukünftigen Guts. Um hoffen zu können, muß man die Erinnerung an erfüllte Wünsche und gelungene Pläne haben; wem alles mißlungen ist, der hat allmählich das Hoffen verlernt. Weil aber die Hoffnung sich auf ein
künftiges
, also höchstens
wahrscheinliches
Gut bezieht, so ist sie nicht ohne Begleitung der Besorgnis zu finden, daß das Erwartete auch nicht eintreffen könne. Sie ist daher mit Unlust verbunden. Sie stärkt zwar des Menschen Kraft im Tun und im Leiden, da sie aber auch die Phantasie anregt, und sich der Hoffende die Zukunft leicht zu rosig ausmalt, so folgt ihr oft Enttäuschung, wenn ihre Erfüllung ausbleibt oder ihr nicht entspricht. Auch ist der Hoffende wohl in Gefahr, über den Zukunftsbildern die Pflichten der Gegenwart zu versäumen. – Die Alten stellten die Göttin der Hoffnung (
'Elpis
, Spes) als leicht schreitendes Mädchen mit langem Gewande dar, in der Rechten eine Blume oder Kornähre oder Schale, mit der Linken das Gewand etwas lüpfend. Die Hoffnung gilt in der christlichen Ethik als eine der Haupttugenden. (Vgl. 1. Korinth. 13, 13
nyni de menei pistis, elpis, agapê, ta tria tauta
.)
Descartes
(Pass. an. III, 165) nennt sie einen Zustand der Seele, in dem man Glaubt, daß das Gewünschte eintreffen werde. Sie wird veranlaßt durch eine Mischung der Freude und des Verlangens. –
Spinoza
(1632-1677, Ethik III Def. d. Aff. 12) definiert: Die Hoffnung ist eine unbeständige Freude, welche aus der Vorstellung einer kommenden oder vergangenen Sache entsteht, über deren Ausgang wir in Zweifel sind. Vgl. Schillers Gedicht Die Hoffnung (Zu was Besserem sind wir geboren) und Goethes Urworte. Orphisch Str. 5 (Ein Flügelschlag und hinter uns Äonen).
Hohn
Hohn
ist der mit hämischer Verachtung verbundene Spott. Er entspringt dem Hasse, Stolze oder Neide. Hohngelächter ist nicht das aus dem Affekt, sondern das aus der bösen Absicht hervorgehende Lachen, das den Verhöhnten kränken will.
Holomerianer
Holomerianer
(gr.) heißen diejenigen Spiritualisten, welche annehmen, daß der Geist im bestimmten Räume, und zwar in Jedem Teile desselben existiere. Den Gegensatz dazu bilden die Nullibisten (von nullibi, nirgendwo), d.h. diejenigen, welche leugnen, daß von einem Geiste überhaupt ausgesagt werden könne, er sei irgendwo.
homogen
homogen
, s. heterogen.
Homöomerien
Homöomerien
(gr.
homoiomereiai
) nennt man seit
Aristoteles
(
ta homoiomerê stoicheia
De caelo III, 3p. 302a 31) die von
Anaxagoras
v. Klazomenä (500-428) angenommenen letzten, gleichartigen, qualitativ bestimmten Elemente (
stoicheia
) der Dinge, die in unbegrenzter Vielheit vorhanden sein sollten. Die Homöomerien stehen im Gegensatz zu den Atomen des Leukippos und Demokritos, die qualitätslos sind und sich nur durch Gestalt, Ordnung, Lage voneinander unterscheiden. Siehe Atome. Aristot. Metaph. I, 3p. 984 a 11.
homo sum
homo sum
, humani nihil a me alienum puto, »ich bin ein Mensch, nichts Menschliches achte ich mir als fremd«, ist ein Wort des Terenz ( 169 v. Chr.), von Chremes im Heaut. 1, 1,25 gesprochen, das auf Menandros zurückgeht und schon von Cicero (de off. I,9, 30) und Seneca (ep. 95) als Prinzip der Humanität anerkannt wurde.
Homologie
Homologie
(gr.
homologia
= Übereinstimmung) nannten die Stoiker die mit sich selbst übereinstimmende Vernunft und das ihr angemessene Leben (
to homologoumenôs zên
). Cicero übersetzt es (de fin. III, 621) mit convenientia, Seneca (ep. 31) mit aequalitas ac tenor vitae per omnia consonans sibi. Die Pythagoreer verstanden unter Homologie die Ähnlichkeit mit Gott (s. d.), indem sie dem Schüler zuriefen: Folge Gott (
hepou theô
)! –
Homologie
ist auch der Ausdruck für Übereinstimmung in der Gestalt. So braucht es z.B. O.
Peschel
in den neuen Problemen der vergleichenden Erdkunde für die Übereinstimmung geographischer Gestalten (Südamerika, Afrika, Australien).
Hörnerfrage
Hörnerfrage
(gr.
keratinê zêtêsis
, lat. cornuta quaestio) ist die sophistische Art an fragen, um den Gefragten in Verlegenheit zu setzen, welche
Eubilides
(4. Jahrh. v. Chr.) erfunden haben soll. Er fragte z.B.: »Hast du deine Hörner verloren?« Antwortete man: »Nein!« – so folgerte er: »Also hast du sie noch!« Sagte man: »Ja«, so schloß er: »Also hast du Hörner gehabt.« Zu sagen: »Ich konnte keine abwerfen, weil ich keine hatte« war verboten; denn die Megariker wollten, daß man nur Ja oder Nein antwortete. Siehe Cornutus.
hübsch
hübsch
(eigtl. höfisch) bezeichnet einen niederen Grad der Schönheit, eine wohlgefällige, wenn auch nicht vollkommene Erscheinung.
Humanität
Humanität
(franz. humanité, lat. humanitas), eigentlich Menschlichkeit, bezeichnet zunächst das für den Menschen im Unterschied vom Tier Charakteristische, also den Gegensatz zur Bestialität, Brutalität. Da dieses aber durch Erziehung und Unterricht ausgebildet werden muß, so bedeutet es auch die Bildung, welche nicht bloß gewisse Kenntnisse gibt, sondern auch Gemüt und Charakter erzieht. Als Wirkung der Humanität gilt das humane, d.h. leutselige und freundliche Benehmen gegen Schwache, Niedere, Arme usw. Denn dem wahren Menschen ist nichts Menschliches fremd, weder der Sinn für ein geistiges oder sittliches Gut, noch das Mitgefühl für fremdes Leid.
Die Idee der Humanität
, welche die Einheit des Menschengeschlechts zur Voraussetzung hat, ist allmählich zur Anerkennung gelangt. Im Altertum verachtete und haßte jedes Volk das andere. Erst Alexanders Züge, durch welche griechische Sprache und Literatur Gemeingut der Völker wurde, sowie die Lehren der Kyniker und Stoiker haben den Satz in Aufnahme gebracht, daß alle Menschen Brüder seien. Ihnen schloß sich das Christentum und die Philosophie im allgemeinen an. Als dann im 15. Jahrhundert die alten Künste und Wissenschaften ihre Wiedergeburt (Renaissance) feierten, erschienen sie ihren Anhängern im Gegensatz zu dem verzerrten, beschränkten Zeitalter als einzig menschlich, daher nannte man sie
Humaniora
und die, welche sich ihrem Studium widmeten,
Humanisten
(Reuchlin, U. v. Hütten, Erasmus von Rotterdam u. a.). Allmählich verloren diese sich aber in Buchstäbelei und Pedanterie, sodaß ihnen im 18. Jahrhundert der Philanthropinismus (s. d.) entgegentrat, der das ausschließliche Studium der alten Sprachen mit Recht bekämpfte. Aber noch heute ist der Streit zwischen Humanismus und Realismus nicht geschlichtet. Aus der tieferen Erkenntnis des Altertums, namentlich aus dem Studium der Griechen erwuchs dann in unserer klassischen Zeit unter Vorangang J. J. Winckelmanns (1707-1768) die Humanitätsidee, wie sie vor allem Lessing, Herder, Goethe, Schiller und W. v. Humboldt beherrscht. Im 19. Jahrhundert hat die Humanitätsidee ihre Einschränkung durch das Erwachen des Nationalgefühls, die Entwicklung der Naturwissenschaft und der Technik und die Neuerungsrechte auf dem Gebiete des Schulwesens gefunden.
Humor
Humor
(lat. humor, ital. umore), eigtl. Feuchtigkeit, heißt 1. die Laune (s.d.), 2. diejenige Komik, deren Vater der Schmerz ist, 3. der Scherz, der auf Ernst gegründet ist. Der Humor im letzteren Sinne entspringt aus bestimmter Stellung zum Leben. Nur der ist seiner fähig, der sich von den Bedürfnissen frei weiß und doch sich gern dem Leben hingibt und an demselben mit Freude teilnimmt. Der Humorist beklagt weder das Übel, noch bewitzelt er es, sondern er lächelt, wie Jean Paul sagt, unter Tränen, d.h. er faßt die moralischen, physischen und intellektuellen Übel als Totalität, zu welcher er sich aber auch selbst rechnet. Er poltert daher nicht wie der Moralprediger, noch geißelt er die Menschen, wie der Satiriker tut, sondern er schildert sie mitempfindend, liebevoll und nicht ohne innige Teilnahme. Ohne schmerzliche Erfahrung und liebevolle Teilnahme ist kein Humor. Er ist je nach seiner Aufgabe ernst oder heiter, streng oder milde; jetzt dämpft er unser verblendetes Entzücken, dann hebt er unseren gesunkenen Mut; das Übermenschliche macht er menschlich, das Kleinste bedeutend. Gute Humoristen sind natürlich selten; Beispiele sind: Aristophanes, Cervantes, Rabelais, Fischart, Shakespeare, Hippel, Jean Paul, Dickens, Thackeray, F. Reuter, W. Raabe, W. Busch, A. Seidel.
Hyle
Hyle
(gr.
hylê
) heißt Urstoff, Materie.
Hylozoisten
Hylozoisten
(T.gr.
hylê
= Stoff und
zôê
= Leben im Beginn der Neuzeit gebildet, seit dem 17. Jahrhundert vorhanden) nennt man bisweilen die ionischen Naturphilosophen, welche noch nicht Stoff und Kraft trennten, sondern der Materie eine in ihr liegende ursprüngliche Lebenskraft zuschrieben, die sich in den Erscheinungen der Natur offenbare. So sah Thales (ca. 600) das Wasser,
Anaximandros
(ca. 570) das Apeiron (das Unbestimmte),
Anaximenes
(ca. 530) die Luft,
Herakleitos
(ca. 500) das Feuer als Prinzip des Weltprozesses an. Diese Ansicht ist eine Art von Materialismus, der entweder dynamisch oder mechanisch auftreten kann, je nachdem die Welt als Produkt einer Kraft oder nur nebeneinander geschichteter Stoffe angesehen wird. Der Hylozoismus widerspricht dem Gesetze der Trägheit. Kant (Metaph. Anf. d. Nat. S. 121) sagt: »Auf dem Gesetze der Trägheit beruht die Möglichkeit einer eigentlichen Naturwissenschaft ganz und gar. Das Gegenteil des ersteren und daher auch der Tod aller Naturphilosophie wäre der Hylozoism.« In der Kritik der Urteilskraft II, § 72, S. 319 dagegen nennt Kant
Hylozoism
den physischen Realismus der Zweckmäßigkeit in der Natur, der die Zwecke in der Natur auf das Analogon eines nach Absicht handelnden Vermögens, das Leben in der Materie gründet, während der hyperphysische Realismus der Zweckmäßigkeit der Natur Theism genannt wird.
Hylopathismus
Hylopathismus
(v. Gr. geb.) ist die Lehre, welche dem Stoffe Gefühle, Affekte und Leidenschaften beilegt.
hyperphysisch
hyperphysisch
heißt übernatürlich, supranatural (lat.).
Hyperästhesie
Hyperästhesie
(gr.) heißt die krankhaft gesteigerte Erregbarkeit der Sinne. Sie ist eine Begleiterscheinung der Hysterie. Der Gegensatz ist Anästhesie.
Hypnose
Hypnose
(v. gr.
hypnoein
= einschläfern) heißt der künstliche, durch bestimmte psychische Einwirkungen, durch Fixierung eines glänzenden Objekts, durch Suggestion (s. d.) usw. erzeugte Schlafzustand, in dem der Geist eine abnorme Einseitigkeit der Aufmerksamkeit oder eine abnorme Konzentration des Bewußtseins annimmt. Vom Traume unterscheidet sich die Hypnose dadurch, daß jener in der Regel auf sensorische Funktionen beschränkt bleibt, während in dieser auch äußere Willenshandlungen automatisch ausgeführt werden. Der hypnotische Mensch stellt sich vor, spricht und tut, was der Hypnotiseur will. Dieser Zustand wirkt bisweilen auch noch im Wachen nach. Die Hypnose umfaßt mithin alle früher als Mesmerismus, animalischer Magnetismus, Somnambulismus, Od und Rapport bezeichneten Erscheinungen, so weit sie sich auf bekannte psychische und physiologische Prozesse zurückführen lassen. Bezüglich der Entstehung der Hypnose bestehen noch Dunkelheiten, da die Disposition des Nervensystems, an die der Eintritt der Hypnose geknüpft ist, noch unbekannt ist. Die Lehre von der Hypnose heißt Hypnotismus. Vgl. W.
Preyer
, die Entdeckung des Hypnotismus 1881. R.
Heidenhayn
, der sog. tierische Magnetismus 1880. A. F.
Weinhold
, Hypn. Vers. 1880. G. H.
Schneider
, die psychol. Ursache der hypnotischen Erscheinungen 1880.
Wundt
, Grundriß d. Psychol. § 18, 8, S. 336.
Hypokrisie
Hypokrisie
(gr.
hypokrisis
) heißt Heuchelei. Siehe dort.
Hypostase
Hypostase
(gr.
hypostasis
) heißt eigtl. Unterlage, dann Substanz, dann Anwendung des Begriffes der Substanz auf Nichtsubstanzielles.
hypostasieren
hypostasieren
heißt etwas Ungegenständliches zum Gegenstand, etwas Unsubstantielles zur Substanz machen, einem Unselbständigen Selbständigkeit beilegen.
Hypothese
Hypothese
(gr.
hypothesis
) heißt Voraussetzung, Annahme, Bedingung.. Ihre einfachste Form ist das
hypothetische Urteil
: »Wenn A ist, so ist B«, in dem die Gültigkeit des Nachsatzes (thesis) durch die des Vordersatzes (hypothesia) bedingt ist. Hypothetisches Verhältnis heißt demnach das Verhältnis von Bedingung und Bedingtem, von Grund und Folge. Hypothetisch heißt daher eine
Behauptung
, welche, weil ihre Gültigkeit erst von einer anderen abhängt, ungewiß, zweifelhaft ist. –
Hypothesen im engeren Sinne
sind verallgemeinernde Annahmen, welche man macht, um für eine Menge von Naturerscheinungen das Gesetz, den Erkenntnisgrund zu finden. Jede Hypothese ist also ein Versuch, die Lücken unserer Erfahrung durch Begriffe auszufüllen und zu erklären, eine vorläufige Annahme einer Prämisse, die eine für wahr gehaltene Ursache festzustellen versucht. Sie ist keine willkürliche, aus der Luft gegriffene Behauptung, sondern das Resultat der Rückschlüsse aus Erfahrungen und zugleich die Prämisse für zu versuchende Deduktionen. Die Form der Hypothese ist der Weg zu den höheren abschließenden Begriffen; sie dient dazu, den logischen Zusammenhang der Tatsachen zu vermitteln. Eine gute Hypothese muß die einschlägigen Tatsachen wirklich erklären, so einfach als möglich sein, nicht viele Hilfshypothesen erfordern und keinem Vernunft- oder Naturgesetz widersprechen. Für erwiesen gilt sie, wenn entweder alle anderen Erklärungen sich als logisch undenkbar oder faktisch unhaltbar herausstellen, während sie selbst den Tatbestand genügend erklärt, oder wenn sie über Gebiete Licht verbreitet, die bisher unbekannt waren. Sie erlangt dadurch den Rang eines wissenschaftlichen Lehrsatzes; solche Hypothesen sind z.B. das Trägheitsgesetz, die Gravitationshypothese Newtons, Laplaces Hypothese von der Kosmogonie, die Annahme eines Äthers, die elektrische Lichttheorie, das Prinzip von der Erhaltung der Energie. Daß alle Hypothesen keinen dauernden Abschluß der Forschung bilden, und jede der beständigen Nachprüfung bedarf, da neue Erfahrungen gemacht werden können und auch unser Geist sich vervollkommnet, hat in feinsinniger Analyse der Begriffe, Zahl und Große, Raum, Kraft und Natur neuerdings
Poincaré
(Wissenschaft und Hypothese, Leipzig 1904, übersetzt v. Lindemann) gezeigt. Die Aufstellung von Hypothesen hängt ebensosehr von Gelehrsamkeit als von scharfsinniger Kombination und glücklichem Blick ab. Vgl.
Apelt
, Theorie der Induktion. J. St.
Mill
, Logik II. W.
Wundt
, Logik I.
Sigwart
, Logik. Tübingen 1873-78.
Hypotypose
Hypotypose
(gr.
hypotypôsis
= Entwurf) bedeutet bei den alten Philosophen s. v. als Kompendium. So hat man die pyrrhonischen, d.h. skeptischen Hypotyposen des Sextus Empiricus (3. Jahrh. n. Chr.). Kant versteht unter Hypotypose die Versinnlichung eines Begriffs.
Hysteron-Proteron
Hysteron-Proteron
(gr.
hysteron proteron
Späteres-Früheres) heißt derjenige Fehler im Denken oder Darlegen, bei dem man das, was nachfolgen sollte, zuerst nimmt und das, was zuerst kommen sollte, nachfolgen läßt, also z.B. etwas aus einem Satze beweist, der umgekehrt erst aus dem Bewiesenen hätte abgeleitet werden müssen.
I
I
bedeutet in der Logik ein besonders bejahendes Urteil; z.B.: Einige Phanerogamen sind Monokotyledonen. Die allgemeine Form eines besonders bejahenden Urteils ist: Einige S sind P. Das besonders bejahende Urteil kann auf einem vierfachen Begriffsverhältnis von Subjekt und Prädikat beruhen: 1. Entweder die Sphären beider Begriffe durchkreuzen sich; z.B.: Einige Raubtiere sind Sohlengänger; oder 2. das Subjekt ist der Gattung-, das Prädikat der Artbegriff; z.B.: Einige Phanerogamen sind Dikotyledonen; oder es gelten die drei Verhältnisse des allgemein bejahenden Urteils, daß 3. das Subjekt der Art-, das Prädikat der Gattungsbegriff ist; z.B.: Einige Güter sind trüglich, oder 4. daß Subjekts- und Prädikatsbegriff identisch Bind; z.B.: Einige gleichseitige Dreiecke sind gleichwinklig, wobei der partikuläre Satz nur einen Teil der Wahrheit ausdrückt und die volle Wahrheit erst in den Sätzen: Alle Güter sind trüglich und Alle gleichseitigen Dreiecke sind gleichwinklig liegt.
Ich
Ich
(ego) bezeichnet für den Sprechenden oder Denkenden die eigene Person. Unter Person aber verstehen wir die individuelle und kontinuierliche Einheit des Bewußtseins, welche durch das Leben im Wechsel der körperlichen und geistigen Zustände und Tätigkeiten, die sich in demselben abspielen, fortbesteht. So bestimmt, heißt das Ich:
individuelles
Ich. Dieser Begriff des individuellen Ichs gründet sich nur auf das Gefühl des Zusammenhanges aller eigenen psychischen Erlebnisse. Die Realität dieses Ichs erscheint aber dem naiven Menschen, der über das erste Kindheitsstadium hinaus ist, so gewiß, daß die Formel: »so wahr ich bin« eine der stärksten Beteuerungen der Realität ist. Für den Unmündigen (d.h. das Kind, den Naturmenschen und den Ungebildeten) fällt dabei zunächst das Ich offenbar ganz mit dem Leibe zusammen, denn durch Gesicht und Getast, Gemeingefühl, Muskelempfindung und Schmerz wird es alsbald der Außenwelt entgegengestellt. Durch den Leib treten wir in Erscheinung, orientieren wir uns im Räume, treten wir mit der Welt in Wechselwirkung und vergewissern wir uns, ob wir wachen oder träumen. Er ist der Sitz unserer Vorstellungen, Gefühle und Bestrebungen. Das individuelle Ich ist also in erster Linie das
leibliche Ich
. – Allmählich aber lernt der Mensch, daß sein Ich nicht mit dem Leibe identisch sei. Denn dieser kann sehr wohl verletzt oder verstümmelt werden, ohne daß jenes sich dadurch ändert, und jenes kann an Tiefe, Umfang und Klarheit zunehmen, während der Leib verfällt. Infolgedessen sehen wir das Ich als den
ideellen
Kern unseres Wesens, als
seelisches Ich
, an, das seine lange Entwicklungsgeschichte je nach den verschiedenen Verhältnissen unseres Lebens hat. So schwer es auch ist anzugeben, was dasselbe eigentlich in einem bestimmten Moment sei, so drängt sich seine Kontinuität, Einheit und Identität jedem leicht auf; es ist zunächst die Summe aller unserer
Lebenserfahrungen
, die Seele selber. Die Existenz dieses
empirischen Ichs
spricht Cartesius (1596 bis 1650) in dem berühmten Satze aus: Cogito, ergo sum, Ich denke, also bin ich; d.h. ich bin ein Denkendes, folglich existiere ich als Subjekt des Denkens. Dieses Ich ist nichts. körperlich, sinnlich Wahrnehmbares; es erscheint selbst nicht; ja auch seine Daseins-Äußerungen treten nicht äußerlich in die Erscheinung. Dritte nehmen nur körperliche Modifikationen wahr, welche ein äußerlicher Ausdruck dessen sind, was im Innern des Ichs vorgeht. Es ist zunächst nur sich selbst bekannt, im Selbstbewußtsein gegeben. Aber aus seinen Äußerungen beim Mitmenschen schließen wir von uns aus ebenfalls für sie auf ein Ich. Freilich nimmt dieses Schließen bald auch infolge unserer eigenen Erlebnisse, der Übung und der Verständlichkeit der Äußerungen fast den Charakter der Unmittelbarkeit an. Wirklich bewußt wird jedem jedoch nur sein eigenes Ich. Die Äußerungen des Ichs aber sind Empfindung, Gefühl, Sinnesperzeption, Vorstellen, Wollen und Handeln. Diese Akte treten nie unvermischt auf, sondern immer in Verbindung miteinander und sind zum Teil der Isolierung gar nicht fähig. Alle aber werden dem Ich im
Bewußtsein
offenbar; es ist also das Innewerden, das klare, innerliche Auffassen, Haben und Festhalten der objektiven und subjektiven Erscheinungen in ihrem Detail wie in ihrer Totalität die Grundeigenschaft des Ichs. Man könnte das Ich daher mit einem Lichte vergleichen, das sich ruhig, doch intensiv über die Gegenstände ausgießt, aber ohne einen Gegenstand sich nicht manifestieren kann. Dieses Ich gilt dabei als der Träger des Bewußtseins, nicht als das Bewußtsein selbst; auch erscheint der Inhalt des Ichs durch das Bewußtsein nicht vermehrt, sondern nur erleuchtet. – Das Ich ist zwar ein Individuelles, aber auch ein bei allen gesunden Menschen Verwandtes und gleichen Gesetzen Unterworfenes. Sein spezieller Gegenstand ist aber immer das eigene Selbst; in dieser Hinsicht heißt es
Selbstbewußtsein
oder reines Ich. Aber dieses Selbstbewußtsein, insofern es die Erfahrung des eigenen Ichs als Trägers des Bewußtseins zu sein vorgibt, ist eine Selbsttäuschung. Es existiert in Wahrheit nicht. Das Selbstbewußtsein besteht nur darin, daß die Lebensäußerungen des Ichs ein Gegenstand des Bewußtseins werden. Das Ich selbst – und das ist die Schranke des Selbstbewußtseins – ist uns nur durch seine Zustände und Tätigkeiten in der Erfahrung gegeben. Das Ich als Träger aller Bewußtseinsvorgänge, als Substanz oder Ursache unabhängig von seinen Zuständen, das
reine Ich
wird nie von uns erkannt. Wir erschließen es nur entweder als eine geistige Substanz oder als eine geistige Energie, als individuelle Seele, oder wie wir es sonst nennen, um das Ruhende in der Flucht der Erscheinungen um das Bleibende im Wechsel, um den Zusammenhang unseres individuellen Daseins zu erklären; und so gewiß uns im Bewußtsein ein Faktor des Daseins gegeben ist, der neben den Erscheinungen des materiellen Lebens ein Stück oder der Kern des Daseins ist, so gewiß ist das reine Ich doch auch nur die
metaphysische Hypothese
, durch die wir die innere Erfahrung abschließen, verallgemeinern und ergänzen.
So hat also das Ichbewußtsein drei Stufen, indem es als leibliches Ich, als seelisch-empirisches Ich und als seelisch-reines Ich erfaßt wird. Man kann das Ich demnach sowohl die reichste als auch die ärmste Vorstellung nennen, jenes, was ihren eigenen Erfahrungsinhalt als Leib und empirisches Ich, dieses, was das reine Ich betrifft.
Die
Psychologie
geht jetzt, soweit sie eine induktive exakte Wissenschaft ist – das ist der methodische Fortschritt, den die Neuzeit gemacht hat –, nicht mehr von dem reinen Ich, sondern nur von Tatsachen des Bewußtseinslebens, dem empirischen Ich in allen seinen Einzelzuständen, aus. – Die
Erkenntnistheorie
dagegen statuiert, indem sie die Bedingungen der Erfahrung untersucht, eine synthetische Einheit des Bewußtseins, die die Bedingung der Erfahrung ist; Kant hat eine solche als Grundbedingung aller Erkenntnis in der Kr. d. r. V. geltend gemacht. – Das
reine Ich
fällt aber vor allem der
Metaphysik
zu. Es ist ein metaphysischer Begriff, eine letzte Hypothese zur Erklärung des Daseins. Es gehört wie alle Metaphysik nicht an den Anfang, sondern an das Ende der Philosophie. Wer mit dem reinen Ich in der Philosophie beginnt, wie Fichte (1762-1814) es getan hat, baut sein metaphysisches System in die Luft und schlägt andere Wege, als die Wissenschaft mit Erfolg verfolgen kann, ein, wobei dann doch die Methode den Denker bald verläßt, und er sich gewöhnlich der Subreptionen aus der Erfahrung schuldig macht. Fichte aber ist der metaphysische Ich-Philosoph, der versucht hat, diesen Begriff nach allen seinen Konsequenzen auszudenken.
Störungen
in den Funktionen des Ichs sind verhängnisvoll; sie bestehen 1. in Störungen in der Wechselwirkung des Ichs mit den übrigen Vorstellungen (Unterbleiben der inneren Wahrnehmung); 2. in Störungen innerhalb der Vorstellungskreise des Ichs (Aufhebung des Selbstbewußtseins); 3. in Entwicklung eines abnormen Ichs und Unterdrückung des normalen durch jenes. Die erste Art findet sich während des Hellsehens, des Erwachens aus einer Ohnmacht, während heftiger Affekte und Beobachtung äußerer Vorgänge, auch bei künstlerischer Konzeption wie in Träumen. Die zweite Art tritt beim Übergang einer Altersstufe in die andere auf, bei habitueller Trunkenheit und fortgesetztem Opiumgenuß. Die dritte Art bildet eine Seelenkrankheit, welche mit einer Veränderung der Gemeinempfindung beginnt, sich in einer Verfälschung der Leibesvorstellung zeigt (man wähnt, einen Leib von Glas, Butter u. dgl. zu haben) und in voller Halluzination eines zweiten Ichs endet! Im Wahnsinn ist das abnorme Ich an Stelle des normalen getreten.
Auf das
individuelle
Ich sollte der Name seiner Entstehung nach auch beschränkt bleiben. Aber da im Ich die Seele, das geistige Dasein des Einzelnen, gegeben ist, so überträgt die Philosophie den Namen des Ichs auf die
Seele der Welt
, auf die geistige Substanz überhaupt. Sie faßt damit den Gedanken eines
universellen Ichs
. Während Fichte in den ersten Stadien seines Philosophierens entschieden das individuelle Ich, in dem freilich die Form des allgemeinen Ichs liegt, die in allen anderen Ich-Individualitäten wiederkehrt, ins Auge faßte, hat er in den späteren Stadien das allgemeine und absolute Ich in den Vordergrund gestellt und so seinem Idealismus eine pantheistische Färbung gegeben. Vgl. v.
Krafft-Ebing
, Psychiatrie. Stuttgart 1883.
Kirn
, Die periodischen Psychosen. Stuttgart 1878. E.
Hitzig
, Ziele und Zweck der Psychiatrie, Zürich 1876.
Hellpach
, Die Grenzwissenschaften der Psychologie. 1902. G. Ulrich, Bewußtsein und Ichheit. Zeitschr. f. Philos. u. philos. Kritik, Bd. 124, S. 58-79.
ideal
ideal
(französisch idéal) heißt 1. das der Idee, dem Musterbilde entsprechende Einzelne, 2. das
Nichtwirkliche
im Gegensatz zum Realen; in letzterer Bedeutung gebraucht man auch die Form ideell; der ersteren Bedeutung entsprechend gibt es so viel Ideales oder soviel Ideale (Musterbilder), als Gebiete menschlicher Tätigkeit vorhanden sind: Die Wissenschaft z.B. strebt nach dem Ideal, der Erkenntnis. Die Ethik zeichnet Ideale der Vollkommenheit, die Kunst strebt den Idealen der Schönheit zu. Und insofern manche Menschen diesen Idealen nahe gekommen sind, bezeichnet man sie selbst oder ihre Werke als Ideale. So nennt man den Apollon von Belvedere, Phidias Zenskopf, Rafaela Sixtina, Goethes »Hermann und Dorothea« Kunstideale, weil sie die Idee mustergültig zur Darstellung bringen. Das wahre Ideal wird zur adäquaten Darstellung der Idee in einem Individuum (W. v. Humboldt über Goethes »Hermann und Dorothea«, 1798). Auch der einzelne Mensch hat Ideale, d.h. höchste Ziele oder Musterbilder seines Strebens; das sind entweder historische Personen, wie Achilleus für Alexander, Cäsar für Napoleon I., oder frei von der Phantasie entworfene Bilder. Psychologisch richten sich die Ideale der Menschen nach ihrer Geistesbildung. Wie Einzelne, so haben auch ganze Zeiten und Völker ihre Ideale. –
Idealisieren
heißt ein Wirkliches einer Idee gemäß gestalten, also verklären. Der echte Künstler ahmt die Natur nicht einfach nach, sondern idealisiert sie. Vgl.
Schillers
Gedicht: Die Ideale.
Idealismus
Idealismus
ist dasjenige monistische System der Metaphysik, das dem Allgemeinen, der Idee, der Seele, dem Geiste die Existenz zuschreibt, und dem Einzelnen, dem Wahrnehmbaren, dem Körperlichen, der Materie nur eine abgeleitete untergeordnete Existenzart als Erscheinungswelt zuweist, oder die Existenz ganz abspricht. Der Idealismus ist zunächst die Philosophie
Platons
(427-347) gewesen. Platon schreibt
den Ideen
(s. d.), den Allgemeinbegriffen, die Existenz zu und spricht sie der Körperwelt ab. Der Stoff ist ihm nur ein Nichtseiendes.
Aristoteles
(384-322) modifizierte den Idealismus des Platon, indem er das Allgemeine nicht vom Einzelnen trennte, sondern als Wesen in dasselbe verlegte, dem Stoff nicht die Existenz absprach, sondern denselben als eine Anlage bezeichnete, in der Form aber
eidos
den Zweck und die Entfaltung der bloßen Anlage zur vollen Energie sah. Im Mittelalter nannte man gerade die Anhänger des Platon Realisten, weil sie die allgemeinen Gattungsbegriffe für etwas Wirkliches hielten. Seit
Descartes
(1696-1650) stellte sich die alte Bedeutung des Wortes Idealismus wieder her, indem es wieder die Theorie bezeichnete, welche die Realität der Außendinge leugnet. Man fragte sich nämlich, wie denn die Außenwelt auf die Seele einwirke, und ob nicht die Annahme jener überhaupt nur eine Vorstellung der Seele sei.
Descates
(1596-1650) und
Malebranche
(1638-1715) begnügten sich damit, einen physischen Einfluß des Körperlichen auf das Geistige zu leugnen und an dessen Stelle die Systeme der Assistenz und des Occasionalismus zu setzen; aber sie leugneten nicht die Realität der Körperwelt, obgleich Malebranche meinte, es sei sehr schwer zu beweisen, daß es Dinge außer uns gebe. Erst
Leibniz
(1646-1716), seit dessen Zeit auch das Wort Idealist in Gebrauch kommt, schuf den konsequenten neueren Idealismus, indem er die Körperwelt nur für eine Erscheinung (phaenomenon bene fundatum) erklärte, das Wesen der Dinge aber in den Vorstellungen fand und die Dinge selbst für vorstellende Monaden, Seeleneinheiten (âmes) erklärte. Für Leibniz ist also nicht die Idee (der allgemeine Begriff), sondern
die Seele
der Kern des Daseins. Nach Leibniz ist der moderne Idealismus aus vielen Quellen hervorgeströmt, zunächst aus der empirischen Naturwissenschaft und Philosophie, was auf den ersten Blick Verwunderung erwecken könnte, aber doch natürlich ist. Die Physik erkannte bald als das Wesen ihrer Methode nicht nur die induktive Ableitung aus Beobachtung und Experiment, wie Galilei es gezeigt und Bacon es gelehrt hatte, sondern vor allem die Zurückführung der Qualitäten der Körperwelt auf Quantitäten, Raum-, Zeitverhältnisse, Bewegungen. So entstand der zuerst von
Locke
(1632-1704) fixierte
naturwissenschaftliche Idealismus
, welcher bewies, daß die sinnlichen Qualitäten der Dinge nicht ihr Wesen, sondern bloß Erscheinung seien, nicht primäre, sondern sekundäre Eigenschaften wären. Damit wurde schon das Konto des Objekts zu Gunsten des Subjekts entlastet. G.
Berkeley
(1686 bis. 1753) erklärte dann, daß körperlich-materielle Wesenheiten nicht außerhalb des Geistes existieren. Im menschlichen Geiste würden sie durch einen höheren Geist, Gott, nach Naturgesetzen erzeugt. Und abgesehen vom menschlichen Geiste existierten sie auch als
Ideen Gottes
fort, ohne daß wir sie zu haben oder wahrzunehmen brauchten, und hätten außerhalb unseres Geistes wenigstens im göttlichen Geiste ein wirkliches Dasein. Aber die wirkliche Welt bildeten nur die geistigen Wesen, und was man die sinnliche Erscheinung der Dinge nennt, habe keine gesonderte Existenz. –
Kant
(1724-1804) schuf dann den
kritische oder transscendentalen Idealismus
. Dieser beruht auf der Lehre, daß zwar der Stoff der Erfahrung durch die Empfindung gegeben werde, und daß dazu die Dinge an sich als reales Äquivalent vorausgesetzt werden müssen, daß aber die
Formen der Erfahrung
(Raum, Zeit und die Kategorien) als Bedingung jeder möglichen Erfahrung
in uns a priori
, d.h. unabhängig von der Erfahrung entstehen, und daß wir die Dinge daher immer nur erkennen, wie sie erscheinen, nicht aber, wie sie an sich sind. Kant setzte also die räumliche und zeitliche Form, die Locke noch auf dem Kontoblatt des Objekte gelassen hatte, auf die Seite des Bewußtseins. So mußte die objektive Realität des Sinnesdings schließlich leer und inhaltslos erscheinen. – J. G.
Fichte
(1762-1814) ging daher noch einen Schritt weiter und hielt die Voraussetzung realer Dinge an sich für überflüssig, wenn sich nachweisen ließe, durch welche Tathandlung das Ich, als das allein Produktive unseres Vorstellungskreises, überhaupt dazu komme, sich die Außenwelt, das Nicht-Ich als einen Widerstand aufzubauen. Hiernach ist also
das Ich, das sich selbst und die Welt setzende Subjekt
, sowohl Träger als auch Urheber der als objektiv gegebenen Erscheinungswelt. Diesem moralischen und subjektiven Idealismus stellte
Schelling
(1775-1854) den objektiven gegenüber, indem er die
Identität von Sein und Denken
auch unabhängig vom Ich als Fundament der Philosophie ansah; nach ihm hatten die Begriffe und Ideen im Gebiete des geistigen wie des körperlichen Daseins kraft der intellektuellen Anschauung absolute Produktivität. Daran schloß sich endlich Hegels (1770-1831)
absoluter Idealismus
, der das Denken, den Begriff,
die Idee
, resp. den Denkprozeß, das immanente Werden des Begriffs für das allein Wirkliche und Wahre ansah. – Aber auch die nachhegelschen Philosophen,
Herbart
(1776-1814), der im wesentlichen wieder zu Leibniz zurückkehrte,
Schopenhauer
(1788-1860), der den Willen zum Kern des Daseins machte, bewegen sich in Bahnen des Idealismus, obgleich namentlich der erste von ihnen sein System Realismus genannt und die Monaden durch die
Realen
ersetzt hat. Zu den neuesten Idealisten gehören
Fechner
(1801-1887) und
Lotze
(1817-1881). Im Gefolge des Idealismus sind meist die Teleologie, der Theismus und der Optimismus gewesen, so daß der Idealismus die Zwecke in der Welt, Gott als letzte Ursache derselben und ein gewisses Maß der Vollkommenheit im Dasein anerkannt hat. Nur in der widerspruchsvollen Willenslehre
Schopenhauers
(1788-1860) hat sich der kantisch-platonische Idealismus mit dem Atheismus und Pessimismus in wunderlicher Weise verquickt. – Für den Idealismus spricht die Tatsache, daß der wahre Ausgang aller Philosophie vom Bewußtsein hergenommen werden muß, und daß wir in der inneren Erfahrung ein unmittelbareres Dasein erschlossen sehen als in den äußeren. Vgl.
Eucken
, Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipzig 1904, S. 66 ff.
Idealität
Idealität
heißt Begriffsmäßigkeit, Subjektivität, Urbildlichkeit, Vollkommenheit, auch Empfänglichkeit und Begeisterung für Ideale.
Idealrealismus
Idealrealismus
oder Realidealismus bezeichnet diejenige Auffassung, nach welcher das Ideale zugleich das Reale ist, oder welche die Forderungen des Idealismus und Realismus zu versöhnen sucht. Ein solches System ist z.B. das
Herbarts
(1776-1841). Herbart setzt zwar an die Stelle der Leibnizschen Monaden die Realen und stattet sie mit Selbsterhaltungskraft aus; aber bei seiner rationalistischen Methode erfolgt doch in seiner Metaphysik die Bestimmung der Realität durch ideelle Momente. Auch
Schleiermacher
(1768-1834) huldigt einem Idealrealismus. Raum, Zeit, Kategorien sind ihm z.B. nicht nur subjektive Erkenntnisformen, sondern auch objektive Wirklichkeit; zahlreiche Versuche, einen Idealrealismus zu schaffen, sind ferner in Deutschland nach Hegels Tode hervorgetreten. Auch der Monismus Haeckels enthält idealrealistische Elemente.
Idee
Idee
(gr.
idea, eidos
) heißt eigtl. Bild, Gestalt, Anblick, dann Art, Gattung.
Platon
(427-347), welcher diesen Begriff zuerst in die Philosophie eingeführt hat, versteht darunter das bestimmte Wesen oder das Was der Dinge oder das, was jedes Ding an sich ist, also das
Allgemeine
und wahrhaft
Wirkliche
im Gegensatz zu dem sinnlich erscheinenden Einzelnen, das Eine, sich selbst Gleichbleibende im Mannigfaltigen. In der Idee Platons liegt zweierlei verbunden: 1. der
Allgemeinbegriff
, 2. das
substanzielle Dasein
, und diese zwei Bestandteile erschöpfen, consequent ausgedacht, den Begriff der Idee Platons. Als einfaches, für sich seiendes, selbständiges, vollkommenes, unkörperliches und unräumliches Wesen beharrt jede Idee unveränderlich im Wechsel der Erscheinungen. Als lebendige Kräfte sind die Ideen die ewigen Musterbilder, deren Abbilder die sinnlichen Einzeldinge sind. Es gibt so viele Ideen, als es Gattungen und Arten von Dingen gibt, die unscheinbarsten, ja schlechtesten nicht ausgenommen. Alle aber werden durch die Idee des Guten beherrscht. Wie die Sonne in der sichtbaren Welt, so ist in der übersinnlichen das Gute die Quelle alles Seins und Wissens, des Erkennbaren wie des Erkennens selbst; und wie die Sonne höher ist als Licht und Auge, so ist das Gute höher als Sein und Wissen, die Idee des Guten ist Ursache alles Seins und Wissens, ist die göttliche Vernunft selbst. Zu seiner Ideenlehre ist Platon außer durch den Einfluß der orphischen Mysterien und der pythagoreischen Philosophie dadurch gekommen, daß er die Lehre des
Herakleitos
vom Wechsel der Dinge und die Lehre der Eleaten vom unveränderlichen Sein miteinander verband (Theaetet). Die Gegenstände der Erfahrung zeigen stetige Veränderung, Verwirrung und beständiges Schwanken. Während wir noch von einer Erfahrungsvorstellung sprechen, verschwindet sie und weicht einer anderen entgegengesetzten; die Dinge der Wahrnehmung besitzen also keine Realität. Dagegen sind die allgemeinen Begriffe, durch die wir das Wahrgenommene denken, nicht der Veränderung und Verwirrung unterworfen. Diese allgemeinen Begriffe sind also das Reale. – Andrerseits ist Platon auch von der
Sokratischen
Philosophie aus zur Ideenlehre gekommen. Sokrates hatte die Frage angeregt: »Wie ist das Wissen möglich?« (Parmenides, Republik.) Er antwortete: »Nur durch allgemeine Begriffe.« Platon steigt nun die Frage auf: »Ist durch das Wissen eine Beziehung zum Sein gegeben? Wie verhält sich der allgemeine Begriff zur Realität?« Darauf antwortet Platon: »Es kann der allgemeine Begriff kein Wissen enthalten, wenn sein Gegenstand nicht etwas Reales wäre. Er muß ein
noêma tou ontos
und nicht
tou mê ontos
(des Seienden und nicht des Nicht-Seienden) sein. Die Ideen (
eidê
) sind also real.« Eidos (allgemeiner Begriff) und Ousia (substanzielles Dasein) sind hiernach der Kern der Ideen. Vgl. Th.
Achelis
, Platons Metaphysik, 1873. S.
Ribbing
, Genet. Darst. d. platon. Ideenlehre, 1863. Vgl. Nous.
In der
englischen
und
französischen Philosophie
bedeutet Idee nur s. a. Vorstellung oder Begriff im Gegensatz zur Wahrnehmung. Die Wahrnehmungen sind das Erste Ursprüngliche, die Ideen haben nur eine sekundäre, abgeleitete Existenz. – In der
deutschen Philosophie
dagegen bedeutet Idee seit Kant Gedanke, abschließender, metaphysischer Vernunftbegriff, im Unterschied von den sinnlichen Anschauungen und Verstandesbegriffen (Kategorien). Eine Idee ist nach
Kant
(1724-1804) ein notwendiger Vernunftbegriff von der durchgängigen Einheit der Verstanderbegriffe, der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt, dem also »kein kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann«. (Krit. d. r. Vom. S. 327.) Da die Vernunft nach Kant sowohl theoretisch als praktisch ist, so unterscheidet er den theoretischen und praktischen Gebrauch der Ideen. In jenem sollen die Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sich nicht rechtfertigen lassen, in diesem aber ihre Rechtfertigung finden. – J. G.
Fichte
(1762-1814) definiert die Idee als einen selbständigen, in sich lebendigen und die Materie belebenden Gedanken, als dessen Ausflüsse er die schöne Kunst, die soziale Tugend, die Wissenschaft und die Religion betrachtet. – Bei
Hegel
(1770-1831) ist die logische Idee oder der adäquate Begriff, in welchem die Objektivität der Subjektivität gleich ist, oder das Dasein dem Begriff als solchen entspricht, der Grundgedanke des gesamten Systems. Aus ihrer Selbstentwicklung geht das ganze Dasein, Gedanke, Natur und Geist hervor. Hegel nähert sich daher am meisten Platon, hat aber den ethischen Gesichtspunkt der Ideenlehre Kants aufgegeben. – Über
fixe Ideen
, s. d. und Monomanie.
Ideenassoziation
Ideenassoziation
, s. Assoziation.
Identität
Identität
(nlt. von idem, derselbe) heißt Einerleiheit, Sich-gleichbleiben. In der Logik schreibt man Identität Begriffen von gleichem Inhalt und Umfang, die völlig gleichlautend sind, zu; so sind Zahlen, die durch 2 restlos teilbar sind, und gerade Zahlen identisch. In der
Wirklichkeit
nennt man identisch dasjenige, was nur
einen
Gegenstand oder
eine
Person ausmacht, z.B. ist der Täter eines Verbrechens identisch mit dem Angeklagten, der vor dem Richter steht, wenn der Richtige gefaßt ist. Identität wohnt dem Bewußtsein jedes einzelnen inne.
Identitätsphilosophie
Identitätsphilosophie
wird diejenige Philosophie genannt, für die Denken und Sein oder Subjekt und Objekt oder Materie und Geist identisch ist. Diese Philosophie, die auch
Philosophie des Absoluten
heißt, ist der dritte monistische Standpunkt neben dem Realismus (siehe da) und Idealismus (s. d.). Wenn der Realist die Materie, der Idealist den Geist zur Existenzweise der Welt macht, sucht der Vertreter der absoluten Philosophie die Einheit von Körper und Geist in einem letzten Urgrunde der Dinge, in dem die Gegensätze beider verschwinden und die selbständige Existenz derselben aufgehoben wird. Der Schöpfer der Metaphysik des Absoluten, soweit man diese Richtung nicht etwa schon im Altertum bei den
Eleaten
suchen darf, ist
Spinoza
(1632-1677), der Gott (Natur) (deus sive natura) zur einzigen Substanz, Geist und Körper zu Gottes Attributen machte und den modernen Pantheismus ins Leben rief. Seine philosophischen Nachfolger sind außer Herder und Goethe (»Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, als daß sich Gott-Natur ihm offenbare, wie sie das Feste läßt zu Geist zerrinnen, wie sie das Geisterzeugte fest bewahre!« Bei Betrachtung von Schillers Schädel.)
Schelling
(1776-1854),
Schleiermacher
(1768-1834) und v.
Hartmann
(1842-1906).
Schelling
verschmilzt die Fichtesche Ichlehre mit dem Spinozismus und erklärt Objekt und Subjekt, Reales und Ideales, Natur und Geist für identisch im Absoluten. – Für
Schleiermacher
, der Platon, Kant und Spinoza verbindet, schließt sich die Vielheit zu einer Objekt und Subjekt umfassenden Einheit zusammen. Die Totalität alles Existierenden ist die Welt, ihre Einheit Gott; Gott-Welt ist also für Schleiermacher das letzte Prinzip des Daseins.
E. v. Hartmann
, der an Schelling, Hegel und Schopenhauer anknüpft, schafft einen Panpneumatismus, dessen oberstes Prinzip das Unbewußte mit den Funktionen des unvernünftigen Willens und der kraftlosen Idee ist. – Die Philosophie des Absoluten ist zwar vielleicht der höchste Standpunkt, den die Metaphysik einnehmen kann; aber das Absolute hat doch nie eine selbständige Farbengebung erhalten, selbst nicht bei Herder und Goethe, die den substantiell beharrenden Gott Spinozas in Anschluß an Leibniz durch den tätigen, belebten und sich entfaltenden Gott des mehr naturwissenschaftlichen Pantheismus ersetzten. Wo das Absolute von Philosophen, Theologen und Dichtern aufgenommen ist, hat es seine Merkmale immer entweder dem Realismus oder dem Idealismus entlehnt oder bei beiden eine Anleihe gemacht. Etwas anderes als äußere, oder innere Erfahrung steht den Denkern des Absoluten nicht zu Gebote, und die vermeintliche besondere Erkenntnisgabe für das Absolute (intellektuelle Anschauung, höherer Empirismus usw.) ist in Wahrheit nicht vorhanden. Es dürfte also bei aller Anerkennung für Spinoza und seine Nachfolger doch der Idealismus die höchste ausführbare Metaphysik sein und die Identitätsphilosophie ein bloßes Ideal bleiben.
Ideographik
Ideographik
(franz. idéographique, v. gr
idea
= Begriff u.
graphein
= schreiben) ist die Kunst, Gedanken durch eine für alle Menschen verständliche Schrift auszudrücken; man nennt sie auch
Pasigraphie
. Besonders Leibniz hat sich bemüht, eine solche Ideographie zu schaffen. Siehe
Charakteristik
.
Ideologie
Ideologie
(franz. idéologie) heißt eigentlich Ideenlehre, und man könnte so jede Philosophie nennen. Die Franzosen, namentlich
Victor Cousin
(1792-1867),bezeichnen aber mit dem Worte die Metaphysik. Napoleon I. nannte politische Schwärmer Ideologen.
Idiosynkrasie
Idiosynkrasie
(franz. v. gr.
idios
= eigen u.
synkrasis
= Mischung) ist die eigentümliche Empfänglichkeit des einzelnen Organismus für gewisse Beize und seine Reaktion darauf. Sie spricht sich manchmal durch unüberwindliche Abneigung gegen gewisse. Speisen, Getränke, Gerüche, Töne aus, manchmal durch die. Folgen der Einwirkung, selbst wenn diese unbewußt oder zuerst angenehm war, so im Nesselfieber nach Erdbeergenuß oder in der Ohnmacht nach dem Geruch von Gasen. Bei anderen zeigt sich die Idiosynkrasie darin, daß sie begehren, was andere verabscheuen, oder daß ihnen nicht gleichgültig ist, was den meisten schadet. Bald ist die Idiosynkrasie dauernd, bald vorübergehend.
Idiot
Idiot
(gr.
idiôtês
) heißt eigtl. Privatmann, dann Ignorant, Pfuscher, endlich s. a. Schwachkopf.
Idiotismus
heißt 1. Eigenheit im Ausdruck einer Sprache, 2. Blödsinn.
Idol
Idol
(gr.
eidôlon
) heißt Götzenbild;
Idolatrie
oder richtiger Idololatrie (gr.
eidôlolatreia
v.
eidôlon
= Bild u.
latrein
= dienen) heißt Götzendienst.
Bacon
(1561-1626) nennt Idole die Vorurteile, die beseitigt werden müssen, ehe ein reines Wissen des Menschen entstehen kann. Er zählt die Idole des Theaters (theatri), des Marktes (fori), der Höhle (specus) und des Stammes (tribus) auf. Die ersten bestehen in der Neigung, der Autorität zu folgen, die zweiten in der Neigung, die Worte für Dinge anzunehmen, die dritten sind persönliche Befangenheiten, die letzten liegen in der menschlichen Natur überhaupt. (Bacon, Novum Organum Buch I 38-66.)
Ignorabimus
Ignorabimus
, »Wir werden es nicht wissen«, ist die Losung des Physiologen E.
Du Bois-Reymond
(1818-1896) in seinen Schriften: »Von den Grenzen des Naturerkennens« Leipzig 1872 und »Die sieben Welträtsel« Leipzig 1882. Er bezeichnet hier sieben Schwierigkeiten als unüberwindlich für unser Denken: 1. Das Wesen der Materie und Kraft, 2. den Ursprung der Bewegung, 3. das Entstehen der einfachen Sinnesempfindung, 4. die Willensfreiheit, 5. den Ursprung des Lebens, 6. die anscheinend zweckmäßige Einrichtung der Natur und 7. das menschliche Denken und Sprechen. Von diesen sieben Schwierigkeiten fällt die erste und zweite im Wesen zusammen, die vierte weicht völlig den Resultaten des psychologischen Determinismus, und auch die siebente ist durch psychologische Analyse bis zu einem gewissen Teile überwunden.
ignoratio elenchi
ignoratio elenchi
, s. elenchus.
Illation
Illation
(lat.) (ungebräuchlich) heißt Schluß, Schlußfolge.
illegal
illegal
(lat.) beißt ungesetzlich.
Illusion
Illusion
(lat. illusio v. illudere = täuschen), Selbsttäuschung, Einbildung, findet auf verschiedenen Gebieten statt. Die
logische
Illusion entsteht durch Fehler im Denken, durch Bildung falscher Begriffe, Urteile und Schlüsse. Vgl. Sophismen. – Die
metaphysische
Illusion ist die Verwechslung der Erscheinung mit den Dingen selbst. S. Ding an sich. – Die
ästhetische
Illusion ist die durch die Kunst erzeugte Täuschung, vermöge welcher man den schönen Schein für die Wahrheit, das Dargestellte für die Sache selbst hält. Das Wohlgefallen daran entspringt aus der dadurch belebten Phantasie des Beschauers. Der Grad der Illusion ist bei verschiedenen Kunstarten verschieden. Die Architektur erweckt am wenigsten Illusion, demnächst die Plastik, da sie den wirklichen Stoß der Raum- und Bildformen gestalten. Dagegen ist schon in der Malerei mit ihren zwei Dimensionen und ihren relativen Größen alles schöner Schein, und den Objekten ist in ihr jede reale Körperlichkeit genommen. Noch mehr Schein herrscht in der Musik und in der Poesie, in denen die Töne und Worte das Wirkliche ersetzen müssen und das Zeichen an die Stelle der Sache tritt. – Die
psychologische
Illusion ist der Sinnestrug, welcher von einer wirklichen Empfindung ausgeht, dann aber diese durch reproduktive Elemente stark beeinflußt und verändert und so als Äußeres aus der Seele heraussetzt und schließlich Lokalisation und Projektion miteinander verwechselt. Die Halluzination (B. d.) irrt in der Substanz, die Illusion im Attribut der objektiven Wirklichkeit; jene bezüglich des Daß, diese des Was; jene bedarf der Zurücknahme, diese der Korrektur. Die Illusion entspringt entweder aus Abnormitäten der Sinnesorgane (Entzündung, Erkältung, Lähmung) oder aus Anwendung von sinnestäuschenden Gegenständen, wie Spiegeln, Linsen u. dgl. Auch bei Seelenkrankheiten findet sie sich. Die Ursachen der Illusion Bind mithin überwiegend physiologisch und physikalisch, weniger psychologisch. Vgl. Sinnestäuschungen. – Endlich kann man
moralische
Illusionen diejenigen Selbsttäuschungen nennen, denen wir uns unser Leben lang hingeben, verleitet durch Hoffnung und Furcht, Erinnerung und Begierde, Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz, Stolz und Eitelkeit. Alle Güter des Lebens als Illusionen hinzustellen, haben sich die Pessimisten Schopenhauer und von Hartmann bemüht. Doch dürfte hierdurch der Pessimismus eher widerlegt als bewiesen werden. Denn wenn die Illusionen, wie dies erfahrungsmäßig der Fall ist, den Menschen beglücken, so sind sie nur imstande, die Summe des vorhandenen Glücks zu mehren, nicht zu vermindern.
Imagination
Imagination
(franz., lat.), s. Phantasie.
immanent
immanent
(franz., lat. immanens), eigtl. darinbleibend, innewohnend, heißt vom 13. – 18. Jahrhundert im Gegensatz zu
transeunt
(transiens) oder
transscendent
diejenige Ursache oder Handlung, welche nicht über sich selbst hinausgeht. So nennt
Spinoza
(1632-1677) Gott die immanente Ursache der Welt, denn Gott ist die Welt selbst (deus sive natura). Seit Kant bürgerte sich der Begriff immanent fest ein. Der immanente Vernunftgebrauch beschränkt sich nach Kant auf die Grenzen der durch die Erfahrung gegebenen Erscheinungswelt, während der transscendente sie überschreitet. So sagt Kant: »Wir wollen die Grundsätze, deren Anwendung sich ganz und gar in den Schranken möglicher Erfahrung hält,
immanente
, diejenigen aber, welche diese Grenzen überfliegen sollen,
transscendente
Grundsätze nennen« (Kr. d. r. V. S. 295). Man nennt jetzt auch immanente Methode diejenige, welche sich durch den Gegenstand der Untersuchung selbst bestimmen läßt.
Immanenzphilosophie
nennen
Schuppe, Rehmke, Leclair, Kaufmann
und
Schubert-Soldern
ihr System der Erfahrungsphilosophie, welches alles Sein als
Bewußt-Sein
ansetzt. Vgl. transscendent, transeunt. Eucken, Geistige Strömungen der Gegenwart, Leipzig 1904, S. 376.
Immaterialität
Immaterialität
(franz.), Stofflosigkeit, heißt diejenige Eigenschaft (die seit
Cartesius
(1596-1650) viele der Seele beilegen), welche sie im Gegensatz zum Körper besitzt. Aber dieser Seele und Leib trennende und entgegensetzende Dualismus ist unhaltbar, sowohl wegen des Widersinns einer substanzlosen Substanz als auch wegen der Schwierigkeit, zu erklären wie die immaterielle Seele und der materielle Leib aufeinander wirken sollen. Die Lösungsversuche des Occasionalismus (s. d.) und Prästabilismus (s. d.) sind mißlungen. Vgl. Seele, Leib.
Imperative
Imperative
heißen bei Kant, im Gegensatz zu den Maximen, den subjektiven Grundsätzen der praktischen Vernunft, die
objektiven
Grundsätze, d.h. diejenigen Regeln, welche durch ein Sollen bezeichnet werden und bedeuten, daß, wenn die Vernunft den Willen gänzlich bestimmte, die Handlung unausbleiblich nach dieser Regel geschehen würde (Kr. d. prakt. V. I §I, S. 36 f.). Vgl. kategorisch.
Impossibilität
Impossibilität
(lat. impossibilitas) heißt die Unmöglichkeit; per impossibile ducere (durchs Unmögliche führen) heißt in der Logik einen Satz in sein kontradiktorisches Gegenteil verwandeln, z.B.: A ist B, in: A ist nicht B. Der Name rührt davon her, daß, wenn: A ist B, wahr ist, der Satz: A ist nicht B, notwendig falsch, also unmöglich ist.
Impression
Impression
(lat., engl.) heißt Sinneseindruck, Sinneswahrnehmung. Impressionen beruhen nach
Hume
(1711-1776) auf den wirklichen gegenwärtigen Empfindungen der Dinge; sie besitzen Stärke, Lebhaftigkeit, Frische, während die aus ihnen abgeleiteten Kopien und Abbilder, die Ideen, einen geringeren Grad von Stärke, Deutlichkeit, Frische besitzen (Hume, Inquiry of Hum. Underst. Sect II: By the term
impression
, then, I mean all our more lively perceptions, when we hear, or see, or feel, or love, or hate, or desire, or will. And impressions are distinguished from ideas, which are the less lively perceptions, of which we are conscious, when we reflect on any of those sensations or movement above mentioned.)
Impuls
Impuls
(lat. impulsus) heißt Antrieb, Anstoß, Drang, Anreizung, Beweggrund (s. d.).
Imputation
Imputation
(lat. imputatio), s. Zurechnung.
inadaequat
inadaequat
(nlt.) heißt nicht gleichkommend, nicht zureichend. Siehe adaequat.
Incongruent
Incongruent
(lat. incongruens) heißt nicht übereinstimmend, abweichend, unregelmäßig. Vgl. congruent.
Indeterminismus
Indeterminismus
(nlt.), s. Determinismus, Freiheit, Äquilibrium, Ethik.
Indifferentismus
Indifferentismus
(nlt.) heißt die Gleichgültigkeit gegen Wesen und Wert wichtiger Dinge. Der Indifferentist entscheidet sich für keine von zwei Seiten, weil er für keine eine besondere Neigung hat oder aus Mangel an Interesse überhaupt keine Kenntnis davon nimmt. So gibt es politische, philosophische, religiöse und moralische Indifferentisten. Meist ist der Indifferentismus der Gesellschaft schädlich und des Menschen unwürdig. Wer die Fähigkeit hat, sollte auch das Interesse haben, zu den wichtigen Lebensfragen der Menschheit Stellung zu nehmen; am wenigsten würdig ist der totale Indifferentismus, den nichts mehr interessiert, weil er sich gegen alles abgestumpft hat. Vgl.
Latitudinarier
.
Individualbegriff
Individualbegriff
ist diejenige Art der Gegenstandsbegriffe, welche aus der wiederholten Anschauung desselben Gegenstandes und der Erkenntnis seiner bleibenden Eigenschaften entspringt. Er entkleidet die Wahrnehmung ihrer jedesmaligen besonderen räumlichen und zeitlichen Beziehung zu anderen Dingen und erhebt sich vermittelst des Gemeinbildes vom Gegenstande zum Begriff, der die Merkmale desselben zusammenfaßt. Die Individualbegriffe bilden die untersten Stufen in der Reihe der Begriffe. Vgl. Vorstellung, Art, Gattung, Begriff.
Individualität
Individualität
(franz.) heißt die Eigentümlichkeit des einzelnen Wesens, der Inbegriff seiner Eigenschaften. Jeder Mensch besitzt eine Individualität; denn leiblich und geistig gibt es nicht zwei gleiche Menschen. Jeder hat sein eigenes Aussehen, seine Körperkonstitution, sein Temperament (s. d.) und seine Anlagen, deren besondere Zusammenstellung die Vorbedingung seiner Leistung, seines Glückes ist. Oft tritt die Individualität eines Menschen nicht stark hervor. Es gibt Dutzendmenschen. Ist z.B. Denken, Fühlen und Wollen gleichmäßig schwach veranlagt, so wird ein solcher Mensch gar nichts Besonderes leisten, doch in seiner Beschränkung zufrieden sein; ist umgekehrt eine gleichmäßig starke Anlage vorhanden, so wird er ein sehr nützliches und glückliches Glied der Gesellschaft. Das sind die harmonischen Naturen ohne besonders hervorstechende Züge. Bei den übrigen wiegt eine Funktion des Geistes vor und macht die Individualität stärker sichtbar. Übrigens ist Individualität und Charakter nicht dasselbe. Die Individualität ist das, was die
Natur
von selbst Besonderes aus dem Menschen gemacht hat, der Charakter beruht auf der sittlichen
Arbeit
des Menschen an sich, die oft in einen Gegensatz zur Natur tritt.
Individuation
Individuation
ist die Sonderung des Allgemeinen in Einzelwesen. Über das Prinzip derselben (
principium individuationis
) haben sich Normnalisten und Realisten im Mittelalter heftig gestritten. Jene behaupteten, das Individuum werde in und mit der Wirklichkeit (so die Scotisten), die Realisten dagegen durch die Gattung (so die Thomisten).
Spinoza
(1632-1677) faßte als Prinzip der Individuation die Negation auf. Leibniz (1646-1716) dagegen verfocht 1663 die nominalistische These, als deren erste Vertreter er Petrus Aureolus und Durandus anführt, »was ist, ist durch sein Dasein selbst Individuum«.
Schopenhauer
(1788-1860) sieht in Raum und Zeit, die ihm mit Kant freilich nur subjektiv sind, das principium individuationis. Durch Raum und Zeit ist alle Vielheit bedingt. Alle Vielheit und Verschiedenheit der Individuen existiert daher nur in der Welt als Vorstellung.
Individuum
Individuum
(lat. individuum) bezeichnet ein Unteilbares, ein Einzelwesen.
Indolenz
Indolenz
(lat. indolentia) heißt eigtl. Schmerzlosigkeit, dann Empfindungsschwäche, Unempfindlichkeit, Gleichgültigkeit, Trägheit.
Induktion
Induktion
(lat. inductio = das Hineinführen, gr.
epagôgê
) heißt 1. der Schluß vom Besonderen aufs Allgemeine, 2. die Methode, die, von einzelnen Dingen und Vorgängen ausgehend, zur Bildung allgemeiner Begriffe und zur Aufstellung allgemeiner Sätze über die Wirkung der Ursachen führt. Der Induktionsschluß, der vom Besondern auf das Allgemeine schließt, hat nicht so große Stringenz (Zugkraft) wie der Syllogismus, der vom Allgemeinen aufs Besondere schließt. Der Induktionsschluß erzielt nur Wahrscheinlichkeit, nicht Gewißheit, es sei denn, daß die Induktion eine vollständige ist, d.h. daß man alle Teile eines Ganzen vollständig berücksichtigt hat. Dies ist jedoch innerhalb der Naturwissenschaft meist unmöglich. Da die Erfahrung nach Raum und Zeit unendlich ist, so kann die Induktion nie zur vollständigen Apodiktizität führen. Aber die Induktion hat an der Voraussetzung, daß die Natur gesetzmäßig verfahre, eine starke Stütze. Die Form des induktiven Schlusses ist:
A, B, C, D.... sind P (oder nicht P),
X befaßt A, B, C, D.... unter sich,
---------------------------------------
Folgt sind alle X (wahrscheinl.) P (oder nicht P).
Oder auch in der 3. Schlußfigur:
A, B, C, D.... sind P,
A, B, C, D.... sind S,
----------------------
Jedes S ist P.
Beispiel
: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn haben Achsendrehung; diese sechs sind die alten Planeten, folglich haben sämtliche alte Planeten Achsendrehung. Die Induktion als methodisches Verfahren ist die wichtigste Methode der Wissenschaft. Sie muß in sämtlichen Wissenschaften der Deduktion vorausgehn und allgemeine Begriffe und Sätze schaffen, ehe die Deduktion einsetzen kann. Nur wenige Wissenschaften, wie die Mathematik und Physik, sind so weit, daß sie sich im ausgedehnten Maße: der Deduktion bedienen können. Das induktive Verfahren hat zuerst
Sokrates
(469 bis 399) angewendet (Aristot. Metaph. XIII, 4 p. 1078b 28
dyo gar estin hatis an apodoiê Sôkratei dikaiôs tous t' epaktikous logous kai to horizesthai katholou
), indem er zu richtigen allgemeinen Begriffen zu gelangen strebte.
Platon
(427-347) erkannte dies als die eine Seite des Begreifens, ließ aber, indem er das Wissen als Erinnerung ansah, nach dem Vorbilde der Mathematik der deduktiven Methode den Vorrang. Aristoteles (384-322) hielt die Induktion für die mehr populäre Erkenntnisweise; denn als wissenschaftlich galt ihm nur die vollständige Induktion (inductio completa), gegen welche keine Ausnahme (als Instanz) vorliegen dürfe. Erst
Bacon v. Verulam
(1561-1626) hat die Theorie der Induktion aufzustellen versucht (Nov. Organ. I, 105); er verlangt ein methodischeres Verfahren als die bloße Aufzählung einzelner Fälle, gegen die sich immer andere aufführen lassen. Die Rationalisten
Cartesius, Spinoza, Leibniz
und
Wolff
schätzten die Induktion gering, und selbst die Empiristen,
Locke
und seine Schule, machten keinen rechten Gebrauch von ihr, bis erst in jüngster Zeit philosophierende Naturforscher die Theorie reicher entwickelt haben. Besonders hat
Stuart Mill
(1806-1873) die Hilfsoperationen und die Methoden der Induktion, die zu allgemeinen Sätzen über die Wirkungen der Ursachen führen, die Methode der Übereinstimmung, der Differenz, die indirekte Differenzmethode und die Rückstandsmethode in ihrem Verfahren genau gekennzeichnet. Vgl.
Whewell
, Gesch. der induktiven Wissenschaft, dtsch. v. Littrow (1839-42).
J. Stuart Mill
, Logik, dtsch. v. Schiel. 1849.
Apelt
, Theorie der Induktion. 1824. W.
Wundt
, Logik. 1880. 3. Aufl. 1906.
J. Schiel
, Die Methode der induktiven Forschung. Braunschweig 1865.
Vollständige Induktion (ind. completa) ist bei einer unendlichen Zahl von Gliedern nur möglich, wenn die Glieder sich zu einem Continuum oder zu einer gesetzmäßigen Reihe zusammenschließen, so daß eine Übersicht über alle in endlicher Zeit möglich wird (wie in der Geometrie) oder sich syllogistisch beweisen läßt, daß was für ein n-tes Glied gilt, auch für jedes (n+1)te Glied gelten müsse. Die unvollständige Induktion Führt nur zu partikulären Schlüssen, findet jedoch an der Voraussetzung eines allgemeinen Kausalzusammenhanges der Dinge stete ihre Ergänzung und Stütze. Die Induktion hat besonders die biologischen Wissenschaften und die Chemie gefördert; die Physik hat die Induktion mit der der Mathematik entlehnten Deduktion verbunden. Der eigentliche Kern ihrer Methode ist aber die Reduktion des Qualitativen auf das Quantitative; hierbei spielt die Induktion ihre Rolle mit; es wird aber auch erst durch diese Reduktion für die mathematische Behandlung die Grundlage geschaffen. Die Mathematik verfährt im wesentlichen deduktiv. Ihre Grundlagen können aber nur durch Induktion gewonnen werden. Beide Methoden, die induktive wie die deduktive, haben also ihren wissenschaftlichen Wert. Die obersten Sätze der Wissenschaft lassen sich aber niemals syllogistisch ableiten, sondern nur induktiv feststellen. Der häufigste Fehler bei der Induktion ist die falsche Verallgemeinerung (fallacia fictae universalitatis), die da stattfindet, wo man eine unvollständige Induktion mit der vollständigen verwechselt. Ein anderer Fehler besteht darin, daß man fälschlich einen Kausalzusammenhang von Subjekt und Prädikat voraussetzt, wo nur zeitliche Folge besteht (post hoc; ergo propter hoc!).
infinit / indefinit
infinit
(lat. infinitus) heißt soviel wie unendlich, unbegrenzt,
indefinit
dagegen s. a. unbestimmt. Ein Progreß oder Regreß ins Infinite (progressus, regressus in infinitum) ist ein Fort- oder Rückgang ins Unendliche, z.B. von Wirkung zu Wirkung oder von Ursache zu Ursache; ein Progreß oder Regreß ins Indefinite ist ein Fort- oder Rückgang bis zu unbestimmter Grenze.
Influxus physicus
Influxus physicus
heißt in
eigentlicher Bedeutung
physischer Einfluß, d.h. Einfluß des Leibes auf die Seele (nicht umgekehrt), dann in
erweiterter Bedeutung
unmittelbare Wechselwirkung zwischen dem Körper und dem Geist, dem Leih und der Seele. Einen Einfluß des Leibes auf die Seele nahmen die Scholastiker an, die
Cartesianer
und
Leibniz
(s. Occasionalismus, prästabilierte Harmonie, Cartesianismus) leugneten ihn. Auch für
Kant
(1724-1804) war die Idee des Influxus physicus durch seine Erkenntnistheorie ausgeschlossen (Wir wissen nicht was Leib und Seele an sich sind). Neuerdings nehmen ihn diejenigen wiederum an, welche, wie J. H.
Fichte
(1796-1879) meinen, daß jeder Teil in dem ändern die seinem eigenen Wesen entsprechenden Veränderungen hervorbringe. Diese An. sieht wird Influxismus, Influxionssystem oder Systema influxus physici genannt.
Inhalt
Inhalt
eines Begriffes nennt die Logik die Summe seiner Merkmale. Vgl.
Begriff
; Umfang.
Inhärenz
Inhärenz
(ital.) ist das Verhältnis der Eigenschaften oder Accidenzen zur Substanz (s. d. A.). Das umgekehrte Verhältnis heißt
Subsistenz. Kant
(1724-1804) definiert: Wenn man dem Realen in der Substanz (den Accidenzen) ein besonderes Dasein beilegt, so nennt man dies Dasein die Inhärenz zum Unterschiede vom Dasein der Substanz, die man Subsistenz nennt (
Kant
, Kr. d. r. V., S. 186).
Innervation
Innervation
(franz.) heißt die innere Tätigkeit der Nerven an die die psychischen Lebensäußerungen gebunden sind. In den Ganglienzellen der tierischen Körper sammelt sich vorrätige Arbeit, die zur Verwendung bereit liegt. Die Größe des Vorrats und die Form seiner Ansammlung beruht teils auf der Bildung des Nervensystems, die eine Erbschaft früherer Geschlechter ist, teils auf der Einwirkungsart der von außen kommenden Reize. Die Reize lösen entweder innere Arbeit aus oder sie setzen sich in äußere Arbeit um und bedingen so die gesamte Sinnesvorstellung mit der auf ihr beruhenden geistigen Arbeit und die spontane Bewegung mit der äußeren Betätigung des tierischen oder menschlichen Organismus. In der Innervation sah
Alexander von Humboldt
(1769-1859) einen
galvanischen Vorgang. John Brown
(1735-1788) deutete sie als eine physikalischen und chemischen Gesetzen nicht unterworfene
Lebenskraft
. Johannes Müller (1801-1858) sah in der Nerventätigkeit eine spezifische Energie. H. v.
Helmholtz
(1821-1894) bildete die Lehre Johannes
Müller
weiter aus. Wundt (geb. 1832) bestritt die Lehre von der spezifischen Energie.
Hering
(geb. 1834) lehrte vermittelnd, daß die spezifische Energie der Sinnesnerven zwar nicht ursprünglich gegeben, aber in der Stammesentwicklung erworben und vererbt ist. Nach Wundt besteht die Innervation in der Verbrennung komplizierter und loser Verbindungen durch Oxydation zu einfacheren und festeren Verbindungen und der Entstehung neuer komplizierter Verbindungen durch die im Blute zugeführten Nährstoffe. Vgl.
Wundt
, Grundz. d. physiol. Psychol. I, 246-288.
Hellpach
, Grenzwiss. d. Psychologie, Leipzig 1902, S. 184 ff.
Inspiration
Inspiration
(lat. inspiratio), s. Offenbarung.
Instinkt
Instinkt
(von lat. instinctus = Antrieb) bedeutet soviel als Naturtrieb.
Instinkte
nennen wir
Triebe
(d.h. Gemütsbewegungen), die sich in solche Körperbewegungen umzusetzen streben, daß durch sie ein Lustzuwachs oder eine Unlustverminderung erreicht wird, und die ein tierisches Wesen als
angeborenes
Besitztum zur Welt bringt. Sie beruhen auf der von vorausgehenden Generationen erworbenen Bildung des Nervensystems, die durch Vererbung auf die jüngeren Generationen übergeht. Der Instinkt ist bei jedem Individuum in seiner ersten Äußerung ein Streben, welches sein Ziel noch nicht kennt, sondern sich desselben erst allmählich bewußt wird, indem es, vom Drange nach Befriedigung getrieben, äußere Eindrücke erfährt und verarbeitet. Aus dumpfem Gefühl entstanden, entwickelt sich das Streben bei seiner Erfüllung zur dunklen Vorstellung der Gegenstände, die sich ihm darbieten, und der Bewegungen, die zur Befriedigung führen. Obwohl also die Instinkte angeboren sind, so müssen die Bewegungen und Handlungen, die durch sie hervorgerufen werden, doch erst durch Sinnesreize angeregt werden, und alle instinktiven Handlungen vervollkommnen sich erst durch Übung. Die Natur zeigt uns, daß bezüglich der Instinkte die Tiere besser ausgestattet sind als die Menschen. Es stimmt dies mit der Regel überein, daß bei einfacher Organisation des zentralen Nervensystems auch die ererbten Dispositionen sicherer vorgebildet sind. Für den Menschen hat der Instinkt dagegen geringere Bedeutung, und es gilt der Satz: Wo viel Instinkt ist, da ist wenig Denken! Der Instinkt behält stets etwas Blindes und Rücksichtsloses. Die Kultur verdrängt jenen in der Menschheit, bei Verwilderung oder Krankheit tritt er erst wieder hervor.
Kant
(1724-1804) erklärt den Instinkt »als ein gefühltes Bedürfnis, etwas zu tun oder zu genießen, wovon man noch keinen Begriff hat«, oder an anderer Stelle »als die innere Nötigung des Begehrungsvermögens zur Besitznehmung des Gegenstandes, ehe man ihn noch kennt«. Er nennt als Beispiele den Kunsttrieb der Tiere und den Trieb zum Geschlecht. (Religion innerh. d. Gr. d. bloßen Vernunft. S. 20, Anm. u. Anthrop. § 77. S. 225.)
Darwin
(1809-1882) sieht die Instinkte als vererbte Gewohnheiten an, die unter Fortwirkung konstanter Naturbedingungen verstärkt werden. Aber der Begriff Gewohnheit ist selbst zu dunkel, um zur Erklärung der Instinkte zu dienen. Wundt hat die oben entwickelte Erklärung gegeben (Grundz. d. phys. Psych. II, S. 412 ff.). Vgl. Burdach, Blicke ins Leben. Lpz. 1842.
Autenrieth
, Ansichten über Natur u. Seelenleben. Stuttg. 1836.
Schütz
, der sog. Verstand der Tiere. Paderborn 1880. H.
Schneider
, der tierische Wille. Lpz. 1880.
Büchner
, Aus dem Geistesleben der Tiere. Berlin 1877.
Integration
Integration
(lat. integratio) im
philosophischen
Sinne ist nach Herbert Spencer (1820-1905) soviel als Vereinigung, Zusammengehen, im Gegensatz zur Diaintegration oder Dissipation, der Ausbreitung, dem Auseinandergehen von Stoff und Bewegung (s. Evolution). – In der
Mathematik
ist Integration die Bestimmung der Funktionen aus den Differenzialquotienten.
Intellekt
Intellekt
(lat. intellectus) heißt Verstand, Geist, Denkkraft;
intellektuell
, geistig, heißt das, was sich auf das Wissen, die Erkenntnis bezieht. So unterscheidet man intellektuelle Bildung von der moralischen und ästhetischen. Intellektuelle Erkenntnisse, d.h. Begriffe, stehen den sensualen, d.h. den sinnlichen Wahrnehmungen und den Erfahrungen gegenüber.
Intellektualismus
ist daher in erster Linie der Gegensatz von Sensualismus und Empirismus. Diese leiten das Wissen aus der Sinnestätigkeit oder Erfahrung ab, jener leitet alle Erkenntnis aus den Begriffen des Verstandes ab. – Andrerseits bedeutet Intellektualismus in zweiter Linie seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts des philosophischen Standpunkt, den die alten und neueren Philosophen bis zu Kant vertraten, nach dem die Tugend wesentlich in geistiger Arbeit und Ausbildung besteht und der Welterkenntnis der Vorrang vor dem sittlichen Handeln zukommt. Im Gegensatz zu dieser Anschauung hat Kant (1724-1804) den Primat der praktischen Vernunft über die theoretische gelehrt, und an ihn knüpft die Richtung der Neuzeit an, den Schwerpunkt des Daseins in das Wollen zu verlegen. Dieser Gegensatz zum Intellektualismus wird von Fr.
Paulsen
(geb. 1846) im Anschluß an Tönnies
Voluntarismus
genannt, kann aber wohl auch
Thelismus, Ethelismus
oder
Theletismus
(v. gr.
thelô, ethelô, thelêtos
) genannt werden.
Intellektuelle Anschauung
nannten Fr.
Jacobi
(1743 –1819), J. G.
Fichte
(1762-1814) und
Schelling
(1775-1854), ähnlich den Mystikern, die unmittelbare Anschauung, welche ohne sinnliche Wahrnehmung und Reflexion in Gott versetze, auf die sich alle Metaphysik gründe – eine freilich willkürliche Behauptung. Vgl. Eucken, Geistige Strömungen d. Gegenwart, 1904, S. 38 ff. Vgl.
Voluntarismus
.
Intellektualsystem
Intellektualsystem
nannte Ralph
Cudworth
(1617 bis 1688) seine gegen den Sensualismus und Atheismus des Hobbes gerichtete Ableitung des Rechts und der Moral aus dem Wesen Gottes (The true intellectual system of the universe, 1678).
Intelligenz
Intelligenz
(lat. intelligentia) heißt entweder das Vermögen, Erkenntnis zu erwerben, oder der Besitz von Erkenntnis, oder die Erkenntnis selbst.
Anaxagoras
(500-428) hat zuerst die Welt von einer höchsten Intelligenz, dem Nous (
nous
) abgeleitet (s. d. W.).
intelligibel
intelligibel
(franz. intelligible) heißt eigtl. verständlich, dann das, was nur dem Verstande, nicht den Sinnen entstammt. So spricht man von der intelligiblen Welt, einem intelligiblen Charakter, welcher (nach Kant) Gegensatz und Voraussetzung des empirischen sein soll.
Intension
Intension
(lat. intensio) oder Intensität, Spannungsgrad, heißt die innere Steigerung der Kraft im Gegensatz zur
Extension
(der äußeren Ausdehnung), die oft zu jener in umgekehrtem Verhältnis steht; intensive Größe ist daher s. a. Gehalt, extensive s.a. Umfang. Intensives Leben ist das nach seinem Inhalte nicht nach seiner Dauer beurteilte.
Intention
Intention
(lat. intentio) heißt Absicht.
Intentionalismus
ist die Lehre, daß jede Handlung nur nach ihrer Absicht zu beurteilen sei, daß also der Zweck die Mittel heilige.
Interesse
Interesse
(lat. interesse), eigtl. das Dabeisein, Teilnehmen, ist die freudige Aufnahme, das Entgegenkommen, das wir einer Sache gegenüber zeigen. Es ist das Ergebnis der Aufmerksamkeit; wo diese fehlt, kann sich kein Interesse herausbilden, und andrerseits weckt das Interesse immer von neuem die Aufmerksamkeit. So stehen beide in Wechselwirkung. Es ist schwer, bei Anfängern für einen Unterrichtsgegenstand Aufmerksamkeit zu erwecken, weil noch das Interesse fehlt, man muß Interesse stiften, wo man auf jene rechnen will; die Vorschrift: »Unterrichte interessant« kommt deshalb darauf hinaus: »Unterrichte so, daß ein Interesse erwacht!« Wovon wir schon eine Vorstellung, aber noch kein fertiges Wissen haben, das interessiert uns; was uns zu fremd oder zu bekannt ist, langweilt uns. Allgemeine Interesselosigkeit zeugt entweder von Roheit oder von Blasiertheit. Je nach Bildung, Erziehung, Beruf, Alter und Geschlecht hat der Mensch aber verschiedene Interessen. Dem sinnlichen Menschen ist nur das Sinnliche, Nützliche interessant; der höher Gebildete hat Interesse an geistigen Dingen. Von dem die einzelnen Stände, Geschlechter usw. Interessierenden ist das, was allen Menschen interessant sein soll, verschieden Dies ist das Menschliche, das an sich Wertvolle, das die höheren Tätigkeiten beschäftigt oder der Ausdruck derselben ist. Zu diesen Interessen gehören das gesellschaftliche, politische, ästhetische, sittliche und religiöse Interesse. Kant definiert Interesse als das, wodurch Vernunft
praktisch
, d.h.
eine den Willen bestimmende Ursache wird
(Grundlage d. Metaphysik d. bitten III. Abschn. von der äußersten Grenze aller prakt. Phil.). –
Interessiert
heißt sowohl teilnehmend als eigennützig. Wenn Kant das Wohlgefallen am Schönen »uninteressiert« nannte, meinte er »uneigennützig, begierdefrei«, aber nicht »ohne Teilnahme«. –
Interessenharmonie
, d.h. Verträglichkeit der Interessen von Individuen, Klassen und Völkern findet nach
Bastiat
(1801-1860) statt, soweit diese berechtigt sind, nach
Carey
(1793-1879) überhaupt nicht.
Interferierend
Interferierend
heißt sich treffend; s. Beiordnung. Zwei einer Gattung untergeordnete Begriffe sind interferierend, wenn sie, aus verschiedener Einteilung der Gattung in Arten hervorgehend, sich doch wesentlich im Inhalt decken, teilweise freilich auch voneinander verschieden sind, z.B. Neger und Sklave.
Intermundien / Metakosmien
Intermundien
oder
Metakosmien
(lat. intermundium, gr.
metakosmion
) nannte
Epikuros
(341-270) die Zwischenräume zwischen den verschiedenen Welten, wohin er die Götter versetzte, denen er ein sorgloses Leben zuschrieb. (Diog. Laert. X, § 89. Cic. de div. II, 17, 40.)
Intoleranz
Intoleranz
(lat. intolerantia), Unduldsamkeit, ist das Gegenteil von Duldsamkeit (s. d. W.).
Intuition
Intuition
(franz. intuition) heißt Anschauung (s. d. W.),
intuitiv
anschaulich, zur Anschauung gehörig; intuitive Erkenntnis heißt die durch unmittelbare sinnliche Anschauung gewonnene Erkenntnis.
Intussusception
Intussusception
(nlt.), innere Aufnahme und Verschmelzung der Stoffe, heißt das charakteristische Wachstum des Organismus, während
Juxtaposition
, d.h. Nebeneinanderlagerung, das Wachstum der mechanischen Gebilde bezeichnet. In der Botanik nennt man Intussusception (seit Nägeli [1817 bis 1891]) das Einrücken neuer Wandbestandteile der Zellen zwischen bereite vorhandene in Lücken, welche dadurch entstehen, daß sich die Zellwand beim Wachstum der Zelle dehnt, während
Apposition
die Anlagerung neuer Schichten aus dem Protoplasma an die Zellwand ist. (Siehe Migula, Morphologie, Anatomie und Physiologie der Pflanzen, 1902, S. 69.)
Involution
Involution
(lat. involutio), eigtl. Einwicklung des Organismus, nannte
Leibniz
(1646-1716) den Tod im Gegensatz zur
Evolution
, der Entwicklung des Lebens. –
Involution der Vorstellungsreihe
heißt bei
Herbart
(1776-1841) die Reproduktion durch die letzteingetretene Vorstellung.
Medizinisch
ist die Involution die Rückbildung des Körpers im Alter. –
Involvieren
heißt eigtl. einhüllen, dann mit sich bringen, einschließen; es involviert z.B. die Annahme einer Bedingung auch die von deren Konsequenzen.
Ionen
Ionen
(v. gr.
iôn
= gehend) heißen seit
Faraday
die elektrisch geladenen Atome.
Arrhenius
hat den Nachweis geliefert, daß Salze und Säuren beim Lösen mit furchtbarer Gewalt auseinandergerissen werden. Die Einzelatome scheinen daher mit einer enormen elektrischen Ladung ausgerüstet zu sein, und zwar enthalten die metallischen Atome +Ladung, die nichtmetallischen –Ladung. Die elektrisch geladenen Atome führen alle die gleiche Menge von Elektrizität mit sich oder aber ein vielfaches (2-, 3-, 4-faches) derselben, d.h. derselbe elektrische Strom, der 1 Atom Wasserstoff abscheidet, vermag auch 1 Atom Silber, Natrium, Kalium usw. in derselben Zeit abzuscheiden, beim Kupfer dagegen nur die Hälfte, der Wertigkeit des Cu entsprechend. Die elektrisch geladenen Atome heißen Ionen, das +Atom, welches dem Grundgesetze der Elektrizität gemäß am –Pol, der
Kathode
, abgeschieden wird, heißt
Kation
, das –Atom, welches am +Pol, der
Anode
abgeschieden wird, dagegen das
Anion
.
Ionische Philosophie
Ionische Philosophie
, s. Hylozoismus.
Ironie
Ironie
(gr.
eirôneia
von
eirôn
der = Spötter), eigtl. Verstellung, heißt die Redeweise, die spottend das Gegenteil von dem sagt, was sie eigentlich meint. Sie lobt, wenn sie tadeln will, und umgekehrt.
Sokrates
(469-399) war Meister der Ironie, indem er, um den Gegner zur Einsicht in dessen Unwissenheit zu bringen, sich unwissend und vom Wissen des anderen überzeugt stellte und ihn so zur Mitteilung seines vermeintlichen Wissens veranlaßte, das er dann in nichts auflöste. – Die
Romantiker
verstanden unter Ironie das Gegenteil der künstlerischen Begeisterung, das Schweben des Künstlers über seinem Stoff, sein freies Spiel mit ihm. Fr.
Schlegel
(1772 bis 1829) faßte sie als ein sich Hinwegsetzen über alles Wesentliche und Ernste, als ein über alles Hinaussein. Hiergegen protestierte
Hegel
. Vgl.
Vischer
, Ästhetik § 202.
Schasler
, Das Reich der Ironie. Berlin 1879.
Irrtum
Irrtum
heißt ein falscher Gedanke, der für wahr gehalten wird. Veranlaßt wird er stets durch einen Schein des Wahren (species veri), der das Subjekt täuscht. Mit der Aufhebung der Täuschung schwindet auch der Irrtum. Denn wenn ein Mensch etwas für falsch erkennt, hält er es nicht mehr für wahr, mag er es auch aus Eigennutz, Furcht oder Bosheit noch dafür ausgeben. Jener Schein aber kann entweder scientifische oder moralische Ursachen haben: mangelhafte oder schlecht geschulte Urteilskraft, Vorurteile, Leidenschaften oder Mangel an Aufmerksamkeit sind seine Quellen. Bezieht er sich auf die logische Form des Urteils, so heißt er
formell
, geht er auf den Inhalt, so heißt er
materiell
. Jener widerspricht den Gesetzen des Denkens, dieser dem Tatbestände. Logisch falsch ist z.B. der Satz: »Die Substanz verändert sich«, sachlich falsch: »Die Sonne bewegt sich um die Erde«. Formelle Irrtümer lassen sich aus den logischen Gesetzen des Geistes, materielle dagegen nur durch das Studium der betreffenden Wissenschaften erkennen und widerlegen.
Alle Irrtümer sind also Sache des Verstandes (nicht der Sinne), des Gefühls oder des Willens; denn sie entspringen stets aus einem falschen Schlüsse. Übereilung in der Annahme und Trägheit in der Prüfung veranlassen sie leicht und oft; daher die zahlreichen Sinnestäuschungen (s. d.), die Verwechslungen von Einbildungen und Räsonnements mit sinnlicher Anschauung, die Parteilichkeit und Leichtgläubigkeit in historischen Dingen, die Verwechslung der Erkenntnisquellen, die häufigen Paralogismen (Fehlschlüsse) und Sophismen (Trugschlüsse).
Zur Vermeidung des Irrtums führt vor allem ruhig-klare Gemütsstimmung, ernstes Nachdenken, Befreiung von Vorurteilen, Aufmerksamkeit, Konsequenz im Denken und Kritik fremder Ansichten. Vgl. Widerlegung, Kritik.
Isosthenie
Isosthenie
(gr.
isostheneia
= Gleichkräftigkeit) heißt die Gleichheit der Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit einer Behauptung, deren Folge es ist, daß die entgegengesetzte Behauptung ebensowenig glaubwürdig und unglaubwürdig ist. Das Prinzip der Isosthenie ist der Grundgedanke der griechischen Skeptiker. Vgl. Raoul
Richter
, Der Skeptizismus in der Philosophie I. Bd. Leipzig 1904.
Jähzorn
Jähzorn
ist der plötzlich und wider Willen hervorbrechende Affekt der Unlust, der dem Menschen die Besinnung raubt und ihn leicht zu schweren Gewalttaten fortreißt.
jurare in verba magistri
jurare in verba magistri
(auf die Worte des Meisters schwören) (vgl.
autos epha
) ist ein Wort des Horaz Epistel. I, 1, 14 (wo übrigens steht:
Nullius
addictus iurare in verba magistri).
Juxtaposition
Juxtaposition
, s. Intussusception.
Kabbâla
Kabbâla
(hebr.), eigtl. das Empfangene, dann die mündliche Tradition, und zwar die Überlieferung einer geheimen, göttlichen Weisheit, heißt die im Mittelalter entstandene
jüdische Mystik
. Auf Grundlage der Emanationslehre (vgl. Emanation) haben die Kabbalisten seit dem neunten Jahrhundert mystisch-theosophische Spekulationen ausgebildet, denen sie durch Pseudepigraphen (gefälschte Schriften) den Schein des Altertums gaben. Wie Elias will auch die Kabbâla auf den Messias hinweisen, wie jener mit feurigen Rossen in den Himmel dringen. Sie strebt, die Sinnenwelt aus dem »
Ensoph
« (dem Unendlichen) als dessen notwendige Selbstoffenbarung zu erklären. Vom göttlichen Ensoph und zu ihm hin entwickelt sich alles. Die zehn
Sephiroth
(Lichtströme), deren Inbegriff der
Adam Kadmon
, der Urmensch, ist (s. d.), bilden die vier Welten, nämlich
Aziluth
(d.h. die vollkommene, die unveränderlich ist),
Beriah
(die veränderliche),
Jezirah
(die geformte Welt) und
Asiah
(die lebende). Hauptquelle dieser krausen Phantastik ist das
Buch Jezirah
, welches im 9. Jahrh. n. Chr. abgefaßt, aber dem
Rabbi Akiba
(2. Jahrh.) zugeschrieben wurde, und das Buch Sohar aus dem 13. Jahrh. Im 16. und 16. Jahrh. beschäftigten sich auch christliche Gelehrte mit der Kabbâla, so Petrus Pomponatius. Marsilius Ficinus, Pico v. Mirandola, Renchlin, Agrippa, Paracelsus u. a. Vgl.
Frank
, Die Kabbâla (übersetzt von Jellinek, Leipzig 1844).
Jellinek
, Beiträge zur Gesch. der Kabbâla. 1851-1852.
Kältepunkte
Kältepunkte
nennt
Wundt
diejenigen Stellen der Haut, welche für Kältereize besonders empfänglich sind. Sie sind von den Wärmepunkten durch unempfindliche Strecken getrennt und finden sich am zahlreichsten an Augenlid, Stirn, Wange und Kinn, weniger zahlreich an Brust, Bauch, Arm und Hand, am spärlichsten am Unterschenkel und Fuß. (Siehe Wundt, Grundzüge der phys. Psych. I, S. 395f.).
Kahlkopf
Kahlkopf
(lat. calvus, gr.
phalakros
) heißt eine ähnliche Art sophistischer Frage des
Eubulides
wie der Acervus (s.d.). Er besteht in der Frage: Wie viel Haare muß man jemandem ausziehen, damit er kahlköpfig wird?
Kalokagathie
Kalokagathie
(gr.
kalokagathia
von
kalos
= schön und
agathos
= gut), die Schöngüte, bezeichnet den Inbegriff des Schönen und Guten, das Wesen eines Menschen von guter Bildung und Lebensart. Die Hellenen gingen bei dieser Benennung von der Voraussetzung aus, daß in einem schönen Leibe meist auch eine schöne Seele wohne.
Kalokagathos
Kalokagathos
(gr.
kalokagathos
) heißt ein Mann von guter Bildung und Lebensart.
Kanonik
Kanonik
(v. gr.
kanôn
= Richtschnur) nannte
Epikuros
(341-270) die Logik, die er ausschließlich in den Dienst seiner hedonischen Ethik stellte und einfacher gestaltete, als andere Philosophen, so daß die schwierigen Lehren übergangen und der Sinneswahrnehmung und den Gefühlen sowie den daraus hervorgehenden Vorstellungen die Entscheidung über die Wahrheit zugewiesen war. Vgl. Diog. Laert. X § 31. – Kant (1724 bis 1804. Kr. d. r. V. Methodenlehre II, S. 796-831. Der Kanon der reinen Vernunft) verstand darunter die Wissenschaft vom richtigen Gebrauch des Erkenntnisvermögens. Der Grundgedanke dieser Kanonik ist die Unterordnung der Metaphysik unter ethische Gesichtspunkte, die Bestimmung der Philosophie als Lehre vom höchsten Gute. Der Kanon der reinen Vernunft betrifft also nur deren praktischen Gebrauch.
Kantianismus
Kantianismus
ist die Philosophie Kants (1724-1804) und seiner Anhänger. Kant hat in seiner philosophischen Entwicklung drei Stufen durchgemacht. Zuerst (1755-1760) war er Wolfianer, schloß sich aber in der Naturwissenschaft schon enger an Newton an. Dann (1760-1770) sagte er sich vom Wolfischen Rationalismus los und neigte dem englischen Empirismus zu. Zuletzt von 1770 ab bildete er, in gewisser Beschränkung zum Rationalismus zurückkehrend, seine eigene kritische Philosophie aus. Nur diese letztere kann
Kantianismus
heißen. Der Kantianismus besteht im
Rationalismus
: Kant erkennt zwar das Wissen a posteriori, das Wissen aus der Erfahrung an, ihm ist aber die
Philosophie
lediglich Wissenschaft aus Begriffen
a priori
; – im
Formalismus
: Kant scheidet Form und Stoff der Erkenntnis. Alles Wissen a priori umfaßt nur die Form der Dinge, Raum, Zeit, Quantität, Qualität, Relation und Modalität; das Sittengesetz ist formal, die Schönheit ist nur Zweckmäßigkeit der Form der Dinge; – im
Kritizismus
: Die Vernunft ist im Gebiete der Erfahrung, aber (im theoretischen Gebrauche) nicht über dasselbe hinaus gesetzgebend; – im
Phänomenalismus
: Zeit und Raum sind a priori: die Welt der Erkenntnis ist nur die Welt der Erscheinungen, nicht die Welt an sich; – im
Idealismus
: Die Dinge an sich bilden eine intelligible Welt; – im
Indeterminismus
(Eleutherismus): Es gibt eine intelligible Freiheit des Willens und Unabhängigkeit vom Kausalitätsgesetz; – im
Ethizismus
: Die praktische Vernunft hat den Vorrang (Primat) über die theoretische Vernunft; – im
Dualismus
: Es gibt eine sinnliche (der Kausalität unterworfene) und eine intelligible (freie) Welt. – Der Kantianismus ist die Philosophie, welche die neueren Richtungen die von England einerseits und Frankreich und Deutschland andrerseits im XVII. und XVIII. Jahrhundert ausgegangen waren, die empiristische und die rationalistische zu vereinigen strebte und am Schluß der Entwicklung des Rationalismus diesen in die gebührenden Schranken zurückwies, aber an ihm prinzipiell festhielt. Der Kantianismus versucht festzustellen, was reine Vernunft für sich zu leisten vermag, und beantwortet die Fragen: »Was kann ich wissen?« »Was soll ich tun?« »Was darf ich hoffen?«, soweit reine Vernunft die Antwort darauf geben kann. (Kr. d. r. V. S. 805). Hierdurch ist seine gegensätzliche Stellung bedingt. Er steht im Gegensatz zum
Sensualismus
und
Empirismus
, zum
Skeptizismus
und
Dogmatismus
, zum
Realismus
und
Materialismus
, zum
Determinismus
und
Intellektualismus
, und ihm fehlt die strengere
monistische
Abschließung. Vgl. Fr.
Paulsen
, Immanuel Kant 2. u. 3. Aufl. 1899. S. 114-123. Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Kantischen Erkenntnistheorie. Leipzig 1875. A.
Riehl
, Der philosophische Kriticismus, Leipzig 1876 ff.
Joh. Volkelt
, Immanuels Kants Erkenntnistheorie, Leipzig 1879.
Konrad Dieterich
, Die Kantische Philosophie, Freiburg u. Tübingen 1885.
Kant-Laplacesche Kosmogonie
Kant-Laplacesche Kosmogonie
, s. Kosmologie.
Karikatur
Karikatur
(von ital caricare, frz. charger = beladen), Zerrbild, Überladung, heißt die Verzerrung einer Zeichnung in der Richtung, daß man die charakteristischen Züge in satirischer Absicht übertreibt. Karikaturen schafft die bildende Kunst und die Dichtung. Der ästhetische Wert der Karikatur liegt darin, daß sie belustigt. Sie ist eine Form des Komischen, die den Weg durch das Charakteristische und Häßliche nimmt. Ihr sittlicher Wert ist gering, liegt aber in der Besserung, welche durch sie erstrebt wird. Aristophanes gibt Karikaturen, ebenso M. Angelo, Lionardo da Vinci, Annibale Caracci, Callot, Hogarth. Vgl.
Flögel
, Gesch. des Grotesk-Komischen. Lpz. 1886. E. Fuchs, d. Karikatur. 2. Aufl. 1902.
Kasualismus
Kasualismus
(lat.) heißt die Lehre vom Zufall (s. d.), Kasualität heißt Zufall. Vgl. F.
Kirchner
, Über d. Zufall Halle 1889.
Katachrese
Katachrese
(gr.
katachrêsis
lat. abusio), eig. Mißbrauch, ist die Anwendung eines Wortes in uneigentlicher Bedeutung,. z.B. das Schwert
schläft
in der Scheide; oder in unpassender Bedeutung, z.B. laute Tränen;
katachrestisch
heißt uneigentlich, mißbräuchlich, gezwungen. (Vgl. Cic. orat. 27, 94 Aristoteles – tralationi subiungit abusionem, quam
katachrêsin
vocant, ut cum minutum dicimus animum pro parvo et abutimur verbis propinquis, si opus est, vel quod delectat vel quod decet.)
kataleptische Phantasie
kataleptische Phantasie
(gr.
katalêptikê phantasia
) nannten die Stoiker die Vorstellung, welche, von einem wirklichen Objekte erzeugt, dieses mit sinnlicher Klarheit ergreift und sich uns mit unwiderstehlicher Gewalt aufdrängt. Sie war ihnen das Kriterium der Wahrheit. (Cic. Acad. I, 11, 41. Siehe Überweg-Heinze, Grundriß d. Gesch. d. Philosophie I, § 53.) Die Skeptiker leugneten dagegen, daß es ein solches überhaupt gäbe. Vgl. Skepsis, Trope.
Hypnotische
Katalepsie ist der Starrkrampf des Hypnotisierten.
katechetisch
katechetisch
(gr.
katêchêtikos
von
katêchein
= unterrichten) oder sokratisch, auch erotematisch heißt diejenige Methode des Unterrichts, welche nicht, wie die
akroamatische
(s. d.), einfach vorträgt, sondern den Stoff durch Frage und Antwort beizubringen sucht.
Kategorie
Kategorie
(gr.
katêgoria
, lat. praedicamentum, eigtl. Aussage), heißt in der weitesten Bedeutung jedes Merkmal, das auf einen Gegenstand, jedes Prädikat, das auf ein Subjekt bezogen wird;
in engerer Bedeutung
versteht man unter Kategorien die allgemeinsten
Stammbegriffe
des Verstandes, unter welche alle Gegenstände der Erfahrung, sofern sie gedacht werden, fallen und von denen die übrigen Begriffe abgeleitet werden können. Sehr frühe wurde sich der menschliche Geist solcher Stammbegriffe bewußt; denn das Begreifen selbst führt zu ihrer Auffindung. Wir setzen, sobald wir uns ein Objekt vorstellen, nicht nur ein Ding im Unterschiede von aus selbst, sondern zugleich zahlreiche Beziehungen desselben zu anderen Dingen in Raum und Zeit; seine Gestalt, Größe, Bewegung, Lage usw. drängt sich uns auf. Daß diese Begriffe aber Grundfunktionen unseres Geistes sind oder mit den Grundfunktionen zusammenhängen, ergibt sich aus der Unmöglichkeit oder Schwierigkeit, sie auf andere zurückzuführen; Gestalt, Größe, Zahl, Maß, Bewegung, ferner Tun, Leiden, Ursache, Wirkung bringt unser Geist zu den Dingen hinzu, um diese ins Bewußtsein aufnehmen zu können. Nur durch den Hinzutritt dieser Begriffe wird die ungewollt und ungesucht in uns entstandene Vorstellung zum Begriff, indem unser diskursives Denken den Objekten ihre Merkmale in festen Formen beilegt.
Der Begründer der Kategorienlehre ist
Aristoteles
(384 bis 322), der zehn Kategorien annahm: Substanz, Quantität, Qualität, Relation, Ort, Zeit, Lage, Haltung, Tun und Leiden (substantia, quantitas, qualitas, relatio, ubi, quando, situs, habitus, actio, passio;
ousia
(oder
ti esti
), z.B. Mensch, Pferd,
poson
, z.B. zwei, drei Ellen lang,
poion
, z.B. weiß, grammatisch,
pros ti
, z.B. doppelt, halb, größer,
pou
, z.B. im Lyceum, auf dem Markte,
pote
, z.B. gestern, im vorigen Jahre,
keisthai
, z.B. liegt, sitzt,
echein
, z.B. ist beschenkt, bewaffnet,
poiein
, z.B. schneidet, brennt,
paschein
, z.B. wird geschnitten, gebrannt). Diese Aufzählung in seiner »Topik« (I, 9 p. 103 b 22 ff.) hat Aristoteles später verlassen. Er läßt die Kategorien
keisthai
und
echein
fallen, so daß eine Achtzahl entsteht (Analyt. post. I, 22, p. 83 a 21 und b 16, Phys. V, 1, p. 225 b 6). In seiner »Metaphysik« (XIII, 2, p. 1089 b 23), wo er nur Substanzen, Modi und Relationen unterscheidet (
ousiai, pathê, pros ti
), bringt er die acht Kategorien in drei Klassen, wie er sonst auch (Analyt. post. I, 22) alle übrigen Kategorien der
ousia
gegenüber als
symbebêkota
zusammenfaßt. Aristoteles aber hat die Kategorientafel nur empirisch zusammengestellt, nicht ohne die Formen der Redeteile in der Sprache, soweit sie seiner Zeit bekannt waren, zu berücksichtigen; eine Deduktion der Kategorien aus einem Prinzip hat er nicht versucht, und eine direkte metaphysische Beziehung haben die Kategorien bei ihm nicht, obwohl sie durch die Existenzformen bedingt sind; sie sind für Aristoteles nur logische Formen. Eine direkte metaphysische Beziehung haben bei Aristoteles nur die vier formalen Prinzipien: Form, Stoff, Ursache, Zweck. Die Kategorien des Aristoteles sind auch nicht reine
Begriffs
formen, sondern sie schließen die
sinnlichen
Vorstellungsformen des Raumes und der Zeit in sich ein. Vgl. Form; Entelechie. – Die
Stoiker
stellten sich dann auf den metaphysischen Standpunkt. Alles ist zunächst etwas, mag es im Geist oder in der Außenwelt existieren. Die Gattungsbegriffe teilen sich aber in vier Unterarten: Substrat, wesentliche und unwesentliche Qualität, Relation (
to hypokeimenon, to poion, to pôs echon, to pros ti pôs echon
). Sie sahen also die Kategorien nicht bloß für logische Formen, sondern für Potenzen und Selbstbetätigungen der Dinge an.
Plotinos
(205-270) nahm wieder zehn Kategorien an, fünf intelligible: Objekt, Ruhe, Bewegung, Identität und Anderssein (
on, stasis, kinêsis, tautotês, heterotês
) und fünf sinnliche: Substanz, Relation, Quantität, Qualität und Bewegung (
ousia, pros ti, poson, poion, kinêsis
). Seit Plotinos wurde einseitig die metaphysische Bedeutung der Kategorien hervorgehoben. So stellt
Laurentius Valla
(1407-1457) Substanz, Qualität, Tätigkeit (substantia, qualitas, actio) als Kategorien auf;
Descartes
(1596-1650) und
Spinoza
(1632-1677): Substanz, Attribute, Modi;
Locke
(1632-1704): Substanz, Modus, Relation;
Leibniz
(1646-1716): Substanz, Quantität, Qualität. Aktion und Passion.
Erst
Kant
(1724-1804) betonte wieder zugleich die logische und die erkenntnistheoretische Seite der Kategorienlehre, indem er in den Kategorien die allgemeinen und notwendigen Elementarbegriffe unseres Geistes sah, durch die erst eine Erfahrung möglich werde, die aber jenseits der Grenzen der Empirie zu bloßen Formen herabsinken und ohne Anschauung leer wären. Während Aristoteles seine zehn Kategorien nur aufgezählt hatte, suchte Kant nach einem heuristischen Prinzip und glaubte dies in den Urteilsformen zu finden, da das Denken in Urteilen erfolgt. Was im Urteil das Subjekt mit dem Prädikat verbindet, ist jedesmal eine begriffliche Verstandesfunktion. So viele Arten des Urteils es gibt, so viel Kategorien müßten demnach vorhanden sein. Dementsprechend stellt er zwölf Kategorien auf: drei der
Quantität
: Einheit, Vielheit, Allheit; drei der
Qualität
: Realität, Negation, Limitation; drei der
Relation
: Inhärenz und Subsistenz, Kausalität und Dependenz, Gemeinschaft (Wechselwirkung); drei der
Modalität
: Möglichkeit und Unmöglichkeit, Dasein und Nichtsein, Notwendigkeit und Zufälligkeit. Die ersten sechs nannte er
mathematische
, die andern
dynamische
. Von den Kategorien trennte er die Formen der sinnlichen Anschauung, Raum und Zeit, und ebenso die Schemata der Einbildungskraft, welche die Kategorien mit den Anschauungen verbinden, zugleich intellektuell und sinnlich sind und in den transscendentalen Zeitbestimmungen (Zeitreihe, Zeitinhalt, Zeitordnung, Zeitinbegriff) bestehen. Aber Kant hat bei seiner Deduktion der Kategorien veraltete und willkürliche Lehren der Logik benutzt. Die Einteilung der Urteile nach Quantität, Qualität, Relation und Modalität ist nicht die natürliche Einteilung derselben, die Untereinteilung der Urteile in allgemeine, partikuläre und singuläre hat nur in Subsumtionsurteilen, in denen Art und Gattung miteinander verbunden werden, Bedeutung; im übrigen ist sie wertlos. Wie sich z.B. ein mathematisches Urteil von einem Subsumtionsurteil unterscheidet, hat Kant nicht richtig erkannt; auch hat Kant den transscendentalen Gebrauch der Kategorien in bezug auf Gegenstände, ihre Gültigkeit innerhalb der Erfahrung wohl im allgemeinen, nicht aber für jede einzelne Kategorie nachzuweisen versucht. So ist die Kategorienlehre Kants in ihren Einzelheiten verfehlt und muß als ein Rest scholastischer Philosophie gelten.
Reinhold
(1758 bis 1823), der erste namhafte Vertreter des Kantianismus in Jena, hat einen dieser Mängel, die Verfehlung des richtigen Deduktions-prinzipes, empfunden, aber nicht die Kraft besessen, ihm mit seinem Satz des Bewußtseins (»Die Vorstellung wird im Bewußtsein vom Vorgestellten und Vorstellenden unterschieden und auf beide bezogen«) abzuhelfen. Die spekulativen Philosophen
Fichte
(1762-1814),
Schelling
(1775-1854) und
Hegel
(1770-1831) haben die Kategorien Kants mit mancher Abweichung wieder hypostasiert und zu Selbstbestimmungen des Absoluten erhoben.
Es blieb also die Aufstellung einer brauchbaren Kategorienlehre für die Philosophie noch immer nach Kant und seinen Nachfolgern eine ungelöste Aufgabe. Die Kategorien sowohl als logische Grundformen unseres Denkens als auch als Formen des Wirklichen mußten sicher festgestellt, ihr Gebrauch kritisch bestimmt werden. Diese Aufgabe ist noch nicht endgültig, aber doch im ganzen zutreffend, z.B. von
Lotze
und
Sigwart
(Ding, Eigenschaft, Tätigkeit, Relation), gelöst. Sie kann kaum auf anderem Wege als auf empirischem angefaßt werden. Im allgemeinen dürfte sich herausstellen, daß wir nur wenig Grundbegriffe besitzen, abgesehen von den sinnlichen Formen der Erkenntnis, Raum und Zeit, nur die Begriffe des
Subjektes
und Objektes, der
Verbindung
oder
Beziehung
(Relation), der
Zahl
, der
Substanz
und
Eigenschaft
(Inhärenz), der
Ursache
und
Wirkung
. Dem Denken muß ein
Inhalt
gegeben und dieser vom
Ich
als Gegenstand des Denkens geschieden werden; die einzelnen Inhalte müssen verbunden und in Beziehung gesetzt,
Vielheiten zur Einheit
,
Teile zum Ganzen
zusammengefaßt werden, ein beharrlicher
Träger
des
Unselbständigen
muß gedacht und
Ursache
und
Wirkung
in der zeitlichen Folge und im Wechselnden unterschieden werden. Bezogen auf Raum und Zeit erhalten diese Grundformen des Denkens, Subjekt, Objekt, Relation, Zahl, Substanz und Inhärenz, Ursache und Wirkung, dann ihre weitere Ausbildung und Vermannigfaltigung in einer großen Fülle von abgeleiteten Vorstellungsformen. Die Beziehung des Denkens auf die Wirklichkeit ist aber unmittelbar durch keine Kategorie, sondern lediglich durch die Empfindung gegeben, so daß die Kategorien für sich nie metaphysische Beziehung gewinnen können. – Vgl.
Trendelenburg
, Gesch. der Kategorienlehre. 1846.
Überweg
, System der Logik. 5. Aufl. 1882.
Lotze
, Grundzüge der Logik. 3. Aufl. 1891.
Sigwart
, Logik. 2. Aufl. Tübingen 1889-1893.
C. Prantl
, Gesch. d. Logik. 1855.
kategorisch
kategorisch
(gr.
katêgorikos
von
katêgorein
= aussagen, franz. catégorique) heißt eigentl. aussagend, behauptend, dann im Gegensatz zu hypothetisch soviel als
unbedingt
. Kant nennt daher das oberste Sittengesetz den
kategorischen Imperativ
; denn es gebiete einfach und schlechthin, unabhängig von jeder Bedingung und jeder Rücksicht auf Nutzen und Vergnügen. Da er in diesem also ein reines Vernunftgesetz suchte, kam er zu der Schlußfolgerung, das Moralprinzip müßte ein bloß formales sein, während es durch Rücksicht auf ein bestimmtes Ziel des Willens empirisch würde. Es lautet für ihn daher: »Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne« (Kr. d. r. V. S. 54), oder: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde«, oder: »Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum
allgemeinen Naturgesetze
werden sollte«. (Grundlegung der Metaphysik der Sitten, 2. Abschnitt.) Aber die Tauglichkeit dieses Prinzips ist beschränkt. Denn da Kant im kategorischen Imperativ kein inhaltliches Sittengesetz aufstellt, sondern nur die sittliche Allgemeingültigkeit der Handlungsweise fordert, so läßt er es unbestimmt, wohin unser Handeln in jedem einzelnen Falle sich wenden solle. Auch dürfte es in Wirklichkeit schwierig oder für den einzelnen sogar unmöglich sein, festzustellen, ob seine Maxime sich zum Allgemeingesetz eigne. Die Ethik verlangt also, um mit dem Leben in fruchtbare Beziehung zu treten, an Stelle des kategorischen Imperativs inhaltliche, wenn auch nur empirisch bestimmte Prinzipien. Vgl. Freiheit. – Ein
kategorisches Urteil
ist dasjenige, in welchem ein Prädikat dem Subjekt schlechthin beigelegt oder abgesprochen wird (A ist B, oder A ist nicht B), also nur zwei Begriffe in ihrem Verhältnis zueinander bestimmt sind. Den Gegensatz dazu bildet das
hypothetische Urteil
, in dem zwei Urteile in ein Verhältnis zueinander (das des Grundes und der Folge) gesetzt sind. (Wenn A ist, so ist B usw.) (Kant, Kr. d. r. V. S. 19.)
Kataphora
Kataphora
(gr.
kataphora
) heißt Schlafsucht, Betäubung; kataphorisch mit der Schlafsucht behaftet.
Katharsis
Katharsis
(gr.
katharsis
), Reinigung von Affekten und Leidenschaften, erstrebten die Pythagoreer durch Askese. Aristoteles sah in der Reinigung der Affekte die Wirkung der Tragödie (Poet. 6, p. 1449 b 27:
di' eleou kai phobou perainousa tên tôn toioutôn pathêmatôn katharsin
: »Durch Mitleid und Furcht die Reinigung solcher Affekte bewirkend«) Vgl. Tragödie. Lessing in der Hamb. Dramaturgie faßte diese Katharsis als Umwandlung der Affekte in tugendhafte Fertigkeiten auf (St. 74 bis 83), während Aristoteles wohl einen pathologischen Vorgang gemeint hat. Vgl. J. Bernays, Grundzüge der verlorenen Abhandlung des Aristoteles über die Tragödie. Breslau 1867. Baumgart, Aristoteles, Lessing und Goethe. 1877.
Kathodenstrahlen
Kathodenstrahlen
, s. strahlende Materie.
Kathenotheismus
Kathenotheismus
nennt
Max Müller
(1823-1900) die Verehrung eines Gottes nach dem andern, wobei der jedesmal angerufene Gott als der höchste angesehen wird. Dies war die Form der alten indischen Religion. Vgl. Henotheismus.
Katholizismus und Philosophie
Katholizismus und Philosophie
. Die Philosophie der katholischen Kirche im Mittelalter ist die
Scholastik
(s. d.) gewesen, namentlich seitdem sie seit
Anselm von Canterbury
(1033-1109) ihre Unterordnung unter die Lehren der Kirche zum Grundsatz erhoben hat. Bin festes Verhältnis der Kirche zu den Einzelrichtungen der Scholastik bahnte sich aber erst vom Ende des XIII. Jahrhunderts ab an. Die
Dominikaner
haben 1286 ihren zwölf Jahre vorher verstorbenen Ordensbruder,
Thomas von Aquino
(1225-1274), der die Lehre des
Aristoteles
mit der
christlichen Überlieferung
, die Lehre von dem
vernünftigen und zweckvollen Zusammenhang des Weltalls
mit dem Dogma von der
Heilswirkung
verschmolzen hatte, zu ihrem offiziellen Lehrer erklärt und seine Schriften dem Unterricht zu Grunde gelegt. Auch von den
Benediktinern, Karmelitern
und
Augustinern
ist die Philosophie des Thomas bald anerkannt worden. Und obwohl sich die
Franziskaner
gegen sie ablehnend verhielten und die letzten Scholastiker über Thomas hinauszugehen versuchten, bat sich auch der
Jesuitenorden
Thomas zum Helfer im Unterricht der Jugend gewählt. Auf ihn haben, als den rechtgläubigen Philosophen der Kirche, viele Päpste vom XIV. bis XIX. Jahrhundert, von Clemens V. bis auf Pius IX., hingewiesen.
Leo
XIII. ist ihnen gefolgt und hat schon in seiner ersten Enzyklika »Inscrutabili Dei consilio« vom 21. April 1878 Thomas neben Angustin anempfohlen. Die dritte Enzyklika »Aeterni patris« vom 4. August 1879 erklärt dann die Philosophie für berufen, den Erweis der Wahrheit für die Grundlagen der Religion zu bringen, der Theologie Methode zu geben, und eine Schutzwehr des Glaubens gegen feindliche Angriffe zu bilden. Sie weist dem Thomas von
Aquino
unter allen Philosophen den ersten Platz an und schreibt die Beschäftigung mit ihm allen Schulen vor. Seit dieser Enzyklika herrscht die Philosophie des Thomas in allen katholischen Lehranstalten. Die Philosophie des Katholizismus ist also der
Neuthomismus
. Sie beruht auf dem
rationalistischen Grundgedanken
, daß Glauben und Wissen sich zu einem einheitlichen System verbinden lassen. Aus der
Vernunft
fließt ein Teil der religiösen Wahrheiten, wie der teleologische Gottesbeweis, der Begriff der Vollkommenheit, Weisheit, Gerechtigkeit und Wahrheit Gottes, der Beweis der Zuverlässigkeit des Evangeliums und der göttlichen Sendung der Kirche. Andere religiöse Wahrheiten, wie die Dreiheit der göttlichen Person, die Zeitlichkeit der Schöpfung, die Erbsünde, die Menschwerdung des göttlichen Wortes, die Auferstehung des Fleisches, das Weltgericht, die ewige Seligkeit und Verdammnis sind Glaubenssätze, die allein der
göttlichen Offenbarung
entstammen. Beide Arten der Wahrheit widersprechen sich nicht, sondern haben in der widerspruchslosen göttlichen Wahrheit und. Einheit ihren höchsten und letzten Grund. Aber der natürlichen Vernunft fällt in diesem Bunde die untergeordnete Stellung zu. Die Philosophie ist
Dienerin und Magd der Theologie
. (Philosophia ancilla theologiae). Die Vernunft ist
Vorbereitung des Glaubens, Vorschule und Hilfe
. Sie bereitet den Weg zum Glauben, bringt Ordnung in die Fragen der Theologie und schützt den Glauben gegen Feinde. Sie ist ein passender Zaun und eine Mauer des Weinbergs, muß sich aber der höheren Autorität unterwerfen und der Theologie den Vorrang überlassen. Nur von den Werken Gottes führt sie zu Gott hin, während die Theologie unmittelbar bei Gott verweilt. Im Gebiete des Wissens und der natürlichen Tugenden kann Thomas von Aquino und Aristoteles, auf dem er fußt, Führer sein, im Gebiete des Glaubens und der christlichen Tugenden entscheidet zuletzt die von Christus gestiftete und vom Geiste Gottes regierte Kirche. So sind
Wissen und Glauben, Altertum und Mittelalter
in der Philosophie der katholischen Kirche unter dem Gesichtspunkte der
Autorität der Kirche
miteinander verschmolzen. – Siehe Protestantismus und Philosophie. Vgl. O.
Willmann
, Geschichte des Idealismus, 3 Bde., 1894 ff.
Kettenschluß
Kettenschluß
, s. Sorites.
Kinderpsychologie
Kinderpsychologie
, s.
Psychogenese, Psychologie
.
Kitzelgefühl
Kitzelgefühl
ist eine der Gemeinempfindungen, welche von schwachen Tastempfindungen ihren Ausgang nimmt. Sie entsteht, indem eine schwache Tastempfindung sich bald über eine größere Hautfläche ausbreitet, bald an ganz entlegenen Stellen ähnliche schwache Tastempfindungen hervorruft (s. Wundt, Grundz. d. phys. Psych. I, S. 407 f.); sie ist begleitet von einer Mischung von Lust- und Unlustgefühlen und Reflexbewegungen der Muskeln. Besonders dafür empfänglich sind die Hohlhände, Achselhöhlen, Fußsohlen und Anfänge der Schleimhäute.
klar
klar
heißt eine Vorstellung, die wir nicht nur gegenwärtig haben, sondern deren wir uns auch als solcher bewußt sind. Zwischen dem Vorhandensein von Vorstellungen in uns und dem vollem Bewußtsein derselben ist ein Abstand. Sie bleiben so lange dunkel, bis sie von anderen Vorstellungen sicher geschieden sind. Vgl. dunkel, deutlich, verworren, clare et distincte.
kleinlich
kleinlich
ist der Mensch, welcher sich gern mit nichtigen Dingen beschäftigt, ihnen über Gebühr Wert beilegt und die Berücksichtigung solcher Nebensachen von andern verlangt.
Kleinmut
Kleinmut
heißt der Mangel an Mut, sowohl gegenwärtige Übel zu ertragen als auch künftigen entgegenzusehen.
Kleptomanie
Kleptomanie
(von gr.
kleptês
= Dieb und
mania
Wahnsinn gebildet), Stehlsucht, galt längere Zeit als eine Form der Monomanie.
klug
klug
ist derjenige, welcher zur Ausführung eines Zweckes die besten Mittel erkennt und gebraucht. Klugheit ist also mehr als Einsicht und weniger als Weisheit. Denn die Einsicht ist mehr theoretisch, die Weisheit mehr sittlich. Ein kluger Mensch fragt, wenn er nicht zugleich sittlich ist, nicht danach, ob seine Zwecke und Mittel erlaubt sind; ihn interessiert es nur zu wissen, ob er zu seinem Ziele kommt. Klugheit ist ferner nicht dasselbe wie Gelehrsamkeit oder Bildung; sie ist natürliche Begabung und Entwicklung, also nur die Voraussetzung für beide. Die Moral ist nicht Klugheits-, sondern Sittlichkeitslehre. Die Lebensweisheit ist auch nicht nur sittlich, sondern mehr eine Form der Klugheit im gesellschaftlichen Verkehr als eine Art der Weisheit.
kombinieren
kombinieren
(franz. combiner, lat. combinare), s. Combination.
komisch
komisch
(gr.
kômikos
, von
kômos
= lustiger Schwarm, fröhliches Gelage) ist der Gegensatz zum Tragischen. Das Komische beruht auf einem Widerstreit der Idee und der sinnlichen Erscheinung, der sich in unschädlicher, aber überraschender und erheiternder Weise löst. Das Sinnliche und Natürliche bringt die Idee im Komischen zu Falle und mahnt an die irdische Schwäche, ohne uns zu betrüben oder uns zu mißfallen. Der Sturz des Erhabenen erzeugt das Tragische und erregt unser Mitleid. Komisch dagegen ist, was sich durch einen inneren oder hineingetragenen Widerspruch in ein harmloses oder doch als harmlos aufgefaßtes Nichts auflöst; daher definiert es
Aristoteles
(384 bis 322) als »eine menschliche Schwäche oder Häßlichkeit, die schmerzlos und unschädlich ist« (
to gar geloion estin hamartêma ti kai aischos anôdynon kai ou phthartikon
Aristot. Poet. 5, p. 1449 a 34.) Was aber für den einen unschädlich und harmlos ist, braucht es für den anderen nicht zu sein. Daher kann, was dem einen komisch erscheint, für den anderen traurig sein. Die Auflösung des Widerspruchs im Komischen muß unerwartet auftreten; jeder plötzliche Übergang aus dem Hohen ins Niedere, dem Schönen ins Häßliche, dem Furchtbaren ins Gewöhnliche wirkt komisch. Man unterscheidet das
Niedrig
– und das
Fein-Komische
, je nachdem die Idee, die zu Falle kommt, höher oder niedriger steht, und das Sinnliche, welchem jene unterliegt, feiner oder gröber ist. Das Niedrigkomische ist das
Burleske
(von it. burla, Spott), das Unanständige, Bäurische, Tölpelhafte, Plumpe, überhaupt das Tierische am Menschen, ja das Tier selbst. Feiner ist das Komische des Verstandes, der
Witz
. Die höchste Stufe ist der
Humor
(Don Quixote von Cervantes), weil hier nicht die Torheit des einzelnen, sondern die Torheit überhaupt verspottet wird. Wenn auch das Komische ebenso wie das Häßliche der Streit zwischen Materie und Geist ist, so ist doch die Auflösung des Streites beim Komischen nicht die völlige Niederlage des Geistes wie beim Häßlichen, sondern nur die Besiegung des Unnatürlichen an ihm. Auch kann sich das Komische nur in den Künsten entfalten, die der Materialität weiter entrückt sind. Es gibt keine komische Baukunst, und auch in der Plastik tritt das Komische nur wenig hervor. Dagegen gehört es in die Malerei, Musik und Poesie. Vgl. J.
Paul
(Fr. Richter), Vorschule der Ästhetik. 1813. F.
Vischer
, über das Erhabene und Komische. 1837.
Hecker
, Physiol. u. Psychol. d. Lachens u. d. Komischen. 1873.
kompakt
kompakt
(lat. compactus), eigtl. eng zusammengefügt, dicht, derb, gediegen, heißt ein Begriff, der viele Merkmale enthält.
konstitutiv
konstitutiv
, s. constitutiv.
Kontrast
Kontrast
, s. Contrast.
Kontrastgefühle
Kontrastgefühle
, s. Contrastgefühle.
konventionell
konventionell
(franz. conventionel) heißt auf Übereinkunft beruhend, herkömmlich; besonders aber wird alles so genannt, was im geselligen Leben wie durch einen stillschweigenden Vertrag als schicklich, gültig und richtig anerkannt ist.
Kornhaufe
Kornhaufe
, s. Acervus.
Körper
Körper
heißt dasjenige, was mit empfindbaren Qualitäten den Raum erfüllt. Die
Geometrie
nennt die begrenzten dreidimensionalen Raumgebilde selbst, ohne Rücksicht auf die sie erfüllende Materie, Körper. Sonst redet man vom Körper nur bei der Raumerfüllung.
In der Physik
unterscheidet man nach ihrem Aggregatzustande feste, tropfbar flüssige und luftförmige Körper. Unter den festen unterscheidet man harte und weiche, spröde und elastische. Ferner teilt man die Körper ein in organische und unorganische, die organischen wieder in beseelte und unbeseelte. Außer der Ausdehnung besitzt der Körper Teilbarkeit, Undurchdringlichkeit (d.h. zwei Körper können nicht denselben Raum erfüllen), ferner Porosität, Trägheit (d.h. die Eigenschaft, daß ein Körper seinen Bewegungszustand nicht von selbst ändern kann), sowie Dehnbarkeit und Zusammendrückbarkeit (Extensibilität, Kompressibilität). Die Körperlehre ist daher teils allgemeine Naturlehre, teils spezielle, wie Astronomie, Mineralogie, Botanik, Zoologie und Somatologie; letztere handelt vom menschlichen Körper und ist also ein Teil der Anthropologie.
Körperbewegungen
Körperbewegungen
heißen die an tierischen, insbesondere menschlichen Körpern stattfindenden Bewegungen, die durch den Einfluß der motorischen Nerven auf die Muskulatur entstehen. Sie scheiden sich in solche, die ohne Bewußtsein erfolgen,
physische
, und solche, bei denen neben den physischen Bedingungen zugleich bestimmte Bewußtseinszustände als Ursachen wahrgenommen werden oder vorauszusetzen sind,
psycho-physische
. Die physischen zerfallen in solche, die unmittelbar von innerer Heizung des motorischen Zentralgebietes, namentlich des Rückenmarks ausgehen,
automatische
(wie z.B. die Atembewegung, Herzbewegung, Gefäßerregung), und solche, bei denen die zentrale motorische Erregung durch einen peripherischen Reiz erfolgt, der von einem zentripetal leitenden Nerven zugeführt wird,
reflektorische
(wie z.B. Zuckungen und mechanisch gewordene zweckmäßige Willenshandlungen). Die psycho-physischen haben entweder in einem den Willen eindeutig bestimmenden Motiv ihren Ursprung,
Triebbewegungen
, oder es findet bei ihnen die Wahl zwischen verschiedenen Motiven statt,
willkürliche
Bewegungen. Unter diesen Bewegungen bilden die auf ererbter Organisation beruhenden
Triebbewegungen
den Ausgangspunkt einerseits für die Ausbildung der die höheren Willenshandlungen ermöglichenden Willkürbewegungen, andrerseits für die Entstehung der reflektorischen und automatischen Bewegungen, die ihrerseits auch fortwährend aus den willkürlichen Bewegungen hervorgehen und sich mit ihnen verbinden, indem ein Teil derselben mechanisch wird. Unter den Reflex- und Willensbewegungen sind besonders solche hervorzuheben, welche Gemütsbewegungen widerspiegeln und als Zeichen innerer Zustände von Wesen ähnlicher Art verstanden werden, die
Ausdrucksbewegungen
(wie Erblassen, Erröten, Mienenspiel, Gebärden, Weinen, Lachen). Siehe Wundt, Grundz. d. phys. Psych. II S. 487-530.
Korpuskel
Korpuskel
(lat. corpusculum) heißt Körperchen. Unter Korpuskeln oder Monaden (s. d.) versteht die Naturwissenschaft jetzt die feinsten Teile, aus denen die Atome der Elemente zusammengesetzt sein sollen (s. Atom). Man hat durch feinsinnige Versuche die elektrische Ladung eines jeden Korpuskels festgestellt und bewiesen, daß alle Korpuskeln an Große und Elektrizitätsmenge gleich sind.
Stoney
hat die Ladung eines Korpuskels ein Elektron genannt. Möglich ist sogar, daß ein
Elektron
und ein Korpuskel dasselbe Ding ist; denn das Elektron kommt nur an Materie (s. d.) vor und der Korpuskel nur in Verbindung mit Elektrizität. Eine Vereinigung zahlreicher elektrischer Korpuskeln ist ein Atom (s. d.). Nach
Thomson
soll auch das Licht nichts anderes als ein Bombardement fliegender Korpuskeln sein (Newtons Emissions-Theorie). Vgl. Ionen.
Kosmologie
Kosmologie
(gr.
kosmologia
, von
kosmos
= Welt und
logos
= Lehre), die Lehre von der Welt, ist ein Teil der Naturphilosophie; sie untersucht die Entstehung, die Dauer, die Grenzen, die Kräfte und Ursachen der Welt.
Kosmogonie
(d.h. Weltentstehung) die erste Form der Kosmologie, ist die mythologische Ansicht der Alten von der Entstehung der Welt, in der zugleich die Theogonie, d.h. der genealogische Bericht von der Entstehung der Götter enthalten war. Homer läßt den
Okeanos
den Ursprung aller Dinge sein (II. XIV, 245).
Hesiod
läßt in seiner Theogonie die Welt nebst den Göttern aus dem Chaos und der
Erde
vermittelst des
Eros
(Liebe) entstehen. Ähnlich leitet die
Edda
die Welt aus Niflheim,
Manus Gesetzbuch
aus dem Dunkel ab. – Bei den Griechen entwickelte sich die Vorstellung, daß der
Kosmos
(das Weltall) die Kugel des Sternenhimmels sei, die sich um die Erde als ihr Zentrum drehe. Aus ihrer Bewegung, welche für vollkommen galt, weil sie Bewegung der Teile mit Ruhe des Ganzen vereinige, ginge alle Bewegung der Elemente und Organismen hervor. Die griechischen Philosophen hielten dann den Kosmos für ein lebendes Wesen, ja die Hylozoisten, Eleaten, Peripatetiker und Stoiker für Gott selbst, die Pythagoreer dagegen für ein Ebenbild desselben voller Schönheit und Harmonie, dessen Teile nach den Intervallen der Musik geordnet seien.
Anaximandros
und die
Epikureer
nahmen eine Vielheit von Welten an. Nach
Aristoteles
(384-322) besteht die Welt aus vielen beweglichen Hohlkugeln, an welchen die Gestirne befestigt sind. Um die Erde bewegen sich der Reihe nach die Sphäre des Mondes, der Venus, der Sonne, des Mars, des Jupiter, des Saturn und zu äußerst der Fixsternhimmel. Dieser besteht aus feurigem Äther, dem feinsten Stoffe, dem 5. Elemente (daher Quintessenz genannt), die Erde hingegen aus dem Niederschlag der gröbsten Stoffe. Diese Ansicht wurde, nachdem sie von Eratosthenes und Ptolemäus mathematisch begründet war, die (ptolemäische) Weltansicht bis auf Kopernikus. Doch schon der Pythagoreer
Aristarchos von Samos
behauptete, die Sonne sei der Mittelpunkt der Welt, um den sich auch die Erde drehe. Aus der ursprünglich wohl rein poetischen Redeweise, Sonne und Mond seien die Augen des belebten Kosmos, die Erde und die Gebirge sein Leib, der Äther sein Verstand, hat sich die Vorstellung der Naturphilosophen
Paracelsus, van Helmont
u. a. entwickelt, welche den Kosmos als
Makrokosmos
, den Menschen als
Mikrokosmos
(d.h. als große und kleine Welt) ansahen, die einander entsprechen, und wovon jener diesen beeinflussen sollte (Astrologie). Erst durch
Kopernikus
(1473-1543) trat an die Stelle einer sich umdrehenden Kugel eine unendliche Zahl von Welten und an Stelle des geozentrischen der heliozentrische Standpunkt. Diese von der katholischen Kirche wie von Melanchthon als unchristlich bekämpfte Theorie ward durch
Giordano Bruno, Galilei, Kepler
und
Newton
gestützt, durchgebildet und zur Geltung gebracht. Nun drängten sich neue Fragen in den Vordergrund, ob die Welt endlich oder unendlich, ewig oder entstanden sei, ob sie untergehen könne oder nicht, woher die Beseelung stamme, ob ihr Stoff und ihre Energie sowie ihr Wärmevolumen sich ändere usw.
Fontenelle
behauptete 1686 (»sur la pluralité des mondes«), nicht allein die Erde sei bewohnt, Kant versuchte 1755 in der »Allg. Naturgesch. und Theorie des Himmels« die jetzigen kosmischen Verhältnisse aus einem ursprünglichen Dunstball (Nebularhypothese), auf den die Kräfte der Attraktion und Repulsion wirken und der in Rotation gekommen sei, zu erklären. Der kantischen Hypothese nahe verwandt ist die des Franzosen
Laplace
(1749 bis 1827), die er in seiner »Exposition du système du monde« gab; doch geht
Kant
von einem Urnebel des Universums,
Laplace
von einer bereits in Rotation befindlichen Nebelscheibe unseres Sonnensystems aus;
Kant
läßt Sonnen und Planeten durch Gravitation entstehen,
Laplace
läßt Ringe vom Zentralkörper sich durch Zentrifugalkraft ablösen. – Die
Kant-Laplacesche Kosmogonie
ist von der Naturwissenschaft allgemein angenommen und hat, was unser Sonnensystem betrifft, durch die Spektralanalyse eine kräftige Stütze erhalten. Siehe
Geogonie
.
kosmologischer
kosmologischer
Gottesbeweis, s. Gott.
kosmologische Antithetik
kosmologische Antithetik
nennt Kant die Darstellung des Widerstreits (der Antinomie), in welchen sich die spekulative Vernunft verwickle, wenn sie die kosmologische Idee nach den vier Gesichtspunkten der Quantität, Qualität, Relation und Modalität entwickelt und daraus die vier kosmologischen Probleme ableitet: ob die Welt dem Räume nach endlich oder unendlich sei, ob es in der Welt etwas Einfaches gebe oder ob alles zusammengesetzt sei, ob es in der Welt auch freie oder bloß Naturwesen gebe, und ob die Welt ihrem Dasein nach selbst zufällig oder notwendig sei. (Krit d. rein. Vern., S. 405-567.) Vgl. Antinomie. Kant löst den Widerstreit der Vernunft durch den Gedanken der Idealität von Raum und Zeit.
Kosmopolit
Kosmopolit
(gr.
kosmopolitês
v.
kosmos
= Welt und
politês
= Bürger), Weltbürger, heißt derjenige, welcher nicht das Land, das ihn hervorgebracht, sondern die Welt als sein Vaterland betrachtet. Sofern dadurch der aufgeklärte Sinn und die wohlwollende Gesinnung gegen alle Menschen ausgedrückt sein soll, ist dieses Weltbürgertum sittlich, doch ist dadurch nicht das Recht des Patriotismus, der Liebe zu dem engeren Vaterlande aufgehoben, und so wenig ein Mensch seine Individualität ausziehen kann, so wenig vermag er seine Nationalität zu verleugnen. Es ging über das Ziel hinaus, wenn die Kyniker und Stoiker jede Heimatsliebe ableugneten, und ebensowenig kann allgemein maßgebend der Satz sein: »Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland« (ubi bene, ibi patria). Vgl.
Pfleiderer
, Kosmopolitismus 1875.
Kraft
Kraft
(lat. vis, gr.
dynamis
) heißt,
allgemein gefaßt
, jede Ursache der Einwirkung eines Körpers auf einen ändern und noch allgemeiner die Bedingung für die Wirklichkeit einer Wirkung oder das innere Prinzip der Wirklichkeit der Erscheinungen. Kraft ist also nur eine andere Bezeichnung für eine bestimmte Art der Ursachen. Das Wesen der Kraft vermögen wir objektiv nicht zu erkennen; wir müssen uns an ihre Wirkungen im Stoffe halten. Kraft und Stoff sind Korrelate und fordern sich gegenseitig so, daß die Wissenschaft zur Aufstellung einer dynamistischen Atomistik genötigt erscheint. Da nun von jeder Wirkung das Postulat gilt, daß sie mit Notwendigkeit aus ihrer Ursache hervorgeht, so berechnen wir diese aus jener, und es gilt der Grundsatz, daß beide einander proportional sind. Freilich wirken bei jeder Erscheinung fast immer mehrere Ursachen zusammen, daher können wir nur da, wo die Erscheinungen nach allen Seiten unseren Beobachtungen und Messungen zugänglich sind, eine genauere Kenntnis der Kräfte erwarten. Wo wir uns wissenschaftlicher Begriffsbestimmung bedienen, verstehen wir unter (mechanischer) Kraft eine
Bewegung
bewirkende Ursache; die Wissenschaft von den Kräften ist die
Dynamik
. Wo die Kräfte ihre Wirkung auf größere, leicht meßbare Entfernungen hin erstrecken, wie die Schwerkraft, kann man beobachten, daß sie, wenn sie zwischen zwei Punkten auftreten, genau in geraden Linien zwischen diesen wirken, also die Entfernung zwischen ihnen zu vermehren oder zu vermindern streben, und daß die Größe ihrer gegenseitigen Einwirkung im umgekehrten Verhältnis der Quadrate ihrer Entfernungen steht. Suchen die Kräfte die Entfernung der beiden Punkte zu vergrößern, so heißen sie
abstoßende
; suchen sie sie zu vermindern, so heißen sie
anziehende
. Wo sie anders als in der sie verbindenden Linie zu wirken scheinen, hat man eine Mehrheit von Kräften vorauszusetzen. Eine Kraft heißt
gegeben
, sobald man ihre Richtung, Größe und ihren Angriffspunkt kennt. Ihre Richtung ist die gerade Linie, in welcher sie ihre Wirkung äußert oder eine Bewegung hervorzubringen bestrebt ist; ihre Größe findet man durch Vergleichung mit einer bekannten, als Einheit angenommenen Kraft; ihr Angriffspunkt heißt der Punkt, in welchem sie als unmittelbar wirkend gedacht wird. Wirken
zwei
Kräfte auf einen Körper, so kann man sie durch ihre resultierende Diagonalkraft ersetzen, indem man aus den beiden als Seiten ein Parallelogramm konstruiert und die Diagonale von dem Angriffspunkt nach dem Scheitel des gegenüberliegenden Winkels zieht; umgekehrt kann man eine Kraft in zwei andere zerlegen. Liegen die gegebenen Kräfte in einer Linie, so ist das Resultat gleich ihrer Summe, wenn sie nach derselben Richtung, gleich ihrer Differenz, wenn sie nach entgegengesetzter wirken. Bei mehreren Kräften hat man jene Vereinfachung mehrmals vorzunehmen. Ist die Resultierende aus mehreren Kräften gleich Null, so heben sie sich auf, und der Körper, auf den sie wirken, ist in Ruhe; sonst bewegt er sich nach der Richtung der überwiegenden Kraft. Die Einwirkung der Kräfte ist entweder momentan (Stoß) oder dauernd.
Lebendige Kraft
heißt das halbe Produkt aus der Masse eines Körpers und dem Quadrat seiner Geschwindigkeit (1/2mv²). Die
Arbeit einer Kraft
ist das Produkt aus der Kraft in den Weg des Angriffspunktes (Q·h).
Energie
heißt die Fähigkeit eines Körpers, mechanische Arbeit zu leisten, mag sie in einem ruhenden Körper ruhend, potentiell, oder in einem bewegten tätig, aktuell, kinetisch sein. Die potentielle Energie einer aufgezogenen Uhrfeder setzt sich bei Auslösung allmählich in die Bewegungsenergie der sich drehenden Räder um. Umgekehrt geht die Bewegungsenergie eines emporgeworfenen Steines in Energie der Lage über; fällt er, so tritt wieder der umgekehrte Prozeß ein. Die Gesamtenergie des Steins aber bleibt immer dieselbe. Schlägt derselbe zuletzt am Boden auf, so verwandelt sich seine Bewegungsenergie in Wärme, ohne Verlust oder Gewinn. Die gesamte im Weltall vorhandene Energiemenge ist unveränderlich. Nach diesem Prinzip von der
Erhaltung
der
Energie
gehen sämtliche Energien (Schall, Licht, Wärme, Elektrizität, chemische Trennung und Verbindung, mechanische Energie) ineinander über und stellen nur verschiedene Erscheinungen desselben Wesens dar. Psychologisch erklärt sich der Kraftbegriff wohl zuletzt mit dem Begriff der Ursache als eine Übertragung des Ichs als Wille auf die objektive Welt. Vgl. v.
Helmholtz
»Über die Erhaltung der Kraft«. Berlin 1847 u. ö.
Julius Schultz
, Die Bilder von der Materie. Göttingen 1905. Siehe
Energie, Trägheit, Materie
.
Kraniologie
Kraniologie
, s. Phrenologie.
Kreiserklärung, Kreisbeweis
Kreiserklärung, Kreisbeweis
ist die Erklärung, der Beweis, welche sich im Kreise drehen. Vgl. circulus vitiosus.
Kriterium
Kriterium
(gr.
kritêrion
von
krinô
= urteile) heißt das Kennzeichen, Merkmal, der Prüfstein der Wahrheit. Man unterscheidet formale und materielle Kriterien. Jenes sind die logischen Regeln, die Grundgesetze unseres Denkens. So sind Widerspruchslosigkeit und Konsequenz die formalen Kriterien richtigen Denkens. Da es aber bei der Erkenntnis der Wahrheit auch auf den Inhalt des Gedachten ankommt, so geben die Tatsachen, d.h. dasjenige, was ein Mensch unabhängig von seinem Wollen und Denken erlebt, was seinem Bewußtsein gegeben ist, die
materialen
Kriterien ab; an ihnen haben sich die Theorien und Systeme zu bewähren (zu verifizieren). Die
Stoiker
stellten die von einem Objekte erzeugte, mit sinnlicher Klarheit das Objekt ergreifende Vorstellung als Wahrheitskriterium auf, womit der common sense (der gesunde Menschenverstand) der englischen Empiristen übereinstimmt.
Descartes
(1596-1650) erklärte vom rationalistischen Standpunkte aus Klarheit und Bestimmtheit (Deutlichkeit) für das Kriterium der Wahrheit, doch reicht sein Prinzip für die inhaltliche Bestimmung der Wahrheit nicht aus. Vgl. Irrtum, Wahrheit, Anlage, Skepsis.
Kritik
Kritik
(gr.
kritikê
sc.
technê
) heißt 1. die Beurteilung einer Sache, 2. die wissenschaftliche Darstellung der aus der Natur eines Gegenstandes hervorgehenden Regeln. Dem Gegenstande nach ist die Kritik verschieden; besonders aber bezieht sie sich auf die höchsten menschlichen Fähigkeiten, auf Wissenschaft, Kunst, religiöses und sittliches Leben. Die philosophische Kritik prüft ein Objekt nur nach seinem Wesen und seiner Idee. Die
Kunstkritik
beschäftigt sich entweder mit dem inneren, idealen Wert eines Kunstwerkes, oder mit der äußerlichen, mechanischen Bearbeitung seines Materials; jenes ist die ästhetische, dieses die technische Kunstkritik. Die
sittliche
Kritik richtet den sittlichen Wert der Gesinnungen, Worte und Werke. Die
historische
Kritik prüft sowohl die Zeugnisse für die berichteten Tatsachen als auch die Wahrscheinlichkeit dieser selbst. Zunächst hat sie die Echtheit und Authentizität der Zeugnisse festzustellen; dann hat sie zu fragen: 1. Waren die Erzähler Augenzeugen? 2. Haben sie die Wahrheit sagen wollen? 3. Waren sie überhaupt imstande, es zu tun? 4. Ist, was sie sagen, Bericht oder Räsonnement? 5. Ist das Zeugnis trotz vorhandener Widersprüche irgendwie zu verwerten? Daran schließt sich die Kritik der Tatsachen selbst: Sind sie glaubwürdig 1. unter den damaligen Verhältnissen? 2. bei den so und so gearteten Personen? 3. nach den bekannten Naturgesetzen? – Die
philologische
Kritik, welche teilweise mit jener zusammenfällt, prüft die schriftlichen Denkmäler, um sowohl den Wortlaut ihres Textes, als auch die Echtheit der Überlieferung festzustellen und nötigenfalls das Ursprüngliche von späteren Zusätzen zu scheiden, wobei sie auch alle subjektiven und objektiven Gesichtspunkte der historischen Kritik zu beachten hat.
Kritizismus
Kritizismus
(von Kritik) nennen wir
Kants
(1724-1804) System nach seiner erkenntnistheoretischen Seite. Kants Kritizismus besteht in der Maxime eines allgemeinen Zweifels an der Wahrheit aller synthetischen Sätze a priori, bevor nicht der Grund ihrer Möglichkeit in den wesentlichen Bedingungen unserer Vernunft erkannt und ihre Gültigkeit von Gegenständen durch eine Deduktion nachgewiesen ist. Er ist also der
Zweifel des Aufschubs
, einen allgemeinen Satz für wahr anzuerkennen, bevor man nicht das Erkenntnisvermögen, seine Leistungsfähigkeit und Beine Grenzen selbst untersucht hat. Der Kritizismus steht mithin im Gegensatz zum
Dogmatismus
, der jene propädeutische Arbeit vernachlässigt und der Vernunft des Menschen ein unbedingtes Zutrauen schenkt, und zum
Skeptizismus
, der an der Möglichkeit des Vernunftwissens überhaupt verzweifelt. Der Kritizismus ist nur eine Seite der Kantischen Philosophie. Siehe Kantianismus. –
Allgemeiner
heißt jetzt Kritizismus diejenige Art zu philosophieren, die vor aller anderen Philosophie die Erkenntnistheorie behandelt.
Krokodilschluß
Krokodilschluß
(gr.
krokodeilitês
, lat. crocodilina) oder Dilemma heißt ein Fangschluß, der von einer Disjunktion mit möglichst allgemeinem Einteilungsgrund ausgeht. Bekannt war im Altertum die Geschichte des Weibes, dem ein Krokodil sein Kind geraubt hatte und es ihr zurückzugeben versprach, wenn sie ihm darüber die Wahrheit gesagt haben würde. Die Frau sagte: »Du gibst mir das Kind nicht wieder.« Nun sagte das Krokodil: »Dann erhältst du dein Kind auf keinen Fall. Du hast entweder die Wahrheit gesagt oder nicht. Hast du sie gesagt, so soll ich dir dein Kind ja nicht geben; hast du aber nicht die Wahrheit gesagt, so erhältst du es nicht zurück gemäß unserem Kontrakt!« »Nein«, sagt die Frau, »im Gegenteil, ich erhalte das Kind auf jeden Fall! Sagte ich die Wahrheit, so mußt du es mir laut des Vertrages wiedergeben, soll ich aber die Wahrheit nicht gesagt haben, so mußt du es mir erst recht wiedergeben!« – Ein ähnlicher Fangschluß ist der Antistrephon (s. d.).
Kummer
Kummer
ist die dauernde, tiefe, an Leib und Seele zehrende Unlust, die aus einem nicht zu beseitigenden Übel, wie dem Verlust geliebter Personen oder Gegenstände, der moralischen Verkommenheit anverwandter oder befreundeter Personen usw. entspringt. Er gehört zu den lähmenden (asthenischen) Affekten (s. d. W.). –
Kümmerlich
heißt s. a. dürftig.
Kunst
Kunst
(von können, lat. ars, gr.
technê
) bezeichnet zunächst
im allgemeineren Sinne
die menschliche Geschicklichkeit. Die Kunst
im engeren, ästhetischen Sinne
dagegen ist die schöpferische Fähigkeit des Menschen, Werke zu schaffen, die, mit den Sinnen wahrgenommen, ein geistiges Wohlgefallen hervorrufen. Sie stellt Ideen in sinnlicher Erscheinung dar. Sie richtet sich nicht auf das Nützliche, sondern auf das Wohlgefällige und ist kein Produkt verstandesmäßigen Schaffens, sondern Erzeugnis des schaffenden Volksgeistes. Sie trägt deswegen überall, wo sie original ist, nationalen, eigenartigen Charakter. Um die Götter zu verherrlichen, sich selbst zu schmücken, das Bild geliebter oder verehrter Personen in Stein, Farbe und dgl. festzuhalten, haben die Menschen Kunstwerke geschaffen. Die Kunst steht in Beziehung zur Natur. Sie ist zum Teil Nachahmung (
mimêsis
) der Natur; denn sie verwendet ihre Vorbilder zu Symbolen, ihre Gestalten zur Wiedergabe, ihre Stoffe zur Darstellung; doch beschränkt sie sich nicht auf die Nachahmung, sondern idealisiert die vorbildlichen Gestalten. Das Gesetz der Natur ist Notwendigkeit, das des Künstlers Freiheit. Auch hat nicht in allen Künsten das Vorbild der Natur gleiche Bedeutung. Die Architektur ist in ihrem konstruktiven Teil vorbildlos. Auch die Musik schließt sich nicht an Vorbilder der Natur an, und für das Gebiet der Lyrik innerhalb der Poesie ist der Begriff der Nachahmung viel zu eng, um ihn auf die Autorität des Aristoteles hin aufrechterhalten zu können. Lyrik ist Ausdruck der Gefühle, nicht Nachahmung. Auch die Stoffe der Natur finden nicht in allen Künsten gleiche Anwendung. In der Architektur z.B. hat der Stoff eine größere Bedeutung als in der Malerei. In der Poesie ist der Laut durch seine Bedeutung schon fast völlig vergeistigt. Mit der Wissenschaft hat die Kunst die Geistestätigkeit und das höhere Streben gemein, sie ist auch eine Sprache und hat es mit Gedanken und Ideen zu tun; aber sie schaltet nicht mit Begriffen, Urteilen und Schlüssen; ihr Organ ist vorwiegend das Gefühl und die Phantasie, nicht der Verstand. Die Kunst wächst vielfach aus dem Handwerk, der für den Nutzen schaffenden Tätigkeit des Menschen, hervor. Die Werke der Architektur haben z.B. zum größten Teil auch ihren nützlichen Zweck; aber auf Grund des menschlichen Nachahmungs- und Spieltriebes entsteht die freiere, vom Nützlichen abgewandte künstlerische Subjektivität, wenn sich Phantasie mit warmer Sinnlichkeit, schwungvoller Begeisterung und reicher Reflexion verbindet. Dazu muß dann noch die technische Schulung treten, damit die Idee ihren angemessenen Ausdruck finde, und die künstlerische Individualität, damit etwas Eigentümliches, Originelles, Klassisches entstehe.
Eingeteilt werden die Künste nach den sinnlichen Mitteln, mit welchen sie darstellen. Sie zerfallen danach 1. in die wesentlich für das Auge in räumlichen Verhältnissen darstellenden
bildenden
Künste: Architektur, Plastik und Malerei; 2. in die wesentlich für das Ohr in zeitlichen Verhältnissen darstellenden oder
tönenden
: Musik und Poesie; 3. in die zugleich räumlich und zeitlich darstellenden oder
mimischen
Künste: Tanz, Gymnastik, Schauspielkunst. Eine andere Einteilung richtet sich nach dem dargestellten Gegenstande. In der Anlehnung an die bewußtlose rein sinnliche Formenwelt bewegt sich die Architektur, in der Darstellung der den Geist verkörpernden Gestalten des Menschen und der Natur die Plastik und Malerei, in der Betätigung des empfindenden Geistes die Musik, in der Auffassung menschlicher Taten und Charaktere die Poesie. Die Architektur gibt dem Raum feste Grenzen und macht ihn dadurch nutzbar und sichtbar. Die Plastik stellt die menschliche und die höhere Tiergestalt im Raume dar. Die Malerei umfaßt das Gebiet des Sichtbaren und verbindet die Darstellung von Scheinräumen mit Scheingestalten. Die Musik ist ganz Bewegung und verliert die räumliche Gestalt unmittelbar vollständig aus ihren Darstellungen. Die Poesie gewinnt in den Worten als Zeichen für alles, was existiert, die Fähigkeit, Zeitliches und Räumliches miteinander zu verbinden und den Kreis ihrer Darstellungen auf alles Natürliche, Menschliche und auch Gedachte auszudehnen. Ihr ist das hörbare Zeichen nicht mehr Stoff, sondern nur Vehikel des Gedankens, so daß sie die geistigste aller Künste genannt werden muß. – Tanz, Gymnastik und Schauspielkunst bleiben zwar auch nicht bei dem Nützlichen stehen, aber sie sind nicht freies Bilden, sondern nur Umbilden. Sie haben nur den Bang der Hilfskünste und können die angeborene Körperlichkeit des Künstlers nur steigern, aber nicht überspringen. Die Kunst hat ihre Bedeutung für die menschliche Kultur zuerst im
alten Griechenland
gefunden. Hier ist sie im Bunde mit der Religion und der Sittlichkeit organisch auf dem Boden des Volkslebens erwachsen und hat sich voll entwickelt und ausgelebt. Aber schon im Altertum sind ihr Gegner in
Platon
(427-347), in den
Kynikern
und
Stoikern
erwachsen. Im Mittelalter hat sie unter der Herrschaft des Christentums mit seinem Übergewicht sittlicher Prinzipien über ästhetische Ideen nur ein beschränkteres Dasein gefunden. Mit der
Renaissancezeit
ist sie in frischer Kraft neu hervorgebrochen. In der
Zeit der klassischen Literatur Deutschlands
ist sie in engste Beziehung zur Wissenschaft und zur Moral getreten und hat eine dominierende Stellung erlangt. In
neuester Zeit
hat sich vielfach ein Gegensatz zwischen Kunst und Moral entwickelt, und die Kunst hat sich als beherrschender Mittelpunkt des Lebens nicht behaupten können. Aber so wenig auch die Kunst unmittelbar moralisierende Tendenzen verfolgt, so sehr sind Kunst und Moral doch im modernen Geistesleben gleich unentbehrlich, beide aufeinander angewiesen und streben denselben Zwecken und Idealen zu. Vgl.
Schillers
Gedicht,
Die Künstler
(1789), Briefe über
die ästhetische Erziehung des Menschen
1794.
Eucken
, Geistige Strömungen der Gegenwart, Leipzig 1904, S. 320-343.
Th. Achelis
, Ethik.
Lachen
Lachen
(risus) ist ein psychophysischer Vorgang, der sich nach seiner physischen Seite hin in stoßweise erfolgender konvulsivischer Ausatmung der Luft, die mit gleichartigen Tönen der Stimme und fröhlichen Gesichtszügen verbunden ist, äußert. Beim Lachen sind Nase und Augen weit geöffnet; auch der Mund ist offen. Die Einatmung, welche die Ausbrüche des Lachens unterbricht, erfolgt dagegen jedesmal in einem tiefen Zuge. Es entsteht entweder durch körperliche Reizung (Kitzel) zur Ableitung und Ausarbeitung eines den Zentralorganen durch Empfindungsnerven aufgedrungenen Reizes, oder durch den Reiz des im Lächerlichen liegenden Kontrastes, um diesen Reiz vom Sinne auf Rückenmarksbewegungsnerven zu entladen. In letzterem Falle ist das Lachen ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts, wie Kant es definiert (Kr. d. Urt. S. 222), oder das schnell ausbrechende Vergnügen über eine wider Vermuten bemerkte unschädliche Ungereimtheit. Die Reflexbewegung des Lachens kann nur durch große Energie, durch Schließen des Mundes, Tiefatmen oder durch die Vorstellung von etwas Furchtbarem unterdrückt werden. Bisweilen wird das Lachen zum Krampf; so bei übertriebenem Lachen reizbarer Personen oder auch beim Lachkrampf Hysterischer. Das Lachen hat der Mensch vor dem Tiere voraus, so daß man sagen kann, wer über die Schlechtigkeit und Torheit der Welt lacht, steht höher, als wer darüber weint. – Das
Lächeln
besteht nur in den Ausdrucksbewegungen des Lachens im Gesicht ohne die Exspiration und den Schallausbruch. Es begleitet oft das Sprechen und verstärkt den Ton desselben. Es ist gewöhnlich mit einer Sympathie für das Belächelte verbunden; man lächelt über das Harmlose, Kindliche. Vgl.
Lotze
, Geschichte der Ästhetik in Deutschland, München 1868, S. 333 ff.
Darwin
, Ausdruck der Gemütsbewegungen. Stuttgart 1874.
Hecker
, Physiol. und Psychol. d. Lachens und des Komischen. Berl. 1873.
Wundt
, Grundz. d. physiol. Psychol. II, S. 512.
lächerlich
lächerlich
ist das, was Lachen erregt. Das Lachen entsteht, wenn es nicht durch Kitzel oder Lachkrampf bedingt ist, durch eine Ungereimtheit, deren plötzliche Wahrnehmung uns belustigt, ohne daß uns das Mißvergnügen über die Unvollkommenheit Unlust bereitet. Vgl. komisch. Was jemand lächerlich findet, hängt von seiner Bildung ab; denn wir fühlen uns dem Gegenstand, über den wir lachen, überlegen. So lacht der Ungebildete über den Hanswurst, an dem der Gebildete gleichgültig vorübergeht, während dieser über feine Charakterzüge lacht, die jener gar nicht merkt. Goethe urteilt daher: »Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter, als durch das, was sie lächerlich finden.« (Aus Ottiliens Tagebuche.)
Langeweile
Langeweile
ist das Gefühl der Unlust, welches von außen her aus mangelhafter Beschäftigung, von innen her aus der Bewußtseinsleere entspringt. Unser Bewußtsein bedarf im wachen Zustande des Inhalts und der Betätigung. Wenn wir mit etwas zu tun haben, sei es mit einer Arbeit, sei es mit einem Spiel, so hat unser Bewußtsein Beschäftigung von außen her, und wir merken nichts von der Zeit. Haben wir dagegen nichts zu tun und hat unser Bewußtsein auch in sich selbst nichts, womit es sich beschäftigt, so empfindet es die Gegenwart als nichtig. Ähnliches geschieht, wenn auch in geringerem Grade, wenn unser Bewußtsein zwar nicht unbeschäftigt ist, aber die ihm gebotene Anregung nicht genügt. Zwei Gründen entstammt daher die Langeweile, wenn sie von außen kommt: entweder dem Mangel an jeder uns anregenden Beschäftigung, oder der Langsamkeit und Eintönigkeit der Vorstellungen, die sich der forteilenden Erwartung darbieten. Außerdem erwächst sie aber aus der Leerheit des Seelenlebens von innen her. Vermindert wird sie durch angeborne Lebendigkeit und phlegmatisches Temperament. Minder entwickelte Tiere, das Kind in der ersten Lebensperiode, der Wilde langweilen sich nicht, während sich das heranwachsende, nicht genügend beschäftigte und noch nicht viel selbst denkende Kind oft langweilt; daher hat Helvetius scherzhaft gesagt, der Mensch unterscheide sich dadurch vom Affen, daß er sich langweilen könne. Dagegen ist es ein Zeichen von geistiger Regsamkeit und innerer Selbsttätigkeit, also die Norm bei dem gebildeten Erwachsenen, sich überhaupt nicht zu langweilen. In der Ethik
Schopenhauers
(1788 bis 1860) spielt der Begriff der Langweile bei der Begründung des Pessimismus eine Rolle. Der Wille strebt nach einem. Glück, das ihm stets versagt bleibt, und gelangt, zwischen Not und Langweile hin und her geworfen, nie zur Befriedigung. Daher bleibt als einziges ethisches Ziel die Verneinung des Willens zum Leben. Vgl.
Nahlowsky
, d. Gefühlsleben. § 12. 2. Aufl. 1884.
Kant
, Anthropol. § 57.
Drobisch
, Empir. Psychol. § 61.
J. E. Erdmann
, Ernste Spiele. 2. Aufl. Berl. 1870.
Lapis philosophorum
Lapis philosophorum
, s. Stein der Weisen.
Laster
Laster
ist der zur Fertigkeit gewordene Hang zur Verletzung eines Sittengebotes, mithin das Gegenteil von Tugend. Der Mensch, der einem Laster (z.B. Völlerei, Unzucht, Heuchelei) frönt befindet sich in sittlicher Knechtschaft, aus der er sich nur durch plötzliche Umkehr oder allmähliche Selbsterziehung befreien kann. Es gibt so viele Laster als Tugenden. Vgl. Tugend.
Latitudinarier
Latitudinarier
(nl. v. lat. latitudo = Breite), eigtl. Weitherzige heißen diejenigen, welche ein weites Gewissen haben, mögen sie theoretisch oder praktisch einer laxen Moral huldigen. Kant nennt die Latitudinarier die Antipoden der Rigoristen, d.h. derjenigen, welche der strengen Denkungsart zugetan sind und keine moralischen Mitteldinge, weder in Handlungen (Adiaphora, s. d.) noch in menschlichen Charakteren, solange es möglich ist, einräumen. Die Latitudinarier sind nach ihm entweder Latitudinarier der Neutralität (Indifferentisten) oder der Koalition (Synkretisten). (Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft S. 9.) In der Kirchengeschichte nennt man die Anhänger der freieren Richtung in England so, welche, wie Burnet, Clarke, Cudworth, die Glaubenslehre rationalisierten. In der Ästhetik sind Latitudinarier die, welche alles zulassen, was gefällt, z.B. Fr. Schlegels »Lucinde«, Grécourts Gedichte usw. Siehe
Indifferentisten
und
Rigoristen
.
Laune
Laune
(v. lat. luna = Mond) bedeutet 1.
Humor
(s. d.), 2. die
Veränderlichkeit
der Gemütsstimmung oder der Willensentschließung, die oft von einem Extrem zum andern, ohne deutliches Bewußtsein des Grundes, übergeht. Dieser Charakterzug entspringt aus Mangel an Selbstbeherrschung.
Gute Laune
ist die aus nicht klar vorgestellten Ursachen entspringende Heiterkeit, die uns befähigt, etwas von der angenehmen Seite aufzufassen.
Üble Laune
dagegen ist der Verdruß ohne namhafte Ursache. Bei übler Laune faßt man die Dinge von der widrigen Seite auf, zeigt sich gegen andere mürrisch und verdrießlich, wird beim Lachen höhnisch und beim Spotte beleidigend. Ein launischer oder launenhafter Mensch ist bald verstimmt, bald heiter, ohne zu wissen warum. Dadurch wird er sich und seiner Umgebung zur Plage. –
Launig
dagegen heißt ein Einfall, welcher einer Sache oder Situation eine heitere Seite abgewinnt.
lax
lax
(lat. laxus) heißt schlaff.
Leben
Leben
nennt man die Existenzweise derjenigen Körper, welche bei beständigem Wechsel ihrer stofflichen Bestandteile ihre ererbte Form eine Zeitlang bis zu einem bestimmten Maximum im wesentlichen bewahren. Alle Formen des Lebens beruhen zunächst auf dem Stoffwechsel, d.h. auf den ununterbrochenen chemischen Veränderungen der Bestandteile, aus denen der lebende Körper aufgebaut ist, in Verbindung mit beständiger Ausscheidung unbrauchbar gewordener und stetiger Aufnahme neuer den Körper erhaltender Stoffe. Das Leben ist gebunden an ein Grund- und Elementarorgan. Die Körper der lebenden Wesen sind aus Zellen gebildet, kleinen Bläschen, die in der Zellwand das eiweißhaltige Protoplasma und den Zellkern einschließen und deren Entwicklung darin besteht, daß sie sich teilen. Ihrer chemischen Beschaffenheit nach bestehen die lebenden Körper aus ternär, quaternär und höher zusammengesetzten Grundbestandteilen (organischen Radikalen), welche außerhalb der Organismen leicht zersetzt werden, innerhalb derselben aber durch den Stoffwechsel eine stete Verjüngung (Um- und Neubildung) erfahren. Ihre Tätigkeit geschieht von innen heraus (Spontanëität), wenn sie auch der Anregung von außen bedürfen. Sie wachsen durch innere Vervielfältigung, Umbildung und Teilung der zelligen Gebilde zu bestimmter äußerer Form, die schon den Wesen, aus denen sie entstanden sind, eigen war, und es bilden sich aus ihnen durch Sprossen, Samen oder Eier neue Geschöpfe, welche ihnen nach Form und Gestalt genau entsprechen. Bei den höheren Lebewesen bildet sich dazu Eigenwärme, Bewegungsvermögen und Empfindung heraus. Aber alles Leben ist von beschränkter Dauer. Es entsteht, entwickelt sich und hört auf, indem für jede besondere Form eine gewisse Zeit nicht überschritten wird. Das Aufhören des Lebens nennen wir Tod; nach dem Tode wandeln sich die früheren Lebewesen stofflich nur nach den allgemeinen chemischen und physikalischen Kräften um.
Die
leblosen
Körper hingegen sind entweder ungeformt (amorph) oder kristallinisch; sie sind binär zusammengesetzt, unterliegen den zersetzenden Einflüssen der Außenwelt (Verwitterung), ohne sich zu reproduzieren; sie wachsen nicht durch innere Fortentwicklung, sie haben keine Eigenwärme, Empfindung, Selbstbewegung. – Das Leben hat drei Stufen: das
latente
oder Keimleben in den Samen und Eiern, welches seine Lebensfähigkeit viele Jahre lang behauptet; so sind Samen von Getreide bis zu sieben Jahren, Samen von Gemüsearten noch viel länger keimfähig. Ähnliche Erscheinungen zeigt der Larven- und Puppenzustand mancher Insekten, der Winterschlaf vieler Pflanzen und Tiere, der Scheintod. Das
pflanzliche
(vegetative) Leben besteht aus Ernährung, Wachstum, Absonderung und Fortpflanzung, ohne Ortsbewegung und Empfindung. Doch zeigen sich Anfänge von Reizbewegungen schon im Pflanzenleben. Das
tierische
(animalische) Leben zeigt willkürliche, an ein Nervensystem gebundene Selbstbewegung, Empfindung, seelische und geistige Tätigkeit. Die Wissenschaft vom Leben heißt Biologie (s. d.); Hilfswissenschaften sind; Pflanzen- und Tierkunde, Anatomie und Physiologie. Vgl.
Moleschott
, Kreislauf des Lebens. 5. Aufl. Mainz 1886.
Gorup-Besanez
, Lehrb. d. physiol. Chemie. 1874. H.
Lotze
, Mikrokosmus I. 3. Aufl. 1876.
Weismann
, üb. Leben u. Tod. Jena 1884. H.
Spencer
, Principles of Biology. 1864-1867. Ins Dtsch. übers, von Vetter. Stuttgart 1876-1877. Vgl. Organismus.
Lebensgeist
Lebensgeist
, s. Nervengeist.
Lebenskraft
Lebenskraft
(lat. vis vitalis) oder Lebensprinzip nennen viele Physiologen und Philosophen die Kraft der Organismen, aus der das Leben entspringt. Früher nahm man
Lebensgeister
(Spiritus vitales) an, welche die Verrichtung des Lebens besorgen sollten, dann einen eigenen
Bildungstrieb
(nisus formativus), so
Blumenbach
(1752-1840), zuletzt trat die
Lebenskraft
an deren Stelle.
Treviranus
(1779-1864) beschrieb sie als eine stets wirksame, unzerstörbare Materie,
Autenrieth
(1772-1835) als eine selbständige, von der Materie lostrennbare Kraft. Dieser
dynamischen
Auffassung steht die mechanische Betrachtung der modernen Physik gegenüber, nach welcher das Leben nicht Ursache, sondern Produkt eines Systems von Bedingungen und Mitteln ist, welche nach denselben mechanischen, physikalischen und chemischen Gesetzen wirken wie die übrigen Naturwesen. Vgl. Bildungstrieb.
Liebig
, Chemische Briefe. 1856. J.
Müller
, Handbuch d. Physiol. d. Menschen. 4. Aufl. 1844.
Schopenhauer
, Parerga II, 127. J.
Frohschammer
, Phantasie als Grundprinzip d. Weltprozesses. 1877.
Preyer
, Erforschung d. Lebens. Jena 1873.
Lebensphilosophie
Lebensphilosophie
, s. Diätetik.
Leere
Leere
nennt man einen Raum ohne einen ihn erfüllenden Stoff. Von den alten Philosophen nahmen die Atomisten
Leukippos
(um 470),
Demokritos
(geb. um 460),
Epikuros
(geb. 341 v. Chr.),
Lucretius
(98-65) die Existenz solcher leeren Räume, die der Mathematiker durch Abstraktion aus den erfüllten Erfahrungsräumen gewinnt, in der Wirklichkeit an. Sie setzten als Grundbestandteile der Dinge das Volle. (
plêres, naston
) und das Leere (
kenon, manon
) an. Für die Annahme des letzteren beriefen sie sich auf die Bewegung, die Verdünnung und Verdichtung, das Wachstum und die Möglichkeit, in ein mit Asche gefülltes Gefäß noch Wasser gießen zu können, ohne daß dieses überlaufe (Arist. Met. I, 4, p. 985 b 4; Phys. IV, 6, p. 213 a 35). – Ob es in Wahrheit leere Räume gebe, ist fraglich. Die Bewegung des Lichtes, die Verzögerung der Kometenbewegung usw. scheint zu beweisen, daß auch der Weltenraum nicht leer ist. Der Plerotismus oder Kontinuismus leugnet das Leere, und schon
Aristoteles
(384-322) hat den Begriff des Leeren verworfen. Aber logisch steht der Annahme des Leeren nichts im Wege, und die Fernkraft spricht gegen den Plerotismus.
legal
legal
(lat. legalis von lex, Gesetz), gesetzlich, heißt eine Handlung, welche den Vorschriften eines Gesetzes entspricht. Die
Legalität
steht der
Moralität
gegenüber; jene ist die ungewollte, diese die gewollte Übereinstimmung unserer Handlungen mit dem Gesetz. Eine Handlung ist nur legal, nicht moralisch (pflichtmäßig), wenn sie zwar dem Gesetz entspricht, aber nicht aus der sittlichen Gesinnung hervorgeht; moralisch ist sie nur, wenn das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimmt. Hierauf hat Kant hingewiesen. (Kant, Kr. d. prakt. Vernunft, S. 126 ff.)
Loyal
(franz.) dagegen ist derjenige, welcher seine Pflicht nicht aus Furcht, Egoismus oder Heuchelei, sondern aus Achtung vor dem Staatsgesetze tut.
Lehnsatz / Lemma
Lehnsatz
oder
Lemma
(gr.
lêmma
) heißt ein Lehrsatz, den eine Wissenschaft von der anderen herübernimmt, dieser den Beweis dafür überlassend. So gebraucht z.B. die Mechanik die Lehrsätze der Geometrie, die analytische Geometrie die der Algebra und der euklidischen Geometrie, die Psychologie die der Physiologie usf. Ein Lemma ist also nicht zu verwechseln mit einem Dilemma (s. d.) oder mit einer Hypothese (s. d.).
Lehrsatz
Lehrsatz
oder Theorem (gr.
theôrêma
) nennt man eine Behauptung, welche aus den Grundsätzen einer Wissenschaft bewiesen, d.h. durch Schlüsse abgeleitet ist.
Leib
Leib
(lat. corpus, gr.
sôma
) heißt ein beseelter, d.h. tierischer oder menschlicher Körper; Pflanzen schreibt man nur bildlich einen Leib zu. Unser Leib ist das Korrelat der Seele, ja sie selbst, soweit sie in Erscheinung tritt. Deshalb identifiziert beide der naive Mensch, sein Ich (s. d.) geht zunächst ganz in dem Leibe auf. Er hat auch die höchste Bedeutung für die Entwicklung der Ich-Vorstellung wie für die Erkenntnis der Außenwelt. Ob wir wachen oder träumen, merken wir durch Reizung des Leibes. In ihm berührt sich Innen- und Außenwelt. Denn er löst, wenn er berührt wird, nicht nur Tast- und Druckempfindung aus, sondern ist auch der einzige Gegenstand, der vom Bewußtsein aus in Bewegung gesetzt werden kann. Der Leib ist endlich auch, da wir in ihm alle Empfindungen lokalisieren (s. Localisation), häufig der Ausgangspunkt hochgradiger Halluzination (s. d.), indem wir entweder Teile desselben für gläsern, hölzern, wächsern u. dgl. ansehen, oder sogar einen förmlichen Wahnleib an seine Stelle setzen. Über das Verhältnis von Leib und Seele s. Dualismus, Monismus, Metaphysik.
leiden
leiden
(lat. pati, gr.
paschein
) ist im
weiteren Sinne
das Korrelat von tun. Aristoteles sieht in ihm eine Denkkategorie (s. Kategorie). Im
engeren Sinne
ist das Leiden ein starkes Gefühl der Unlust, welches durch äußere oder innere Übel hervorgerufen wird. Das Leiden ist aber ebensowenig völlig passiv, wie das Ton ganz aktiv. Denn jede Aktion ruft Reaktion hervor, und alle Dinge stehen in Wechselwirkung. Vgl. Eigenschaft.
Leidenschaft
Leidenschaft
(lat. passio, gr.
pathos
) heißt eine dauernde Begierde, die so stark ist, daß sie des Menschen Willen beherrscht, ihn also in praktische Unfreiheit versetzt.
Kant
definiert (Anthrop. § 77): »Die Neigung, durch welche die Vernunft verhindert wird, sie in Ansehung einer gewissen Wahl mit der Summe aller Neigungen zu vergleichen, ist die
Leidenschaft
.« Sie ruft einen Gegensatz zwischen Willen und Vernunft, zwischen Wollen und Wissen hervor. Sie ist mit dem Eigensinn verwandt und doch von ihm verschieden. Sie ist rücksichtslos und einseitig wie der Eigensinn, aber der Eigensinn ist ein intellektueller Mangel; er hört nicht das Urteil der Vernunft und entschließt sich, ohne erwogen zu haben; die Leidenschaft ist ein sittlicher Mangel; sie hört die Vernunft und entschließt sich doch gegen dieselbe. Sie hindert an der Ausübung vernünftiger Willenstätigkeit, raubt die ruhige Besinnung und den unbefangenen Blick in die Welt, obgleich sie in bezug auf ihr eigenes Ziel den Verstand schärft. Sie entsteht, wenn sich irgend ein Vorstellungskreis isoliert, sich zur bestimmten Neigung umgestaltet und diese sich fest behauptet. Innere Zerrissenheit befördert die Leidenschaften, Vielseitigkeit des Interesses hemmt sie. Die Leidenschaft grenzt an die Seelenkrankheit an. Sie hat verschiedene Ursachen. Häufige Befriedigung einer Begierde kann ebenso durch Gewöhnung zur Leidenschaft führen wie gänzliche Unterdrückung oder nur mangelhafte Befriedigung. Auch aus stillen, scheinbar harmlosen Gewohnheiten (Liebhabereien u. dgl.) kann sie entspringen, ebenso aus vagem Phantasieren und scheinbar kühlem, sophistischem Räsonnement. Ihre Maximen sind nicht Urteile über, sondern durch und für das Wollen. Sie kann wohl den Schein des Charakters annehmen, weil sie zäh ihr Ziel verfolgt, dem Wollen Einheit verleiht, aber zum wahren Charakter fehlt ihr sittliche Motivierung, Ruhe und Einsicht; alle Leidenschaften sind blind; sie wissen weder den wahren Wert der Objekte, noch die Interessen des Subjekts richtig abzuschätzen. »Durch Leidenschaften glücklich werden wollen heißt sich wärmen durch ein Brennglas.« Der von Leidenschaften beherrschte Mensch verfällt wechselnd in Exaltation und in Depression. Solange die Leidenschaft herrscht, verleiht sie ihm scheinbar Kraft und Einheit, die nach dem vorangegangenen Kampf mit sich selbst das Gefühl der Befreiung hat. Aber bald tritt Schwäche, Abstumpfung und Ekel ein, da sich die Leidenschaft durch die Einseitigkeit des Interesses und die Verschrobenheit ihrer Wertschätzung selbst zerstört. Der Mensch erscheint sich so selber als Opfer fremder Mächte und sucht sich oft aus der durch die Tyrannei einer Leidenschaft herbeigeführten Verödung des Gemütes in eine andere Leidenschaft zu retten.
Die Leidenschaften unterscheiden sich durch ihre Intensität, Dauer und Triebkraft. Man kann sie in
objektive
, deren Befriedigung das Selbstgefühl des Subjektes aufhebt, und
subjektive
, deren Befriedigung das Selbstgefühl steigert,
einteilen
. Jenes sind Leidenschaften des Besitzens, diese des Seins. Praktischer ist die Einteilung in
physische
und
geistige
. Physisch sind z.B. Völlerei, Trunksucht, Leckerhaftigkeit, Wollust, Rauflust, Faulheit, Spielwut, Unterhaltungssucht, Plaudersucht – geistig Ehrsucht, Herrschsucht, Habsucht, Geiz, Verschwendung, Sammelwut, Liebe, Eifersucht, Haß, Rache. Kant unterscheidet
natürliche
und
aus der Kultur des Menschen
hervorgehende. Zu jenen gehört die Freiheits- und Geschlechtsneigung, zu diesen die Eifersucht, Herrschsucht und Habsucht. – Trieb, Begierde, Neigung, Hang und Leidenschaft ist die Stufenreihe des Wollens, die der Mensch durchläuft.
Affekt
und Leidenschaft sind nicht dasselbe; denn Affekte gehen mehr aus Gefühlen, Leidenschaften mehr aus Trieben hervor. Jene sind mehr vorübergehende, diese dauernde Zustände des Ichs. Der Affekt greift mehr den Körper, die Leidenschaft die Seele an. Derselbe Mensch kann gleichzeitig nicht von mehreren Affekten, aber wohl von mehreren Leidenschaften beherrscht werden, die freilich nur eine Übereinkunft, keine Verschmelzung miteinander eingehen. Doch hat jede Leidenschaft auch ihre intellektuellen Komponenten, wie
Th. Ribot
neuerdings besonders hervorgehoben hat.
Wundt
weist die Trennung der Affekte und Leidenschaften für die psychologische Betrachtung zurück und läßt sie nur für die ethische Auffassung zu (Grundr. d. Psych., § 13, S. 210). –
Bekämpfen
kann man die Leidenschaft, indem man ihr Entstehen verhütet, die entstehende dämpft und die entstandene ausrottet, indem man die Absonderungen einzelner Vorstellungskreise meidet, die Aufmerksamkeit von den verlockend ausgemalten Phantasiebildern abwendet und sich nicht ins Labyrinth der Wünsche einläßt. Ferner ist eine gleichmäßige Ausbildung aller Kräfte, fleißige Pflichterfüllung, Veränderung der Lebensweise, Ablenkung vom Individuellen, Hinwendung aufs Ewige (Spinozas Erfassung der Dinge sub specie aeternitatis) ein Schutzmittel gegen Leidenschaften. Goethe sagt in bezug auf sie in den Geheimnissen: »Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet«. Vgl.
Platon
, Polit. IX.
Leibniz
, Nouv. Essais, p. 258.
Descartes
, Des passions. 1649.
Spinoza
, Ethik, 3. und 4. Buch. 1677. Kant, Anthropologie. 1798. S. 225 ff., § 77 ff. Maaß. Über die Leidensch. 1805.
Feuchtersleben
, Diätetik der Seele. 1838.
Biunde
, Empir. Psychol. II. 1851. H.
Klencke
, Diätetik d. Seele. 1873. Fr.
Kirchner
, Diätetik d. Geistes. 1884, 2. Aufl. 1886.
Th. Ribot
, Essai sur les passions. Paris 1907.
Lemma
Lemma
(gr.
lêmma
), s. Lehnsatz.
liberum arbitrium
liberum arbitrium
, s. Freiheit.
Libertin
Libertin
(lat. libertinus) heißt der Freigelassene, dann der Wüstling.
Libertinage
heißt Ausschweifung.
Libertiner
(Apostelgesch. 6, 9) waren in Freiheit gesetzte Juden, später eine pantheistisch-antinomistische Sekte, die, 1529 durch Coppin aus Lilie gestiftet, Emanzipation des Fleisches lehrte. Ihnen trat
Calvin
(1509-64) entgegen, und sie verschwinden um 1550. In Genf hießen die Gegner Calvins Libertiner.
Liebe
Liebe
(lat. amor, gr.
erôs
) heißt das Wohlgefallen an einem anderen mit dem Bestreben, es zu besitzen, ihm sich zu widmen, sich mit ihm zu vereinigen und zu identifizieren. Die Liebe hat Wohlgefallen am Wohlsein eines andern. Zuerst entsteht im Menschen die Freude an dem Objekt, an einer Sache oder an einer Person; er legt dem Objekt einen Wert bei und fühlt sich zu ihm hingezogen, so daß der Besitz desselben ihm als hohes Glück, der Verlust als unerträglich erscheint. Damit verbindet sich dann bald die Illusion, daß sich im geliebten Gegenstand dasselbe Gefühl rege, selbst wenn er unbeseelt ist. Denn die Liebe beseelt selbst das Tote, wie man an der Naturanschauung der Kinder, der kindlichen Menschen und der Dichter sehen kann. Diese Illusion der Liebe im Verhältnis des Menschen zum Menschen bringt z.B. Goethe zum Ausdruck in dem Gedichte: Warum gabst du uns die tiefen Blicke? mit den Worten: »In dem andern sehen, was er nie war, immer frisch auf Traumglück auszugehen und zu schwanken auch in Traumgefahr.« Da die Liebe ihre Befriedigung in der Gegenwart des Geliebten findet, so spricht sich die Nichtbefriedigung ihres Begehrens als Sehnsucht aus. Wie jede Neigung, so erwächst auch die Liebe zunächst aus der Gewohnheit, dem Verkehr, dem Umgang, wie man aus der Liebe zu Eltern, Geschwistern, Spielkameraden und zur Heimat erkennt. Anderen, gleichartigen Personen gegenüber wird sie zum Streben nach dauernder Vereinigung. Liebe will im andern leben; sie hat ihr reinstes Selbstgefühl im Mitgefühl mit dem anderen und hebt am höchsten über den Egoismus empor. In diesem Streben nach völliger Erhebung über den Eigennutz und tiefer Durchdringung mit dem anderen liegt freilich auch der Anspruch auf Alleinbesitz. Hierin unterscheidet sie sich von der Freundschaft, die selten einseitig, aber oft nicht ohne egoistische Beimischung ist.
Augustinus
( 430) nennt die Liebe »vita quaedam, duo aliqua copulans vel copulare appetens« Trin. 8, 10;
Thomas von Aquino
( 1274) »complacentia appetibilis seu boni« Summa I, 2 qu. 26. – Nach Veranlassung, Individualität, Charakter und Bildungsgrad ist natürlich die Liebe verschieden. Die Wurzel der Liebe ist wohl die den Menschen mit den Menschen verbindende Sympathie, welche in der Eltern-, Geschwister- und Verwandtenliebe ihre Ausbildung findet und sich dann zur Liebe gegen Stamm, Volk, Vaterland und Menschheit ausdehnt. Am leidenschaftlosesten und weitesten ist die Menschenliebe, aber sie ist auch ein selten erreichtes Ideal. Die stärkste Liebe dagegen ist die Geschlechtsliebe, die aus einem Bedürfnis und Triebe entspringt, sich aber durch die Dauerhaftigkeit und Konzentrierung desselben auf ein Individuum veredelt; sie hat für Kultur und Moral die größte Bedeutung. Je enger sie sich beschränkt, desto intensiver ist sie. Sie hängt an der Existenz des Individuums, an seinem dauernden Besitz und Genüsse. Die Geschlechtsliebe ist zwar nie von der Weite und Abgeklärtheit der Nächstenliebe, sie ist persönlich und gibt das eigene Ich nicht auf, sondern ringt nach eigener Glückseligkeit; und wird ihr ihr Ziel versagt, so entwickelt sie sich leicht zur Leidenschaft; aber sie ist andrerseits der größten Opfer fähig, wie es z.B. poetisch in dem freiwilligen Tode der Alkestis (der
gynê hyperbeblêmenê
) für Admetos von Euripides dargestellt ist. Wo der liebende Mensch sich selbst vergißt, sich für andere aufopfert, da tritt die schönste Art der Züge der Menschheit hervor. – Die Liebe zur Menschheit, Wahrheit, Freiheit, Kunst u. dgl. setzt voraus, daß man diesen Begriffen Realität beilegt, wobei freilich Enttäuschungen nicht ausbleiben. Die Liebe zu Gott (amor dei) ist nach Platon, Spinoza und J. G. Fichte der höchste moralische Affekt; sie entspringt aus dem Streben des Menschen nach Vollkommenheit. Die sog.
platonische Liebe
ist vom Streben nach Geschlechtsgenuß völlig frei.
Liebe zu den Feinden
ist das Wohltun auch gegen die, welche uns schaden, weil sie Menschen sind wie wir. –
Empedokles
(484-424) sah in Liebe und Haß (
philia
und
neikos
) die bewegenden
Weltkräfte
(Arist. Met. I, 4 p. 985 a. 29). Zum
philosophischen Begriff
ist die Liebe, der
Eros
, vor allem durch
Platon
(427-347) umgeschaffen worden. Platon nennt den philosophischen Trieb
Eros
und drückt damit aus, daß die Philosophie nicht nur aus einem Erkenntnistrieb entspringt, sondern die praktische Verwirklichung, die Erzeugung der Wahrheit erstrebt. Die sterbliche Natur des Menschen ermangelt der göttlichen Unveränderlichkeit; sie fühlt daher das Bedürfnis, durch immer neue Erzeugung ihrer selbst sich zu erhalten. Dieser Trieb der Erhaltung ist der Eros, der aus der höheren gottverwandten Natur des Menschen entspringt und ein Streben ist, Gott ähnlich zu werden. Da dieser Eros nur ein Streben nach Besitz, nicht ein Besitz ist, also einen Mangel voraussetzt, andrerseits die Fülle begehrt, macht Platon den Eros zum Sohne der Penia (Armut) und des Poros (Reichtum). Das Ziel dieses Strebens ist der dauernde Besitz des Guten, die Glückseligkeit, die Unsterblichkeit. Der Eros ist also überhaupt das Streben des Endlichen, sich zur Unendlichkeit zu erweitern. Die äußere Bedingung für die Betätigung des Eros ist die Gegenwart des Schönen, und der Eros richtet sich stufenweise auf die schöne Gestalt, die schöne Seele, die Wissenschaft und die Idee und strebt nach der Darstellung des absolut Schönen. (Vgl. Platon, Symposion; Zeller, die Philosophie der Griechen II, S. 384 ff.) Dieser platonische Begriff des Eros ist vielfach in der Neuzeit von Dichtern und Philosophen wieder aufgenommen worden. Vgl. Dualismus.
limitativ
limitativ
(franz. limitatif, v. lat. limitare = beschränken), beschränkend (oder auch unendlich), heißt seit Kant ein Urteil, welches der Form nach bejahend, dem Sinne nach verneinend ist, indem die Negation mit dem Prädikate zu einem Begriff verbunden wird: S ist ein Non-P. Sage ich: »Die menschliche Seele ist unsterblich«, so bilde ich ein limitierendes Urteil und behaupte mehr, als wenn ich sage: die menschliche Seele ist nicht sterblich; denn hier bliebe es dahingestellt, ob sie überhaupt gelebt hat und fortlebt. (
Kant
, Kr. d. r. Vernunft S. 71 ff. Prolegomena § 20.) In der
Limitation
oder Einschränkung sieht daher Kant eine der Kategorien des Denkens.
liquet
liquet
(lat.), es ist klar, deutlich, ausgemacht;
non liquet
, es ist unklar, läßt sich nicht entscheiden.
Localisation
Localisation
(franz. localisation, v. lat. locus = Ort) heißt die Verlegung einer Empfindung oder eines Gefühls an eine. bestimmte Stelle in unserem Leibe oder der Außenwelt. Dieser psychische Vorgang ist, was die Tastempfindungen betrifft, kein ursprünglicher; denn die ganz jungen Kinder lokalisieren nicht. Er entsteht durch Hinzutritt einer, wenn auch dunklen, Gesichtsvorstellung zu einer Tastempfindung, durch welche die ortlose Empfindung mit einer in ein Raumschema eingeordneten Vorstellung verknüpft wird. So verlegen wir den Schmerz des Zahnnerven in den Zahn selbst, die Stockung der Atmung In die Lunge, den Kopfschmerz hinter die Stirn, den Druck in den Magen, bohrenden Schmerz in die Knochen usw. Oft werden nach Amputationen Schmerzempfindungen noch in das abgetrennte Glied verlegt.
Logik
Logik
(gr.
logikê
sc.
technê
v.
logos
= Denken) heißt die Wissenschaft von den Gesetzen des Denkens. Sie scheidet sich von den Einzelwissenschaften ab und stellt sich über diese. Von der ihr beigeordneten Psychologie unterscheidet sich die Logik dadurch, daß jene die Naturgesetze unserer Geistestätigkeit aufsucht, diese dagegen die
Normalgesetze
derselben aufstellt. Jene nimmt also die geistigen Prozesse, wie sie sind, diese bestimmt, wie sie sein müssen, um zu richtiger Erkenntnis zu führen. Die logischen Gesetze stehen in ihrem Wesen und Werte etwa in der Mitte zwischen den Naturgesetzen und denen der Moral; während die ersteren der Ausdruck für ein stetiges Geschehen sind und die letzteren eine Verpflichtung, eine Forderung enthalten, sind die logischen Gesetze soweit einerseits Gesetze des Wirklichen, als alle normalen Menschen gleichmäßig denken, soweit andrerseits bloße Forderungen, als jeder einzelne Mensch durch subjektive Gefühle, Vorurteile und Interessen beeinflußt wird und sich zu logischem Denken erst anhalten und erziehen muß. Zu den anderen Wissenschaften steht die Logik im Verhältnis der Überordnung. Denn sie begründet die Methoden, die jene anzuwenden haben; sie bestimmt allgemein den Prozeß des Erkennens, den jene im einzelnen verfolgen, jede auf ihrem besonderen Gebiete der Anwendung. Während es die Einzelwissenschaften mit der Erkenntnis eines bestimmten materialen Objektes zu tun haben, berücksichtigt die Logik nur die allgemeinen Gesetze des Erkennens. Jene suchen Wahrheit, diese Richtigkeit des Denkprozesses. So ist die Logik die Wissenschaft vom Wissen. Ihr Ziel ist, zu zeigen, wie das richtige Denken zustande kommt, wodurch es gehemmt oder gefördert wird. Ihr
Nutzen
ist nicht unbedeutend. Was die Mathematik für die Naturerkenntnis, das leistet die Logik für jede Erkenntnis. Man lernt durch sie Begriffe, Urteile und Schlüsse richtig bilden, seine eigenen Behauptungen beweisen, die des Gegners widerlegen; man unterscheidet mit ihrer Hilfe leichter Wahrheit und Irrtum, erkennt die Schwächen im Räsonnement oder lernt sich selbst vor Beweisfehlern zu hüten. Aber überschätzt darf der Wert der Logik auch nicht werden. Ihre Allgemeinheit, ihr formaler Charakter und ihr Mangel an Erfindungsgeist bilden ihre Schranke, und für den geistig regen Menschen, der den Reichtum der Erfahrung liebt, hat sie oft etwas Abschreckendes, während sie manchem hohlen Geist Krücken und Paradeuniform leiht. Die Logik heißt auch
Dialektik
, Kunst der Unterredung (s. d. W.). Unter diesem Namen wurde sie von den Sophisten, Megarikern, von Sokrates, Platon und Aristoteles, der mit Recht der Vater der formalen Logik genannt wird, geschaffen. Für die
Sophisten
war sie noch die Kunst zu überreden.
Sokrates
(469-399) schuf die Begriffe und Methoden der Definition und Induktion, die
Megariker
bildeten die Eristik aus,
Platon
(427-347) fügte die Deduktion hinzu,
Aristoteles
(384-322) gab die erste systematische Darstellung der Logik. (Vgl. Aristotelismus.) Die
Scholastik
des Mittelalters bildete die Logik des Aristoteles nur durch subtiles Ausspinnen des Einzelnen fort. In der Neuzeit schuf
Bacon
(1561-1626) die Theorie der induktiven Erkenntnis.
Chr. Wolf
(1679-1754) behandelte die Logik als Erkenntnistheorie und setzte sie in Beziehung zur Metaphysik und Psychologie.
Kant
(1724-1804) stellte neben die formale Logik die transscendentale, die in ihrem Wesen Erkenntnistheorie innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft- ist. Nach-. dem er gezeigt hatte, daß der Mensch in den Gesetzen des eigenen Denkens auch die Gesetze der Erscheinungswelt habe, schrieben seine Nachfolger
Fichte
(1762-1814),
Schelling
(1775-1854) und
Hegel
(1770-1831) den reinen Denkformen auch inhaltliche Bedeutung zu. So ward die Logik zu einer materialen, objektiven Wissenschaft, besonders bei Hegel, der sie ganz mit der Metaphysik identifizierte. Die Hegelsche Logik ist die Wissenschaft des Universums, unter welche alle Dinge fallen, sofern sie gemäß den allgemeinen und notwendigen Gesetzen des Daseins, welche eben die Denkgesetze sein sollen, beschaffen sind. Der Begriff bewegt sich nach Hegel wesentlich in den schon von Aristoteles festgesetzten Formen des Urteils und Schlusses, aber nach »dialektischer« Methode (s. d.). Ähnliche Theorien sind von
Bardili
, F.
Krause
, J. J.
Wagner, Schleiermacher
und
Baader
aufgestellt worden. – Dagegen betonten
Fries
(1773-1843),
Beneke
(1798-1854) und
Herbart
(1776-1841) die anthropologische Grundlage der Logik. In neuerer Zeit hat sich diese Richtung in
Stuart Mill
(1806-1873),
Whewell
(1794 bis 1866) und
Wundt
(geb. 1832) noch mehr nach der psychologischen Seite ausgebildet. Auch sind von Deutschland, England, Amerika, Italien nicht uninteressante Versuche ausgegangen, die Logik zu algebraisieren und in einen Algorithmus (s. d.) umzuwandeln (
Schröder, Boole, Jevons, Peirce, Mc-Coll, Peano
usw.). Eingeteilt wird die Logik in drei Teile: Elementarlehre, Methodenlehre und Erkenntnistheorie. – Vgl. C.
Prantl
, Gesch. d. Logik. 3. Bde. Lpz. 1855 f. F.
Harms
, Gesch. d. Logik. Berl. 1880.
Überweg
, Logik. 5. Aufl. Bonn 1882.
Trendelenburg
, Log. Untersuchungen. 3. Aufl. Berlin 1876.
Stuart Mill
, System d. dedukt. u. indukt. Logik, 1862.
Lotze
, Logik, 1874. W.
Wundt
, Logik, 1880. L.
Liard
, Les Logiciens Anglais Contemporains, 1878, ins Dtsch. übers, von Imelmann 1880.
Kirchner
, Katechism. d. Logik, 1881.
Chr. Sigwart
, Logik. 2. Aufl. Tübingen 1889-1893. B.
Erdmann
, Logik, 1892.
St. Jevons
, Principles of science. 2. Aufl. 1877.
logisch
logisch
(gr.
logikos
) heißt zur Logik gehörig, den Gesetzen der Logik angemessen; logisch-richtig heißt denk-, folgerichtig.
Logismus
(gr.
logismos
) heißt Vernunftschluß.
Logizität
heißt Denkrichtigkeit.
Logomachie
Logomachie
(v. gr.
logos
= Wort und
machê
= Schlacht) heißt Wortstreit, d.h. ein Streit zwischen Leuten, die im Grunde einig sind, aber in den Worten und Bezeichnungen einer Sache voneinander abweichen.
Logos
Logos
(gr.
logos
) heißt sowohl Gedanke, Denken als auch Wort. Die jüdisch-platonische Philosophie (besonders
Philon
, 20 v. Chr. bis 45 n. Chr.) verstand darunter den von Ewigkeit her gedachten Gedanken Gottes von sich selbst, an dem er als dem gegenständlichen Nicht-Ich das Selbstbewußtsein seines Ichs hätte, der aus Gott herausgetreten und wesentlich geworden sei, den von Ewigkeit gezeugten Sohn Gottes, den Abglanz der göttlichen Vollkommenheit, den Schöpfer der Welt und das alle Menschen zur Weisheit, Tugend und Wissenschaft leitende Wesen. Diese
neuplatonische
Idee nahm dann das
Johannesevangelium
in sich auf: Christus ist das fleischgewordene Wort Gottes, welches von Anfang an war, durch das die Welt geschaffen, ja das selbst Gott ist. Denn der Ewige, Unerkennbare bedarf, menschlich gedacht, des Wortes, um sich zu offenbaren, er muß sprechen, damit etwas geschehe, nachdenken, um etwas zu erfinden. Und wie wir in unserer Persönlichkeit das Denken hypostasieren, d.h. von uns selbst absondern und selbständig machen, so dachte sich der Verfasser dieses Evangeliums auch Gott als Subjekt-Objekt. Die Gedanken fanden ihre weitere Auslegung in folgenden Sätzen: Der Gedanke ist Gottes Sohn, er ist Gott selbst, wenn auch nicht in seiner Totalität; er ist teils in Gott verborgen (
logos endiathetos
), teils in der Schöpfung sichtbar geworden (
logos prophorikos
); er hat alle Propheten begeistert und ist zuletzt in Jesu Fleisch geworden. Das talmudische »Memra« (Wort), der platonische Nous (Verstand), die apokryphische »Weisheit« sind Analogien dieses Logos. Vgl.
Duncker
, Zur Gesch. d. christl. Logoslehre. 1848. M.
Heinze
, Die Lehre vom Logos in der griech. Philos. 1872.
Lokalzeichen
Lokalzeichen
sind nach
Lotze
, v.
Helmholtz
und
Wundt
die von dem Inhalte der Licht- und Tastempfindung selbst verschiedenen Empfindungen von der Eigentümlichkeit und Abhängigkeit der Empfindung von einer bestimmten Primitivfaser der Seh- und Tastnerven. Die Lokalzeichen begleiten den Inhalt der Vorstellungen und veranlassen die Lokalisation der Reize. Sie spielen bei der Entstehung der Raumvorstellung eine wichtige Rolle (vgl. Raum). Es sind also charakteristische Nebenbestimmungen neben der Qualität und Intensität der Empfindung. Vgl.
Lotze
, Mikrokosmus I, 332 f. v.
Helmholtz
, Physiologische Optik, S. 539.
Wundt
, Grundzüge der phys. Psychol. II, 31. 190. Grundriß d. Psych. S. 122-190.
Lüge
Lüge
(lat. mendacium, gr.
pseudos
) heißt eine absichtliche, bewußte und pflichtwidrige Unwahrheit. Als Lüge im weiteren Sinne ist nicht bloß die falsche Aussage, sondern auch die absichtliche Zweideutigkeit und Unbestimmtheit, die Zurückhaltung, Verstellung, Wortbrüchigkeit, Täuschung und Heuchelei zu verstehen. Gewöhnlich entspringt die Lüge der Selbstsucht, oft auch der Feigheit und Schmeichelei. Unzweifelhaft ist die Lüge verwerflich, weil jeder Mensch auf die Wahrheit des anderen ein Recht hat und die sittliche Gemeinschaft der Menschen durch die Lüge aufgehoben wird. Vgl.
Augustinus
, de mendacio. H.
Krause
, über die Wahrhaftigkeit. 1844.
Heinroth
, die Lüge. 1834.
Lügner
Lügner
(gr.
pseudomenos
) heißt ein Fangschluß des
Eubulides
von Megara (4. Jahrh. v. Chr.): Wenn jemand sagt, er lüge eben jetzt, lügt ein solcher oder sagt er die Wahrheit?
Lullische Kunst
Lullische Kunst
(ars magna Lulli) ist eine schematische Anordnung der Begriffe, welche
Raimund Lullus
(1235-1315) zur übersichtlichen Erkenntnis und leichteren Mitteilung der Begriffe entworfen hat. »Lullus befestigte sechs konzentrische Kreise so übereinander, daß alle gedreht werden konnten, immer aber einer den anderen- überragte. Auf diesen verschiedenen Kreisen waren nun Begriffe und Gedankenformen verzeichnet, und sobald man einen dieser Kreise bewegte, kamen immer andere und wieder andere Begriffe untereinander zu stehen. Nach seiner Angabe sollte man nun irgend einen Gegenstand nehmen und durch die verschiedenen Kreise herumführen, wo er unfehlbar auf mehrere Rubriken treffen müßte, die sich als Stoff zur näheren Bestimmung des Gegenstandes darboten, und dann sollte man zusehen, wie sich der Gegenstand oder das aufgegebene Wort zu diesen Bestimmungen und zu den verschiedenen Verknüpfungen verhalte, die durch das Drehen der Kreise erfolgen müßten. Der äußerste feste Kreis, auf welchem sich die fünf anderen bewegten und welchen Lullus den Schlüssel der Erfindung nannte, enthielt die Fragen: Ob? was? wovon? warum? wieviel (wie groß)? wie beschaffen? wann? wo? wie? wozu? – Der zweite Kreis: Das elementare, das vermittelnde, das göttliche, das englische, das himmlische, das menschliche, das scheinbare, das sensible, das vegetabile Sein. – Der dritte Kreis: Substanz, Qualität, Quantität, Beziehung, Tätigkeit, Leiden, Verhältnis, Lage, Zeit, Ort. – Der vierte Kreis enthielt die Bestimmung der moralischen Verhältnisse in neun Ordnungen, je eine Tugend und ein Laster. – Der fünfte und sechste Kreis umfaßte die physischen und metaphysischen Prädikate der Dinge.« (Noack, Philosophiegeschichtliches Lexikon, S. 568.) Für die wirkliche Wissenschaft ist diese Gedankenmaschinerie völlig wertlos. Sie ist übrigens später von G.
Bruno, Athan. Kircher
, ja selbst von
Leibniz
wieder aufgenommen worden. Vgl.
Helfferich
, R. Lull. Berlin 1858.
Lust
Lust
(lat. voluptas), die eine der qualitativen Grundarten des Gefühls, ist das Gefühl der Befriedigung, welches entweder aus der Förderung unseres Lebensgefühls oder ans der Beseitigung seiner Hemmung entspringt. So bereitet uns ebenso die Befreiung aus unbequemer Lage Lust als der Genuß irgend einer Annehmlichkeit. Die von der Vorstellung eines Gegenstandes erzeugte Lust wird allmählich zum Trieb und zur Begierde, nach dem Besitz desselben zu streben. Die einem Eindruck oder einer Beschäftigung beigemischte Lust heißt das Angenehme. Lust schöpfen wir ebenso aus der Gegenwart (Genuß), wie aus der Vergangenheit (Erinnerung) und der Zukunft (Hoffnung). Das Angenehme der
sinnlichen
Eindrücke heißt sinnliche
Lust
(vgl. Gut); sobald die Fähigkeit, Angenehmes als solches zu empfinden, ermattet, ist dies ein Zeichen von Ungesundheit. Man unterscheidet
subjektive
und
objektive
Lust; die subjektiven Lustgefühle erzeugen sich bei jedem Menschen verschieden je nach Temperament, Neigungen und Stimmungen in den verschiedenen Graden der Heiterkeit, Fröhlichkeit, Lustigkeit und Ausgelassenheit; die objektiven Lustgefühle dagegen entstehen bei allen auf gleiche Weise: es sind die moralischen, ästhetischen, religiösen und intellektuellen Lustgefühle.
Die Erklärung des Wesens der Lust ist nicht leicht. Während
Aristippos
(um 435-355) die Lust in die sanfte Bewegung setzt, läßt
Platon
(427-347) sie aus dem von Natur Angemessenen entstehn.
Aristoteles
(384-322) definiert sie als Energie des natürlichen Zustandes.
Hobbes
(1588-1679) leitet sie aus dem Verhältnis des Reizes zur Bewegung der Lebensgeister im Herzen und in den Nerven ab; ähnlich läßt sie
Hartley
(1704-1756) aus der Schwingungsweite der Vibrationen der Nervenfaser hervorgehn. Teleologisch betrachtete
Leibniz
(1646-1716) die Lust als das Gefühl einer Vollkommenheit an uns oder anderen. Ähnlich definiert
Mendelssohn
(1729-1786) das sinnliche Vergnügen als die Vorstellung einer erhöhten Vollkommenheit des Leibes.
Kant
(1724-1804) sieht in der Lust »die Vorstellung der Übereinstimmung des Gegenstandes oder der Handlung mit den subjektiven Bedingungen des Lebens, d. i. mit dem Vermögen der Qualität einer Vorstellung in Ansehung der
Wirklichkeit
ihres Objekts (oder der Bestimmung der Kräfte des Subjekts zur Handlung, es hervorzubringen)«, Kr. d. pr. V. S. 16, Anmerkung, oder auch »das Bewußtsein der Kausalität einer Vorstellung in Absicht auf den Zustand des Subjekts, es in demselben zu erhellen«, Kr. d. Urt. S. 33.
Schopenhauer
(1788-1860) dagegen hat die Negativität der Lust einseitig betont, sie ist ihm bloße Schmerzlosigkeit, woraus dann folgt, daß kein Schmerz durch Lust je aufgewogen werden könne. Nach
Wundt
(geb. 1832) bilden die Lust- und Unlustgefühle eine der drei Hauptrichtungen der Gefühle. Vgl. Gefühl. Wundt, Grundr. d. Psycholog., § 7, 7, S. 99 f. Über die Bedeutung der Lust für die Ethik s. Hedoniker, Eudämonismus. Vgl.
Nahlowsky
, d. Gefühlsleben. 2. Aufl. 1884.
Lustlehre
Lustlehre
, s. Hedonismus u. Eudämonismus.
Lustspiel
Lustspiel
, s. Drama und komisch.
Luxus
Luxus
(lat. luxus = Verschwendung) heißt der das Maß der leiblichen oder geistigen Bedürfnisse überschreitende Aufwand. Der Maßstab des Bedürfnisses ist relativ; was für den einen Menschen Luxus ist, ist für den andern noch Befriedigung des Bedürfnisses. Gewohnheit, Sitte, Standesverhältnisse, Mode, Geschlecht, Alter, Gesundheitszustand haben auf die Abgrenzung beider Einfluß. In wirtschaftlicher Hinsicht ist der Luxus ohne Zweifel etwas Gutes; denn er hebt den Nationalwohlstand; der einzelne, ja ganze Stände können verarmen, wenn ihnen nicht die Produktion, die der Luxus notwendig macht, zu Hilfe kommt. So ist der Luxus ein Sporn zu nützlicher Tätigkeit für Konsumenten und Produzenten. Doch kommt es darauf an, mit welchen Gegenständen, in welchem Umfange und unter welchen Verhältnissen er getrieben wird. Den Verschwender kann er zum Ruin bringen. Er kann in die Sucht zu prunken und in Überschätzung der materiellen Güter ausarten. – Die Gesetze gegen den Luxus, welche jahrhundertelang der Staat gegeben hat, beseitigen ihn nicht, ebensowenig die Luxussteuern, die wenigstens dem Staat etwas einbringen. Nur die Erziehung, welche uns die richtigen Güter schätzen lehrt, kann den Luxus auf sein gehöriges Maß zurückführen. Vgl.
Pinto
, sur le luxe. Amst. 1762.
Dumont
, théorie du luxe. Paris 1671.
Roscher
, Ansichten d. Volkswirtschaft. Lpz. 1861.
Derselbe
, Nationalökonomik I. 19. Aufl. Stuttg. 1889.
Lyrik
Lyrik
(gr.
lyrikê
sc.
technê
von
lyra
= Leier) heißt eins der drei Teilgebiete der Poesie. Die lyrische Poesie (als besondere Dichtungsart neben Epos und Drama gerechnet seit
Batteux
1746, Les beaux arts réduits à un même principe) drückt die Empfindungen und die sie begleitenden Gedanken des Menschen aus. Der Lyriker zeigt das Menschenherz und vor allem das eigene. Er gibt also das Bild der Innenwelt. Aber da die Empfindungen und Vorstellungen des Menschen von der ihn umgebenden Welt bestimmt sind, so nimmt die Lyrik auch die Natur und die Außenwelt in sich auf, aber nur, wie sie sich in der Seele des Menschen spiegeln, als inneres Bild und Besitztum. In der Seele des Menschen wechseln die Empfindungen und Gedanken, die Zustände und Stimmungen. Das einzelne lyrische Gedicht ist daher nur eine enger beschränkte Einheit und liefert kein Weltbild; aber die Gesamtheit der lyrischen Gedichte eines Dichters kann seine Weltausicht wiedergeben und sich zu einer großen Konfession zusammenstellen. Vollständigkeit, Genauigkeit, Ausführlichkeit widersprechen dem lyrischen Stile. Die Lyrik deutet die Lage, in der sich der Mensch befindet, nur an, führt oft in Sprüngen lebhaft vorwärts und liebt Helldunkel und Dämmerung. Sie verlangt Schwung und Bewegung, entwickelt reiche und mannigfaltige Rhythmen und Strophen und sucht die Verbindung mit der Musik. Sie ist entweder Lyrik der
Begeisterung
, wenn sie den Aufschwung der Seele zu großen und erhabenen Gegenständen darstellt (Hymnus, Ode), oder Lyrik der
Stimmung
, wenn sie das Aufgehen des Menschen in einer wirksamen Situation entwickelt (Lied), oder Lyrik der
Betrachtung
, wenn sie das mit Reflexion durchsetzte Gefühl beim Aus- oder Nachklingen einer Empfindung wiedergibt (Elegie, Sonett, Epigramm, philosophische Lyrik). Dem Inhalte nach knüpft die Lyrik an alles an, was die Natur, das Leben, die Wirklichkeit und die Phantasie bieten, an
Gott, Natur, Leid
und
Freud, Liebe, Freundschaft, Vaterland
u.a.m. Von aller Dichtung ist sie der
Mittelpunkt
. Keine Poesie ist natürlicher als die Lyrik. Die wahre Lyrik ist trotzdem erst von Goethe geschaffen. Alles vorher ist nur Vorstufe, alles nach ihm ist durch ihn bestimmt. Goethe selbst sagt von der Lyrik: »Alles Lyrische · muß im ganzen sehr vernünftig, im einzelnen ein bißchen unvernünftig sein« (Maximen und Reflexionen II, 123).
M
M
bedeutet in der Logik 1. den Mittelbegriff (s. d.) (terminus medius) eines kategorischen Schlusses, 2. die
Umstellung der Prämissen
in einem Syllogismus (metathesis praemissarum), d.h. die Vertauschung des Ober- und Untersatzes.
Mäeutik
Mäeutik
(gr.
maieutikê
), Hebammenkunst, nannte
Sokrates
(469-399), welcher der Sohn der Hebamme Phainarete war, seine Methode, das Wissen aus anderen hervorzulocken (Platon, Theätet 149 B – 151 D). Er meditiert mit andern zusammen, legt ihnen Fragen vor und sucht sie hierdurch zu richtigen Antworten zu veranlassen und auf die Wege zur Erkenntnis zu führen. Die Mäeutik des Sokrates, die dieser ein göttliches Geschenk nannte (Platon, Theätet 210 C), hat es aber mit
Männern
und
nicht mit Frauen
, mit
Seelen
und
nicht mit Körpern
zu tun, und sie prüft, ob die entbundene Seele ein
Truggeschöpf
oder ein
echtes
und
wahres Gebilde
zur Welt gebracht hat (Platon, Theätet 160 B-C).
Magie
Magie
(pers.) heißt die vorgebliche Kunst, die geheimen Kräfte der Natur zu erforschen und zu beherrschen und durch sie Wunder zu wirken. Dem erklärlichen Wunsche entsprungen, das Wissen und Können des Menschen zu erweitern, findet sich die Magie, namentlich als Heilkunst, schon bei den rohesten Völkern und hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Durch Formeln, Zeremonien, Zaubermittel versucht man übernatürliche Wirkungen auszuüben. Die Herrschaft über Wind und Wetter, die Beschwörung der Toten und Geister, das Behexen durch Blick, Wort oder Tränkchen, das Besprechen des Blutes, der Rose, des Feuers u. a., die Kunst, sich zu verwandeln oder unsichtbar zu werden, Gold zu machen usw., alles dieses gehört in die Magie. Im Mittelalter wurde die Magie systematisch betrieben. Je nachdem Engel oder Teufel, himmlische oder höllische, kirchliche oder unkirchliche Mittel angewandt wurden, unterschied man weiße und schwarze Magie. Vgl.
Schindler
, das magische Geistesleben. 1855.
Perty
, die myst. Erscheinungen. 1861. H.
Schneider
, die hypnotischen Erscheinungen. 1880.
Eine Beziehung zur Philosophie gewann die Magie bei den Neuplatonikern, wie z.B.
Plotinos
(205-270), sowie im XV. und XVI. Jahrhundert durch
Marsilius Ficinus
(1433 bis 1499),
Agrippa von Nettesheim
(1486-1535, De occulta philosophia libri tres 1510), Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim
Paracelsus
(1493-1541) u. a. Selbst
Bacon
(1561-1626) führt in seinem Verzeichnis der Wissenschaften (globus intellectualis) die Magie noch als operative (die Naturgesetze anwendende)
metaphysische
Naturerkenntnis neben der Mechanik, der
physischen
Naturerkenntnis, an. – Der Fortschritt der Naturwissenschaften und Medizin hat der Magie allmählich den Boden abgegraben; doch hatte der junge Goethe noch sein Gefallen an ihr, und sein Faust ergibt sich der Magie; der reifere Goethe hat sie abgelehnt. (»Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen, die Zaubersprüche ganz und gar verlernen, stünd' ich, Natur, vor dir ein Mann allein, da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein.« Faust II, 5.)
Magnetismus, tierischer
Magnetismus, tierischer
, auch Mesmerismus genannt, heißt die Kraft der Einwirkung eines Nervensystems auf das andere.
Mesmer
(1733-1815), Wienholt, Gmelin, Wolfart, Hufeland, Passavant, Ennemoser u. v. a. haben sich eingehend damit beschäftigt. Bei Anwendung dieser Kraft versetzt der Magnetiseur die zu behandelnde Person durch Streichen in einen Schlaf, während dessen der Behandelte mit ihm in einem seelischen Rapport stehn soll. Es läuft dabei manche Täuschung und viel Betrug unter. Die durch die Magnetiseure hervorgerufenen Zustände treten auch oft von selbst oder infolge von Krankheiten oder Arzneimitteln auf. Es sind unsere Nerven durch die wechselnde Innervation (s. d.) von Einfluß auf unser ganzes Leben, und es hängt von dem Schwanken der Innervation besonders Schlaf und Wachen ab. Beim Wachen vermindert sich die Innervation, im Schlaf stellt sie sich wieder her. Alles, was die Innervation im Hirn mindert oder abschwächt, erzeugt Schlaf, und zwar in verschiedenem Grade: tiefen Schlaf, Schlaf mit Träumen, mit Bewegung, Somnambulismus und Hochschlaf. Solche Zustände entstehen entweder durch Krankheit oder mittelst Opiums, Hanfs, Bilsenkrauts, Chloroforms und Drucks auf das Vorderhirn. Auf ähnliche Weise bringt auch das Magnetisieren, d.h. das regelmäßige Bestreichen, Schlaf hervor. Auch magnetisiertes Wasser wird dazu benutzt. Vgl. Somnambulismus, Hypnotismus. Vgl.
Geßmann
, Magnetismus u. Hypnotismus. Wien 1887.
Sallis
, der tierische Magnetismus. Lpz. 1887.
májor / mínor
májor
(der größere) und
mínor
(der kleinere) bezeichnet in der Logik 1. den
Ober
– und
Unterbegriff
(
terminus
major und minor) eines Urteils, 2. den
Ober
– und
Untersatz
(
propositio
major und minor) eines Schlusses.
Makrobiotik
Makrobiotik
(Neubild. von gr.
makrobiotês
= das Langleben, das aus
makros
= lang u.
bios
= Leben gebildet ist) heißt die Kunst, das Leben unverkürzt, so lange als möglich dadurch zu erhalten, daß man möglichst naturgemäß lebt. Im Wesen ist also M. dasselbe wie
Diätetik
(s. d.). Nur weist die Makrobiotik auf das
Ziel
, die Diätetik auf die
Methode
hin. Schon
Cardanus
(1501-1571) schrieb 1550 ein Buch über diesen Gegenstand (de sanitate tuenda ac vita producenda), doch erst
Hufelands
Buch 1796 behandelte das Thema sachgemäß. Vgl.
Heinroth
, Seelengesundheitskunde. 1823.
Feuchtersleben
, Diätetik d. Seele. 1838. K.
Hartmann
, die Kunst, des Lebens froh zu werden. 1882. F.
Kirchner
, Diätetik des Geistes. 2. Aufl. 1886.
Makrokosmos / Mikrokosmos
Makrokosmos
und
Mikrokosmos
(gr. v.
makros
= groß,
mikros
= klein u.
kosmos
= Welt) heißt die große und die kleine Welt,
Natur
und
Mensch
. Die Benennung und Entgegenstellung findet sich schon bei
Aristoteles
(384-322); doch handelt es sich bei ihm nicht um Mensch und Natur, sondern um belebtes Wesen (
empsychon, zôon
) und Weltall (Physic. Akroas. VIII, 2 p. 252 b 26
ei gar en mikrô kosmô ginetai, kai en megalô
). Die zusammengesetzten Worte tauchen erst in der späteren griechischen Philosophie auf. Sie vererben sich dann durch das Mittelalter (vgl. z.B. Konrad v. Megenberg, Buch der Natur, herausgegeb. von Fr. Pfeiffer 1841, S. 4) auf die Neuzeit. Bei den Naturphilosophen des 16. Jahrhunderts, besonders bei
Paracelsus
(1493-1541), wurde die Welt als menschlicher Organismus im großen (Makranthropos) und der Mensch als eine Welt im kleinen (Mikrokosmos) gedacht, womit sich die Ansicht verband, daß eine Übereinstimmung beider bestehe.
mala fide
mala fide
(lat.) heißt wider besseres Wissen, böswillig. Gegensatz ist: bona fide, in gutem Glauben.
Malerei
Malerei
ist die Kunst, auf einer Fläche den Schein der Körper und des Raumes durch Farben darzustellen. Die Malerei stellt nur in der zweidimensionalen Fläche dar, und indem sie die eine Dimension opfert, vollzieht sie den Übergang von der künstlerischen Darstellung des Körperlichen durch wirkliche Körper zur Welt des Scheins. Gemalte Dinge haben keine wirkliche Existenz. Auch die zwei Dimensionen der gegebenen Fläche werden in der Malerei nicht als reale Flächen- und Größenverhältnisse beibehalten. Die Farbe hebt die Grenze, die die Fläche bildet, im Scheine auf und läßt uns in einen Raum, der sich vor unseren Augen weit öffnet, hineinschauen, in dem alle Größen nur relativ sind. Während die Plastik sich im ganzen an die in der Natur vorbildlich gegebenen Maßstäbe hält und diese nur leicht erhöht, gibt es in der Malerei keine absoluten Größen, und im kleinsten Rahmen können die größten Gestalten dargestellt werden, eben weil sie nur Schein sind. Die Farbe ist in der Malerei das einzig Reale. Sie gibt Licht, Raum, Gestalt, Zeichnung wieder, selbst da, wo man sich der einfachsten Farben (Rotstift, Bleistift, Kohle, Kreide) bedient. Farbe ist aber Qualität, Wärme, Empfindung. Darum ist die Wirkung der Gemälde meist eine stärkere als die der plastischen Werke, und für die Malerei ist das allgemeine Interesse und Verständnis der Massen größer als für die Bildhauerkunst. Auf der Fläche stellt die Malerei durch Farben sowohl Gestalten im Räume als einen licht- und farbenvollen Scheinraum selbst dar. Sie vereinigt also das künstlerische Können der Baukunst und der Plastik (freilich nur in einer Scheinwelt), und wird zur Darstellung nicht des Einzelnen, sondern der Vielheit und des Zusammenhanges, der räumlichen Beziehungen. Dabei legt ihr die physische Eigenschaft des Stoffes nicht mehr wie in der Plastik Beschränkungen auf, und sie vermag alles Sichtbare in der Natur darzustellen; daher kann die Malerei sich mehr mit Realitäten als mit Abstraktionen abgeben. Doch kann die Malerei auch die von ihr dargestellten realen Objekte zu Trägern von Ideen machen, und der Realismus der Darstellung muß da zurücktreten, wo ein Objekt der rein ideellen Sphäre angehört. Die Aufgaben der Malerei sind sehr mannigfaltige; sie schafft das mythische Bild, die Landschaft, das Blumenstück, das Fruchtstück, das Tierstück, das Stilleben, das Genrebild, das Porträt, das historische Bild usw., und in jedem dieser Zweige sind verschiedene Auffassungsarten möglich. So ist die Malerei unter allen bildenden Künsten die fruchtbarste und wirksamste und hat scharf bestimmte Eigenaufgaben, die sie von der Architektur und Plastik trennen. Plastik und Malerei im Wesen als
eine
Kunst hinzustellen, wie das Lessing in seinem Laokoon getan hat, ist, trotzdem beide in den allgemeinsten Gesetzen übereinstimmen, kaum angängig. Plastisch ist die in sich geschlossene körperliche Einzelgestalt. Malerisch ist, was körperlich erscheint und in einem reichen und fruchtbaren Zusammenhang mit anderen Dingen steht. Alles über den Menschen hinausgehende Geistige kann in der Plastik nur allegorisch und trausscendent durch den Menschen dargestellt werden. Der Geist und das Leben in der Natur kann dagegen von der Malerei unmittelbar und immanent wiedergegeben werden, wie das in jeder besseren Landschaft der Fall ist. Ihre volle Entwicklung hat die Malerei erst in der Neuzeit gefunden. Vgl.
Moser
, Das Schönheitsideal in der Malerei. Lpz. 1888.
Pfau
, Malerei und Gemälde. Stuttg. 1888.
Malthusisches Gesetz
Malthusisches Gesetz
heißt der von dem englischen Nationalökonomen
Th
. R.
Malthus
(1766-1834) aufgestellte Satz, daß, da die Bevölkerung sich schneller vermehre als die Nahrung, der Zunahme derselben von der Natur durch Hunger, Not und Elend Einhalt getan werde, falls dies nicht durch freiwillige Enthaltsamkeit (moral restraint) geschehe. Vgl.
Malthus
, Essay on the principles of population, London 1798, dtsch. von Stöpel, Berl. 1879. –
Ferdy
, der Malthusianismus in sittlicher Beziehung. Neuwied 1885.
Mandevilles Bienenfabel
Mandevilles Bienenfabel
(The fable of the bees, 1723) ist ein Buch des holländischen Arztes
Mandeville
(1670-1733), welches am Beispiel des Bienenstaates den Nachweis versucht, daß der Wohlstand eines Volkes auf der Betriebsamkeit seiner Bürger, diese aber auf ihren Leidenschaften und Lastern, nicht auf ihren Tugenden beruhe. Alle vermeintlichen Tugenden entspringen nur aus Eitelkeit und Egoismus. – Diese Theorie Mandevilles, die gegen
Shaftesbury
(1671-1713) gerichtet war, beruht auf Entstellung und. Verzerrung der Tatsachen. Es ist nicht richtig, wenn Selbstliebe zum Egoismus und vernünftiger Erwerbstrieb zur Habsucht gemacht wird.
Manichäismus
Manichäismus
ist eine von Manes (Mani) (3. Jahrh. n. Chr.) ausgehende Art des Dualismus (s. d.), eine persisch denkende Gnosis, nach der es zwei miteinander kämpfende ewige Grundwesen, ein gutes und böses, das Licht und die Finsternis, gibt. Als religiöses Bekenntnis erfreute sich der Manichäismus anfangs großer Anhängerschaft in Persien, Syrien, Kleinasien, Nordafrika und Italien; seit dem 5. und 6. Jahrhundert wurde er aber mehr und mehr bekämpft und unterdrückt.
Manie
Manie
(gr.
mania
), Wahnsinn, bedeutet in weiterem Sinne sowohl eine Seelenkrankheit (s. d.), als auch eine gesteigerte einseitige Geistesrichtung. In dieser Doppelform erfaßte sie z.B.
Platon
(427-247), indem er sie einerseits als Krankheit, andrerseits als philosophische Liebe bestimmte, vor deren trunkenen Blicken die endlichen Zusammenhänge verschwinden. Die Geisteskrankheit der Manie sah man früher als charakterisiert an durch große Exaltation des Ichs, durch Lust an Bewegung um ihrer selbst willen (rhythmische Bewegungen, rhythmische Sprache, Wiederholung von Reimen), durch Zungentollheit und erhöhtes Selbstgefühl durch Projekte und den Wahn, im Besitze von Reichtum, Schönheit und Talenten zu sein, durch leibliches und geistiges Wohlbefinden bei aller Furchtsamkeit, durch gewaltsame Ablenkung jedes Gespräches auf das eigene Ich. Jetzt hat man seit
Kraepelin
erkannt, daß die Manie nicht für sich besteht. Man charakterisiert sie, in Verbindung mit den mit ihr verbundenen Zuständen der Melancholie, als endogenes, auf Neurasthenie beruhendes periodisches manisch-depressives Irresein, das abwechselnd die Zustände gehobener Stimmung, der Ideenflucht, des Tatendrangs, und gedrückter Stimmung, der Traurigkeit und Hemmung, in sich einschließt, und unterscheidet sie von der Rückbildungsmelancholie. Vgl.
Krafft
-
Ebing
, Die Melancholie. 1874. Lehrb. der gerichtl. Psychopathologie. 1881.
Hellpach
, die Grenzwissensch. d. Psychologie. Leipzig 1902, S. 364 ff.
Manier
Manier
(frz.) heißt eigentlich Benehmen; Manieren sind also Sitten und Gewohnheiten. In der Kunst bezeichnet Manier die willkürliche und unberechtigte Eigenart, die persönliche, sich nicht als Stilform eignende Eigentümlichkeit eines Künstlers. Manier ist also ein zufälliger, unberechtigter Einzelstil.
Manifestation
Manifestation
(lat. manifestatio) heißt Sichtbarmachung, Offenbarung, Kundgebung; so gibt es z.B. Manifestationen unseres Willens. In der neueren Naturphilosophie bedeutet es die Erscheinung des Unendlichen im Endlichen oder die Entzweiung des Absoluten, durch die dasselbe in Gegensätze (als Ideales und Reales, Subjekt und Objekt, Geist und Materie) auseinander und damit hervortritt.
Mantik
Mantik
(gr.
mantikê
sc.
technê
), s. Wahrsagekunst.
Maß
Maß
ist eine bekannte und bestimmte Größe, nach welcher eine andere unbekannte der Ausdehnung oder der Menge nach bestimmt wird. Das Messen ist demgemäß die Division einer Größe (der zu messenden Größe) durch eine zweite gleichartige (das Maß). Der Quotient dieser beiden Größen heißt die Maßzahl und ist stete eine unbenannte Zahl. Alle Maße werden in der Mechanik seit
Gauß
auf drei voneinander unabhängige oder absolute, das der Länge, das der Masse und das der Zeit zurückgeführt. Als absolute Einheiten wählt man jetzt allgemein das Zentimeter, das Gramm und die Sekunde. Man nennt dieses Maßsystem das Zentimeter-Gramm-Sekundensystem (CGS-System). Eine kritische Prüfung des Zustandekommens dieser Maßeinheiten ergibt freilich, daß sie keineswegs notwendige und absolute, sondern nur vereinbart zustande gekommene, allgemein angenommene Größen sind. Zu diesen sogenannten absoluten Einheiten müssen innerhalb jedes Gebietes physikalischer Forschung alle anderen Einheiten in Beziehung gesetzt werden. Solche Einheiten sind z.B. die
Dyne
(die Krafteinheit, durch welche 1 g Masse die Beschleunigungseinheit erhält =
1
/
981
der auf je 1 g wirkenden Schwerkraft), das
Ampère
(der zehnte Teil des Stromes, der, durch einen Kreisbogen von 1 cm Länge und 1 cm Radius fließend, auf die magnetische Menge im Mittelpunkt des Kreises die Kraft von einer Dyne ausübt, der in der Minute 10,544 ccm Knallgas liefert), das
Volt
(das Hundertmillionenfache der elektromagnetischen Einheit, d.h. der in einem Strom enthaltenen elektromotorischen Kraft eines geradlinigen Stromleiters von der Länge eines Zentimeters, der in einem magnetischen Felde, das überall die Kraft einer Dyne in derselben Richtung auf die magnetische Menge Eins ausübt, senkrecht zur Richtung der Kraft liegt und senkrecht zu derselben mit der Geschwindigkeit 1
cm
/
sec
bewegt wird =
8
/
9
der elektromotorischen Kraft eines Daniellschen Elements), das
Ohm
(das Hundertmillionenfache des Widerstandes, den ein Draht darbietet, in dem die absolute Einheit der elektromotorischen Kraft die absolute Einheit der Stromstärke erzeugt).
Mäßigkeit
Mäßigkeit
ist das Maßhalten, d.h. das Innehalten der durch die Vernunft gezogenen Grenzen im Genuß und in der Arbeit. –
Mäßigung
dagegen ist s. a. Selbstbeherrschung. Die Alten zählten die Mäßigkeit (Gesundsinnigkeit) zu den Kardinaltugenden (s. d.). Auch das ritterliche Mittelalter schätzte: »diu mâze«.
Materialismus
Materialismus
heißt diejenige Richtung des Realismus, welche, von der äußeren Erscheinungsform der Welt ausgehend, die Materie (s. d. W.) als die Wirklichkeit, als den Träger oder die Grundursache aller, auch der geistigen Eigenschaften oder Vorgänge ansieht. Diese Ansicht gestaltet sich aber verschieden, je nachdem der Materie im Weltall außer und vor aller Organisation schon geistige Eigenschaften beigelegt werden (
Hylozoismus
) oder das geistige Leben nur als eine Kette von Funktionen oder Eigenschaften der organisierten Materie angesehen wird (
reiner Materialismus
). Während der Hylozoismus sich im Grunde als Pantheismus erweist und mit Religion und Moral verträglich ist, führt der reine Materialismus meist zum Atheismus und Eudämonismus. Im Altertum vertraten den ersteren Thales, Anaximandros und Anaximenes, den letzteren Leukippos, Demokritos, Epikuros und Lucretius, in der Neuzeit den letzteren Hobbes, Helvetius, Holbach, Diderot, Lamettrie, Vogt, Moleschott, Büchner, D. Strauß, Czolbe. Seine klassische Epoche hat der reine Materialismus im 18. Jahrhundert in Frankreich gehabt; er herrscht auch heute noch vielfach bei einseitigen Vertretern der Naturwissenschaft, namentlich bei denen, die, auf Physik und Chemie beschränkt, an den biologischen Erscheinungen achtlos vorbeigehen. Der reine Materialismus hat seine Grundform in der Atomistik (s. Atom) gefunden. Doch steht ihm der Mechanismus (s. d.) und Dynamismus (s. d.) nahe. Der Materialismus hat seine
erkenntnistheoretische
Seite, insofern er die Sinneserkenntnis für die Grundlage aller Erkenntnis ansieht, seine
kosmologische
Seite, insofern er den Geist auf den Körper zurückführt, seine
anthropologische
, insofern er die Seelenvorgänge von leiblichen Vorgängen ableitet, seine
ethische
Seite, insofern er das Ziel des menschlichen Daseins in äußerm Nutzen, Genuß und Lust setzt, und endlich seine
religionsphilosophische
Seite, insofern er von Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt gänzlich absieht.
Gegen den Materialismus
spricht aber die Erwägung, daß seine Anhänger von der irrigen Annahme ausgehen, die Welt sei so, wie sie uns erscheine. Nicht der Stoff ist das Gegebene, sondern unsere Vorstellung von demselben, und das Bewußtsein ist der richtige Ausgangspunkt alles Philosophierens. Die Entstehung des Bewußtseins aus der Materie hat der Materialismus nie erklären können. Auch führt gerade die physikalische Forschung dazu, der Materie schließlich alle Eigenschaften, die qualitativen und die quantitativen, abzusprechen und sie als etwas ganz Unbekanntes erscheinen zu lassen. Vgl.
Holbach
, Système de la Nature. 1770.
Lamettrie
, L'homme machine. 1748.
Büchner
, Kraft und Stoff. 16. Aufl. 1888. K.
Vogt
, Physiol. Briefe. 1847. Dagegen:
Ulrici
, Gott und der Mensch, I. 1866. J. H.
Fichte
, Anthropologie. 3. Aufl. 1876.
Wundt
, Physiol. Psychol. 3. Aufl. 1893. F. A.
Lange
, Gesch. des Materialismus. 5. Aufl. 1896. O.
Flügel
, Der Materialismus. 1865. F.
Kirchner
, Der Zweck des Daseins. 1883.
Materialisation
Materialisation
(franz.) heißt Verkörperung, Verkörperlichung. Die Spiritisten schreiben sie ihren Spirits (Geistern) zu.
Materie
Materie
(lat. materia, gr.
hylê
), Stoff, bedeutet
allgemein philosophisch
zunächst im
Gegensatz zur Form
das
Ungeformte, Ungestaltete, Sachliche
, das uns durch die Qualität der Sinnesempfindung gegeben ist, den Raum- und Zeitinhalt. So unterscheidet man z.B. die Materie eines Raumes von seiner Gestalt, die Materie eines Kunstwerkes von der dadurch ermöglichten Darstellung. Ebenso allgemein stellt
Kant
(1724-1804) der Form unserer sinnlichen Empfindungen (nämlich dem Raume und der Zeit) ihre
Materie
gegenüber, d.h. was wir durch die Empfindungen des Gehöre, Gesichts usw. im Raume und der Zeit wahrnehmen, und ebenso schied er
materielle Sittengesetze
, welche vorschreiben, nach welchen Objekten wir streben sollen, von den
formalen
, die sich nur auf die Verhältnisse, wie unser ille sich entscheidet, beziehen. – Im engeren
metaphysischen
Sinne bezeichnet Materie den Inhalt der Erscheinungen. Eine ausreichende und feststehende Erklärung dieses Inhaltes ist bisher nicht gelungen. Die Philosophen haben je nach ihrer Gesamtansicht anderes darunter verstanden. Die
Hylozoisten
(Thales, Anaximandros, Anaximenes, Herakleitos) betrachteten einen oder mehrere der durch die Erfahrung bekannten oder hypothetisch angenommenen sinnlichen Stoffe (Wasser, Apeiron [s. d.], Luft, Feuer usf.) als Grundprinzip und schieden den Stoff noch nicht von bewegenden Kräften, sondern sahen diese als mit ihm eins an. Die Scheidung des Stoffs von der bewegenden Kraft vollzogen zuerst
Empedokles
(484 bis 424), der vier Elemente (Erde, Wasser, Luft und Feuer) und zwei bewegende Kräfte Liebe und Haß (
philia
u.
neikos
) annahm, und
Anaxagoras
(500-428), der sich die Materie aus unendlich vielen qualitativ bestimmten Stoffteilchen (
spermata
) bestehend dachte und als bewegende Kraft einen weltordnenden Geist (
nous
) ansetzte. Die
Atomisten
(Leukippos und Demokritos, 5. u. 4. Jahrh. v. Chr.) stellten zuerst die Theorie auf, daß die Materie aus qualitätslosen, durch Gestalt, Ordnung und Lage sich unterscheidenden kleinsten Bestandteilen, den Atomen, bestände.
Platon
(427-347) setzte den Stoff als das Nichtseiende in Gegensatz zu den Ideen (den allgemeinen Begriffen), denen das substanzielle Dasein innewohnt; auch die Metaphysik des
Aristoteles
(384-322) beruht auf dem Gegensatz von Stoff und Form. Die Materie, der Stoff, ist das, was nur der
Möglichkeit
nach existiert (
dynamis
), die Form dagegen das Wirkliche (
energeia
), die Veränderung ist der Übergang aus jener in diese. Über das Verhältnis von Materie und Form stritt das ganze Mittelalter; ein Teil der Philosophen nahm eine Bestimmung der Materie durch die Form, der andere eine Entwicklung der Form aus der Materie an. Durch
Cartesius
(1596-1650) ward die Materie wieder neu bestimmt; da er den Gegensatz zwischen Denken (Geist) und Ausdehnung für einen metaphysischen, für den zweier Substanzen ansah, so erklärte er die Materie für die ausgedehnte Substanz im Gegensatz zum Geiste, der denkenden Substanz. Demgemäß leitete er alle körperlichen Vorgänge aus räumlich-mechanischen Veränderungen ab.
Leibniz
(1646-1716) setzte an Stelle der Ausdehnung die Raumerfüllung, die nur durch tätige Kraft erfolgen kann, und fand die einzig tätige Kraft im Vorstellen. So gestaltete er die realen Dinge zu Seelenmonaden mit Vorstellungsgkräften um; die Materie war ihm daher nichts Reales, sondern nur die verworrene Vorstellung eines Aggregats von Monaden.
Der Materialismus
(s. d.) suchte im Gegensatz zu dem Leibnizschen Idealismus alles geistige Leben aus leiblichen Funktionen zu erklären und das ganze Dasein in Materie aufzulösen. Er stützte sich besonders auf die durch die Naturwissenschaft erneuerte alte Hypothese der Atome, welche zwar materiell, aber auch zugleich physisch unteilbar sein sollten.
Kant
(1724-1804) ließ dasjenige, was der Materie als dem im Raum Beweglichen eigentlich zu Grunde liege, auf sich beruhen, suchte aber die Undurchdringlichkeit und Kohäsion der Materie dynamisch durch anziehende und abstoßende Kräfte zu erklären. Die Identitätsphilosophie von
Hegel
(1770-1831) und
Schelling
(1775-1854) konstruierte die Materie aus einer Spannung relativ geistiger Kräfte oder Potenzen und erklärte Geist und Materie als an sich identisch, nur verschieden in der Erscheinung.
Herbart
(1776-1841) ließ die Materie aus nichtausgedehnten mit der Kraft der Selbsterhaltung ausgestatteten Realen bestehen, die in gewissen Fällen zu chemischer Vermischung gelangen sollen. – An der Materie, der Substanz der Physik und Chemie, finden wir Masse, Ausdehnung im Raume, Form, Volumen, Gewicht, aber sie selbst fassen wir damit ebensowenig wie durch Teilung in kleinste Teilchen; wir bleiben dabei immer außerhalb derselben und dringen nicht in ihr Inneres ein. Dieses können wir uns nur als einen räumlich geordneten Komplex von Energien denken, und auch mit diesem Begriff sind wir nicht befriedigt; denn wir eliminieren damit eigentlich den Begriff der Materie vollständig. So stehen wir mit den philosophischen Begriffen Materie und Form, Stoff und Kraft, Substanz und Energie, die mit einander zusammenhängen, wie mit vielen anderen Begriffen am Ende der Erkenntnis. Wir arbeiten mit diesen Begriffen allenthalben, aber können sie nicht anders als psychologisch ableiten und nicht von inneren Widersprüchen vollkommen befreien, noch über eine wenig besagende inhaltlose Erklärung hinausbringen. (Siehe Ursache, Substanz.) Kraft nennen wir dasjenige an einem Dinge, was wir durch bestimmte Wirkungen auf andere Dinge erkennen, Form ist das Ergebnis der Einwirkung der Kraft, Stoff dasjenige an einem Dinge, was unmittelbar in der Empfindungsqualität unserem Bewußtsein gegeben ist. Die Form liegt vor in Zahl, Zeit und Raum, der Stoff in allem, was den Inhalt derselben ausmacht. –
Nach den neusten naturwissenschaftlichen Auffassungen
ist die Materie tatsächlich nichts anderes als »
Träger der Energie
« ja vielleicht nur eine besondere
Form der Energie
. Die Richtigkeit dieser Annahme ist wegen des unendlich kleinen Quantums Materie, welche bei der Erscheinung der verschiedenen Strahlungen dissoziiert wird, zur Zeit noch nicht nachweisbar. Sagt man also z.B., das Radium sende materielle Strahlen aus, so ist dies so zu verstehen, daß es Strahlen entsende, welche die Eigenschaft der Masse im heutigen Sinne habe. Nun besteht nach Thomson die Materie, beziehungsweise das Atom derselben aus Einheiten der
Elektrizität
, aus Elektronen (s. d.), in welche die Atome bei gewaltsamer Trennung wieder zu zerfallen vermögen. Demnach versteht man unter der Strahlung des Radiums nichts anderes, als daß es Elektronen entsendet, aus deren Wirkung. auf den Äther die merkwürdigen Eigenschaften, welche es besitzt, sich ergeben. Vgl. strahlende Materie. F. A.
Lange
, Gesch. des Materialismus. 6. Aufl. 1896.
Ostwald
, Vorlesungen über Naturphilosophie. 3. Aufl. Leipzig 1905.
materiell / material
materiell
oder
material
heißt stofflich, körperlich, wesentlich, inhaltlich, sachlich (Ggs. formal und formell), sinnlich (Ggs. ideell, geistig).
Mathematik
Mathematik
(gr.
mathêmatikê
sc.
epistêmê
), eigtl. Wissenschaft überhaupt, heißt die Quantitätslehre. Alle Bestimmung von Quantitäten erfolgt aber durch Zahlen und anschaulich gegebene Größen. Die Mathematik ist also die Wissenschaft von den Zahlen und den Größen. Die Größen können Raum-, Zeit-, Bewegungs- oder Kraftgrößen sein. Das allgemeinste grundlegende Gebiet der Mathematik ist die Lehre von den
Zahlen
(
Arithmetik
und
Algebra
). Zahlen sind diejenigen Verbindungen gleichartiger Vorstellungen oder Objekte (Einheiten) im Bewußtsein, in denen jedes dieser Objekte als niedere Einheit getrennt für sich bestehend und zugleich doch alle Objekte im Bewußtsein auf einmal zu einer Einheit verbunden gedacht werden. In der Zahl liegt also ein Bewußtsein zugleich stattfindender Trennung und Verbindung, der Begriff des Ganzen und seiner Teile. Zahlen sind die abstraktesten Formen, in denen das Gesetz des diskursiven Denkens (Trennen und. Verbinden) zum Ausdruck kommt und für die Anwendung auf Größen geformt wird. Die Arithmetik ist daher der Teil der Mathematik, auf den sich alle anderen stützen. Ohne Zahlenbestimmungen und Rechnungsoperationen läßt sich im Gebiete der Größen nicht arbeiten. Einen Hauptteil der Mathematik bildet dann zweitens die Lehre vom Räume (
Geometrie
). Aber Arithmetik und Geometrie machen nicht die Gesamtmathematik aus und stehen nicht im Verhältnis der Beiordnung. Vielmehr wendet die Geometrie überall die Gesetze der Zahlenlehre an, und mit der
Kombinations
– und
Reihenlehre
tritt der Begriff der
Succession
und der Zeit, mit der
Differential
– und
Integralrechnung
der Begriff der
Veränderungs
-, der
Bewegungsgrößen
in die Mathematik ein. Werden Zahl, Raum-, Zeit-, Bewegungsgrößen zusammengefaßt, so dienen sie zur Bestimmung der
Kraftgrößen
(siehe das über das CGS-System unter Maß Gesagte). So bildet die Mathematik eine Fülle von Einzelgebieten aus und läßt Anwendungen in allen Wissenszweigen zu, wo Größenbestimmungen nötig sind, namentlich im Gebiete der Astronomie,
Geodäsie, Physik
usw. – Die
Methode
der Mathematik ist im wesentlichen
deduktiv
. Sind die Grundbegriffe eines ihrer Gebiete gegeben, so läßt sich aus diesen schrittweise die ganze Wissenschaft folgern; von der Idee der Zahl z.B. kommen wir schrittweise zum Aufbau der Zahlenreihe, zu der Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division, Potenzierung, Radizierung, Logarithmierung und könnten von da aus weiter noch höhere Rechnungsarten entwickeln. Aber die
Grundbegriffe
der Mathematik
beruhen
ebenso
auf der Erfahrung
wie die Begriffe anderer Wissenschaften. Die Mathematik ist wohl im Aufbau und in der Methode rational, nicht aber in ihrem Ursprunge. Zahlen bauen sich nur auf Empfindungsgrößen, Raumgebilde nur auf Anschauungen der Erfahrung auf. Der deduktive Charakter der mathematischen Methode hat vielfach über ihr Wesen getäuscht, sie als reine Vernunftwissenschaft erscheinen lassen, für die sie Kant nahm, und die Philosophie hat andrerseits vergeblich versucht, sich mit mathematischer Methode aufzuhelfen. Mathematik und Philosophie berühren sich nur wenig. Die Aufgaben der Philosophie sind viel reicher als die der Mathematik. Sie will ein Weltbild liefern und nicht nur Quantitätsverhältnisse bestimmen; aber es gibt ein Grenzgebiet beider Wissenschaften, die Klarlegung des Wesens von Zahl, Raum, Zeit, Bewegung, Kraft usw. Hier greifen sie ineinander.
Pythagoras
(580 bis um 500) wollte allerdings das Wesen aller Dinge in der Zahl finden und so Mathematik und Philosophie auf ein Prinzip zurückführen,
Platon
(427-347), der keinen Nichtmathematiker (
ageômetrêtos
) als Schüler aufnehmen wollte, faßte ebenfalls gelegentlich die Ideen als Zahlen auf, und die Neuplatoniker schlössen sich noch enger an die pythagoreische Lehre an.
Descartes, Spinoza, Leibniz, Wolf
strebten danach, der Philosophie durch mathematische Methode, die ersteren beiden durch geometrische Methode, die letzteren durch einen calculus universalis, mehr Evidenz zu geben, und
Herbart
(1776-1841) hat die Mathematik besonders auf die Psychologie angewandt, ohne überhaupt eine Maßeinheit für psychologische Größen zu besitzen. Aber gerade die Geschichte der Philosophie zeigt, daß die Verirrung in mathematische Spekulationen und die Anwendung der mathematischen Methode dem Philosophieren eher hinderlich als förderlich ist. Kant hat demgemäß in der Kritik der reinen Vernunft im II. Teile in der Methodenlehre (I. Abschn. v. d. Disziplin d. r. V.) scharf die Methode der Mathematik und Philosophie geschieden. Mathematik ist ihm Wissenschaft aus der Konstruktion der Vernunftbegriffe in der Anschauung, Philosophie Wissenschaft aus reinen Vernunftbegriffen. Vgl.
Zahl
. G.
Michaëlis
, über Kants Zahlbegriff. 1884. Über Stuart Mills Zahlbegriff. 1888.
Maxime
Maxime
(lat. maxima scil. propositio) heißt eine Art der Grundsätze des menschlichen Handeins. Im Unterschied von den Gesetzen und Imperativen sind die Maximen subjektive Regeln. Jene sind für jedes vernünftige Wesen, diese nur für den Willen des einzelnen gültig. (Siehe Kant, Kr. d. pr. V., S. 36.)
Maya
Maya
ist in der Brahmanenlehre die Göttin des Scheines und der Illusion, durch die der Trug der sinnlich erscheinenden Welt entsteht. Schopenhauer (1788-1860) spricht in seiner »Welt als Wille und Vorstellung«, um die Erscheinungswelt zu charakterisieren, öfters vom »Schleier der Maya«.
Mechanismus
Mechanismus
(nlt., franz. v. gr.
mêchanê
= Maschine) nennt man, im Unterschied vom Organismus, ein Wesen, das nur durch äußere Kräfte, also Druck und Stoß, in Bewegung gesetzt wird. Mechanismus heißt ferner die Weltansicht, welche das Geschehen in der Natur nur auf Ursachen und Kräfte zurückführt und alle Zweckerklärungen ausschließt. Ihr Gegensatz ist die
Teleologie
(s. d.). Vgl.
Lamettrie
, L'homme machine. 1748.
medicina mentis
medicina mentis
(lat.), Heilkunde des Geistes, ist nur ein bildlicher Name für die Logik (s. d.).
Meditation
Meditation
(lat. meditatio) bedeutet Nachdenken, sinnende Betrachtung.
Medium
Medium
, s. Spiritismus.
medius terminus
medius terminus
, s. Mittelbegriff.
Megariker
Megariker
, s. Eristik.
Meineid
Meineid
, s. Eid.
Meinung
Meinung
(lat. opinio, gr.
doxa
) heißt das Fürwahrhalten des Unbewiesenen. Das Meinen liefert also nur problematische Urteile über eine Sache. Es unterscheidet sich vom Glauben und Wissen nicht inhaltlich, sondern hinsichtlich des Grades der Überzeugung, den es ausdrückt. Die Meinung kann sich jeden Augenblick in Glauben oder auch Wissen verwandeln. Zu den Meinungen gehören auch die Konjekturen und Hypothesen. – Die
öffentliche Meinung
ist das Urteil, welches die Menge über etwas fällt. Da die Menge aber von beschränkter Urteilsfähigkeit ist, so darf man ihre Meinung nicht überschätzen, andrerseits aber auch nicht verachten, weil sie nicht ohne Einfluß ist.
Melancholie
Melancholie
(gr.
melancholia
v.
melas
= schwarz u.
cholê
= Galle) heißt die Seelenkrankheit (Psychose), welche in dem Hange, sich traurigen Vorstellungen hinzugeben, besteht. Sie entsteht meist allmählich. Der Schlaf wird unruhig, die Träume werden unangenehm, der Appetit wird schlecht, die Arbeitslust erlahmt. Der Mensch fühlt eine allgemeine Depression seines Ichs, ohne daß er die Kraft hätte, sie abzuschütteln. Befürchtungen, Versündigungs- und Verfolgungsideen tauchen auf. Schwäche und Schweigsamkeit, Hoffnungslosigkeit sind die Kennzeichen des Melancholikers. Zuweilen treten auch Angst- und Tobsuchtsanfälle auf. Die Erkennung der Umgebung pflegt aber meist nicht wesentlich getrübt zu sein. – Ursachen der Melancholie sind entweder wirkliches oder eingebildetes Unglück, fixe Ideen (über Gott, Ehrgeiz, Liebe) oder körperliche Störungen in der Verdauung und Blutbereitung. Namentlich ist die Melancholie die Psychose der ersten Rückbildungsstufe. Sie tritt daher oft bei Frauen in den Wechseljahren ein. Nachdem das Leiden seinen Höhepunkt erreicht hat, tritt entweder allmähliche Genesung oder dauernde Verblödung ein. Vgl.
Hellpach
, Die Grenzwiss. d. Psychologie. Leipzig 1902, S. 384 f. v.
Krafft
-
Ebing
, Die Melancholie. 1874. J. L. A.
Koch
, Psychiatrische Winke für Laien. 1880. J.
Weiß
, Kompendium d. Psychiatrie. 1881.
melancholisches Temperament
melancholisches Temperament
, s. Temperament.
Memorieren
Memorieren
(lat.) heißt die mit Absicht und methodisch vollzogene Aneignung von Vorstellungen. Das Memorieren ist also ein Aneignen und Einprägen zum Zweck der willkürlichen Reproduktion. Es will auf das Gedächtnis eine solche Einwirkung üben, daß es nicht nur, wie da, wo es unbeeinflußt wirkt, unwillkürlich, sondern willkürlich funktioniert, zur Erinnerung wird. Es geschieht dies durch Wiederholung und Einübung, sowie durch Umwandlung assoziativer Verbindungen in gewollte apperzeptive, welche die gegebenen Verbindungen zu befestigen und auf eine neue Weise zu der alten Ordnung zu verknüpfen imstande sind.
Kant
(1724-1804) unterschied
mechanisches, judiziöses
und
ingeniöses
Memorieren. Während das erste, aus buchstäblicher Wiederholung hervorgehend, die Vorstellungen einfach aneinanderreiht, ohne auf den Inhalt Rücksicht zu nehmen, achtet das zweite auf die innere Zusammengehörigkeit der Vorstellungen, ihren logischen und sachlichen Zusammenhang, ihre Einteilung und systematische Ordnung; das ingeniöse Memorieren endlich verbindet Vereinzeltes auf künstliche (zuweilen witzige) Weise assoziativ nach Ähnlichkeit und Kontrast, und symbolisch durch Erfindung eines Zeichens. Alle diese Kunstgriffe anzuwenden ist Sache der Mnemotechnik (s. d.) oder Anamnestik. Die sicherste Art des Memorierens ist jedenfalls die judiziöse. Vgl. Gedächtnis, Erinnerung. Kant, Anthropologie § 31.
Mensch
Mensch
(ahd. mannisco, substantiviertes Adj. [menschlich], abgel. von mann, dessen Grundbedeutung nicht feststeht) ist das leiblich und geistig vollkommenste aller organischen Wesen auf der Erde. Der Mensch hat das ausgebildetste Nervensystem und Gehirn; seine Glieder, welche symmetrisch geordnet sind, und die Richtung seiner Wirbelsäule bedingen den aufrechten Gang, er übertrifft alle Tiere durch seine Sprachfähigkeit und seinen Verstand. An Körperstärke wird er von manchem Tiere weit überholt; auch haben diese vor ihm vielfach die Ausstattung mit natürlichen Waffen voraus. Aber gerade durch seine Hilflosigkeit, Nacktheit und physische Schwäche wird der Mensch zur Ausbildung seines Verstandes genötigt. Er entwickelt sich langsamer als alle Tiere; aber um so höher reift sein inneres Wesen, und er allein kommt unter allen Klimaten fort und nährt sich durch die mannigfaltigste Nahrung.
Vor allem aber unterscheidet sich der Mensch von den Tieren dadurch, daß er sich zur
Person
herausbildet, d.h. zu einem selbstbewußten freien Wesen, das sein eigner letzter Zweck ist. Während jene in die ihnen angeborenen Instinkte und Vorstellungskreise gebannt bleiben, entwickelt er seinen Geist zu größerer Feinheit, Fülle und Tiefe. Sein Denken verwandelt die Empfindungen und Anschauungen durch Reproduktion und Verallgemeinerung in Vorstellungen, Begriffe und Ideen; es verbindet sie zu Urteilen und Schlüssen; es macht Versuche, stellt Hypothesen auf und konstruiert Systeme. Alles das geschieht mit Hilfe des Verstandes und der Sprache, welche sich von Geschlecht zu Geschlecht vererben, fortentwickeln und vervollkommnen. Durch Vernunft erhebt sich sein Wille über das dunkle, blinde Triebleben, durch jene erhält er Motive, welche ihn von diesem frei machen, und Wissenschaft und Sittlichkeit führen ihn zum religiösen Glauben hin. – Der Mensch ist aber nicht bloß ein leiblich-geistiges, sondern auch ein soziales Wesen (
politikon zôon
Aristot. Pol. I, 2 p. 1253 a 7). Durch Geschlecht und Sympathie wird er zur Ehe, zur gesellschaftlichen Verbindung, zur Staatengründung geführt. Das soziale Leben des Menschen in seinem Fortschreiten bildet die Geschichte der Menschheit. Eine Charakteristik des Menschen gab
Herder
(1744-1803) in seinen »Ideen zur Geschichte der Menschheit« (1784-1791), ferner
Kant
(1724-1804) in seiner »Anthropologie in pragmatischer Hinsicht abgefaßt«. Königsberg 1798. Eine Charakteristik des Menschen zu geben, welche die ideale Fähigkeit desselben philosophisch bestimmen und empirisch ermitteln sollte, um in die praktische Spitze einer Theorie der Menschenbildung auszulaufen, war vor allem auch das Ziel W. v.
Humboldts
(1767-1835), und er hat diese Idee teilweise durch seine Sprachphilosophie verwirklicht. Vgl. Anthropologie, Geschichte, Geist, Tier, Humanität, Gesichtswinkel, Makrokosmos.
Huxley
, Stellung des Menschen, dtsch. v. Carus. Braunschweig 1863.
Joh. Ranke
, Der Mensch. Leipzig 1886.
Menschentum
Menschentum
, s. Humanität.
Mentalreservation
Mentalreservation
(nlt. reservatio mentalis) ist der bei einer Erklärung, die öffentlich abgegeben wird, in Gedanken gemachte Vorbehalt. Die Mentalreservation ist rechtlich ungültig und sittlich verwerflich.
Merkmal
Merkmal
(nota) oder Prädikat ist eine Vorstellung, die zur Bestimmung einer anderen dient. Jeder Begriff (notio) wird durch eine Reihe von Merkmalen bestimmt; man analysiert (zergliedert) ihn also, indem man diese aufsucht. Durch diese Zergliederung wird er
deutlich
. –
Widerstreitend
heißen zwei Merkmale, wenn sie sich aufheben, wie gut und böse,
einstimmig
, wenn sie, wie gut und schön, miteinander bestehn können.
Konstitutiv, absolut, primitiv
oder
wesentlich
heißt ein Merkmal, ohne welches ein Begriff überhaupt nicht denkbar ist.
Korrelativ
heißen diejenigen Merkmale, die sich gegenseitig erfordern.
Mesmerismus
Mesmerismus
, s.
Magnetismus
.
Metabase
Metabase
(gr.
metabasis [eis allo genos]
) heißt in der Logik (Arist, de cael. I, 1. p. 268 b 1) ein Fehler, der darin bestellt, daß man beim Disputieren und Beweisen nicht bei der Sache bleibt, sondern von einem aufs andere überspringt. In der Rhetorik bedeutet Metabasis soviel als Abschweifung. Vgl. Quint. Inst. or. IX, 3, 25: Fas omne abrumpit, Polydorum obtruncat et auro vi potitur.
Quid non mortalia pectora cogis auri sacra fames
? (Vgl. Aen. III, 55 ff.) Ii qui tam parva momenta nominibus discreverunt,
metabasis
vocant.
metamathematisch
metamathematisch
heißen die Spekulationen, welche sich mit der Untersuchung nicht-euklidischer Räume, wie z.B. des pseudosphärischen, hyperbolischen und der mehrdimensionalen beschäftigen. Unser dreidimensionaler Raum, in dem ein Punkt durch drei voneinander unabhängige Variable (oder durch Abstände von drei aufeinander senkrechten Koordinaten) bestimmt ist und in dem das Parallelenaxiom gilt, ist nicht der einzig denkbare, obwohl der einzig vorstellbare, sondern nur eine Spezies des allgemeinen analytischen Begriffs, einer n-fach bestimmten Mannigfaltigkeit. In einem Räume von n Dimensionen würde jeder Punkt durch n voneinander unabhängige Variable bestimmt. Ein Raum von vier Dimensionen z.B. ist logisch denkbar, wenn auch nicht vorstellbar. Zu einer wirklichen Definition des Raumes führen die metamathematischen Spekulationen nicht, und die Theorie n-dimensionaler Räume oder solcher Räume, in denen die Summe der Dreieckswinkel nicht 180° groß ist, hat keinen wirklichen Erkenntniswert; aber sie haben die Bedeutung, daß sie zeigen, daß unser Raum uns nicht unabhängig von der Erfahrung gegeben ist, und daß die geometrischen Axiome nicht absolute Notwendigkeit in sich schließen, sondern auch nur Hypothesen sind, wenn auch solche, die sich überall durch die Erfahrung bestätigt haben. Übrigens stammt die Idee andersartiger Räume, als der euklidische ist, nicht erst, wie gewöhnlich behauptet wird, von Gauß, Riemann, Lobatschewsky usw. her, sondern von
Kant
(1724-1804), der sie in seinen vorkritischen Schriften hinwirft. Vgl.
Kant
, Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte (1747) § 9 ff. v.
Helmholtz
, Ursprung und Bedeutung d. geom. Axiome. Braunschw. 1876.
Liebmann
, Zur Analysis d. Wirklichkeit. 2. Aufl. 1880. B.
Erdmann
, Die Axiome der Geometrie. Leipzig 1877.
Metapher
Metapher
(gr.
metaphora
), eigtl. Übertragung, dann Bild, heißt die Vertauschung des gewöhnlichen Ausdrucks mit dem bildlichen, z.B. Balsam statt Trost, Klemme statt Verlegenheit. Die Sprache, selbst die philosophische, ist reich an Metaphern. Es gibt verschiedene Arten der Metapher. Man setzt z.B. einen sinnlichen Ausdruck für den anderen (ein Wald von Masten); oder man vergeistigt das Sinnliche durch Personifikation (das Meer tobt); oder man versinnlicht das Geistige (die Säule des Staates); oder man vertauscht ein geistiges Bild mit einem andern (Kraft ist dein Wort).
Metaphorisch
bedeutet bildlich, uneigentlich.
Metaphysik
Metaphysik
(gr.
ta meta ta physika
= die Bücher des Aristoteles hinter der »Physik«) heißt die Wissenschaft, die es mit den letzten Gründen alles Daseins zu tun hat, also mit dem, was über der Natur, was hinter der Erscheinungswelt liegt, was die eigentliche Wirklichkeit ausmacht.
Aristoteles
(384-322) nannte sie »Weisheit« oder »erste Philosophie« (
sophia, prôtê philosophia
). Diese Wissenschaft ist der älteste Teil der Philosophie. Solange Menschen sind, haben sie nach dem Wesen, Grunde oder Zwecke der Dinge gefragt, nach dem, »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Sie ist auch der schwierigste, immer neue Lösungsversuche herausfordernde und der wichtigste Teil der Philosophie; denn sie behandelt die Fundamentalbegriffe, welche von allen anderen Wissenschaften vorausgesetzt werden: Wirklichkeit, Sein, Werden, Raum, Zeit, Bewegung, Ding, Veränderung, Ursache, Wirkung, Grund, Folge, Zweck, Kraft, Stoff usf. und somit alle die großen Rätsel- und Grundfragen des Daseins. Daß über die letzten Begriffe des Daseins die Ansichten sehr auseinandergehn müssen, ist natürlich; daher ist die Geschichte der Metaphysik die der theoretischen Spekulation überhaupt. Viele Philosophen, so zum Beispiel die Skeptiker, die Naturalisten und Positivisten, lehnen die Metaphysik gänzlich ab, aber die meisten Denker haben doch nach Metaphysischem Abschluß ihrer Weltansicht gestrebt. Nachdem die
Hylozoisten
(5. Jahrh. v. Chr.) einen einzelnen mit Kraft belebten Stoff als Prinzip angenommen hatten,
Pythagoras
(580 bis um 500) die Zahl als das Wesen der Welt betrachtet,
Herakleitos
(um 500 v. Chr) die Welt in einen ewigen Werdeprozeß, die
Eleaten
(6. u. 5.Jahrh.) in ein starres unveränderliches Dasein umgewandelt,
Empedokles
(484-424) Mischung und Entmischung der Stoffe durch Liebe und Haß,
Anaxagoras
(500 bis 428) Stoff und ordnenden Geist angesetzt hatte, bemühten sich
Platon
(427-347) und
Aristoteles
(384-322) um die Feststellung des Verhältnisses von Materie und Geist, Stoff und Form Einzelnem und Allgemeinem.
Platon
schrieb den allgemeinen Begriffen Dasein zu und nannte sie Ideen.
Aristoteles
gab den allgemeinen Begriffen nicht Sonderexistenz, sondern verlegte sie in das Einzelne. Den Stoff aber dachte er sich als ein Mögliches, noch nicht Wirkliches, in beständiger Fortentwicklung zur Form, dem eigentlich Wirklichen. Die Anschauungen dieser zwei Denker haben dann das
Mittelalter
beherrscht. Durch Hinzunahme christlicher Dogmen und empirischer Naturerkenntnisse wurden die metaphysischen Fragen noch komplizierter. In der neueren Philosophie waren die Lösungsversuche entweder
monistisch
(
Spinoza, Leibniz, Fichte, Schelling, Hegel, Herbart, Schopenhauer, v. Hartmann, Lotze, Fechner
), oder
dualistisch
(
Cartesius, Malebranche
). Daneben traten Philosophen wie
Locke, Hume
hervor, welche im Gründe der Metaphysik alle Berechtigung absprachen und, dem
Skeptizismus
huldigend, dasjenige, was die Metaphysik bisher gelehrt, für subjektive Aussagen unserer Vernunft ansahen.
Kant
(1724-1804) nahm eine eigentümliche Stellung zur Metaphysik ein, die ein Gemisch von Hinneigung und Seilen war. Er kam zu dem kritischen Resultat, daß wir die Dinge nicht erkennen, wie sie sind, sondern nur, wie sie uns erscheinen. Er schränkte also das Wissen auf das Erfahrungswissen ein und verstand unter wissenschaftlicher Metaphysik zunächst nur Vernunftkritik, aber er hatte ein darüber hinausweisendes metaphysisches Bedürfnis, neigte zum Idealismus und hielt an der Idee einer übersinnlichen intelligiblen Welt fest. So baute er die Metaphysik auf praktische Postulate auf und schuf eine Art
Ethiko
-
Metaphysik
(
Ethikotheologie
), eine Lehre vom höchsten Gute mit den Ideen Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Nach Kant haben
Fichte, Hegel, Schelling, Schopenhauer
usw. die Metaphysik wieder zum Kern der Philosophie zumachen gesucht. Nachdem aber
A. Comte
(1798-1857) verkündet hat, das metaphysische Zeitalter sei vorüber, haben sich viele der »exakten« oder »wissenschaftlichen« Philosophie gewidmet und die Metaphysik gemieden. Aber die Metaphysik ist weder überflüssig noch aussichtslos, wenn sie nur auf kritisch-exaktem Grunde ruht und sich bewußt ist) daß alle ihre Aussagen sich in den Formen unseres Bewußtseins bewegen müssen, und wenn sie die Resultate, welche die exakte Forschung erzielt, zu ausprechenden Hypothesen benutzt. Unter den Richtungen der Metaphysik ist die
dualistische
, die zwei Prinzipien, Körper und Geist annimmt, am wenigsten befriedigend. Sie ist auch in der neueren Philosophie eigentlich nur bei Cartesius und seinen Nachfolgern vorhanden gewesen, und soweit in der Kantischen Philosophie Dualismus lag, ist er sofort durch die deutschen Idealisten umgebildet worden. Im
Monismus
sind drei Zweigrichtungen denkbar, der
Realismus
, der
Idealismus
und die
Identitätsphilosophie
, die
Metaphysik
der
körperlichen, geistigen und absoluten Wirklichkeit
. In der Ausbildung der idealistischen Richtung, zu der auch die Resultate der Naturwissenschaft und der Erkenntnistheorie hinleiten, hat die deutsche Philosophie am meisten getan, und der deutsche Geist dürfte auch dauernd in dieser Richtung seine Befriedigung finden. Vgl.
Kant
, Prolegomena z. e. jed. künft. Metaphys. 1783.
Schwab
, Welches sind die Fortschritte, die die Met. seit Leibniz gemacht hat? 1796.
Herbart
, Einl. in die Philos. 1813.
Beneke
, Syst. d. Metaph. 1840.
Ulrici
, Glauben und Wissen. 1858.
Lotze
, Metaph. 1879.
Frohschammer
, die Phantasie als Grundprinzip. 1877.
Metapolitik
Metapolitik
(Neubild.) heißt die reine Spekulation über das Wesen des Staate, ohne Anlehnung an einen bestimmten empirisch gegebenen Staat.
Metempsychose
Metempsychose
(franz. métempsychose, vom gr.
metempsychôsis
, das von
meta
= um und
empsychoô
= beseelen abgeleitet ist), Umseelung, Seelenwanderung, heißt die Wanderung der menschlichen Seele durch verschiedene tierische und menschliche Körper. Die Annahme einer solchen Seelenwanderung beruht sowohl auf dem Pantheismus, der alles für beseelt hält, als auch auf dem Dualismus, wenn er die Erde als einen Straf- und Läuterungsort annimmt. Wir finden die Lehre von der Metempsychose oder Metensomatose (Körperwechsel) beim
Brahmaismus
und
Buddhismus
, bei der
ägyptischen Geheimlehre
, bei
Pherekydes
und
Pythagoras, Empedokles, Platon, Plotinos, Pindaros, Cicero
und
Vergilius
, auch in der
Kabbâla
, bei den
Manichäern, amerikanischen Wilden
und
afrikanischen Negern
. Schon Aristoteles hat dagegen das schlagende Argument geltend gemacht, daß sich die Seele nicht gleichgültig gegen ihren Körper verhalte. Vgl. Unsterblichkeit.
Methode
Methode
(gr.
methodos
v.
meta
= nach u.
hodos
= Weg) heißt das planvolle und zusammenhängende Verfahren zur Erreichung eines bestimmten Zweckes auf wissenschaftlichem oder auf praktischem Gebiete. Der Gegensatz dazu ist das planlose, unzusammenhängende Vorgehen, das von subjektiven Einfällen Willkürlichkeiten und Zufällen geleitet wird. Unentbehrlich ist die Methode für den Aufbau der Wissenschaft, so daß methodisch und wissenschaftlich dasselbe ist. Jede Wissenschaft bedarf aber einer eigenen Methode und muß sie für sich ausbilden. Die allgemein wissenschaftliche Methodenlehre ist dagegen ein Teil der Logik (s. d.). Sie unterscheidet im wesentlichen zwei Arten der Methode. Die Ableitung allgemeiner Gesetze aus einer Vielheit beobachteter Fälle ist die
induktive
Methode (s. Induktion). Sie ist die Methode mehrerer Gebiete der Naturwissenschaften. Die Ableitung dagegen von Folgerungen aus Prinzipien und Hypothesen durch Schlüsse ist die
deduktive
Methode (s. Deduktion). Sie ist die Methode der Mathematik. In vielen Wissensgebieten, wie z.B. der Physik, finden beide Methoden ihren Platz. Jene heißt auch
regressiv
oder
analytisch
, diese
progressiv
oder
synthetisch
oder
konstruktiv
. Je nachdem ferner das Ganze der Wissenschaft vorausgesetzt oder entwickelt, gegeben oder gesucht wird, unterscheidet man die
systematische
Methode von der
heuristischen
oder
genetischen
Methode. Die Anwendung einer falschen Methode führt die Wissenschaft auf Abwege oder hindert ihren Fortschritt (s. Mathematik). So war es z.B. ein
Irrweg des Spinoza und Wolf
, wenn sie die
mathematische Methode
, die von Erklärungen und Axiomen zu Lehrsätzen fortschreitet, für die einzig wissenschaftliche hielten und auf die Philosophie übertrugen. In dieser gilt ebenso der Weg von den Erfahrungen zu den Gesetzen wie das Entwickeln und Ausdenken der Ideen. Als kritische Methode bezeichnen wir die Methode Kants, die Funktionen der reinen Vernunft als die Formen von dem aus der Erfahrung herrührenden Bestandteile unserer Erkenntnis, dem Inhalte, abzusondern und ihren Bestand im einzelnen durch Analyse nachzuweisen;
dialektisch
nannte
Hegel
die von ihm angewandte Methode, die von einem Begriff zu dessen Gegenteil und von da zu einer höheren Synthese der Gegensätze, also von einer Position zu einer Negation und von da zu einer affirmativen Totalität emporsteigt (s. Dialektik).
Was den mündlichen
Vortrag einer Wissenschaft, den Unterricht
, betrifft, so unterscheidet man die
akroamatische
Methode (zum Anhören nötigende Vortragsmethode), (vgl. akroamatisch) von der
erotematischen
(dialogischen, katechetischen, Sokratischen, Fragemethode, Vgl. erotematisch). Nach der ersteren trägt der Lehrende im Zusammenhange vor, dem Hörer das Verständnis überlassend, nach der letzteren sucht er durch Frage und Antwort den Stoff dem Schüler schrittweise zu übermitteln. Innerhalb der schriftlichen Darstellung einer Wissenschaft unterscheidet man die darstellende und entwickelnde Methode.
Darstellend
heißt die Methode, welche das System einer Disziplin vorführt und der Regel das Beispiel folgen läßt,
entwickelnd
die, welche zur eignen Erzeugung der Gedanken anleitet und vom Beispiel zur Regel führt. Jene deckt sich im allgemeinen mit der systematischen, diese mit der heuristischen Methode. Die entwickelnde Methode ist besonders für die Darstellung der Philosophie geeignet. Endlich unterscheidet man noch die
gelehrte
M. von der
populären
, von denen sich jene an die Fachleute, diese an die Gebildeten überhaupt wendet. Den wissenschaftlichen Methoden reihen sich die
praktischen Methoden
an, die unaufzählbar sind. Zu zahllosen Methoden in der Gewinnung bestimmter Körper führt uns schon die Chemie und noch viel mehr die Praxis des Lebens. Vgl. W.
Wundt
, Logik II. 1881.
Stuart Mill
, induktive u. deduktive Logik, dtsch. von Schiel. 1849.
Mikrokosmos
Mikrokosmos
, s. Makrokosmos.
Mikromegas
Mikromegas
(franz. aus d. gr. geb.) bedeutet Kleingroß (»nom qui convient fort à tous les grands«); so heißt die Hauptperson in einem von Voltaire's (1694-1778) philosophischen Romanen, in welchem er die Widersprüche der Philosophen über das Wesen der Seele verspottet. Mikromegas ist ein Bewohner des Sirius, der 8 Meilen oder 120000 Fuß groß ist, der mit einem Bewohner des Saturnus (Fontenelle) eine Weltreise zum Jupiter, Mars und der Erde unternimmt, aber eingestehen muß. daß Weisheit und Begabung nicht mit der Körperlänge wachsen. Sein Eingeständnis ist, nachdem er erkannt hat, daß auch die Menschen der Erde, trotzdem sie ihm unendlich klein erschienen, eine Seele haben, in folgenden Worten gegeben: »
Je vois plus que jamais qu'il ne faut juger de rien sur sa grandeur apparente
. O Dieu, qui avez donné une intelligence à des substances qui paraissent si méprisables, l'infiniment petit vous coûte aussi peu que l'infiniment grand; et s'il est possible qu'il y ait des êtres plus petits que ceux-ci, ils peuvent encore avoir un esprit supérieur à ceux des superbes animaux que j'ai vus dans le ciel, dont le pied seul couvrirait le globe où je suis descendu.«
Milde
Milde
ist nachsichtiges, die Anforderungen beschränkendes Urteilen und Verhalten im Verkehr mit anderen.
Mimamsa
Mimamsa
heißt eins der indischen, philosophischen Systeme, das, von
Dschaimini
begründet, ethische Lehren gibt und eine Schöpfungtheorie ähnlich der neuplatonischen enthält, also pantheistische Züge in sich trägt. Vgl. A. Weber, Indische Literatur S. 210-220.
Mimesis
Mimesis
, s. Kunst, Nachahmung.
minor
minor
, s. major.
Misanthrop
Misanthrop
(gr.
misein
= hassen,
anthrôpos
= Mensch, davon gr.
misanthrôpos
= die Menschen hassend), Menschenfeind, heißt derjenige, welcher den Menschen als solchen haßt, verachtet und meidet.
Misanthropie
isoliert und macht unglücklich. Als Typen der Misanthropen sind besonders bekannt durch Shakespeares Drama
Timon von Athen
, über den Lukianos eine eigene Schrift verfaßt hat, und
Molièrés misanthrope
. Aller Pessimismus (s. d.) schließt einen gewissen Grad von Misanthropie in sich ein.
Mißbehagen
Mißbehagen
heißt eine Unlust, deren Gründe uns nicht deutlich bewußt sind. Vgl. Behagen.
mißfallen
mißfallen
heißt geistige Unlust erwecken. Die Ästhetik leitet den Begriff des Häßlichen von dem Begriff des Mißfallens ab.
Mißgunst
Mißgunst
ist die Gesinnung des einem anderen Übelwollenden.
Mißtrauen
Mißtrauen
ist die Geneigtheit, von anderen eher Böses als Gutes zu vermuten; Mißtrauen gegen uns selbst ist ein Mangel an Selbstvertrauen.
Mitbewegung
Mitbewegung
heißt 1. die instinktive Bewegung, mit welcher der Zuschauer oft- die Bewegung affektvoll Erregter, z.B. der Schauspieler, Tänzer n. dgl., begleitet; sie entsteht durch Übertragung einer Erregung von sensorischen auf motorische Bahnen, 2. die unfreiwillige Bewegung einzelner Muskeln gleichzeitig mit der gewollten Bewegung anderer Muskeln; sie entspringt aus der Übertragung des Reizes von einer motorischen Bahn auf die andere.
Mitfreude
Mitfreude
ist ein künstlich in Anknüpfung an den Begriff
Mitleid
gemachter, wenig gebrauchter Begriff. Man versteht unter Mitfreude die Lust an fremder Lust oder die selbstlose Teilnahme an der Freude anderer. Die Mitfreude ist schwer. »Zum Mitleid«, sagt
Jean Paul
, »genügt der Mensch, zur Mitfreude gehört ein Engel.« Der Egoist entschließt sich allenfalls zum Mitleid, nie aber zur Mitfreude; aber in der Praxis des Lebens gilt jenes mehr als diese, weil Mitleid leichter werktätig wird als Mitfreude. Vgl. Kant, Metaphys. d. Sitten §. 34.
Mitgefühl
Mitgefühl
ist die Nachempfindung fremder Gefühle, welche aus der lebhaften Vorstellung derselben entspringt. Indem wir uns an Stelle des anderen setzen, empfinden wir dessen Gefühle nach. Die Phantasie ist also der eine, die Gleichheit der Verhältnisse der andere Faktor dabei. Das allseitigste und innigste Mitgefühl empfindet z.B. eine Mutter für ihr hilfloses junges Kind in den ersten Lebensjahren desselben; später, wenn die Vorstellungskreise des Kindes und der Mutter sich sondern, empfindet diese weniger lebhaft mit ihm. Der Kummer weckt leichter unser Mitgefühl als die lebhaft geäußerte Freude. Kinder, Kranke, Mütter sympathisieren lebhaft miteinander. Greise, die sich bei reicher Lebenserfahrung rege Empfänglichkeit bewahrt haben, besitzen viel Mitgefühl. Das monogamische Familienleben entwickelt das Mitgefühl mehr als die Polygamie. Gehen die Vorstellungskreise weit auseinander, so hört das Mitgefühl auf. Der tragische Held muß uns verständlich sein, wenn anders wir mit ihm fühlen sollen. Asketen, Verdüsterte und solche, die durch sehr gute oder sehr schlechte Fügungen isoliert von der übrigen Welt sind, haben selten Mitgefühl. Die kühle Höflichkeit, die nicht auf fremde Vorstellungskreise eingehn will, untergräbt das Mitgefühl. Im ganzen ist das Mitgefühl durch die moderne Kultur gesteigert und zu einer Bedingung wirklicher Bildung geworden. Vgl. Gegengefühle, Sympathie, Mitleid, Mitfreude.
Mitleid
Mitleid
heißt die Teilnahme am Unglück anderer und die hieraus entspringende Bereitwilligkeit, den Leidenden zu helfen. Diese Art des Mitgefühls ist viel verbreiteter als die Mitfreude, weil die Mitfreude schwer ist, und weil sich im Mitleide zu der Unlust des Leidens auch eine Art von Lust (the luxury of pity), nämlich die Steigerung des Selbstgefühls, die aus dem Bewußtsein, anderen helfen zu können, entspringt, und das Bewußtsein, augenblicklich selbst nicht zu leiden, hinzugesellt; Mitleid schmeichelt dem Selbstgefühl und geht, wo es werktätig und bleibend wird, leicht in Liebe über, Mitfreude dagegen hat die Liebe schon zur Voraussetzung. Trübsinn und Kummer disponieren zum Mitleid; doch bleibt das so entstandene Mitleid meist nur kontemplativ; der Heitere und Glückliche entledigt sich desselben durch schnelle Tat. Stolz weist geschenktes Mitleid zurück, während Eitelkeit es sucht. Der gewöhnliche Mensch will lieber beneidet als bemitleidet sein. – Nach
Schopenhauer
(1788-1860, Die beiden Grundprobleme der Ethik) ist das Mitleid die einzige moralische Triebfeder, die Quelle aller freien Gerechtigkeit und aller echten Menschenliebe. Nach
Nietzsche
(1844 bis 1900) taugt das Mitleid gar nichts. Eine große Rolle in der Erörterung der ästhetischen Frage vom Wesen des Tragischen hat die Definition des Mitleids, die
Aristoteles
gibt, gespielt:
estô dê eleos lypê tis epi phainomenô kakô phtharktikô kai lypêrô tou anaxiou tynchanein ho kan autos prosdokêseien an pathein ê tôn autou tina, kai touto, hotan plêsion phainêtai
: Es sei Mitleid die Trauer über ein sichtbares, verderbliches und leidbringendes Übel, das jemand trifft, der es nicht verdient, und von dem man wohl vermuten könnte, daß man selber oder daß einer unserer Angehörigen es erleiden könnte, besonders wenn es nahe erscheint. Rhet. II 8, p. 1385 b 13 ff. Schon Lessing in der Dramaturgie (Stück 75) erörterte den Aristotelischen Begriff des Mitleids ausführlich.
Mittel
Mittel
heißt dasjenige, was zur Erreichung eines Zweckes (s. d.) dient. Es steht in der Mitte zwischen Wollen und Erreichen. Man
stellt
sich zunächst eine Wirkung
vor
und
begehrt
dieselbe (
Zweck
); hierauf
begehrt
man die
Ursache
oder den Ursachenkomplex, durch den diese Wirkung (Zweck) herbeigeführt werden kann (Mittel). Schließlich
führt
die in Tätigkeit gesetzte
Ursache
die
Wirkung herbei
; dann ist der
Zweck erreicht
. Das Vorstellen und Begehren des Zwecks verursacht also das Vorstellen und Begehren des Mittels. Der vorgestellte und begehrte Zweck ist die Ursache der Vorstellung und Begehrung des Mittels; aber das Mittel selbst ist die wirkliche Ursache des erreichten Zwecks. Mittel und Zweck setzen also die subjektive und objektive Welt zugleich voraus und stehen in einem
zwiefachen ursächlichen Verhältnis
. Der gewollte Zweck ist die Ursache des gewollten Mittels, und das reale Mittel ist die Ursache des realisierten Zwecks.
Aber Mittel und Zweck können auch in ein
doppeltes
subjektives und doppeltes objektives
Verhältnis des Gegensatzes
zueinander treten. Im
Subjekte
kommt der zwiefache Gegensatz zum Ausdruck, wenn man das Mittel begehrt, ohne den Zweck herbeizuwünschen oder wenn man den Zweck wünscht, aber das Mittel verabscheut. Das Geld z.B. will man im allgemeinen als Mittel erwerben, um bestimmte Wünsche zu befriedigen. Aber der Geizige begehrt das Geld, ohne es zu verwenden. Umgekehrt ist der Zweck der Arzenei die Heilung einer Krankheit. Aber der Kranke begehrt oft zwar gesund zu werden, weist aber doch jede Arzenei zurück. Im
Objekte
liegt der zwiefache Gegensatz, falls zwischen Mittel und Zweck kein entsprechendes Wertverhältnis stattfindet. Der Zweck kann gut, aber das Mittel schlecht, oder umgekehrt, das Mittel erlaubt, aber der Zweck verwerflich sein. Darum darf weder der Satz gelten: »Der Zweck heiligt das Mittel«, noch umgekehrt: »Das Mittel heiligt den Zweck«. Vgl. Zweck.
Mittelbegriff
Mittelbegriff
(terminus medius) heißt in der Syllogistik derjenige in beiden Prämissen eines Schlusses vorkommende Begriff, welcher den Zusammenhang zwischen den beiden anderen in je einer der Prämissen vorkommenden und im Schlußsatz verbundenen Begriffen, dem Subjekts- und Prädikatsbegriffe des Schlußsatzes, vermittelt. Bei natürlicher Denkweise sollte er stets auch dem Umfange der Begriffsverhältnisse nach zwischen dem Subjekte- und Prädikatsbegriff des Schlußsatzes liegen.
Mnemonik / Mnemotechnik
Mnemonik
oder
Mnemotechnik
(gr.
mnêmonikos
= das Gedächtnis betreffend v.
mnêmê
= Gedächtnis u.
technê
= Kunst) nennt man die Kunst, durch gewisse Mittel das Gedächtnis zu besonderen Leistungen zu bringen. Sie beruht auf den Gesetzen der Ideenassoziation und Apperzeption. Die Geschichte dieser anamnestischen Kunst hat drei Perioden. Die erste Periode ist die des
Altertums
. Als Erfinder der Mnemonik wird
Simonides
(558-468) genannt (Quintil. Instit. or. 11, 2, 11); doch die
Ägypter
kannten sie schon vorher; die
Sophisten
trieben sie eifrig, während Platon und Xenophon sie verachteten.
Aristoteles
dagegen schätzte sie wieder.
Cicero
und
Quintilianus
bandeln von ihr, empfehlen aber mehr eifriges Denken, Lesen und Schreiben. Die zweite Periode der Anamnestik ist die
Renaissancezeit
, in der sich fast alle bedeutenden Köpfe emsig damit beschäftigten, besonders
Celtes, Bruno
und
Mirandola
. Aretin zählt im 15. Jahrh. mehr als 50 Autoren der Mnemotechnik auf. Die dritte Periode, die
neuere Zeit
, urteilt wiederum durchschnittlich geringschätzig über die Mnemotechnik. Mögen selbst einzelne staunenswerte Leistungen durch Mnemonik erzielt werden, so hat sie doch für Schule, Wissenschaft und Leben keine Bedeutung, da sie zu sehr die blinde Ideenassoziation, zu wenig den Verstand in Anspruch nimmt. Die beste Art zu lernen ist das judiziöse Memorieren (s. d.). Vgl. Gedächtnis, Erinnerung, Einbildung, Phantasie. Vgl.
Aretin
, Mnemonik. 1810. H.
Kothe
, Lehrbuch der Mnemonik. 1852.
Derselbe
, Katechismus der Gedächtniskunst. 6. Aufl. Leipzig 1887.
Modalität
Modalität
(franz. modalité von lat. modus = Art und Weise) bezeichnet zunächst allgemein die Art und Weise, wie etwas geschieht oder gedacht wird. Nach Kant (1724-1804), der den Begriff enger faßt, ist Modalität eine Prädikatsbestimmung im Urteile, durch welche dem Subjektsbegriffe kein Merkmal hinzugefügt, sondern nur das Verhältnis zum Erkenntnisvermögen, die Art der Gewißheit der Urteile bezeichnet wird. »Die Modalität der Urteile ist eine ganz besondere Funktion derselben, die das Unterscheidende an sich hat, daß sie nichts zum Inhalte der Urteile beiträgt, sondern nur den Wert der Copula in Beziehung auf das Denken überhaupt angeht« (Kant, Kr. d. r. V., S. 74). Je nachdem im Urteile eine Sache für
möglich
(A kann B sein) oder für
wirklich
(A ist B) oder für
notwendig
(A muß B sein) erklärt wird, heißt das Urteil entweder
problematisch
oder
assertorisch
oder
apodiktisch. Möglichkeit, Wirklichkeit
und
Notwendigkeit
sind daher die
Modalitätsbegriffe
. Kant hält sie für besondere Funktionen, Stammbegriffe des Verstandes (s. Kategorien), aber kaum mit Recht. Die Modalität bezeichnet nur verschiedene Grade der Überzeugung von der Wirklichkeit eines Dinges. Auch ist der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Notwendigkeit im Naturgeschehn kaum aufrechtzuerhalten. Was in der Natur geschieht, muß auch geschehn, da das Kausalitätsgesetz Ausnahmen nicht duldet. Vgl. Kategorien, Notwendigkeit. Vgl.
Postulate des empirischen Denkens
und
Urteils
.
Mode
Mode
(franz. mode v. lat. modus) bezeichnet im weiteren Sinne dasjenige, was an einem Ort in bestimmter Zeit in Kleidung, Wohnung, Beschäftigung, Umgang usw. Sitte ist, im engeren Sinne die gerade
herrschende Art sich zu kleiden
. Der Wechsel und die Mannigfaltigkeit der Mode hängt von der Kulturstufe eines Volkes ab, von dem Reichtum der Industrie, dem Verkehr, den geographischen, politischen u. a. Verhältnissen. Je ärmer, unkultivierter, kleiner und isolierter ein Volksstamm ist, desto weniger wird die Mode bei ihm wechseln. Je reicher, kultivierter, größer und kommerzieller er ist, desto schneller ändert sich bei ihm die Mode. Nur Unkenntnis und Befangenheit wird den Wechsel der Mode lediglich verdammen. Die Mode belebt die Industrie und erfreut den regen Sinn der Menschen, welche Neues schauen und erfinden wollen. Der Wechsel der Mode ist uralt. Was der Ignorant als ehrwürdige Volkstrachten bewundert, sind Reliquien einer einst auch neuen Mode. Die Mode beherrscht die Männer ebenso wie die Frauen; selbst die Uniform ist ihr unterworfen. Der Pedant verwirft die Mode; der Verständige fügt sich ihr, soweit sie nicht anstößig ist, und hütet sich vor ihren Übertreibungen. Hohle Geister gefallen sich in den Exzessen der Mode. Aber das Anathem des Zeloten vermag ebensowenig gegen sie auszurichten, als die Persiflage des Humoristen. –
Modern
oder modisch, eigtl. der Mode gemäß, heißt neu, zeitgemäß. Vgl. H.
Hauff
, Moden und Trachten. 1840.
Weiß
, Geschichte des Kostüms, 1853 f.
Vischer
, Mode u. Cynismus. 1877.
Lessing
, der Modeteufel. 1885.
Modi
Modi
, s.
Schlußmodi
.
Modus
Modus
(lat.) ist die Alt und Weise eines Dinges zu sein (m. essendi) oder zu handeln (m. agendi). Da diese Art und Weise nun als das Unselbständige oder Veränderliche für nicht so wesentlich gehalten wird, wie die Substanz des Dinges, so wird oft Modus mit
Accidenz
(s. d.) gleichgesetzt.
Spinoza
(1632-1677) versteht dagegen unter Modus (Eth. I def. 5) »Zustände (affectiones) der Substanz oder das, was an einem anderen ist, durch das es auch vorgestellt wird«. »Per modum intelligo substantiae affectiones, sive id, quod in alio est, per quod etiam concipitur.« Er denkt sich die Modi nicht als etwas Positives, das zur Substanz hinzukommt, sondern als Negationen und Einschränkungen der Substanz (»omnis determinatio est negatio«), wie ein mathematischer Körper vermöge seiner Bestimmtheit eine Negation der unendlichen Ausdehnung ist. Die Modi entsprechen daher bei Spinoza den nicht wahrhaft wirklichen vergänglichen Einzeldingen.
Modus ponens / Modus tollens
Modus ponens
und
Modus tollens
heißen die beiden Arten hypothetisch-kategorischer Schlüsse, in denen ein hypothetisches und ein kategorisches Urteil verbunden ist. Jenes ist der Schluß von der Setzung des Subjektes (des Grundes) im Untersatze auf die Setzung des Prädikats (der Folge) im Schlußsatz; dieses der Schluß von der Aufhebung des Prädikate (der Folge) im Untersatze auf die Aufhebung des Subjekts (des Grundes) im Schlußsatz. Die Grundform ist:
1. Wenn A gilt, so gilt B;
A gilt;
----------------------
also gilt auch B
2. Wenn A gilt, so gilt B;
B gilt nicht;
----------------------
also gilt auch A nicht.
möglich
möglich
heißt dasjenige, was den Bedingungen, der Erfahrung entspricht. Wir unterscheiden das formal Mögliche und das
real
Mögliche. In erster Linie muß das Mögliche den
formalen
Bedingungen der Erfahrung, also den Denkgesetzen entsprechen. Demgemäß definiert
Kant
Kr. d. r. V., S. 218: »Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung übereinkommt, ist möglich.« Diese
logische
oder
formale
Möglichkeit ist die Denkbarkeit einer Sache. Das logisch Unmögliche ist also der Widerspruch in sich selbst (contradictio in adjecto). In zweiter Linie muß das Mögliche den
realen
Bedingungen der Wirklichkeit, also dem Inhalte der Erfahrung, den Gesetzen, die wir in der Außenwelt vorfinden, entsprechen. Das inhaltlich Denkbare heißt das
real
Mögliche. Die
reale Möglichkeit
ist aber nicht ein Zustand der Außenwelt – in ihr gibt es nur Wirkliches, nicht Mögliches; selbst potentielle Energie (s. d.) ist wirklich vorhandene Energie, nicht nur mögliche Energie –, sondern sie ist ein Verhältnis des menschlichen Gedankens zur
Wirklichkeit
. Es war also falsch, wenn
Aristoteles
(384-322) die reale Möglichkeit als ein rein physisches Verhältnis ansah und hiernach den Begriff der Materie bestimmte. Er verstand unter Materie das Mögliche, das Noch-nicht-Seiende, welches erst durch Hinzutritt der Form zum Wirklichen wird. So wird nach ihm eine Bildsäule erst durch die Form wirklich, während sie aus dem Stoffe nur werden
kann
. Die Materie ist nur »der Möglichkeit nach seiend« (
dynamei on
), die Form dagegen der Wirklichkeit nach seiend (
energeia on
) oder (
entelecheia on
). Aristoteles irrt aber, wenn er die Gestaltung des Stoffes durch die Form für den objektiven Übergang des Möglichen ins Wirkliche ansieht. Der Stoff, z.B. das Erz der Bildsäule, war, bevor er in die neue Form gebracht wurde, auch schon wirklich, auch schon geformt; nur in bezug auf das Kunstwerk
betrachten
wir ihn als formlosen Stoff. Der
subjektive
Begriff des Möglichen ist also von Aristoteles fälschlich in die
objektive
Welt hineingetragen. – Zu weit ist andrerseits die Definition der Möglichkeit, die
Chr. Wolf
(1679-1754) im Anschluß an Leibniz gegeben hat: »Möglich ist, was nichts Widersprechendes in sich enthält.« Sie bestimmt den Begriff der Möglichkeit nur rational ohne Beziehung auf die Erfahrung. – Wir unterscheiden auch das
psychisch
und das
moralisch
Mögliche. Ich kann manches, was ich nicht darf. Das psychisch Mögliche kann also geschehen, das moralisch Mögliche darf geschehen; jenes ist das
Ausführbare
, dieses das
Erlaubte
. Vgl. Form, Modalität, Kategorie. Vgl. F. A.
Lange
, Gesch. d. Materialismus I, 162 f.
Molekül
Molekül
(franz. molécule, mlat. molecula = Massenteilchen v. lat. moles = Masse) heißt oder hieß vielmehr von der Entdeckung chemischer Verbindungen ab bis in die letzte Zeit der kleinste Teil, in welchen ein chemisch zusammengesetzter Stoff, ohne seine Beschaffenheit zu ändern, auf physikalischem Wege zerlegt gedacht werden kann. Die Moleküle zusammengesetzter chemischer Stoffe mußten hiernach als auf chemischem Wege in die
Atome
(s. d.) ihrer Elemente zerlegbar gedacht werden. Die Moleküle galten somit also als physikalisch unteilbar, aber chemisch teilbar, die Atome als physikalisch und chemisch unteilbar. Einen chemisch einfachen Stoff (Element) dachte man sich dementsprechend als aus gleichartigen einfachen kleinsten, von den Bestandteilen aller andern Elemente verschiedenen Teilen (Atomen) zusammengesetzt, so daß so viel verschiedenartige chemische Atome angenommen werden mußten, als Elemente vorhanden sind. Die Entdeckung der Existenz chemischer Verbindungen hat also seiner Zeit zur Ergänzung des alten Begriffs der Atome, den schon die Griechen (Leukippos, Demokritos, Epikuros, Lucretius) aufgestellt haben, durch den neuen Begriff der Moleküle geführt. Da aber die Vereinigung der Atome chemischer Elemente zu Molekülen nach bestimmten Zahlen und Gewichtsverhältnissen stattfindet, deren Grundlage schon
John Dalton
(1804) gefunden hat, so hat die neuste naturwissenschaftliche Theorie auch noch die Atome als physisch zerlegt bezeichnet und zwar in Teile, welche man
Korpuskeln
nennt. (Vgl. Atom, Korpuskel, Elektronen, Ionen.)
Moment
Moment
(lat. momentum, entstanden aus movimentum), eigtl. Bewegung, Bewegung des Auges, Augenblick, heißt als männliches Substantiv zunächst
Zeitpunkt
; momentan heißt daher s. a. vorübergehend. In allen anderen Bedeutungen braucht man das Wort im sächlichen Geschlecht. –
Hegel
(1770-1831) nennt Momente die
einzelnen Begriffsbestimmungen
, die der dialektische Prozeß durchläuft. Jeder Begriff, jedes Ding ist Moment, d.h. vorübergehender Durchgangspunkt der Idee. – In der
Mechanik
ist das
statische Moment
einer Kraft das Produkt derselben in die Entfernung ihrer Richtungslinie vom Drehungspunkt. – Beim
Wollen
ist das Moment der
ausschlaggebende Grund
. – In einem
Drama
heißt Moment eine
wichtige Handlung
, an die sich bedeutende Konsequenzen anschließen. So redet man von einem erregenden Momente, einem tragischen Momente und von Momenten der letzten Spannung.
Monade
Monade
(gr.
monas
) heißt eigtl. Einheit, bezeichnet also den
Grund-Zahlbegriff
, aus dem alle anderen Zahlen entstehen, wie denn auch
Eukleides
sagt (Elem. 7, 1-2): Monade ist der Begriff, durch den ein jeder Gegenstand, der ist, eins genannt wird, und: die Zahl ist eine aus Monaden zusammengesetzte Vielheit,
Monas esti kath' hên hekaston tôn ontôn hen legetai. – 'Arithmos de to ek monadôn synkeimenon plêthos
. – Von vornherein aber verband die Philosophie mit dem arithmetischen Begriff auch eine
metaphysische
Bedeutung. So stellt
Pythagoras
(ca. 500 v. Chr.) Monas und Dyas (Einheit und Zweiheit) als
Prinzipien
nicht nur der Zahlen, sondern auch
der Dinge
auf.
Platon
(427 bis 347) verstand unter den Monaden oder Henaden
die Ideen
, die allgemeinen Begriffe, denen substanzielles Dasein zukommt, und welche die ewigen Wesenheiten der Dinge sind. Auch die Atome des Leukippos, Demokritos und Epikuros wurden als Monaden bezeichnet. Demgemäß nahm
Giordano Bruno
(1548-1600) als
Prinzipien
sog. Minima oder Monaden an, die ihm punktuell, doch nicht schlechthin unausgedehnt, sondern sphärisch und sowohl psychisch als auch materiell waren. Diesen Gedanken bildete
Leibniz
(1646-1716) um. Seine Monaden sind in sich geschlossene, vollendete, selbständige, punktuelle Einheiten (Entelechien), sich selbst genügend (mit Autarkie), ohne Wechselverkehr nach außen (sie haben »keine Fenster«), aber mit Vorstellungskraft. Sie sind unräumlich und dem Wesen nach
Seelen
; Leibniz nennt sie daher auch »âmes«. Der Form nach kommt also bei Leibniz der metaphysischen Substanz Einheit und Individualität zu, dem Inhalte nach Vorstellung. Diese hat aber verschiedene Grade: Sie ist bloße Perzeption, d.h. verworrene, zum Teil unbewußte Vorstellung, oder Apperzeption, d.h. Vorstellung mit Bewußtsein und Erinnerung, oder endlich noch mit Reflexion und dem Bewußtsein allgemeiner Wahrheiten verbundene Vorstellung. Obgleich Leibniz sich die Monaden als unveränderlich und ewig denkt, nimmt er doch im Widerspruch damit noch theistisch einen Gott als Urmonade an, deren Effulgurationen, die andern Monaden sein sollen. Den Zusammenhang zwischen den Monaden findet Leibniz in der prästabilierten Harmonie. (Vgl.
Kirchner
, Leibniz' Psychologie. 1875.) Sein Gedanke ward nach Kant, der die Monadenlehre Leibniz' in der Kr. d. r. V. bekämpfte (Amphibolie der Reflexionsbegriffe), wieder von
Herbart
(1776 bis 1841) aufgenommen, der als metaphysische Prinzipien die
Realen
aufstellt, d.h. einfache, unräumliche, quantitätslose, an sich unveränderliche Einheiten von einfacher Qualität. Aber diese Realen sind nicht wie bei Leibniz innerlich lebendig und mit Vorstellungskraft, sondern mit der Kraft der Selbsterhaltung wider Störungen ausgestattet. Obgleich die Realen von einfacher Qualität sind, so sind sie doch verschieden und bringen durch ihr »Zusammensein« alle körperlichen und geistigen Vorgänge hervor.
Lotze
(1817-1881) verband Spinozismus und Leibnizische Monadologie und nahm als das wirksame Reale in der Natur unendlich viele
diskrete Ausgangspunkte der Wirkungen an
, ließ aber diese
Kraftzentren
durch eine Substanz, die jedoch persönlich gedacht ist, umfaßt werden. Ähnliche Auffassungen der Monaden finden sich bei J. H.
Fichte
(1796-1879), M. Carriere. Vgl. J.
Frohschammer
, Monaden und Weltphantasie. 1879. Die Monaden werden also in der Regel als die letzten Bestandteile des Daseins, als unendlich an Zahl und als
metaphysische Einheiten
gedacht, während den entsprechenden physischen Einheiten in der Regel der Name Atom verbleibt. – Monaden im
naturwissenschaftlichen Sinne
sind nicht Atome, sondern so viel als
Korpuskeln
(s. d.).
Monarchie
Monarchie
, s. Staatsverfassung.
Monismus
Monismus
(v. gr.
monos
= einzig) heißt im Gegensatz zum Dualismus (s. d.) jedes metaphysische System, welches nur ein Prinzip annimmt, mag dies der
Stoff
(Realismus,
Materialismus
), der
Geist
(
Idealismus
, Spiritualismus) oder ein Drittes, das
Absolute
sein, dessen Erscheinungen Stoff und Geist sind (
Identitätsphilosophie
). In besonderer Bedeutung nimmt in neuerer Zeit das Wort Monismus die von
Haeckel
und
Noack
(der monistische Gedanke, Leipzig 1875) vertretene Auffassung, daß den Grundbestandteilen des Wirklichen sowohl Körperlichkeit als auch psychische Tätigkeit (Empfindung) innewohne, so daß sie zugleich geistig und materiell seien, für sich in Anspruch. Der Haeckelsche Monismus beruht auf materialistischer Grundlage, ist dem Hylozoismus (s. d.) der Griechen verwandt und entlehnt Züge aus dem Parallelismus Spinozas. Vgl. Metaphysik. Die monistischen Systeme unterscheiden sich im einzelnen dadurch, daß der Geist, Körper und das Absolute selbst wieder als eine numerische Einheit oder Vielheit gedacht werden, kann. Den Geist als Einheit hat z.B. Hegel genommen, als eine Vielheit von Ideen Platon, von Seelen Leibniz, den Körper als Einheit die Eleaten, als eine Vielheit von Homöomerien (s. d.) Anaxagoras, von Atomen Leukippos und Demokritos. Im Absoluten sah eine Einheit Spinoza, eine Vielheit Schleiermacher.
Monogamie
Monogamie
, s. Ehe.
Monogenesis
Monogenesis
(Neubild, v. gr.
monogenês
= allein geboren) heißt die Lehre, welche die Menschen von
einem
Urpaar abstammen läßt.
monolemmatisch
monolemmatisch
(v. gr.
monos
= einzig u.
lêmma
= Satz) heißt ein Schluß, der nur
einen
Vordersatz hat. Vgl. Enthymem.
Monomanie
Monomanie
(Neubild, v. gr.
monos
= allein u.
mania
= Wahnsinn) heißt diejenige Art von Wahnsinn, welche sich bei scheinbarer Unverletztheit der übrigen Geistesvermögen durch Festhalten
einer
bestimmten widersinnigen Idee oder durch fortdauernden einseitigen Trieb, verkehrte oder verbrecherische Handlungen zu begehn, äußert. Beispiele sind die Mord-, Stehl-, Brand-, Selbstmordsmonomanie. Doch wird oft moralische Verkehrtheit mit psychischer Krankheit verwechselt. Vgl. Seelenkrankheiten.
Monomerie
Monomerie
(gr.
monomereia
) heißt Einteiligkeit, Einfachheit.
monophyletisch
monophyletisch
(v. gr. geb.), einstämmig, heißt die Theorie, nach der alle Organismen von
einem einzigen
niederen organischen Wesen abstammen. Gegensatz ist: polyphyletische Hypothese.
Monotheismus
Monotheismus
(nlt. v. gr.
monos
= einzig u.
theos
= Gott) heißt der Glaube, daß das göttliche Wesen der Zahl nach nur eins sei. Gegensätze sind Dualismus und Polytheismus. Zum Wesen des Monotheismus gehört nicht unbedingt, daß man Gott sich als Person vorstelle, wie es der Theismus tut. Auch Pantheismus und Deismus sind monotheistisch. Doch ist der Theismus die natürlichste Form des Monotheismus. Die Vorstufe des Monotheismus ist dagegen der
Henotheismus
(s. d.), welcher zwar
einen Gott verehrt
, die Existenz anderer jedoch nicht leugnet. Der Monotheismus ist das Produkt des theoretischen und des ethischen Bedürfnisses. Die drei großen monotheistischen Religionen sind Judentum, Christentum und Islam.
Moral
Moral
(lat. mores = Sitten, davon abgeleitet moralis u. franz. morale) bezeichnet sowohl die Sittlichkeit als auch Sittenlehre. Vgl.
Ethik
. Ein Mensch ohne Moral ist s. a. ein unsittlicher Mensch; moralisch tot bedeutet s. a. ohne Ehre. Moralische Person ist dasselbe wie juristische Person, d.h. ein Begriffswesen, welches Rechte erwerben und ausüben kann. Moralische Wissenschaften bedeuten a. a. geistige Wissenschaften, die sich mit der Erforschung des geistigen Lebens beschäftigen; moralische Weltordnung ist nach J. G.
Fichte
der sittliche Zusammenhang der Welt; moralische Überzeugung ist die durch das Gewissen gebundene Überzeugung. Moralischer Beweis für Gottes Dasein ist der Beweis
Kants
, s. Gott.
Moralist
Moralist
bedeutet Sittenlehrer, Moralphilosoph, im tadelnden Sinne Sittenrichter. Moralisieren heißt sittliche Betrachtungen anstellen, den Sittenrichter spielen.
Amerikanische Moralisten
sind John Edwards (1703-1758), Rowland G. Hazard (Freedom of mind in willing 1864) und Ch. G. Shields Final (Philosophy 1879). Auch Adler und Salter heißen so, weil sie die Religion in die Moral gesetzt und »die Gesellschaft für ethische Kultur« begründet haben. Vgl.
Stanton
, »Die ethische Bewegung in der Religion«, dtsch. Leipzig 1890.
Moralität
Moralität
, s.
legal
.
Moralprinzip
Moralprinzip
heißt ein fundamentaler Satz, welcher als höchste Norm für den Willen aufgestellt wird. Man unterscheidet
formale
und
materiale
Moralprinzipien; jene berücksichtigen nicht das Objekt und Ziel des Handelns, sondern nur die Art der Willensbestimmung (z.B. Kants kategorischer Imperativ); diese fassen das Objekt der Handlung, Ihren realen Zweck ins Auge (Glück, Güte, Vollkommenheit u. dgl.).
Gemischte
Moralprinzipien berücksichtigen beides. Die materialen Prinzipien sind stets
empirisch
, d.h. aus der Erfahrung abgeleitet, und zwar 1.
eudämonistisch
, wenn sie das Wohl des einzelnen (Aristoteles) oder der ganzen Gesellschaft erstreben (Epikur, Bentham); 2.
rational
oder idealistisch, wenn sie die Quelle der Sittlichkeit in der Vernunft suchen (Leibniz, Herbart); 3.
supernaturalistisch
, wenn sie als Quelle Gott bezeichnen (Ulrici, Fichte).
Von den verschiedenen Philosophen sind recht mannigfaltige Moralprinzipien aufgestellt worden.
Platon
(427-347) lehrt: Versuche, so schnell als möglich aus dieser Welt in jene zu fliehen! Die Flucht macht dich möglichst gottähnlich. Gottähnlichkeit aber besteht darin, fromm und gerecht mit Einsicht zu sein (Theaet. 176 A
peirasthai chrê enthende ekeise pheugein hoti tachista. phygê de homoiôsis tô theô kata to dynaton; homoiôsis de dikaion kai hosion meta phronêseôs genesthai
).
Aristoteles
(384-422): Strebe nach Eudämonie! (
eudaimonia, to eu zên, to eu prattein
). Die
Stoiker
: Lebe in Übereinstimmung mit dir und der Natur!
Epikuros
(341-270): Erstrebe Lust, d.h. körperliche und geistige Leidenlosigkeit!
Spinoza
(1632 bis 1677): Das höchste Ziel ist die intellektuelle Liebe zu Gott (amor intellectualis dei).
Leibniz
(1646-1716): Strebe nach Vollkommenheit!
Pufendorf
(1632-1694): Sei gemeinnützig!
Shaftesbury
(1671-1713): Richtige Selbstliebe ist der Gipfel der Weisheit.
Smith
(1723-1790): Handle deinem sittlichen Gefühle gemäß! Kant (1724-1804): Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne!
Fries
(1773-1843): Handle nach dem Grundsätze einer absoluten Wertgesetzgebung!
Fichte
(1762-1814): Handle frei und selbsttätig!
Schelling
(1775-1854): Handle als freies Individuum!
Hegel
(1770 bis 1831): Die Sittlichkeit ist der zur vorhandenen Welt und zur Natur des Selbstbewußtseins gewordene Begriff der Freiheit.
Schleiermacher
(1768-1834): Mache die Natur zum Organ und Symbol der Vernunft!
Herbart
(1776-1841): Bilde die Eigenart eines Vernunftwesens heraus, vermöge deren es den praktischen Ideen gemäß Gegenstand des Beifalls wird!
Schopenhauer
(1788-1860): Verneine den Willen zum Leben! v.
Hartmann
(1842-1906): Sittlichkeit ist die Mitarbeit an der Abkürzung des Leidens- und Erlösungsweges Gottes.
Beneke
(1798-1854) fordert, daß man in jedem Falle dasjenige tue, was nach objektiv und subjektiv wahrer Wertschätzung sich als das Höchste ergebet F.
Nietzsche
(1844-1900) lehrt: Nichts ist wahr, alles ist erlaubt! Leiden sehen bereitet Lust, Leiden zufügen noch größere. Vgl. E. v.
Hartmann
: Phänomenol. d. sittl. Bewußtseins. 1879. F.
Kirchner
, Ethik 1881. Mangel eines allgemeinen Moralprinzips 1877.
Moralstatistik
Moralstatistik
ist derjenige Zweig der Statistik, welcher sich mit den Willenshandlungen des Menschen beschäftigt.
Quételet
(1796-1874) (Physique sociale, Paris 1835) behauptete, auf Grund einer überraschenden Gleichmäßigkeit in der Zahl der Eheschließungen, Vergehen, Verbrechen, Selbstmorde, der Mensch sei nur ein Atom der bürgerlichen Gesellschaft, ein Objekt der sozialen Physik. Aber dieser Schluß entbehrt der letzten Begründung. Die Zahlen der Statistik sind überhaupt noch unsicher; auch kommt es bei Ausnutzung derselben auf ihre Gruppierung an. Ferner werden die Motive, welche uns bestimmen, durch die Statistik nicht aufgeschlossen. Endlich folgt daraus, daß wir nach gewissen Gesetzen handeln, noch keineswegs die Unmöglichkeit der Selbstbestimmung. Vgl. A. v.
Öttingen
, die Moralstatistik. Erl. 1874.
Drobisch
, die moralische Statistik. Lpz. 1867.
Mord
Mord
(lat. homicidium praemeditatum) heißt die absichtliche und unbefugte Tötung eines Menschen. Unter den Begriff Mord fällt also nicht: 1. die unabsichtliche, zufällige oder fahrlässige Tötung (Totschlag); 2. die befugte, aus Notwehr oder im offenen Kriege erfolgte Tötung; 3. die Tötung der Tiere. Man unterscheidet den
groben
oder plötzlichen Mord vom
feinen
oder allmählichen. Mord wird im allgemeinen durch Tod bestraft.
Justizmord
heißt die rechtswidrige Hinrichtung unter dem Scheine des Rechtes, z.B. die des Jean Calas (1762). Vgl.
von Holtzendorf
, das Verbrechen des Mordes. Berl. 1875.
Mortifikation
Mortifikation
(franz. mortification v. lat. mors = Tod u. facio = tue), heißt eigentl. Tötung, dann Abtötung des Fleisches, d.h. der Sinnlichkeit. Diese von Schwärmern empfohlene Askese ist widernatürlich.
Motiv
Motiv
(lat. causa motiva), eigtl. Beweggrund, heißt die den Willen bestimmende Ursache. Vgl Handeln.
Schopenhauer
(1788-1860) hat das Gesetz der Motivation betont, wonach unser Wille stets dem jedesmal stärksten Motive folge. (Siehe Determinismus.) –
Motiv für einen Künstler heißt
der Gegenstand, der ihm den Stoff oder Vorwurf liefert. Die
Motivierung
in einem Kunstwerk besteht in der Darstellung der Umstände, durch welche eine Situation verständlich wird. Vgl. Bestimmungsgrund.
Musik
Musik
(gr.
mousikê
sc.
technê
v.
mousa
= Muse) bedeutete urspr. die musische, Geist und Gemüt bildende Kunst im allgemeinen, also das Gesamtgebiet der Ton-, Dicht- und Redekunst, Philosophie, Tanz-, Schauspielkunst, Astronomie und Grammatik. Bei den christlichen Völkern beschränkte man den Namen auf die Kunst, welche das Schöne durch Töne darstellt. So heißt jetzt Musik nur
Tonkunst
. Sie ahmt nicht nach, sondern stellt die Töne frei nach Gesetzen des Wohlklanges zusammen.
Melodie
, die wohlklingende Verbindung aufeinanderfolgender,
Harmonie
, die wohlklingende Verbindung gleichzeitiger Töne, und
Rhythmus
, die aus dem Wechsel der Zeitmaße, der Tonhöhe und Tonstärke hervorgehende regelmäßige Bewegung, sind die Faktoren der Tonkunst. Sie ist die älteste, weil unmittelbarste und für den Menschen natürlichste Kunst; sie ist die Vorstufe der Wortsprache, die Muttersprache des empfindenden Menschen. Aber zur vollen Kunst hat sich die Musik erst im Mittelalter und in der Neuzeit entwickelt. Ihr Stoff sind Töne, ihre Form ist die Zeit, ihre Mittel sind die menschliche Stimme (
Vokalmusik
) und künstlich hergestellte Instrumente (
Instrumentalmusik
), ihre Wirkung geht durchs Gehör auf das Gemüt, ihr Objekt ist alles, was sich bewegt, oder womit sich die Vorstellung einer Bewegung verbinden läßt. Besonders vermag sie Stimmungen darzustellen. Dagegen kann sie Anschauungen, soweit sie nicht Worte zu Hilfe nimmt, unmittelbar gar nicht wiedergeben. Diese müssen erst aus den angeregten Gefühlen durch die Phantasie des Menschen hinzugebracht werden. Durch die Gesetze des Rhythmus erhält die Musik ein mathematisches Gepräge, durch das sie der Architektur verwandt wird. Ihr Einfluß auf die Besänftigung der Leidenschaften wurde von den Alten überschätzt. Sie kann sowohl anregen wie beruhigen. Von den Künsten ist sie die, welche am meisten dilettantisch betrieben wird. Hierdurch, wie durch die Verwendung von Instrumenten, deren kraftvollen Tönen sich der Mensch nicht entziehen kann, wird sie leicht aufdringlich, und von keiner Kunst wird in der Gegenwart ein größerer Mißbrauch getrieben. Der allgemein herrschende Dilettantismus in der Musik ist eine der schlimmsten Plagen und einer der Irrwege unserer modernen Erziehung. Die symbolische Anwendung der musikalischen Intervalle auf die Verhältnisse der Seelenteile, die Stände des Staates, ja die Bestandteile der Welt trifft man ebenso bei den Pythagoreern wie in den chinesischen Ritenbüchern des Li-king. Vgl.
C. Stumpf
, Tonpsychologie. 1883.
Engel
, Ästhetik der Tonkunst. 1884. E.
Hanslick
, Vom Musikalisch-Schönen. 8. Aufl. 1891.
Muskelempfindung
Muskelempfindung
heißt
Muskelsinn
.
Müßiggang
Müßiggang
heißt das Genießen der Ruhe ohne Erholungsbedürfnis und ohne vorhergegangene Arbeit. Er entspringt meist aus Trägheit, bisweilen aus Genußsucht, die auf gesellige Vergnügen, Reisen, ästhetisierende oder literarische Näscherei usw. gerichtet ist. Geschäftiger Müßiggang ist die regellose und daher meist unnütze Geschäftigkeit.
Mut
Mut
heißt diejenige Furchtlosigkeit in Gefahren, welche aus dem Bewußtsein eigener sittlicher Kraft entspringt. Der Mutige begibt sich ruhig in Gefahren, die er nicht vermeiden kann, und besteht sie besonnen. Der
physische
Mut beruht auf Körperkraft, Temperament und augenblicklicher Stimmung, der
moralische
dagegen auf der Einsicht in die sittliche Notwendigkeit einer Handlungsweise. Auch zeigt sich der Mut nicht nur in der Unverzagtheit in Gefahren, sondern auch im Übernehmen schwieriger oder unangenehmer Dinge, z.B. jemand die Wahrheit zu sagen, selbst Unangenehmes zu hören, sich selbst zu prüfen und zu bessern, sein Unrecht einzugestehn u. a.
Mutation
Mutation
(lat. mutatio = Veränderung) nennt
de Vries
(geb. 1848) die sprunghafte Entwicklung von Arten aus Arten ohne Übergangsformen. Er sieht darin im Gegensatz zu Darwin die normale Entwicklung. Seit
Darwin
(1809-1882) galt bisher die Ansicht, daß neue Arten nur
ganz allmählich
durch Häufung zahlreicher kleiner Abweichungen von den bestehenden Arten, welche in erster Linie
durch die Umgebung
der Individuen bedingt werden, entstehen. Auf Grund zahlreicher, umfassender und jahrelanger Züchtungsversuche mit Oenothera Lamarckiana (Nachtkerze) hat nun aber
de Vries
um 1900 die heute allgemein gültige Ansicht ausgesprochen, daß die Darwinsche Ansicht von der alleinigen Erstehung der Arten aus
allmählicher
Variation falsch sei, daß vielmehr neue Arten aus einer bestehenden auch
ganz plötzlich
entstehen und zwar aus Gründen, die noch nicht erkannt sind, die aber
nicht in der Umgebung
, sondern im Innern der Pflanze liegen. Für diese sprunghafte Entstehung der Arten hat er den Namen
Mutation
gewählt. Arten, die jahrelang völlig unverändert Nachkommen erzeugt haben, zeugen plötzlich Nachkommen mit völlig verschiedenen sie zu neuen Arten stempelnden Merkmalen; und zwar erzeugt ein und dieselbe Art nicht nur
eine
, sondern
zahlreiche
neue Arten, von denen jedoch nur wenige, die der Umgebung am besten angepaßt sind, neue Individuen zu erzeugen vermögen. Von diesen neu erzeugten fortpflanzungsfähigen Arten bleibt der größere Teil längere oder kürzere Zeit konstant, geht dann aber ein, während der kleinere Teil nach einer gewissen Zeit der Konstanz abermals in eine neue Mutationsperiode eintritt und demnach neue Arten erzeugt. Mit dem Nachweise, daß eine Mutation stattfindet, ist selbstverständlich nicht der Nachweis beseitigt, daß daneben allmähliche Änderungen stattfinden, und das Wort
Jean Pauls
: »Die physische Natur macht viele kleinere Schritte, um einen Sprung zu tun, und fängt dann wieder von vorne an; das Gesetz der Stetigkeit wird ewig vom Gesetze des Ab- und Aufsprungs beseelt«, klingt fast wie eine Vorahnung des wahren Naturverhältnisses (Jean Paul, Levana § 124). Für die Vorgänge der Mutation will neuerdings
Jaekel
den Namen
Metakinese
anwenden, indem er nicht nur Abänderungen, bei denen ein physiologischer Nutzen nicht vorhanden ist, sondern auch wesentliche, die Korrelation der Teile stark beeinflussende und daher physiologisch sehr wichtige Umformungen ins Auge faßt.
Mystagog
Mystagog
(gr.
mystagôgos
v.
mystês
= Eingeweihter u.
agôgos
= Führer), heißt ursprünglich Führer in die Mysterien, dann Geheimniskrämer.
Mysterien
Mysterien
(gr.
mystêria
) hießen die Geheimlehren und –kulte der alten Ägypter, Griechen und Römer, in welche man nur nach mancherlei Reinigungen unter Gelobung tiefster Verschwiegenheit eingeweiht oder aufgenommen wurde. Es gab Mysterien zu Ehren des Bakchos, des Zeus, der Demeter und der Isis, welche sämtlich die Probleme vom Werden und Vergehen, vom Ursprung der Kultur, Geburt, Tod und Auferstehung des Menschen allegorisch und symbolisch behandelten. Sie waren eine Art von Religion für die Gebildeten, welche am Volksglauben irre geworden und zu schwach waren, um konsequente Denker zu sein, jedoch religiöse Bedürfnisse hatten.
mystifizieren
mystifizieren
heißt jemand etwas aufbinden.
Mystik
Mystik
(von gr.
mystika
[Neutr. Plur. von
mystikos
= geheim, den Geweihten heilig]) heißt das Streben, Gott unmittelbar zu schauen, die religiöse Erkenntnis Gottes durch Versenkung in sein Wesen, die innere Erleuchtung im Gegensatze zum Glauben und zum Wissen. Im Altertum findet sich die Mystik bei den
Neuplatonikern
. Im Mittelalter hieß Mystik eine Richtung der Theologie, welche Gott nicht, wie die Scholastik, durch den Verstand, sondern durch das Gefühl zu erfassen suchte. Repräsentanten derselben waren Hugo und Richard v. St. Victor (1096 bis 1141), Bernhard v. Clairvaux (1091-1153), Meister Eckhart ( 1329), Heinrich Suso (1300-1366), Joh. Tauler (1290 bis 1361), Joh. v. Ruysbroek (1293-1381). Ihr Motto war: Tantum deus intelligitur, quantum diligitur, Gott wird soweit begriffen, als er geliebt wird. Das Richtige hieran ist, daß die Religion Sache der inneren Erfahrung ist, falsch aber ist der Satz als der Satz der Theologie, soweit die Theologie eine Wissenschaft ist. Zuzugeben ist, daß alles gefühlsmäßig Religiöse etwas Mystisches, d.h. logisch nicht ganz Faßbares an sich hat: die Liebe, Freundschaft, Kunst u. a. Oft artet aber die Mystik oder der Mystizismus in regellose Phantasterei, wie z.B. bei Jak. Böhme ( 1624), Im. Swedenborg ( 1772), Frz. v. Baader ( 1841) u. a. aus. Vgl.
Noack
, Die christl. Mystik. 1853.
Mythus
Mythus
(gr.
mythos
), eigtl. Erzählung, heißt die religiös gefärbte Darstellung von Vorgängen aus Natur- und Weltleben unter dem Bilde menschlichen Tuns und Leidens. Die Wesen, welche durch Vermenschlichung der Natur- und Weltformen entstanden sind, heißen Götter. Der Mythus ist die Philosophie der kindlichen Menschheit. Unfähig, die von ihr beobachteten Naturvorgänge objektiv zu denken, personifiziert und idealisiert er dieselben, freilich immer in den Schranken der Menschlichkeit. Aus den physischen Mythen entwickeln sich die ethischen Mythen. Die personifizierten Naturkräfte werden als dem Menschen freundlich oder feindlich gedacht; ihr Charakterbild wird weiter ausgemalt, Erlebnisse, Leiden und Taten ihnen beigelegt. Zuletzt, bei näherer Berührung der Stämme, werden die Stammgottheiten in ein genealogisches System gebracht. Vgl.
Creuzer
, Symbolik und Mythol. der alten Völker. 2. Aufl. 1829. J.
Lippert
, der Relig. d. europ. Kulturvölker. 1881.
Schultz
, Bibl. Theologie. 1870.
Nachahmung
Nachahmung
(lat. imitatio, gr.
mimêsis
) heißt die Wiedergabe eines Vorbildes. Der Nachahmende schafft entweder Gegenstände, die schon vorhanden sind, noch einmal, oder er handelt ebenso, wie andere vor ihm gehandelt haben. Bei den höheren Tieren und Menschen finden wir das Bestreben, anderen nachzuahmen. Wir schreiben ihnen daher einen Nachahmungstrieb zu. Die Nachahmung kann aber nicht nur unwillkürlich und triebartig, sondern auch bewußt und beabsichtigt stattfinden. Auf der freien geistigen Wahl beruht z.B. die Nachahmung in der Kunst (s. d.). Sowohl auf triebartiger Nachahmung wie auf freiwilliger Nachahmung beruht zum Teil die Heranbildung des Menschen zu Lebensformen, Sitten, religiösen Überzeugungen. Wenn
Aristoteles
(384-322) die Nachahmung zum Grundgesetz der Kunst gemacht hat, so trifft diese Auffassung für einzelne Künste, wie die Plastik und Malerei, im wesentlichen zu, für andere, wie die Architektur, soweit sie konstruktiv ist, die Musik, die Lyrik trifft sie nicht zu. Auch hat der Idealisierungsprozeß neben der Nachahmung seinen Platz in der Kunst. (Siehe
Kunst
.) Eine ungeschickte oder lächerliche Nachahmung heißt Manier.
Nachbild
Nachbild
heißt die Nachdauer der Empfindung im Sehnerv, welche zunächst in einer dem Reize gleichen Helligkeits- und Farbenbeschaffenheit (
gleichfarbiges Nachbild
) erscheint, dann aber bei farblosen Eindrücken in die entgegengesetzte Helligkeit (weiß in schwarz), bei Farben in die Gegen- oder Komplementärfarbe (rot in grün) übergeht (
komplementäres Nachbild
). Auf Nachbildern wie auf Nachempfindungen im allgemeinen beruht die Möglichkeit einer abgekürzten Assoziation, die A nicht mit B, B mit C, sondern A sogleich mit C verknüpft. (Wundt, Grundz. d. phys. Psych. I, S, 472 ff.)
Nachdenken
Nachdenken
(meditatio) heißt das auf einen bestimmten Gegenstand mit der Absicht gerichtete Denken, ihn sich klar und deutlich zu machen. Bei dem Nachdenken spielt Apperzeption, Aufmerksamkeit und Wille eine Rolle.
Nachschluß
Nachschluß
, s. Episyllogismus.
Nächstenliebe
Nächstenliebe
ist die Menschenliebe, welche jedem ihrer Hilfe Bedürftigen die Hilfe zuwendet. Das berühmte Gleichnis von der Nächstenliebe ist das vom barmherzigen Samariter (Luc. 10, 30 ff.).
nachtwandeln
nachtwandeln
, s. Somnambulismus.
naiv
naiv
(lat. nativus, fr. naïf, zuerst durch
Gellert
(1715 bis 1769) ins Deutsche eingeführt), eigtl. angeboren, heißt das
Natürliche
in Gedanken, Empfindungen, Worten und Werken, welches den Gegensatz zum Anerzogenen, Gekünstelten und Konventionellen bildet. Als Kennzeichen einer harmlosen, unschuldigen und unkundigen Seele erscheint das Naive dem Gebildeten oft rührend und reizend, oft aber auch dumm und lächerlich. Sobald der Mensch absichtlich den Naiven spielt, wird der Mann zum Komödianten, das Weib zur Kokette.
Schiller
(1759-1808) stellt in seinem Aufsatz in den Hören (1795 ff.) der naiven die sentimentalische Dichtung und damit Goethe sich selbst entgegen.
Name
Name
(lat. nomen, gr.
onoma
) ist die sprachliche Bezeichnung eines Dinges zur Unterscheidung von anderen. Er faßt als
Zeichen des Ganzen
die Merkmale desselben zusammen und bildet ihr äußeres Band. Er ist entweder
Gemeinname
(Gattungsname) und bezeichnet Gegenstände und Personen, wie sie mehrfach vorhanden sind, oder er ist
Eigenname
und bezeichnet einen Gegenstand oder eine Person, die nur einmal vorhanden ist. Das Wort und der Begriff Name, sowie die Sitte, den einzelnen Menschen Eigennamen zu geben, ist urindo-germanisch und beruht auf einem natürlichen Bedürfnis. Für den Menschen deutet der Eigenname seine Identität an; der Mensch erkennt sich und andere dadurch als die Nämlichen; der Name bildet das äußere Korrelat für die Einheit des Ichs, wie das Bewußtsein das innere.
Goethe
sagt treffend: »Der Name wird nicht wie ein Kleid getragen, sondern ist uns über und über angewachsen wie die Haut.« Die Namengebung wird auch vom Menschen auf wertvolle Tiere (z.B. Rosse, Hunde) und wertvolle Gegenstände (z.B. Schwester, Schiffe usw.) übertragen.
Narrheit
Narrheit
(lat. fatuitas, gr.
môria
) heißt im weiteren Sinne jede vom
Gewöhnlichen stark abweichende
Rede- und Handlungsweise, die verkehrten Sinn verrät und ins Lächerliche fällt. Im engeren Sinne ist Narrheit eine
Geisteskrankheit
, die bald auf Geistesschwäche beruht und dem Blödsinn (s. d.) nahekommt, bald aus Größenwahn entspringt und sich als Sucht aufzufallen äußert.
Nation
Nation
(lat. natio v. nasci) heißt ein durch gemeinsame Charakterzüge, gleiche Lebens-, Denk-, Empfindungs- und Handlungsweise bestimmter Kreis der Menschheit. Gemeinsame Abstammung und Sprache sind die Wurzeln der Nationalität, aber erst Gemeinsamkeit der Geschichte und Literatur, des Rechts und der Religion, überhaupt Gemeinschaft der Kultur entwickeln den Nationalcharakter wie auch den Einzelcharakter, der zwar auf Konstitution, Temperament, Anlagen u. dgl. beruht, hauptsächlich aber das Werk der geistigen Entwicklung ist. Die Erziehung bat den richtigen Anschluß des einzelnen an seine Nation und an die Menschheit zum Ziele. Sie muß daher den Chauvinismus, d.h. die leidenschaftliche Überschätzung der eigenen Nationalität, ebenso vermeiden, wie den Kosmopolitismus, die Überspringung der nationalen Ziele im Hinblick auf die Menschheit. Echte Nationalbildung wird das Menschliche in nationaler Eigenart pflegen. Vgl. v.
Kremer
, d. Nationalitätsidee u. d. Staat. 1885.
Benedikt
, Rasse u. Nationalität. 1890.
Nativismus
Nativismus
ist die Lehre, daß unserem Geiste gewisse Anschauungen, Begriffe, Ideen und Grundsätze
angeboren
seien, so daß der Mensch sie fertig auf die Welt bringe. Der Nativismus hängt eng mit dein Rationalismus zusammen. Wer das Wissen aus einer beschränkten Zahl allgemeiner Begriffe und Grundsätze ableiten zu können vermeint, kommt auch leicht dazu, das Allgemeinste dem Geist als ursprüngliches Besitztum zuzuschreiben. Den Nativismus vertrat in der griechischen Philosophie namentlich
Platon
(427-347), für den das Erkennen Erinnerung (
anamnêsis
, vgl. Menon 13-21) war, in neuerer Zeit Descartes (1596-1650); es bekämpfte ihn
Locke
(1632 bis 1704), der alle angeborenen Ideen und Grundsätze leugnete, die Seele für ein leeres Blatt ansah, alles Wissen aus der Erfahrung ableitete und der rationalistischen Methode Decartes' die empiristische (genetische) Methode entgegensetzte.
Leibniz
(1646-1716) nahm eine vermittelnde Stellung ein, indem er nicht fertige Vorstellungen und Grundsätze, wohl aber den Intellekt selbst als angeboren ansah. – Der Nativismus wird sodann
Kant
(1724-1804) vielfach zugeschrieben auf Grund seiner Lehre von der Apriorität von Raum, Zeit und den Kategorien, und er scheint auf den ersten Blick mit dieser Lehre tatsächlich verwachsen zu sein. Aber Kant versteht unter a priori nicht das Angeborene, sondern das, was zwar aus der Vernunft stammt, aber in und mit der Erfahrung sich entwickelt.
Kant ist daher kein Nativist
. Er erklärt Raum und Zeit für erworben, aber nicht für angeboren. Der Nativismus ist überhaupt eine den Tatsachen widersprechende Theorie. Alles Bewußte muß erst im Leben erworben werden. Aber der Nativismus empfängt seine Berichtigung durch die Entwicklungslehre. Die von den vorausgegangenen Generationen erworbenen Fähigkeiten vererben sich als Anlagen und müssen als angeboren bezeichnet werden. Die einzelnen Vorstellungen usw. werden dagegen stets erworben.
Natur
Natur
(lat. natura v. nasci = geboren werden) bezeichnet
allgemein alles
, was ohne fremdes Zutun so ist, wie es sich darstellt, also
sich nach den ihm innewohnenden Kräften und Gesetzen entwickelt
. So spricht man von der Natur der Dinge, der Planeten, der Elemente der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, ja auch des einzelnen Menschen. Die Natur ist überall der Gegensatz zum künstlich oder absichtlich Gemachten, mithin das Gegenteil von der Kultur, Kunst und Erziehung, ferner von der Absicht, Freiheit, Sittlichkeit. Von den älteren Philosophen haben namentlich die
Stoiker
die Natur als die Richtschnur des menschlichen Handelns angesehen (naturam sequi), von den neueren hat vor allem J. J.
Rousseau
(1712-1778) die Natur im Gegensatz zur Kultur und Erziehung gepriesen. Ihm ist die erste Regel der Erziehung, die Natur zu beobachten und den Weg zu verfolgen, den sie vorzeichnet. –
In der Wissenschaft
stellt man meist die Gebiete der
Naturwissenschaften
und der
Geschichtswissenschaften
einander gegenüber. Die Naturwissenschaften umfassen alles, was im Raume gegenwärtig existiert, die Geschichtswissenschaften alles, was in der Zeit vor uns geschehen ist. Jene suchen das Allgemeine, diese das Einzelne zu erfassen. Beide Gebiete haben aber auch viel Gemeinsames; denn alle Gegenstände der Natur waren auch schon früher, und alle Ereignisse der Geschichte müssen irgendwo geschehen sein. Auch jedes Naturobjekt hat seine Geschichte, wie umgekehrt alle historischen Begebenheiten ihre Naturseite haben. Zwischen Naturgesetzen und geschichtlichen Gesetzen ist aber ein Unterschied. Die Naturgesetze sind Formeln für die kausale Stetigkeit des Geschehens, die historischen dagegen, weil sittliche, schließen auch den Begriff der praktischen Willensfreiheit in sich ein. Vgl. Geschichte.
Faßt man den Begriff der Natur konkret, so heißt alles, was durch die äußeren Sinne wahrnehmbar ist, Natur. Je nach seiner Bildung und Weltansicht steht der Mensch der Natur verschieden gegenüber, entweder
praktisch
oder
ästhetisch
oder theoretisch. Auf dem ersten Standpunkt sucht sie der Mensch seinen
Zwecken
zu unterwerfen, sie zum Organ seiner Tätigkeit zu machen, sie auszunutzen und zu beherrschen. Auf dem zweiten Standpunkt faßt er sie mit seinem
Gefühl
auf. Seine Phantasie bevölkert sie mit lebenden Wesen, indem er ihre Produkte und Kräfte personifiziert. So entstand die Naturreligion und Mythologie. Diese halb grauenvolle, halb anheimelnde Vorstellung von der Natur als der Mutter alles Lebendigen, der geheimnisvollen Macht ist ebenso religiös als poetisch. Allmählich aber traten an Stelle jener Phantasien
Begriffe
, an Stelle der Personifikationen Naturgesetze, und die theoretische Erforschung der Natur begann, die wieder die Herrschaft des Menschen über die Naturkräfte steigerte. Die Griechen setzten mit klarer Naturforschung ein, das Mittelalter mied die Natur wieder, erst die Neuzeit entwickelte die Naturforschung im vollen Umfange, und im 19. Jahrhundert hat die Naturforschung große Macht und Ausdehnung gewonnen; man hat jetzt die Natur als einen festen, unveränderlichen Gesetzen unterworfenen Mechanismus von unverlierbarer Masse und Energie anzusehen gelernt, von dem jeder Zufall, jeder Verlust und jede Zutat ausgeschlossen ist. – Die Stellung der Philosophie und Religion zum Begriffe Natur ist, wie leicht begreiflich, eine sehr vielfach wechselnde gewesen. Ein Teil der Philosophen sah in der Natur das
Wirkliche
, so die
Hylozoisten, Herakleitos, Empedokles
, die
Atomisten, Epikuros
, die französischen Materialisten des XVIII. und die Naturalisten des XIX. Jahrhunderts. Die Religion der Griechen schrieb den Göttern nicht die Erschaffung, sondern nur die Ordnung der Natur zu. Das
Judentum
und das
Christentum
sah in der Natur
Gottes Schöpfungswerk
(natura creata, natura naturata), die
Stoiker, Spinoza, Goethe, Schelling
u. a. betrachteten die
Natur und Gott als eins
(deus sive natura, Gott – Natur). Für die
Eleaten, Platon, Fichte
u. a. war die
Natur eine Scheinwelt, ein Nichtseiendes, ein Nicht-Ich. Aristoteles
(384-322) sah in ihr ein
nochnichtseiendes
, aber die Möglichkeit des Seins in sich Schließendes;
Kant
(1724-1804), der sie am strengsten dem Gesetze der Kausalität unterordnete, reduzierte sie auf die Welt der
Erscheinungen
, deren. Wesen unbekannt ist;
Hegel
(1770 bis 1831) faßte sie als den
Geist in seinem Anderssein. Platon
(427-347) und das
mittelalterliche Christentum
standen der Natur mit
ethischer Abneigung
gegenüber, J. J.
Rousseau
(1712-1778) mit der
entgegengesetzten Gesinnung
. Im allgemeinen ist die neuere Philosophie naturfreundlich geworden.
An der exakten Durchforschung des einzelnen in der Natur arbeiten, alle Zweige der Naturwissenschaften. Die Idee der Natur als, Ganzes auszubilden ist die Sache der Naturphilosophie. Der ungeheure Nutzen der Naturforschung für die Praxis und für die Kultur liegt klar zu Tage, aber auch die dichterische und religiöse Erhebung und die Empfänglichkeit des Menschen für Natureindrücke leidet nicht darunter. Im Gegenteil, die Größe und Schönheit der Natur bewundern wir Neueren mehr als die Alten. Endlich ist der Fortschritt der Naturwissenschaft auch für die Philosophie wichtig. Denn diese hat die exakten Resultate jener als Grundlage zur Aufstellung ihrer Weltanschauung zu verwerten. Vgl. Naturphilosophie.
Naturalia non sunt turpia
Naturalia non sunt turpia
(lat.: Das Natürliche ist nicht anstößig, vielleicht eine lat. Übersetzung eines Wortes des
Euripides
:
Ouk aischron ouden tôn anankaiôn brotois
) ist ein Grundsatz, moderner Cyniker, welcher in dem Sinne richtig ist, daß das bloß Physische keine moralische Abweisung erfahren darf; er ist aber falsch, wenn er besagen will, der Mensch dürfe sich. alles erlauben, was er natürlicherweise tun kann. Vgl.
Büchmann
, Geflügelte Worte, 23. Aufl. 1907. S. 364.
Naturalismus
Naturalismus
(nlat.) heißt
in der Metaphysik
diejenige Richtung, die kein höheres Dasein als das in, der sichtbaren räumlich-zeitlichen Welt gegebene anerkennt. Der philosophische Naturalismus übersieht die aus durch unser Innenleben bekannte Hälfte der Welt. –
In der Kunst
heißt Naturalismus die sich auf bloße Nachahmung, der Natur beschränkende Richtung, welche in jeder Idealisierung eine Unwahrheit sieht. Sie ist oft nichts weiter als Geschmacksverirrung und führt leicht zu einer Kunst des Platten, Gemeinen und Widerlichen. Das Haschen nach Originalität hat in der Gegenwart stellenweise zu diesem Niedergange der Kunst geführt.
Natura naturans
Natura naturans
(mlat.) ist die scholastische Bezeichnung der Schöpferkraft als des Urgrundes der Dinge im Gegensatz zur
Natura naturata
, dem Inbegriff der geschaffenen Dinge; so besonders bei
Scotus Erigena
(810-877). Beide Begriffe kehren bei Spinoza und Schelling wieder.
Natura non facit saltus
Natura non facit saltus
(lat.: Die Natur macht keine Sprünge) bedeutet: In der Natur entwickelt sich alles stetig, stufenweise. Es ist dieses ein von
Leibniz
(1646-1716) und
Kant
(1724-1804) öfter gebrauchter Satz, der aber älteren Ursprungs ist. Schon in dem Discours véritable de la vie... du géant Theutobocus (1613) findet sich der Satz: Natura in operationibus suis non facit saltum.
Amos Comenius
(1592-1671) hat in seiner Schrift de sermonis Latini studio (1638) die Worte: Natura et Ars nusquam saltum faciunt, nusquam fecerunt. Die Form: Natura non facit saltus rührt von
Linné
(1707-1778) (Philosophia Botanica 1751) her. Vgl. Mutation.
Büchmann
, Geflügelte Worte, 23. Aufl. 1907. S. 451.
Naturell
Naturell
(franz. naturel) nennt man die dem Menschen angeborene Beschaffenheit, welche Konstitution, Temperament, Denk- und Gefühlsweise umfaßt. Man kann auch von einem Volks-, Geschlechts- und Alters-Naturell sprechen.
Naturgesetz
Naturgesetz
, s. Gesetz.
natürlich
natürlich
heißt das den Naturgesetzen Gemäße. Gegensätze dazu sind:
übernatürlich
, d.h. dasjenige, was höheren Gesetzen gehorcht,
künstlich
, d.h. dasjenige, was von dem Menschen geschaffen ist und die Natur idealisiert,
affektiert
, d.h. dasjenige, was nicht von Natur vorhanden ist, sondern wovon nur der Schein erweckt wird. – Die
natürliche Religion
und
Theologie
steht im Gegensatz zur positiven oder geoffenbarten und umfaßt die Lehren von Gottes Dasein, seinem Wesen und seinen Eigenschaften, welche von der natürlichen Vernunft erkannt werden können. Jetzt versteht man unter natürlicher Theologie ungefähr soviel wie Religionsphilosophie (s. d.). – Die
natürliche Zuchtwahl
(natural selection) ist nach Darwin (1809-1882) das notwendige Resultat des Kampfes ums Dasein (struggle for life), d.h. das Überdauern der jedesmal tüchtigsten und am günstigsten gestellten Individuen einer Art.
Naturphilosophie
Naturphilosophie
ist die Wissenschaft, welche sich mit dem Wesen und Werden der Welt beschäftigt. Die Alten nannten sie
Physik
, die Neueren zum Teil
Kosmologie
; jener Name bezeichnet jetzt die exakte Naturforschung, dieser nur einen Teil der philosophischen Naturforschung, die Lehre von der Entstehung und Beschaffenheit der Weltkörper. Der verbreitetste Name für das Gesamtgebiet der philosophischen Forschung ist jetzt
Naturphilosophie
. Sie schließt sich eng an die Metaphysik an. In England, wo im allgemeinen die Möglichkeit der Metaphysik geleugnet wird, versteht man dagegen unter Natural Philosophy nur Physik und Chemie. – Die Naturphilosophie als
metaphysische Naturlehre
hat die Resultate der Naturforschung zu prüfen und zu verwenden und sie zu den Tatsachen unseres Bewußtseins in Beziehung zu setzen; sie hat ferner die Grundbegriffe und Grundsätze, welche die Naturwissenschaft anwendet, zu kritisieren, auch das Naturwissen in letzten Hypothesen abzuschließen. Eine ihrer Hauptfragen ist, was als metaphysisches Grundprinzip des Weltprozesses anzunehmen sei. Die Alten waren bezüglich dieses Grundprinzips zum Teil
Dualisten
, d.h. sie setzten der Materie den Geist entgegen, so Pythagoras, Anaxagoras und Aristoteles und in neuerer Zeit Cartesius. Die meisten Philosophen dagegen nehmen nur ein Prinzip an, sind also
Monisten
. Das
eine
Prinzip kann als
stoffliche Vielheit
(die Atome des Demokritos und Epikuros) oder als
stoffliche Einheit
(Hylozoisten und Materialisten) oder als geistige Vielheit (die Ideen Platons, die Monaden des Leibniz und Realen Herbarts) oder als
geistige Einheit
(die Idee Hegels, die Phantasie Frohschammers, der Wille Schopenhauers) oder endlich als
Einheit von Geist und Materie
(Spinoza, Schelling) gedacht werden. Infolge der phantastischen Spekulationen der Schellingschen Schule ist die Naturphilosophie selbst lange Zeit in Mißkredit gekommen; besonders die exakten Naturforscher haben sie im 19. Jahrhundert ganz fallen lassen. Aber richtig und in den ihr gesteckten Grenzen betrieben, ist sie zur Begründung einer Weltanschauung unentbehrlich; ja die Gegner derselben treiben selbst, sobald sie anfangen, ihre exakten Kenntnisse in Zusammenhang zu setzen, Naturphilosophie. Die Prozesse des organischen Lebens, die Existenz chemischer und physischer Kräfte, der Kristallisationsprozeß, die räumliche und zeitliche Existenz der Naturdinge zwingt zur Lösung von Problemen, die über die exakte Forschung hinausreichen. Der Einzelforscher kann für sich die Behandlung dieser Probleme abweisen; aber die Wissenschaft im ganzen stellt diese Probleme auf und muß auch an ihrer Lösung arbeiten. Vg.
Schaller
, Gesch. d. Naturphilos. von Bacon bis auf unsere Zeit. 1831-1846. F. A.
Lange
, Gesch. d. Materialismus. 5. Aufl. 1896. E.
Dubois
-
Reymond
, Über d. Grenzen d. Naturerkennens. 1872.
Derselbe
, Die sieben Welträtsel. 1883. A. v.
Humboldt
, Kosmos. 1845.
Helmholtz
, Popul. wissenschaftl. Vorträge. 1855.
Haeckel
, Natürl. Schöpfungsgesch. 1868. W.
Ostwald
, Vorlesungen über Naturphilosophie. 3. Aufl. Leipzig 1905.
Naturrecht
Naturrecht
, s. Rechtsphilosophie.
Naturschönheit
Naturschönheit
ist die Schönheit der nicht von dem Menschen, geschaffenen, sondern ohne: sein Zutun in der Natur gegebenen Dinge. Das Naturschöne liegt vor allem in der Linie, der Bewegung, dem Klang, dem Licht und den Farben, im Himmelsblau, im Sternenhimmel, im Spiel der Wolken und der Winde, im Meer und den Wassern, in den Gebirgen und Landschaften, in der Vegetation und der Tierwelt und ganz besonders in der natürlichen Gestalt, Bewegung und Betätigung der Menschen. In allen Gebieten der Natur ist vorübergehend oder dauernd vieles vorhanden, was durch die Sinne auf das Gefühl einwirkt und ein geistiges Wohlgefallen hervorruft. Von dem metaphysischen Standpunkte hängt es ab, ob man in diesem Schönen ein objektives Gesetz der Natur selbst, oder ob man darin nur eine unabsichtliche Wirkung der Naturobjekte auf das Subjekt sehen will. Die
Teleologie
nimmt den ersten Standpunkt ein, der
Mechanismus
dagegen den letzteren.
Kants
Kritizismus neigt innerlich zur ersteren, bleibt aber vor einer metaphysischen Entscheidung stehn und betrachtet die Schönheit nur als subjektive Zweckmäßigkeit.
Naturtrieb
Naturtrieb
, s. Trieb.
Naturzustand
Naturzustand
heißt in der
Ethnologie
der Zustand, in welchem sich die Menschen ursprünglich und vor der Zivilisation und Kultur befunden haben und noch manche Individuen und Völker sich gegenwärtig befinden, in der
Jurisprudenz
das noch durch kein bürgerliches Gesetz beschränkte Leben des Menschen. Daß der Übergang vom Naturzustande zu dem des Gesetzes durch einen ausdrücklichen Gesellschaftsvertrag (contrat social) veranlaßt sei, durch welchen die Menschen sich zu Staaten konstituiert haben, ist nur eine Fiktion. Vgl. Staat. In der
Dogmatik
heißt Naturzustand der Zustand des Menschen vor Einwirkung der göttlichen Gnade.
Naturzweck
Naturzweck
heißt jeder Zweck, sofern er als ein Gesetz der Wirklichkeit gilt. Die Lehre von den Naturzwecken ist die
Teleologie
(s. d.).
Nebularhypothese
Nebularhypothese
, s. Kosmologie.
necessitieren
necessitieren
(mlat., franz. v. necessitas = Notwendigkeit), nötigen, veranlassen, ist ein von den Scholastikern auf
Leibniz
(1646-1716) übergegangener Ausdruck, der von der Willensäußerung des Menschen da gebraucht wird, wo sie als gänzlich unfrei angesehen wird.
Leibniz
nimmt eine Mittelstellung ein, indem er meint, daß der Wille immer die Seite, zu der er am meisten neigt, ergreift. Er zieht zur Parallele den Satz herbei: Astra inclinant, non necessitant (Theodicee § 43).
Negation
Negation
(lat. v. negatio, gr.
apophasis
), Verneinung, ist die Aussage, daß einem Subjekt ein Prädikat nicht zukomme. Die Verneinung ist eine Unterform der Kategorie der Verbindung oder Beziehung. Sie ist die Ausschließung des Prädikates vom Subjekt, der Eigenschaft von der Substanz, der Wirkung von der Ursache usw. Die Verneinung ist die Grundform des Trennens und Unterscheidens. Da alle Verneinung aus der Beziehung entspringt, ist sie nur am Positiven, als dessen Beziehung zu einem anderen Positiven vorhanden. Reine Negation findet sich nirgends bei der Verbindung des Denkens mit dem Sein. In der Natur ist nichts durch absolute Negation zu begreifen; überall stellt sie sich dem Forschenden, von anderer Beziehung aus genommen, wieder als Bejahung dar. Die Verneinung ist also eine sekundäre Beziehung des Denkens.
Die reine Negation ist daher nur eine höchste Abstraktion; es ist unzulässig, sie zum selbständigen realen Faktor zu erheben, wie
Hegel
(1770-1831) tut: es ist dies eine Hypostase, die aus der Verwechslung des Abstrahierten mit dem Realen hervorgeht. Auch der Satz
Spinozas
(1632 – –1677), durch den die Bedeutung der Negation im menschlichen Denken übermäßig hoch geschraubt wird: Omnis determinatio est negatio (Jede Bestimmung ist Verneinung) ist nur für den zutreffend, der der Substanz allein, insofern sie das Allgemeine ist, das Dasein zuspricht, also nur für den Pantheisten.
Die besonderen Arten der Verneinung sind
Gegensatz
und
Widerspruch
. Der Gegensatz ist die Verbindung zweier einander einschränkender positiver Größen, der Widerspruch ist die Verbindung einer Große mit ihrer Verneinung. Jener findet sich in der realen Welt, dieser nur in der logischen Abstraktion. Nur in Gedanken existiert der logische Widerspruch; nur Gedanken widersprechen sich. In den Gegensätzen der Erscheinungen, welche nur die Endpunkte eines Ganzen, die sich einschränkenden Richtungen der Naturkräfte darstellen, wird das Ganze bejaht; in dem Widerspruch wird es verneint, oder es geschieht ihm Abbruch. Die Gegensätze bewegen die Natur und schaffen das Leben und die Veränderungen. Der Ausdruck für den Widerspruch ist der Satz des
Widerspruchs
(A ist nicht Nicht-A). Ohne diesen Satz existiert weder Verständigung noch Beweis noch Widerlegung. Denn auf ihm beruht die Bewahrung des Gewordenen, des Bestimmten als festen Besitzes der Erkenntnis. Der Gegensatz findet seinen Ausdruck in der Formel A – B = C. Für den Gegensatz also ist die Operation der Subtraktion der mathematische Ausdruck. Die Verbindung von A mit Non-A liefert nur das nihil negativum irrepraesentabile, ein Gedankenunding; die Verbindung von A mit –A ist dagegen = O, das nihil negativum repraesentabile. Der erste, der scharf den Unterschied des logischen Widerspruchs und des realen Gegensatzes beleuchtete und erkannte, daß logische Negation und negative mathematische Größen etwas ganz Verschiedenes sind, war
Kant
(1724-1804). Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen. 1763. Vgl. Kr. der reinen Vern., 1781, S. 260-292, von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe.
Neid
Neid
(lat. livor) heißt die Unlust über die Vorzüge oder das Wohlergehn anderer. Der Neid richtet sich auf ein bestimmtes Gut, einen bestimmten Genuß, ein bestimmtes Glück, welches ein anderer besitzt und das man ihm mißgönnt, selbst wenn man es gar nicht für sich haben möchte. Neid wird darum nicht unmittelbar und nicht stets zum Hasse, weil er zunächst auf die Objekte der einzelnen Begehrungskreise beschränkt bleibt und auch schwindet, wenn die Vergleichung mit dem andern Menschen nicht mehr möglich ist. Aber weil er sich mit jedem neuen Anlasse tiefer ins Herz bohrt, wird er leicht zur Leidenschaft. Er ist ein Zeichen von Kleinlichkeit, niedriger Selbstsucht und beschränktem Verstande; großherzige Seelen und intelligente Naturen sind des Neides nicht fähig. Die Erziehung hat ihn daher zu bekämpfen, sobald er sich in einem Kinde regt. Weil der Neid stets eine gewisse Homogeneïtät voraussetzt, so kehrt er sich, wie schon
Xenophon
(um 434 bis um 353 Memorabil. III, 9, 8) bemerkt, gegen Freunde, nicht gegen Feinde (
oute mentoi tên epi philôn atychiais, oute tên ep' echthrôn eutychiais gignomenên [lypên phthonon einai], alla monous – phthonein tous epi tais tôn philôn eupraxiais aniômenous
). –
Kant
(1724-1804) unterscheidet
Mißgunst
(invidentia), den Neid, der nicht zur Tat ausschlägt, von dem
qualifizierten
Neide (livor), der zur Tat, einen anderen zu schädigen, fortschreitet. (Kant, Metaph. d. Sitten II, § 36, S. 133.) Vgl. Schadenfreude.
Neigung
Neigung
(lat. inclinatio) heißt die zur Gewohnheit gewordene Begierde; wächst sie zu besonderer Höhe an, so heißt sie
Hang
. Die Neigung wurzelt tiefer in unserem Ich als die Begierde, weil sie sich durch wiederholte Vorstellung in ihm festsetzt und so eine stetige Disposition des Triebes erzeugt. Sie läßt sich daher auch schwer bekämpfen; denn sie wächst durch häufige Befriedigung. Vom Instinkt unterscheidet sich die Neigung durch die Erkenntnis des Objekte. Im weiteren Sinne kann man sie als habituelle Stimmung der Seele bezeichnen, im engeren als Stimmung des Begehrungsvermögens, im engsten Sinne als Regsamkeit eines sinnlichen Triebes ansehen. – Während
Kant
(1724-1804) die Neigung als die dem Subjekt zur Regel (Gewohnheit) dienende sinnliche Begierde definiert (Anthropol. § 77), betonte
Hegel
(1770-1831) sie sei gar keine Begierde, sondern eine konstante, auf Erhaltung des Objekts gehende Willenslichtung. Vgl. Sympathie, Begierde, Hang, Trieb. – Man kann
materielle
und
intellektuelle
Neigungen unterscheiden. Jene sind entweder physische, d.h. unmittelbare (zu Nahrung, Geschlechtsgenuß, Schlaf) oder reflektierte, d.h. Mittel zu etwas anderem (zur Ehre, zur Gewalt, zum Gelde); die intellektuellen Neigungen sind ein habituelles Begehren aus reinem Vernunftinteresse.
Neminem laede
Neminem laede
(lat.) heißt: Verletze niemand! Dies ist ein von den alten Rechtslehrern aufgestelltes juristisches Grundprinzip. Vgl. Rechtsphilosophie.
Nemo ante mortem beatus
Nemo ante mortem beatus
(lat.: Niemand ist vor seinem Tode glückselig zu preisen), soll
Solon
zu Krösus gesagt haben:
prin d' an teleutêsê epischein mêde kaleein kô olbion, all' eutychea
(Herod. I, 32). Solon sprach dem Krösus also wohl Glück, aber kein
vollkommenes
Glück zu und erklärte, daß man einen Menschen vollkommen glücklich erst nennen könnte, wenn sein ganzes Leben vorläge, er also gestorben wäre.
Nervengeist
Nervengeist
(lat. spiritus animalis), Lebensgeist, heißt bei älteren Philosophen das zwischen Leib und Seele vermittelnde Medium. Schon die
Stoiker
reden davon im Anschluß an die Quintessenz des Aristoteles (vgl. Äther), die
Neuplatoniker
, ferner die aristotelischen Scholastiker,
Galenus
(131 bis 200) und
Thomas von Aquino
(1225-1274) verwarfen diese Theorie, die aber durch
Bacon
(1561-1626) und Descartes (1596-1650) wieder in Aufnahme kam. Letzterer beschreibt die Lebensgeister als feine, sehr bewegliche Blutteilchen, die von der Herzwärme verdünnt, in Menge dem Gehirn zuströmen und von dort aus in die Nerven und Muskeln gelangen und den Körper auf alle mögliche Art in Bewegung setzen (Pass. I, 10). Nicht nur den Lebensprozeß leitete Descartes von ihnen ab, sondern auch die Empfindung, das Gedächtnis, die Einbildungskraft, die sinnliche Begierden und Leidenschaften, endlich auch die willkürlichen Bewegungen. Auch
Malebranche
(1638 bis 1715), Hobbes (1588-1679) und
Platner
( 1818) verteidigten diese Annahme, und die Schellingsche Schule hat sie erneuert. Man kann endlich den »Ätherleib« (s. d.) des jüngeren
Fichte
als Reminiszenz daran betrachten.
nervus probandi
nervus probandi
(lat.) Nerv des Beweises, heißt der wichtigste Beweisgrund, welcher dem Beweise Kraft verleiht. Vgl. Beweis, Argument, Grund.
Neugier
Neugier
(lat. novarum rerum cupiditas), d.h. die Begier, Neues kennen zu lernen, ist ein unschädlicher Hang des Menschen, der in seinem Wesen begründet ist. »Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen, sagt, erführ' er wohl je, wie schön sich die weltlichen Dinge gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue, suchet das Nützliche dann mit unermüdetem Fleiße, endlich begehrt er das Gute, das ihn erhebet und wert macht« (Goethe, Herrn, und Doroth. I). Zum Fehler wird die Neugier, wenn sie entweder auf Eitles gerichtet ist, oder einem unsittlichen Motive, der Klatschsucht u. dgl., entspringt. Der
Reiz der Neuheit
ist unbestritten groß. Das unbedeutendste Geräusch kann unsere tiefste Spekulation und Andacht stören; alles Neue imponiert zuerst, wie die Geschichte der menschlichen Narrheit beweist.
Neukantianismus
Neukantianismus
heißt die philosophische Richtung der Gegenwart, die von der kantischen Philosophie ausgeht, diese aber nach allen Richtungen hin kritisch berichtigt und sachlich durch die Erfahrungswissenschaften ergänzt. Sie ist weniger eine Wiederherstellung der kantischen Philosophie, als Kantphilologie und eine philosophische Orientierung auf dem Boden der neueren Erkenntnistheorie (Liebmann, Lange usw.). Die Begründer des Neukantianismus sind O.
Liebmann
, (Kant und die Epigonen, Stuttgart 1866) und F. A.
Lange
(Geschichte des Materialismus 1866) gewesen. Zu den Neukantianern gehören H.
Cohen
und seine Anhänger (C. Natorp, Stammler, Staudinger u. a). B.
Erdmanns
, H.
Vaihinger
, E.
Arnolit
, B.
Reicke
, A.
Riehl
, W.
Windelband, Th. Lipps
, E.
König
u. a.
Neuplatoniker
Neuplatoniker
oder Platoniker der alexandrinischen Schule heißen die Anhänger
Platons
im 1. und 2. Jahrh. n. Chr., welche die griechische Philosophie mit orientalischen Ideen verschmolzen. Ihr Ansehen erklärt sich aus dem Hange jener Zeit zur Mystik, aus der Verzweiflung am alten Heidentum und dem Wunsche, dem immer mächtiger werdenden Christentum zu widerstehn. Das Ziel der Neuplatoniker war nicht nur die Erkenntnis, sondern die unmittelbare Anschauung des Absoluten; die Welt erklärten sie durch Emanation. Die Erhebung zu Gott geschah durch Askese, Theurgie und Ekstase. Als Stifter dieser Schule gilt
Ammonius Sakkas
(ca. 175-242), dessen Schüler
Plotinos
(205-270) die Lehre ausführlich gestaltete, dann folgen
Porphyrios
(233-304) und
Jamblichos
( 333) als Schulhäupter. Im 16. Jahrh. erwachten diese Lehren in der »Platonischen Akademie« wieder. Vgl. A.
Richter
, Neuplatonische Studien. 1864-67.
Neupythagoreer
Neupythagoreer
hießen die Philosophen vom 1. Jahrh. v. Chr. bis ins 1. u. 2. Jahrh. n. Chr., welche die Lehre des Pythagoras erneuerten, sie unter dem Einfluß des Orients mit religiösen Anschauungen verbanden und sie hierdurch zur Theosophie umbildeten. Begründet wurde der Neupythagoreismus durch
Nigidius Figulus
(1. Jahrh. v. Chr.). Anhänger desselben waren dann
Sotion
(Zeit des Augustus),
Apollonius von Tyana
(Nero),
Moderatus aus Gades
(Nero),
Nikomachos von Gerasa
(Zeit d. Antonine) und
Secundus von Athen
(Hadrian).
neurodynamisch
neurodynamisch
nennt
Wundt
(Grundriß d. Psych. S. 323) die Wechselbeziehung der verschiedenen Hirnpartien, kraft welcher die durch die Funktionshemmung angehäufte Energie nach anderen Zentralgebieten abfließe. Durch diese wie auch durch die vasomotorische Kombination wird zum Teil der Hypnotismus erklärt.
Nicht-Ich
Nicht-Ich
bedeutet, besonders bei Fichte, die Außenwelt (s. d. W.), vgl. Ich.
Nichts / Etwas
Nichts
(lat. nihil) und sein Gegenteil,
Etwas
, sind die dem Begriffe des Möglichen und Unmöglichen übergeordneten Begriffe. Nichts bezeichnet
logisch
1. den leeren Begriff ohne Gegenstand der Anschauung, ein bloßes Gedankending (ens rationis), wie es die Nooumena ohne korrespondierende Anschauung sind; 2. den Begriff des fehlenden Gegenstands, wie den Schatten, die Kälte, die Finsternis (nihil privativum); 3. die leere Anschauung ohne Gegenstand, wie den leeren Raum, die leere Zeit (ens imaginationis); 4. den unmöglichen Begriff oder den Widerspruch m sich selbst (nihil negativum), z.B. die geradlinige Figur mit zwei Seiten, also ein Unding, von dem man sich überhaupt gar keinen Begriff machen kann.
Im
metaphysischen
Sinne bedeutet
Nichts
die Aufhebung aller Realität (metaphysisches Nichts). Nach griechischer und indobrahmanischer Metaphysik wird aus dem metaphysischen Nichts nichts, oder das Sein ist ewig; also das Entstehn des einen Seins aus dem andern ist nur Schein (Eleaten). Die jüdisch-christliche und buddhistische Lehre behauptet dagegen, daß aus dem Nichts das Sein (durch Schöpfung) geworden sei und daß das Nichts aus dem Sein (Übergang in das Nirwana) werde. Leugnung des Seins überhaupt heißt absolute Leugnung, Leugnung eines vom Denken unterschiedenen Seins relativer Nihilismus, dagegen Leugnung allgemein gültiger Rechts- und Sittengesetze schlechthin Nihilismus.
Das Nichts mit
Hegel
(1770-1831) zu einem Realprinzip der Wirklichkeit zu machen, ist unzulässig. Vgl. Negation.
Platon
(427-347) bezeichnete die Materie als Nichts (non ens,
mê on
) was aber in einem mehr relativen als absoluten Sinne zu verstehn ist; der Stoff für sich, sofern er noch nicht Form trägt, ist für Platon nichts. Vgl. Form, Materie, möglich.
Nichtzuunterscheidendes
Nichtzuunterscheidendes
(lat. indiscernibile) nannte
Leibniz
(1646-1716) das absolut Gleiche und stellte das Prinzip (principium identitatis indiscernibilium)auf, daß es
in der Natur
niemals zwei Dinge gebe, von denen das eine dem anderen völlig gleich und bei denen nicht ein Unterschied vorhanden sei (Leibniz Monadol. 9). Leibniz berief sich zum Beweise dafür auf die Tatsache, daß niemand zwei ganz gleiche Baumblätter finden werde. Diese Behauptung ist an sich richtig, da jedes einzelne Ding von besonderen Ursachen herrührt. Aber es wurde mit Recht von
Kant
(Kr. d. r. V. S. 281, Amphibolie d. Reflexionsbegriffe) gerade im Anschluß an diese Behauptung nicht nur mit Leibniz der Satz des Nichtzuunterscheidenden, sondern gegen Leibniz
das Intellektualsystem
bekämpft, indem er nachwies, es gründe sich der Satz des Nichtzuunterscheidenden auf die Voraussetzung, daß, wenn in dem
Begriffe
von einem Dinge überhaupt eine gewisse Unterscheidung nicht angetroffen werde, sie auch nicht in den Dingen selbst anzutreffen sei, daß folglich begriffliche Einheit (der Qualität und Quantität nach) auch Einerleiheit der Dinge (numero eadem) zur Folge habe. Bei dieser metaphysischen Behauptung habe Leibniz Noumena und Phaenomena miteinander verwechselt und was von bloßen Begriffen gelte, bei denen von manchen notwendigen Bedingungen einer Anschauung abstrahiert werde, auf die Gegenstände der Anschauung fälschlich übertragen. Vgl. Individuum.
niedlich
niedlich
heißt das Kleine, wenn es gefällt, oder das Schöne, wenn es in Größe und Maß beschränkt ist. Niedlichkeit ist also die untere Grenze der Schönheit, die vom Großartigen oder Erhabenen am weitesten abliegt. Kinderschönheit ist z.B. Niedlichkeit; auch einzelne Glieder von Erwachsenen können so heißen. Schönheit ist dem Grade nach mehr als Niedlichkeit.
niedrig
niedrig
nennt man diejenige Denk- und Handlungsweise, welche sich durch kleinliche, selbstsüchtige oder unedle Gesichtspunkte leiten läßt.
Nihil est in intellectu
Nihil est in intellectu
, quod non prius fuerit in sensu (lat.: Nichts ist im Verstande, was nicht vorher im Sinne war) ist der Grundsatz des
Sensualismus
. Er wurde besonders von
Locke
(1632-1704) verteidigt, aber von
Leibniz
(1646-1716) angegriffen. Dieser fügte die Einschränkung hinzu: nisi intellectus ipse (außer der Verstand selbst), um anzudeuten, daß auch die Sinneswahrnehmung selbst nicht ohne die Mitwirkung des Intellekts zustande komme. Er widerlegte ferner den Sensualismus durch den Nachweis unbewußter und virtueller Vorstellungen. Vgl. Empirie, Sensualismus.
Nihilismus
Nihilismus
, s. Nichts.
Nil admirari
Nil admirari
, s. Athaumasie.
Nirwana
Nirwana
, s, Nichts.
Noctambulismus
Noctambulismus
(nlat.) heißt das Nachtwandeln, das Schlafwandeln. Vgl. Schlafwandeln.
Noëtik
Noëtik
(v. gr.
noêtikos
= zum Denken gehörig) heißt Erkenntnislehre.
Nominaldefinition
Nominaldefinition
(lat. definitio nominalis) heißt eine Definition, durch die der Gebrauch eines Namens festgelegt wird. Sie bestimmt, was unter einem Namen zu verstehn ist. Solcher Art sind zum Teil mathematischen Definitionen. Vgl. Definition.
Nominalismus
Nominalismus
(nlt. v. lat. nomen = Namen) heißt diejenige philosophische Richtung des Mittelalters, welche die Universalien (Allgemeinbegriffe) nicht für etwas Wirkliches (res), sondern nur für Worte (nomina rerum oder flatus vocis) hielt und das Einzelne für das wahrhaft Seiende erklärte. Urheber dieser, in der Isagoge des Porphyrius angedeuteten, später dem Aristoteles angeschriebenen Ansicht ist
Roscellin
(11. Jahrh.), Anhänger derselben
Abälard
(1079-1142). Im Gegensatz zu ihm hielt der im Anschluß an Platon, Plotinos und Scotus Erigena von
Anselm
v.
Canterbury
(1033-1109) vertretene
Realismus
daran fest, daß die Universalien selbständige Realität hätten und nicht erst vom Verstande gebildet würden. Die Formel des Nominalismus war: universalia post rem, die des Realismus: universalia ante rem, oder in re. Ersterer wurde, weil er zum Tritheismus zu führen schien, samt Roscellin 1092 zu Soissons verdammt. Der Streit zwischen beiden Parteien zog sich aber durch das ganze Mittelalter hin. Berühmte spätere Nominalisten sind z.B.
Joh. Buridan
( 1358), Gabr.
Biel
(1495) gewesen. Sie wurden meist der Ketzerei beschuldigt, weil die Kirchenlehre, besonders von der Trinität, vom Logos und von der Transsubstantiation, durch sie bedroht schien. Eine vermittelnde Richtung War der
Konzeptualismus
des Wilhelm v.
Occam
( 1347) (s. d.). Der Kampf zwischen Realismus und Nominalismus setzt sich übrigens nur mit veränderter Terminologie bis in die neueste Zeit fort – Hobbes, Locke, Hume, Berkeley, Mill sind neuere Vertreter des Nominalismus und Konzeptualismus, Leibniz, Kant, Fichte, Hegel dagegen Vertreter des Realismus –, nur daß die Realisten jetzt Idealisten, die Nominalisten hingegen Sensualisten oder auch Realisten genannt werden. Ebenso finden sich Spuren dieses Gegensatzes bereits im Altertum, bei Platon und Aristoteles. Siehe Realismus. Vgl. F.
Exner
, Nominalismus und Realismus 1842. H.
Reuter
, Gesch. der relig. Aufklärung im Mittelalter. 1875.
non liquet
non liquet
(lat.: es ist nicht klar) war die Formel der Skeptiker, womit sie ihren Widerwillen gegen eine bestimmte Entscheidung ausdrückten. Vgl. Skepsis.
Noologist
Noologist
(v. gr.
nous
= Verstand u.
logos
= Lehre) nennt
Kant
(1724-1804) denjenigen, welcher behauptet, daß die reinen Vernunfterkenntnisse unabhängig von der Erfahrung seien und bloß der Vernunft entstammen. Solche Noologisten waren Platon, Leibniz, Berkeley und Fichte d. Ä.
nosce te ipsum
nosce te ipsum
(lat., gr.
gnôthi seauton
), Erkenne dich selbst! war die Mahnung, welche über dem Eingange zum Tempel des delphischen Apollon stand. In der Tat ist Selbsterkenntnis der Anfang aller theoretischen wie: praktischen Philosophie.
Nota notae est nota rei ipsius
Nota notae est nota rei ipsius
(lat.: das Merkmal P des Merkmals M ist auch ein solches des Gegenstandes S) – ist ein Satz, der mit dem Dictum de omni et nullo (s. d.) verwandt ist. Er wird ergänzt durch den Satz: Repugnans notae repugnat rei ipsi.
Nötigung
Nötigung
heißt
physisch
und
psychisch
s. a. Zwang,
moralisch
, s. a. Pflicht.
Notion
Notion
(lat. notio) heißt Begriff.
Notrecht
Notrecht
heißt dasjenige Recht, welches dem einzelnen oder dem Staate im Falle der Not zusteht. Es ist im Gründe kein Recht, sondern nur eine Schuldaufhebung. Der Satz: »Not kennt kein Gebot« (necessitas non habet legem) begründet eigentlich kein Recht des Einzelnen, etwas Schlechtes zu tun, sondern, rechnet, ihm nur keine Schuld, zu. Darum wird es nicht bestraft, wenn jemand in der Hungersnot für seine Kinder Lebensmittel raubt oder in Feuersnot sich auf Kosten eines andern rettet. Ebenso wird; es dem Staat gestattet, im. Interesse des Ganzen das. Recht, des einzelnen (Vermögen, Freiheit desselben) aufzuopfern. Doch. muß wirkliche Gefahr bestehn und die Güter, die aufgeopfert werden dürfen nicht unersetzlich sein.
Notwehr
Notwehr
(inculpata tutela) nennt man die Verwundung und. Tötung eines Menschen, welche dadurch entschuldigt wird, daß. man sich in gerechter Gegenwehr oder Verteidigung eines anderen befunden habe. Der Angriff, muß lebensgefährlich gewesen oder wenigstens geschienen haben, damit die Notwehr erlaubt ist; auch darf das Maß der Gegenwehr nicht überschritten und, wo geringere Mittel ausgereicht hätten, nicht zum Äußersten gegriffen: worden sein; ferner darf man nicht zum Angriff übergegangen sein und: etwa den Angreifer auf der Flucht getötet haben. Die Berechtigung zur Notwehr entspringt aus der natürlichen und vernünftigen Freiheit des Menschen. Denn wenn auch in unseren zivilisierten Verhältnissen der Staat den Schutz des einzelnen übernommen hat so tritt doch, wo jener diesen, nicht ausüben kann, das Recht, des einzelnen, sich selbst zu schützen, wieder in Kraft. Wollte man aber verlangen, der Angegriffene, sollte sich nicht, verteidigen, so würde der ehrliche Bürger dem Verbrecher wehrlos anheimgegeben, ja unter das Tier herabgedrückt werden, welches sich doch instinktiv wehrt. Vgl.
Wessely
, die Befugnisse des Notstandes und der Notwehr. Prag 1862.
Notwendigkeit
Notwendigkeit
(lat. necessitas) heißt in allgemeinster Bedeutung, als
reales
Verhältnis gedacht, die Unmöglichkeit des Gegenteils. So faßte den Begriff schon
Aristoteles
(384 bis 322. Metaphys. IV, 5 p. 1015 a 34), der das Notwendige als das bezeichnete, was sich nicht anders verhalten könne, was also durch Widerlegung seines Gegenteils indirekt bewiesen werde (
to mê endechomenon allôs echein anankaion phamen houtôs echein
). Das Notwendige wäre demnach die Verneinung einer Verneinung. Aber eine solche negative Fassung des Begriffs befriedigt nicht. Der Versuch, die Erklärung positiver zu gestalten, führt zunächst zur Unterscheidung verschiedener Arten der Notwendigkeit.
Der Begriff der
absoluten Notwendigkeit
würde zunächst die Existenz von etwas fordern, was unabhängig von allem anderen ist; der bloße Begriff müßte also die Existenz in sich schließen. Da aber das Dasein kein Merkmal eines Begriffs ist, ist ein solcher Begriff, der Existenz in sich einschlösse, nicht vorhanden, und der Begriff einer absoluten Notwendigkeit ist deswegen als unberechtigt aufzugeben; er ist höchstens so weit als abstrakte Idee zulässig, als die Existenz dem Gedachtwerden gleichgesetzt wird. Es bleibt also weiterhin nur der Begriff einer
bedingten
(relativen) Notwendigkeit. Hier können wir logische, physische, moralische und metaphysische Notwendigkeit unterscheiden.
Logisch
notwendig ist die Folge, wenn der Grund gesetzt ist.
Physisch
notwendig ist die Wirkung, wenn die Ursache gegeben. Moralisch notwendig ist die Handlungsweise, die aus einem gegebenen allgemeinen Sittengesetz folgt.
Metaphysisch
notwendig ist die Konsequenz, wenn das Grundprinzip feststeht.
Notwendig ist also im allgemeinen, was im kausalen Zusammenhang mit einem Gegebenen steht
und darum, sobald dieses gegeben ist, in allen Fällen zutrifft.
Kant
(1724-1804) nahm außerdem eine
erkenntnistheoretische
Notwendigkeit an. Notwendig und allgemein gültig sollten nach ihm in dem Erkenntnisprozesse alle diejenigen Anschauungen (Raum und Zeit) und Begriffe (Kategorien) sein, ohne welche Erfahrung überhaupt nicht möglich ist. Aber der Nachweis der Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit der uns gegebenen Raum- und Zeitanschauung und der von Kant aufgestellten Kategorien für alle Erfahrung mißlang. Es ist sehr wohl eine auf anderen Anschauungsformen und Begriffen beruhende Erfahrung denkbar, und für uns schließen die Gesetze des Erkennens nur Tatsächlichkeit, nicht Notwendigkeit in sich ein. Und da alle Notwendigkeit schließlich auf kausale Bestimmung und Gesetzmäßigkeit hinauskommt, unsere Einsicht in das Wesen der Kausalität aber nur so weit reicht, daß wir den Eintritt der Folge nach dem Grunde, der Wirkung nach der Ursache kennen lernen, das Wie des Zusammenhangs aber nicht erkennen, so ist im Grunde alle uns bekannte Notwendigkeit nicht mehr als Tatsächlichkeit; das gilt von aller logischen, physischen und metaphysischen Notwendigkeit, und die moralische ist nicht einmal immer Tatsächlichkeit, sondern bleibt oft nur ein Gefühl der Verpflichtung ohne Verwirklichung. Weil alle Notwendigkeit, soweit sie uns in der Erkenntnis gegeben ist, schließlich nur das Wiederkehrende in der Erfahrung, die Tatsächlichkeit in ihrem kausalen Zusammenhange ist, ist die rationalistische Methode in der Philosophie unschöpferisch und unfruchtbar, die empiristische allein schaffend und fördernd. Das Fördernde in allen mathematischen Schlüssen ist auch nur das tatsächlich Gegebene der Raum- und Zeitanschauung und die Möglichkeit der Verbindung der Elemente derselben in den verschiedensten Formen. Auch mathematische Gewißheit und Allgemeingültigkeit schließt keine höhere Notwendigkeit in sich ein als alles Tatsächliche; wohl aber bleibt das Bedürfnis nach einer höheren Notwendigkeit als die des Tatsächlichen in seinem gegebenen Zusammenhange für das menschliche Gefühl bestehn. (Vgl. Freiheit, Determinismus, Prädestination, Fatalismus, Gott.) Die rechte Einsicht in den Begriff der Notwendigkeit gibt schließlich nur die Erkenntnis, daß sie ein
Modalbegriff
ist und als solcher überhaupt nicht ein reales Verhältnis (Sein und Nichtsein), sondern nur einen Grad der Überzeugung, mithin ein subjektives Verhältnis des Menschen zum Ausdruck bringt. Sie bezeichnet den stärksten Grad der menschlichen Überzeugung von der Wahrheit eines Satzes oder der Existenz eines Dinges. Wenn wir alle Bedingungen einer Sache erfüllt sehen, halten wir sie für notwendig, wo die Erfüllung aller Bedingungen behindert ist, reden wir im Gegensatz dazu von Unmöglichkeit. Als modale Kategorie, d.h. als solche, die dem Begriff kein Merkmal hinzufügt, sondern nur das Verhältnis zum Erkenntnisvermögen ausdrückt, hat sie auch Kant erfaßt, wenn er definiert: »Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist notwendig« (Kr. d. r. V. S. 218). Nur dürfte die Notwendigkeit nicht Kategorie zu nennen sein, sondern sich als abgeleiteter Begriff erweisen.
Nooumenologie
Nooumenologie
nannten einige Psychologen, wie Ennemoser, Lichtenfels, Nüßlein u. a., den ersten,
generellen Teil der Psychologie
, während sie den zweiten, den speziellen, als
Phänomenologie
bezeichneten.
Nooumenon
Nooumenon
. (gr.
nooumenon
= das Gedachte) heißt ein
Verstandesding
(ens merae cognitionis), das von Jeder sinnlichen Anschauung frei ist.
Kant
(1724-1804) versteht darunter den Gegenstand der reinen Verstandesbegriffe, und da Begriffe ohne Anschauung leer sind, ist ihm das Nooumenon zunächst ein leerer Begriff, dem nichts in der Wirklichkeit entspricht. Kant erweitert aber den Begriff des Nooumenon zu dem Begriff eines Gegenstandes, der einer Anschauung, obgleich nicht einer sinnlichen, gegeben werden kann, und nähert damit die Noumena unmittelbar den Begriffen der Dinge an sich selbst, die dann als bloße Verstandeswesen gedacht sind. (Kr. d. r. V., S. 137 ff. u. 235 ff. Prolegg. §§ 32-35.) Der Gegensatz, zum Nooumenon ist das
Phaenomenon
, der Begriff der Dinge, welche die Sinnenwelt ausmachen, also der Erscheinungen (s. d.), sofern sie als Gegenstände nach der Einheit der Kategorien gedacht werden..
Nullibisten
Nullibisten
, s. Holomerianer.
Nus / Nous
Nus
,
Nous
(gr.
nous
= Verstand) heißt schon bei Homer das Erkenntnisvermögen; von
Parmenides
und
Demokritos
wird er der Seele (
psychê
) gleichgesetzt, von
Platon
und
Aristoteles
als edelster Teil derselben gedacht. Platon versteht darunter die denkende Seele (
logistikon
), die im Haupte ihren Sitz hat, Aristoteles den Teil der menschlichen Seele, den sie vor den Tieren voraus hat. Die übrigen Teile der Seele sind nach ihm vergänglich; der
nous
ist präexistierend und unsterblich. – In der Geschichte der griechischen
Metaphysik
spielt der Nous eine wichtige Rolle: Schon
Xenophanes von
Kolophon (ca. 500 v. Chr.) nahm eine objektive göttliche Vernunft als Weltprinzip an. Ihm folgend, fand
Anaxagoras
(500-428) des Sokrates Lehrer, die bewegende und gestaltende Kraft weder mit den Hylozoisten in der Natur der Stoffe selbst, noch mit
Empedokles
in unpersönlichen psychischen Mächten, sondern in einem weltordnenden Geiste. Der Nous unterscheidet sich nach ihm von den materiellen Wesen durch Einfachheit, Selbständigkeit, Wissen und Herrschaft über den Stoff. Platon (427-347) definiert die weltbildende Vernunft als die schöpferische Zweckmäßigkeit in der Welt, während er die Notwendigkeitsursachen, welche nur mithelfen, als in der Materie begründet ansetzt. (Vgl. Notwendigkeit.)
Aristoteles
(384-322) nennt den stofflosen Geist direkt Gott, dessen Existenz er aus der Notwendigkeit eines ersten unbewegten Bewegers beweist (vgl. Beweise für das Dasein Gottes). Als solcher muß er reine Energie (purus actus), ewig, reine Form, ohne Materie, daher auch ohne Vielheit und Teile, reines Denken (
nous
), das sich selbst denkt, sein. Er ist also Selbstbewußtsein (
noêsis noêseôs
). Er bewegt, ohne zu bilden und zu handeln, selber unbewegt, als das Gute und der Zweck, dem alles zustrebt, wie der Liebende dem Geliebten. Die Welt als gegliedertes Ganzes hat ewig bestanden und wird nicht untergehn. Als Aktualität ist Gott nicht Produkt, sondern Prinzip der Entwicklung (Metaphys. 12, 6 u. 7). – Merkwürdig ist die Richtung der
Neuplatoniker
, die das Göttliche weder als Nous noch als Gegenstand der Vernunft (weder als
nous
noch als
noêton
) ansahen, sondern als Übervernünftiges (
hyperbebêkos tên nou physin
). Es verhält sich zum Nous, wie das Licht zum Auge. Die Einheit ist die Quelle und Kraft, woraus erst das Seiende stammt. So hypostasiert
Plotinos
(206-270) das Resultat seiner Abstraktion zu einem gesondert existierenden Wesen, hält es für ein Prinzip dessen, woraus es abstrahiert ist, und nennt es die Gottheit.
nützlich
nützlich
(lat. utilis,
chrêsimos
) heißt dasjenige, was zur Erreichung eines Zweckes als Mittel dient. Man hat das
subjektiv
und
objektiv
Nützliche zu unterscheiden. Jenes kann diesem widersprechen. Ebenso kann das dem
einzelnen
Nützliche der
Allgemeinheit
schädlich sein. Daher stritten schon die Alten über das Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichen.
Sokrates
(469-399) schied das Nützliche vom Sittlichen nicht,
Platon
(427-347) trennte beide Begriffe voneinander.
Bentham
(1748-1832) setzt das Sittliche in das Allgemein- Nützliche. Aber das Sittliche tritt oft mit einer Unbedingtheit auf, die allem, auch dem Allgemein-Nützlichen, fern ist.
Nützlichkeitslehre
Nützlichkeitslehre
, s. Utilitarismus, Eudaemonismus Ethik.
O
O
bezeichnet in der Logik ein besonders verneinendes Urteil, z.B.: Einiges Glänzende ist nicht Gold, während i ein besonders bejahendes und e ein allgemein verneinendes bezeichnet. Die allgemeine Form eines besonders verneinenden Urteils ist: Einige S sind nicht P. Der besonders verneinende Satz kann auf drei Begriffsverhältnissen des Subjekts und Prädikates beruhen. 1. Entweder die beiden Begriffe kreuzen sich; z.B.: Einige Raubtiere sind nicht Zehengänger; 2. oder der Subjektsbegriff ist der Gattungs-, der Prädikatsbegriff der Artbegriff; z.B.: Einige Phanerogamen sind nicht Dikotyledonen; 3. oder das besonders verneinende Urteil wird auf Grund eines allgemein verneinenden ausgesprochen, und die Begriffssphären von Subjekt und Prädikat haben nichts gemeinsam; z.B. wenn es zutrifft, daß kein Mensch ohne Leid bleibt, so trifft es auch zu, daß einige Menschen nicht ohne Leid bleiben, obwohl dann in letzterem Satze nur ein Teil, nicht das Ganze der Wahrheit zum Ausdruck kommt.
Oberbegriff
Oberbegriff
(lat. terminus maior) heißt derjenige Begriff im Syllogismus (P), der im Schlußsatz zum Prädikat wird.
Oberhaupt
Oberhaupt
des Reichs der Zwecke nennt
Kant
(1724 bis 1804) (Grundlegung zur Metaph. der Sitten, S. 75) ein vernünftiges Wesen, das allgemeine Gesetze gibt, ohne selbst denselben unterworfen zu sein. Ein solches Wesen muß unendlich, frei und unabhängig von sinnlichen Neigungen, Bedürfnissen und Antrieben und schrankenlos in seiner Macht sein.
Obersatz
Obersatz
(lat.: propositio maior) in einem Schlüsse heißt diejenige Prämisse, welche das Prädikat des Schlußsatzes enthält. Sie wird gewöhnlich dem Untersatz vorangestellt. Vgl. Schluß.
Obertöne
Obertöne
, genauer harmonische Obertöne, heißen die bei einem Einzelton (Grundton) mitklingenden schwächeren höheren Teiltöne (zu c: c', g', c", e", g" usw.); sie bilden in ihrer Gesamtheit die Klangfarbe zum Hauptton.
Mersenne
hat diese Tatsache zuerst nachgewiesen,
Saveur
sie 1701 erklärt, und Rousseau gründete darauf 1722 sein musikalisches System. (Helmholtz, Lehre von den Tonempfindungen. 4. Aufl. 1877 S. 37).
Objekt
Objekt
(lat. von objicere = entgegenstellen, vorstellig machen), Gegenstand, eigtl. das Dargebotene, bedeutet allgemein dasjenige, womit sich ein Subjekt geistig beschäftigt. Das Verhältnis des Subjektes und Objektes ist also zunächst ein rein innerliches, ein Empfinden, Vorstellen, Wahrnehmen, Denken oder Erkennen. Das Objekt ist eine Kategorie oder Grundform des Erkennens. Von der Existenzweise des Objektes selbst ist dabei noch ganz abgesehen; Gegenstand der subjektiven Betätigung ist alles, was dem Bewußtsein gegeben ist, jedes Gedankending. Ursprünglich von
Duns Scotus
(1265-1308) ab bis in das 18. Jahrhundert hieß es denn auch das, was »im Vorstelligmachen liegt und hiermit auf Rechnung des Vorstellenden fällt«. Objekt bedeutet aber jetzt, seit Kant (1724-1804), im
engeren Sinne
den dem Bewußtsein durch die Wirklichkeit gegebenen Gegenstand, mithin das Reale in seinem Verhältnisse zum Subjekte. Ohne das Subjekt ist also auch das Objekt in diesem engeren Sinne nicht vorhanden. Dies haben
J. G. Fichte
und
Schopenhauer
richtig hervorgehoben: Gegenstand der Betrachtung ist ein Ding nur unter Voraussetzung von einem Betrachtenden. Daher muß von dem Objekte das Reale an sich geschieden werden, das aber für unser Wissen keine Rolle spielt (vgl. Ding an sich). Vielfach wird jedoch, was nur Verwirrung hervorrufen kann, das Reale unabhängig von unserem Bewußtsein auch Objekt genannt. Es ist empfehlenswert, diesem verwirrenden Sprachgebrauchs nicht zu folgen. – Objekt bezeichnet auch das Ziel unseres
Handelns
, das, worauf unser Streben und Tun gerichtet ist.
Eins der schwierigsten Probleme ist die
Existenz der objektiven Welt
. Es löst sich durch die Erkenntnis, daß das unserem Bewußtsein in der Empfindung Gegebene ein Ungewolltes und nicht Abzuweisendes ist. –
Objektivität
heißt Gegenständlichkeit, und zwar, gemäß den obig entwickelten Bedeutungen, sachgemäßes Denken oder Gedachtwerden oder dem Menschen bewußte Realität, oder auch Sachlichkeit der Darstellung, im Gegensatz zur subjektiven, persönlichen Auffassung. Das Objektive steht mithin zwar dem Persönlichen gegenüber, ist deshalb aber keineswegs immer real oder wirklich, da Gegenstand unserer Betrachtung sowohl ein Ding als auch eine Vorstellung sein kann. In der Kunst heißt Objektivität die Darstellung, welche den Gegenstand zur Geltung kommen läßt, während die subjektive Darstellung ihn sich unterordnet. Plastik, Epos und Drama sind objektive, Lyrik und Musik subjektive Künste. Auch die Wissenschaft soll nach Objektivität (sine ira et studio) streben.
Objektiv gültig
heißt das, was für alle vernünftigen Wesen Gültigkeit hat,
objektiv gut
, was sie alle als solches anerkennen. Vgl.
subjektiv. Eucken
, Geistige Strömungen der Gegenwart. 1905. S. 11 ff.
objektive Gefühle
objektive Gefühle
sind diejenigen, welche einen notwendigen Zusammenhang mit bestimmten Vorstellungen behaupten (intellektuelle, ethische, ästhetische Gefühle), während die
subjektiven
(Reue, Scham, Freude, Angst) diejenigen sind, welche sich gegen jeden Vorstellungsinhalt gleichgültig verhalten. Die erste Klasse kann man auch materiale, fixe, qualitative, die zweite Klasse formale, vage, quantitative nennen. Vgl. Gefühle.
objektive Leidenschaften
objektive Leidenschaften
sind die, welche das Selbstgefühl des Wollenden aufheben, so daß dieser sich völlig dem Genusse hingibt; in den subjektiven dagegen steigert die Befriedigung das Selbstgefühl, und das Subjekt kann sich dabei selbst fühlen und genießen. Jenes sind die Leidenschaften des
Habens
, diese des
Seins
; dort strebt der Genießende sich selbst los zu werden, hier denkt er von vornherein an Steigerung seines Wesens. Das Erwachen aus der Leidenschaft trägt beidemal den Schein der Befreiung: dort aus den Fesseln eines Nicht-Ichs, hier aus denen eines fremden in uns gebietenden Ichs. Der Typus der objektiven Leidenschaft ist
Habsucht
, der subjektiven
Selbstsucht
. Vgl. Leidenschaft.
objektivieren
objektivieren
(franz.) heißt gegenständlich machen, aus uns heraus versetzen, eine innere Vorstellung äußerlich in Erscheinung umwandeln. So ist alles objektiviert, was das Gesicht und das Gehör außer uns in Zeit und Raum verlegt. So objektiviert der Künstler seine Idee im Stoffe, im Tone oder im Worte.
Schopenhauer
(1788-1860) nannte die Welt die Objektivation des Willens, den Leib seine »Objektität«.
Obreption
Obreption
(lat. obreptio) heißt Beschleichung, Erschleichung, vgl. Subreption.
Observation
Observation
(lat. observatio), s. Beobachtung.
Occasionalismus
Occasionalismus
(franz. occasionalisme = Lehre von den Gelegenheitsursachen v. lat. occasio = Gelegenheit) heißt die Richtung der Philosophie, welche die Wechselwirkung zwischen Geist und Körper und den Einfluß der Seele auf den Leib und umgekehrt leugnete und die Übereinstimmung beider in jedem einzelnen Falle auf ein vermittelndes Drittes, Gott, zurückführte. Sie bildete sich in der Schule des
Descartes
(1596-1650) heraus. Während vorher die Theorie des natürlichen Einflusses (influxus physicus) von Körper und Geist, Leib und Seele aufeinander geherrscht hatte, stellte Descartes die dualistische Lehre von der substantiellen Verschiedenheit von Körper (Ausdehnung) und Geist (Denken) auf, die, konsequent durchgeführt, jede gegenseitige Einwirkung beider ausschließt. Clauberg, Louis de la Forge und Cordemoy lehrten dann, daß die scheinbare Wechselwirkung zwischen Körper und Geist auf Gott als die wirkliche Ursache zurückzuführen sei. Am entschiedensten vertrat diese Lehre
Arn. Geulincx
(1624-1669). Er behauptete, Gott rufe bei Gelegenheit des leiblichen Vorganges in der Seele die entsprechende Vorstellung hervor und bei Gelegenheit des Wollens bewege Gott den Leib. Nicht der Körper sei also Ursache für die bewußte Empfindung im Geiste, nicht der Wille sei unmittelbare Ursache der Bewegung, sondern das eine sei nur Gelegenheit für Gott (causa occasionalis), das andere hervorzubringen. Geulincx stützte sich dabei auf den Satz quod nescis, quomodo fiat, id non facis. Wir wissen nicht, wie unser Wille den Leib, unsere Sinnesreizung die Empfindung in Bewegung setzt. Also ist Leibesbewegung und Sinnesempfindung nicht unser Werk. Abgeschwächt ist das Problem bei
Nic. Malebranche
(1638-1716), welcher alles Tun überhaupt Gott zuschrieb. Gott hat zwei Grundideen, Denken und Ausdehnung, nach denen er alle Dinge geschaffen hat. Von den Körpern, hat er nur die Ideen in sich, die Geister aber hat er nicht nur als Ideen, sondern als Geister selbst in sich. Denn Gott, ist der »Ort der Geister«, die deshalb sich selbst und die Körper erkennen. In beiden, in der Körper- und Geisterwelt, geschieht alles von Gott. Bei
Spinoza
(1632-1677) schwächte sich das Problem noch weiter ab. Indem er nur Gott die Existenz: zuschrieb, Ansdehnung und Denken aber zu Attributen Gottes herabsetzte, war nur noch die Idee des vollkommenen
Parallelismus
(s. d.) beider Attribute nötig, um die Übereinstimmung zwischen Seelen- und Körpervorgängen zu erklären. Die Abweichung Malebranches und Spinozas voneinander liegt also, wie Malebranche hervorgehoben hat, nur darin, daß bei ihm selbst das Universum in Gott, bei Spinoza Gott im Universum zu suchen ist. Noch weiter sinkt die philosophische Bedeutung des Problems bei
Leibniz
(1646-1716), der an Stelle des Occasionalismus die Lehre von der
prästabilierten
Harmonie
setzte. Unter Verwerfung des physischen Einflusses (»die Monaden haben keine Fenster«) leugnete auch er, daß Leib und Seele Wirkungen aufeinander ausüben; um aber nicht ein Wunder ohne Ende anzunehmen, stellte er die Hypothese auf, Körper und Seele folgten spontan den ihnen von Anfang anerschaffenen Gesetzen und stünden, kraft göttlicher
Prästabilierung
, dabei in steter Harmonie, wie zwei kunstvoll regulierte Uhren. Jede Monade ist mit Rücksicht auf alle anderen geschaffen. Die Seele hat also in demselben Momente eine schmerzhafte Empfindung, wo der Körper geschlagen wird: der Arm streckt sich gemäß den Gesetzen des leiblichen Mechanismus in dem Augenblicke aus, wo in der Seele ein bestimmtes Begehren auftaucht. Erst mit dem
Kritizismus Kants
(1724-1804), der die Erkennbarkeit des Dinges an sich leugnete, verschwindet das Problem, das den Occasionalismus hervorgerufen hat, und mit ihm der Occasionalismus selbst, aus der Philosophie gänzlich. Vgl. Dualismus, Harmonie, Monade.
Occultismus
Occultismus
, s. Astralleib.
Od
Od
nannte
Karl v. Reichenbach
(1788-1869) eine eigentümliche, aus den Fingerspitzen ausströmende und auch auf andere Körper übergehende, zwischen Wärme, Licht, Elektrizität und Magnetismus stehende Kraft, welche nur von Sensitiven, d.h. dafür empfänglichen Menschen, als angenehmer oder widriger Geschmack empfunden wird und auf dem die Polarität zwischen Metallen, Pflanzen und Menschen beruhen soll. Vgl.
Reichenbach
, Odisch-magnetische Briefe. Stuttgart 1852. Dagegen
L. Büchner
, Das Od. Darmst. l854.
Fechner
, Erinnerungen an die letzten Tage der Odlehre und ihres Urhebers. Leipzig 1876.
Offenbarung
Offenbarung
(lat. revelatio, inspiratio) heißt die Gott oder Gottgesandten zugeschriebene Enthüllung religiöser Wahrheiten und seines eigenen Wesens. Gott offenbart sich, wie der Glaube annimmt, teils äußerlich, teils Innerlich, und zwar jedem Menschen nach Maßgabe seiner Empfänglichkeit. Die äußere (objektive) Offenbarung geschieht in der Natur und in der Geschichte. Der religiöse Mensch sucht Gottes Walten in den Naturgesetzen und Naturvorgängen, sowie in Ereignissen des Lebens einzelner und ganzer Völker; Familienerlebnisse, Rettung aus Gefahr, Not, Krankheit und Tod, wie die Knotenpunkte in der Staaten- und Kulturgeschichte, werden als Taten Gottes angesehen. Die innere (subjektive) Offenbarung wird dagegen in der Vernunft und in dem moralischen Gefühl gesucht und befaßt jeden theoretischen und praktischen Fortschritt der Menschheit auf dem Gebiete der Erfindungen und Entdeckungen, der Erkenntnis, der Darstellung der Kunst und der Sittlichkeit. Der Glaube betrachtet die ganze Geschichte der Menschheit als die Erziehung derselben durch Gott, als eine Herausgestaltung seines Reiches. Die Religionen stützen sich noch auf eine dritte Art der Offenbarung, nämlich die durch Auserwählte oder Gottgesandte. Insbesondere nimmt die christliche Lehre die Offenbarung des Wesens Gottes durch Moses, die Propheten und vor allem durch Christus an. Fichte (1762-1814) sah eine äußere Offenbarung für den Fall als notwendig an, daß die Menschheit moralisch so verkommen sei, daß sie die Stimme des Sittengesetzes nicht mehr höre. (Versuch einer Kritik aller Offenbarung. Königsberg 1792.) Kant leugnete die Notwendigkeit einer Offenbarung gänzlich. Vgl. Humanität, Geschichte.
Offenheit
Offenheit
oder Offenherzigkeit ist die Bereitwilligkeit, anderen unser Inneres aufzuschließen. Sie findet sich bei jedem gutangelegten Menschen ursprünglich, erleidet aber durch die Erfahrungen des Lebens ihre Einschränkung. Nicht alle Menschen verdienen das Vertrauen der Mitmenschen, weil sie es entweder verkennen oder mißbrauchen. Das Gegenteil der Offenheit ist entweder die
Verschlossenheit
oder, wo die Absicht zu täuschen vorhanden ist, die
Verstellung
. Vgl. Wahrhaftigkeit.
Ontogenie
Ontogenie
(gr.) heißt die Entwicklungsgeschichte des Individuums, welche, wie
Huxley
(1825-1895) und
Haeckel
(geb. 1834) zeigten, nicht nur bei verwandten Formen die gleiche ist, sondern auch oft den Entwicklungsgang des ganzen Stammes, die Phylogenie, bis zu einem Grade spiegelt.
Haeckel
formuliert daraus das (nicht überall nachweisbare) biologische Grundgesetz: »Die Ontogenie ist die Wiederholung der Phylogenie«. Vgl. Darwinismus, Phylogenie.
Ontologie
Ontologie
(aus gr.
on
das Seiende u.
logos
) heißt der Teil der Metaphysik, der es mit dem Sein zu tun hat. Das Forschungsgebiet der Ontologie begegnet uns schon bei
Platon
(427-347), der in seiner Ideenlehre die Ideen als das wahrhaft Seiende (
to ontôs on
) darstellt. Mit den Prinzipien des Seins (Stoff, bewegende Ursache, Zweck, Form) beschäftigt sich ebenso
Aristoteles'
(384-322) »erste Philosophie« (philosophia prima); sie ist ihm die Wissenschaft vom Sein als Sein. Während sich Epikuros, die Akademiker und Skeptiker nicht mit den realen Kategorien beschäftigten, schlossen sie die Stoiker,
Neuplatoniker
, ja fast alle
Scholastiker
eng an Aristoteles an. Die Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts sagten sich fast ganz von der Ontologie los; erst
Chr. Wolf
(1679-1754), Leibniz' Schüler, der die Philosophie deutsch reden gelehrt hat, nahm diese Disziplin wieder auf indem er die Metaphysik in Ontologie, rationale Psychologie, Kosmologie und rationale Theologie zerlegte. Die Ontologie behandelt die Eigenschaften und Arten des Seienden. Sie spricht vom Wesen, den Bestimmungen und Modis der Dinge, von Raum und Zeit, Ausgedehntem und Substanzen, Kräften und Aggregaten.
Hume
und
Kant
(1724 bis 1804) hingegen verwarfen die Ontologie ganz; an ihre Stelle hat nach Kant die
Erkenntnistheorie
oder
Transscendentalphilosophie
(s. d.) zu treten, welche den Vorrat unserer reinen Begriffe a priori einer Kritik zu unterwerfen hat. Die
nachkantischen Philosophen
: Fichte, Schelling, Hegel, Herbart, Schopenhauer und v. Hartmann haben jeder in anderer Weise die Ontologie aufs neue bearbeitet; ebenso Trendelenburg, Ulrici, Fichte d. J. und Lotze. Jedoch halten andere, wie Wundt, F. A. Lange, an der Verwerfung jener Disziplin fest. Vgl. Metaphysik.
ontologischer Beweis
ontologischer Beweis
heißt der Beweis, der Gottes Dasein
aus dem Begriff Gottes
nachzuweisen versucht. Er ist zuerst von
Anselm von Canterbury
(1033-1109) gebraucht, dann von
Cartesius
(1596-1650) und
Spinoza
(1632-1677).
Kant
(1724-1804) hat dagegen seine Unzulässigkeit nachgewiesen (Kr. d. r. V. S. 592-602), s. Gott. Ihm entfließt nach Kant die Ontotheologie, die er als diejenige transscendentale Theologie definiert, welche glaubt durch bloße Begriffe ohne Beihilfe der mindesten Erfahrung das Dasein des Urwesens zu erkennen.
Opposition
Opposition
(lat. oppositio), Entgegensetzung, ist 1. der
logische Widerspruch
, welcher entsteht, wenn von demselben Dinge etwas zugleich bejaht und verneint wird. Das Resultat ist ein Nonsens, z.B. ein Körper, der zugleich in Bewegung und in Ruhe ist; 2. das
Verhältnis der Urteile
a und o und e und i (kontradiktorische Entgegensetzung), das Verhältnis der Urteile a und e (konträre Entgegensetzung) und das Verhältnis der Urteile i und o (subkonträre Entgegensetzung): Habe ich ein allgemein bejahendes und ein entsprechendes partikulär verneinendes Urteil oder ein allgemein verneinendes und ein entsprechendes partikulär bejahendes Urteil (kontradiktorischer Gegensatz), so folgt aus der Wahrheit des einen die Unwahrheit seines kontradiktorischen Gegenteils, und aus der Unwahrheit des einen die Wahrheit des andern. Habe ich ein allgemein bejahendes und ein entsprechendes allgemein verneinendes Urteil (konträrer Gegensatz), so folgt aus der Wahrheit des einen die Unwahrheit seines konträren Gegenteils, aber nicht aus der Unwahrheit des einen die Wahrheit des andern. Habe ich endlich ein partikulär bejahendes und ein entsprechendes partikulär verneinendes Urteil (subkonträrer Gegensatz), so folgt aus der Unwahrheit des einen die Wahrheit seines subkonträren Gegenteils, aber nicht aus der Wahrheit des einen die Unwahrheit des andern; 3. der
reale Gegensatz
(reale Oppugnanz), in dem zwei Prädikate eines Dinges entgegengesetzt sind, aber nicht durch den Satz des Widerspruchs, wie z.B. die Bewegung eines Körpers nach rechts a und die Bewegung nach links b, deren Resultat a – b ist. Vgl. Gegensatz, Widerspruch, Negation.
Optimismus
Optimismus
(nlat., franz. v. lat. optimus = der beste) heißt
theoretisch
die Lehre, daß diese Welt, trotz ihrer mancherlei Unvollkommenheiten, die beste, die erschaffen werden konnte, d.h. möglichst vollkommen und auf die Glückseligkeit der darin lebenden Wesen berechnet sei. Diese Lehre findet sich schon bei den
Stoikern
. So sagt
Kleanthes
in seinem »Hymnus auf Zeus«: »Nichts geschieht ohne dich, Gottheit, außer was die Bösen tun durch ihre eigene Unvernunft; aber auch das Schlimme wird wieder durch dich zum Guten gelenkt!« Nach
Chrysippos
ordnet die Vorsehung (
heimarmenê
, fatum) alles aufs beste, und der Mensch kann sich dieser alles beherrschenden Logik anvertrauen. Gott ist der Vater aller, ist wohltätig und menschenfreundlich; zur Rechtfertigung der Übel geben die Stoiker eine ausführliche Theodicee (s. d. W.). Ebenso lehrt
Plotinos
den Optimismus, indem er die ganze Weltentwicklung als Emanation aus und Rückkehr zu Gott betrachtet. Nicht minder vertreten
Platon
(427-347) und
Aristoteles
(384-322) mit ihrer teleologischen Weltbetrachtung den Optimismus und im Anschluß an Aristoteles die scholastischen Aristoteliker
Albertus Magnus
(1193-1280) und
Thomas von Aquino
(1225-1274). Am bekanntesten aber ist
Leibniz
(1646-1716) als Optimist, weil er, angeregt durch
Bayles
(1647-1705) Zweifel, eine ausführliche »Theodicee« (1710) geschrieben hat. Gott hat die Ideen von unendlich vielen möglichen Welten; da von diesen nur eine existiert, muß es einen hinreichenden Grund dafür geben, warum er diese allen anderen vorgezogen hat. Diese muß also die vollkommenste aller möglichen sein, denn wenn sie es nicht wäre, so hätte Gott eine vollkommnere entweder nicht gekannt oder nicht schaffen können oder nicht schaffen wollen; das aber widerspräche entweder seiner Weisheit, oder seiner Allmacht, oder seiner Güte. Die Übel, welche Leibniz keineswegs ableugnet, sind daher nach seiner Ansicht notwendig mit der Existenz der Welt bedingt. Denn sollte es eine Welt geben, so mußte sie aus endlichen, d.h. sündliche, beschränkten und leidensfähigen Wesen bestehn. Zwischen dem Reiche der Natur und dem der Gnade besteht eine durchgängige Harmonie. (Vgl. Theodicee.) Auch die folgenden großen Philosophen sind sämtlich Optimisten. Erst
Schopenhauer
(1788-1860) und
v. Hartmann
(1842-1906) haben im neunzehnten Jahrhundert den
Pessimismus
(s. d.) herausgebildet, welcher diese Welt für die denkbar schlechteste hält. Jener leitet den Optimismus mit
Hume
aus »heuchelnder Schmeichelei« gegen Gott ab; er sei eine schreiende Absurdität dieser Welt des Elends und der Sünde gegenüber, eine Ironie, eine »wahrhaft ruchlose Denkungsart« (W. a. W. u. V. I, 385. II, 663). Aber der Pessimismus beruht auf falschen Ansprüchen des Individuums, unrichtiger Auffassung des Wesens der Lust und Verkennung der zweckmäßigen Ordnung der Welt.
Im
praktischen Sinne
heißt Optimist derjenige, dessen Gemütsstimmung derart ist, daß er alle Begebnisse von der besten und heitersten Seite auffaßt, den Menschen das Beste zutraut und überall Mut und Hoffnung, selbst in schlimmen Lagen des Lebens, bewahrt.
optische
optische
Täuschung, s. Sinnestäuschung.
Organ
Organ
(gr.
organon
= Werkzeug) heißt dasjenige, was durch alle übrigen Teile des Ganzen da ist und auch um der anderen Teile und des Ganzen willen existierend gedacht wird. –
Organon
nannten spätere Herausgeber die Gesamtheit der logischen Schriften von
Aristoteles
, weil ja die Logik gleichsam das Werkzeug für alle Wissenschaften ist. Auch
Bacon
(1561-1626), der die Logik im Gegensatz zu Aristoteles erneuern wollte, nannte einen Teil seines Hauptwerkes Novum Organon. Organon der reinen Vernunft heißt bei
Kant
(1724-1804) der Inbegriff derjenigen Prinzipien, nach denen alle reinen Erkenntnisse a priori erworben und wirklich zustande gebracht werden. Kr. d. r. V. 2. Aufl. Vorrede, S. 24. Über das Organ der Seele, s. Sitz der Seele.
Organisation
Organisation
heißt eine zweckmäßige und in ihrer Form beharrliche Anordnung der Teile.
Organismus
Organismus
heißt ein Naturganzes, in welchem sämtliche Teile sich wechselseitig zueinander wie Mittel und Zweck verhalten. Im Organismus liegen die Teile des Ganzen nicht nur äußerlich nebeneinander, wie in Mechanismen und Industrismen, sondern sie hängen innerlich zusammen und vermitteln einen einheitlichen Prozeß, der sich auf das Ganze selbst bezieht. Die Organismen entwickeln sich von innen heraus. Aus einem Keime (Zelle, Samen oder Ei) entstehend, wachsen sie und erhalten sich durch den Stoffwechsel, bis sie entweder das ihnen gesteckte Lebensziel erreicht haben und sterben oder gewaltsam zerstört werden. Alle Organismen haben eine gewisse Spontaneität, welche besonders ihrer Ernährung und Fortpflanzung dient. So stellen sie sich alle als ein
System von Kräften
dar, das durch die in der Zelle angelegte Form
spontan
(d.h. von innen heraus) und
zweckvoll
ausgestaltet wird und sich selbst erhält. Der Begriff des Organismus ist im Altertum besonders von
Aristoteles
, in der Neuzeit von
Kant
philosophisch bestimmt worden.
Aristoteles
(384-322) geht von der Bedeutung des Wortes
organon
aus:
organon
heißt Werkzeug. Jedes Werkzeug ist aus ungleichartigen Teilen zusammengesetzt, hat einen Zweck und ist um einer bestimmten Tätigkeit willen da. Organische Wesen sind daher zusammengesetzte aus ungleichartigen Teilen bestehende Wesen, deren Teile zweckmäßig zu irgend einer Tätigkeit eingerichtet sind (De anima II, 1). Zu diesem Begriff fügt Aristoteles noch den Begriff des Lebens, der Beseeltheit (der Kraft der Selbstbewegung, der Selbstwirkung und des Wachstums) hinzu. So ergibt sich die aristotelische Definition, daß ein organisches Wesen ein innerlich zweckmäßiges, beseeltes oder belebtes Naturwesen ist, ein Mikrokosmus, dessen ungleichartige Teile dem Zweck des Ganzen als Werkzeuge dienen. Die organischen Wesen bilden eine Stufenfolge von der Pflanze zum Tiere und von da zum Menschen. Für
Kant
(1724-1804) ist das organische Wesen ein seine Gattung fortpflanzendes, sich selbst als Individuum im Wachstum fortbildendes Naturprodukt, dessen Teile sich gegenseitig erhalten, oder kürzer zusammengefaßt, ein Naturprodukt, das zugleich Naturzweck ist. Beide Philosophen gründen also den Begriff des organischen Wesens auf die Merkmale: Naturwesen, Selbsternährung, Wachstum, gegenseitige Abhängigkeit der Teile, Innere Zweckmäßigkeit. Aber Kant fügt dem Begriff noch das Merkmal der Erhaltung der Gattung hinzu und verfeinert den Begriff des Wachstums zum Begriff der beständigen Selbsterzeugung des Individuums, und für die Bestimmung des Aristoteles, daß die Teile des Organismus dem Zweck des Ganzen dienen, die auch auf ein Kunstprodukt paßt, setzt Kant den Begriff der gegenseitigen Erhaltung der Teile des Organismus. So ist Kants Definition der des Aristoteles überlegen. (Kr. d. U. II, §§ 62-68; Vom Gebrauch teleologischer Prinzipien 1788.) Nach Kants Zeit ist der Begriff des organischen Wesens namentlich durch die Entdeckung der Zelle neu begründet, aber philosophisch noch nicht endgültig formuliert.
Wundt
(geb. 1832) erklärt den Organismus als einen aus einer großen Zahl ineinandergreifender Selbstregulierungen zusammengesetzten Apparat, der, sobald er mit einer Anzahl anderer gleich- und verschiedenartiger Organismen in Wechselwirkung tritt, nun alsbald auf das so entstehende Ganze ebenfalls das Prinzip der Selbstregulierung übertragen muß (Logik).
Ostwald
sieht in den Organismen Wesen, deren Betätigung der Energiestrom ist und die befähigt sind, sich selbst zu erhalten und fortzupflanzen, oder kurz, sich selbst als Individuen und Familien erhaltende stationäre Energiegebilde (Vorles. üb. Naturphilos. 3. Aufl. Leipzig 1905. S. 312-331). Vgl. Lebenskraft. Telelogie.
organisch
organisch
im
bildlichen Sinne
heißt jedes Verhältnis einer Wechselwirkung, weil diese Wechselwirkung das Hauptmerkmal des Lebens (s. d.) ist, so spricht man bildlich auch von organischen Verhältnissen des Staates, der Schule, der Gesellschaft usw., ja sogar der Wissenschaften. Denn die Wissenschaften, z.B. Politik und Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaft stehen in Wechselwirkung, und der »philosophische Kopf«, wie
Schiller
den wahrhaft wissenschaftlichen Menschen nennt, setzt sie stets in Wechselbeziehung. Schließlich kann man auch den Kosmos, wenn man ihn teleologisch betrachtet, einen Organismus nennen.
sich orientieren
sich orientieren
(franz. v. lat.oriens = Osten) heißt 1.
geographisch
, aus einer gegebenen Weltgegend die übrigen bestimmen; 2.
mathematisch
, sich in einem gegebenen Räume zurechtfinden; 3.
logisch
, sich über die Grenzen und den Inhalt unseres Erkennens klar werden.
original
original
(franz. original, lat. originalis) heißt ursprünglich, ureigen, angeboren, schöpferisch; original ist z.B. jedes Genie, da es, im Unterschied vom Talent, Neues aus sich heraus in Religion, Kunst oder Wissenschaft hervorbringt.
Schopenhauer
(1788-1860) sagt (Vierf. Wurzel des Satzes vom zureich. Grunde S. 103): »das mit Hilfe anschaulicher Vorstellungen operierende Denken ist der eigentliche Kern aller Erkenntnis, indem er zurück geht auf die Urquelle; auf die Grundlage aller Begriffe. Daher ist es der Erzeuger aller wahrhaft originellen Gedanken, aller ursprünglichen Grundansichten und aller Erfindungen, sofern bei diesen nicht der Zufall das Beste getan hat.« Übrigens ist die Originalität auch der größten Genies, wie Goethes, Rafaels, Beethovens und Leibniz, nur relativ. Meist läßt sich nach dem Satze »die Natur macht keinen Sprung« die Reihe der Übergänge und Vorläufer zeigen. Vgl. jedoch Mutation.
Ort
Ort
(locus) bedeutet 1. den
Teil des Raumes
, den ein Ding einnimmt; 2. logisch den
Inbegriff
oder
Titel
, worunter viele Erkenntnisse gehören; bei
Kant
(1724-1804) ist Ort in transscendentalem Sinne die Stelle, welche wir einem Begriff entweder in der Sinnlichkeit oder im reinen Verstände erteilen.
P
P
bedeutet in der Logik das
Prädikat
eines Urteils, und da das Prädikat des Schlußsatzes in einem kategorischen Schlüsse bei normaler Anordnung der Prämissen stets im Obersatze erscheint, also Oberbegriff ist, auch den
Oberbegriff
; p bezeichnet ferner in den Namen der Schlüsse, die innerhalb jeder der drei letzten Schlußfiguren möglich sind, die
Umkehrung per accidens
. Vgl. Schluß, Konversion.
Pädagogik
Pädagogik
, s. Erziehung.
Palingenesie
Palingenesie
(gr.
palingenesia
aus
palin
= wieder und
genesis
= Geburt),
Wiedergeburt
, lehrten die
Pythagoreer
und einzelne Stoiker.
Auf den Kosmos bezogen
, stellt sich die Lehre der Stoiker von der Palingenesie so dar: Wenn die Zeit gekommen ist, zehrt das Urwesen den Stoff, den es als seinen Leib von sich abgesondert hat, allmählich wieder auf, bis am Ende dieser Weltzeit ein allgemeiner Weltbrand (
ekpyrôsis
) alle Dinge in den Urzustand zurückführt. Dieser Vorgang wird
apokatastasis
genannt. Hierauf beginnt jedoch die Schöpfung einer neuen Welt, welche, demselben Schicksal unterworfen, ganz dieselben Erscheinungen hervorbringt wie die frühere. (Siehe Zeller, Philos. d. Griechen III, 1, S. 136 ff.) Auch
Empedokles
(484-424) nahm schon ewig wechselnde Perioden der Weltbildung an, je nachdem die Liebe alle Elemente völlig vereinigt (Arist. Met. II, 4, p. 100 b 1) oder der Haß sie völlig trennt. – In
moralisch-religiösem
Sinne heißt Palingenesie (
gennêthênai anôthen
Joh. 3, 7) Wiedergeburt, d.h. radikale Besserung;
metaphysisch-religiös
bedeutet sie die Auferstehung der Toten.
Palingenesis
Palingenesis
(neue Bildung aus d. gr.) ist ein Begriff der Entwicklungslehre. Man unterscheidet in der Entwicklung des Individuums diejenigen Erscheinungen, die Resultate selbständiger Anpassungen sind als
Cenogenesis
(Neubildung) von den Erscheinungen, in denen das biogenetische Gesetz (Haeckels) zutrifft, und sich die Phylogenie abspiegelt. Die letzteren Erscheinungen faßt man unter dem Namen
Palingenesis
(Wiederkehr) zusammen.
Pandaemonium
Pandaemonium
(v. d. gr. geb.) heißt 1. ein allen Göttern geweihter Tempel, also s. a. Pantheon; 2. der Inbegriff aller übermenschlichen Wesen, sowohl Engel als Teufel; 3. die Hölle. – Reinh. Lenz schrieb 1775 seine Farce »Pandaemonium germanicum«, eine Geniesatire, in der er sich neben Goethe zu stellen versuchte, die gesinnungslosen Nachahmer und hohlen Journalisten verspottete und Karikaturen Gellerts, Weißes, Wielands, Jacobis usw. zeichnete. (Siehe Lenz, Pandaemonium Germanicum. Berlin 1896).
Panentheismus
Panentheismus
(Neubildung) heißt die Ansicht, nach der die Welt in Gott existiert, der sie als höhere Einheit umfaßt. So dachte
Malebranche
(1638-1715), der den Sitz der Geister und der Ideen der Körper in Gott suchte, und so nennt man das System
Fr. Krauses
(1781-1832). Der Grundgedanke des Panentheismus spricht sich in den Worten Fausts aus: »Der Allumfasser, der Allerhalter, faßt und erhält er nicht dich, mich, sich selbst?«
Pansatanismus
Pansatanismus
hat
O. Liebmann
(Zur Anal. d. Wirklichkeit, Straßburg 1876, S. 230)
Schopenhauers
(1788 bis 1860) Willenslehre genannt. Die Fichte-Schelling-Hegelsche Philosophie lief in Pantheismus aus. Schopenhauer liefert dazu das Gegenstück und die Karikatur. Die Benennung trifft nicht völlig zu; statt ihrer braucht man jetzt die Benennung
Panthelismus
(s. d.).
Panspermie
Panspermie
(aus d. gr. geb. von
pan
= alles und
sperma
= Samen), Allsamigkeit, Verbreitung der Samen in der Welt, nennt
Svante Arrhenius
(Das Werden der Welten übersetzt von L. Bamberger, Leipzig 1907, S. 195 ff.) die Annahme, daß Lebenssamen in den Räumen des Weltalls umherirren, die Planeten treffen und deren Oberfläche mit Leben erfüllen, sobald die Bedingungen für das Bestehen der Organismen dort erfüllt werden. Durch diese Theorie soll sowohl die Annahme einer generativ acquivoca als auch die Rückkehr zur Linnéschen Lehre von der Konstanz der Arten vermieden werden. Die Theorie der Panspermie hat Vorläufer in dem Franzosen
Sales-Gayon de Montlivault
(1821) und dem Deutschen
H. E. Richter
(1865). Arrhenius nimmt an, daß es so kleine lebende Organismen gibt (unter 0,00016 mm Durchmesser), daß der Strahlungsdruck der Sonne sie in den Raum hinaustreiben könnte, wo sie auf Planeten, die ihrer Entwicklung günstigen Platz böten, Leben erwecken könnten. Aber er gibt zu, daß die Richtigkeit dieser Annahme direkt durch Untersuchung der aus der Luft niederfallenden Samen wohl kaum bewiesen werden wird; und seine Lehre erklärt in keiner Weise, wie diese im Weltraume befindlichen organischen Lebewesen aus unorganischem Stoffe entstehen konnten, löst also nicht die Frage nach der Entstehung der Organismen in ihrem Kern und Wesen, sondern schiebt die Lösung nur weiter zurück, als die Theorie der generatio acquivoca es tut.
Pantheismus
Pantheismus
(von
pan
= alles u.
theos
= Gott) heißt seit Anfang des 18. Jahrhunderts dasjenige religionsphilosophische System, welches Gott und die Welt nicht voneinander trennt, sondern im Wesen für eins erklärt.
Theismus
heißt im Gegensatz dazu das System, das an der Verschiedenheit von Gott und Welt festhält. Der Pantheist identifiziert Gott und Welt und verleiht Gott ein
immanentes
Dasein in der Welt, während der Theist Gott und Welt trennt und Gott eine transscendente Existenz zuschreibt. Leicht aber verflüchtigt sich dem Pantheismus, wenn er Gott und All gleichsetzt oder auch das eine in das andere setzt, die Bedeutung des einen der gleichgesetzten Faktoren. Entweder verliert er über dem Begriff Gott das Bild der Welt oder über dem Bilde der Natur das Bild Gottes. Der Pantheismus erzeugt daher zwei Hauptrichtungen, die
akosmistische
(Brahmaismus, Eleaten), welche im Grunde die Welt leugnet, und die
pankosmistische
, atheistische (Spinoza, Goethe, Strauß), welche in Gefahr ist, Gott über der Welt völlig zu verlieren. (Siehe
Th. Ziegler
, Religion und Religionen. Stuttgart 1893. S. 113 f.) Bei den einzelnen Vertretern der Einheitslehre gewinnt der Pantheismus durch Betonung eines besonderen Elementes an dem über Geist und Körper hinaus gedachten Absoluten eine sehr verschiedene Färbung.
Realistisch
erscheint er da, wo die Einheit eines Stoffprinzips wie bei Herakleitos, oder die Einheit der Naturkraft, wie bei den Stoikern, hervorgehoben ist,
idealistisch
da, wo, wie bei Hegel, Gott die sich selbst entwickelnde Idee oder, wie bei Fichte, Gott die sittliche Weltordnung ist. Abstrakt erscheint er da, wo eine fast nur mit negativen Prädikaten ausgestattete Einheit wie bei den Eleaten gesetzt ist,
konkret
da, wo Gott als das Allpersönliche in den Geistern gedacht wird. (Vgl.
Weisenborn
, Vorlesungen über den Pantheismus und Theismus. 1859.
Frz. Hoffmann
, Theismus und Pantheismus. 1861.) Der Pantheismus, welcher innige Religiosität keineswegs ausschließt, wie dies z.B. die
indische
Religion beweist, ist eine weite und hohe poetische Weltanschauung, die etwas tief Beruhigendes an sich hat; aber wir befinden uns meist außerhalb der Wissenschaft und im Reiche der Phantasie, wenn pantheistische Gedanken unser Gemüt erfüllen. Wir finden ihn in allen Zeiten vor. Die
Eleaten
vertraten einen abstrakten Pantheismus (
Xenophanês de prôtos toutôn henisas eis ton holon ouranon apoblepsas to hen einai phêsi ton theon
. Arist. Met. I, 5, p. 986 b 21), indem sie nur dem einen Sein Existenz zuschrieben;
Herakleitos
(um 500 v. Chr.) sah in dem All ein göttliches
Urfeuer
. Auch die
Stoiker
legten dem Göttlichen als Substrat das
Feuer
unter. Andere war der
neuplatonische
Pantheismus beschaffen, der die bunte Erscheinungswelt aus dem einen Gott durch
Emanation
ableitete, sei es, wie bei
Plotinos
und
Proklos
, in der Form spekulativer Entwicklungen, sei es, wie bei
Jamblichos
, vermischt mit dämonischen Phantastereien. Im Mittelalter tritt der Pantheismus nur vereinzelt auf, entweder im Anschluß an Plotinos, bei
Scotus Erigena
, oder an Averroes, bei
David v. Dinanto
. Das erwachende Naturstudium des 16. Jahrhunderts rief eine Art von Schwärmerei für die mit Gott identifizierte Natur hervor (Vanini, Campanella, Giordano Bruno). Mehr
panentheistisch
als pantheistisch war die Lehre
Malebranches
(1638-1715), dem Gott als der Sitz der Geister erschien. Der nüchternste und konsequenteste Pantheist ist
Spinoza
(1632-1674), dem das All »deus sive natura« war; er verschmäht jeden poetischen Reiz, jede bestechende Rhetorik. Nachdem er lange Zeit mehr verketzert als studiert war, haben sich
Herder, Goethe
und die neueren Philosophen nach Kant mehr oder weniger an ihn angeschlossen, namentlich
Fichte, Schelling, Hegel, Schleiermacher
und
Fechner
. Bekannt gemacht hat ihn zuerst durch seine Polemik
Fr. Jacobi
(1743 bis 1819).
Die Lehre
E. v. Hartmanns
(1842-1906) als Pantheismus zu bezeichnen, ist unzulässig. Pantheismus kann vernünftigerweise nur da gesucht werden, wo Gott nicht in das Gegenteil verkehrt wird. Bei v. Hartmann ist aber das Absolute vernunftloser Wille und ohnmächtige logische Idee, und der
Hartmannsche
Pessimismus fordert als Endresultat die Aufhebung des Daseins. Die durch Verbindung von Christentum und Buddhismus geschaffene Zukunftsreligion Hartmanns, die er als konkreten Monismus bezeichnet, hat mit dem Pantheismus nur den Gedanken der Einheit des (Unbewußten) Absoluten gemeinsam.
Gegen den Pantheismus richtet sich außer den Bedenken, die jede Identitätsphilosophie (s. d.) erweckt, der Einwand, daß es für ihn fast unmöglich ist, dem Individuum gerecht zu werden, daß die menschliche Persönlichkeit mit ihrem Selbstbewußtsein und ihrer Selbstbestimmung unerklärlich wird, und daß ihm die Erklärung des Übels und des Bösen kaum ohne Gewaltsamkeiten gelingt. Vgl. Pansatanismus.
Jaesche
, der Panth. nach seinen Hauptformen. Berlin 1826.
Schuler
, der Pantheismus. Würzburg 1884.
Eucken
, Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipzig 1904. S. 256 ff., 378 ff.
Panthelismus
Panthelismus
(v. gr.
pas
= all u.
thelô
= ich will) heißt die Lehre
Schopenhauers
(1788-1860), nach der der Wille das Wesen aller Dinge ist. Vgl. Pansatanismus, Voluntarismus.
paradox
paradox
(gr.
paradoxos
) heißt seltsam, wider Erwarten. –
Paradoxie
oder
Parádoxo
n heißt eine Behauptung, welche dem gesunden Menschenverstand (common sense) widerspricht.
Die Eleaten
und
die Stoiker
liebten es, solche Paradoxa aufzustellen.
C i c e ro
(106-43 v. Chr.) überliefert in seinen »Paradoxa« folgende Sätze: 1. Nur was sittlich, ist gut. 2. Die Tugend genügt zum Glück. 3. Tugenden und Laster sind gleichartig. 4. Jeder Unweise ist ein Wahnsinniger. 5. Der Weise allein ist frei, der Unweise ein Sklave. 6. Der Weise allein ist reich.
Schopenhauer
(1788-1860) hält die Paradoxie für ein günstiges Symptom der Wahrheit, und
F. Nietzsche
(1844-1900) liebt es, den Leser durch paradoxe Sätze zu fesseln.
Parallelismus
Parallelismus
(gr.
parallêlismos
= Gleichlauf, Gleichförmigkeit) heißt die Lehre, daß Körper und Geist, Leib und Seele zwei gleichlaufende Reihen bilden. Einen
metaphysischen
Parallelismus der Attribute Gottes, des Denkens und der Ausdehnung, der Ideen und Körper, und damit zusammenhängend einen
psychophysischen
(anthropologischen) Parallelismus des Geistes und des Körpers nimmt
Spinoza
(1632-1677) an und ersetzt hierdurch den
Occasionalismus
(s. d.) der Cartesianer. Er lehrt, daß nur ein in sich selbst und für sich selbst bestehendes Wesen, nur eine Substanz, Gott oder die Natur, existiere. Diese besitze unendlich viele Attribute, von denen der menschliche Intellekt zwei als ihr Wesen ausmachend erkennt, das
Denken
(cogitatio) und die Ausdehnung (extensio). Alles Einzelne ist demgegenüber nur unselbständig, nur Zustand der Substanz (affectio), nur Modus. Alle Ideen sind Modi des Denkens, alle Körper Modi der
Ausdehnung
. Die Ideen haben daher nicht die Körper, und die Körper nicht die Ideen zur Ursache; die Ideen haben vielmehr Gott als denkendes Wesen und die Körper Gott als ausgedehntes Wesen zur Ursache. Beide gehen aber in gleicher Weise aus den Attributen Gottes hervor und drücken das Wesen ein und derselben Substanz aus, so daß sie zwei nebeneinander parallel laufende Reihen bilden (Parallelismus der Attribute). Die Ordnung und Verknüpfung der Ideen ist daher nach Spinozas Auffassung im Weltall dieselbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Körper (ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio renim Eth. II Prop. 7). Auf den Menschen (anthropologisch) angewandt, besagt diese Lehre, daß die Ordnung und Verknüpfung des Handelns und Leidens unserer Seele dieselbe ist wie die Ordnung und Verknüpfung des Handelns und Leidens unseres Körpers. Hierin besteht der Zusammenhang beider. Auch der
Hæckelsche Monismus
schließt den Gedanken des Parallelismus in sich ein.
Leibniz
(1646 bis 1716) setzte an Stelle dieser Lehre Spinozas die Idee der
prästabilierten Harmonie
.
Paralogie
Paralogie
(gr.
paralogia
) heißt Vernunftwidrigkeit, Irrtum.
Paralogismus
Paralogismus
(gr.
paralogismos
= Vernunftwidrigkeit von
para
= gegen u.
logos
= Vernunft) heißt im logischen Sinne ein in der Form unrichtiger Fehlschluß, der durch einen Irrtum entstanden ist, während ein Fehlschluß, der die Absicht zu täuschen hat, ein
Trugschluß
oder
Sophisma
(s. d.) heißt.
Kant
(1724-1804) unterscheidet vom logischen den
transscendentalen
Paralogismus. Der transscendentale Paralogismus ist ein Fehlschluß, der auf der natürlichen Beschaffenheit der menschlichen Vernunft, des Erkenntnisvermögens a priori, beruht, und der eine notwendige, wenn auch nicht eine unauflösliche Illusion mit sich führt. Kant kommt zu der Behauptung, daß es vier solcher transscendentalen Paralogismen gebe, durch folgenden Gedankengang: Ideen sind notwendige, auf das absolute Ganze aller möglichen Erfahrung gerichtete Begriffe, deren Gegenstand in keiner Erfahrung gegeben werden kann.
Ihr Ursprung
liegt in den Funktionen der drei Vernunftschlüsse, des kategorischen, des hypothetischen und des disjunktiven Schlusses.
Die erste Idee ist die des vollständigen Subjekts oder der absoluten Einheit des denkenden Subjekts, die zweite die der vollständigen Reihe der Bedingungen, die dritte die eines vollständigen Inbegriffs alles Möglichen.
Auf die erste Idee, die absolute Einheit des denkenden Subjekts, gründet sich die ganze
rationale Psychologie
. Diese entwickelt ihre Lehre auf Grund von vier Schlüssen, durch die nachgewiesen werden soll, daß die Seele
Substanz, einfach, numerisch-identisch
(
Person
) sei und
im Verhältnisse zu möglichen Gegenständen im Räume stehe
. Aber diese vier Schlüsse erweisen sich als
Paralogismen
. Der
erste Paralogismus
lautet: Dasjenige, dessen Vorstellung das absolute Subjekt unserer Urteile ist, ist Substanz. Ich, als ein denkendes Wesen, bin das absolute Subjekt aller meiner möglichen Urteile; also bin ich, als denkendes Wesen (Seele),
Substanz
;
der zweite
: Dasjenige Ding, dessen Handlung niemals als die Konkurrenz vieler handelnden Dinge angesehen werden kann, ist einfach. Nun ist aber das denkende Ich ein solches; also ist die Seele
einfach
;
der dritte
: Was sich der numerischen Identität seiner selbst in verschiedenen Zeiten bewußt ist, ist eine Person. Nun ist sich die Seele der numerischen Identität ihrer selbst in verschiedenen Zeiten bewußt, also ist die Seele eine Person; der vierte: Dasjenige, auf dessen Dasein nur als einer Ursache zu gegebenen Wahrnehmungen geschlossen werden kann, hat eine nur zweifelhafte Existenz. Nun sind alle unsere Erscheinungen derart, daß ihr Dasein nicht unmittelbar wahrgenommen, sondern auf sie als die Ursache gegebener Wahrnehmung allein geschlossen werden kann, also ist das
Dasein aller Gegenstände äußerer Erscheinungen zweifelhaft
(
Idealismus
). Alle diese Schlüsse schließen einen Fehler in sich ein. Der erste verschiebt den Begriff des logischen Subjekts des Denkens zu dem Begriff des realen Subjekts der Inhärenz, der zweite den Begriff der Einheit des Bewußtseins zu dem Begriffe der substantiellen Einfachheit des Subjekts, der dritte den Begriff der Identität des Bewußtseins seiner selbst in verschiedenen leiten zu dem Begriff der objektiven Beharrlichkeit, der vierte den Standpunkt des transscendentalischen Idealismus zu dem des dogmatischen Idealismus. Alle vier schließen also den unabsichtlichen Fehler in sich ein, daß sie dasjenige auf das Objekt an sich beziehen, was nur das Subjekt und die Leistung desselben im immanenten Gebrauche angeht, daß sie von dem transscendentalen Begriffe des Subjekts, der nichts Mannigfaltiges enthält, auf die absolute Einheit dieses Subjektes selber schließen, von dem wir gar keinen Begriff haben. Mit den vier transscendentalen Paralogismen fällt die
rationale Psychologie
. (Vgl. Kant, Kritik d. reinen Vernunft S. 341-405. Prolegg. S. 134-142.)
Paranoia
Paranoia
(gr.
paranoia
) heißt Irrsinn, Verrücktheit.
Paranomie
Paranomie
(gr.
paranomia
) heißt Ungesetzlichkeit.
Paraphasie
Paraphasie
(gr.
paraphasis
) heißt eine Form der Aphasie, bei der man, ohne es zu wissen, ein falsches Wort wählt.
Parole intérieure
Parole intérieure
, stille Rede, nennt
Victor Egger
(La parole intérieure. Paris 1881) im Gegensatz zur äußeren, vernehmbaren Rede den Gebrauch, den wir bei jeder inneren geistigen Tätigkeit von der Sprache machen, bei der wir äußerlich schweigen. Die innere geistige Tätigkeit verläuft nicht ohne ein stilles Mitsichselbstsprechen. Wir reden still, wenn wir für uns lesen, wenn wir schreiben, wenn wir denken. Zu unserer Qual verläßt uns die stille Rede nicht, wenn der Schlaf unsere müden Glieder flicht, weil der Geist nicht zur Ruhe kommen kann. Selbst wenn wir laut reden, fehlt in den Zwischenräumen das stille Wort nicht. Es weist uns die Fährte und sagt uns das Nächste vor. Es ist ein Mittelglied zwischen dem vernehmbaren Worte und dem lautlosen Gedanken, eine Zwischenstufe zwischen Außen- und Innenwelt. Die innere Rede ist eine Nachahmung der äußeren Rede, aber sie fließt bald schneller, bald langsamer als dieses erlaubt sich Abkürzungen und Sprünge und sieht sich andrerseits gehemmt und aufgehalten. Sie ist das Vehikel des Gedankens, kann aber auch der Ausdruck der Gefühle und Leidenschaften sein. Ohne das innere Wort wäre der Geist wie vernichtet, gelähmt und ohne Fährte und Richtung. Es erlaubt ihm, an Stelle der Idee selbst, sich mit dem Zeichen der Idee und seiner Reproduktion zu behelfen, und erleichtert den Gedankenprozeß im höchsten Maße.
partikulär
partikulär
(lat. von pars = Teil), besonders, heißt ein Urteil, in dem das Prädikat nur einem Teil vom Umfange des Subjektsbegriffs zukommt. Das partikuläre Urteil hat die Form. Einige S sind (nicht) P; z.B.: Einige Inseln sind vulkanischen Ursprungs; Einige Länder sind nicht bewohnbar. Das bejahende partikuläre Urteil wird mit i, das verneinende mit o bezeichnet. Gegensätze zum partikulären Urteile sind die allgemeinen und singulären Urteile: Alle S sind P, und: Dieses S ist P. Die partikulären, universalen und singulären Urteile werden voneinander geschieden auf Grund der Quantitätsverhältnisse des Urteils. Vgl. Quantität.
Partitio
Partitio
(lat. partitio = Teilung) hieß im Altertum allgemein die Einteilung eines Ganzen in seine Teile. In der neueren Logik bedeutet es die Einteilung des
Inhaltes
eines Begriffs, während
Divisio
die Einteilung des
Umfangs
bezeichnet. (Quintil. inst. or. 4, 5. Überweg, System der Logik § 50.) Vgl. Divisio. Einteilung.
Pathetisch-erhaben
Pathetisch-erhaben
ist nach
Schiller
(1759-1805) die Würde im Leiden in der Tragödiendichtung. Beim Pathetisch-Erhabenen ist ein Leiden in der Anschauung gegeben und zugleich die moralische Widerstandskraft des Menschen dargestellt.
pathognomische
pathognomische
(gr.
pathognômikos
) Sprachperiode heißt die niederste Stufe der Sprache, in welcher der Laut die eigenen oder fremden Zustände unmittelbar reproduziert. Vgl. Sprache.
Pathologie
Pathologie
(franz. pathologie aus d. gr. geb.) heißt die Lehre von den Krankheiten.
pathologisch
pathologisch
(v. gr.
pathos
= Leiden, u.
logos
= Lehre) heißt s. a. abnorm, krankhaft. Bei
Kant
(1724-1804) bedeutet pathologisch dasjenige, was dem passiven Teil der menschlichen Natur angehört, was von der Sinnlichkeit abhängt, im Gegensatz zu dem
praktischen
, was von der freien Vernunft abhängt. – Pathologische
Begehrung
nennt man im Gegensatz zur ästhetischen diejenige Art des Begehrens, welche aus stark betonten und darum lokalisierten Empfindungen, wie Hunger und Durst, entspringt. Bei ihr tritt der Trieb zwar dunkler, aber kompakter auf als bei der ästhetischen, die der Wahrnehmung folgt. Die pathologische Begier wurzelt auch tiefer im Ich als die ästhetische; das Auge dürstet nach Licht, das Ohr nach Tönen. Auf moralischem Gebiete bezeichnet man sie mit Namen, die mit Sucht zusammengesetzt sind, z.B. Selbst-, Hab-, Herrschsucht. Vgl. Begierde. – Pathologische
Träume
werden seit
Esquirol
(die Geisteskrankheiten, dtsch. 1838) diejenigen Träume genannt, aus welchen ein krankhafter Zustand des Organismus erkennbar ist; besonders pflegt dies bei den Seeleskrankheiten der Fall zu sein. Vgl.
Alborti
, de vaticiniis aegrotorum. 1724.
Scherner
, das Leben des Traumes. 1881.
Pathos
Pathos
(gr.
pathos
= Leiden) heißt zunächst
allgemein
jedes äußere oder innere
Leiden
des Körpers oder der Seele. So nennt man Szenen in der griechischen Tragödie, in denen sich ein solches Leid offenbart und beklagt wird,
Pathosszenen
. – In engerer
psychischer
Bedeutung nur auf die Seele bezogen, heißt Pathos
Gemütserregung, Affekt, Leidenschaft
. Das Pathos in diesem engeren Sinne stellt, da jede Gemütserregung und jede Leidenschaft eine Macht ist, die den Menschen beherrscht, im
Gegensatz
zur freien aktiven praktischen
Vernunft
; das Pathos kann zur
Unvernunft
und, insofern sich Vernunft und Natur decken, sogar zur
Unnatur
werden.
Aristoteles
(384-322) schied die Seelenvorgänge in Leidenschaften, Kräfte und Fertigkeiten (
ta en tê psychê ginomena tria eoti, pathê, dynameis, hexeis
). Zu den ersten, die er geradezu den Begierden (
epithymiai
) gleichsetzte, rechnete er Zorn (
orgê
), Furcht (
phobos
), Mut (
thrasos
), Neid (
phthonos
), Freude (
chara
), Freundschaft (
philia
), Haß (
misos
), Sehnsucht (
pothos
), Eifer (
zêlos
), Mitleid (
eleos
), überhaupt jeden Seelenzustand, der mit Lust oder Unlust verbunden ist (Arist. Eth. Nicom. II, 4 p. 1104 b 20 ff.), die Kräfte oder Fälligkeiten sind dagegen die angeborenen Vermögen, aus denen die Affekte entstehen, und die Fertigkeiten bestehen in unserem ethischen Verbalten gegenüber den Leidenschaften. Die
Stoiker
verstehen unter Pathos nach Zenons Definition den Affekt, die vernunftlose und naturwidrige Gemütsbewegung (
hê alogos kai para physin psychês kinêsis ê hormê pleonazousa
Diog. Laert. VII, 110). Das Pathos geht aus der Vernunft selbst durch das Übermaß eines Triebes hervor. Alle Affekte entstehen aus einem Fehler des Urteils, einer falschen Meinung über Gut und Böse und beziehen sich auf Gegenwärtiges (Lust und Trauer) oder Zukünftiges (Begierde und Furcht). (Vgl. Zeller, Gesch. der gr. Phil. IV, S. 207 ff.)
Cartesius
(1596-1650) übersetzt Pathos mit passion und definiert die Leidenschaft als Perzeption, Empfindung oder Erregtheit der Seele, die man nur auf sich bezieht und die durch Bewegung der Lebensgeister bewirkt und erhalten wird. Er nahm sechs Grundaffekte, Bewunderung, Liebe, Haß, Verlangen, Freude und Traurigkeit an.
Spinoza
(1632-1677) definiert die Leidenschaften als aus inadäquaten Ideen hervorgegangene Seelenzustände, welche die Macht des Menschen zu handeln vermehren oder vermindern, und nimmt nur drei Grundaffekte, Verlangen, Freude und Traurigkeit an, während
Leibniz
(1646-1716) die Affekte als Begehrungen faßt, welche aus der Meinung oder dem Gefühl stammen und mit Lust oder Unlust verbunden sind.
Kant
(1724-1804) schied zuerst deutlich Affekt und Leidenschaft: »Das Gefühl einer Lust oder Unlust im gegenwärtigen Zustande, welches im Subjekte die Überlegung (die Vernunftvorstellung, ob man sich ihm überlassen oder weigern solle) nicht aufkommen läßt, ist der
Affekt
.« »Die durch Vernunft des Subjekts schwer oder gar nicht bezwingliche Neigung ist die Leidenschaft.« »Den Affekt muß der Mensch zähmen, die
Leidenschaft
beherrschen, jenes macht ihn zum Meister, dieses zum Herrn über sich selbst.« Vgl. Anthrop. § 70 ff. –
Pathos
wird in der
Ästhetik
dem
Ethos
gegenübergestellt. Ethos, d.h. Charakter, ist das bleibende sittliche Gepräge, Pathos der vorübergehende Zustand, der auf diesem Charakter ruht. Das Pathos darf nicht als Hauptaufgabe der bildenden Künste betrachtet werden, weil sonst die Anschaulichkeit und Objektivität der Darstellung beeinträchtigt wird. Es muß vielmehr die Darstellung des Charakters des Handelnden als Grundaufgabe gelten. Doch scheiden sich die Epochen der Kunst, indem z.B. die des
Phidias
vorwiegend das Ethos, die des
Praxiteles
und
Skopas
vorwiegend das Pathos darstellt.
Patriotismus
Patriotismus
(franz. vom mittellat. patriota, das vom gr.
patriôtês
stammt), heißt die Liebe zum Vaterlande, welche sich in der Bereitwilligkeit ihm zu dienen äußert. Der Patriot nimmt an den Freuden und Leiden seines Vaterlandes Anteil, er erfüllt die Pflichten gegen dasselbe, sucht dessen Wohl zu befördern und opfert, falls es not tut, dafür Gut und Blut. Muster von Patrioten sind z.B. Aristides, Brutus, Richelieu, Friedrich II., Scharnhorst, v. Bismarck gewesen. Auf jeden Patrioten paßt das Wort Bismarcks: Patriae inserviendo consumor (Im Dienste des Vaterlandes gehe ich auf). Vgl. Nation, Kosmopolit.
patristische Philosophie
patristische Philosophie
(franz.) heißt
innerhalb der Geschichte der Philosophie
die der Scholastik vorausgehende
Philosophie der Kirchenväter
(
patres
ecclesiae), die durch strengere Fassung der christlichen Lehre und in Anlehnung an die alte Philosophie einen ersten Versuch zur Begründung dieser Lehre machte. So verfolgten die Apologeten im 2. Jahrh. n. Chr. das Ziel, die christliche Religion den Gebildeten als die wahre Philosophie des Geistes, der Freiheit und der Sittlichkeit zu empfehlen. Ebenso versuchten die Alexandriner (Ende des 2. Jahrh.) Wissenschaft und Christentum in Einklang zu setzen. Ähnlich versuchte die jüngere Patristik, die Dogmen zu beweisen.
Die katholische Kirche
rechnet zur Patristik alle Kirchenlehrer bis zum 13.,
die protestantische Kirche
dagegen nur bis zum 8. Jahrhundert, Vgl. A. Stöckl, Gesch. der christl. Philos. zur Zeit der Kirchenväter. 1891. J. Huber, Philosophie der Kirchenväter. 1859.
Chr. Baur
, das Christentum der drei ersten Jahrh. 1860. Vgl. Gnosis.
Pedant
Pedant
(ital. eig. Hofmeister) heißt derjenige, welcher gewisse beschränkte Formen peinlich beobachtet und daher unfähig ist, die Dinge mit freiem Geiste zu beurteilen und zu behandeln. Am häufigsten sind die Pedanten unter den Gelehrten, doch findet man sie in jedem Stande, Alter und Geschlecht. Vgl.
Schlösser
, über Pedanterie. 1787.
Hippel
, der Mann nach der Uhr. Königsberg 1765.
Pelagianismus
Pelagianismus
heißt die von dem britischen Mönche
Pelagius
(Anfang des 5. Jahrh. n. Chr.) vertretene Lehre, daß durch Adams Sündenfall die menschliche Natur nicht verdorben, der Mensch daher willensfrei und durch die Kraft seines Willens befähigt sei, auch außerhalb der Kirche der göttlichen Gnade teilhaftig zu werden. Sie bildet den Gegensatz zur Lehre
Augustins
(353-430), der die Erbsünde und Prädestination annahm. Vgl. Prädestination und Determinismus.
Peproménê
Peproménê
(gr.
peprômenê
), Schicksal; siehe Schicksal.
Perfektibilismus
Perfektibilismus
(nlat. v. lat. perficio) ist die Lehre von der stetigen Vervollkommnung (Perfektibilität) des Menschengeschlechts. Vgl. Fortschritt, Geschichte, Humanität.
Peripatetiker
Peripatetiker
(gr.
peripatêtikos
= Philosophen von den Spaziergängen)heißen die Anhänger des
Aristoteles
(384-322), von den schattigen Gängen (
peripatoi
) des
Lykeions
, in denen Aristoteles lehrte. Sie haben sich weniger mit der Fortbildung als mit der populären Auslegung und gelehrten Feststellung seiner Lehre beschäftigt. Hervorragend sind Theophrastos, Eudemos, Aristoxenos, Dikaiarchos, Straton, Lykon, Ariston, Hieronymos, Kritolaos, Diodoros, Staseas, Kratippos. Unter den späteren Kommentatoren des Aristoteles sind am bekanntesten Andronikos von Rhodos, Boëthius aus Sidon, Nikolaos von Damaskos, Alexander von Aigai, Aspasios und Adrastos von Aphrodisias, Alexander von Aphrodisias, endlich Porphyrios, Philoponos und Simplicius. Seit dem 12. Jahrhundert beherrschte Aristoteles die Scholastik, deren größte Vertreter, Albertus Magnus, Thomas von Aquino und Duns Scotus, ihm anhingen. Zur Zeit der Renaissance traten Neu-Aristoteliker auf, die sich wieder entweder dem Averroes oder Alexander v. Aphrodisias oder Platon mehr näherten. Der neueste Vertreter des Aristotelismus ist Trendelenburg (1802-1872) gewesen. Vgl. Aristotelismus.
Peripetie
Peripetie
(gr.
peripeteia
), eig. Umschlag, heißt der plötzliche Wechsel des Schicksals eines Menschen, entweder aus Glück in Unglück oder umgekehrt. Dieser bildet ein wichtiges, meist ergreifendes und wirkungsvolles Moment im Drama. Er geht der Lösung des Dramas voraus und begründet sie. Vgl.
Aristoteles
, Poetik. G.
Freytag
, Technik des Dramas.
Person
Person
(vom lat. persona. gr.
prosôpon
= Maske, Rolle, Mensch) heißt ein Wesen mit individueller Einheit und kontinuierlicher, im Wechsel der körperlichen und geistigen Zustände beharrender Identität des Bewußtseins. Personen sind oder Persönlichkeit besitzen vernunftbegabte Wesen, welche Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung haben und daher zurechnungsfähig sind. Sie können im Staate Rechte erwerben und Pflichten
übernehmen
, während Sachen und Tiere nur der
Gegenstand
rechtlicher Verhältnisse sein können. Im speziellen bedeutet Person entweder ein
erkenntnistheoretisches
Subjekt, das sich seiner numerischen Einheit bei den Veränderungen bewußt ist oder ein
metaphysisches
Subjekt, d.h. eine beharrliche Substanz mit dem Bewußtsein ihrer Identität, oder ein moralisches
Subjekt
, welches, unabhängig vom
Naturmechanismus
, sich selbst Zwecke setzen kann und daher auch der Zurechnung fähig ist, oder ein
juristisches
Subjekt, welches in einem Rechtsverhältnisse berechtigt oder verpflichtet ist. Die Anlage zur Persönlichkeit bringt der Mensch mit auf die Welt, er kann sie daher weder verlieren noch freiwillig aufgeben. Sie ist der Grund aller Menschenrechte und Menschenpflichten. Die Sklaverei ist widersinnig und unberechtigt, weil sie den Menschen als Sache, nicht als Person behandelt. Der Begriff der Person und der Persönlichkeit hat seine Ausprägung zunächst durch die
Dogmatik des Christentums
gewonnen, nachdem er von
Tertullianus
( 220 n. Chr. eingeführt und von
Boëthius
(480-524) in die Form gebracht war: Person ist ein vernünftiges Einzelwesen (Persona est rationalis naturae individua substantia). In der
neueren Philosophie
hat ihm vor allem Locke und Kant feste Gestalt gegeben.
Locke
(1632 bis 1704) versteht unter der Person: »ein denkendes, vernünftiges Wesen mit Verstand und Überlegung, was sich als sich selbst und als dasselbe denkendes Wesen zu verschiedenen Zeiten und Orten auffassen kann, indem dies nur durch das Selbstbewußtsein geschieht, was vom Denken nicht zu trennen und – wesentlich ist« (Ess. II, 27 § 9). Kant (1724 bis 1804) unterscheidet bezüglich der Person das
logische, reale
und
vernünftige
Subjekt. Das logische Subjekt ist sich der numerischen Identität seiner selbst in verschiedenen Zeiten bewußt. Ich bin in diesem Verstande eine Person. Das reale Subjekt ist eine beharrliche Substanz mit Bewußtsein ihrer Identität. Ob ich dieses bin, hält Kant für unbeweisbar, weil mein Bewußtsein fließen und in ein anderes Subjekt übergehn konnte. Ein vernünftiges Objekt ist ein Wesen, das von dem Mechanismus der Natur unabhängig sich Zwecke vorsetzen kann und daher Zweck an sich selbst ist (Kr. d. r. V. S. 341 ff.).
Personifikation
(lat.) heißt Verpersönlichung, Darstellung von Unpersönlichem als Person (gr. Prosopopöia). Vgl.
Ich. Eucken
, Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipzig 1904. S. 344 ff.
Perspicuität
Perspicuität
(lat. perspicuitas) heißt Deutlichkeit (s. d.).
Perzeption
Perzeption
(lat. perceptio = Aufnahme, Erfassung) heißt zunächst die
sinnliche Wahrnehmung
und dann auch in erweiterter Bedeutung die
bewußte Vorstellung
. In der ersten Bedeutung ist der Begriff klar zuerst innerhalb des
englischen Empirismus
und
Sensualismus
im 17. und 18. Jahrh. geprägt worden. Bei
Leibniz
(1646-1716) verschiebt und trübt sich der Begriff der Rezeption unter dem Einflusse der Metaphysik. Nach Leibniz besteht die Wirklichkeit aus Monaden (âmes). Jede Monade, so auch die menschliche Seele, ist ein Spiegel des Universums. Aber keine Monade erleidet äußere Einwirkungen, und es kann ihr keine Vorstellung von außen zukommen. Die Quelle der Vorstellungen der Seele liegt vielmehr in ihr selbst. Die sinnliche Wahrnehmung ist für Leibniz daher nicht ein Gegensatz zum Denken, sondern nur die unvollkommenere verworrene Vorstufe des Denkens. Leibniz macht demgemäß die Perzeption zur
Vorstellung
, zum
inneren Zustand der Monade
. Er scheidet dabei zwischen kleineren Perzeptionen (petites perceptions), die die unbewußten (insensiblen) Elemente anderer Vorstellungen sind und den zusammengesetzteren bewußten (remarquables) Perzeptionen, die aus jenen entstehen. Der Perzeption (der sinnlichen Vorstellung) stellt er die
Apperzeption
entgegen. Jene ist der einzelne vorübergehende Zustand der Monade, diese der Eintritt der Rezeption in das Selbstbewußtsein und das über den Zustand nachdenkende Bewußtsein der Seele.
Kant
(1724-1804) verändert weiter den Begriff der Perzeption. Sie ist ihm eine Art der Vorstellung (repraesentatio), und zwar ist sie die
Vorstellung mit Bewußtsein.
Die Perzeption kann sich entweder auf das Subjekt beziehen und heißt dann
Empfindung
, oder sie ist eine objektive Perzeption und heißt dann
Erkenntnis
(cognitio). Die Erkenntnis ist entweder unmittelbar und einzeln und heißt dann
Anschauung
(intuitus), oder sie ist allgemein und mittelbar und heißt dann
Begriff
(conceptus) (Kr. d. r. V. S. 320). Der Perzeption ist bei Kaut die
Apperzeption
, und zwar die empirische als das Bewußtsein des jedesmaligen Zustandes und die transscendentale als das Selbstbewußtsein überhaupt (ich denke) entgegengesetzt.
Herbart
(1776-1841) schied zwischen der
Perzeption, der sinnlichen Aufnahme
und der
Apperzeption der Aneignung und Verarbeitung
der neuaufzunehmenden Vorstellungen durch die älteren untereinander verbundenen und ausgeglichenen Vorstellungsgruppen.
Wundt
(geb. 1832) vergleicht das Bewußtsein einem inneren Sehen und scheidet zwischen
Blickfeld
und
Blickpunkt
des Bewußtseins. Die in einem bestimmten Momente gegenwärtigen Vorstellungen befinden sich im inneren Blickfelde, diejenigen, denen die Aufmerksamkeit zugekehrt ist, im inneren Blickpunkt des Bewußtseins.
Der Eintritt einer Vorstellung in das innere Blickfeld
heißt
Perzeption
, der
Eintritt in den Blickpunkt Apperzeption
(Wundt, Grundz. d. phys. Psych. II, S. 235 ff.). Im allgemeinen Sprachgebrauch heißt Perzeption jetzt sinnliche Aufnahme, sinnliche Wahrnehmung, also das, was Kant als Anschauung (intuitus) bezeichnete.
Pessimismus
Pessimismus
(nlt. v. lat. pessimus = der schlechteste) heißt die durch
Schopenhauer
(1788-1860) und
von Hartmann
(1842-1906) begründete Theorie, nach der unsere Welt die schlechteste unter allen möglichen Welten sein soll. Schopenhauer bezeichnet den Optimismus (s. d.), die dem Pessimismus entgegengesetzte Weltstimmung, als eine sinnlose und ruchlose Denkungsart. Von Glückseligkeit könne hieniden nicht die Rede sein. Das irdische Leben biete höchstens Illusionen. Unser Dasein trage den Charakter einer Tragödie, einer Verirrung, einer Schuld. Die Welt ist vernunftloser, zielloser Wille. Seine Hemmung ist Leiden; aber die Erreichung eines vermeintlichen Zieles bringt nie Befriedigung, sondern weckt nur neues Streben. So bewegt sich das menschliche Leben zwischen Schmerz und Langweile. Wahrhafte Güter existieren nicht. Jugend, Freiheit, Gesundheit gewähren auch nach v. Hartmann keine positive Lust; was aber sonst an Glück etwa aufgeführt wird, ist Illusion. Alles ist eitel, die Unlust überwiegt bei weitem die Lust; völlige Vernichtung des Willens durch die Intelligenz ist daher der höchste Zweck des Daseins. – Der Pessimismus ist im Wesen nur der leidenschaftliche Ausdruck für unbefriedigte Ansprüche des Menschen an das Leben. Mit der ethischen Einsicht in das Unberechtigte dieser Ansprüche und mit der Beherrschung der Leidenschaften schwindet er von selbst. Die Summe des menschlichen Glücks kann mit Recht weder, was den einzelnen, noch was die gesamte Menschheit betrifft, zum Maßstab für das Werturteil über die Welt gemacht werden. Es wäre dies ein der ganzen Tendenz der Philosophie widersprechendes anthropozentrisches Urteil. Von einem allgemeinen »Weltelend« zu sprechen ist unzulässig, wo wir nur von den Ansprüchen der Menschheit und nicht einmal der ganzen Menschheit ausgeben. Und auch für die Menschheit ist alle Befriedigung nicht bloß negativ; Arbeit, Erwerb, Streben, Selbstbetätigung, Gesundheit, Liebe, Ehe, Freundschaft u. dgl. sind nicht nur Illusionen, sondern geben uns faktisch Glück. Auch Erinnerung, Hoffnung, Ruhm und Phantasie sind eine Quelle des Genusses selbst für den, der erkannt hat, daß sie objektiv nichts sind. Kunst, Wissenschaft, Moral und Religion mehren den geistigen Genuß des menschlichen Lebens. Vergeblich beruft sich auch der Pessimismus auf die unbewiesene Lehre, daß die Welt blinder, zielloser Wille sei, und mit Unrecht wirft er dem Optimismus vor, daß er oberflächlich, der Pessimismus dagegen die tiefere Denkweise sei. Man kann vom Pessimismus frei sein, ohne Anhänger eines oberflächlichen, die Mängel des Daseins übersehenden oder ableugnenden Optimismus zu sein. Vgl. Übel, Eudämonismus, Moralprinzip.
Man kann übrigens
praktischen
und
theoretischen
Pessimismus unterscheiden; jener wäre die Maxime, an sich schlechte Zustände auf die Spitze zu treiben, um dadurch eine Besserung zu erzielen. Dieser hat mancherlei Formen: Der
soziale
Pessimismus findet, mit Malthus, eine Disharmonie zwischen der Volksvermehrung und der Nahrung; auf die Idee des Kampfes ums Dasein, wie ihn Darwin annimmt, gründet sieh der
zoologische
Pessimismus; der
dichterische
Pessimismus findet sich als Stimmung bei Jünglingen und poetisch veranlagten Menschen; der oben geschilderte endlich ist der
metaphysische
Pessimismus. Vgl.
A. Taubert
, der Pess. u. s. Gegner. Berlin 1873.
Pfleiderer
, d. moderne Pess. Berl. 1875.
Plümacher
, der Pess. in Vergangenheit u. Gegenwart. Heidelberg 1888.
petitio principii
petitio principii
(lat.), Erschleichung des Grundes, heißt ein Fehler im Beweisen, der darin besteht, daß man einen Satz, der selbst erst bewiesen werden müßte, als Beweisgrund anführt. So begeht Kant eine petitio principii, wenn er die Apriorität der Raum- und Zeitanschauung von der Notwendigkeit und Allgemeinheit mathematischer Lehrsätze ableitet, die keineswegs feststeht, vielmehr selber erst aus der Apriorität von Raum und Zeit folgen würde.
Pfeil
Pfeil
. »
Der fliegende Pfeil ruht
« ist einer der Sätze des Eleaten Zenon (geb. zw. 490 und 485 v. Chr.), mit dem er die Nichtexistenz der Bewegung zu beweisen suchte (Arist. Phys. VI, 9, p. 239 b. 30
tritos d' ho nyn rhêtheis, hoti hê oistos pheromenê hestêken
). Der Fehler in dem Zenonischen Argument liegt, wie schon Aristoteles bemerkte, darin, daß Zenon annahm, die Zeit bestehe aus den unteilbaren Augenblicken (Tor
ton chronon synkeisthai ek tôn nyn
).
Pflanzen
Pflanzen
(lat. sata, gr.
phyta
) heißen organisches Wesen, deren eigentümliche ihrer Natur angemessene Bewegungen und Voränderungen (Ernährung, Wachstum, Fortpflanzung) ausschließlich durch Ruhe erfolgen. (Hansen, Ernährung d. Pflanzen S. 4.) Man erkennt also im allgemeinen Pflanzen im Gegensätze zu den Tieren an dem Mangel der Ortsbewegung, obwohl es auch Tiere wie z.B. die Korallen gibt, die keine Ortsbewegung haben und Pflanzen z.B. in der Meeresflora des Planktons, welche Ortsbewegung besitzen. Auch schreibt man den Pflanzen im allgemeinen keine Empfindung zu, obwohl auch diese Annahme nicht unbezweifelt ist (s. Pflanzenseele). Man unterscheidet unter den Pflanzen
blütenlose
(Kryptogamen) und
Blütenpflanzen
(Phanerogamen). Die ersteren teilt man in Myxothallophyten, Euthallophyten, Lichenes und Archegoniatae, die letzteren in Gymnospermen und Angiospermen. Vgl. Tier.
Pflanzenseele
Pflanzenseele
heißt das Innerliche der Pflanze, das
Empfindung, Gefühl
usw. in sich einschließt und zu dem, was äußerlich von der Pflanze erblickt wird, hinzukommt. Die Existenz einer Pflanzenseele hat
Fechner
(1801-1887) behauptet (Nanna. Leipzig 1848. Zendavesta. Leipzig 1851. Über die Seelenfrage. Leipzig 1861). Er nimmt Beseeltheit der ganzen Natur an und weist darauf hin, daß die Seele bei der Pflanze nicht an dasselbe Organ geknüpft zu sein braucht wie beim Tiere, daß sie also auch ohne Nerven und Gehirn bestehn kann. Für Fechner spricht, daß sich zwischen Pflanzen und Tieren, namentlich auch in der Meeresfauna und –flora, vielfache Stufen finden, die sich faktisch als Übergänge aus dem vegetabilischen ins animalische Gebiet hinauf kennzeichnen. Auch werden jetzt die Protoplasmaverbindungen vielfach als Organe von Reizvorgängen angesehen. Für die Pflanzenseele sind auch
Ulrici
(Leib und Seele, S. 348),
E. v. Hartmann
(Philos. d. Unbewußten, S. 386, 399) eingetreten und schon
Leibniz
(1646-1716) schrieb in Konsequenz seiner Monadenlehre den Pflanzen ein gewisses Maß des Seelenlebens (Vorstellung, Trieb, aber nicht Empfindung) zu. Er nannte sie nackte, schlummernde Monaden, simples vivans. Alle Pantheisten müssen auf gleichem Standpunkte stehn. Vgl.
Br. Leisering
, Studien zu Fechners Metaphysik der Pflanzenseele. Berlin 1907.
Pflicht
Pflicht
(officium), eigtl. Sorge, Pflege, Dienst (vom ahd. phlegan), heißt allgemein soviel als Obliegenheit. Eine Pflicht setzt ein Subjekt, welches eine Aufgabe vorschreibt, und ein anderes, welchem die Aufgabe erteilt wird und das sowohl des Gehorsams wie des Ungehorsams fähig ist, voraus.
In engerer Bedeutung
ist Pflicht soviel als sittliches
Gebot. Die Notwendigkeit
, welche die Pflicht dem Menschen auferlegt, ist hiernach keine nur äußerliche oder physische, sondern eine
innerliche, moralische
; der Mensch
muß nicht die Pflicht
erfüllen, sondern er
soll
sie erfüllen. Dasjenige, was ihn verpflichtet, ist im allgemeinen die Vernunft, das Gewissen, der Charakter und im einzelnen das psychologische Motiv seines Willens, die alle natürlich in Wechselwirkung mit den äußeren Umständen des Lebens stehn. So erwächst die Pflicht aus Vernunft und Erfahrung, Anlage und Erziehung, Notwendigkeit und eigenem Willen, Zwang und praktischer Freiheit.
Wir lernen gewisse Dinge als sittlich gut, andere als schlecht ansehen, und wir begreifen, daß die Nichtbefolgung der Pflicht, sittlich zu handeln zum physischen und seelischen Verderben führe. Das Sittliche wurzelt mithin in der menschlichen Natur. Während aber die Ethik des Naturalismus keine Pflichtenlehre kennt und die pantheistische Ethik der Philosophie des Absoluten Natur- und Sittengesetz für im Grunde identisch annimmt, baut sich die Ethik des Idealismus ganz und gar auf dem Pflichtbegrift auf. Die Pflicht wird von ihr vornehmlich als der Gegensatz zu den natürlichen Trieben und Neigungen gefaßt und teils
formalistisch
, aber unzulänglich, von der Art, wie die Bestimmung des Willens erfolgt, abgeleitet, teils, richtiger,
inhaltlich
bestimmt, indem Ziel und Zweck der Handlung mit ins Auge gefaßt wird. Die Pflichtenlehre ist zuerst von den
Stoikern
geschaffen, dann namentlich durch das Christentum ausgebildet und als der Kern der Ethik von Kant stark betont, der folgenden Hymnus auf die Pflicht anstimmt (Kr. d.pr. Vernunft, S. 154): »Pflicht! du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern bloß ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet, und doch sich selbst wider Willen Verehrung (wenngleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich ins geheim ihm entgegenwirken, welches ist der deiner würdige Ursprung und wo findet man die Wurzel deiner edelen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschlägt, und von welcher Wurzel abzustammen, die unnachlaßliche Bedingung desjenigen Werts ist, den sich Menschen allein selbst geben können?« Nüchterner definiert Kant den Begriff der Pflicht (Metaphysik der Sitten 1, S. XXI): »Pflicht ist diejenige Handlung, zu welcher jemand verbunden ist (Verbindlichkeit ist die Notwendigkeit einer freien Handlung unter einem kategorischen Imperativ der Vernunft).« Eine nicht rein formalistische Ethik des Idealismus kann allerdings den schroffen Widerspruch zwischen Pflicht und Neigung nicht mit Kant aufrechterhalten und muß in dem durch Erziehung hergestellten Einklang von Trieb und Vernunftgebot, wie schon Schiller hervorhob, den höheren sittlichen Standpunkt anerkennen.
Man unterscheidet die Pflichten nach ihrer Tragweite in absolute und relative, assertorische und hypothetische, allgemeine und besondere, notwendige und bedingte. Formal lassen sie sich in positive und negative, präzeptive und prohibitive sondern. Inhaltlich unterscheidet man Pflichten der Gerechtigkeit (Tugendpflichten) und der Güte oder Liebe. Das Christentum macht den Unterschied von Pflichten gegen uns selbst, gegen andere und gegen Gott, Selbst-, Ander- und Gottespflichten.
Pflichtenlehre
Pflichtenlehre
(doctrina de officiis) heißt derjenige Teil der Ethik (s. d.), der von den Pflichten handelt. Aus dem Altertum besitzen wir ein wohlgegliedertes System der Pflichten von
Cicero
(106-43) (abgefaßt 44 v. Chr.), das auf der Lehre des Stoikers
Panaetius
(gest. 111 v. Chr.) (
peri tou kathêkontos
) beruht
Kant
nennt die Pflichtenlehre »
Metaphysik der Sitten
«. Sie zerfällt ihm in Rechts- und Tugendlehre gemäß dem Unterschiede zwischen Rechts- und Tugendpflichten.
Pflichtgefühl
Pflichtgefühl
heißt das lebhafte Gefühl und Bewußtsein des einzelnen Menschen von seinen Pflichten. Je lebhafter dasselbe ist, desto sicherer entwickelt sich das Gewissen.
Pflichtmäßig
Pflichtmäßig
, s. legal.
Pflichtobjekt
Pflichtobjekt
ist der Gegenstand, worauf sich die pflichtmäßige Handlung richtet.
Pflichtsubjekt
heißt dagegen das Wesen, welches Pflichten hat.
Phänomen
Phänomen
, Phänomenon (gr.
phainomenon
, Erscheinung), heißt ein Objekt oder ein Vorgang, dessen wir uns durch die Sinne bewußt werden. So spricht man von physikalischen, chemischen und psychologischen Phänomenen. Das Phänomen ist also nicht die Sache an sich selbst, sondern die Sache, wie sie uns in den Formen unseres Bewußtseins, von den Sinnen bestimmt, erscheint. Kant definiert die Phänomena als Gegenstände der Sinne, sofern sie nach der Einheit der Kategorien gedacht werden (Kr. d. r. V., S. 248). Metaphysisch steht das Phänomenon im Gegensatz zu dem Nooumenon (s. d.), dem Gedanken- oder Verstandesdinge. –
Phänomenologie
heißt, 1. die Lehre von den Erscheinungen, also auch von der Wahrnehmung; 2. die Darstellung von verschiedenen Entwicklungsstufen unseres Bewußtseins. So stellt
Hegel
(1770-1831) in seiner, »Phänomenologie des Geistes« den Geist in seiner Erscheinung als Bewußtsein und die Notwendigkeit seiner Entwicklung bis zum absoluten Standpunkt dar; 3. die Darstellung einer Entwicklung überhaupt. So hat
v. Hartmann
eine »Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins« geschrieben und darin alle überhaupt möglichen Moralprinzipien behandelt;
Scheidler
u. a. nannten den speziellen Teil der Psychologie Phänomenologie der Seele.
Phänomenalismus
Phänomenalismus
(von gr.
phainomenon
, Erscheinung) heißt die Lehre, daß wir nicht die Dinge an sich, sondern nur ihre Erscheinungen erkennen. Sie beruht auf der Lehre von der transscendentalen Idealität von Raum und Zeit und ist eine Seite des Kantischen Kritizismus.
Phantasie
Phantasie
(gr.
phantasia
= Darstellung, Erscheinung, Vorstellung, Vorstellungskraft) oder
Einbildungskraft
heißt das Vermögen unseres Geistes,
Anschauungen in freier Weise zu reproduzieren, sie apperzeptiv mit Vorstellungen zu verbinden und nach einem bestimmten Plane umzugestalten
. Sie wirkt mehr bewußt oder mehr unbewußt, mehr passiv oder mehr aktiv, ist an die Anschauung von Raum und Zeit wie auch an die wirkliche Welt als an ihre Quelle gebunden und wird sowohl durch sensible Reize, als auch durch lebhafte Gefühle und fesselnde Gedanken besonders erregt. Ihr Einfluß läßt sich auf physischem, physiologischem, logischem, ästhetischem und ethischem Gebiet verfolgen. Ihre Kraft ist auf allen diesen Gebieten schöpferisch. Vom logischen Denken ist die Phantasietätigkeit durch ihre sinnliche Lebendigkeit unterschieden, und Wundt nennt sie daher in »
Denken in Bildern
« (Grundz. der phys. Psychol. II, S. 397ff.). – Zunächst beeinflußt sie unser
Leibesleben
; ansteckende Krankheit, Nervosität und Ekstase können vereinzelt durch die Phantasie übertragen werden; unsere Sinne empfangen oft durch sie täuschende Reize. Der Hungernde schmeckt die vorgestellte Speise, der Furchtsame sieht und hört den Räuber, der Verfolgte fühlt die Faust des Verfolgers. Illusion, Vision, Halluzination sind zum Teil das Werk der Phantasie, ebenso das Traumleben, der Somnambulismus und die Psychose. Auch die
Wissenschaft
steht unter ihrem Einfluß, und die Philosophie, soweit sie schöpferisch ist und eine Weltanschauung konstruiert, bedarf ihrer. Es ist kein größeres System ohne die Phantasietätigkeit aufgestellt, auch keine wichtigere Erfindung ohne sie gemacht worden. Auf
ethischem Gebiete
schafft sie die Ideale, welche zum Handeln begeistern, verstärkt sie die Macht des Beispiels und befördert sie die Freiheit der Wahl. Die Kunst verdankt ihr fast alles. Auch die Religion, welcher die Kunst vielfach verwandt ist, bedarf ihrer, wie die Geschichte der Religion bezeugt. So erweist sich die Phantasie als eine schöpferische Grundkraft der Seele, die, passiv, beständig in uns wirksam ist und die logische Tätigkeit vorbereitet, begleitet und unterstützt, aktiv, die verstecktere und nicht unter Regeln und Gesetze zu bringende Schaffensweise des menschlichen Geistes bildet.
Aristoteles
versetzt die Phantasie zwischen die Wahrnehmung (
aisthêsis
) und das Denken (
dianoia, noêsis
) (De an. III, 3, p. 427 b 14) und sieht in ihr eine psychische Nachwirkung der Empfindung, eine abgeschwächte Empfindung (
aisthêsis tis asthenês
), die sich auf Vergangenheit und Zukunft bezieht (Rhet. 1, II, p. 1370 a 28).
Die Stoiker
unterscheiden zwischen dem Bewußtsein der Affektion (
phantasia
d.h.
pathos en tê psychê genomenon
) und dem Objekte, der Ursache derselben, (
phantaston, to poioun tên phantasian
), der bloßen Einbildung, der nichts zugrunde liegt (
phantastikon
) und demjenigen, was solche Einbildung in Träumen veranlaßt (
phantasma
).
Augustinus
(353-430) kennt drei Arten der Phantasie: die reproduktive, produktive und synthetische (Ep. ad Nebrid. 62). Die Phantasievorstellungen gehören bei
Descartes
(1596-1650) zu den von dem Menschen selbst gebildeten (factae). Die neuere Philosophie hat sich nur wenig mit diesem höchst wichtigen Seelenvermögen beschäftigt. Erst
Kant
(1724-1804) tat es, indem er die Einbildungskraft zwischen Sinnlichkeit und Verstand einschob (Kr. d. r. Vernunft, S. 137 ff.); sie hat den Stoff, den jene herbeischafft, synthetisch zur Einheit zu bringen. Auf ihr beruht der Schematismus der reinen Vernunft (s. d.).
J. Frohschammer
(1821-1893) bezeichnet die Phantasie als das schöpferische Weltprinzip (Die Phantasie als Grundprinzip des Weltprozesses, München 1877); ähnlich, wenn auch mehr nur auf die organische Welt beschränkt, faßten sie
Krause, J. H. Fichte
und
Ulrici
auf.
Man unterscheidet determinierende, abstrahierende und kombinierende Phantasie; doch sind diese Unterscheidungen mehr künstliche als natürliche, da sich bei jedem Vorgange mehr oder weniger alle Seiten der Phantasie zeigen. Die Einbildungskraft ist auch die Hauptquelle des Irrtums, vgl. Sinnestäuschungen. Vgl.
H. Cohen
, Die dichterische Phantasie und der Mechanismus des Bewußtseins. Berlin 1869.
H. Sibeck
, Das Wesen der ästhet. Anschauung. Berlin 1875.
S. Rubinstein
, Psychologisch-ästhet. Essays. Heidelberg 1878.
J. Frohschammer
, Bedeutung der Einbildungskraft in der Philosophie Kants und Spinozas. München 1879.
Phantasmen
Phantasmen
(gr.
phantasmata
) heißen rein subjektive Trugbilder der Phantasie, die eine solche Lebhaftigkeit erreichen, daß sie mit wirklichen Anschauungen verwechselt werden, was durch Wallungen des Blutes, Affekte, Leidenschaften, überspannte Tätigkeit, übertriebenes Nachtwachen und nervöse Überreizung veranlaßt worden kann. Dagegen sind
Phantome
solche Trugbilder der Phantasie, bei denen irgend ein äußerer Anlaß mitwirkt. Vgl. Halluzination.
Phantast
Phantast
(gr.
phantastês
) heißt derjenige, welcher auf die Wirklichkeit gern Bilder der Phantasie überträgt.
Philosophém
Philosophém
(gr.
philosophêma
) heißt allgemein eine philosophische Behauptung, bei
Aristoteles
(Top. VIII, 11, p. 162 a 15) ein apodiktischer Syllogismus. Siehe Epicherém, Aporema, Sophisma.
Philosophie
Philosophie
(gr.
philosophia
von
philos
= Freund und
sophia
= Weisheit), eigtl. Liebe zur Weisheit, heißt diejenige Wissenschaft, welche die Grundlagen aller Wissenschaften zu untersuchen, ihre Ergebnisse in Einklang zu setzen und so das Wissen zu einem Gesamtweltbilde zusammenzufassen hat. Die Philosophie ist Wissenschaft des Ganzen. Alle Einzelwissenschaften haben es mit besonderen Gebieten des Wissens von der Natur oder von der Geschichte zu tun; die Philosophie allein untersucht das Wissen überhaupt, seine Prinzipien und Methoden. Jene arbeiten isoliert für sich, sie brauchen aufeinander nicht überall Rücksicht zu nehmen; die Philosophie stellt dagegen den Zusammenhang zwischen ihnen her; sie ist ihr geistiges Band. Die Philosophie setzt andrerseits die verschiedenen Wissenschaften voraus; diese müssen ihr die Resultate ihrer Einzelforschung darbieten, damit sie selbst bei Aufstellung der Weltanschauung nicht in leere Phantasmen gerate. – Die Philosophie ist
griechischen Ursprungs
. Ihr Name findet sich nicht bei Homer und Hesiod, sondern erst bei
Herakleitos
(
philosophousandras
), dann bei Herodot (I, 30:
Xeine 'Athênaie, par' hêmeas gar peri seo logos apikto pollos kai sophiês heineken tês sês kai planês, hôs philosopheôn gên pollên theôriês heineken hypelêlythas
) und bei Thucydides II, 40 (
philokaloumen gar met' euteleias kai philosophoumen aneu malakias
). Nach Cic. Tusc. V, 3, 8 und Diog. Laert. Prooem. § 12 soll
Pythagoras
(ca. 500 v. Chr.) sich zuerst einen Philosophen genannt haben. Für
Sokrates
(469 bis 399) war die Philosophie begriffliches Wissen.
Platon
(427 bis 347), der zuerst ein philosophisches Lehrgebäude schuf, nennt die Philosophie die Wissenschaft der Ideen, die Kunst, die Seele von der Sinnlichkeit zu befreien, oder auch die Kunst, sterben zu lernen. Für
Aristoteles
(384-322) ist sie die Wissenschaft überhaupt, oder im engeren Sinne Forschung nach den höchsten Prinzipien (
epistêmê tôn prôtôn archôn kai aitiôn theôrêtikê
. Met. I, 2, p. 982 b 9). Während die
Stoiker
die Philosophie als das Streben nach Tugend ansahen, bezeichneten sie die
Epikureer
als das rationelle Streben nach Glückseligkeit. Die Scholastik des Mittelalters erniedrigte die Philosophie zur ancilla theologiae.
Chr. Wolf
(1679-1754) bezeichnete sie als Wissenschaft von dem Möglichen, wiefern es sein kann.
Kant
(1724-1804) erklärt sie für die Wissenschaft von den Vernunftprinzipien der Erkenntnis oder für die reine Vernunfterkenntnis aus Begriffen (andrerseits auch als Lehre vom höchsten Gut. Vgl. Primat.).
Fichte
(1762-1814),
Schelling
(1776-1854) und
Hegel
(1770-1831) definieren sie als die Wissenschaft vom Absoluten,
Herbart
(1776-1841) als die Wissenschaft von der Bearbeitung der Begriffe,
Schopenhauer
(1788-1860) als die vollständige Wiederholung, gleichsam Abspiegelung der Welt in abstrakten Begriffen.
Zur Philosophie gehören anerkanntermaßen folgende Gebiete: 1. als Grundlage aller Philosophie die
Erkenntnistheorie
, welche die Grenzen und die Tragweite des gesamten Wissens zu untersuchen hat, 2. die
Metaphysik
, die es mit den letzten Gründen alles Seins, mit dem, was über der Natur und hinter der Erscheinungswelt liegt, zu tun hat, 3. die
Naturphilosophie
, die sich mit dem Wesen und Werden der Welt beschäftigt, 4. die
Psychologie
, die Lehre von den Bewußtseinsvorgängen, 5. die
Logik
, die Wissenschaft von den Gesetzen des Denkens, 6. die
Ethik
, die Wissenschaft vom Sittlich-Guten und –Bösen, 7. die
Ästhetik
, die Lehre von den Empfindungen, die durch das Schöne und das ihm Verwandte oder Entgegengesetzte hervorgerufen werden. An die Ethik und Psychologie schließt sich die
Pädagogik
oder
Erziehungslehre
, die
Soziologie
und
Politik
oder die
Gesellschafts
– und
Staatslehre
, und die
Rechtslehre
, an die Metaphysik die
Religionsphilosophie
an. – Platon teilte die Philosophie in
Dialektik, Physik
und
Ethik, Aristoteles
in
theoretische
und
praktische Philosophie. Chr. Wolf
(1679-1754) schickte die
Ontologie
voran; dann ließ er die reine Philosophie (
Kosmologie, Psychologie, Theologie
) und die praktische (
Logik
und
Erfindungskunst, Ethik, Politik
und
Ökonomik
) folgen.
Kant
(1724-1804) teilt die Philosophie in
Transscendentalphilosophie
und
Metaphysik
, die Metaphysik in Metaphysik der Natur und der Sitten.
Herbart
(1776-1841) unterschied
Logik, Metaphysik
(reine und angewandte, d.h. Psychologie und Naturphilosophie) und
Ästhetik
(d.h. Ethik, Rechtsphilosophie, Pädagogik und Soziologie).
Hegel
(1770-1831) teilte die Philosophie ein in:
Logik, Naturphilosophie
und
Geistesphilosophie
. Endlich
Schleiermach
er (1768-1834) unterscheidet
empirische
und
spekulative
Philosophie; jene schildert, was ist: Natur- und Geschichtskunde; diese, was sein soll: Psychologie und Ethik.
Über die
Geschichte
der Philosophie s. o. S. 233.
Gegen die Philosophie sind oft von verschiedenen Seiten mancherlei Beschuldigungen erhoben worden: Während
Platon
sie eine königliche Kunst (
basilikê technê
, Euthydemos 18, 291 B) genannt hat, sagt
A. v. Humboldt
, sie sei die Kunst, einfache Begriffe in schwerfälliger Weise wiederzugeben, und
Goethe
behauptet: »Genau besehen ist alle Philosophie nur der Menschenverstand in amphigurischer Sprache«. (Sprüche in Prosa 635). Aber der gesunde Menschenverstand reicht keineswegs aus zur Erforschung der letzten Wahrheiten, und einfach sind die Grundbegriffe der Philosophie gewiß nicht. Oft wirft man ihr Penelopearbeit vor, weil ein System das andere auflöst; aber es ist andrerseits ein Fortschritt in den Systemen erkennbar, und was der eine Philosoph als ganze Philosophie ansah, findet oft seinen angemessenen Platz als Teil und Baustein in späteren Systemen. Der Philosophie wird oft Feindschaft gegen die Religion vorgeworfen. Aber schon
Bacon
(1561 – 1626) sagte richtig: die Philosophie, oberflächlich betrieben, führt von Gott ab, tiefer behandelt, zu ihm hin. Religion ohne Philosophie bleibt stets oberflächlich und schwankend, und es ist ein großer Mangel des Protestantismus, daß er es bisher nicht zu fester Verbindung mit der Philosophie gebracht hat. Der Philosophie wird ferner Untergrabung der Achtung vor der Autorität zur Last gelegt (Sophisten, Freidenker, Encyklopädisten, Rationalisten und Naturalisten); aber die Irrwege der Philosophie sind nicht die Philosophie selber und die Autorität, die nicht vor vernünftiger Aufklärung bestehen kann, ist nichtig. Endlich werfen ihr die Anhänger der exakten Forschung vor, sie sei überhaupt keine Wissenschaft, da sie sich nicht auf feste Formeln bringen lasse; aber sie fassen die Aufgabe der Wissenschaft zu eng. Die Philosophie ist zwar kein abgeschlossener Bau, sondern wandelt sich mit den Fortschritten der Wissenschaften und des Lebens; aber was ihr an Fertigkeit abgeht, besitzt sie an Lebensfrische.
Philosophenmantel
Philosophenmantel
oder Tribon (gr.
tribôn
) hieß das weite Oberkleid, welches die Kyniker und Stoiker allein mit Fortlassung des Chiton trugen. Auch manche Frauen, wie Hypatia, und Laien, wie Kaiser Antonius, trugen den Tribon als Abzeichen philosophischen Strebens.
Philosophenschulen
Philosophenschulen
oder Sekten heißen Vereinigungen von Männern, welche denselben philosophischen Ansichten und Methoden anhängen. Solche Vereinigungen nannten sich bald nach den Meistern, so die pythagoreische, epikureische, pyrrhonische, kantische, hegelsche, schellingsche Schule, bald nach den Stätten, wo sie blühten, so die eleatische, ionische, megarische Schule, bald nach den Lehrplätzen, so die akademische, peripatetische, stoische, kynische Schule. Die
alten Philosophen
betrachteten ihre Schule als ihr Privateigentum, sie verfügten darüber im Testament und ernannten selbst ihren Nachfolger. Manche waren nicht bloß durch dieselbe Lehre, sondern auch durch gemeinsames Leben verbunden, so die pythagoreische, stoische und epikureische Schule. Der Staat bekümmerte sich nicht um sie, erst die Ptolemäer und die römischen Kaiser stellten philosophische Lehrer aus verschiedenen Schulen an. Nachdem aber Justinian 526 die Philosophenschule zu Athen aufgehoben, gab es durch das ganze Mittelalter nichts dergleichen.
In der neueren Zeit
bezeichnen Philosophenschulen geistige Vereinigungen, die alle Menschen umfassen, die sich diesem oder jenem Meister anschließen. So hat der Reihe nach die cartesianische Schule, die leibniz-wolfische, die kantische, hegelsche, schellingsche Schule geherrscht, d.h. die Denkweise der Studierenden und Gebildeten beeinflußt. In der Gegenwart kann von der Herrschaft einer Philosophenschule nicht geredet werden. Den größten Einfluß übt zur Zeit die
Wundtsche
Richtung.
philosophisches Ei
philosophisches Ei
hieß bei den Alchymisten die eiförmige Phiole (Flasche), in der sie den Stein der Weisen herzustellen hofften.
philosophische Methoden
philosophische Methoden
, s. Methode.
philosophische Schreibart
philosophische Schreibart
, der Stil der Philosophen, unterscheidet sich dem Wesen nach, abgesehen von den technischen Ausdrücken, in nichts von der guten Prosa; die philosophische Schreibort soll also korrekt, klar fließend und wohlklingend sein. Aber sie verirrt sich oft in Schwerfälligkeit und Dunkelheit. An diesem Mangel ist zum Teil bei uns Deutschen der Umstand schuld, daß die Philosophie erst seit
Chr. A. Wolf
(1679-1754) deutsch zu reden begonnen hat. Besonders schwierig zu lesen sind Kant, Fichte, Hegel, zum Teil auch Schelling, Krause, während Herbart, Schopenhauer, von Hartmann, Ulrici, Lotze, Paulsen und Nietzsche sich eines verständlichen, ja oft vollendent klaren und schönen Stils befleißigt haben.
philosophische Terminologie
philosophische Terminologie
oder Idiographik heißt diejenige Bezeichnungsweise, welche die der Philosophie eigentümlichen Ausdrücke und Formeln (termini technici) umfaßt. Die meisten griechischen Ausdrücke rühren von Aristoteles her, Cicero übertrug viele derselben ins Lateinische, Wolf viele lateinische und griechische ins Deutsche. Jedes System hat aber immer neue hinzugefügt oder die vorhandenen in einem neuen Sinne gebraucht. So ist ihre Zahl groß. Ihr genaues Verständnis ist die Voraussetzung für die Erfassung der einzelnen Systeme.
philosophische Tugend
philosophische Tugend
, s. Cardinaltugend.
Phlegma
Phlegma
(gr.
phlegma
, lat. pituita = kalter, flüssiger Schleim) ist eins der vier von Hippokrates (460-377) aufgestellten Temperamente (s. d.).
Phlogiston
Phlogiston
(gr.
phlogiston
= verbrennbar v.
phlogizô
= entflammen, verbrennen) ist nach
Stahl
(1660-1734) das den brennbaren Körpern Gemeinsame, welches ihnen Entzündlichkeit und Brennbarkeit verleiht;
phlogistisch
heißt entzündlich. Die Phogistontheorie hat zum ersten Male die Begriffe des Oxydation und Reduktion in ihrer gegenseitigen Beziehung klargestellt und dadurch dauernd für die Wissenschaft erobert. Vgl.
Ostwald
, Leitlinien der Chemie. Leipzig 1906.
Phoronomie
Phoronomie
(von gr.
phora
= Bewegung u.
nomos
= Gesetz) heißt die Bewegungslehre, d.h. die Theorie von den Kräften, Gesetzen und Größen der Bewegung (s. d.). Vgl.
Kant
, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Hauptstück I. Riga 1786.
Kant
(1724-1804) definiert: Phoronomie ist der Teil der Naturwissenschaft, der »die Bewegung als ein reines Quantum nach seiner Zusammensetzung ohne alle Qualität des Beweglichen betrachtet«. (Vorw. S. XX.)
Phrenologie
Phrenologie
(von gr.
phrên
= Geist, Plural
phrenes
, und
logos
= Lehre) heißt die schon von Platon und Aristoteles angedeutete, von
Gall
(1758-1828) und von
Spurzheim
(1776 bis 1832) begründete Vergleichung der geistigen Kräfte von Menschen und Tieren mit deren Schädelformein (daher auch
Schädellehre, Kranioskopie, Kraniologie
). Voraussetzung der Phrenologie ist die Annahme, daß das Gehirn Organ der geistigen Kräfte sei und daß ein durchgehender Parallelismus zwischen Gehirn und Seelenleben bestehe, ferner die Zurückführbarkeit des Seelenlebens auf bestimmte Seelenvermögen und die anatomisch-physiologische Kongruenz dieser Vermögen mit lokal abgegrenzten Regionen der äußeren Schädelwand. Als Beweis dafür wird angeführt, daß die Bildung des Gehirns und die Mannigfaltigkeit seiner Teile mit der Stufenfolge der Tiere zunimmt, daß die Gehirnteile mit der Entwicklung der betreffenden Fähigkeiten hervortreten, und daß geistige Anstrengung nur den betreffenden Teil ermüdet. Ferner soll die Hirnbildung der Geschlechter entsprechend ihrer verschiedenen geistigen Begabung verschieden sein. Die scheinbaren Widersprüche der verschiedenen Triebe, die Erscheinungen des Schlafes, Traumes und Somnambulismus sollen beweisen, daß in verschiedenen Hirnteilen Verschiedenes produziert wird. Also stehe die Stärke jener Seelenvermögen, deren die Phrenologie 35 annimmt, in gleichen Verhältnissen zur räumlichen Entwicklung der betreffenden Hirnteile, was durch Betastung des Schädels festgestellt werden könne. – Die Phrenologie deckt sich in dem Gedanken der Lokalisation einzelner Hirnfähigkeiten mit den Bestrebungen der neueren exakten Physiologie. Aber gegen die Art, wie sie ihre Theorie ausgeführt hat, spricht, daß die Seelenvermögen gar nicht gegeneinander so isoliert sind, wie Gall dies annahm, und daß wohl die Hirnpartien ungleichartig an den einzelnen psychischen Funktionen beteiligt sind, wir aber bisher doch nicht in der Lage sind, dies bis ins einzelste nachzuweisen. Gall selbst hat auch fast kein Vermögen richtig lokalisiert. Ferner werden auch in der Phrenologie die inneren Hirnteile zu sehr gegen die äußeren herabgesetzt. Die bloße äußere Erhöhung derselben genügt nicht zur Erklärung erhöhter Funktion, die innere Struktur und chemische Beschaffenheit kommen auch in Betracht. Die Aufstellung von 30-35 Vermögen ist auch zu schematisch; ihre Zahl läßt sich verringern oder vermehren, denn ihre Einteilung und Benennung ist willkürlich. Die Vermögenstheorie ist in der neuen Psychologie ganz aufgegeben. Die Resultate der Phrenologie sind daher unbefriedigend. So fand Gall bei Blumauer ebensoviel idealen Sinn als bei Schiller, an Raphaels Schädel wenig Farbensinn, beim Storch ebensoviel Zerstörungssinn als beim Tiger! Vgl.
Meier
, die Phrenologie vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet. 1844.
Combe
, System of Phrenology. 5. Aufl. Lond. 1843. Deutsch Braunschw. 1833.
Scheve
, Phrenologische Bilder. 3. Aufl. Leipzig 1874.
Derselbe
, Katechism. d. Phr. Lpz. 7. Aufl. 1884.
Physik
Physik
(gr.
physikê
sc.
epistêmê
), eigentlich Naturlehre im weitesten Sinne des Wortes, heißt heute derjenige Teil der Naturwissenschaft, welcher von den Gesetzen der in der unbelebten Natur vorkommenden Vorgänge handelt, sofern diese Vorgänge nicht eine wesentliche Veränderung der stofflichen Eigenschaften der Körper in sich einschließen (s. Chemie). Sie begründet sich auf Empirie und Induktion, ist aber in ihren Einzelproblemen der mathematischen Behandlung fähig; doch vermag sie nur das Wie, nicht das Warum der Erscheinungen zu erklären; dazu dienen vielmehr die Hypothesen der Naturphilosophie. Zur Physik pflegt man die Experimentalphysik und die theoretische Physik zu rechnen, als metaphysische Physik pflegt man aber die Naturphilosophie zu bezeichnen. Bei den Griechen schloß die Physik die metaphysischen Probleme mit in sich ein und bildete neben Ethik und Dialektik einen Hauptteil der Philosophie. Experimentell wurde sie besonders von Archimedes, Heron, Ptolemäus u. a. behandelt. Das Mittelalter begnügte sich damit, den Aristoteles auszulegen; daher sind physikalische Entdeckungen in dieser Zeit ganz vereinzelt. Als eigentlicher Begründer der modernen Physik ist
Galilei
(1564-1641) anzusehen, während
Bacon
(1661-1626) in seinem Novum Organon die Empirie und Induktion wohl als die einzig sicheren Quellen der Erkenntnis pries, die Physik selbst aber nicht förderte. Vgl. Natur, Naturphilosophie.
Physikotheologie
Physikotheologie
(v. gr.
physikos
= natürlich und
theologia
= Gotteslehre) heißt der Versuch der Vernunft, aus den Zwecken der Natur (die nur empirisch erkannt werden können) auf die oberste Ursache der Natur und ihre Eigenschaften zu schließen. (Kant, Krit. d. Urteilskr. § 86, S. 395.) Die Physikotheologie kann es nach Kant aber nicht dahin bringen, den Zweck, wozu die Natur selbst existiert, nachzuweisen. Der physikotheologische Beweis für das Dasein Gottes (s. d.) ist ein Werk der Teleologie (s. d.). Je nachdem dabei besonders auf Gestirne, Gewitter, Fische, Vögel usw. Rücksicht genommen wurde, nannte man solche Versuche Astro-, Bronto-, Ichthyo-, Orintho- usw. Theologie. Die Engländer und von den Deutschen die Schüler Wolfs haben dieses. Gebiet eifrig angebaut. Kant opponierte dagegen, da hierbei oft willkürliche Kombinationen unterlaufen und man zuletzt auf diesem Wege höchstens zu einem Demiurgen, nicht aber zu einem Schöpfer der Welt gelange.
Physiognomik
Physiognomik
(gr.
physognômonikê
sc.
sophia
, v.
physis
= Natur,
gnômikê
sc.
sophia
= Erkenntnis) heißt die Kunst, aus den Gesichtszügen eines Menschen einen Schluß auf seinen Charakter zu machen. Die ersten Versuche der Physiognomik fallen ins Altertum. Im Mittelalter beschäftigten sich
Albertus Magnus, Battista della Porta
und
Campanella
mit Physiognomik; doch erst
Lavater
trat 1775 mit großen Ansprüchen an diese vorgebliche Wissenschaft heran.
G. Chr. Lichtenberg
verspottete ihn 1778,
Gall
bildete die Physiognomik zur Phrenologie um. – Die Voraussetzung der Physiognomik, daß das Geistige im Körperlichen zum Ausdruck komme, glaubte man schon an der Tierwelt erkennen zu können: dem Löwen legte man nach seinen Zügen Stärke und Großmut, dem Fuchs Verschlagenheit, dem Wolf räuberische Wildheit bei, und Battista della Porta ( 1615) verglich gewisse Menschengesichter mit Tierköpfen. Auch wird man kaum bestreiten, daß es kluge und dumme, verschmitzte und offene Gesichter gibt, daß die Gefühle, Neigungen, Denkweisen, Affekte und Leidenschaften stets in der Physiognomie irgendwie ausgeprägt werden. Dazu aber, um die Physiognomik zu einer Wissenschaft zu erheben, gehört, wie Lichtenberg zuerst erkannte, das Studium der an die Affekte geknüpften Ausdrucksbewegungen (s. d.). Dies Ziel haben
J. J. Engel
(Ideen zu einer Mimik. 2 Teile. Berlin 1785-1786),
Charles Bell
(Essays on anatomy of expression. 1806),
Huschke
(Mimices et physiognomices fragmenta. 1821),
Harless
(Lehrbuch der plastischen Anatomie),
Piderit
(System der Mimik und Physiognomik. 2. Aufl. 1886),
Ch. Darwin
(The expression of emotions. 1871) ins Auge gefaßt. Zuletzt hat
Wundt
(Grundz. d. phys. Psych. II S. 504 ff.) für die Ausdrucksbewegungen drei Prinzipien, das der direkten Innervationsveränderung, das der Assoziation analoger Empfindungen und das der Beziehung der Bewegung zu Sinnesvorstellungen, aufgestellt. Hiermit ist die Physiognomik auf wissenschaftliche Grundlage gestellt. Aber freilich fehlt noch viel daran, daß auch die letzten Erklärungsgründe für die Ausdrucksbewegungen gefunden und der Kausalnexus zwischen den einzelnen Seelenzuständen und den Einzelheiten des äußeren Habitus nachgewiesen wäre. Die Physiognomik ist also keineswegs eine vollendete und ausgebildete Wissenschaft, sondern nur eine werdende zu nennen. Vgl.
Lavater
, Physiogn. Fragmente. 1776.
C. G. Carus
, Symbolik der menschl. Gestalt. 1863.
Mehring
, Philos. krit. Gesch. der Selbsterkenntnis. III. 1857.
Physiokratie
Physiokratie
(von gr.
physis
und
kratos
) heißt Herrschaft der Natur.
Physiokratismus
ist die im Gegensatz zum Merkantilsystem ausgebildete Lehre, nach welcher die Natur allein produktiv sei.
Physiokratisches System
oder Agrikultursystem ist die staatswissenschaftliche Theorie, welche den Ackerbau für die einzige Quelle des Nationalreichtums ansieht. Schon bei
Locke
(1632-1704) findet sich dieser Gedanke, doch erst
Quesnay
führte ihn in seinem Tableau économique (Paris 1758) aus. Seine Anhänger, z.B. Gournay, Mirabeau, Turgot, hießen Physiokraten, die Gegner Ökonomisten.
Physiologie
Physiologie
(gr.
physiologia
, von
physis
= Natur,
logos
= Lehre) bezeichnet jetzt die Lehre von den Funktionen der organischen Wesen, während man im Altertum darunter soviel als Physik verstand. Es gibt eine Pflanzen-, Tier- und Menschenphysiologie. Die Entwicklung der Physiologie als Wissenschaft beginnt mit der Entdeckung des Blutkreislaufes durch Harvey (1619). Die größten Fortschritte hat sie im 19. Jahrhundert gemacht.
physiologische Psychologie
physiologische Psychologie
nennt man diejenige methodische Form der Psychologie, welche das Nervensystem und die körperlichen Prozesse eingehend berücksichtigt. Sie ist durch die Untersuchungen von Du Bois-Reymond, Lotze, A. W. Volkmann, Weber, Fechner und Wundt besonders gefördert worden. Vgl. Assoziationspsychologie.
Fechner
, Elem. der Psychophysik. 1860. Revis. der Hauptpunkte der Psychophysik. 1884.
Wundt
, Grundzüge der physiolog. Psychol. a. Aufl. 1887.
physiologische Zeit
physiologische Zeit
oder Reaktionszeit (persönliche Gleichung) ist die Zeit, welche zwischen dem Reiz eines Nerven und der dadurch als Reaktion ausgelösten Bewegung vergeht. Der Vorgang, welcher dieser Zeit entspricht, setzt sich zusammen: 1. aus der Leitung vom Sinnesorgan zum Gehirn, 2. aus dem Eintritt in das Blickfeld der Perzeption, 3. aus dem Eintritt in das Blickfeld der Apperzeption, 4. aus der Willenserregung, 5. aus der Leitung der motorischen Erregung zu den Muskeln. Die physiologische Zeit ist zuerst bei astronomischen Beobachtungen entdeckt worden. Sie ist nach der Kraft des Reizes und des Sinnesorgans verschieden. Bei optischen Reizen beträgt sie 1/5, bei Gehörs- und Tastreizen 1/7, Sekunde. Vgl.
Ribot
, Experimentelle Psychol. Braunschw. 1881.
Wundt
, Grundzüge der phys. Psych. II. S. 262 ff.
Pietät
Pietät
(lat.) heißt eigentl. Frömmigkeit, dann Ehrfurcht gegen Eltern, Lehrer, Wohltäter, Greise, auch gegenüber Sachen.
Plastik
Plastik
(gr. von
plassô
= bilde) oder Bildhauerkunst (Skulptur) heißt diejenige bildende Kunst, welche im festen Stoffe (Erz, Marmor, Ton usw.) fast ausschließlich die Menschen- und Tiergestalt darstellt. Ihre wichtigste Aufgabe ist die Darstellung des Menschen; das Tier stellt sie meist nur in seinen höchsten Erscheinungen und soweit es zu dem Menschen in Beziehung steht oder sein Symbol ist, dar. Sie hat, da sie wie die Baukunst mit festem Stoffe arbeitet, den statischen Gesetzen zu gehorchen, aber sie löst ihr Werk soviel als möglich vom Boden ab und will nicht, oder nicht nur wie die Architektur Sicherheit des Ruhens auf dem Boden zum Ausdruck bringen. Das organische Leben, das sie darstellt, schließt selbstgewollte Bewegung in sich ein, und die Statue sucht dementsprechend Leben und Bewegung anzudeuten. Die Plastik kann dabei entweder die Gestalt in geistiger Tätigkeit, aber äußerer Sammlung und Buhe, oder auch in der lebendigsten äußeren Bewegung, dann aber nur in einem Momente der Bewegung darstellen. Ihre Hauptaufgabe ist jedoch, die typische Schönheit der in sich geschlossenen Einzelgestalt wiederzugeben, und sie hat ihre höchste Blüte erlebt, als man Götter in Menschengestalt dachte und im Bilde anbetete. In der Gruppe erweitert sie ihre Aufgaben, aber ohne wirklich zu einer Kunst des Zusammenhanges zu werden, und im Relief geht sie in die Malerei über. Von der Baukunst und Malerei scheidet sie sich in ihrem Wesen dadurch, daß die Baukunst nur den Raum selbst, die Plastik, abgesehen vom Relief, nur die Gestalt im Raume, nicht den Raum, die Malerei aber die Gestalt im Raume und den Raum in Verbindung miteinander, aber freilich auch, durch das Aufgeben einer Dimension zum Schein umgewandelt, darstellt. Das ästhetische Gebiet ihrer Schöpfungen ist das Einfach-Schöne, das Erhabene und das Reizende, während ihr das Komische fast ganz verschlossen ist. Haltung, Bewegung und Ausdruck sind die Hauptmittel des Plastikers. Da er sein Subjekt, losgelöst von den Beziehungen der Außenwelt, rein in den Verhältnissen seiner Form und Gestalt darstellt, kann er unbedenklicher als jeder andere Künstler auch das Nackte nachbilden. Vgl. Kunst, Architektur, Malerei, Ästhetik, Ideal.
Platoniker
Platoniker
hießen teils die unmittelbaren Schüler Platons (Akademie), teils die Neuplatoniker (s. d.), teils die Mitglieder der von Cosmo v. Medici ins Leben gerufenen platonischen Akademie (15. Jahrh.). Siehe Akademie, Neuplatoniker.
platonische Liebe
platonische Liebe
heißt die Zuneigung zu einer Person des anderen Geschlechts, welche frei ist von Sinnlichkeit und nur aus geistiger Hinneigung entspringt. Sie hat ihren Namen davon, daß Platon von der Geschlechtsliebe eine höhere geistige Liebe, auf welcher der philosophische Trieb beruht, geschieden hat. Vgl.
Wiegand
, die wissensch. Bedeutung der platonischen Liebe. Berl. 1877.
Platonismus
Platonismus
ist die
Philosophie Platons
(427-347). Sie besteht in einem Idealismus, der dem Einzelnen und der Sinnenwelt die Existenz abspricht, den allgemeinen Begriffen (Ideen) das substanzielle Dasein zuspricht und in ihnen die Wirklichkeit erblickt. Der Platonismus nimmt die wirkliche Welt als eine metaphysische Vielheit von Begriffen, nicht als eine Einheit (wie die Eleaten), strebt aber außerdem zu einer ethischen Weltanschauung hin und sieht in der Idee des Guten die höchste aller Ideen und den Ursprung des ganzen Daseins.
Goethe
hat in der Geschichte der Farbenlehre unter der Überschrift »Überliefertes« (Hempel XXXVI S. 96) Platon folgendermaßen charakterisiert: »Plato verhielt sich zu der Welt wie ein seliger Geist, dem es beliebt, einige Zeit auf ihr zu herbergen. Es ist ihm nicht sowohl darum zu tun, sie kennen zu lernen, weil er sie schon voraussetzt, als ihr dasjenige, was er mitbringt, und was ihr so not tut, freundlich mitzuteilen. Er dringt in die Tiefen, mehr, um sie mit seinem Wesen auszufüllen, als um sie zu erforschen. Er bewegt sich nach der Höhe, mit Sehnsucht, seines Ursprungs wieder teilhaft zu werden. Alles, was er äußert, bezieht sich auf ein ewiges Ganzes, Gutes, Wahres, Schönes, dessen Forderung er in jedem Busen aufzuregen strebt. Was er sich im einzelnen von irdischem Wissen zueignet, schmilzt, ja man kann sagen verdampft in seiner Methode, in seinem Vortrag «.
Pluralismus
Pluralismus
(nlat.) nennt man die Annahme, daß die Welt aus einer Vielheit einzelner Wesen bestehe. Dahin gehört der Atomismus, die Monadologie und die Herbart Lotzesche Metaphysik. Der Pluralismus kann im Wesen entweder
Dualismus
sein, wenn Geist und Körper als wesentlich geschieden zugleich angenommen werden, oder
Monismus
(Materialismus, Idealismus, Identitätslehre), wenn die Vielheit der Wesen gleichartig entweder nur als materielle oder nur als geistige oder als absolute Einheiten gedacht werden. Als Monismus ist er entweder Realismus, wie im Atomismus, oder Idealismus, wie im Platonismus und der Monadenlehre, oder Idealrealismus wie bei Herbart und Lotze.
Kosmologischer
Pluralismus bedeutet soviel als die Annahme mehrerer von Menschen bewohnten Welten.
Kant
(1724-1804) versteht in seiner Anthropologie § 2 unter
Pluralismus
eigenartig die dem
Egoismus
entgegengesetzte Denkungsart »sich nicht als die ganze Welt in seinem Selbst befassend, sondern als einen bloßen Weltbürger zu betrachten und zu verhalten.«
Pneumatiker
Pneumatiker
(v. gr.
pneuma
= Geist) sind 1. eine medizinische Schule im 1. Jahrh. n. Chr., welche eine Art von Luftgeist als Urheber der Gesundheit und Krankheit ansahen; vgl. Lebenszeit; 2. nach der Bezeichnung der Gnostiker diejenigen Menschen, welche nicht unter der Herrschaft der Hyle (Materie) oder der Psyche (des sinnlichen Lebenskeims), sondern des göttlichen Pneuma (heiliger Geist) stellen.
Pneumatologie
Pneumatologie
(gr.
pneuma
, Geist,
logos
, Lehre), eigtl. Geisteslehre, hieß früher die metaphysische Psychologie.
Poesie
Poesie
(gr.
poiêsis
, eigtl. Schöpfung), Dichtkunst, heißt diejenige Kunst, welche das Schöne durch die Sprache darstellt. Sie vereinigt die Wirkungen der Musik und der bildenden Künste, da die Worte erstens Töne und als solche wie die Ausdrucksmittel der Musik an die Zeit gebunden sind, zweitens aber, als Zeichen und Träger einer Bedeutung, alles, was die Welt in sich einschließt (Räumliches und Zeitliches), darstellen können. Daher ist sie die reichste und fruchtbarste Kunst. Ihr
Vehikel
ist das Wort; dieses arbeitet für den inneren Sinn, das Erinnerungsvermögen, die Einbildungskraft, nicht, wie die Farbe und der Stein, für die äußere Anschauung; aber es bleibt nicht wie der bloße Ton, der durch das Gehör zur Phantasie spricht, bei unbestimmter Innerlichkeit stehn, sondern erhebt sich als festes Zeichen zur Klarheit und Deutlichkeit des Inhalts. Die Poesie ist daher mit der
Wissenschaft
verwandt; beide empfangen ihre Form von der Sprache, beide bringen das Innere des Menschen zur Darstellung. Aber die Wissenschaft will lehren, und die Poesie will Wohlgefallen hervorrufen. Die Poesie stellt das Schöne dar, die Wissenschaft hingegen das Wahre. Jene ist subjektiv, diese objektiv; dort ist das Gefühl, hier der Verstand die Hauptsache. Einem und demselben Gegenstande gegenüber sind viele Gedichte möglich; die Wissenschaft erstrebt nur eine sachgemäße Darstellung desselben. Der Dichter schafft Werke, deren kleinstes ein Ganzes ist, sofern sich daran die Eigenart des Schöpfers ausspricht; die wissenschaftliche Arbeit dagegen, auch die größte, bleibt im einzelnen Stückwerk.
Gegenstand
der Dichtung ist das gesamte Innen- und Außenleben. Nach
Jakob Grimms
(1785-1863) ansprechender Erklärung ist sie »das Leben gefaßt in Reinheit und gehalten im Zauber der Sprache«. Der Dichter selbst muß nach Goethe (Hans Sachsens poetische Sendung) ein kluges, treues Auge und Liebe besitzen, um die Welt klar und rein zu schauen, und eine Zunge haben, die sich leicht und fein in Worte ergießt. Jeder Dichter aber muß mit seiner Nation innerlich zusammenhängen, da sein Mittel nicht ein neutraler Stoff, sondern eine bestimmte, den Geist eines Volkes ausdrückende Sprache ist; der echte Dichter gibt seinem Volke Neues, aber dem Geist des Volkes Entsprechendes. Aus der Nachahmung fremder Poesie ist noch nie wahre Poesie entstanden. – Die
poetischen Stoffe
sind entweder objektiv oder subjektiv, d.h. der Dichter empfängt den Anstoß zum Schaffen entweder von außen oder von innen. Aus jenem entspringt die
epische
, aus diesem die
lyrische
Poesie; durch Verbindung beider entsteht die
dramatische
, welche Schicksal und Charakter darstellt. Vgl. Epos, Lyrik, Drama.
Die Dichtung kann es in bezug auf äußere Formen den bildenden Künsten nicht gleich tun; sie kann nichts so greifbar bilden wie Architektur und Plastik, nichts so anschaulich vorführen wie die Malerei (vgl. Lessing, Laokoon). Der Dichter muß erst künstlich Vorstellungen anschaulich machen; er bedient sich dazu der Bilder und Gleichnisse (Metaphern, Tropen, Metonymien) und belebt seine Worte durch Personifikationen, durch packende und eindringliche Ausdrücke, durch rhetorische Figuren, durch Rhythmus und Reim. In der Dichtung versuchen sich sehr viele Menschen. Der echte Dichter ist selten und der echte Dramatiker am seltensten. Das Drama ist der Gipfel der Kunst, und nach einem Ausspruch Gottfried Kellers ist es »ein Paradies auf Erden; es ist aber auch verteufelt schwer, hineinzukommen«. Vgl. Epos, Lyrik, Drama.
Poetik
Poetik
(gr.
poiêtikê
sc.
technê
) heißt derjenige Zweig der Ästhetik, welcher die Dichtkunst nach ihrem Wesen, ihren Formen und Arten behandelt. Schon
Platon
(427-347) hat in einigen seiner Dialoge (Philebus, Phädrus, Hippias d. gr., Staat) Untersuchungen über Fragen aus der Poetik angestellt, doch erst
Aristoteles
(384-322) hat die erste Poetik verfaßt, von der leider nur Fragmente erhalten sind. Dann folgt
Horaz
( 8 v. Chr.) mit seiner Epistel an die Pisonen. Seit dem 16. Jahrh. sind die Werke von Vida, Scaliger, Boileau, Opitz, Gottsched, Breitinger, Lessing, Herder, Schiller, Freytag und Ludwig hervorzuheben. Vgl.
M. Carriere
, Wesen und Formen der Poesie. 1854.
R. Gottschall
, Poetik. 1855.
G. Gerber
, die Sprache als Kunst. 1871 f.
Polarität
Polarität
nennt man das Auseinandertreten einer Kraft in zwei qualitativ verschiedene, entgegengesetzte und zur Wiedervereinigung strebende Wirkungsreihen. So spricht man von der Polarität der magnetischen und elektrischen Erscheinungen, aber auch von der Polarität der Geschlechter. Diesen Gegensatz kennt schon die chinesische Spekulation, ferner findet er sich bei Pythagoras, Herakleitos und besonders bei Schelling.
Polygamie
Polygamie
, s. Ehe.
Polylemma
Polylemma
, s. Dilemma.
Polytheismus
Polytheismus
, vgl. Gott, Monotheismus, Henotheismus, Pantheismus.
Polyzetese
Polyzetese
(v. gr.
polys
= viel u.
zêtêsis
= Frage, Fragesucht) heißt der Fehler des vielen und unnützen Fragens, den man bei Kindern und Dummen oft findet.
populär
populär
(lat. popularis = volkstümlich) heißt diejenige Art mündlicher oder schriftlicher Darstellung, welche sich nicht bloß an die Gelehrten, sondern an das größere Publikum wendet. Um von diesem verstanden zu werden, muß der Vortrag alle außerhalb des Kreises des gewöhnlichen Wissens liegenden technischen Ausdrücke erklären und faßlich machen. Er muß ferner einfach, deutlich, lebendig und kraftvoll sein. Je nach dem Bildungsstandpunkt derer, für welche etwas popularisiert wird, hat der Redner oder Schriftsteller mehr oder minder von seinem Standpunkte des Wissens herabzusteigen. Die populäre Darstellung verträgt sich sehr wohl mit Gründlichkeit und Scharfsinn, aber sie ist schwieriger als die gelehrte Darstellung. Denn es gehört dazu eine große Beherrschung sowohl der Sprache als auch besonders der betreffenden Wissenschaft und strenge Folgerichtigkeit und Vollständigkeit des Denkens in Verbindung mit der Fähigkeit der Veranschaulichung.
Popularphilosophen
Popularphilosophen
oder »Philosophen für die Welt« nennt man die Vorgänger Kants, welche die Form der schulmäßigen Darstellung und der zusammenhängenden wissenschaftlichen Untersuchung absichtlich verschmähten, um ihren Ideen eine weitere Verbreitung zu geben, sich sowohl an Locke wie an Leibniz anschlossen und ihr Interesse vor allem der Psychologie und Moral zuwandten. Hierher gehören:
M. Mendelssohn
(1729-1786),
Chr. Garve
(1742-1798),
J. J. Engel
(1741-1802),
Thomas Abbt
(1738-1766),
J. Zimmermann
(1728-1795) u.a.m.
Porisma
Porisma
(gr.) oder Consectarium, Corollarium (lat.) heißt Folgesatz. Bei Eukleides (300 v. Chr.) bedeutet es einen aus einem bewiesenen Lehrsatz oder einer gelösten Aufgabe abgeleiteten Satz. Es wird stets eingeführt mit den Worten:
'Ek dê toutou phaneron
(daher ist klar), vgl. z.B. Eukl. EI. I 15, II 4.
Porismatisch
heißt abgeleitet, gefolgert.
Poristik
ist die Schlußsatzlehre.
Position
Position
(lat. positio v. pono = setze) heißt die Setzung oder die Bejahung oder die Daseinsaussage, d.h. 1. die Annahme von etwas; 2. die Bejahung eines Urteils; 3. die Zusprechung des Daseins einem Dinge gegenüber.
positiv
positiv
, bejahend, ist der Gegensatz von negativ. Vgl. Negation.
Positivismus
Positivismus
nennt der Franzose
Aug. Comte
(1798 bis 1857) sein System, welches sich, unter Verwerfung jeder Theologie und Metaphysik, mit der Erkenntnis der die Erscheinungen regelnden Gesetze der Koexistenz und Aufeinanderfolge begnügt. Die positive oder exakte Philosophie, die in
Hume
(1711-1776) ihren Vorläufer hat, sucht sensualistisch durch Beobachtung die im Bereiche der Erscheinungen selber liegenden festen Verhältnisse zu erkennen und den Begriff der Ursache durch den der konstanten Folge zu ersetzen. Ihr Ziel ist: »Sehen, um vorauszusehen, und forschen, was ist, um zu schließen, was sein wird.« Die Naturwissenschaft ist nach ihr die Grundlage aller Philosophie, und der Unterschied zwischen physikalischen und moralischen Wissenschaften ist hinfällig (vgl. dagegen Natur und Geschichte!). Die Tätigkeit des Menschen ist nur ein Produkt der unendlichen Mannigfaltigkeit äußerer Eindrücke und der Wechselwirkung zwischen ihnen und inneren Reaktionen. Dem positiven Stadium der Wissenschaft, welches da anfängt, wo man die Erscheinungen in Gesetze faßt, geht das
theologische
, welches die Ereignisse der Welt von Willensakten übernatürlicher Wesen ableitet, und das
metaphysische
voran, das den Erscheinungen abstrakte Begriffe unterschiebt; und nach dem Maße, wie die einzelnen Wissenschaften sich in dieser dreifachen Gestaltung entwickelt haben, bestimmt sich selbst ihre Ordnung und Stufenleiter. Die Hierarchie der Wissenschaften ist hiernach: 1. Mathematik (Arithmetik, Geometrie, Mechanik), 2. Astronomie, 3. Physik (Lehre von der Schwere, der Wärme, Akustik, Optik, Elektrizitätslehre), 4. Chemie, 6. Biologie (oder Physiologie), 6. Soziologie. Besonderen Nachdruck legt Comte auf die
Soziologie
. Sie zur exakten Wissenschaft zu erheben, ist sein Ziel. Vgl.
Comte
, Cours de philosophie positive (1830-1842).
Lewes
, Comte's philosophy 1874.
G. E. Schneider
, Einl. in d. posit. Philos. 1880. Auch
E. Dübring
(Natürliche Dialektik. Berl. 1865; Kursus der Philosophie. 1875) hat eine materialistische »Philosophie der Wirklichkeit« aufgestellt. Als deutsche Positivisten bezeichnet man
E. Laas
(1837-1885) und
Al. Riehl
(geb. 1844). Nach
Laas
ist der Positivismus diejenige Philosophie, die keine anderen Grundlagen als positive Tatsachen (Wahrnehmung und logische Gesetze) anerkennt. Die Grundlage dieser Philosophie bilden drei Lehren: 1. die korrelative Tatsache, daß Subjekt und Objekt nur miteinander bestehen und entstehen, 2. die Variabilität der Wahrnehmungsobjekte und 3. der Sensualismus. Auch Laas verwirft jede Metaphysik und fordert für die Ethik, daß sie aus menschlichen Verhältnissen begründet werde. –
Riehl
stellt die von der Grundlage der Empfindung ausgehende Erkenntnistheorie als wissenschaftliche Philosophie der Metaphysik der unwissenschaftlichen entgegen und verweist die Lehre von den praktischen Idealen aus der Wissenschaft in die Nähe der Kunst und Religion. Vgl.
Laas
, Idealismus und Positivismus (1879 bis 1884).
Riehl
, der philosophische Kritizismus (1876-1887).
Falckenberg
, Geschichte der neueren Philosophie 1898 S. 515 f.
Possibilität
Possibilität
(lat. possibilitas) heißt Möglichkeit.
post hoc, ergo propter hoc
post hoc, ergo propter hoc
(danach, folglich dadurch) lautet einer der häufigsten Fehlschlüsse, der die Aufeinanderfolge zweier Dinge oder Ereignisse für Kausalität ansieht. Es können Dinge zeitlich aufeinander folgen, die keineswegs miteinander in Kausalnexus stehen. So folgt der Tag auf die Nacht, ohne daß die Nacht die Ursache des Tages wäre. Vgl. Causalität, Causalnexus.
posthypnotische Wirkungen
posthypnotische Wirkungen
heißen die Handlungen, die ein Hypnotisierter, der Suggestion folgend, lange nach der Hypnose ausführt.
Postprädikamente
Postprädikamente
heißen die aus den Kategorien abgeleiteten Begriffe.
Postulat
Postulat
(postulatum v. lat. postulo = fordere, gr.
aitêma
), Forderung, heißt eine Voraussetzung, die nicht beweisbar ist (Propositio practica indemonstrabilis. Chr. Wolf).
Kant
(1724-1804) nennt
Postulat der reinen praktischen Vernunft
einen theoretischen, als solchen aber nicht erweislichen Satz, sofern er einem a priori unbedingt geltenden praktischen Gesetze unzertrennlich anhängt (Kr. der prakt. Vernunft, S. 220). Solche Postulate sind ihm 1. die
Unsterblichkeit der Seele
, 2. das
Dasein Gottes
, 3. die
Freiheit des Willens
. Unter
Postulaten des empirischen Denkens
versteht er die drei modalen Grundsätze des reinen Verstandes: 1. Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung übereinkommt, ist möglich; 2. was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung zusammenhängt, ist
wirklich
; 3. dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist
notwendig
(Kr. d. r. V., S. 218).
Potenz
Potenz
(lat. potentia, eigtl. Vermögen) heißt in der
Arithmetik
ein Produkt aus gleichen Faktoren. In der
Philosophie
hat Potenz den allgemeinen Sinn: Möglichkeit, Vermögen, Kraft. Demgemäß schrieb
Schelling
(1775-1854) jedem Einzelwesen beide Faktoren des absoluten Wesens, Natur und Ideelles, in einer eigentümlichen Potenz zu. Er unterschied drei Potenzen: die erste Potenz in der Natur ist die
Schwere
, ein Überwiegen des objektiven Faktors, die zweite das
Licht
, ein Überwiegen des subjektiven Faktors, die dritte das
organische Leben
, das Gleichgewicht der Faktoren.
präcis
präcis
(lat. praecisus), abgemessen, genau, heißt in der Logik ein Begriff, der so zutreffend bestimmt ist, daß man kein abgeleitetes und zufälliges Merkmal in denselben aufgenommen hat. Ebenso heißt diejenige Definition präcis in der nichts Überflüssiges steht. Vgl. Definition.
Prädestination
Prädestination
(lat. praedostinatio), Vorherbestimmung, heißt nach
Augustinus
(353-430) und
Calvin
(1509-1564) die von Gott nach absoluter Willkür getroffene Auswahl der einen zur Seligkeit, der andern zur Verdammnis (Prädamnation). Vgl. Determinismus; Pelagianismus.
Prädeterminismus
Prädeterminismus
(v. nlat. praedeterminatio) heißt eine Art des Determinismus, welche in der Behauptung besteht, daß alle menschlichen Handlungen durch vorangehende Zeiterscheinungen vollständig bestimmt seien. Der
naturalistische
oder transscendentale Prädeterminismus findet die Bestimmungsgründe in der Natur und im Weltlauf, der
theologische
(eines Augustin, Boëthius, Anselm, Calvin, Beza) in Gottes Ratschluß. Vgl. Determinismus, Fatalismus, Prädestination.
Prädikabilien
Prädikabilien
(lat. praedicabilia) heißen die reinen abgeleiteten Verstandesbegriffe. Vgl. Kategorie.
Prädikat
Prädikat
(lat. praedicatum, gr.
katêgorêma, katêgoroumenon
) heißt dasjenige Glied eines Urteils, welches die Aussage enthält. Bei natürlicher Gestaltung des Urteils ist das Subjekt der zu bestimmende Begriff, das Prädikat die Bestimmung, so daß im Prädikat das wichtige Ergebnis des Urteils liegt.
Präexistenz
Präexistenz
(nlat. praeexistentia, franz. préexistence) heißt das Dasein der menschlichen Seele vor dem gegenwärtigen Leben. Die Annahme einer Präexistenz läuft entweder auf Metempsychose (s. d.) hinaus, so beim Buddhismus, bei Pythagoras, Empedokles, Platon und Leibniz, oder auf Creatianismus (s. d.), wonach Gott die Seelen vor der Welt erschaffen habe und sie seinerzeit mit ihrem Körper verbinde, oder auf die Idee eines präexistenten Sündenfalls wie bei Philon, Plotinos, Origenes und Schelling, durch den die Seelen in den für sie geeigneten Leib gekommen seien. – Veranlassung zu der Annahme einer Präexistenz gab sowohl die Lehre von den angeborenen Ideen als auch die Existenz eines angeborenen Hangs zum Bösen; ferner wirkten mit Idiosynkrasien, Sympathien und Antipathien, beständig wiederkehrende Traumbilder, welche den Wahn erzeugten, daß man schon einmal existiert habe, auch die instinktartigen Impulse, die den individuellen Talenten und Fertigkeiten zugrunde liegen. Aber diese Gründe sind zu subjektiv und zu dunkel, um darauf eine so gewagte Hypothese zu bauen. Vgl.
Bruch
, die Lehre von der Präexistenz der menschlichen Seele. 1859.
J. M. Meyer
, die Idee der Seelenwanderung. 1861.
Präformation
Präformation
(v. lat. praeformo = bilde vor) nannte man im 17. Jahrhundert die Vorausbildung sämtlicher Teile des Organismus im Samen oder Ei. Vgl. Organismus, Idee, Zweck.
Präformationssystem
der reinen Vernunft nennt
Kant
(1724 bis 1804) die Hypothese, daß die Kategorien weder empirischen Ursprungs (generatio aequivoca), noch die Bedingung der möglichen Erfahrung überhaupt (System der Epigenesis), sondern daß sie subjektive, uns mit unserer Existenz zugleich eingepflanzte Anlagen zum Denken seien. Er verwirft ein solches Präformationssystem (Kr. d. r. V. II. Aufl., S. 167).
pragmatisch
pragmatisch
(gr.
pragmatikos
= befähigt v.
pragma
= Handlung) heißt 1. dasjenige, was zum Handeln, zur Praxis notwendig ist; 2. bedeutet es nützlich, gemeinnützlich, klug, erfahren. So ist die pragmatische Sanktion Karls VI., welche die Erbfolge im österreichischen Staate regelte (1713 und 1724), eine für Österreich nützliche, aus der Vorsorge für die allgemeine Wohlfahrt getroffene Maßregel gewesen; ein pragmatischer Kopf ist ein tüchtiger, anstelliger Mensch; 3. pragmatisch heißt endlich diejenige Geschichtsschreibung, welche die Begebenheiten, nach ihrem inneren Zusammenhang entwickelt. Der Pragmatismus der Geschichte ist der unter dem Gesichtspunkte des Kausalnexus betrachtete objektive Verlauf der Ereignisse. – Kant nennt pragmatisch im weiteren Sinne dasjenige, was dazu dient, unsere Absichten zu erfüllen; also ist ihm jede Klugheitsregel pragmatisch. (
Kant
, Grundlegung z. Metaph. d. Sitten.)
praktisch
praktisch
(gr.
praktikos
) heißt im Unterschiede vom
Theoretischen
alles, was sich auf das Tun und Handeln bezieht, was irgendwie den Willen bestimmt. So sind praktische Wissenschaften die, welche die Zwecke des Handeins und die Mittel zu ihrer Erreichung zum Gegenstande haben. Die Erkenntnis, welche sie bieten, bezieht sich auf Handlungen und wird dadurch verwendbar, daß sie das Handeln des Menschen beeinflussen kann. Solche Wissenschaften sind: Ethik, Pädagogik, Rechts- und Staatsphilosophie, Theologie, Medizin und alle technischen Disziplinen. Ein praktischer
Vortrag
einer Wissenschaft nimmt auf die Anwendbarkeit ihrer
Lehren
für bestimmte Zwecke Rücksicht; ein praktischer
Mensch
weiß, unabhängig von systematischer Einsicht und nur durch Erfahrung geleitet, die richtigen Mittel zum Zwecke zu finden. Vgl. Praxis. –
Praktisch
gut heißt bei Kant, was vermittelst der Vorstellungen der Vernunft, mithin nicht aus subjektiven Ursachen, sondern objektiv, d. i. aus Gründen, die für jedes vernünftige Wesen als ein solches gültig sind, den Willen bestimmt; daher ist der Wille, der sich ganz durchs Sittengesetz bestimmen läßt, praktisch gut.
Praktische Vernunft
heißt unsere Vernunft, sofern sie unseren Willen bestimmt.
Prämissen
Prämissen
(v. lat. praemitto = vorausschicken) heißen die Vordersätze eines Schlusses. Der vollständige Schluß hat zwei Prämissen (Ober- und Untersatz), der unvollständige aber nur eine. Vgl. Enthymem, Sorites.
Prästabilismus
Prästabilismus
, s. Harmonie, Monade.
Präsumption
Präsumption
(lat. praesumptio v. praesumo = vorausnehmen) heißt eine Voraussetzung, die. auf Gründen der Wahrscheinlichkeit beruht.
Praxis
Praxis
(gr.
praxis
) heißt die aus gewohnter Tätigkeit hervorgehende Übung; sie bildet den Gegensatz zur
Theorie
, dem wissenschaftlichen Erkennen und Verständnis. Praxis und Theorie können sich verbinden, können aber auch im Widerspruch zueinander stehn. Einsicht und Übung ergänzen sich, und da ein einsichtsloses Handeln nur zufällig zum Ziele führt, so kann Praxis nicht ohne Theorie sein, wenn sie zum sicheren Erfolge führen will. So kann die rechte Theorie und die erprobte Praxis sich nicht widersprechen. Wo Praxis und Theorie trotzdem im Widerspruch stehen, muß jene blind, diese einseitig sein; doch hat in diesem Falle die Praxis immer etwas vor der Theorie voraus, weil alle Erkenntnis mit der Erfahrung beginnt und so trifft Goethes Wort zu: »Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum«. (Faust.) Beide müssen nach Ausgleich streben. Nur wo die Theorie noch nicht genügend geklärt oder die Praxis noch nicht genügend erprobt ist, wandeln sie zwiespältig nebeneinander. Jedenfalls ist es in der Moral, Ästhetik und Religion eine Halbheit, dasjenige, was man theoretisch vollständig anerkennt, nicht auch in die Praxis umzusetzen. Diese Halbheit ist oft die Signatur der Übergangsepochen in der Kulturgeschichte. Sie deutet aber die zukünftige Entwicklung an. Vgl.
Kant
, Über den Gemeinspruch: »das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis.« 1793,
Eucken
, Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipzig 1904, S. 38 ff.
Preis
Preis
(pretium), eigtl. Wert, bedeutet 1. Lob, Ruhm; 2. das
Äquivalent
an Gütern, was jemand für eine Sache erhält oder zahlt, und zwar unterscheidet man
Marktpreis
und
Affektionspreis
; jenen kann der Verkäufer von allen, diesen nur von Liebhabern fordern. Man unterscheidet ferner
Kostenpreis
und
Verkaufspreis
; jener ersetzt dem Produzenten und dem jedesmaligen Verkäufer nur die Auslagen für Erwerben Aufsuchen, Bearbeiten und Fortschaffen einer Sache. Dieser wird ihm wirklich gezahlt; auf seine Höhe oder seinen jedesmaligen Stand haben viele Verhältnisse Einfluß: der Gebrauchswert einer Sache an diesem oder jenem Orte (vgl. Bedürfnis), Angebot und Nachfrage, Kosten der Aufbewahrung, Verderblichkeit der Ware selbst, Zinsfuß des angelegten Kapitals und Konkurrenz. Das Resultat aller dieser Faktoren ist der durchschnittliche Marktpreis. Vgl.
Zuckerkandt
, Zur Theorie des Preises. Leipzig 1888.
Primalitäten
Primalitäten
nannten die Scholastiker die Grundbestimmungen der Dinge. So sind nach
Campanella
(1568-1639) Allmacht, Allweisheit und Allliebe die Primalitäten oder Proprinzipien des Seienden oder der Gottheit.
primär
primär
oder wesentlich heißen nach
Locke
(1632 bis 1704) diejenigen Eigenschaften, welche dem Ding unabhängig von seiner Beziehung zum Subjekt zukommen, wie Größe, Gestalt, Bewegung, während
sekundär
diejenigen Eigenschaften heißen, die ihm nur in Beziehung auf ein wahrnehmendes Subjekt angehören, wie Farbe, Licht, Ton, Geruch. Vorbereitet ist diese Unterscheidung in der Neuzeit von Leonardo da Vinci (1452-1519), Galilei (1564-1641), Descartes (1596-1650), Hobbes (1588 bis 1679). Sie formuliert im wesentlichen den Gesichtspunkt aller physikalischen Wissenschaften, welche die qualitativen Verhältnisse auf quantitative reduzieren, und ist in ihrem Kerne daher schon im Atomismus des Altertums gegeben. Bei Kant (1724-1804) ist sie dadurch aufgehoben, daß Raum und Zeit für subjektiv erklärt werden; doch unterscheidet Kant extensive und intensive Größen, hält an den methodischen Gesichtspunkten der Physik fest und sieht in den mathematischen Eigenschaften der Erscheinungen diejenigen, die ihre wissenschaftliche Behandlung möglich machen. Vgl. Wesen, constitutiv.
Primat
Primat
(lat. primatus) heißt Vorrang. Ein solcher Primat wird von
Kant
(1724-1804) und
Fichte
(1762-1814) der
praktischen Vernunft
vor der spekulativen beigelegt, weil die praktische Vernunft frei, die spekulative aber an das Kausalitätsgesetz gebunden ist, die letzte Absicht bei der Einrichtung unserer Vernunft also auf das Moralische gestellt ist, und weil jene durch ihre Gesetzgebung dasjenige als Gegenstand des Glaubens verbürgt, was diese nicht zu beweisen vermag. Von diesem Gesichtspunkte aus bestimmt sich bei Kant die Philosophie auch als Lehre vom Ideal des höchsten Guts (Kant, Krit. d. r. V. S. 804 ff.; Kr. d. prakt. V. S. 194; 215 ff.).
Schopenhauer
(1788 bis 1860) schreibt dem unvernünftigen und ziellosen Willen den Primat über den Intellekt zu. S. Wille, Voluntarismus.
Principium contradictionis
Principium contradictionis
, s. contradictio.
Principiis obsta (sero medicina paratur)
Principiis obsta (sero medicina paratur)
, d.h. »Tritt den Anfängen entgegen, (das Heilmittel kommt sonst zu spät)« oder dem Sinne nach: »Wenn die Krankheit noch in ihren Anfängen ist, suche sie zu bekämpfen, (sonst kommt der Heilungsversuch zu spät)«. Diese Worte Ovids (Remedia amoris 91), die sich auf die Liebe beziehen, werden jetzt allgemeiner gebraucht und gelten als Mahnung zur Wachsamkeit bei der Entstehung eines Übels, das großen Umfang annehmen kann, und zur entschlossenen Bekämpfung desselben in seinen Anfängen.
Prinzip
Prinzip
(lat. principium, gr.
archê
= Anfang) bedeutet,
allgemein genommen
, den
Anfang
, den
Ursprung
, die
Grundlage
, die
Voraussetzung
irgend einer Sache. Ein Prinzip ist also ein (relativ oder absolut) Erstes, Ursprüngliches, von dem eine Reihe nachfolgender Dinge abhängig ist. (Quod in se continet rationem alterius, Chr. Wolf, Ontologie § 866.) Solche Prinzipien für die gesamte Wirklichkeit aufzusuchen, ist das Ziel der
Metaphysik
von ihren Anfängen bis zur Gegenwart gewesen.
Thales
(um 600 v. Chr.) fand das Prinzip alles Wirklichen im Wasser,
Anaximandros
(um 570) im qualitativ unbestimmten, quantitativ unendlichen Apeiron,
Anaximenes
(um 530) in der Luft,
Herakleitos
(um 600) im Feuer,
Pythagoras
(580 bis um 500) in der Zahl,
Empedokles
(484-424) in den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer,
Leukippos
(5. Jahrh. v. Chr.) und
Demokritos
(um 460-360) in den Atomen,
Platon
(427-347) in den Ideen,
Aristoteles
(384-322) im Stoff, der Form, der bewegender Ursache und dem Zweck, oder im Stoff und der Form allein, die Stoiker im Stoff und in der Kraft, die
Epikureer
in den Atomen, die
Scholastiker
in Gott,
Descartes
(1596-1650) im Denken und in der Ausdehnung,
Spinoza
(1632-77) in Gott-Natur,
Leibniz
(1646-1716) in den Monaden,
Fichte
(1762-1814) im Ich,
Schelling
(1775-1854) im Absoluten,
Hegel
(1770-1831) in der logischen Vernunft,
Schopenhauer
(1788-1860) im Willen,
v. Hartmann
(1842-1906) im Unbewußten.
Im
engeren Sinne
ist ein Prinzip ein
erster Grundsatz
, der eines Beweises nicht fähig ist und nicht bedarf und der eine Denknotwendigkeit für uns bildet. Sein Gegenstück ist das
Axiom
, d.h. ein unbeweisbarer Satz, der auf unmittelbarer Anschauung beruht (vgl. Axiom). Prinzipien in dieser engeren Bedeutung können dem Range nach entweder komparativ oder absolut sein.
Komparative Prinzipien
sind allgemeine Sätze, aus denen sich andere Sätze ableiten lassen,
absolute Prinzipien
sind die schlechthin obersten Sätze oder Regeln, die einer Ableitung zugrunde gelegt werden.
Der Beziehung nach zerfallen die Prinzipien in Realprinzipien, Kausalprinzipien, Erkenntnisprinzipien und Willenspinzipien.
Realprinzipien
sprechen die obersten Bedingungen des Daseins, der Wirklichkeit aus (principia essendi).
Kausalprinzipien
bestimmen die obersten Ursachen alles Geschehens (principia fiendi).
Erkenntnisprinzipien
(principia cognoscendi) umfassen die obersten Bedingungen für alle Erkenntnis,
Willensprinzipien
oder praktische Prinzipien (principia agendi) geben die obersten Regeln alles Handelns. Die Realprinzipien sind so mannigfaltig gestaltet worden, als es die verschiedenen metaphysischen Standpunkte verlangen (siehe oben). Das oberste Kausalprinzip lautet nach Kants Formulierung: Alles, was geschieht, setzt etwas voraus, worauf es nach einer Regel folgt. Die Erkenntnisprinzipien zerfallen in formale und materiale. Die
Formalprinzipien
beziehen sich auf die Form der Anordnung und der inneren Verbindung der Erkenntnisse; die
Materialprinzipien
bestimmen den Inhalt des Erkennens. Jene, wie den Satz der Identität, des Widerspruchs usw., stellt die Logik auf; diese hängen von dem jedesmaligen Erkenntnisgebiet ab. Je nachdem das Einzelne und Besondere, oder das Allgemeine als Ausgangspunkt der Erkenntnis dient, ist der eingeschlagene Weg der Ableitung
regressiv
(analytisch) oder
progressiv
(synthetisch). Nur im letzteren Falle können die Erkenntnisprinzipien mit den Realprinzipien sich decken, und die so gewählte Methode (s. d.) des Erkennens ist die eigentlich wissenschaftliche und konstruktive, während die entgegengesetzte nur heuristisch und propädeutisch ist. Die praktischen Prinzipien, die eine Forderung aussprechen und eine Wertbestimmung enthalten, sind entweder von allgemeiner und
objektiver
Geltung, wie der
kategorische Imperativ
Kants, oder sie gelten nur für die Person und sind
subjektiv
; sie heißen dann
Maximen
(s. d.). Was der gewöhnliche Mensch Prinzipien nennt, sind meist nur Maximen, die keineswegs als Prinzipien brauchbar sind. (Vgl. Überweg, System der Logik § 139. Schopenhauer, über d. vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Rudolstadt 1813.)
Die Lehre von den Prinzipien im engeren Sinne hat mit der Entwicklung der Logik Schritt gehalten.
Platon
(427 bis 347) stellte den Begriff der
archê
auf und forschte über den progressiven und regressiven Weg (Arist. Eth. Nicom. I, 2. p. 1095 a 32
eu gar kai Platôn êporei touto kai ezêtei, poteron apo tôn archôn ê epi tas archas estin hê hodos hôsper en tô stadiô apo tôn athlothetôn epi to peras ê anapalin
).
Aristoteles
(384-322) unterscheidet die verschiedenen Arten der Prinzipien, des Seins, des Werdens und des Erkennens, und nennt als solche Natur, Element, Gedanke, Entschluß, Wesen und Zweck:
pasôn men oun koinon archôn tôn to prôton einai, hothen ê estin ê gignetai ê gignôsketai; toutôn de hai men enyparchousai eisin, hai de ektos. dio hê te physis archê kai to stoicheion kai hê dianoia kai hê prohairesis kai ousia kai to hou heneka.
(Aristot. Metaph. IV, 1 p. 1013 a 17 ff.)
Kant
(1724-1804) verstand unter Prinzipien synthetische Erkenntnisse aus Begriffen und schied zwischen theoretischen und praktischen Prinzipien. Jene geben die Bestimmung der Natur nach Begriffen, diese die Bestimmungen unserer freien Handlungen durch allgemeine Begriffe. (Kant, Kr. d. r. V. S. 298 ff.) Prinzip aller menschlichen Erkenntnis ist für Kant die transscendentale synthetische Einheit der Apperzeption einerseits und die sinnliche Empfindung andrerseits, Prinzip der Natur das Kausalitätsgesetz, Prinzip alles Handelns der kategorische Imperativ und Prinzip der Kunst- und Naturbetrachtung im einzelnen das (nur regulative, nicht konstitutive) Gesetz der Zweckmäßigkeit.
Prinzipaltugend
Prinzipaltugend
, s. Cardinaltugend.
Proärese
Proärese
(gr.
prohairesis
), Vorsatz, Entschluß (s. d.), unterscheidet sich nach
Aristoteles
(Eth. Nic. III, 4, p. 1111 b 4 ff.) vom bloßen Wollen, indem jede Proärese außer einem Wollen
Überlegung
und
Nachdenken
in sich einschließt (
hê gar prohairesis meta logou kai dianoias
p. 1112 a 15) und sich nur auf das, was in unserer Macht liegt, bezieht (
bouleutikê orexis tôn eph' hêmin
p. 1113 a II), während das bloße Wollen auch ohne Überlegung und Nachdenken sein kann und sich nicht immer auf das, was in unserer Macht liegt, beschränkt. Den
Stoikern
ist das Proäretische (
to proairetikon
) dasjenige, was wir in unserer Gewalt haben. Wer sich unter Anerkennung des Fatums von diesem leiten läßt, ist frei, wobei jedoch das Wollen durchaus nicht willkürlich ist, da es entweder Von der Vernunft oder von den Affekten beherrscht wird. Vgl. Freiheit, Determinismus.
probabel
probabel
(lat. probabilis) heißt wahrscheinlich;
Probabilität
heißt Wahrscheinlichkeit (s. d.).
Probabilismus
Probabilismus
(abgeleitet, lat. probabilis) heißt die Ansicht, daß man in wissenschaftlichen Dingen zur Sicherheit nicht gelangen, sondern sich mit einer größeren oder geringeren Wahrscheinlichkeit begnügen müsse. So lehrten die
Skeptiker
(s. d.), so der
Platoniker Karneades
(214-129), so
Cicero
(106-43). Neben diesem theoretischen gibt es auch einen
praktischen
Probabilismus, welcher nach Kant darin besteht, daß man die bloße Meinung, eine Handlung könne recht sein, für hinreichendes Motiv, sie zu unternehmen, ansieht. Vgl. Collision der Pflichten. In neuerer Zeit haben die
Jesuiten
(s. d.) den praktischen Probabilismus in der Weise vertreten, daß sie es für erlaubt halten, da, wo über die Pflichtgemäßheit einer Handlung keine volle Sicherheit erlangt werden könne, nicht der Ansicht zu folgen, welche die meisten Gründe für sich habe, sondern auch einer andern, für die irgend welche Gründe sprächen.
Problem
Problem
(gr.
problêma
= der Auftrag, die Streitfrage v.
proballein
= hinwerfen, vorschlagen) heißt eine wissenschaftliche Frage, deren Lösung Schwierigkeiten bereitet. Jede Wissenschaft hat ihre eigentümlichen Probleme, aus deren Lösung gewöhnlich immer neue, schwierigere hervorgehen. Ein Muster von Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit in der Untersuchung philosophischer Probleme ist
Immanuel Kant
(1724-1804) gewesen. Er führt die Grundfragen der Philosophie auf folgende drei zurück, die alles Interesse der Vernunft vereinigen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? (Kr. d. r. V. S. 805.) – Die wichtigsten Probleme der neueren Philosophie sind: 1. Welches sind die Quellen der Erkenntnis? 2. Welches sind die Grenzen der Erkenntnis? 3. Was ist das Wesen der Dinge? 4. Welches sind die Grundgesetze der Natur? 6. Was ist das Wesen von Raum, Zeit und Bewegung? 6. Was ist das Wesen von Stoff und Kraft? 7. Ist die Natur nur aus Ursachen verständlich, oder wird sie such aus Zweckbegriffen erkannt? 8. Wie entsteht die Empfindung?. 9. Was ist das Wesen der Seele? 10. Wie bestimmt sich der Wille? Vgl.
Flügel
, Die Probleme der Philosophie. Köthen 1876.
problematisch
problematisch
(gr.
problêmatikos
) heißt das Mögliche oder Ungewisse oder Zweifelhafte. Ein problematischer Begriff gibt nur etwas Mögliches zu denken; ein problematisches Urteil ist ebenso möglich wie sein Gegenteil; dem problematischen Urteil steht das assertorische (s. d.) und das apodiktische (s. d.) gegenüber. –
Problematische Naturen
sind nach Goethe (Sprüche in Prosa II, 127) solche, »die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genug tut; daraus entsteht der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt«. Vgl. den gleichnamigen Roman von Spielhagen. 1861.
Proceß
Proceß
(lat. processus = Fortgang, Verlauf von procedo = vorwärts schreiten), heißt zunächst das Verfahren vor Gericht, dann jedes Verfahren nach bestimmten Regeln, endlich ein gesetzmäßiger Vorgang überhaupt, So spricht man von chemischen, logischen, psychologischen Prozessen.
Produkt
Produkt
(v. lat. produco = bringe hervor) heißt jedes Erzeugnis der Natur oder der Kunst;
produktiv
heißt schöpferisch. Vgl. Phantasie.
Progreß
Progreß
(lat. progressus = Fortschritt v. progredi = fortschreiten) heißt der Fortgang von der Bedingung zum Bedingten;
progressiv
heißt die Methode welche synthetisch (deduktiv) von dem Allgemeinen zum Besonderen oder Einzelnen herabführt.
Progressus in infinitum
nennt man das Herabsteigen in einer
unendlichen Reihe
, die vom Allgemeinen zum Besonderen führt.
Progressus in finitum
heißt der entsprechende Gang in einer
endlichen Reihe, in indefinitum
derjenige in einer Reihe, deren
Endlichkeit
oder
Unendlichkeit nicht feststeht
. Siehe Deduktion, Regreß infinit.
Projektion
Projektion
(lat. proieotio = Hinausverlegung, v. proiicio = hinwerfen) nennt man in der
Mathematik
die Abbildung eines Raumgebildes auf einer ebenen oder krummen Fläche durch gerade Linien, die entweder von einem Zentrum aus (Zentralprojektion) oder, indem dieses Zentrum ins Unendliche verlegt wird, parallel gezogen werden (Parallelprojektion). Jedem Punkt des Gebildes entspricht dann ein Punkt seiner Projektion, und aus der Projektion lassen sich Lage, Gestalt, Größe und gegenseitige Beziehungen der projizierten Gegenstände rechnerisch bestimmen (deskriptive Geometrie). –
Projektion der Empfindung
heißt in der
Psychologie
die Hinausverlegung derselben in die Außenwelt, deren Folge ist, daß wir sie nicht für einen subjektiven Vorgang, sondern für einen objektiven Gegenstand und Vorgang halten. So wird zunächst die Druckempfindung nach außen als Leib, die Muskel- und Tastempfindung als Außending projiziert. Dies erhellt z.B. aus der Tatsache, daß ein Glied, das infolge abnormer Einwirkung die Druckempfindung verliert, uns alsbald als etwas Fremdes, zur Außenwelt Gehöriges erscheint. Auch die Empfindungen der anderen Sinne werden projiziert, freilich erst mit Hilfe des Tastsinns, und so, daß das Gesicht wieder das Gehör leitet. Betonte Empfindungen werden nach dem Grade ihrer Betonung lokalisiert, unbetonte im Verhältnisse der Bestimmtheit ihres Inhalts projiziert. Betastet man ein Objekt mit einem Stabe, so wird die Tastqualität vor das Ende des Stabes projiziert. Bei Berührung projiziert das nervenreichere Glied seine Empfindung auf das nervenärmere, das bewegte auf das unbewegte, das frische auf das ermüdete. Neugeborene projizieren noch nicht; denn sie schließen weder die Augen vor dem sich nähernden Gegenstand, noch wenden sie ihm das Ohr zu. Ebensowenig projiziert der Erwachsene im Halbbewußtsein. Das Projizieren auch der Traumbilder nach außen beweist, daß es überhaupt ein rein psychischer Vorgang ist. Vgl.
W. Volkmann
, Psychol. II, 127 f. 3. Aufl. 1885.
Prolegomena
Prolegomena
(gr.
prolegomena
= das Vorausgesprochene), bedeutet Vorrede, Einleitung; berühmt sind
Kants
»Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können«. Riga 1783. Kant beantwortet darin vier Fragen: 1. Wie ist reine Mathematik möglich? 2. Wie ist reine Naturwissenschaft möglich? 3. Wie ist Metaphysik überhaupt möglich? 4. Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich? und führt den Nachweis, daß es bis dahin überhaupt noch keine Metaphysik gegeben habe, ja daß eine solche in dem Sinne einer theoretischen Wissenschaft von den letzten Ursachen und Zwecken alles Seins unmöglich sei. Diese Schrift Kants ist, trotz ihres negativen Resultats, sehr lesenswert, besonders als Einleitung zum Studium seines schwierigen Werkes: »Kritik der reinen Vernunft«. 1781. Wer in die Metaphysik auf literarischem Wege eindringen will, lese erst Humes Essays, dann Kants Prolegomena, dann dessen drei Kritiken, hiernach Platons und Aristoteles' Schriften; schließlich wird er sich an jede metaphysische Abhandlung heranwagen können.
Prolepse
Prolepse
(gr.
prolêpsis
, lat. anticipatio = Vorwegnahme) bedeutet bei
Epikuros
die Allgemeinvorstellung, d.h. ein in uns beharrendes allgemeines Gedächtnisbild, die Erinnerung an viele gleichartige Perzeptionen ein und desselben Objekts (
katholikên noêsin enapokeimenên, toutesti mnêmên tou pollakis exôthen phanentos
. Diog. Laert. X, 1, § 33). Sie taucht beim Hören des betreffenden Namens in uns auf. Bei den
Stoikern
hingegen bedeutet Prolepsis den aus der Wahrnehmung durch Fortgang zum allgemeinen absichtslos gebildeten Begriff (
ennoia physikê tôn katholou
Diog. Laert. VII, 1, § 54), den manche Stoiker schon als angeboren bezeichnen (
emphytos prolêpsis
). Vgl. Vorstellung, Wahrnehmung,
Anticipation
.
Propädeutik
Propädeutik
(gr.
propaideutikê
sc.
technê
), Vorbereitung oder Vorübung, heißt die Summe der zum Studium einer Wissenschaft oder Kunst nötigen Kenntnisse. Manche Wissenschaften, die für sich selbständig genug sind, können anderen als Propädeutik dienen. So ist die Mathematik Propädeutik für die Mechanik, die Anatomie für die Medizin usw. Da die Logik die Wissenschaft vom Wissen überhaupt ist, hat man sie oft als Propädeutik der Philosophie, ja aller Wissenschaften bezeichnet. Doch ist sie selbst eine philosophische Disziplin. Dagegen steht am Eingange der Philosophie am besten die Erkenntnistheorie (siehe Erkenntnis). Unter philosophischer Propädeutik können wir aber auch die Darlegung derjenigen Begriffe und Prinzipien verstehn, die für ein fruchtbares Studium der Philosophie unerläßlich sind. Vgl.
A. Matthiä
, Lehrbuch des ersten Unterrichte in der Philosophie. Leipzig 1827.
W. G. Schirlitz
, Propädeutik z. Philosophie. Cösl. 1829.
L. Noack
, Propädentik d. Philosophie. Weimar 1854.
E. Kuhn
, Propäd. f. wissensch. Studien. Berlin 1869.
Fr. Paulsen
, Einleitung in die Philosophie. 13. Aufl. 1906.
Külpe
, Einleitung in die Philosophie. 1895.
R. Fritzsche
, Vorschule d. Philos. Leipzig 1906.
Propositio
Propositio
maior und minor (lat.) heißt der Ober- und Untersatz des Schlusses (s. d.).
Prosyllogismus
Prosyllogismus
(gr.), Vorschluß, heißt in einem Polysyllogismus derjenige Schluß, dessen Konklusion in dem darauffolgenden Schlüsse Prämisse ist (vgl. Episyllogismus).
Protestantismus und Philosophie
Protestantismus und Philosophie
. Die Geschichte des deutschen Geisteslebens zerfällt im Grunde in zwei große Abschnitte, deren Inhalt ist, wie wir uns in der Kindheit und Jugend unserer Nation selbst verloren haben und im Fremden untergingen, um zum Kulturvolke zu werden, und wie wir uns im reiferen Alter wiederfanden und eigenes deutsches Wesen zurückerwarben. Im Mittelalter' haben alle bahnbrechenden germanischen Persönlichkeiten dazu beigetragen, uns mit der romanischen Kultur, mit der Kultur des Auslandes in Verbindung zu setzen und uns so aus einem Barbaren- zu einem Kulturvolk zu machen; in der Neuzeit haben uns alle deutschen Geistesführer von fremdem Einfluß befreit und auf unsere Eigenart hingewiesen. Der Wendepunkt in der Entwicklung ist die Entstehung des Protestantismus im 16. Jahrhundert. Der Protestantismus ist das von Rom in Lehre und Organisation losgelöste, auf deutsche Art gegründete und mit deutschem Wesen verwachsene, von dem Eingriff veralteter Philosophie befreite, auf eigene Prinzipien (Bibelwort und innere Erfahrung) gestellte Christentum der praktischen Gewissensfreiheit, der sittlichen Gesinnung und Selbstverantwortung des Individuums, unter dessen Herrschaft sich die moderne Kultur entfaltet hat. Nur durch bewußte Wahl, nicht durch Zwang von den Deutschen gewonnen, hat er sie von der Erdrückung durch fremden Einfluß und von der römischen Hierarchie befreit und ihnen das Recht des eigenen religiösen Empfindens und Denkens zurückgegeben; er hat die Religion von der Beimischung einer noch im Altertum steckenden Halbphilosophie losgemacht und den Glauben auf historisches Zeugnis und Lebenserfahrung gestellt. Er hat das Leben mit seinen Forderungen anerkannt, den Deutschen zu einer seiner Natur entsprechenden Lebenshaltung zurückgeführt und intensive geistige und sittliche Selbsttätigkeit des Individuums geweckt. Er begünstigt die Fortschritte der Kultur und verinnerlicht den Menschen durch die Anerkennung der unmittelbaren Beziehung zu Gott und der Selbstverantwortung des einzelnen Menschen. – Der Protestantismus zeigt seinem ganzen Wesen nach in seiner Entwicklung eine Hinneigung zur Philosophie.
Luther
hat zwar anfangs jede Philosophie zurückgewiesen. Er haßte den Aristotelismus, »die gottlose Wehr der Papisten«. Aber die protestantische Theologie bedurfte philosophischer Waffen, und schon
Melanchthon
verknüpfte den protestantischen Glauben mit einem gereinigten Aristotelismus. Als dann später die Systeme der neueren Philosophie entstanden, hat es der Protestantismus der Reihe nach mit dem
Cartesianismus
, mit
Leibniz
und
Wolf
, mit
Kant
, mit
Schelling
und
Hegel
versucht; über ein festes Bündnis mit einem der neueren Systeme ist nicht entstanden. Das Dienstverhältnis der Philosophie gegenüber der Theologie ist selbstverständlich in der Neuzeit aufgehoben. Die Wissenschaft geht ihre eigenen Bahnen, und der Protestantismus hat sich auf Grund der Erfahrung und historischer Kritik ebenfalls in seinen eigenen Gleisen fortbewegt. Eine Übereinstimmung zwischen Philosophie und Protestantismus ist darum viel weniger wahrscheinlich und viel schwieriger erreichbar als dies im Mittelalter bei Katholizismus und Scholastik der Fall war. Wenn jedoch nicht eine unheilvolle Kluft zwischen Glauben und Wissen entstehen soll, ist die Verständigung zwischen dem Protestantismus und der Philosophie eine Notwendigkeit. Es besteht auch eine Wahlverwandtschaft zwischen den Grundlehren des Protestantismus und bestimmten Richtungen der Philosophie. Der Protestantismus, der sich auf äußere und innere Erfahrung und auf historische Zeugnisse stützt, ist seiner Methode nach
Empirismus
. Als theistischer Glaube ist er mit dem erkenntnistheoretischen Standpunkt des Skeptizismus, Positivismus und Naturalismus unvereinbar, aber ebensowenig hat er mit dem rationalistischen Dogmatismus innere Verwandtschaft. Am nächsten steht er erkenntnistheoretisch dem vom Rationalismus befreiten Kerne des Kantischen
Kritizismus
, indem er mit ihm das Sonderrecht des Glaubens und Wissens anerkennt. Metaphysisch und ethisch ist der Protestantismus
Idealismus
und berührt sich auch hier mit der Philosophie Kants, obwohl er mit einem rein formalen Sittengesetz nicht auskommen kann; aber er ist ethischer Glaube, wie es im Grunde auch die Kantische Philosophie ist. Paulsen hat deswegen auch Kant den
Philosophen des Protestantismus
genannt. Doch ist die Übereinstimmung zwischen Kant und dem Protestantismus eine zwar bedeutende, aber doch nicht vollständige. Eine die Gemüter beherrschende, allgemein anerkannte protestantische Philosophie gibt es also noch nicht. Sie kann nur aus einer Verbindung von
Empirismus, Kritizismus
und
Idealismus
erwachsen, und Männer wie
Lotze
und
Fechner
sind diesem Ziele nicht ferngeblieben. Vgl.
Fr. Paulsen
, Kant der Philosoph des Protestantismus. Berlin 1899.
J. Kaftan
, Das Christentum und die Philosophie. 2. Aufl. Leipzig 1896.
Proton Pseudos
Proton Pseudos
(gr.
prôton pseudos
, bei Aristoteles Analyt. Prot. II, 18 p. 66 a 16), Grundirrtum, heißt eine falsche Voraussetzung, aus welcher andere Irrtümer entspringen. So ist z.B.
Schopenhauers
Proton Pseudos die Idee, daß diese Welt die denkbar schlechteste sei,
J. G. Fichtes
, daß die Außenwelt auf eine Setzung des menschlichen Ichs sei,
Herbarts
, daß Vorstellungen durch Zahlen ohne ein gegebenes Maß gemessen werden könnten.
Pseudómenos
Pseudómenos
(gr.
pseudomenos
), der Lügner, heißt eine Vexierfrage des
Eubulides
(4. Jahrh. v. Chr.): »Wenn jemand sagt, er lüge eben jetzt, lügt ein solcher oder sagt er die Wahrheit?« (Diogenes Laert. II, 10, § 108. Aristoteles, Soph. elench. 25, p 180 b. 2. Cic., Acad. IV, 29, 95.
Zeller
, Gesch. d. gr. Philos. II, S. 188.) Vgl. Lügner.
pseudoskopische Erscheinungen
pseudoskopische Erscheinungen
heißen Täuschungen des Augenmaßes, welche entweder durch vorgefaßte Meinungen entstehen oder durch Konvergenz der Linien oder durch Bewegung oder durch Beleuchtung.
Psyche
Psyche
(gr.
psychê
), Hauch, Lebenskraft, Seele, heißt die Lebenskraft der einzelnen Person. Parallel dem Begriff der griechischen Psyche geht der Begriff der lateinischen anima, des Lebensprinzips im Menschen und im Tiere, welches zwischen Leib und Geist die Mitte hält. Dieselbe Bedeutung hat das hebräische Nephesch (Seele) als das den Leib durchdringende Lebensprinzip, das im Blute wohnt, dem jedoch auch Liebe, religiöses Gefühl und Denken zugeschrieben wird. Vgl.
Seele, Psychologie
.
Psychiatrie
Psychiatrie
(aus
psychê
= Seele und
iatreia
= Heilung), Seelenheilkunde, heißt die Lehre von dem Verlauf und der Behandlung der Seelen-, Geistes- oder Gemütskrankheiten. Da das seelische Leben durch das Nervensystem vermittelt wird, so hat sie es hauptsächlich mit den Erkrankungen dieses Systems zu tun; doch berücksichtigt sie auch die Einflüsse, die auf die menschliche Seele einwirken, mögen dieselben nun physischer oder moralischer oder sozialer Art sein. Vgl.
Griesinger
, die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten. 4. Auflage. Braunschweig 1876.
Psychogenese
Psychogenese
(aus d. gr.
psychê
= Seele und
genesis
= Entstehung) heißt die von
Tiedemann
(1748-1803) begründete, noch durch Kußmaul, Preyer, Stumpf usw. geforderte Lehre von der Entwicklung der Seele. Ihr Untersuchungsobjekt ist die Kindesseele. Vgl.
Preyer
, die Seele des Kindes. 3. Aufl. Berlin 1891.
Psychograph
Psychograph
(aus d. gr. geb.) heißt ein von Hare erfundener Buchstabenzeigeapparat, durch welchen die Geister der Spiritisten ihre Offenbarungen kundgeben sollen. Er ist eine Platte, auf welcher sich, von der Hand des Mediums geführt, ein Zeiger bewegt, der mit der Spitze die im Halbkreis stehenden Buchstaben anzeigt. Der Apparat hat natürlich mit Geistern nichts zu tun, sondern dient nur zur Selbsttäuschung oder zum Betrug. Vgl.
C. Sterne
, die Wahrsagung aus den Bewegungen lebloser Körper. Weimar 1862.
Psychologie
Psychologie
(vom gr.
psychê
= Seele und
logos
= Lehre, Seelenlehre) heißt die Wissenschaft, welche darlegt, wie die Erfahrung ihrem ganzen Umfange nach aus den Vorgängen im Subjekte entsteht. »Sie untersucht den gesamten Inhalt der Erfahrung in seinen Beziehungen zum Subjekt und in den ihm von diesem unmittelbar beigelegten Eigenschaften« (
Wundt
, Grundriß d. Psychologie, 7. Auflage, Leipzig 1905, S. 3). Sie hat die uns unmittelbar gegebenen Vorgänge unseres Bewußtseins zu ermitteln und durch Analyse auf ihre Grundlagen zurückzuführen, ihre Entstehung und die Verbindung ihrer Elemente untereinander und ihren Verlauf zu erforschen, und die Gesetze, nach denen sich die inneren Vorgänge für sich und in ihren Beziehungen zur Wirklichkeit abspielen, festzustellen. Sie beruht auf der Erfahrung und muß ihrer
Methode
nach zunächst streng
empirisch
sein. Sie, wie andere auf der Grundlage der Erfahrung beruhende Wissenschaften synthetisch zu einer Entwicklungsgeschichte umzugestalten, ist ein Ziel, dem zugestrebt werden muß, das aber zurzeit noch nicht erreicht ist. Die Psychologie ist kein
Teil der Metaphysik
. Nur in ihren Endhypothesen kann sie in metaphysische Spekulationen über das Wesen der Seele hinauslaufen, aber sie kann nicht mit metaphysischen Voraussetzungen beginnen. Wie sie sich von aller Metaphysik unabhängig halten muß, um fruchtbar zu sein, und nach dem Ausdruck von
Lange
(1828-1875) eine
Psychologie ohne Seele
sein muß, so kann sie auch
nicht einfach die Wege der Naturwissenschaft
gehen. Die Naturwissenschaft abstrahiert nach Möglichkeit von den Beziehungen des gegebenen Erfahrungsinhaltes zum Subjekt, während diese Beziehungen gerade der Gegenstand der Forschungen der Psychologie sind. So ist die Psychologie weder mit
Hegel
, der die Seelenvorgänge konstruktiv als Momente der Selbstentwicklung des Geistes bestimmt, nur für einen Teil der
Metaphysik
, noch mit
Beneke
, der von Erfahrungen ausgeht und dieselben rationell zu verarbeiten sucht, lediglich für
Naturwissenschaft
zu halten. Sie hat ihr eigenes Forschungsgebiet und ihre eigene Methode. Sie dient allen Geisteswissenschaften, wie Philologie, Geschichte, Rechtslehre, Staatslehre usw. zur Grundlage und erfreut sich, je mehr dies in der Gegenwart erkannt wird, eines steigenden Interesses. Die Psychologie ist in der Jetztzeit der am höchsten geschätzte Teil der Philosophie. Von der
Logik
, welche, ihren Gesichtspunkt enger wählend, die Gesetze des
richtigen
Denkens aufstellt und von der
Ethik
und
Ästhetik
, welche nur
Normen
für das Handeln und Empfinden des Menschen suchen, unterscheidet sie sich dadurch, daß sie die Vorgänge in unserm Inneren in ihrem ganzen Umfange und nach ihrem
natürlichen Verlauf
betrachtet, ohne sie beeinflussen zu wollen. Von der
Erkenntnistheorie
weicht sie darin ab, daß sie den
genetischen
Gesichtspunkt besitzt und die
Entstehung der Erfahrung
zu ermitteln versucht, während jene ausschließlich die
objektive Beziehung und Gültigkeit
unserer Vorstellungen ins Auge faßt, um ein sicheres Urteil über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Metaphysik zu erlangen. Das Musterwerk der Erkenntnistheorie, Kants Kritik der reinen Vernunft, verfolgt keinen psychologischen Gesichtspunkt.
Das Verfahren der Psychologie besteht in experimentell geregelter Beobachtung an uns selbst und anderen gleichartigen oder verwandten Wesen bis hinab zu den einfachsten Organismen und darüber hinaus bis zu der unorganisch genannten Stoffwelt, in physiologischen und in psychophysischen Forschungen. Die Untersuchungen der Sprachwissenschaft, Ethnographie, Statistik unterstützen sie, und alle Geisteswissenschaften sowie die Schöpfungen der Kunst geben der Beobachtung Aufschlüsse. Der
Psychologie des Menschen
, die als Teil der Anthropologie (s. d.) gefaßt wird, gliedert sich die
Tierpsychologie
an, der
Psychologie der reifen Seele die der Kindesseele
(s. Psychogenese), der
Psychologie des einzelnen Menschen
(s. Individualpsychologie), die der
Gesellschaften und Völker
(Sozialpsychologie, Völkerpsychologie).
So gestaltet, sucht die Psychologie die ersten Elemente des psychischen Lebens auf, die Triebanlagen und Triebe, welche Empfindung und Bewegung in sich einschließen, verfolgt die Empfindungen nach Qualität und Intensität, ermittelt die assoziativen Vorbindungen der Empfindungselemente, die Komplikationen, Assimilationen und Verschmelzungen derselben und verfolgt den Vorgang der Reproduktion der aus ihnen hervorgehenden Vorstellungen bis zur Entstehung der aktiven Apperzeption im aufmerksamen Denken. Ebenso zergliedert sie den die Empfindungen begleitenden Gefühlston in seine Elemente und zeigt die Entstehung der Gefühle, der Affekte, der Ausdrucksbewegungen, der Willenshandlungen, des Ichgefühls und des Selbstbewußtseins. An die Untersuchung der Vorstellungen nach Qualität, Intensität und Gefühlston schließt sich folgerichtig die Ermittlung der komplizierten Vorgänge des Denkens, der Beziehung, der Vergleichung, der Kontrastbildung, der Analyse und Synthese der Vorstellungen an. So werden die allgemeinsten Gesetze des Seelenlebens, das Gesetz der psychischen Relationen, das Gesetz des psychischen Kontrastes und das Gesetz der psychischen Resultante aufstellbar und so wird das Wesen der psychischen Kausalität bestimmbar. Erst von hier aus führt der Weg der Psychologie in ergänzende und abschließende metaphysische Hypothesen hinein.
Zu dieser Gestaltung, zu einer klaren Erfassung ihrer Aufgaben und zu einem erfolgreichen methodischen Verfahren ist aber die Psychologie, deren Anfänge in die Zeit der
Sophisten
(5. Jahrh. v. Chr.) zurückreichen und deren Versuche bis zur Gegenwart ununterbrochen fortdauern, erst im 18. und namentlich im 19. Jahrhundert gelangt. Auch erst im 18. Jahrhundert ist ihr Name, der im 16. Jahrhundert durch
Melanchthon
geschaffen ist, durch
Wolf
(1679-1754) zur allgemeinen Verbreitung gekommen. Die Psychologie ist so lange unfruchtbar geblieben, als sie in Verwechslung mit der Metaphysik von Spekulationen über das Wesen der Seele (s. d.) ausging und aus dem Begriff der Seele die Tatsachen des Seelenlebens ableiten wollte. Sie ist überall da fruchtbar geworden, wo sie mit Beiseitesetzung der metaphysischen Spekulationen von den Seelenvorgängen ausging und von den einfachem Phänomenen zu den komplizierten aufzusteigen versuchte. Die Entstehung der englischen
deskriptiven Psychologie
, deren Schöpfer
Locke
(1632-1704), der Geograph des Bewußtseins, gewesen ist, die Ausbildung der englisch-schottischen
Assoziationspsychologie
durch Berkeley (1685-1753),
Hartley
(1704 bis 1757),
Hume
(1711-1776),
Priestley
(1733-1804),
James Mill
(1775-1836),
Stuart Mill
(1806-1873),
Alexander Bain
(1818-1903),
George Lewes
(1817 bis 1878),
Herbert Spencer
(1820-1904),
H. Münsterberg
(geb. 1863), die Begründung der
Psychophysik
durch
E. H. Weber
(1795-1878) und
Fechner
(1817-1881), die Verbindung der Psychologie mit physiologischen Forschungen durch Hartley, Priestley, durch Mediziner und Naturforscher und vor allem durch
Wundt
(geb. 1832) hat die Psychologie vorwärts gebracht und allmählich zur methodisch verfahrenden Wissenschaft mit gesicherten Resultaten emporgehoben. Wie langsam sie aber hierzu gekommen ist, lehrt der Blick auf den zwei bis drei Jahrtausende umfassenden Werdegang der Psychologie. In der Geschichte der Philosophie treten nach- und nebeneinander hervor: 1. eine
metaphysische Psychologie
, die entweder a) auf dem
dualistischen Prinzip
der Scheidung von Seele und Körper oder b) auf dem
monistischen Prinzip
entweder
a
) des Materialismus, daß der Stoff das Wirkliche sei, oder
b
) des
Idealismus
(Spiritualismus), daß der Geist das Wirkliche ist, oder
g
) der
Philosophie des Absoluten
, daß ein über Geist und Körper stehendes Göttliches das Wirkliche sei, beruht; 2. eine
empirische Psychologie
, die a) als
Psychologie des inneren Sinns
sich auf Selbstbeobachtung zu stützen versuchte, die seelischen Vorgänge beschrieb (
deskriptive Psychologie
) und auf Seelenvermögen reduzierte (
Vermögenspsychologie
) und eine Neigung in spekulative Betrachtungen einzulenken nie verleugnet hat, und b) als
Psychologie der unmittelbaren Erfahrung
sich als
experimentelle Psychologie
zu entwickeln angefangen und entweder mehr
intellektualistisch
dem Verlauf der Vorstellungsprozesse das Interesse zugewandt oder mehr
voluntaristisch
auch den Gefühls- und Willensvorgängen gleiche Beachtung geschenkt hat. (Vgl. Wundt, Grundriß d. Psychol. § 2, S. 6-24.)
Ganz metaphysisch
war die
Psychologie des Altertums und des Mittelalters. Platon
und
Aristoteles
streben einem idealistischen Monismus zu,
bleiben aber noch im Dualismus stecken
. Denn Platon läßt neben der geistigen Welt der Ideen auch den Stoff als ein Nichtseiendes, Veränderliches der Erscheinungswelt bestehn, und Aristoteles hält zwar die Form (
eidos
) für die einzige vollendete Wirklichkeit (
energeia, entelecheia
), schreibt ober dem Stoffe (
hylê
) die Anlage zur Wirklichkeit, die Möglichkeit (
dynamis
) zu.
Platon
(427-347) philosophiert zum Teil in der Form des Mythus (im Timaios) über die
Welt- und Menschenseele
, in der er ein Mittelglied zwischen Idee und Erscheinung sieht, über Präexistenz und Erinnerungsfähigkeit, über Postexistenz und Wanderung der Seele, über sterbliche und unsterbliche Teile der Seele, über deren Sitz im Körper und deren Zusammenhang mit den menschlichen Tugenden und den Teilen des Staatsorganismus.
Aristoteles
(384-322), der das erste psychologische Werk
peri psychês
, de anima, über die Seele verfaßt hat, geht planmäßiger und weniger phantastisch vor. Er kritisiert die Aufstellungen der älteren Philosophen, bestimmt den Begriff der Seele als erste Entelechie des organischen Körpers, verfolgt den Seelenbegriff bis in die Tier- und Pflanzenwelt, verfeinert die Lehre Platons von Seelenteilen zu einer Vermögenstheorie (
threptikon; aisthêtikon, orektikon, kinêtikon kata topon; nous
) und trennt den
nous poiêtikos
, das formgebende Prinzip der Seele, als den unsterblichen Teil von den anderen sterblichen Teilen ab. – Über die platonische und aristotelische Psychologie, auf der auch die
stoische Psychologie
beruht, kommt das Altertum und Mittelalter nicht wesentlich hinaus. Die Psychologie ist in dieser Zeit noch kein klar abgegrenzter Teil der Philosophie, sondern ein Teil der Physik gewesen.
Von den
monistischen Richtungen
der Psychologie hat im Altertum nur die
materialistische
(atomistische) in
Leukippos
(5. Jahrh. v. Chr.),
Demokritos
(um 460-360) und den
Epikureern
(vom 4. Jahrh. ab) einen kräftigeren Ausdruck empfangen, ohne rechte Ausbildung zu finden, die auch der
moderne Materialismus
(
Hobbes, Holbach, Diderot, Helvetius
, vgl. Seele) der Seelenlehre nicht zu geben verstanden hat. Über die Hypothese, daß die Seele, wie das Feuer, aus feinen, glatten und runden Atomen bestehe, über die Forschung nach dem Sitz der Seele, die sie als im ganzen Körper verbreitet annahmen (
sôma leptomeres par' holon to athroisma paresparmenon
Diog. Laert. X, 1 § 63), und über eine mangelhafte Theorie von der Entstehung der Sinneswahrnehmung ist der antike Materialismus nicht hinausgekommen. Der moderne Materialismus hat dagegen entschieden das Verdienst, mit dahin gewirkt zu haben, daß die Psychologie sich auf physiologische Untersuchungen stützt.
Die
metaphysische
, sich auf die Methode des Rationalismus stützende
Richtung
bildet sich in der
Psychologie der Neuzeit
fort. Auf
dualistischem Standpunkte
steht
Descartes
(1596-1650). Er scheidet Seele und Körper als Denken und Ausdehnung, betont die Wichtigkeit des Bewußtseins für das Seelenleben und erzeugt durch seinen Dualismus die Frage nach dem Zusammenhang von Seele und Leib, an deren Lösung nach ihm der
Occasionalismus
(s. d.) mit entschiedenem Mißerfolge arbeitete. Den
idealistischen Standpunkt
vertritt dagegen
Leibniz
(1646-1706), der die Seele oder Monade als das eigentlich Wirkliche hinstellte, intellektualistisch die Entwicklung der Vorstellungen in den Seelen verfolgte und dem Seelenleben auch in der Stufenfolge der Wesen nachgeht.
Wolf
(1679-1754), der sich an Leibniz anschloß, formulierte die Grundlehren der idealistischen Psychologie und begründete die moderne Vermögenstheorie, indem er Erkennen und Begehren schied und sowohl das Erkenntnis- wie das Begehrungsvermögen in ein niederes und höheres einteilte. Die Vermögenstheorie ist dann von
Tetens
(1736-1805), der Erkennen, Fühlen und Begehren schied, und von
Kant
(1724 bis 1804), der sich an Tetens anschloß, aber die rationale Psychologie verwarf, ausgebildet worden. Einen gewissen Übergang zu der empirischen Richtung leitete Wolf in Deutschland damit ein, daß er neben die rationale Psychologie, die rein spekulativ sein sollte, auch eine empirische stellte, um jener Stützen aus der Erfahrung zu geben, ohne aber sie fruchtbar gestalten zu können. Auch Herbarts Psychologie beruht im Wesen auf der Leibniz-Wolfschen. Doch hat
Herbart
(1776-1841), der von der inzwischen entstandenen Assoziationspsychologie nicht unberührt geblieben ist, sich bemüht, die spekulative Psychologie zu einer exakten Wissenschaft umzugestalten, indem er mit der Vermögenstheorie brach, das ganze Seelenleben streng intellektualistisch auf Vorstellungen, die er als Kräfte dachte, und ihre Verbindungen zurückführte und eine mathematisch gestaltete Statik und Mechanik der psychischen Prozesse zu liefern versuchte. Seine mathematische Psychologie, die nicht auf Psychophysik gestützt war, entbehrt aber eines Maßes für psychische Größen und schwebt daher völlig in der Luft. –
Die Philosophie des Absoluten
ist die Grundlage der Psychologie bei
Spinoza
(1632-1677), der eine Substanz (Gott-Natur) mit den Attributen Denken und Ausdehnung annahm, und der Grundgedanke Spinozas ist von
Schelling
(1775 bis 1864) wieder aufgenommen worden.
Eine streng
empirische Richtung
in der Psychologie hat zuerst
Locke
(1632-1704) eingeschlagen. Sein Essay concerning human understanding 1690 ist ein epochemachendes Ereignis und bedeutet den Übertritt der Psychologie in die induktiven Wissenschaften. Locke beobachtete unbefangen und vorurteilsfrei, zergliederte scharfsinnig und gut, führte die Vorstellungen auf die Doppelquelle der Sinneswahrnehmung (sensation) und inneren Erfahrung (reflexion) zurück und ging der Zusammensetzung des Psychischen aus den einfachen Elementen ohne jede Gewalttätigkeit nach. Auch
Beneke
(1798-1854) folgte der induktiven Richtung, stand aber auf dem einseitigen Standpunkt des Sensualismus (s. d.). Scharf griffen englisch-schottische Forscher wie
Berkeley, Hartley, Hume, Priestley
seit dem 18. Jahrhundert zu und schufen die Lehre von der
Assoziation der Vorstellungen
, die von James Mill, Stuart Mill, Bain, Lewes und Spencer im 19. Jahrhundert fortgeführt und von letzterem mit dem Gedanken der Evolution verbunden wurde.
Weber
und
Fechner
begründeten die
Psychophysik
. in der Gegenwart hat die Herbartsche Schule ihr Fortleben in Zimmermann, Lindner, Volkmann u. a., ihre Fortbildung durch Lotze u.a. gefunden.
Steinthal
(1823-1899) und
Lazarus
(1824-1903) haben zur herbartschen Psychologie die Sprachforschung und Völkerpsychologie hinzugebracht. Die Fäden aller psychologischen Forschung laufen aber zusammen in
Wundt
(geb. 1832), der der Psychologie eine voluntaristische Richtung gegeben hat und dessen »Grundzüge der physiologischen Psychologie« (3. Aufl. Lpz. 1887) und dessen »Grundriß der Psychologie« (7. Aufl. Lpz. 1905) als die bedeutendsten Werke auf diesem Gebiete gelten. Vgl.
Herbart
, Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1834.
Drobisch
, Empirische Psychologie. 1842. 2. Aufl. 1898.
Fortlage
, System der Psychologie als empir. Wissenschaft. 1855. Jessen, Versuch einer wissensch. Begründung d. Psychologie. 1855.
Lotze
, Medizinische Psychologie. 1852; Mikrokosmus 1856-1864.
Strümpell
, Psychologie. 1884.
Dessoir
, Geschichte der neueren deutschen Psychologie 1. Bd. 1902.
Th. Ribot
, la psychologie anglaise contemporaine. 1875.
Guido Villa
, Einleitung in die Psychologie der Gegenwart. 1902.
W. Hellpach
, die Grenzwissenschaften der Psychologie. 1902.
Münsterberg
, Aufgabe und Methode der Psychologie. 1891.
Psychologische Gesellschaft zu Breslau
, über die Entwicklung der Psychologie (Vortrags-Zyklus) 1903 f.
Psychometrie
Psychometrie
(gr.) nennt
Chr. Wolf
(1679-1754) die mathematische Psychologie, welche er für ausführbar hält, aber als noch fehlenden Teil der Wissenschaft bezeichnete, die aber erst
Herbart
(1776-1841), freilich ohne Erfolg, auszuführen versucht hat (1823);
Kant
(1724-1804) erklärte die Psychologie für nicht geeignet, mathematisch durchgeführt zu werden.
Fechner
(1817-1881) hat diese Idee, wenn auch in beschränkter Form, in seiner Psychophysik (s. d.) wieder aufgenommen. Herbarts Gedanke, jene quantitativen Bestimmungen, zu denen die psychologische Betrachtung führt, auf mathematische Formeln zu bringen, scheiterte an dem Mangel eines Maßstabes, so gut auch die Begriffe Vorstellungsstärke, Grad ihrer Helligkeit, Hemmung, Hemmungssumme, Verschmelzung und Bewegung gewählt waren. Vgl.
Herbart
, Über die Möglichkeit und Notwendigkeit, Mathematik auf Psychologie anzuwenden. 1823.
Derselbe
, Psychol. als Wissenschaft. 1824.
Psychopannychie
Psychopannychie
(aus gr.
psychê
= Seele,
pan
= alles, ganz u.
nyx
= Nacht) heißt der Seelenschlaf zwischen Tod und Auferstehung, der wiederholt von der christlichen Theologie angenommen wurde, ein Zustand der Bewußtlosigkeit, dessen Ansetzung schon
Tertullianus
(de anima 58) bekämpft und das Konzil zu Lyon 1274 verworfen hat. Die Psychopannychiten, Anabaptisten und Soulsleepers huldigten dieser Lehre. Vgl.
Calvin
, de psychopannychia 1534.
Psychopathologie
Psychopathologie
(aus d. Gr. geb.) ist die Lehre von den Gemüts- oder Geisteskrankheiten.
Psychophysik
Psychophysik
(moderne Bildg. aus gr.
psychê
= Seele und
physikê
= Naturwissenschaft) heißt die Lehre von den Beziehungen zwischen Leib und Seele; sie vereinigt in sich Physiologie und Psychologie und ist die Grundlage der experimentellen Psychologie. Sie mißt, um. die Empfindungsintensitäten zu bestimmen, psychische Vorgänge an physischen, weil diese allein Maßstäbe liefern. Unmittelbare Vergleichung ist nur möglich unter der Voraussetzung, daß psychische Größen nach ihrem relativen Werte verglichen werden (Webersches Gesetz); Wundt fügt noch die Fälle hinzu, wo eine Vergleichung nach absolutem Werte stattfindet. Bei drei Arten von Verhältnissen statuiert er die »psychische Größenmessung«: 1. bei Gleichheit zweier psychischer Gebilde; 2. bei eben merklichem Unterschied zweier Größen; 3. bei Gleichheit zweier Größenunterschiede (vgl.
Wundt
, Grundriß der Psych. S. 309 ff.). Gefördert wurde die Psychophysik außer durch
E. H. Weber
(1795-1878) durch
Fechner, G.E. Müller
, (Zur Grundlegung der Psychophysik. 1878.)
Delboeuf, W. Wundt
und
H. Münsterberg
. Vgl. des letzteren »Neue Grundlegung der Psychophysik«. Freiburg 1889. Die Psychophysik ist ein wichtiger Teil der objektiven experimentellen Psychologie.
psychophysisches Gesetz
psychophysisches Gesetz
ist das Gesetz, das von
E. H. Weber
und
Fechner
aufgestellt ist; es lautet: »Der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben merkliche Empfindung hervorbringt, steht zu der Reizgröße, zu welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhältnis.«
(dr/r = Konst.; oder (r1-r0)/r = (r2-r1)/r1 = (r3-r2)/r2 usw.)
»Der Unterschied je zweier Reize wird also gleich hoch geschätzt, wenn das Verhältnis der Reize unverändert bleibt« oder: »Soll in unserer Auffassung die Intensität der Empfindung um gleiche absolute Größen zunehmen, so muß der relative Reizzuwachs konstant bleiben.« Hieraus folgt: »Die Stärke des Reizes muß in einem geometrischen Verhältnisse zunehmen, wenn die Stärke der apperzipierten Empfindung in einem arithmetischen zunehmen soll.« »Die Intensitäten der Empfindungen verhalten sich wie die Logarithmen der Intensitäten der sie hervorrufenden Reize, wenn als Einheit der Schwellenwert des Reizes angesehen wird, d.h. diejenige Reizstärke, wobei die Empfindung in der Reihe wachsender Reize zuerst entsteht, resp. bei abnehmender Reihe zuerst verschwindet ( E = c*log(r/e) ).« Das Webersche Gesetz gilt von Licht- (100 : 101), Druck- (15: 16); und besonders deutlich von Schallempfindungen (3 : 4) aber es hat eine obere und untere Grenze, bei der es seine Richtigkeit verliert. Es läßt eine physiologische (Müller), psychophysische (Fechner) und psychologische (Wundt) Ausdeutung zu. (Wundt, Grundz. d. phys. Psych. I S. 356 ff.). Die erste leitet dasselbe aus
hypothetischen
Verhältnissen der Leitung der Erregungen im zentralen Nervensystem ab; die
zweite
betrachtet es als ein spezifisches Gesetz der Wechselwirkung zwischen Leib und Seele und beruht auf einer Auffassung dieses Verhältnisses, die heute nicht mehr gilt. Nach der
dritten
, von Wundt vertretenen Auffassung bezieht sich das Gesetz lediglich auf die relative Maßbeziehung der Empfindungen selbst.
Psychose
Psychose
(gr.
psychôsis
= Beseelung) heißt jetzt Geisteskrankheit (s. d.).
Punkt
Punkt
(lat.) ist nach
Eukleides
dasjenige im Räume, was keine Teile und keine Ausdehnung hat. Der geometrische Punkt ist daher ebenso, wie das Atom der Physik, eine Abstraktion; beide kann man nur denken, nicht vorstellen oder anschauen. Durch Fortbewegung eines Punktes entsteht die Linie. Punkte bilden die Grenzen, aber nicht die Teile der Linie. Die Ausdehnungslosigkeit des Punktes rechnet Schopenhauer zu den Prädikabilien a priori des Raumes.
Pyromanie
Pyromanie
(v. gr.
pyr
= Feuer n.
mania
= Wahnsinn), d.h. Brandstiftungstrieb, nennt man den aus Depression des Seelenlebens entspringenden Irrtrieb, Feuer anzulegen, um eine Erschütterung des Nervensystems zu erreichen und sich selbst als Urheber eines aufregenden Ereignisses zu sehen. Oft verrät sich solche Pyromanie durch die heftige Freude des Brandstifters über die gelungene Tat oder gar durch zu frühzeitiges Alarmieren. Meist wiederholt der Pyromane seine Untat, weil sie ihm Erleichterung der psychischen Spannung gebracht hat. Gewöhnlich liegen diesem Irrsinne Störungen des Geschlechtslebens zugrunde. Vgl.
J. A. Knop
, die Paradoxie des Willens. Lpz. 1863.
Pyrrhonismus
Pyrrhonismus
, s. Skepsis.
Qualität
Qualität
(lat. qualitas von qualis = wie beschaffen, gr.
poiotês
), d.h. Beschaffenheit, wird Dingen, Begriffen und Urteilen zugeschrieben. Die Qualitäten eines Dinges sind seine durch die Sinne in der Empfindung erfaßten Eigenschaften, wie Licht, Farbe, Geruch, Geschmack, Wärme, Kälte, Härte usw. Die philosophische Besinnung führt aber zu der Erkenntnis, daß diese Qualitäten nur in der Empfindung des Subjektes existieren und dem Dinge ohne Beziehung auf ein erkennendes Bewußtsein abzusprechen sind. Diese Erkenntnis drang schon im Altertum bei den Atomisten durch. In der Neuzeit ist sie einer der Grundgedanken der Physik, welche die Qualitäten auf quantitative Verhältnisse zurückführt. Ihren philosophischen Ausdruck fand sie durch
Locke
(1632-1704), der die Qualitäten sekundäre, die Quantitäten primäre Eigenschaften nennt. Bei
Kant
(1724-1804), der alle räumlichen und zeitlichen Verhältnisse für subjekiv hält, hat dieser Unterschied Lockes keinen Platz. Er setzt aber Quantität und Qualität als extensive und intensive Größe einander gegenüber. Qualität als Kategorie a priori ist ihm also dasjenige, was sich an jeder Empfindung, als Empfindung a priori erkennen läßt. (Kr. d. r. V. S. 166 ff.) – Die Qualitäten eines Begriffs sind seine Merkmale, die seinen Inhalt ausmachen. Man denkt einen Begriff logisch genau, wenn man sich nach seiner Qualität richtet. – Bei
Urteilen
nennt man gewöhnlich das Verbindungsverhältnis zwischen Subjekt und Prädikat Qualität. Die Urteile sind demgemäß der Qualität nach bejahende oder verneinende (auch limitierende). Dieser Begriff der Qualität ist nur ein Beziehungsbegriff und hat mit dem sonstigen Begriff der Qualität nichts gemein.
qualitative Gefühle
qualitative Gefühle
, s. Gefühle.
Quantität
Quantität
(lat. von quantus = wie groß, gr.
posotês
), Größenbestimmung, Zahlbestimmung, Formbestimmung, wird Dingen, Begriffen und Urteilen zugeschrieben. Die Quantität eines
Dinges
ist im Gegensatz zu den durch die Sinne in der Empfindung erfaßten Eigenschaften (Qualitäten) die Art der Verbindung, in der diese Eigenschaften gegeben sind. Quantität setzt daher stets Vielheit und Verbindung der Vielheit voraus und erscheint der Vermehrung und Verminderung fähig. Im einzelnen scheidet sich die Quantität in Menge, Zahl, Größe, Grad, Raum, Ziel, Bewegung, Intensität usw. Quantität gilt als die Grundeigenschaft des Objektes, und Reduktion der Qualität auf Quantität ist ein Hauptpunkt der naturwissenschaftlichen Methode, da die Quantitätsbegriffe die allgemeinsten und sichersten sind; daß aber der Begriff der Verbindung ebenfalls seine subjektive Grundlage hat und auch nur den Dingen in Beziehung auf ein Subjekt zukommt, hat Kant richtig bestimmt. Damit ist freilich über das Wesen und den Ursprung der Quantitätsbegriffe im allgemeinen nicht entschieden. Der höchste und allgemeinste unter ihnen ist der Begriff der Zahl. Dieser erhebt sich, wenn er auch nur im Zusammenhange mit der Erfahrung gewonnen wird, am meisten über dieselbe, alle anderen sind in stärkerem Maße empirischen Ursprungs. – In der Logik bezeichnet die Quantität eines
Begriffs
seinen Umfang, d.h. die Menge von Dingen oder Begriffen, denen er als Merkmal zukommt. – Die Quantität eines
Urteils
dagegen richtet sich nach dem Umfang seines Subjekts, ist also die Bestimmung, ob das Urteil vom ganzen Umfange des Subjekts ausgesagt wird oder von einem Teile. Quantitativ unterscheidet man also die universalen und die partikulären (auch die singulären) Urteile.
qui bene distinguit, bene docet
qui bene distinguit, bene docet
(wer gut unterscheidet, lehrt gut); dieser Satz hebt die Wichtigkeit klarer und deutlicher Begriffe und scharfer Definitionen hervor.
Ulrici
(1806-1884) nimmt das Unterscheiden als Ausgangspunkt des Philosophierens überhaupt an.
Quiddität
Quiddität
(mittellat. vom lat. quid = was?) bezeichnet bei den Scholastikern dasselbe wie Substanz (nach Aristoteles' Ausdruck
to ti ên einai
oder
ti esti
). Vgl. Form.
Quietismus
Quietismus
(vom lat. quies = Ruhe) heißt diejenige Lebensauffassung, welche sich durch Versenkung in Gott völlig vom Leben abwenden will. Solche Quietisten oder Hesychasten finden sich unter den Buddhisten, im Altertum unter den Mystikern, im Mittelalter (Meister Eckhardt, Tauler) und in der neueren Zeit, im 17. Jahrhundert (Frau v. Guyon, v. Bourignon, Bunyan, Michael Molinos, Gichtel). Auch Schopenhauer gehört, wenigstens in der Theorie, hierher.
Quietiv
Quietiv
(vom lat. quies, Buhe) nennt
Schopenhauer
(1788-1860) die intuitive Erkenntnis von der Nichtigkeit der Welt und des Individuums, durch die die Verneinung des Willens zum Leben erzeugt wird. Dieses Quietiv, die Resignation, findet Schopenhauer schon in den höchsten Leistungen der Kunst, an Heiligenbildern und in der Tragödie. Vgl. Pessimismus.
qui nimium probat, nihil probat
qui nimium probat, nihil probat
heißt: Wer zuviel beweist, beweist nichts. Vgl. Beweis.
Quintessenz
Quintessenz
(lat. quinta essentia), eigtl. fünftes Wesen, bezeichnet ursprünglich den Äther, den Aristoteles als fünftes Element annahm (außer Feuer, Wasser, Luft und Erde); da der Äther für das Vorzüglichste, ja für etwas Göttliches gehalten wurde, so bedeutet die Quintessenz einer Sache ihr Wesen. Vgl. Äther.
quod dubitas, nefeceris
quod dubitas, nefeceris
(tue nicht, was du bezweifelst), ist eine gute sittliche Vorschrift, wonach wir so lange lieber nicht handeln sollen, als wir noch in Zweifel sind, ob die Handlung gut oder böse ist. Dies spricht schon
Cicero
(de offic. I, 30) und
Plinius
(ep. I, 18) aus, auch
Paulus
(Röm. 14, 23). Vgl. Gewissen.
Quodlibet
Quodlibet
(lat. quod libet = was beliebt) hieß bei den Scholastikern eine Schrift vermischten Inhalts, welche meist nach Art des Katechismus aus Fragen und Antworten bestand (quaestiones et responsiones quodlibeticae). Verfasser und Ausleger solcher Schriften hießen Quodlibetarier, z.B. Goethals, Hervay, Myronis.
Rabulistenbeweis
Rabulistenbeweis
(vom lat. rabula =Rechtsverdrehung) heißt ein Scheinbeweis, der auf falschen Schlüssen, Scheingründen, sinnwidriger Auslegung der Tatsachen oder der Gesetze und dgl. beruht, wie ihn ränkevolle Sachwalter anwenden. Vgl. Beweis, argumentum ad hominem.
Rache
Rache
(Verfolgung, vom ahd. rehhan, got. raikan = verfolgen) heißt die Vergeltung einer uns zugefügten Übeltat oder Beleidigung. Rache ist eine Befriedigung des Hasses. Sie ist dem unzivilisierten Menschen natürlich, ist aber vom sittlichen Standpunkte aus verwerflich, weil sie eigenmächtig und grausam und dem religiösen Empfinden zuwider ist.
Rachgier
oder Rachsucht ist die leidenschaftliche Begierde nach Rache. Typen des rachgierigen Menschen sind Krimhild und Shylock. – Die Süßigkeit der Rache beruht darin, daß wir die Willkür und Überlegenheit dessen überbieten, der uns Böses zugefügt hat.
radikal
radikal
(vom lat. radix = Wurzel) nennt man eine Denk- und Handlungsweise, welche bis auf die Wurzel, den Grund, geht, also die letzten Konsequenzen eines Prinzips zieht, oder eine Eigenschaft, die aus der Grundlage eines Wesens hervorgeht. So spricht man z.B. von Radikal-Reformern; so redet Kant vom »radikalen Bösen«, d.h. dem uns angeborenen natürlichen Hange zum Bösen, infolgedessen alle Maximen verdorben sind, um denselben Gedanken auszudrücken, den die Kirchenlehre in der Lehre von der »Erbsünde« vertritt. (Kant, Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. S. 3-64.)
Raison
Raison
(frz.) heißt Vernunft, Einsicht, Erkenntnis;
raisonnieren
heißt verständig betrachten, reden, urteilen und schließen; auch vernünfteln, schwatzen, widersprechen.
Raisonnement
ist Beurteilung, verständige Betrachtung, Schlußkette; aber auch Geschwätz, Vernünftelei.
Ratiocination
Ratiocination
(lat. ratiocinatio) heißt Schlußfolgerung.
rational
rational
(lat. von ratio = Vernunft), vernünftig, ist 1. der Gegensatz von
empirisch
oder
sensual
und heißt dann soviel als aus der Vernunft stammend; so spricht man von einer empirischen und rationalen Psychologie; und rational verfährt derjenige, welcher sich nicht auf die Aussagen seiner Sinne verläßt, sondern sich auf Begriffe stützt. Eine rationale oder rationelle Lebensweise ist eine vernünftige. 2. In der
Mathematik
nennt man rational diejenigen Zahlen, welche sich entweder durch ganze Einheiten oder durch Teile der Einheit genau ausdrücken lassen.
Rationalismus
Rationalismus
ist der Gegensatz 1. von
Empirismus
und
Sensualismus
; 2. von
Skeptizismus
und
Kritizismus
; 3. von
Supranaturalismus
. Im Gegensatz zum
Empirismus
und
Sensualismus
ist der Rationalismus diejenige methodische Richtung der Philosophie, die, von dem Vorbilde der Mathematik ausgehend, aus der Philosophie ein System von Vernunftschlüssen, an deren Spitze ein oberster Grundsatz steht, machen möchte. Aus dem obersten Grundsätze versucht sie durch folgerichtige Ableitung das Ganze des begrifflichen Wissens zu gewinnen. Der Rationalismus ist die Grundrichtung der griechischen Philosophie gewesen. In der Neuzeit ist er in Frankreich von
Descartes
geschaffen, von ihm auf
Spinoza
übergegangen und dann für lange Zeit die Methode der deutschen Philosophie geworden:
Leibniz, Wolf, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Herbart
sind seine namhaftesten Vertreter gewesen. Als oberster Grundsatz galt ihm bis auf Kant der Satz der Identität oder des Widerspruchs; Kant stellte dagegen den Gedanken der Möglichkeit der Erfahrung und damit den Begriff der transscendentalen synthetischen Einheit der Apperzeption an die Spitze seines Vernunftsystems. Auch der nachkantische Idealismus suchte nach neuen Ausgangspunkten. Es ist jedoch noch keine rationale Ableitung des Wissens zustande gekommen, ohne daß irgendwo, bewußt oder unbewußt, die Erfahrung zu Hilfe genommen ist. – Im Gegensatz zum
Skeptizismus
und
Kritizismus
ist der Rationalismus oder
Dogmatismus
diejenige Ansicht von den Grenzen der menschlichen Erkenntnis, welche unbedingtes Vertrauen in die Leistungsfälligkeit unserer Vernunft setzt. Dieser erkenntnistheoretische Rationalismus macht die Vernunft zur Alleinherrscherin im Reiche der Wahrheit und erklärt ihr Regiment für absolut. Von
Cartesius
(1596-1650) im Aufbau seines Systems geschaffen, hat er sich mehr negierend und die historisch gegebenen Verhältnisse in Gesellschaft, Staat, Kirche, Wissenschaft, Kunst auflösend als agitatorische Aufklärungsphilosophie im 18. Jahrhundert in Frankreich entwickelt und hier den Glauben an die Autoritäten untergraben. Mehr positiv sich haltend und in vornehmerer Wissenschaftlichkeit hat er in Deutschland durch Leibniz und Wolf seine Ausbildung empfangen und im 19. Jahrhundert in Fichtes, Schellings und Hegels Systemen fortgelebt. Auch in Deutschland zeigt er im 18. Jahrhundert Abneigung gegen das historisch Gegebene, und sein stets von ihm im Auge behaltener Gegner ist der Aberglaube gewesen. Er hat mit Erfolg dahin gewirkt, uns von dem Erbe mittelalterlicher Befangenheit zu befreien. Vor allem hat er den Versuch gemacht, Glauben und Wissen zu einem einheitlichen System zu vereinigen, bei dem nicht mehr wie im Mittelalter die Theologie der Philosophie übergeordnet ist, sondern umgekehrt sich der Glaube nach der Vernunft richten muß. – In dieser dritten Bedeutung ist also der Rationalismus diejenige
theologische
Richtung, welche in Glaubenssachen den Gebrauch der Vernunft nicht nur für erlaubt, sondern sogar für notwendig hält, um die göttliche Offenbarung aufzufassen und zu prüfen. Der theologische Rationalismus ist in Deutschland durch
Chr. Wolf
begründet. Dieser stellt in seiner »Natürlichen Theologie« eine Vernunftreligion dem positiven Glauben gegenüber. Hiermit verband sich die durch
Semler
eingeleitete, durch Ernesti, Töllner, Griesbach u. a. fortgesetzte Kritik der Bibel und Kirchengeschichte. Ferner traten die
Popularphilosophen
(s. d.) sowie Nicolais »Allgemeine Deutsche Bibliothek« für eine bisweilen seichte Aufklärung ein, welche auf religiösem Gebiet nichts gelten lassen wollte, was sich nicht vor dem »gesunden Menschenverstande« (common sense) rechtfertigen könnte. Zwar vertiefte Kant ihre eudämonistische Moral, aber der Gegensatz zu allen positiven Elementen der Religion (Offenbarung, Wunder, Weissagung) und zu allem Mystischen war auch sein Standpunkt. Auch er betrachtet die Vernunft als die einzige Offenbarungsquelle und duldet nichts Mystisches und Unbegreifliches in der Religion. Um nun aber doch die geschichtliche Wahrheit der hl. Schrift, deren Autorität die Rationalisten anerkannten, zu retten, ohne mit der Vernunft in Widerspruch zu geraten, verirrten sich dieselben in gewaltsame, abenteuerliche, oft lächerliche Auslegungen, indem sie alles Wunderbare als Akkommodation der heiligen Schriftsteller deuteten. So ist viel Plattes und Unnatürliches beim Rationalismus herausgekommen, und der Rationalismus erscheint als das echte Kind des 18. Jahrhunderts, der Zeit der Ernüchterung, Verständigkeit und Aufklärung. Gegen ihn erhoben sich Hamann, Herder, Jacobi, Lavater u. a. ferner die Romantiker und vor allem Schleiermacher und Schelling. Nicht den Angriffen der
Supranaturalisten
, wohl aber dem historischen Sinn des 19. Jahrhunderts ist der Rationalismus wehrlos zum Opfer gefallen. Vgl.
Stäudlin
, Gesch. d. Rat. u. Supranaturalism. 1816.
K. Hagenbach
, Kirchengesch. des 18. und 19. Jahrh. 3. Aufl. 1836.
K. Hase
, Anti-Röhr. 1834.
Raum und Zeit
Raum und Zeit
. Alles, was wir wahrnehmen und uns vorstellen, versetzen wir in Raum und Zeit. Bei jedem Ereignisse fragen wir, wo und wann es geschehen ist. Der naive Mensch findet dabei nichts Auffallendes, während der Philosoph damit auf eines der schwierigsten
erkenntnistheoretischen
und
psychologischen
Probleme stößt. – Zunächst ist klar, daß wir uns die Dinge, wenn wir sie in Raum oder Zeit versetzen, als Glieder einer Mannigfaltigkeit
nebeneinander
oder
nacheinander
vorstellen. Jenes geschieht bei den sogenannten
Außendingen
, dieses bei allen
Veränderungen der Außen
– und
Innenwelt
. Überlegen wir nun, was wir uns eigentlich unter Raum und Zeit vorstellen, so ergibt sich, wenn wir von allem abstrahieren, was in Raum und Zeit gedacht wird, daß wir uns den Raum als eine
Form der Gegenstände
und die Zeit als eine
Form des Geschehens
vorstellen. Für das naive Denken existieren diese Formen als etwas Selbständiges, vor dem Inhalte Fertiges und auf diesen Wartendes, der Raum als ein ungeheures Gefäß, welches alles umschließt (etwa eine Kugel), (vgl. Aristot. Phys. IV, 4 p. 212 A 15
ho topos angeion ametakinêton
), die Zeit als der stetige Übergang von dem, was war, zu dem, was sein wird, als ein sich selbst bewegender Fluß. Jenen denkt man sich durch drei rechtwinklige Abmessungen von einem Punkte aus bestimmt, diese als eine immer entstehende, aber nie daseiende Linie von einer Dimension.
Nun lehrt aber die
Erkenntnistheorie
, daß die ganze
Außen
– und
Innenwelt
uns zunächst in unserem
Bewußtsein
gegeben ist; Raum und Zeit sind trotz aller Beziehung zum Wirklichen also nicht etwas, was den Dingen unabhängig von unserem Bewußtsein angehört, sondern wie jede Verbindungsform der Vorstellungen aus der Tätigkeit des Subjekts entspringt, so sind auch sie nur unter Voraussetzung eines Subjekts, das zur Wirklichkeit in Beziehung tritt, vorhanden. Diese Lehre von der
transscendentalen Idealität
von Raum und Zeit, die
Kant
(1724-1804) in seiner Kritik der reinen Vernunft (1781) und schon vorher (1770) aufgestellt hat, muß jetzt zu den gesicherten Resultaten der Erkenntnistheorie gerechnet werden. – Raum und Zeit scheiden sich nun bestimmt und klar von den Qualitäten der Empfindung; sie sind die extensiven
Formen
, in denen sich die Elemente der Empfindungen unmittelbar und in fester Ordnung zueinander, sowie auch in Beziehung zum Subjekte verbinden. Solche Formen sind aber nicht selbst Empfindungen. Und weil sie nur Verbindungsformen von
Empfindungen, Wahrnehmungen
und
Vorstellungen
sind, können sie auch nicht unmittelbar als Wahrnehmungen oder Vorstellungen gegeben sein. Man kann sich den Raum zwar von allem Inhalt getrennt als absoluten oder reinen unendlichen Raum und die Zeit als leere unendliche Zeit
denken
, und die Mathematik stellt die ideale Forderung, sie sich so zu denken; aber jede wirkliche räumliche und zeitliche Vorstellung und Anschauung eines einzelnen Subjekts schließt trotzdem einen, wenn auch noch so verblaßten Empfindungsinhalt in sich ein. Der reine Raum und die reine Zeit wird niemals
wahrgenommen
oder
vorgestellt
, sondern nur
gedacht
. Andrerseits besteht gerade das Wesen der Verbindungsformen, die uns in Raum und Zeit vorliegen, auch darin, daß die Empfindungen sich unmittelbar und
assoziativ
ohne unseren Willen und unsere Aktivität mit einem gewissen Zwang, den wir erleiden, in sie hineinfügen, und daß diese Formen dann von den Wahrnehmungen aus durch Reproduktion in die Vorstellungen übergehen. Raum und Zeit haben darum
empirische Realität
und sind als
sinnliche Formen
der
Anschauungen
zu bezeichnen. Sie sind keine
begrifflichen Formen
und sind etwas
stets Einzelnes, nie schlechthin Allgemeines
. Sie wollen also wahrgenommen und vorgestellt, aber nicht nur gedacht sein. Nur gedachte Räume oder Zeiten sind
keine Räume und Zeiten mehr
. Absolute unendliche Räume und Zeiten sind also nichts weiter als Abstraktionen, die in Wahrheit nie vom Subjekte erreicht werden und nur als letzte ideale Forderungen der Philosophie und der Mathematik vorhanden sind. Mit Recht hat also Kant Raum und Zeit von den Kategorien (allgemeinen Begriffsformen) geschieden und als
sinnliche Formen der Anschauung
bezeichnet und ihnen empirische Realität zugeschrieben. – Die Frage ist nun weiter, ob sie als fertige Formen in der Seele liegen oder sich von Fall zu Fall aus den Empfindungen und Vorstellungen des Subjektes entwickeln. Jene Ansicht, die nativistische, wird Kant oft fälschlich zugeschrieben. Das beruht aber nur auf einem hartnäckigen Mißverständnis der Lehre Kants. Kant bezeichnet 1770 Raum und Zeit ausdrücklich als »ursprünglich erworben«, nicht als angeboren, und in der Kritik der reinen Vernunft (1781) findet sich nichts, was dieser Annahme widerspricht oder eine Änderung der Ansicht Kants andeutet. Das Apriori hat bei Kant nicht die Bedeutung: »angeboren«, oder »fertig im Bewußtsein gegeben«, oder »vor aller Erfahrung gegeben«, sondern es hat nur die Bedeutung: »aus der Quelle der Vernunft, nicht von außen her entstehend«. Das Apriori kann sich somit in der Erfahrung und durch die Tätigkeit des Bewußtseins selbst erst entwickeln und bilden. Kant ist also bezüglich der Lehre von Raum und Zeit kein Nativist, wofür er häufig gehalten wird. Er hat zwar keine
genetische
Raumtheorie aufgestellt, aber sie läßt sich der Kantschen Lehre ohne Widerspruch hinzufügen. –
Es kann nun mit Raum und Zeit nicht anders stehn als mit unserem gesamten Bewußtseinsinhalt. Er
entwickelt
sich erst im Leben innerhalb der Erfahrung und wird schrittweise
erworben
; und nur die Anlage zur räumlichen und zeitlichen Einordnung der Empfindung ist ein Besitz, den wir durch
Vererbung
auf der Stufe des höheren tierischen und des menschlichen Lebens bereits überliefert erhalten. – Wenn nun aber alle räumlichen und zeitlichen Vorstellungen sich erst innerhalb unserer sinnlichen Tätigkeit auf Grund der vorhandenen Anlagen entwickeln, so kann allerdings die Erkenntnistheorie die
Idee einer strengen Allgemeinheit und Notwendigkeit
der uns bekannten Zeit- und Raumgesetze, wie sie Kant aufgestellt hat,
nicht aufrechterhalten
. Raum und Zeit entstehen mit unseren Vorstellungen von in der Wirklichkeit gegebenen Objekten und haben nur den Wert und die
Bedeutung des Tatsächlichen
. Die
Mathematik
, soweit sie aus diesen Vorstellungen hervorgeht, insbesondere die Geometrie, beruht auf Tatsachen und ist in ihren Fundamenten ebenso empirisch wie jede Wissenschaft. Aus dem Begriffe der
Sinnlichkeit, Empfänglichkeit, Rezeptivität
oder
Verbindung läßt sich nie Raum und Zeit in der uns gegebenen Form ableiten
, nie zeigen, daß Raum und Zeit so beschaffen sein müssen, wie sie sind; und der Gedanke der
Möglichkeit
anderer Räume und Zeiten wie die unsrigen läßt sich sehr wohl fassen, und wenn auch nie in Anschauung übersetzen, so doch mathematisch bestimmen und durchführen (s. Metamathematik).
Alle geometrischen Lehrsätze haben also nur eine beschränkte Apodiktizität
. Die spiritistische Phantasterei, einen mehr als dreidimensionalen Raum als wirklich gegeben anzunehmen, ist natürlich andrerseits durch nichts gerechtfertigt, und alle experimentellen Versuche ihn nachzuweisen sind Gaukelspiel und Betrug. Es gilt aber noch heute der Satz, den Gauß am 9. April 1830 an Bessel schrieb: »Nach meiner innigsten Überzeugung hat die Raumlehre zu unserem Wissen der selbstverständlichen Wahrheiten eine ganz andere Stellung als die reine Größenlehre; es geht unserer Kenntnis von jener durchaus diejenige vollständige Überzeugung von ihrer Notwendigkeit (also auch von ihrer absoluten Wahrheit) ab, welche der letzteren eigen ist, wir müssen in Demut zugeben, daß, wenn die Zahl bloß unseres Geistes Produkt ist, der Raum auch außer unserem Geiste eine Realität hat, der wir a priori ihre Gesetze nicht vollständig vorschreiben können.« Die Lehre von der
transscendentalen Idealität
des Raumes findet also erst ihre Ergänzung in der recht verstandenen und richtig gewendeten Lehre von dem
empirischen
Ursprunge von Zeit und Raum, mit der allerdings das Apriori im Sinne Kants als das Notwendige, Allgemeine, aus reiner Vernunft Stammende fällt und nur im Sinne der
Entwicklungslehre
bleiben kann. Aus den Bedingungen unserer geistigen und physischen Organisation hervorgehend, entstehen Zeit und Raum mit der Entwicklung des Empfindungslebens. Als Bewußtseinsformen sind sie nicht unmittelbar etwas Wirkliches, aber sie gehören zu dem Objektiven in unseren Vorstellungen, eben weil sie unmittelbar mit den Empfindungen verknüpft sind und die Einordnung in sie ohne Willkür und unter einem gewissen Zwange erfolgt. Im besonderen vollzieht sich die Entstehung der Raum- und Zeitvorstellung im Subjekte nach
Wundts genetischer Verschmelzungstheorie
, die an Lotze und v. Helmholtz anknüpft und der nativistischen Herings (geb. 1834) entgegengesetzt ist, in folgender Weise: Die
Raumvorstellung
ist nicht eine ursprüngliche Eigenschaft der einzelnen Empfindungselemente, wie es die Intensität und Qualität der Empfindungen sind, sondern sie setzt ein Zusammensein der Empfindungen als Bedingung voraus und ist die Form fester Ordnung der Sinnesqualitäten. Sie entsteht aus den Funktionen zweier Sinne, des
Tastsinns
und des
Gesichtssinns
, ist also die Form
der Ordnung
der
Tastempfindungen und Lichtempfindungen. Der Blindgeborene erwirbt sie nur durch den Tastsinn
, der
normalsehende Mensch
in ihrer feineren Ausbildung
mehr durch den Gesichtssinn
als durch den Tastsinn. Die Vorgänge, die beim Zustandekommen der
Raumvorstellung durch den Tastsinn
stattfinden, sind folgende: Ein Gegenstand kommt in Berührung mit dem Tastorgan und ruft eine Tastempfindung hervor. Hierbei bildet sich eine bestimmte Vorstellung von dem Orte der Berührung, die darauf beruht, daß
jedem Punkte des Tastorgans eine eigentümliche qualitative Färbung der Tastempfindung zukommt
, die von der Qualität des äußeren Eindrucks unabhängig ist. Die lokale Färbung der Empfindung wird das
Lokalzeichen
(s. d.) der Empfindung genannt. Diese Lokalzeichen oder
Ortsempfindungen
schließen, jedes für sich, noch keine Raumvorstellung in sich ein. Mit diesen Ortsempfindungen verbinden sich nun aber die
Bewegungen des Tastorgans, die von inneren Tastempfindungen begleitet
sind. Die einzelne dieser inneren Tastempfindung schließt ebensowenig wie das Lokalzeichen die Raumvorstellung in sich ein. Aber durch die empirisch gegebenen Verbindungen der Empfindungen entsteht die räumliche Vorstellung. Mit je zwei Empfindungen a und b von bestimmter Lokalzeichendifferenz ist stets eine bestimmte, die Bewegung begleitende innere Tastempfindung
b
, mit einer größeren Lokalzeichendifferenz a und c eine intensivere Bewegungsempfindung
g
assoziiert. So ist die aus der Funktion des Tastsinns hervorgehende
Raumvorstellung das Produkt einer Verschmelzung äußerer Tastempfindungen und ihrer qualitativ abgestuften Lokalzeichen mit inneren intensiv abgestuften Tastempfindungen
, und zwar bilden bei dieser Verschmelzung die äußeren Tastempfindungen die herrschenden Elemente, während die inneren Tastempfindungen hinter ihnen zurücktreten, wie etwa die Obertöne eines Klanges. Die
Verschmelzung
selbst ist eine
doppelte
, wenn auch gleichzeitige. Durch eine erste Verschmelzung
ordnen sich die Qualitätsstufen
des nach zwei Dimensionen geordneten
Lokalzeichensystems
in ihrem Verhältnis zueinander
nach den Intensitätsstufen der inneren Tastempfindung
; durch eine
zweite verbinden sich
die durch die Reize bestimmten
äußeren Tastempfindungen mit jenen ersten Verschmelzungsprodukten
. Die äußere Tastempfindung wechselt mit der Beschaffenheit des objektiven Reizes; aber die Lokalzeichen bilden zusammen mit den inneren Tastempfindungen subjektive Elemente, deren wechselseitige Zuordnung bei den verschiedenen äußeren Eindrücken immer dieselbe bleibt, so daß die psychologische Bedingung für die dem Räume zugeschriebene Konstanz der Eigenschaften gegeben ist, die sich in der Lehre von der Verschiebbarkeit und Drehbarkeit der räumlichen Gebilde ausspricht. Die so erworbene Raumvorstellung ist natürlich reproduzierbar und kehrt in Erinnerungsbildern wieder.
Die Eigenschaften des Tastsinns wiederholen sich beim
Gesichtssinn
, freilich in viel feinerer Ausbildung. Die Netzhautfläche verhält sich analog einem Tastgebiet, übertrifft es aber an Stärke. Auch bei dem Eintritt einer Gesichtsempfindung durch Einwirkung eines Lichtreizes auf die Netzhaut entsteht die Vorstellung eines ihm zukommenden Ortes, mit der aber die räumliche Vorstellung noch nicht verbunden ist; doch erfolgt hierbei die Lokalisation nicht wie beim Tastsinn durch die unmittelbare Beziehung auf den entsprechenden Punkt des Sinnesorganes selbst, sondern wir
verlegen
, ohne daß wir erklären können, warum dies geschieht,
den Eindruck an
das außerhalb des vorstellenden Subjektes und in irgend einer Entfernung von ihm gelegene
Sehfeld
. Mit diesen
qualitativen Lokalzeichen
des Gesichtssinnes, die mit den einzelnen Zuständen der Netzhaut zusammenhängen, verbinden sich
die die Bewegungen des Auges begleitenden
, ein intensiv abgestuftes System bildenden
Empfindungen
. Die Bewegungen des Auges spielen bei der Ausmessung von Strecken des Sehfelds eine ähnliche Rolle wie die Tastbewegungen bei Ausmessung der Tasteindrücke, jedoch so, daß die Bewegungen des einen Auges noch durch die des andern unterstützt werden. Mit der einzelnen Empfindung ist auch hier die räumliche Vorstellung nicht verbunden. Sie entsteht auf Grund der Verbindung der Empfindungen.
Die räumliche Ordnung der Lichteindrücke ist also eine Einordnung des nach zwei Dimensionen geordneten Lokalzeichensystems der Netzhaut in ein intensiv abgestuftes System der die Bewegungen des Auges begleitenden inneren Tastempfindung
. Für je zwei Lokalzeichen, a und b, ist die bei der Durchmessung der Strecke a b entstehende Spannungsempfindung a ein Maß der linearen Raumgröße, während einer großem Strecke a c eine intensivere Spannungsempfindung je entspricht. So vollzieht sich also auch bei der Entstehung der Raumvorstellung durch die Vorgänge im Gesichtssinne eine
Verschmelzung
. Verschmolzen werden die in der Beschaffenheit der äußeren Reize begründeten Empfindungsqualitäten, die von den Arten der Reizeinwirkung abhängigen qualitativen Lokalzeichen und die durch die Beziehung der gereizten Punkte zum Netzhautzentrum bestimmten intensiv abgestuften Spannungsempfindungen. Auch hier ist die Entstehung der Raumvorstellung an die Vorgänge selbst gebunden, aber die Raumvorstellung ist ebenso reproduzierbar wie beim Tastsinn. Während aber beim Tastsinn sich die qualitativen Lokalzeichen mit den inneren, durch die Bewegung des Tastorgans verbundenen Bewegungen verschmelzen, verbinden sich beim Sehen die qualitativen
Lichteindrücke
mit den die Bewegungen der Augen begleitenden inneren
Tastempfindungen
, so daß hier von einem System
komplexer
Lokalzeiehen geredet werden kann. Die räumliche Lokalisation irgend eines Lichteindrucks erscheint demnach als das Produkt einer vollständigen Verschmelzung der durch den äußeren Reiz bestimmten Lichtempfindung mit je zwei zusammengehörigen Elementen jenes komplexen Lokalzeichensystems, und die räumliche Ordnung einer Mehrheit einfacher Eindrücke besteht in der Verbindung einer großen Anzahl solcher Verschmelzungen, die qualitativ und intensiv nach Maßgabe der Elemente des Lokalzeichensystems gegeneinander abgestuft sind. Hierbei sind die von den äußeren Reizwirkungen bestimmten Empfindungen die herrschenden Elemente, gegenüber denen die Elemente des Lokalzeichensystems selbst zurücktreten.
Die durch den Tastsinn und die durch den Gesichtssinn erworbenen Raumvorstellungen und ihre Erinnerungsbilder ordnen sich ineinander ein und ergänzen sich, und zwar so, daß beim Sehenden die letzteren vorherrschen und uns das Bild der Außenwelt liefern. Sie werden schließlich auf alle anderen Sinnesempfindungen übertragen. (
Wundt
, Grundriß der Psychologie § 10.)
Die Bildung der
Zeitvorstellungen
erfolgt vornehmlich auf Grund von
Tast
– und
Gehörsempfindungen
; doch sind die Bedingungen zu ihrer Entstehung auch bei anderen Empfindungen gegeben. Bei der Bildung der Zeitvorstellung durch den
Tastsinn
sind es nicht die äußeren, sondern nur die
inneren Tastempfindungen
, welche die Tastbewegungen begleiten, aus denen die Zeitvorstellung hervorgeht. Bei den Bewegungen, besonders bei den
rhythmischen Bewegungen
, z.B. der Beine und Arme beim Gehen findet ein
regelmäßiges Wechseln
qualitativ entgegengesetzter,
spannender
und
lösender Gefühle
statt, von denen das lösende sehr rasch verläuft, das spannende langsam zum Maximum aufsteigt, um dann plötzlich zu sinken, und bei deren Wechsel die intensivsten Gefühlsvorgänge sich auf die Grenzpunkte der Perioden zusammendrängen. Die einfachsten zeitlichen Tastvorstellungen, die so entstehen, bestehen demnach in
rhythmisch geordneten Empfindungen, die sich gleichförmig wiederholen
. Für die Entstehung der Zeitvorstellung durch den
Gehörssinn
liegen die Bedingungen besonders günstig, wenn es sich um
diskontinuierliche Tastfolgen
handelt, bei denen den Zeitstrecken selbst jeder objektive Empfindungsinhalt fehlt, und die Gehörseindrücke selbst nur die Begrenzung der Zeitstrecken gegeneinander vermitteln. Auch hier füllen sich die objektiv leeren Zeitstrecken mit einem
subjektiven Gefühls
– und
Empfindungsinhalt
, der dem bei rhythmisch verlaufenden Tastbewegungen vollständig entspricht, und es wechseln
steigende
und
erfüllte Erwartung
, die auf Spannungsempfindungen des Trommelfells oder auf den inneren Tastempfindungen beruht, die sich mit einem unwillkürlichen Taktieren verbinden.
Verbindet man die Resultate dieser Beobachtung, die sich nur auf die günstigen Fälle der Entstehung der Zeitvorstellung bezieht, so ergibt sich, daß auch die Zeitvorstellung nicht an einer einzelnen isoliert gedachten Empfindung haftet, sondern aus der Verbindung psychischer Elemente hervorgeht. Auch hier ist der Vorgang der
Entstehung eine Verschmelzung
. Bei dieser ist der momentan gegenwärtige Eindruck, der am schärfsten und klarsten wahrgenommen wird und durch Gefühlselemente charakterisiert ist, immer derjenige, nach dem alle andern orientiert werden, wodurch die Vorstellung vom Fließen der Zeit entsteht. Die
zeitliche Ordnung
nach diesem Orientierungspunkte geschieht durch Hilfsmittel, die analog den Lokalzeichen
Zeitzeichen
genannt werden können und die
im wesentlichen Gefühlselemente
sind.
Die Erwartungsgefühle sind die qualitativen, die inneren Tastempfindungen die intensiven Zeitzeichen
. Die Zeitvorstellung ist daher ihrer Entstehung nach ein Verschmelzungsprodukt beider Arten der Zeitzeichen miteinander und mit den in die zeitliche Form geordneten objektiven Empfindungen. (
Wundt
, Grundriß der Psychol. § 11.)
Aus der
psychologischen
Darlegung der Entstehung unserer Zeit- und Raumvorstellung ergibt sich, daß Zeit und Raum, soviel Analoges sie enthalten, weder gleichgesetzt, noch vollständig parallellisiert werden können. Die psychologischen Grundlagen der
Zeitvorstellung
sind viel
allgemeiner
als die der Raumvorstellung. Die Zeit wird zur Ordnung aller unserer psychischen Elemente, zur Grundform der inneren Wahrnehmung und ist somit allgemeiner als die Raumform. Die Ordnung, die im Räume den psychischen Elementen gegeben wird, ist nur fest in bezug auf die Elemente selbst, aber veränderlich bezüglich des Subjekts, so daß wir die Möglichkeit einer Drehung und Verschiebung der räumlichen Gebilde ohne Änderung derselben zugeben. Die Ordnung, die dagegen in der Zeit den psychischen Elementen gegeben wird, ist fest auch bezüglich des Subjekts, so daß jede Veränderung in dieser Beziehung auch eine Veränderung der Zeitelemente zueinander herbeiführt. Der Raum hat drei Dimensionen, die Zeit nur eine; aber die Punkte in dieser Dimension sind nie zugleich gegeben. Auch völlige Parallelisierung von Raum und Zeit ist unmöglich.
Die Ansichten der Philosophen über das Wesen von Raum und Zeit haben sehr geschwankt. Die reale Existenz des leeren Raumes nahmen im Altertum die
Pythagoreer
, die
Atomisten
und
Epikureer
an, während die
Eleaten
sie leugneten.
Platon
(427-347) setzte Materie und Raum einander gleich. Beide sind ihm ein Nichtreales.
Aristoteles
(384-322) erklärte den Raum für die erste unbewegte Grenze des umschließenden Körpers gegen den umschlossenen und leugnete den leeren Raum (
to tou periechontos peras akinêton prôton tout estin ho topos
. Phys. IV, 4, p. 212 A 20). Die
Stoiker
lehrten die Existenz eines außerhalb der stofflichen Welt befindlichen unendlichen leeren Raumes. – Von den Neueren nahm
Descartes
(1596-1650) Raum und Materie für identisch, indem er als das Wesen des Körperlichen die Ausdehnung ansah. Für
Leibniz
(1646-1716) dagegen ist der Raum nur eine verworrene Vorstellung. In der sinnlichen Auffassung erscheint uns die Ordnung der Monaden als Ordnung koexistierender Phänomene.
Kant
(1724-1804) erfaßte den Raum richtig als sinnliche Form und lehrte seine transscendentale Idealität und empirische Realität. Seine Lehre von der Reinheit, Unendlichkeit und Apriorität der Raumanschauung und Apodiktizität der Mathematik entspricht zwar dem rationalistischen Gesichtspunkte seiner Philosophie, ist aber nicht haltbar. Gegen sie sind von mathematischer Seite triftige Einwendungen namentlich von
Lobatschewsky, Gauß, Riemann, v. Helmholtz
u. a. gemacht worden; die Raumtheorie Kants lebt also nur modifiziert in der Gegenwart fort. Den physiologisch-psychischen Prozeß, durch den die Raum- und Zeitvorstellung erworben wird, hat in neuerer Zeit im Anschluß an Lotze und v. Helmholtz vor allem
Wundt
(geb. 1832) festgestellt, der die Theorie des komplexen Lokalzeichens geschaffen hat. An Wundt sich anlehnend, gibt
Hellpach
(Die Grenzwissenschaften der Psychologie S. 142 ff.) eine ausführliche Theorie der Raumauschauung, die aber Mißverständnisse der Kantischen Lehren in sich einschließt.
Die Zeit ist nach
Platon
mit dem Himmel entstanden. Nach
Aristoteles
ist sie das Maß der Bewegung in bezug auf das Früher und Später (
hoti men toinyn ho chronos arithmos kinêseôs kata to proteron kai hysteron – phaneron
Arist. Phys. IV, 11 p. 220 A 24). Für den
Stoiker
war die Zeit ein unkörperliches Gedankenhaftes. Auch
Cartesius
(1596-1650) sah in ihr nur einen Modus des Denkens (modus cogitandi) und definierte sie nach Aristoteles als numerus motus. Ihm folgte
Spinoza
. Für
Leibniz
(1646-1716) war die Zeit l'ordre des possibilités inconsistentes.
Kant
(1724-1804) verbindet die Raum- und Zeittheorie miteinander. Ebenso wie der Raum, ist ihm die Zeit sinnliche Form, und zwar Form des inneren Sinnes und von transscendentaler Idealität. Ebenso wie vom Räume, lehrt er die Reinheit, Unendlichkeit und Apriorität der Zeitvorstellung, ebenso wie in der Raumtheorie, will er die Apodiktizität der Mathematik mit auf die Apriorität der Zeitvorstellung aufbauen. Aber von dem Erscheinen der Prolegomena ab begeht er in seiner Zeittheorie den Irrtum, daß er den Zeitbegriff als Grundlage des Zahlbegriffs ansieht und nun die Arithmetik ebenso in Verbindung mit seiner Lehre von. der Zeit setzt, wie die Geometrie mit seiner Raumlehre. Die erste Auflage der Kritik der reinen Vernunft ist von diesem Irrtum noch frei. Daß der Begriff der Zeit seine mathematische Verwendung erst in der Kombinations- und Reihenlehre findet, die Grundbegriffe der Arithmetik aber nichts damit zu tun haben, muß Kant gegenüber betont werden (s. Zahl); aber ebensowenig ist seine Parallelisierung von Zeit und Raum als richtig anzuerkennen. Nach Kant ist die erkenntnistheoretische Frage bezüglich der Zeit wenig behandelt und nur die psychologische Theorie von der Zeit gefördert worden. Eine Theorie andersartiger Zeiten, als unsere Erfahrungszeit ist, ist bisher nicht aufgestellt worden und dürfte ihre besondere Schwierigkeit haben, da mit Dimensionen bei der Zeit nichts auszurichten ist. Neuerdings hat M.
Palágyi
(Neue Theorie des Raumes und der Zeit. Leipzig 1901) die Zweiheit der Raum- und Zeitanschauung geleugnet und beide durch den Begriff des »
fließenden Raumes
« ersetzen wollen. Aber seine Grunddefinition: »Der Zeitpunkt ist der Weltraum« und »Der Raumpunkt ist der Zeitstrom« begründen nicht die Idee der untrennbaren Zusammengehörigkeit von Raum und Zeit; denn der Zeitpunkt ist keine Zeit, und der Raumpunkt kein Raum. – Vgl.
Kant
, Kritik der reinen Vernunft, S. 191 ff.
Th. Isenkrahe
, Idealismus oder Realismus. 1883.
C. Stumpf
, Psychol. Urspr. der Raumvorstell. 1873.
Baumann
, die Lehren von Raum, Zeit und Mathematik. 1869. B.
Erdmann
, die Axiome der Geometrie. 1877.
Schlesinger
, Substantielle Wesenheit des Raumes und der Kraft. Wien 1885.
Wundt
, Grundzüge der phys. Psychologie II.
Max Simon
, Didaktik und Methodik des Rechen-, Mathematik- und Physik-Unterrichts. München 1895.
Raumschwelle des Tastsinns
Raumschwelle des Tastsinns
nennt
Wundt
(geb. 1832) den Grenzwert, welcher die kleinste Raumentfernung mißt, in welcher Tast-Empfindungen noch voneinander getrennt werden können. Sie variiert von l bis 2 mm (Zungen- und Fingerspitze) bis zu 68 mm (Rücken, Oberarm, Oberschenkel). Übrigens sind der Zustand des Tastorgans und die Übung von Einfluß auf die Raumschwelle. Wundt, Grundz. d. phys. Psych. II S. 6 ff. Grundriß d. Psychol. S. 125.
Reaktion
Reaktion
(fr. réaction), Rückwirkung, findet überall als Korrelat der Aktion statt; denn nirgends in der Natur gibt es Passivität.
Reaktionsversuche
Reaktionsversuche
nennt
Wundt
(geb. 1832) diejenigen experimentellen Versuche, bei denen durch äußere Hilfsmittel Reizeinwirkungen erzeugt werden, die mit äußeren Handlungen abschließen. Sie zeigen den Verlauf von Willensvorgängen und dienen auch dazu, die Geschwindigkeit gewisser psychischer und psycho-physischer Vorgänge zu bestimmen. (Wundt, Grundr. d. Psych. S. 235 ff.)
Reaktionszeit
Reaktionszeit
, s. physiologische Zeit.
real
real
(v. lat. res) heißt 1. sachlich oder dinglich; 2. gegenständlich, objektiv und 3. materiell und wirklich.
Realdefinition
Realdefinition
oder Sacherklärung (definitio realis) heißt diejenige Definition, die nicht nur den Gebrauch eines Namens festlegt (Nominaldefinition), sondern auch die innere Möglichkeit des durch den Begriff bezeichneten Gegenstandes und die reale Gültigkeit des Begriffs zum Ausdruck bringt (Überweg, Logik § 61), s. Definition.
Realdivision
Realdivision
heißt diejenige Einteilung, welche den Begriff eines Wortes nicht bloß in seine verschiedenen Bedeutungen, wie die Wörterbücher es tun, spaltet, sondern logisch in seine Arten zerlegt. Vgl. Einteilung.
Realen
Realen
nennt
Herbart
(1776-1841) die letzten Bestandteile alles Seins, die er sich als quantitätslos, schlechthin einfach, affirmativ, von unveränderlicher Qualität und in unbestimmter Zahl vorhanden denkt. Das Wesen der Realen ist die Selbsterhaltung gegen Störungen. Das Reale Herbarts ist aus der
Monade Leibniz'
, deren Wesen die Vorstellung ist, durch Wendung vom Idealismus zu einer mehr realistischen Auffassung der Dinge entstanden. Doch gelten auch bei Herbart die Selbsterhaltungen der Seelenrealen für Vorstellungen. – Das Reale der Empfindung ist bei
Kant
(1724-1804) der Stoff, durch den etwas Existierendes im Raum und in der Zeit vorgestellt wird.
realisieren
realisieren
bedeutet etwas verwirklichen, z.B. eine Idee, einen Zweck, Entwurf oder Plan.
Realismus
Realismus
(lat. res, Sache) heißt in der
scholastischen Philosophie des Mittelalters
der Gegensatz zum
Nominalismus
. Er behauptet in seiner strengsten Form mit Platon, die Universalien, d.h. die allgemeinen Begriffe, seien vor den Dingen vorhanden (Universalia sunt ante res), und zwar (als ewige Ideen) in Gott und (als angeborene Ideen) in unserem Geiste. Diesen Standpunkt vertritt
Anselm v. Canterbury
(1035 bis 1109); ihm sind die Gattungs- und Artbegriffe nicht bloß subjektive Abstraktionen, sondern Wesen, welche vor den Einzeldingen existieren.
Abälard
(1079-1142) dagegen lehrte, andern er einen vermittelnden Standpunkt einnahm, sie seien in denselben (Universalia sunt in re), das Allgemeine sei zwar nur ein Gedachtes, aber als solches gehöre es nicht allein dem Bewußtsein an, sondern es habe auch seine objektive Realität in den Einzeldingen selbst, aus denen man es nicht abstrahieren könnte, wenn es nicht darin wäre. Der Gegensatz zum Realismus ist in der Scholastik der
Nominalismus
, für den das Allgemeine bloße Namen (flatus vocis) und nichts Wirkliches sind. Der Nominalismus wurde zuerst vertreten von
Roscellin
(geb. um 1050) und von
Wilhelm von
Occam
(1347) erneuert. Neuere Vertreter des Nominalismus sind Hobbes, Locke, Berkeley, St. Mill usw. Die ganze Streitfrage knüpfte besonders an die Einleitung des
Porphyrius
(233-305) zu Aristoteles' logischen Schriften (Isagoge in Aristotelis Organon) an, in der untersucht wird, ob die fünf Begriffe: Gattung, Art, Differenz, Eigentümlichkeit und Zufälliges substanzielle Existenz haben, ob sie ferner Körper oder unkörperliche Wesen seien, und endlich, ob sie von den sinnlichen Objekten gesondert oder nur in und an diesen existieren. Während Porphyrius selbst die Frage nicht entscheidet, beschäftigte sich das Mittelalter eifrig damit, weil die Theologie darauf fort und fort hinwies. Übrigens findet sich schon bei jenem selbst der entschiedene Realismus, bei
Marcianus Capella
der Nominalismus, während
Boethius, Macrobius
und Chalcidius vermitteln. Seit dem 16. Jahrhundert ist die Philosophie nominalistisch; doch erhob sich der alte Streit bei der Frage, ob es »angeborene Begriffe« gäbe oder nicht.
Descartes
(1596-1650) vertrat jene Ansicht, indem er seinen Beweis für das Dasein Gottes darauf stützte. Gott hat die Idee von sich dem Menschen schon im Mutterleib eingeprägt; doch sind die angeborenen Begriffe mehr nur Dispositionen, gleichsam involviert im Geiste, und kommen ihm erst allmählich zum Bewußtsein.
Cudworth
(1617-1688) kehrte vollständig auf Platons Standpunkt zurück; gegen ihn erhob sich
Locke
(1632-1704), ging aber in seiner Opposition zu weit, so daß
Leibniz
(1646-1716) wieder gegen ihn leichtes Spiel hatte, indem er nur die virtuelle Erkenntnis angeboren sein ließ.
Kant
(1724-1804) suchte den Streit dadurch zu entscheiden, daß er lehrte, der Stoff aller unserer Erkenntnis entstamme der sinnlichen Empfindung, die Form aber der Vernunft. Diese Form gehöre derselben a priori an, aber weder als fertige Vorstellung noch als Disposition, sondern als Funktion der Vernunft. – Die nachkantischen Philosophen waren zunächst wieder ganz realistisch, so
Fichte, Schelling, Hegel, Schleiermacher, Krause
und
Schopenhauer
, während die neueste Philosophie vielfach dem Nominalismus zuneigt. Vgl. Nominalismus und Conceptualismus.
Eine andere Bedeutung hat das Wort
Realismus
in dem
neueren philosophischen Sprachgebrauche
erlangt, wo es den Gegensatz zum
Idealismus
(s. d.) bezeichnet. Hier ist der Realismus dasjenige monistische System der Metaphysik, welches dem Einzelnen, dem Körper, der Materie die Existenz zuschreibt, und dem Allgemeinen, der Idee, dem Geiste die Existenz abspricht, oder doch nur eine sekundäre Art der Existenz läßt, wodurch alle geistigen Vorgänge zu Begleiterscheinungen des Körperlichen herabgesetzt werden. Der
naive Realismus
, die Weltauffassung des nicht philosophisch denkenden Menschen, stützt sich auf das Zeugnis der Sinne und glaubt ohne Kritik an die Wirklichkeit des Körperlichen. Der
philosophische Realismus
dagegen ist sowohl im Altertum wie in der Neuzeit ein Kind der sich zur Philosophie entwickelnden Naturwissenschaft. Er tritt meist im Zusammenhang mit der empiristischen Methode und der sensualistischen Erkenntnistheorie auf. Bald knüpft er mehr an die Erscheinungsform des Stoffes an und wird dann zum
Materialismus
, bald geht er mehr von den Bewegungsgesetzen des Stoffes und den im Stoffe wirksam erscheinenden Kräften aus und wird dann zum
Mechanismus
oder
Dynamismus
. Bei konsequenter und einseitiger Ausbildung zeigt er stets Hinneigung zum Atheismus. Im Altertum ist er als Atomismus von
Leukippos
und
Demokritos
(5. Jahrh. v. Chr.) und
Epikuros
(341-270) ausgebildet; seine klassische Epoche hat er im
18. Jahrhundert in Frankreich
erlebt, wo er als Materialismus sich aus dem englischen Sensualismus, aus der Naturwissenschaft und aus dem Oppositionsgeist gegen Religion und Konvention entwickelte und eine lebendige Agitationskraft erlangt hat. Sein Hauptvertreter ist
Lamettrie
(1709-1751, l'homme machine. 1748). Das klassische Buch des französischen Materialismus ist das Systeme de la Nature (1770). Im 19. Jahrhundert hat der materialistische Realismus eifrige Vertreter in Deutschland gefunden in
Feuerbach, C. Vogt, Moleschott, Büchner
u. a. (s. Materialismus). – Soweit der Realismus als Naturwissenschaft auftritt, ist er eine sich auf die wahrnehmbare Außenwelt einschränkende folgerichtige und unanfechtbare, aber auf Abstraktion beruhende Gedankenkette. Aber soweit er Metaphysik sein will, kann er nie erweisen, daß die Welt der Sinneswahrnehmung mehr als die halbe wirkliche Welt ist, und so wird er durch seine eigenen Schlußfolgerungen über das Sinnenbild der Natur hinaus zu Ergänzungen aus der geistigen Welt gedrängt. – In der
Ästhetik
ist Realismus diejenige Richtung, welche das Schöne nicht nur in der Form, sondern auch im Inhalt sucht.
Realität
Realität
(mlat. realitas v. lat. res) heißt Sachlichkeit, Wirklichkeit; Realität bedeutet in der
Metaphysik
das Dasein eines von uns Vorgestellten. In der
Logik
bezeichnet Realität soviel als Bejahung im Gegensatze zur Negation.
Kant
(1724-1804) stellt der objektiven Realität, d.h. der Beziehung einer Erkenntnis auf einen Gegenstand, die subjektive gegenüber, d.h. die Gültigkeit einer Erkenntnis für die menschliche Vernunft. Empirisch nennt er die Realität eines Gegenstandes, welcher unseren Sinnen gegeben ist, transscendental die eines solchen, dessen Begriff an sich selbst ein Sein in der Zeit anzeigt.
realiter
realiter
(nlat.) heißt wirklich, in der Tat; Gegensatz dazu ist
ideell
(geistig) und
potentialiter
(der Möglichkeit nach).
Realprinzip
Realprinzip
oder Seinsgrund s. Prinzip.
Reat
Reat
(lat. reatus) heißt Anklagezustand.
Receptivität
Receptivität
oder Receptibilität (nlat.) heißt Empfänglichkeit. Nach Kant ist Receptivität das Wesen der Sinnlichkeit, während Spontaneität (Selbsttätigkeit) das Wesen des Verstandes ist.
Rechenschaft
Rechenschaft
ist die Auseinandersetzung der Gründe, die uns bewogen haben, etwas zu tun oder zu lassen.
recht
recht
bedeutet ursprünglich soviel als gerade, d.h. nicht schief, nicht vom Wege abweichend, dann zutreffend, angemessen, richtig.
Recht
Recht
. Der Begriff des Rechtes beruht auf den Begriffen der Befugnis und der Pflicht und hat einen
subjektiven
und einen
objektiven
Sinn. In jenem ist er im Gegensatz zur Rechtspflicht die
Befugnis
, etwas zu tun oder zu lassen, in diesem ist er das
Gesetz
, welches die
Rechtspflichten
und
Rechtsbefugnisse
der einzelnen zueinander oder zu Gesamtheiten regelt.
Kant
(1724-1804) definiert das objektive Recht als den »Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann« (Metaphysik der Sitten 1, S. XXXIII). Eine jede Handlung ist demnach recht, die mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehn kann. Dasjenige, was jeder inmitten der übrigen tun darf, ist die Sphäre seiner rechtlichen Freiheit. Dies ist natürlich nach Ort, Zeit und Verhältnissen verschieden. Die
Rechtsphilosophie
(s. d.) hat die Frage nach dem Ursprung, dem Inhalt und der Autorität des Rechts zu untersuchen, sie hat also festzustellen, wie es kommt, daß das Recht jeden auch ohne den zu erwartenden Zwang verpflichtet, seine Rechtssphäre nicht zu überschreiten, oder die anderen ermächtigt, den Übertreter zu bestrafen. – Das Recht unterscheidet sich von der Sitte und der Moral. Die Sitte ist Grundlage des Rechts, aber ihre Vorschriften lassen sich nicht erzwingen. Ein Unterschied des
Rechts
von der
Moral
besteht nach verschiedenen Richtungen; zuerst im Zwecke: dieser ist bei der Moral die Harmonie des Menschen mit sich selbst, beim Rechte dagegen diejenige mit den anderen; ein anderer Unterschied liegt in der Quelle: diese ist dort Vernunft oder Religion, hier ein Vertrag, ein Herkommen, eine Sitte usw. Ein weiterer Unterschied liegt auch in dem Interesse, das beide erwecken: auf moralischem Gebiete gibt es nichts Gleichgültiges (
adiaphoron
), wohl aber auf rechtlichem und innerhalb seiner Rechtssphäre steht es jedem Menschen frei, zu tun und zu lassen, was ihm beliebt. Endlich besteht auch darin ein Unterschied zwischen beiden, daß das Recht, aber nicht die Moral, äußere Motive, äußere Richter- und Zwangsgewalt zuläßt, während die sittlichen Handlungen auf Selbstbetätigung beruhen und Selbstverantwortung in sich einschließen. Kant sagt daher: »mit dem Rechte ist zugleich eine Befugnis, den, der ihm Abbruch tut, zu zwingen, nach dem Satze des Widerspruchs verknüpft.« (Met. d. Sitten 1, XXXV.) Doch beweist die Geschichte auch andrerseits, daß der Zwang zur Verwirklichung der Rechtsordnung keineswegs genügt; vielmehr gehört hierzu auch die sittlich-religiöse Achtung des Rechts, der Freiheit und Ehre. Und in der Tat ist jeder bessere Mensch von dem Gefühl durchdrungen, daß Ordnung, Friede, Sicherheit und Zuverlässigkeit der äußeren Lebensverhältnisse nicht bloß aus Nützlichkeitsgründen notwendig, sondern die Grundlage unseres Lebens und unserer Kultur sind, ja daß deren Gegenteil absolut verwerflich sei. Daher bilden Moral und Recht keinen unaufhebbaren, sondern nur einen tatsächlichen Gegensatz. Vgl. Mensch, Persönlichkeit, Pflicht.
Rechthaberei
Rechthaberei
ist das Bestehn auf einer zwar an sich nicht verwerflichen, aber im gerade vorliegenden Falle nicht anwendbaren Rechtsmaxime. Die Rechthaberei eines Menschen zeigt sich in der hartnäckigen und absprechenden Verteidigung seiner eigenen Behauptungen, während er die gegründeten Einreden anderer ganz unberücksichtigt läßt.
rechtlich
rechtlich
beißt derjenige, dem die Rechte anderer ebenso heilig sind, wie seine eigenen.
Rechtschaffen
ist ein Mensch, welcher das Gute will und tut, mag es ihm schaden oder nützen, mag er Zeugen haben oder nicht.
Rechtsphilosophie
Rechtsphilosophie
oder philosophische Rechtslehre heißt die Wissenschaft, welche das Wesen, den Ursprung und die Autorität des Rechts untersucht. Zwar ist alles Recht geschichtlich entstanden, und es kann den Anschein haben, als ob es hier nur aus der Willkür des Mächtigen, dort nur aus der Übereinkunft der Parteien, anderswo nur aus Sitten und Gewohnheiten hervorgewachsen sei. Aber bei tieferer Untersuchung erweist sich das Recht als ein natürliches Erzeugnis der menschlichen Entwicklung, und daher läßt sich die Frage nach den allgemeinen Grundlagen des Rechts nicht abweisen. Es gibt also nicht nur eine
Geschichte
der Entwicklung
des Rechts
, sondern auch eine
Rechtsphilosophie
, und man darf heutzutage, wenn auch nicht mehr von einem
Natur- oder Vernunftrecht
, so doch von natürlichen Prinzipien und Grundlagen des Rechts reden. In jedem Menschen entwickelt sich ein Gefühl für Rocht und Unrecht; Beleidigungen und Mißhandlungen Unschuldiger werden selbst von Unbeteiligten als Unrecht empfunden. Auch nimmt jeder für sich das Recht in Anspruch, die Berechtigung der einzelnen Gesetze zu prüfen; er sucht also nach Rechtsprinzipien. Kein Gesetz besäße überhaupt Autorität, wenn es nicht zuletzt auf irgend eine Weise zu rechtfertigen wäre. Zur letzten Begründung des Rechtes kann man von verschiedenen Prinzipien ausgehn, entweder vom
Begriff der äußeren Freiheit
, welche jeder einzelne in Anspruch nimmt (wie Kant), oder vom
Begriff des Sittlichen
, das durch die Gesetzgebung geschützt werden soll (Platon), oder vom
allgemeinen Nutzen
(Bentham); je nach diesen Prinzipien wird auch der Umfang des Staates und sein Verhältnis zu den sozialen und geistigen Sphären, zu Familie, Kunst, Wissenschaft usw. verschieden bestimmt werden.
Die Idee
des Rechts leitet sich z.B.
aus der Idee der Freiheit so ab
: Jeder Mensch verlangt äußere Freiheit, d.h. die uneingeschränkte Macht, zu tun und zu lassen, was ihm beliebt. Daraus folgt, daß er aber auch die Selbstbestimmung der anderen respektieren muß; folglich kann er vernünftigerweise nur ein beschränktes Freiheitsrecht begehren. Der dadurch erzielte Stand des Friedens ist die Idee des Rechts; sein Begriff ist die Regel, welche jene Idee, d.h. die Harmonie der äußeren Freiheit aller, verwirklicht, – Diese Regel muß eine vernünftige und objektive, d.h. zur allgemeinen Anerkennung geeignete und äußerliche Geltung beanspruchende sein.
Recht
ist also das, was der größtmöglichen Freiheit aller entspricht. Hieraus folgt, daß jeder überall so viel Recht besitzt, als er ohne Widerspruch mit sich selbst anderen gewähren kann. So besitzt er das unbeschränkte Recht auf seine Person, seine Kräfte und Handlungen, sofern dadurch nicht einem anderen ein Zwang angetan wird. Nur an dem Recht des anderen findet das seinige seine Schranke und umgekehrt. Aus der Rechtsgleichheit aller folgt, daß auch jeder, der sich dem Rechte nicht unterwirft, dazu
gezwungen
werden kann. Alle solche Ableitungen aus an die Spitze gestellten hypothetischen Prinzipien haben aber etwas Willkürliches und bleiben im Allgemeinen stecken. Es ist richtiger, empirisch und historisch zu Werke zu gehn, statt mit Prinzipien anzufangen und mit Hypothesen zu schließen.
Die Entwicklung der Rechtsphilosophie reicht vom Altertum bis zur Gegenwart.
Die Sophisten
betrachteten das Recht als Erfindung der Klugheit und identifizierten es mit der Macht.
Hippias
von Elis (5. Jarhdt. v. Chr.) lehrte, das Gesetz sei ein Tyrann der Menschen und lehre sie vieles gegen ihre Natur tun (Plat. Prot. 24, p. 337 D
ho de nomos, tyrannos ôn tôn anthrôpôn, polla para tên physin biazetai
).
Platon
(427 bis 347) ordnete die Idee des Rechts den anderen Ideen als eine Grundbestimmung des Guten ein. Er suchte ihre Verwirklichung im Staate. Wie im Menschen, so besteht auch im Staate das Gute in der Herrschaft der Vernunft über die Sinnlichkeit, in der Beherrschung der Arbeitenden durch die Wissenden. Nach
Aristoteles
(384-322) führt das Gesetz, das in der staatlichen Gemeinschaft erwächst, als die allen gebietende Vernunft das glückliche und vernunftgemäße Leben herbei; doch sollen die Menschen nicht bloß durch Recht und Pflicht, sondern auch durch Freundschaft zusammengehalten werden. So treten uns schon im
Altertum
drei Standpunkte der Rechtsphilosophie entgegen: Die Sophisten verwerfen das Recht als widernatürlich ganz. Platon identifiziert es mit der Ethik, Aristoteles gründet es auf die Idee der Eudämonie. Im
Mittelalter
wurde das Recht im allgemeinen auf göttliche Offenbarung zurückgeführt, doch bereiten sich schon die Ideen des modernen Rechts philosophisch vor. Dies beginnt mit
Hugo Grotius
(1583-1645), der das Prinzip des
natürlichen
Rechts einführt. Nach ihm ist der Bürgerstaat durch Übereinkunft aus dem Triebe nach Geselligkeit zu gegenseitiger Unterstützung und Förderung entstanden. Recht ist daher alles, was die Natur einer Gesellschaft von jedem gegen alle fordert und jedem von allen gewährt. Ähnliches lehren
Pufendorf
(1632-1694) und
Locke
(1632-1704); nach beiden soll der Rechtsstaat die Sicherheit und Freiheit schützen, die der Mensch im Naturzustande habe. Den Naturzustand dachten sich im Gegensatz zu ihnen
Hobbes
(1588-1679) und
Spinoza
(1632-1677) als einen Krieg aller gegen alle (bellum omnium contra omnes), aus dem nur durch Unterwerfung unter einen Mächtigen (Hobbes), oder durch einen Vertrag herauszukommen wäre (Spinoza).
Montesquieu
(1689-1755),
Rousseau
(1702-1778) und
Kant
(1724-1804) leiten dagegen das Recht aus der freien Selbstbeschränkung der Menschen ab, welche Rousseau als einen förmlichen Vertrag (contrat social) darstellte, den das erste Mal alle freiwillig annahmen. Dies ist freilich eine Fiktion. Auch Kant aber leitet aus der Idee der freien Selbstbeschränkung den Satz ab, daß die gesetzgeberische Gewalt in einem Staate nur dem vereinigten Willen des Volkes zukommen kann. Nach J. G. Fichte (1762-1814) ist ein vertragsmäßiger äußerer Zwang die einzig rechtmäßige Quelle der Exekutive; dabei gilt ihm als der höchste Zweck einer Regierung, sich allmählich überflüssig zu machen. Im Anschluß an eine mächtige historische Richtung, welche alle Rechtsphilosophie verwirft, erkennt dagegen
Herbart
(1776-1841) nur faktisches und positives Recht an, dessen Autorität auf dem Mißfallen des Menschen am Streite beruhe. Nach
Hegel
(1770 bis 1831) wiederum lautet das Prinzip des abstrakten Rechtes: Sei Person und respektiere die anderen als Personen! Doch stellt er diesem Vernunftrecht die Sitte und das historische Herkommen als den im allgemeinen Vertrauen lebenden Geist eines Volkes zur Seite.
Schopenhauer
(1788-1860) sieht in dem Unrecht den »Einbruch in die Grenze fremder Willensbejahung«, im Rechte »die Negation des Unrechts«, in der Rechtslehre ein Kapitel der Moral, das sich direkt »bloß auf das Tun, nicht auf das Leiden« bezieht. Nach
Wundt
(geb. 1832) ist das Recht, nicht aus willkürlicher Übereinkunft hervorgegangen, sondern ein Erzeugnis des Bewußtseins, welches in den Gefühlen und Strebungen, die durch das »Zusammenleben der Menschen erweckt werden, seine fortdauernde Quelle hat« (Wundt, Log. II, S. 596). Vgl. J.
H. Fichte, System der Ethik
1850.
Trendelenburg
, Naturrecht auf dem Grunde der Ethik. 2. Aufl. 1868.
Ulrici
, das Naturrecht 1872.
Lassen
, Rechtsphilosophie 1882.
reciprok
reciprok
(lat. reciprocus), wechselseitig, heißen Begriffe, deren Umfänge zusammenfallen, z.B. die Begriffe des gleichseitigen und gleichwinkligen Dreiecks. Vgl. Äquipollenz.
Recognition
Recognition
(lat. recognitio = Wiedererkennung) im Begriffe ist nach Kant (1724-1804) neben der
Apprehension
(Erfassung) der Vorstellungen in der Anschauung und neben der
Reproduktion
(Erneuerung) derselben in der Einbildung die Grundbedingung aller Erfahrung. »Ohne Bewußtsein, daß das, was wir denken, eben dasselbe sei, was wir einen Augenblick zuvor dachten, würde alle Reproduktion in der Reihe der Vorstellungen vergeblich sein.« (Kr. d. r. Vernunft, S. 103.)
Reduktion
Reduktion
(lat. reductio v. reduco = zurückführen) nennt die Logik die Zurückführung eines verschobenen Schlusses auf die regelmäßige Schlußform oder die der drei anderen Schlußfiguren auf die erste.
Reflexbewegung
Reflexbewegung
nennt man eine unwillkürliche Bewegung, die durch eine zentrale motorische Nervenerregung (Gehirn, Rückenmark) zustande kommt, welche selbst auf Grund eines durch den zentripetal leitenden Nerven zugeführten peripherischen Reizes erfolgt. Indem der Bewegungsreiz von einer sensitiven oder sensoriellen Faser auf eine motorische übertragen wird, löst er die Bewegung ohne Vermittlung einer Vorstellung oder eines Willensaktes aus. Solche Bewegungen sind Niesen, Erbrechen, Husten, Augenblinzeln, Zucken, Krampf. Obgleich sie zweckmäßig sind, darf man sie doch nicht von »Gedanken im Rückenmark« ableiten. Es sind vielmehr mechanische Bewegungen, welche dem Einfluß des Willens nicht ganz entzogen sind. Ihre Bedeutung für das Seelenleben besteht darin, daß sie die für den Organismus notwendigen Vorrichtungen sichern. Reflexhemmungen unterbrechen die Reflexbewegungen. In ähnlichem Sinne spricht man auch von Reflexionsempfindungen. Siehe Körperbewegungen, Automat.
Reflexion
Reflexion
(lat. reflexio v. reflecto = zurückbeugen), eigtl. Zurückbeugung, bezeichnet im allgemeinen das Denken, im besonderen die auf den eigenen Bewußtseinsinhalt gerichtete Aufmerksamkeit, die innere Wahrnehmung, die Vergleichung, Bestimmung und Verknüpfung der Vorstellungen. Ihr Inhalt ist so mannigfaltig, wie die Vorstellungen selbst und deren Beziehungen. Durch sie hat der Mensch die Innerlichkeit und Besonnenheit, die ihn vom Tier unterscheidet. – Schon
Platon
(427-347) spricht von einem Wissen des Wissens
noêsis noêseôs
und der Vorstellung von der Lust, ohne welche diese gar nicht sei.
Aristoteles
(384-322) hat zuerst den Gemeinsinn
tôn koinôn aisthêsis
als das Organ der Reflexion aufgestellt, dessen Objekt die einzelnen Sinnesempfindungen sind, ohne daß dieser sensus communis usw. als besonderer Sinn zu denken wäre. Bei
Thomas v. Aquino
(1225-1274) wird dem inneren Sinne alles beigelegt, was nicht dem Intellekt zukommt.
Descartes
(1596-1650) hat sogar zwei innere Sinne, einen für die Triebe, den anderen für die Affekte, angenommen, während
Hobbes
(1688-1679) unter dem inneren Sinn nur das Gedächtnis versteht. Der engere Begriff der »Reflexion« rührt von Locke (1632-1704) her, nach ihm gibt es zwei Quellen der Erkenntnis: Sensation und Reflexion. Durch jene erfahren wir von den Außendingen, diese ist dagegen die Wahrnehmung der Tätigkeiten unseres Geistes in uns; jene hat die äußeren Sinne zur Voraussetzung, diese den inneren.
Leibniz
(1646-1716) setzt an Stelle von Lockes Begriffspaar den Gegensatz Perzeption und Apperzeption; jene nimmt die Außendinge wahr, diese ist die Erkenntnis und Aneignung dieser Wahrnehmung durch schon vorhandene Vorstellungsmassen. Dadurch aber wird die Perzeption zu etwas Unbewußtem und die Apperzeption mit dem Bewußtsein, identifiziert.
Kant
(1724-1804) vermittelt zwischen beiden Philosophen. Er subsumiert den objektlosen inneren Sinn unter die Sinnlichkeit, während er die allgemeinen Erkenntnisbegriffe dem Verstande als apriorische Formen zuschreibt. Die Überlegung (reflexio) ist nach ihm »der Zustand des Gemütes, in welchem wir uns zuerst dazu anschicken, um die subjektiven Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen wir zu Begriffen gelangen können. Sie ist das Bewußtsein des Verhältnisses gegebener Vorstellungen zu unseren verschiedenen Erkenntnisquellen, durch welches allein ihr Verhältnis untereinander richtig erkannt werden kann«. (Kant, Kr. d. r. Vernunft, S. 260.) Die Reflexionsbegriffe sind nach Kant Einerleiheit und Verschiedenheit; Einstimmung und Widerstreit; Inneres und Äußeres; Materie und Form. (Vgl. Amphibolie.)
Fichte
(1762-1814) schreibt dem Ich Produktion und Reflexion zu.
Hegel
(1770-1831) faßt die Reflexion als »Akt, durch den das Ich, nachdem es seine Natürlichkeit abgestreift hat und in sich selbst zurückgekehrt ist, sich seiner Subjektivität an der gegenübergesetzten Objektivität bewußt wird und sich von ihr mit Feststellung dieser Beziehung unterscheidet« (Enzykl. § 413).
Ulrici
(1806-1884) hat als Grundtatsache des Geistes das Sichunterscheiden aufgestellt, während
Überweg
(1826-1871) der inneren Wahrnehmung die Fähigkeit zuschreibt, ihr Objekt mit materieller Wahrheit aufzufassen. Nach Wundt (geb. 1832) beruht die Reflexion auf Apperzeption. Grundr. d. Psychol. § 17, S. 307. Vgl. Bewußtsein, Ich, Apperzeption, Wahrnehmung. – M.
Droßbach
, Genesis d. Bewußtseins 1860. Die Objekte der sinnl. Wahrnehmung 1865.
Reflexionsphilosophie
Reflexionsphilosophie
nennt Hegel den Standpunkt, auf dem das Denken über alle Gegenstände aufs neue anfängt und sich am Detail der Erfahrung erst mühsam zur Höhe des Weltgesetzes emporarbeitet, auf welchem sich die konstruierende Philosophie bereits befindet.
Reform
Reform
(franz. réforme) ist die eingreifende Veränderung eines Zustandes, welche das verloren gegangene Grundwesen einer Sache wiederherzustellen sucht. Die Reform ist im Gegensatz zur Revolution diejenige Umbildung, welche an die Geschichte anknüpft, nicht blind zerstört und nicht vorbildlos konstruiert. – Im Gegensatz zur Fortbildung ist die Reform Umkehrung und Zurückgreifen auf ältere Formen. So suchte die kirchliche Reformation, mit Einschränkung der Tradition, an die Bibel und das apostolische Christentum wieder anzuknüpfen. Dagegen sind die politischen Formen der Neuzeit im wesentlichen durch Fortbildung älterer Formen oder durch Revolutionen entstanden, keineswegs durch Reformationen. Aber auch die kirchliche Reformation schließt den Gedanken der Fortbildung in sich ein, und der Protestantismus kann ohne eine den Bedürfnissen des geistigen Lebens angepaßte Fortentwicklung nur als eine historische Religion gelten.
Regel
Regel
(lat. regula) heißt ein Satz, der die Gleichförmigkeit eines Wissens oder Tuns ausdrückt. Er ist der allgemeine Ausdruck dessen, was einer Zahl besonderer Fälle entweder gemeinschaftlich ist, oder gemeinschaftlich sein sollte. Im ersteren Falle entsteht eine theoretische, im letzteren eine praktische Regel. Erstere hat es mit dem Tatsächlichen, letztere mit dem Zweckmäßigen oder Schicklichen oder Guten zu tun. Allgemeine und notwendige Regeln heißen
universelle
Regeln oder
Gesetze
(s. d.). Nur meist zutreffende Regeln heißen dagegen
generelle
Regeln. –
Empirisch
heißt eine Regel, wenn sie von einzelnen Erscheinungen abstrahiert ist,
rational
, wenn sie aus einem Prinzip abgeleitet ist,
problematisch
, wenn sie sich bloß auf irgendeinen möglichen Zweck eines vernünftigen Wesens bezieht,
apodiktisch
, wenn sie auf einen von der Vernunft als notwendig erkannten Zweck geht, formal, wenn sie auf die allgemeinste Modalität des Willens gerichtet ist,
praktisch
, wenn sie eine Willensbestimmung für mehrere Fälle enthält. – Der Satz: keine Regel ohne Ausnahme (nulla regula sine exceptione) gilt nicht bloß von den praktischen, sondern auch von den theoretischen Regeln. Vgl. Gesetz, Notwendigkeit, Natur, Maxime.
Regreß
Regreß
(lat. regressus, v. regredi = rückschreiten) heißt der Rückschritt vom Besonderen zum Allgemeinen, von dem Bedingten zur Bedingung (regressive oder analytische Methode).
Regressus in infinitum
heißt das Aufsteigen in einer unendlichen Reihe zu immer allgemeineren, immer schwerer zu beweisenden Sätzen, ohne daß eine letzte Grundlage vorhanden ist,
Regressus in finitum
dagegen das gleiche Aufsteigen in einer endlichen Reihe und Regressus in indefinitum der gleiche Gang in einer Reihe, von der es
nicht feststeht, ob sie endlich oder unendlich ist
. Vgl. Deduktion, Progreß, infinit.
regulativ
regulativ
, s. constitutiv.
Reich
Reich
heißt die oberste systematische Einheit verschiedener Wesen durch gemeinschaftliche Gesetze. So spricht man von dem
Naturreich
, wenn die bestimmenden Gesetze Naturgesetze sind;
Reich der Zwecke
nennt
Kant
(1724-1804) dagegen dasjenige Reich, dessen Gesetze die Beziehung der Wesen desselben als Zwecke und Mittel zur Absicht haben, also die moralische Welt. Dem Reiche der
Natur
steht auch das Reich der Gnade oder das
Reich Gottes
gegenüber; jenes bezeichnet die Menschen, sofern sie nur durch physische und soziale Gesetze zusammengehalten werden, dieses sofern sie Gott als dem höchsten Gesetzgebergehorchen. Vgl. höchstes Gut. Kant, über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie. Teutscher Merkur 1788. Januar und Februar.
Reife
Reife
nennt man den Zustand eines Wesens, welches das geworden ist, was es seiner Natur nach werden kann, dessen Kräfte also allseitig entwickelt sind. Beim Menschen liegt sie in der Zeit vom dreißigsten bis fünfzigsten Lebensjahre.
Schopenhauer
(1788-1860) verlegt sie erst ins vierzigste Jahr.
Reihe
Reihe
(series) ist nach
Herbart
(1776-1841) eine Folge von Vorstellungen, die entweder äußerlich (zeiträumlich) oder innerlich (logisch) miteinander verbunden sind und deren Glieder in bestimmter Ordnung reproduziert werden. Die Reihenbildung hält Herbart für die Voraussetzung der Ideenassoziation, der Reproduktion (Gedächtnis und Erinnerung) und der Phantasie. – Der Reihenbegriff beruht auf dem Begriffe des Nacheinander und somit auf dem Zeitbegriff und ist die mathematische Gestaltung und Spezialisierung dieses Begriffs, während der Zahlbegriff nur zu seiner Entstehung der Reihenbildung bedarf, aber in seiner fertigen und allgemeinen Form diese nicht in sich einschließt. Vgl. Zahl, Raum und Zeit.
rein
rein
heißt physisch, was frei von Schmutz, moralisch, was frei von Unsittlichkeit ist; im allgemeinen bedeutet es das, was ohne fremden Zusatz ist. So spricht man von reinem Golde, reinem Kunststil u. dgl.
Rein
nennt
Kant
(1724-1804) im
transscendentalen Sinne
alias, was den Gegensatz zum Empirischen bildet. So nennt er
reine Vernunft
im Gegensatz zur Erfahrung das Vermögen der Erkenntnis aus Prinzipien a priori;
reine Anschauung
bedeutet bei ihm die von Empfindung leere, formale Anschauung, wie sie Grundlage der Geometrie ist; sie ist bei Gegenständen des äußeren Sinnes der Raum, bei denen des inneren die Zeit.
Reine Begriffe
sind bei Kant die zwölf Kategorien, ohne die eine Erfahrung unmöglich ist (s. Kategorien) und die aus diesen Kategorien abgeleiteten Prädikabilien (s. d.). Das
reine Ich
bedeutet bei Kant die transscendentale synthetische Einheit der Apperzeption (vgl. Ich). Kants gesamte Erkenntnistheorie wurzelt in dem Gedanken, daß reine Erkenntnis möglich und nachweisbar sei. Im trat bei Lebzeiten namentlich, den Standpunkt des Empirikers verteidigend, C. G.
Seile
mit seiner Schrift,
Grundsätze der reinen Philosophie
, Berlin 1788, entgegen. Von den späteren Philosophen muß namentlich
Comte
(1798-1857) als Gegner der Lehre von der reinen Erkenntnis gelten. Auch die Gegenwart verwirft den rationalistischen Standpunkt Kants. –
Reines Denken
ist bei J. G.
Fichte
(1762-1814) und Hegel (1770-1831) das Denken, welches nur sich selbst, den »immanenten Inhalt der formbildenden Bestimmungen«, und insofern das Sein selbst zum Objekt hat. – Die schroffe Isolierung der Vernunft von der Erfahrung, wie sie sich bei Kant und seinen Nachfolgern in der Idee der Reinheit findet, ist keine glückliche Wendung der Philosophie gewesen. Die Trennung des Erfahrungswissens von dem Vernunftwissen ist eine Zerreißung der natürlichen Tätigkeit des Menschen; die nicht der Wirklichkeit entspricht und zur einseitigen Überschätzung der spekulativen Vernunfttätigkeit führt.
Reiz
Reiz
nennt man einen Vorgang an einem Organismus, durch den irgend eins seiner Organe in Tätigkeit gesetzt wird. Nach den Haupttätigkeiten des Organismus unterscheidet man
vegetative, funktionelle
und
formative
Reize, je nachdem sie auf die Ernährung, Funktion oder Fortpflanzung gehen. Den äußeren Reizen stehen die inneren gegenüber. Jene treffen die Sinnesnerven, diese gehen vom Zentralorgan aus. Übrigens wissen wir bis jetzt nur, daß sich bei Reizung der Nerven gewisse Veränderungen der elektrischen Nervenströme zeigen; worauf aber jene Reizung selbst beruht und in welchem Verhältnis sie zur Empfindung steht, wissen wir nicht. Jede Sinnesempfindung ist zwar das Resultat einer Wechselwirkung zwischen Vorgängen und Reaktionen; aber zwischen beiden ist weder Identität, noch Verwandtschaft, noch Analogie vorhanden. Vgl. Sinne; Innervation.
Reizbarkeit
Reizbarkeit
(Irritabilität) nennt man die allen lebenden Körpern eigene Fähigkeit, durch gewisse Reize in Tätigkeit gesetzt zu werden. In erster Linie ist diese an die Nerven gebunden; doch reagieren auch die Muskeln auf Reize; selbst an den Hüllen der Blutkörperchen hat man Reizbarkeit beobachtet. Und nicht bloß die Tiere, auch manche Pflanzen, z.B. Mimosa, Dionaea, haben solche Reizbarkeit. Vgl. Pflanzenseele. – In moralischem Sinne bedeutet Reizbarkeit das überspannte Gefühl, infolgedessen Lust und Unlust über den vorhandenen Zustand zu leicht wechseln.
reizend
reizend
bedeutet einen niederen, mehr physisch als geistig anregend wirkenden Grad der Schönheit. Das Reizende gefällt leichter, schneller, häufiger als das Schöne. Es ist verständlich für die Massen und erweckt Neigung, aber es erhebt und bildet nicht.
Schopenhauer
(1788-1860) nennt es dasjenige, was den Willen dadurch aufregt, daß es ihm die Gewährung unmittelbar vorhält. Es ziehe den Beschauer aus der Kontemplation herab. Es sei daher der Kunst unwürdig.
Reizhöhe
Reizhöhe
heißt bei
Wundt
(geb. 1832) die obere Grenze, über die hinaus eine Steigerung der Reizstärke die Intensität der Empfindung nicht mehr zunehmen läßt (Grundz. d. physiol. Psychologie I S. 341).
Reizschwelle
Reizschwelle
heißt bei
Wundt
(geb. 1832) die untere Grenze, diesseits deren die Reizbewegung zu schwach ist, um eine wirkliche Empfindung zu verursachen (Wundt, Grundz. d. physiol. Psychol. I S. 341).
Relation
Relation
(lat. relatio v. refero = beziehen) heißt Beziehung oder Verhältnis. Die einfachsten Relationen gehören zu den Kategorien (s. d.). In der physischen Welt stehen alle Dinge in Relation, und wir erkennen an den Dingen nur ihre Relationen. Ebenso stehen aber auch psychische Bestandteile des Bewußtseins, ferner Begriffe in Verhältnis zueinander. (Relationsbegriffe oder Korrelate). Dasselbe gilt auch von Urteilen (z.B. beim Schließen) und Schlüssen, vgl. Episyllogismus. Der Relation nach unterscheidet man seit Kant (1724-1804) die Urteile in kategorische, hypothetische und disjunktive.
relativ
relativ
, der Gegensatz von absolut, ist das nur beziehungs- oder verhältnisweise Bestimmte und Gültige. Jede Größe ist z.B. relativ, d.h. relativ groß im Vergleich zu diesem, aber relativ klein zu jenem. Relative
Begriffe
sind demnach solche, die erst aus Vergleichung eines Objekts mit einem anderen entspringen.
Religion
Religion
, (lat. religio) aus dem Lat. seit dem 16. Jahrhundert entlehnt, abgeleitet von
relegere
(Cic. de nat. deor. 2, 28, 72 Qui – omnia, quae ad cultum deorum pertinerent, diligenter retractarent et tamquam relegerent, sunt dicti religiosi ex relegendo, ut elegantes ex eligendo, itemque ex diligendo diligentes, ex intelligendo intelligentes),
nicht von religare
(wie Lactantius, Institut. IV, 28 annimmt: Vinculo pietatis obstricti deo et religati sumus), heißt das Verhalten des Menschen zur Gottheit. Die Religion besteht weder allein in einem Fühlen, noch in einem bloßen Wissen, noch im bloßen Handeln des Menschen; sie beruht vielmehr auf einem Zusammenwirken aller geistigen Funktionen des Menschen. Der Mensch fühlt sich von einer höheren Macht abhängig, erkennt dieselbe als seinen Lebensgrund und bemüht sich durch sein sittliches Leben, die Sammlung seines Gemütes und den Kultus, sich mit ihr zu vereinigen. Wo die Religion dagegen nur als Wirkung des einen oder des anderen Seelenvermögens angesehen wird, entsteht eine Einseitigkeit der Auffassung. So legten die Gnosis, der Dogmatismus und Hegel mehr oder weniger einseitig den Schwerpunkt auf die Lehre; das Judentum, der Katholizismus und der Rationalismus auf die Werke; der Mystizismus, Quietismus und Pietismus auf das Gefühl.
Einseitig und darum nicht haltbar sind auch viele der älteren
Definitionen
der Religion. So nennt
Platon
(427 bis 347) die Frömmigkeit
hosiotês
das Gerechtsein gegen die Götter,
Locke
(1632-1704) definiert die Religion als Gehorsam gegen Gott,
Spinoza
(1632-1677) als Gehorsam gegen die durch Verheißung und Drohung verpflichtende Autorität,
Kant
(1724-1804) als Ehrfurcht gegen den Urheber der Sittengesetze oder als Anerkennung unserer Pflichten als göttlicher Gebote.
Fichte
(1762-1814) identifizierte ursprünglich Moral und Religion (als glaubendtätiges Ergreifen des Übersinnlichen); die Religion ist ihm der Glaube an eine moralische Weltordnung oder der Glaube an das Gelingen der guten Sache. Später definiert er sie als den konzentrierenden Gesamtbesitz der Gesetze des Heiligen, Guten und Schönen in harmonischer Grundstimmung des Gemüts.
Schopenhauer
nannte die Religion die Metaphysik des Volkes.
Schelling
(1775-1864) dagegen charakterisiert sie als das von einem seligen Gefühle begleitete Anschauen des Unendlichen in seinen endlichen Erscheinungen oder die Vereinigung des Endlichen mit dem Unendlichen. Aber erst
Schleiermacher
(1768-1834) hat das Verdienst, ihr Wesen in das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit von Gott gesetzt zu haben.
Hegel
(1770-1831) dagegen setzte es einseitig intellektualistisch in die Erhebung des subjektiven Bewußtseins aus seiner natürlichen Gebundenheit zur Selbstbeziehung auf sein wahres Wesen als absoluten Geist. Je nach der Individualität wird man jenes Moment der Abhängigkeit oder dieses der Freiheit betonen. Nach
Pfleiderer
(geb. 1839) ist die Religion das Suchen und Finden einer dem Menschen überlegenen und ihm zugleich verwandten Geistesmacht in der Welt.
Daß in den Anfängen der Entwicklung der Religion bei den Menschen weder allgemein der
Fetischismus
(s. d.) noch der vollkommene
Monotheismus
(s. d.) gestanden habe, ist wahrscheinlich. Der Bildungsstand der früheren Menschen verbietet jene Annahme, das Gesetz der Entwicklung diese. Vielmehr war wohl
Henotheismus
(s. d.) vielfach die Urreligion. Schwer ist es überhaupt, ihren Ursprung zu bestimmen. Die Versuche, diesen bloß aus äußeren Einflüssen abzuleiten, sind mißlungen, so a) der
Euhemerismus
(Euhemeros, Philon v. Byblos, Porphyrius), der geschichtliche Vorgänge und Personen in transscendente Ideale umgesetzt werden läßt; b) der
soziale Pragmatismus
(Hobbes, Bolingbroke), der die Religionen aus der egoistischen Berechnung pfiffiger Priester oder Tyrannen erklärt; c) der
anthropomorphistische Naturalismus
(Epikur, Hume, v. Hellwald), welcher annimmt, die Menschen hätten gesetzmäßige und außerordentliche Naturvorgänge personifiziert; d) der
ethnologische Utilitarismus
(Dühring), der die Religion als die phantasiemäßige Verkörperung der Institutionen eines Volkes betrachtet; e) die
linguistisch
-
mythologische
Theorie (Max Müller), die die religiösen Vorstellungen aus der Wandelbarkeit der Sprache ableitet. (Andere Entstehungstheorien siehe z.B. bei
Runze
Katechismus der Dogmatik. 1893. § 16.)
Man muß bei der Untersuchung des Ursprungs der Religion zunächst ihren subjektiven Ursprung aufsuchen, und hierbei zeigt sich, daß die Motive, die zur religiösen Auffassung der Welt führen, mannigfaltige sind. Im Gemüt entsteht das Gefühl der Abhängigkeit von der gewaltigen Natur, der Eindruck, den die Harmonie des Weltganzen auf uns macht, die Sehnsucht nach Vollkommenheit, die Verehrung der Abgeschiedenen und Helden (Seelen- und Ahnenkult). Zu diesen Motiven kommen
moralische Motive
: Die Liebe zum Mitmenschen läßt einen alle liebenden Vater ahnen, das Gewissen führt zur Annahme einer sittlichen Weltordnung, der Zwiespalt zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Lebenswandel und Schicksal, zwischen Streben und Erfolg lassen einen Ausgleich durch ein Göttliches fordern. Auch die
Phantasie
, durch die Natur angeregt, betätigt sich symbolisierend und mythenbildend, sie legt den Naturvorgängen menschliche Eigenschaften bei und hypostasiert die Erfahrungen des eigenen Bewußtseins, sie betrachtet den Naturverlauf als Abbild eines übernatürlichen Vorganges, mag derselbe ein übergeschichtlicher oder ein in der Vorzeit geschehener sein. Endlich tritt auch der Verstand in Wirksamkeit, indem er eine letzte Ursache der Dinge sucht und hierdurch auf das Göttliche schließt. Er macht den Schluß vom Vorhandenen auf einen Urheber, von Glück und Unglück auf den Geber desselben, von der Persönlichkeit des Menschen auf diejenige Gottes; er abstrahiert von den Einzeldingen die Substanz, von der Vielheit des Bedingten das Absolute, von der eigenen Vernünftigkeit die objektive Vernunft; er erhebt sich durch die eigene Art nach Zwecken zu fragen und zu handeln zur realen Zweckmäßigkeit. Die so erworbene
subjektive
Religion (Religiosität) wird zur
objektiven
, indem z.B. die Religiosität des Familienhauptes von seinen Angehörigen angenommen wurde und sich allmählich zur Stammes- und Volksreligion erweiterte. Die Verschiedenheit der geschichtlichen Religionen erklärt sich aus den Einflüssen des Klimas, der Bodenbeschaffenheit und der Nationalität sowie aus dem Charakter der Religionsstifter und Reformatoren.
Religion bestimmt sich hiernach zusammenfassend als die Hingabe des Menschen an die Gottheit: sie entspringt aus dem Gefühl der Abhängigkeit, stützt sich auf die Erfahrung und Wissenschaft und betätigt sich in einem vernunftgemäßen, d.h. sittlichen Leben und besonderen Formen. Sie beseligt den Menschen in der Überzeugung, mit Gott im Verkehr zu stehen, demütigt ihn im Glück, erhebt ihn im Unglück, gibt dem Streben des Menschen ein Ziel und seiner Arbeit eine Zukunft.
Eingeteilt
werden die Religionen I. nach dem
Gegenstande
der Gottesverehrung, und zwar a)
quantitativ
in heno-, poly- und monotheistische; b)
qualitativ
in natürliche (Natur- und Geschichtsreligionen) und positive. II. Nach dem
Standpunkte des Subjekts
, und zwar a) nach dem Gefühl der Freiheit oder Abhängigkeit in
fatalistische
und
teleologische
; b) nach dem Verhältnis zu Gottes Sein:
Immanenz
– und
Transscendenzreligionen
; c) nach der Selbstbetätigung: in
asketische
und
soziale, kontemplative
und
praktische, esoterische
und
exoterische
. Vgl. Offenbarung, Frömmigkeit, Gott, Polytheismus usw. – C.
Schwarz
, d. Wesen d. Rel. 1847.
Schleiermacher
, Reden ü. d. Rel. 1799.
Fichte
, Kritik aller Offenbarung 1792.
Pfleiderer
, das Wesen d. Rel. 1869.
Seydel
, d. Rel. und die Religionen 1872.
Religionsphilosophie
Religionsphilosophie
ist die philosophische Wissenschaft von der Religion; sie hat deren Ursprung, Wesen, Inhalt und Bedeutung zu untersuchen. Als denkende, wissenschaftliche Betrachtung der Religion faßt sie dieselbe im Zusammenhang mit allen übrigen Erscheinungen des Menschengeistes auf. Sie will nicht bloß eine Phänomenologie des religiösen Bewußtseins, d.h. eine Übersicht der verschiedenen Religionen sein, sondern sie will begreifen lehren, was und warum Religion ist, wie dieselbe mit der Natur des Menschen und seiner Stellung im Weltall zusammenhängt, wie und weshalb sie bei diesem Volke so, bei jenem anders wurde. Als spekulative Religionserkenntnis will sie den religiösen Erfahrungsstoff durch logische Bearbeitung desselben mit der Vernunft durchdringen und zu einem begriffenen Inhalt unseres Denkens erheben. – Hieraus ergibt sich ihre
Methode
: Sie versucht von der historischen Überlieferung auszugehn und von dort aus die Entstehung, Fortbildung und Wandlung der religiösen Vorstellungen und Bräuche zu verfolgen. Da sie aber nicht bloß Religionsgeschichte ist, sucht sie das allgemeine Wesen, das innere Prinzip der Religion, den religiösen Geist zu erkennen. Dieser aber stellt sich sowohl in den objektiven Religionen als auch im religiösen Leben des einzelnen Subjekts dar. Beider Seiten bedarf der Religionsphilosoph zur gegenseitigen Vergleichung. Daher hat die Religionsphilosophie nach möglichst inniger Durchdringung der psychologischen, spekulativen und historischen Untersuchung zu streben. Nachdem sie das religiöse Bewußtsein und die religiöse Erkenntnisart analysiert hat, betrachtet sie die geschichtlichen Einzelerscheinungen, aber so, daß sie das ihnen zugrunde liegende geistige Prinzip aus den Zufälligkeiten herausschält. So gewinnt sie ohne subjektive Dialektik durch sachgemäßes Vorgehen allmählich, also auf genetisch-spekulativem Wege den Wahrheitskern der Religionen. Nichts liegt ihr ferner, als an Stelle der Religion etwa ein philosophisches System abstrakter metaphysischer Begriffe setzen zu wollen. Das philosophische Denken kann die Religion weder erzeugen noch ersetzen; denn beide sind ganz verschiedene Funktionen. Weder die Fähigkeit noch das Bedürfnis, religiös zu empfinden, wird durch das philosophische Wissen alteriert, sondern nur die Art, wie sich die religiöse Empfindung in der theoretischen Weltansicht reflektiert.
Die
Geschichte
der Religionsphilosophie geht mit derjenigen der Philosophie überhaupt Hand in Hand. Im engeren Sinne beginnt sie mit Fichtes »Kritik aller Offenbarung« 1792 und Kants »Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft« 1793. Dann folgt
Schleiermacher
mit seinen »Reden« 1799 und
Schellings
, »Philosophie und Religion« 1804, ferner F. H.
Jacobis
, »Von den göttlichen Dingen« 1811, Hegels, »Philosophie der Religion« 1831. Vgl.
Biedermann
, »Die freie Theologie« 1844.
Pfleiderer
, Religionsphilosophie. 3. Aufl. Berl. 1896. E. v.
Hartmann
, »Das religiöse Bewußtsein« 1881; »Die Religion des Geistes« 1882. Vgl. auch Goethes Gedicht »Die Geheimnisse« 1784.
Religiosität
Religiosität
heißt die subjektive Religion oder die Frömmigkeit (s. d. W.).
Reproduktion
Reproduktion
(vom lat. re- und producere, wiedererzeugen = Wiedererzeugung) nennt die
Physiologie
den Kreislauf von Stoffen, durch den der lebende Organismus fortwährend schrittweise erneuert wird, indem neue
Gebilde
an Stelle der durch den Lebensprozeß abgenutzten treten. – In der
Psychologie
bedeutet es die Erneuerung und Wiederkehr früherer Vorstellungen durch das Bewußtsein. Keine Reproduktion erneuert eine frühere Vorstellung unverändert. Die
unmittelbare
, d.h. gleichsam spontane Reproduktion verknüpft Gleichartiges, die
mittelbare
, durch Hilfen vermittelte, Gleichzeitiges. Jene bildet den logischen, diese den mechanischen Faktor des Vorstellungsverlaufs; jene betätigt sich bei den Schöpfungen des Genies und der wissenschaftlichen Arbeit, diese dagegen bei gewohnheitsmäßiger Beschäftigung und beim Gespräche. Die Reproduktion erfolgt nach den Gesetzen der Assoziation (s. d.). Unterarten der Reproduktion sind das Gedächtnis, die Erinnerung, das Memorieren und die Phantasie. Es ist nicht leicht zu erklären, worauf sie eigentlich beruhe. Die materialistische Deutung, die sich selbst bei Platon, Descartes, Malebranche und Locke findet, wonach stoffliche Residuen, Spuren oder Furchen im Gehirn die Ursache seien, ist überwunden. Ebensowenig genügt die Erklärung Herbarts, welcher den Vorstellungen Selbstbestimmung beilegt, kraft deren sie frei steigen, sich hemmen und verschmelzen. Der eigentliche Grund der Reproduktion ist die von den aktuellen Vorstellungen ausgehende assoziative Wirkung (
Wundt
, Grundz. d. physiol. Psychologie. II, S. 395). Vgl. Gedächtnis, Erinnerung, Assoziation, Vorstellung. – Natürlich kann man auch eine Reproduktion der Gefühle und Begehrungen beobachten.
Repulsivkraft
Repulsivkraft
heißt Abstoßungskraft (s. d.).
Res de re praedicari non potest
Res de re praedicari non potest
, eine Sache läßt sich von der anderen nicht aussagen, ist der dem
Abälard
(1079 bis 1142) zugeschriebene Grundsatz des Nominalismus (s. d.), wonach das Allgemeine das von mehreren Dingen Prädizierbare, folglich kein Ding ist. Vgl.
Johannes Salisberensis
. Metalog. II, 17. H.
Hayd
, Abälard u. s. Lehre. 1863.
Reservatio mentalis
Reservatio mentalis
(nlt.) heißt Gedankenvorbehalt. Siehe Mentalreservation.
Resignation
Resignation
(mlat.), Selbstverzicht, heißt die Uneigennützigkeit, welche auf das eigene Glück verzichtet, um anderen zu nützen. Muster dieser sittlichen Selbstüberwindung sind der arme Heinrich, der heil. Alexius u.a. Der Unterschied zwischen der stoischen und christlichen Resignation besteht darin, daß jene sich apathisch in das Unabänderliche, diese sich gehorsam in Gottes Willen schickt. Auch die Kyniker übten Resignation, aber aus Eitelkeit. Schopenhauer empfiehlt sie als sichersten Weg zur Seligkeit.
resolut
resolut
(lat. resolutus = losgelöst, frei von Zweifel, von resolvo = loslösen) heißt derjenige, der schnell zu einem Entschluß kommt.
Restriktion
Restriktion
(lat. restrictio, von restringo) heißt die Einschränkung eines Begriffs oder Urteils auf einen kleineren Umfang;
restriktiv
heißt einschränkend.
Reue
Reue
(mhd. riuwe, eigtl. Schmerz, Kummer) nennt man die Unlust, die man über einen begangenen Fehler empfindet und aus der der Wunsch entspringt, ihn nicht begangen zu haben, ihn künftig zu meiden und ihn wieder gutzumachen. Wir bereuen gewöhnlich, was uns Unheil gebracht hat; manches bereuen wir aber auch, trotzdem es uns keinen Schaden, ja vielleicht Vorteil gebracht hat, weil wir es als Unrecht erkennen. Die Reue gehört zu den peinigendsten Gefühlen. Weder Zerstreuung, noch Vernunftgründe, noch Askese helfen dagegen etwas; nur die Zeit und die emsige Arbeit lindern sie; doch bricht in tieferen Naturen die Reue immer wieder hervor. Es besser zu machen ist jedenfalls die beste Reue.
Schopenhauer
(1788 – 1860) lehrt, die Reue entspringe nie daraus, daß der Wille, sondern daraus, daß die Erkenntnis sich geändert habe. Wir bereuten deshalb nie, was wir gewollt, wohl aber, was wir getan hätten, weil wir, durch falsche Begriffe geleitet, etwas taten, das unserem Willen nicht gemäß war. Die Einsicht in diesen Irrtum sei die Reue. Immer sei sie die berichtigte Erkenntnis des Verhältnisses der Tat zur eigentlichen Absicht. Doch ist diese Auffassung Schopenhauers kaum haltbar; sie ist nur eine Konsequenz seiner metaphysischen Willenslehre und fällt zugleich mit dieser. –
Gewissensangst
dagegen ist nicht Reue, sondern Schmerz, welcher aus der Erkenntnis unser selbst, unserer sittlichen Schwäche fließt. Vgl. Gewissen.
Rhythmus
Rhythmus
(gr.
rhythmos
) heißt die taktmäßige und abgemessene Bewegung, bei der im Wechsel miteinander in gleichen Zeitabständen gleiche Zustände oder Vorgänge wiederkehren. Die Körperbewegungen des Menschen verlaufen zum Teil rhythmisch, so von den physischen die Herz- und Atembewegung, von den psychophysischen die natürliche Gangbewegung. Dem Menschen wohnt daher ein natürliches Wohlgefallen am Rhythmus inne, und es ist für ihn ein Bedürfnis, anhaltende gleichmäßige Bewegungen rhythmisch zu gliedern. So arbeiten Schmiede, Steinsetzer, Drescher, Ruderer usw. am liebsten nach dem Takte; ebenso marschiert man flotter nach Musik oder Gesang. Selbst dem Geräusch schieben wir gern rhythmische Form unter, teils weil diese die Auffassung erleichtert, teils weil sie dem Interesselosen Interesse verleiht. Besonders aber verwendet den Rhythmus die Musik und die Poesie; hier ist er der regelmäßige Wechsel der in Zeitdauer und Tonstärke verschiedenen Töne und Silben. Verbindet sich hiermit auch regelmäßiger Wechsel der Tonhöhen, so geht der Rhythmus in die Melodie über. – Es gibt auch einen Rhythmus der
Gefühle
, der in dem regelmäßigen und dadurch wohlgefälligen Fluß derselben besteht.
richtig
richtig
(korrekt) heißt eigentlich dasjenige, was nicht von der Richtung abweicht, was einer Richtschnur entspricht, dann das Regelmäßige.
Im logischen Sinne
ist es das in sich Widerspruchslose. Die logische Richtigkeit ist eine Art der Wahrheit, aber nur die
formale
; sie besteht nur in der Übereinstimmung des Denkens mit sich selbst, während die
materiale
Wahrheit auf der Beziehung desselben zu dem Sein beruht. – Mancher Gedanke kann daher logisch (formal) richtig sein, während er material ungültig, d.h. falsch ist; z.B. der Schluß: »Alle Vögel fliegen – der Strauß fliegt nicht – folglich ist er kein Vogel.« Hier ist der Obersatz des logisch richtigen Schlusses falsch. Dagegen kann kein Gedanke (material) wahr sein, der (formal) unrichtig ist. Richtig ist daher ein Urteil, in welchem dem Subjekt dasjenige Prädikat beigefügt wird, das ihm zukommt. Man kann auch subjektive und. objektive Richtigkeit unterscheiden. Bei jener liegt die Norm im urteilenden Subjekt selbst, bei dieser im Zusammenhang der Dinge. Die Wissenschaft, welche die richtigen allgemeinen Denkformen von den unrichtigen unterscheiden lehrt, ist die Logik (s. d.). Vgl. Evidenz, Wahrheit, Urteil.
Richtungstäuschungen
Richtungstäuschungen
finden sich häufig vor, indem z.B. eine mit ihrem oberen Ende um 1-3° nach auswärts geneigte aufsteigende Linie vertikal, und eine in Wirklichkeit vertikale Linie mit ihrem oberen Ende nach innen gekehrt zu sein scheint. Da diese Täuschung für jedes Auge eine entgegengesetzte Richtung hat, so verschwindet sie im zweiäugigen Sehen. Sie entspringt aus der Tatsache, daß sich die Abwärtsbewegungen der Augen unwillkürlich mit einer Zunahme, die Aufwärtsbewegungen mit einer Abnahme der Konvergenz verbinden. Vgl.
Wundt
, Grundriß der Psychol. S. 144.
Rigorismus
Rigorismus
(nlat. v. lat. rigor = Starrheit) nennt man die strenge Anwendung eines allgemeinen Gesetzes ohne Rücksichtnahme auf den Einzelfall. Besonders spricht man von einem, moralischen Rigorismus, welcher dem Menschen nur Pflichterfüllung abverlangt, jede unschuldige Lebensfreude verbietet und ihm das Trachten nach Glückseligkeit, sowohl für die Gegenwart, als auch für die Zukunft, versagt. Rigoristen waren die Stoiker, Schammai, die Montanisten und Pietisten, ebenso Kant. Dem Rigorismus steht die Ansicht der Indifferentisten, Synkretisten und Latitudinarier (s. d.) gegenüber. Vgl. Indifferentismus, Synkretismus.
roh
roh
heißt eigentlich das, was so beschaffen ist, wie es von Natur ist, dann unbearbeitet (roher Stein), unkultiviert, unerzogen. Ein roher Mensch übertritt die Gesetze des Anstandes und der Moral entweder, weil er sie nicht kennt, oder weil er sie verachtet. Jene Art von Roheit ist die Unbildung, diese die Unsittlichkeit. Vgl. Kultur, Bildung, Erziehung.
rührend
rührend
(eigtl. bewegend) heißt dasjenige wirkliche oder nur in der Darstellung der Kunst gegebene Leiden, welches uns zum sanfteren Mitleid bewegt. Während das Pathetische kräftigere Gefühle weckt, wiegt beim Rührenden die weichere Empfindung vor. Rührend ist z.B. die schöne, wahnsinnige Ophelia in Shakespeares Hamlet, rührend der schuldlose Königssohn Arthur in Shakespeares König Johann, der den harten Hubert anfleht, ihm nicht die Augen auszubrennen. Das Rührende ist in der Kunst nicht zu verwerfen; aber es gerät leicht ins Rührselige und Tränenreiche (Sentimentale) und schlägt dann wie das Erhabene ins Lächerliche um. So wirken z.B. die fortwährenden Ausrufe des Schmerzes und die Tränen in Klopstocks Lyrik komisch. Das nur Rührende löst uns auf, macht uns schwach und bringt uns zum Weinen. Freilich wirkt es nicht auf alle. Es gehören vielmehr Empfindungsvermögen, Phantasie und eine gewisse Naivität dazu, um überhaupt gerührt zu werden. Der rohe, der abgehärtete und der blasierte Mensch wird selten gerührt; der sich selbst beherrschende will nicht gerührt erscheinen, weil er es fälschlich für Schwäche ansieht. Kinder und Frauen werden leichter gerührt als Männer, weil jene lebhafter empfinden und vorstellen.
Ruhe
Ruhe
, das Gegenteil der Bewegung (s. d.), ist das Beharren an demselben Orte oder, auf Lebendes übertragen, die andauernde Untätigkeit. Ruhe an sich kann nicht gefühlt werden, sondern nur als Gegensatz von Tätigkeit. Absolute Ruhe gibt es nirgends in der Natur.
Ruhm
Ruhm
ist der höchste Grad der Ehre, die Anerkennung unseres Wertes durch viele Menschen und durch lange Zeiten. Er ist die räumliche und zeitliche Ausbreitung unseres Namens. Ruhm erwächst aus großen Taten oder Werken, die dem Charakter oder dem Genie entspringen. Mit der äußeren Ehre gemein hat der Ruhm die Relativität; denn er beruht auf der Vorstellung, welche andere von uns haben; er hängt von dem Abstand zwischen jenen und uns ab. In dem Moment, wo die übrigen werden wie der Gerühmte, fällt sein Ruhm dahin. Wer im Mittelalter Griechisch kannte, ward als Gelehrter gerühmt; heute ist dies kein Ruhm mehr. Daher hat der Ruhm auch nur relativen Wert. Also ist nicht er selbst das an sich Wertvolle, sondern vielmehr das, wodurch man ihn erwirbt. Er ist nur das Echo, der Schatten des Verdienstes. Auch steht der Ruhm wie die äußere Ehre nicht immer in Einklang mit dem wahren Werte des Menschen. Mancher, der bei Lebzeiten berühmt war, ist bald nach seinem Tode vergessen! Daher sagt
Seume
: »Den Ruhm soll der Weise verachten, aber nicht die Ehre! Nur selten ist Ehre, wo Ruhm ist, und fast noch seltener Ruhm, wo Ehre ist.« Und doch ist auch das
Schillersche
Wort wahr: »Von des Lebens Gütern allen ist der Ruhm das höchste doch« und ebenso das
Klopstocksche
: »Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silberton in das schlagende Herz, und die Unsterblichkeit ist ein großer Gedanke, ist des Schweißes der Edlen wert!« Aber nicht der vergängliche Beifall der urteilslosen Menge, sondern nur die Anerkennung des Edlen und Tüchtigen bringt echten Ruhm, der von der Nachwelt anerkannt und fortgepflanzt wird.
Ruhmsucht
Ruhmsucht
ist gesteigerter Ehrgeiz (s. d.). Diese Leidenschaft läßt das Ehrgefühl zum ethisch gleichgültigen Selbstgefühl herabsinken; man kann sogar durch ehrlose Handlungen berühmt werden (Herostratus, Ephialtes, Henzi). Der Ehrgeizige wünscht anerkannt, der Ruhmsüchtige angestaunt zu werden. Beispiele Ruhmsüchtiger sind: Nero, Peregrinus Proteus u.a. Vgl. Ehrgeiz, Ehre.
Schopenhauer
, Parerga II, 501 f.
S
S
bezeichnet in der Logik das Subjekt eines Urteils und, da der Unterbegriff, eines kategorischen Schlusses bei regelmäßiger Stellung stets als Subjekt im Schlußsatze erscheint, den Unterbegriff im Schlüsse (s. d.). Ferner bedeutet s die einfache Umkehrung (simplex conversio) eines kategorischen Urteils, wobei Quantität und Qualität des Urteils unverändert bleiben. Vgl. Conversion.
Sabäismus
Sabäismus
(v. hebr. Zaba, Heer), Gestirndienst, heißt eine Art des Polytheismus in Ägypten und Arabien.
Sabellianismus
Sabellianismus
ist die auf den römischen Presbyter Sabellius (um 200 v. Chr.) zurückgeführte, in der Mitte des 3. Jahrhunderts in Libyen verbreitete Lehre, nach welcher Gott nicht aus drei Personen besteht, sondern nur in drei Offenbarungsformen (
prosôpa
personae = Darstellungsrollen) hervortritt.
Sache
Sache
(res) bedeutet im Gegensatz zu Person s. a. Ding (s. d.). »Sache ist ein Ding, was keiner Zurechnung fähig ist.« »Ein jedes Objekt der freien Willkür, welches selbst der Freiheit ermangelt, heißt daher Sache.« (
Kant
, Met. d. Sitten I, XXIII.) Eine Sache ist also für Pflicht und Recht nicht empfänglich und darf deshalb auch zum bloßen Objekt und Mittel unseres Handelns gemacht werden. Vom Mißbrauch einer Sache läßt sich nur in dem Sinne sprechen, als dadurch die Rechte anderer verletzt werden;
Sachenrecht
ist daher nicht das Recht der Sachen, sondern das Recht an Sachen, das Recht des Privatgebrauchs einer Sache. Vgl.
Person
.
Sacherklärung
Sacherklärung
(definitio realis), s. Realdefinition.
sachlich
sachlich
, s. objektiv.
Sage
Sage
heißt ein Bericht über eine geschichtliche Begebenheit, in dem sich mit dem Tatsächlichen das Erfundene, mit dem Natürlichen und Begreiflichen das Übernatürliche und Unbegreifliche mischt. Mit dem Gerücht und der Tradition hat die Sage die unbekannte Herkunft gemein; doch ist das Gerücht nur ein schwankendes, vorübergehendes Gerede über ein gleichzeitiges Ereignis, die Tradition eine mündliche oder schriftliche Fortpflanzung einer Nachricht über die Zeit ihres Geschehens hinaus, ohne daß dabei eine Veränderung des wirklich Geschehenen nach bestimmter Richtung stattzufinden braucht. Aus dem Gerücht kann durch Tradition eine Sage werden, wenn Gedächtnis, Phantasie und Volksglaube sich ihrer bemächtigen. Im Andenken an seine großen Männer schmückt die Phantasie eines Volkes deren Taten unbewußt und unabsichtlich aus und erhöht sie über das Menschliche; nur auf die Hauptidee gerichtet, läßt sie Nebenumstände fort, bildet sie um oder schafft völlig andere Lebensverhältnisse. Die Sage wirft willkürlich Personen, Ereignisse, Orte und Zeiten durcheinander, verbindet Götter und Helden, hält aber an bekannten Namen und Orten fest und erzählt nicht zeit- und ortlos wie das Märchen. Während das Märchen poetischer ist, ist die Sage historischer. Sagen, Märchen und Geschichte begleiten den Menschen von heimatswegen als ein guter Engel. Vgl. Deutsche Sagen von den Gebrüdern Grimm. 3. Aufl. 1891. I, S. VII – IX. J.
Braun
, d. Naturgesch. der Sage. München 1864. Vgl. Mythus.
Sanftmut
Sanftmut
heißt die leidenschaftslose Gemütsruhe und freundliche Haltung gegenüber feindseligen Gesinnungen, Worten und Handlungen anderer. Der Sanftmütige beherrscht seine Empfindlichkeit nicht aus Mangel an Gefühl, sondern auf Grund der Ruhe des Gemütes und des Wohlwollens gegen den anderen. Er gerät weder über wirkliche Kränkungen, noch über geringfügige Versehen in Zorn, sondern gibt durch seine ruhige Haltung dem anderen ein besänftigendes Vorbild.
Sânkhyasystem
Sânkhyasystem
(ind.) heißt ein System der indischen Philosophie, das um 500 v. Chr. von Kapila, Pançaçikha und Asari vertreten wurde und dessen Hauptgedanken die Entwicklungstheorie und der Atheismus sind.
Sansâra
Sansâra
(ind.) heißt die unaufhörliche Erneuerung des Daseins, der Kreislauf der Geburten, im Gegensatz zum Nirwana, dem Verwehen, Verlöschen, dem Nichts.
Sarkasmus
Sarkasmus
(vom gr.
sarkazein
= abbeißen) heißt ein bitterer, mit Ironie verbundener Spott, welcher den anderen zu vernichten strebt. Er ist ohne Erbarmen und ist nur die Waffe geistig hochstehender Menschen von bösartigem Charakter.
Satz
Satz
(propositio) nennt man den Ausdruck für einen in unserem Bewußtsein stattfindenden Vorgang, durch welchen zwei oder mehr Vorstellungen in ein solches Verhältnis zueinander gesetzt werden, daß die eine mit der anderen verbunden und die eine durch die andere bestimmt wird. Wie den Vorstellungsformen im wesentlichen die Wortarten entsprechen, so entsprechen den logischen Urteilsformen im wesentlichen die (grammatischen) Satzarten. Sätze enthalten in ihrer einfachen Form eine zu bestimmende Vorstellung, das
Subjekt
, und eine zweite Vorstellung (eine Sache, eine Eigenschaft, eine Tätigkeit, einen Zustand, eine Wirkung usw.), welche mit der ersten verbunden und wodurch die erste Vorstellung bestimmt wird, das
Prädikat
. Der Übergang vom Subjekt zum Prädikat ist eine lebendige Fortbewegung des Bewußtseins von einem zum anderen; ihm entspricht in der Sprache das Verbum finitum oder die Copula, die den aktuellen Prozeß des Denkens wiedergeben und auf denen die Architektonik des Satzes beruht. Indem die Sprache mehrere Sätze mit gemeinschaftlichen Bestandteilen zusammenzieht, erweitert sie die Form des Satzes; die indogermanischen Sprachen haben als Satzteile neben dem Subjekt und Prädikat noch das
Objekt
(d.h. denjenigen Satzteil, welcher einen Gegenstand oder Vorgang bezeichnet, der durch den im Prädikate ausgedrückten Vorgang hervorgerufen oder beeinflußt wird), die
adverbiale Bestimmung
(d.h. denjenigen Satzteil, welcher eine Beschränkung bezeichnet, unter der ein Vorgang stattfindet oder ein Zustand eintritt), und die
attributive Bestimmung
(d.h. die Bestimmung eines Substantivums im Satze). Das Objekt ist aber seinem Wesen nach nichts anderes als eine Art der adverbialen Bestimmung, und darf in einer philosophischen Grammatik nicht als besonderer Satzteil gelten. Durch die Beseitigung des Objektes gewinnt erst die Architektonik des Satzes volle Symmetrie. Mit dem Wesen des Satzes haben sich die alten Philosophen von der Zeit der Sophistik ab beschäftigt.
Platon
(427 bis 347) erklärt den Aussagesatz (
logos
) als die Bekundung des Gedankens durch die Stimme mittels der Worte, in denen er sich gleichsam abpräge. Nach
Aristoteles
(384-322) ist der Satz die Rede, die etwas von einem anderen bejaht oder verneint (Analyt. prior I, 1, p. 24 a 16
protasis men oun esti logos kataphatikos ê apophatikos tinos kata tinos
). Die Stoiker schieden die Arten der Sätze voneinander.
Kant
(1724-1804) will nur ein assertorisches Urteil als Satz bezeichnen.
Steinthal
(1823 bis 1899) bezeichnet den Satz als Ausgangspunkt der Sprachbildung;
Wundt
(geb. 1832) sieht Satz und Wort für gleich ursprüngliche Formen des Denkens an, läßt aber im gewissen Sinne, den Satz als die ursprünglichere Form gelten.
H. Paul
(Prinzipien der Sprachgeschichte, § 85) sieht in dem Satz »den sprachlichen Ausdruck, das Symbol, dafür, daß sich die Verbindung mehrerer Vorstellungen oder Vorstellungsgruppen in der Seele des Sprechenden vollzogen hat, und das Mittel dazu, die nämliche Verbindung der nämlichen Vorstellungen in der Seele des Hörenden zu erzeugen«. Diese Erklärung ist die beste bisher gegebene; aber sie irrt in der Behauptung, daß die Verbindung der Vorstellungen eine schon vollzogene ist, vielmehr ist sie eine sich erst vollziehende. Im Satz liegt das Leben und die Bewegung des Gedankens, nicht aufgespeichertes Gut. Die Satzteile sind zuerst richtig bestimmt von Joh. Werner
Meiner
, Rektor in Langensalza, in seinem Versuch einer an der menschlichen Sprache abgebildeten Vernunftlehre der philosophischen und allgemeinen Sprachlehre. Leipzig 1781. Hierauf hat
Adelung
(1732-1806) die Satzlehre ausgebaut.
Scepticismus
Scepticismus
, s. Skepsis, skeptische Tropen.
Schadenfreude
Schadenfreude
heißt die Lust an fremdem Unglück. Dieser verwerfliche Affekt hat drei Stufen: die erste, am meisten entschuldbare, ist die Freude, sich von der fremden Unlust frei zu wissen. Diese Art Schadenfreude empfindet man selbst geliebten Personen gegenüber, und in ihr liegt der Reiz und Anstoß zum Mitleid (the luxury of pity, wie Spencer sagt). Wir fühlen uns erhaben über den, welchen wir bemitleiden. Schlimmer als diese echt menschliche, wenn auch für sich nicht sittliche Schadenfreude ist das Vergnügen über das Übel, welches unseren Feind trifft. Diese Schadenfreude ist das Kind des Hasses. Wir gönnen dem Feinde das Übel geradezu, weil wir ihn hassen, und kein Mitleid mischt sich mildernd ein. Der Haß entschuldigt jene, soweit Erklärung als Entschuldigung gelten kann; er kann als ein Grund für die Denkweise, wenn auch als ein verwerflicher, gelten. Geradezu boshaft, ja teuflisch aber ist die dritte Stufe der Schadenfreude, welche in Grausamkeit übergeht, und die entsteht, wenn der Mensch, bloß um sich an fremder Unlust zu freuen, gegen andere, die ihm gar nichts getan, direkt tätlich vorgeht. Sie ist z.B. da vorhanden, wo jemand einen Blinden absichtlich zu Falle bringt, einen Fremden irreführt, auf Menschen Hunde hetzt u. dgl. m. Diese Schadenfreude nennt
Kant
(1724-1804) qualifiziert,
Schopenhauer
(1788-1860) ein antimoralisches Motiv.
Nietzsche
(1844-1900) lobt sie. Der junge Don Carlos ( 1568) und Iwan der Schreckliche ( 1584) besaßen z.B. diese Schadenfreude. Vgl. Neid, Mitgefühl.
Scham
Scham
bedeutet zunächst die Unlust, welche aus der Unbedecktheit gewisser Körperteile entspringt, dann in weiterer Bedeutung das Mißvergnügen über irgend eine Unvollkommenheit der eigenen Person, welches die Vorstellung in sich einschließt, von anderen darum verachtet zu werden. Diese Furcht vor Schande kann sich entweder bloß auf die äußere Ehre beziehen und hat dann nur geringen Wert, oder sie entsteht aus dem Absehen vor dem Schlechten und hat dann höheren Wert. In diesem Falle schämt sich der Mensch, weil seine innere Ehre leidet oder in Gefahr ist, zu leiden; er empfindet Mißvergnügen, weil er etwas Tadelnswürdiges, und wäre es auch nur ein schlechter Gedanke, an sich wahrnimmt. Die Furcht vor äußerer Schande erzeugt oft falsche Scham, d.h. die Neigung, sich solcher Dinge zu schämen, die an sich notwendig und gut, aber bei gewissen Leuten verrufen sind. Die wahre Scham dagegen leitet nicht irre und fällt mit Ehrgefühl und Gewissenhaftigkeit zusammen; der Mensch schämt sich vor sich selbst, vor seinem besseren Ich, vor Gott. Lieber erträgt er Schmach und Schande vor den Menschen, als daß er etwas gegen sein Gewissen täte. (Vgl. Schillers Jungfrau von Orleans und E. v. Wildenbruchs Claudia.)
schamhaft
schamhaft
nennt man denjenigen, welcher eine feine Empfindung für das Wohlanständige hat und daher ängstlich alles vermeidet, was (in Worten und im Benehmen) der Sittsamkeit zuwider ist. Er sucht nicht nur in seinen Äußerungen, sondern auch in seinen Gedanken keusch und züchtig zu sein und besonders alle lüsternen Phantasien und Begierden ernsthaft zu bekämpfen.
schamlos
schamlos
nennt man sowohl den, der die Sitte, als auch den, der die Sittlichkeit frech verletzt, weil er gegen Ehre und Schande gleichgültig ist.
Schande
Schande
heißt die schlechte Meinung, die andere von unserem Wert, besonders dem moralischen, haben. Wie bei der Ehre, dem Gegenteil der Schande, haben wir auch hier
äußere
und
innere
Schande zu unterscheiden. Jene ist das verwerfende Urteil, welches die Welt über uns fällt, diese die Verurteilung durch unser Gewissen. Die Schande vor den Menschen, kann wohl mit Ehre vor uns selber verbunden sein. Ob uns etwas innerlich zur Schande gereiche oder nicht, hängt daher allein vom Gewissen ab. So dachten die Märtyrer, so Sokrates, Huß und Galilei u.a. Vgl. Ehre.
Scharfsinn
Scharfsinn
(sagacitas) nennt man diejenige Kraft des Geistes, welche die einzelnen Vorstellungen deutlich zu unterscheiden, die Teile und Merkmale eines Begriffs klar zu denken und bis zu ihren letzten Zusammenhängen, Ursachen, Gründen und Zwecken zu verfolgen vermag. Ein Begriff ist um so vollkommener, je bestimmter sein Inhalt zum Bewußtsein kommt und je schärfer er sich von allem, was nicht dazu gehört, absondert. Jenes ist seine Deutlichkeit, dies seine Klarheit. Auf der Deutlichkeit der Begriffe beruht also vor allem der Scharfsinn. Doch hat der Scharfsinn es im besondern nur mit den abstrakten und spekulativen Begriffen zu tun. Er beruht auf Anlage, kann aber durch Schulung gesteigert werden. Ohne ihn ist keine wissenschaftliche Erkenntnis möglich, wenn er auch allein keine wissenschaftliche Leistung zustande bringen kann. Von eminentem Scharfsinn waren
Aristoteles, Newton
und
Kant
.
Schein
Schein
bedeutet zunächst einen
Lichtglänz
, z.B. Sonnen-, Mondenschein u. dgl., dann das
Bild
des Wirklichen und endlich den Gegensatz zum Wirklichen, die
Täuschung
. Man kann zwischen subjektivem und objektivem, metaphysischem und logischem Schein unterscheiden. Der
subjektive
Schein beruht auf einem falschen Schlüsse von der Folge auf den Grund, indem man entweder einen Grund setzt, den eine Erscheinung überhaupt nicht haben kann, oder indem man behauptet, daß sie ihn überall und stets habe. Übereilung oder Mangel an Urteil und beschränkte Kenntnis der Verhältnisse veranlassen diesen Irrtum. – Oft aber liegt ein objektiver Schein vor, nämlich da, wo man den Irrtum als solchen erkennt, ihn aber nicht verbessern kann, weil er gleichsam an den Gegenständen zu haften scheint. Hierher gehören die Sinnestäuschungen, bei denen der Schein ganz individueller Natur ist. Entweder sind die Sinnesorgane in eine ungewöhnliche Lage gebracht, oder sie sind krank, oder ihre Energie wird durch einen ganz ungewöhnlichen Reiz hervorgerufen. Ferner gibt es einen sinnlichen Schein, der sich ohne krankhafte Affektion der Organe aufdrängt, z.B. die scheinbare Größe entfernter Gegenstände (optischer Schein). Auf dem objektiven Schein beruht auch die Wirkung der Künste, besonders der Malerei, Musik und Poesie. (Vgl. Illusion.) – Der
metaphysische
(
transscendentale
) Schein ist die unserem Wesen notwendige und doch falsche Vorstellung von der Welt, die entsteht, indem wir Ideen für Wirklichkkeit, Subjektives für Objektives, Vorstellungen für Dinge nehmen. Ihn zu berichtigen ist die Aufgabe der Philosophie, insbesondere der Metaphysik. – Unter
logischem
Schein endlich versteht man die Ableitung formell richtiger Folgerungen aus falschen Voraussetzungen oder falscher Folgerungen aus richtigen Voraussetzungen. Hierauf beruht die Kraft der Trug- und Fehlschlüsse, (s. d.) Vgl. Erscheinung, Irrtum, Widerlegung, Illusion, Sinnestäuschungen.
Schema
Schema
(gr.
schêma
) heißt in der Philosophie Form, Gestalt.
Transscendentales
Schema bedeutet bei
Kant
(1724 bis 1804) ein Verfahren der Einbildungskraft, das die Anwendung einer Kategorie auf Erscheinungen, also des Allgemeinen auf das Einzelne überhaupt möglich macht. Diese Anwendung wird möglich vermittelst transscendentaler
Zeitbestimmung
. Die einzelnen Schemata sind also die verschiedenen Arten der transscendentalen Zeitbestimmungen und zwar Zeitreihe, Zeltinhalt, Zeitordnung und Zeitinbegriff (Kr. d. r. V. S. 137 ff). – Das Schema der
Größe
ist die Zahl oder die Zeitreihe, d.h. die sukzessive Addition von Gleichartigem. Das Schema der
Realität
ist das Sein in der Zeit (Zeitinhalt). Das Schema der
Substanz
ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit. Das Schema der
Ursache
ist die Sukzession des Mannigfaltigen, insofern sie einer Regel unterworfen ist. Das Schema der
Gemeinschaft
(Wechselwirkung) ist das Zugleichsein der Bestimmungen des einen mit denen des anderen nach einer allgemeinen Regel. Das Schema der
Möglichkeit
ist die Bestimmung der Vorstellung eines Dinges zu irgend einer Zeit, das der
Wirklichkeit
das Dasein in einer bestimmten Zeit, das der
Notwendigkeit
das Dasein des Gegenstandes zu aller Zeit. Vgl. Schlußfigur.
schematisieren
schematisieren
heißt im allgemeinen etwas nach einem Muster anordnen, bei Kant aber bedeutet es, einen Begriff durch Analogie mit etwas Sinnlichem faßlich machen, z.B. die übersinnliche Ursache einer Pflanze durch die Analogie eines Künstlers.
Schemhamphorásch
Schemhamphorásch
(hebr. Schêm = Name, ha = der, paràsch = ausdrücken) ist der geheime Name Jahves, der nach der Kabbâla (s. d.), gesprochen oder geschrieben, Wunder tut.
Scherz
Scherz
(eigentlich fröhlicher Sprung) heißt ein munteres Tun und Reden, welches keinen anderen Zweck hat, als zu unterhalten, heiter zu stimmen und frohe Lust zu wecken. Der Scherz, der Gegensatz zum Ernst, zum zweckvollen Tun und Reden, ist ein heiterer Genösse des Lebens. Er bereitet zwar oft dem Betroffenen vorübergehend leichtere Verlegenheit, indem seine Absichtslosigkeit nicht gleich erkannt wird, oder indem er die Begriffe witzig wechselt und verwirrt und so Schwierigkeiten bereitet. Die Auflösung der Schwierigkeiten aber erzeugt den Frohsinn, ja schon während der Verwicklung ergötzt das Spiel denjenigen, der sieht, worauf es hinaus will. Nicht jeder versteht Scherz oder Spaß, aber es ist ein Zeichen von geselligem Charakter, wenn man auf Scherz einzugehn versteht. Der Scherz wird unfein, wenn er die Grenzen des Erlaubten überschreitet, welche durch Liebe oder Achtung bestimmt werden, und taktlos, wenn er an falscher Stelle versucht wird, wo die Situation Ernst gebietet. – Versteckt sich der Ernst hinter dem Scherz, so entsteht der Humor; hüllt sich dagegen der Scherz in Ernst, so wird er zur Ironie (s. d. W.). Die Ironie fängt mit ernster Miene an und endigt mit lächelnder, der Humor umgekehrt. – Legt man in scherzhafter Entstellung den Worten eines ernsthaften Gedichts unbedeutende, niedrige Personen, Motive und Handlungen unter, so entsteht die Parodie. Vgl. Komisch, lächerlich.
schicklich
schicklich
heißt das, was den Umständen und den Umgangsformen entspricht und gebilligt wird. Das Schickliche umfaßt das der Sitte und das der Moral Angemessene. Der Genußmensch fragt nicht nach dem Schicklichen der Sitte, sondern macht sein Belieben zum höchsten Maßstabe. Er steht deswegen am niedrigsten da. Höher steht, wer das Schickliche in der
Sitte
sucht; was der Kreis, in welchem er lebt, für angemessen hält, tut auch er, und vermeidet so äußeren Anstoß. Aber für den
höchsten Standpunkt
fällt das
Moralische
und Schickliche zusammen. Die Moral ist die beste Richterin über das Erlaubte. Schon die Stoiker schieden ein niederes und höheres Schickliches
kathêkon
Das niedere Schickliche (Pflicht) ist nach ihnen eine Handlung, die der Natur eines Wesens gemäß ist und sich daher rechtfertigen läßt; das höhere Schickliche ist aber das Rechte
katorthôma
d.h. die Tat, die auf tugendhafter Gesinnung und Gehorsam gegen die Vernunft beruht. (Stobaeus, Eklog. II, 158.) Einen ähnlichen Unterschied formuliert Kant, wenn er zwischen Legalität und Moralität unterscheidet. Vgl. Gut, Sittlichkeit, Tugend.
Schicksal
Schicksal
bedeutet zunächst die Summe der Ereignisse, die jemand erlebt; so hat mancher ein gutes, mancher ein böses Schicksal. Sodann ist es die personifizierte höhere Macht, der sowohl das Bestehen in der Natur, als auch vor allem der Erfolg der menschlichen Handlungen zugeschrieben wird. Der Glaube an ein Fatum (
heimarmenê
) beruht auf der instinktiven Überzeugung des Menschen von der Notwendigkeit alles Geschehens. Er ist im Altertum die Überzeugung Homers, der Stoiker, Epikurs, im Mittelalter und der Neuzeit die Weltanschauung des Islams. – Höher steht der christliche Glaube an die göttliche Vorsehung, die Überzeugung, daß nichts in unserem Leben zufällig geschieht, sondern unser Dasein unter dem Schutze Gottes steht. – Für das Schicksal hatten die Griechen viele Ausdrücke: z.B. Moira (
moira
homerisch), Ate (
'Atê
), Adrastéa (
'Adrasteia
), die Unvermeidliche, Heimarméne (
Heimarmenê
), Peproméne (
Peprômenê
), die Austeilende, Zielsetzende, Anánke (
'Anankê
), Notwendigkeit, und Atropos (
'Atropos
), die Unabwendbare usw. – Die
Schicksalstragödie
, welche das tragische Leid des Helden von einer unentrinnbaren Vorherbestimmung der einzelnen Taten und Erlebnisse ableitet, war im Altertum berechtigt; heutzutage kollidiert sie sowohl mit dem Glauben an eine sittliche Weltordnung, eine göttliche Weltregierung als auch mit der allgemeinen Überzeugung, welche der praktischen Freiheit des Menschen einen an sich viel größeren Spielraum zuschreibt als frühere Zeiten. So ist sie eine Verirrung, welche Schiller in seiner »Braut von Messina« leise angefangen, Müllner, Werner, Houwald und Grillparzer laut fortgesetzt haben und Platen in der »Verhängnisvollen Gabel« verspottet hat. Vgl. Fatalismus, Praedestination, Teleologie.
Schlaf
Schlaf
ist der periodisch wiederkehrende Zustand, in welchem sich die den Tag über verbrauchte Nervenkraft des Organismus durch Muskelruhe und Wärmeverminderung reproduziert. Er ist mit einer Hemmung oder Herabminderung des Bewußtseins und der Tätigkeit verbunden und tritt
regelmäßig
auf Grund der Ermüdung durch die Tagesarbeit ein. Es gibt aber auch
abnorme Veranlassungen
des Schlafs: narkotische Stoffe, Druck auf das Gehirn, Verletzung desselben, Erschöpfung durch körperlichen Schmerz, Blutverlust, Hunger, Blutandrang und Steigerung des Verdauungsprozesses, Erhöhung oder Herabsetzung der Temperatur, zartes und hohes Alter. Der Schlaf stellt sich in vier Perioden dar: Einschlafen, tiefer Schlaf, leiser Schlummer und Erwachen. Mit sicherer Erkenntnis der Hauptmomente des Schlafs beschreibt diesen Goethe in dem Elfengesange (Faust II, 1, 1): »Erst senkt sein Haupt aufs kühle Polster nieder, dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut; gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder, wenn er gestärkt dem Tag engegenruht; vollbringt der Elfen schönste Pflicht, gebt ihn zurück dem heil'gen Licht!« Das Einschlafen erfolgt entweder unwillkürlich oder infolge willkürlich erzeugter Langeweile. Nachdem durch die Schläfrigkeit die Seele von der Außenwelt mehr und mehr abgelöst worden ist, jagen zahllose Schlummerbilder am geistigen Auge auf einem von innen projizierten Lichtnebel vorüber; auch Nachklänge von Gehörempfindungen kommen vor. Im Tiefschlafe ist wegen der Einstellung der Hirntätigkeit das Bewußtsein und die willkürliche Bewegung aufgehoben, weshalb er auch am gesundesten ist. Aber es gibt Zwischenzustände zwischen Tiefschlaf und Wachen, und in diesen hört nicht bloß nicht das vegetative Leben und die unwillkürliche (automatische) Bewegung, sondern auch nicht die Empfindung und auch nicht eine Art von Vorstellen auf, wie der Traum beweist. Der leisere Schlaf stellt sich meistens erst gegen Morgen ein; die Außenwelt beeinflußt allmählich den Schläfer und regt allerlei Vorstellungen in ihm an. Endlich tritt das Erwachen ein, und zwar stets scheinbar plötzlich, weil man sich eben unvermutet bei hellem Bewußtsein vorfindet.
Über das Wesen des Schlafes standen sich in der Philosophie zwei Ansichten bis vor kurzem schroff gegenüber: die eine sah in ihm eine Potenzierung, die andere eine Herabsetzung des Seelenlebens.
G. H. v. Schubert
(1780-1860) ließ den Leib im Schlafe der äußeren Körperwelt anheimfallen, die Seele aber den jenseitigen Regionen zueilen und die Lichter eines fernen Sternenhimmels schauen.
Krause
(1781-1832) sah im Schlafe das reinste und feinste Seelenleben des Geistes.
J. H. Fichte
(1796-1879) meinte, die Seele erhebe sich leib- und hirnfrei zu einer Art intellektueller Anschauung über die Gegensätze des Sinnesbewußtseins, ja
Fortlage
behauptete, nur insofern wir schlafen, leben wir; wenn wir aufwachen, fangen wir an zu sterben.
Schopenhauer
(1788-1860) endlich hielt mit
Bardach
(1776-1847) den Schlaf für den ursprünglichen Zustand, dagegen Bewußtsein, Wahrnehmen usw. für den sekundären. Er legt ihm einen positiven Charakter bei; denn es finde in ihm die Erneuerung des Organismus, die Nutrition des Gehirns statt; zwischen Schlafen und Wachen sei nicht nur ein Unterschied des Grades, sondern eine Grenze; bei beängstigenden Traumbildern versuchten wir vergeblich, uns ihrer zu erwehren; auch sei eine gewisse Kraft zum Schlafen erforderlich, und Übermüdung wie zu große Schwäche ließen uns nicht zum Schlafe kommen (capere somnum) »W. a. W. u. V.« II, 273. – Andrerseits sieht jede auf vernünftige Beobachtung und physiologisches Studium begründete Ansicht vom Schlafe, wie sie z.B.
Pflüger
und Wundt gegeben haben, in ihm eine Herabminderung des Seelenzustandes, da äußere Reize von mäßiger Stärke in ihm nicht wahrgenommen werden, auch die Reproduktionen verschwinden und völlige Bewußtlosigkeit das Normale bei ihm ist. Auch das Traumleben, in dem eine Perzeption, Assoziation und Apperzeption sowie eine Reproduktion und wohl auch Antizipation im gewissen, aber immer beschränkten Umfange stattfindet, gibt, da sein Inhalt aus Illusionen und Halluzinationen besteht, dem Schlafe nicht die Bedeutung des gesteigerten, sondern des herabgesetzten Bewußtseinszustandes. Namentlich sind die äußeren Willenstätigkeiten gewöhnlich im Traume ganz gehemmt und nur sensorische Funktionen vorhanden (vgl. Schlafwandeln). Das Bedürfnis nach Schlaf steht in geradem Verhältnis zur Intensität des Gehirnlebens, also zur Klarheit des Bewußtseins. Die Menschen bedürfen des Schlafs desto mehr, je verwickelter nach Quantität und Qualität ihre Arbeit und je tätiger ihr Gehirn ist.
Pflüger
betrachtet die durch den intramolekularen Sauerstoff bei seiner Verbindung herbeigeführten Wärmeschwingungen als die Ursache des Wachens, den Schlaf denkt er sich entstanden aus dem Verbrauch eines Teils des Sauerstoffs, so daß während des Schlafes eine allmähliche Aufnahme von neuem Sauerstoff erfolgt. Wundt wirft dieser Theorie vor, daß sie zwar die entfernteren- Bedingungen des Schlafes erklärt, aber nicht die unmittelbaren Ursachen, und verlangt einen Nachweis, wie die Zentralteile sukzessiv an der Entstehung des Schlafes beteiligt seien. – Vgl.
H. Spitta
, d. Schlaf- und Traumzustände. 1883.
Radestock
, Schlaf und Traum. 1879.
Mosso
, über Ermüdung. Aus dem Italienischen. Lpz. 1893.
Wundt
, Grundz. d. phys. Psychol. II, S. 437 ff., Grundriß d. Psych. § 18.
Schlafwandeln
Schlafwandeln
(Somnambulismus) oder Schlafhandeln ist ein traumhafter Zustand, in welchem der Mensch in einseitiger Weise für Sinneseindrücke empfänglich ist und zu gleich Willenshandlungen ausführt. Manchmal scheinen einzelne Sinne im Schlafwandeln seltsam abgeschlossen gegen Reize von außen. Oft aber ist ein
Hellsehen
(clairvoyance) vorhanden, indem der Mensch Dinge bemerkt, die der gewöhnlichen Sinnestätigkeit entgehen. Die Grade des Somnambulismus sind verschieden. Am häufigsten kommen motorische Funktionen im Traume in den Sprechorganen vor und rufen das Sprechen im Schlafe hervor. Manche Somnambulen gehen umher, andere verrichten mechanische, manche sogar geistige Beschäftigungen (Schriftstellerei, Komposition). Die Entstehung des Zustandes ist dunkel. Früher führte man ihn auf den sogenannten tierischen Magnetismus zurück, der durch den Magnetiseur in seinem Medium erzeugt werde. Heutzutage glaubt man die Ursache des Schlafwandelns in einer dauernden Fixierung eines glänzenden Gegenstandes oder im wiederholten Streichen des Gesichts gefunden zu haben, wodurch der Geist förmlich gelähmt und in Tiefschlaf (Hypnose, vgl. d. W.) versenkt werde. Besonders
Schelling
(1775-1854) suchte dieses ganze Gebiet für die Philosophie zu verwerten; nach ihm gehört das Wachen dem idealsolaren, das magnetische Schlafleben dem real-tellurischen Pol an, deren jedes das gesamte Geistesleben umschließe. Ja, seine Schüler hielten das Hellsehen für völlige Entleiblichung und Versetzung in Gott (so Kerner, Jung-Stilling, Eschenmayer). Auch Schopenhauer, J. H. Fichte und Fortlage legen zu viel Gewicht auf diese Zustände; so nennt der erste z.B. den Schlafwandel »Wahrtraum«. Im allgemeinen ist vieles, was vom Schlafwandeln und Schlafhandeln überliefert ist, übertrieben und ausgeschmückt; auch läuft Betrug und Selbsttäuschung mit unter, so daß alle Berichte und Schaustellungen mit Vorsicht aufzunehmen sind. Vgl. R.
Heidenhayn
, der sog. tier. Magnetismus 1888. A. F.
Weinhold
, Hypnot. Versuche. 1880. G. H.
Schneider
, die psychol. Ursache der hypnotischen Erscheinungen. 1880.
Wundt
, Grundz. d. phsiol. Psychol. II, S. 449 ff.
Schlauheit
Schlauheit
ist die praktische Klugheit. Der Schlaue weiß seine eigenen Absichten und die Mittel zu ihrer Erreichung ebensogeschickt zu verbergen, als fremde gegen ihn selbst gerichtete Anschläge zu entdecken. Wenn seine Zwecke geringfügig sind, nennt man ihn pfiffig; sind sie mit Nachteil anderer verknüpft, verschmitzt. Merkwürdig ist der Zusammenhang zwischen Schlauheit und Dummheit: Les extrêmes se touchent. Oft sind die Schlauen, weil sie zu einseitig an sich denken, in einem Punkte dumm, während die Dummen in dem kleinen, einfachen Kreise, wo sie zu Hause sind, oft ganz schlau sind. Daher das Paradoxon: Il y a un mystère dans l'esprit des gens qui n'en ont pas! Jene partielle Dummheit zeigen oft Verbrecher, diese dumme Schlauheit die Bauern. Ein poetisches Muster von Schlauheit ist Odysseus.
schlecht
schlecht
ist das Gegenteil von gut, bezeichnet mithin dasjenige, was nicht so ist, wie es sein soll, also das Unbrauchbare, Unangenehme oder Schädliche. In bezug auf die Handlungsweise des zurechnungsfähigen Menschen nennen wir es böse (s. d.).
Schluß
Schluß
heißt derjenige Denkprozeß, durch welchen ein Urteil aus einem oder mehreren anderen abgeleitet wird. Die Ableitung eines
Urteils
aus
einem
anderen heißt
unmittelbarer
Schluß; die Ableitung eines Urteils aus zwei oder
mehreren
Urteilen heißt
mittelbarer
Schluß. Man schließt entweder vom Allgemeinen auf das Besondere oder umgekehrt vom Besonderen auf das Allgemeine. Die erste Art des mittelbaren Schlusses heißt
Syllogismus
(ratiocinatio), die zweite Induktion. Das Urteilen besteht im Vergleichen und in der Verbindung zweier Begriffe, das syllogigtische Schließen aus demjenigen zweier oder mehrerer Urteile. Sage ich mit dem trivialsten Beispiel der Schullogik: »Alle Menschen sind sterblich, Cajus ist ein Mensch, folglich ist Cajus sterblich« – so habe ich aus zwei Urteilen ein drittes und das Besondere aus dem Allgemeinen abgeleitet. Subsumiert schon das einzelne Urteil einen Begriff unter einen anderen, umfassenderen, so führt also der Schluß die Subsumtion weiter fort. Es läßt sich die Voraussetzung, daß, was vom umschließenden Begriff gilt, auch vom umschlossenen gelte, so fortsetzen, daß das, was vom umschlossenen Begriff gilt, auch von dem Begriffe gelte, den dieser umschließt, und so fort. Sind also alle Menschen sterblich, so gilt es auch von Cajus, wenn er unter die Menschen zu rechnen ist.
Der Syllogismus heißt einfach, wenn er aus zwei Urteilen, welche zwei verschiedene und einen gemeinsamen Begriff haben, ein drittes Urteil ableitet,
zusammengesetzt
, wenn mehr als drei Begriffe darin vorkommen und mehr als zwei Urteile zur Begründung des Schlußsatzes dienen. Der gemeinsame Bestandteil im einfachen Syllogismus heißt
Mittelbegriff
(terminus medius), er kommt in den beiden Urteilen. aus denen ein drittes abgeleitet wird, d.h. den
Vordersätzen
(Prämissen), aber nicht im
Schlußsatz
(conclusio) vor. Von den beiden Prämissen heißt
Obersatz
(propositio maior) diejenige, welche das Prädikat,
Untersatz
(propositio minor) diejenige, welche das Subjekt des Schlußsatzes enthält. Alle diese Bestandteile nennt man die
Elemente
des Syllogismus. Seine Relation richtet sich nach derjenigen der Prämissen, d.h. er ist kategorisch, hypothetisch, disjunktiv, je nach der Relation jener. Sind sie von verschiedener Form, so ist der Obersatz maßgebend.
Die
Möglichkeit
des Schlusses als
Erkenntnisform
beruht auf der Voraussetzung einer realen Gesetzmäßigkeit gemäß dem Satze vom Grunde. Die vollkommenste Erkenntnis entspringt aus dem Zusammenfallen des Real- und Erkenntnisgrundes, folglich ist auch der Schluß am vollkommensten, in dem der Mittelbegriff jene beiden enthält. Durch den Schluß erfährt der Schließende nicht etwa schlechthin Neues, ihm vorher ganz Unbekanntes, sondern etwas, was er
implizite
schon wußte, was er nun aber erst
explizite
kennen lernt. Wir bringen uns also durch den Schluß nur zum Bewußtsein, was schon latent in den Prämissen lag. Diese »Entzifferung unserer eigenen Noten«, wie
Mill
sagt, ist aber doch nur die eine Seite der Sache; die andere ist die wirkliche Förderung unserer Erkenntnis durch den Syllogismus, sobald unser Denken auf dem Grunde einer erkannten realen Gesetzmäßigkeit ruht.
Darum forderte
Aristoteles
, daß der Mittelbegriff (M) die reale Ursache ausdrücke. Die
Skeptiker
hingegen drehten die Sache um und meinten, daß die Wahrheit der Prämissen aus derjenigen des Schlußsatzes folge, nicht umgekehrt! Das Mittelalter hat den technischen Apparat der Aristotelischen Syllogistik eifrig ausgearbeitet. (Siehe Schlußfiguren und Schlußmodi.)
Bacon
(1561-1626) zieht ihr die Induktion vor,
Cartesius
(1596-1650) verwirft sie ganz, ebenso
Locke
(1632-1704), während
Leibniz
(1646-1716) im Syllogismus ein bedeutendes Hilfsmittel der Forschung erkennt.
Kant
(1724-1804) dagegen hielt nur die erste Schlußfigur für natürlich und betrachtete sie bloß als ein Mittel, das, was wir schon wüßten, durch Analyse klar zu machen. Ähnlich lehren
Herbart
(1776-1804),
Fries
(1773-1843) und
Beneke
(1798-1854), während
Hegel
(1770-1831) und
Schopenhauer
(1788-1860) im Schlusse die notwendige Form alles Vernünftigen, das eigentliche Geschäft der Vernunft sehen. Der Wert desselben beruht vor allem in dem Ausbau der Subsumtion, in der Herstellung der richtigen Verbindungen zwischen Gattungs- und Artbegriffen. Die Klassifikation der Wissenschaft beruht auf durchgeführter Syllogistik. Das Material für die Prämissen hat die Induktion (s. d.) herbeizuschaffen, aber ihre Ordnung erfolgt durch den Syllogismus.
Allgemeine Regeln für das Schließen sind: 1. Im einfachen regelmäßigen kategorischen Schlüsse dürfen nur drei Begriffe vorhanden sein. 2. Aus rein verneinenden Prämissen folgt nichts. 3. Aus rein partikulären Prämissen folgt nichts. 4. Aus einem partikulären Obersatz und einem verneinenden Untersatz folgt nichts. 5. Die Quantität (s. d.) des Schlußsatzes richtet sich nach dem Untersatz, hingegen 6. seine Qualität (s. d.) nach dem Obersatze. 7. Ist eine Prämisse problematisch, so ist es auch der Schlußsatz.
Eingeteilt
werden die Schlüsse gewöhnlich nach der Relation des Obersatzes in
kategorische
(s. d.),
hypothetische
und
disjunktive
; andere unterscheiden sie nach der Form in vollständige und abgekürzte oder nach dem Inhalt in einfache und zusammengesetzte.
Die
hypothetische
Schlußform richtet sich nach dem Grundsatz: mit dem Bedingenden (Grund) ist das Bedingte (Folge) gesetzt, und mit dem Bedingten (Folge) ist das Bedingende (Grund) aufgehoben. Ihre Hauptform, der gemischte hypothetische Schluß, dessen Obersatz ein hypothetisches und dessen Untersatz ein kategorisches
Urteil
ist, zerfällt in 2 Modi. Der modus ponens schließt aus der Setzung der Bedingung des Obersatzes im Untersatz auf die Setzung des Bedingten des Obersatzes im Schlußsatz. (Wenn A ist, so ist B; nun ist A – also ist B.) Der
modus tollens
schließt aus der Aufhebung des Bedingten des Obersatzes im Untersatz auf die Aufhebung der Bedingung des Obersatzes im Schlußsatz (wenn A ist, so ist B; nun ist B nicht, also ist A nicht). – Bei der
disjunktiven
Schlußform, bei der der Obersatz ein disjunktives Urteil ist, gilt die Regel, daß von je zwei einander vollkommen ausschließenden Gegensätzen jeder durch die Setzung des anderen ausgeschlossen und durch die Aufhebung des anderen gesetzt ist. Auch hier gibt es 2 Modi: Der
modus ponendo tollens
schließt aus der Setzung des einen Gegensatzes im Unter- auf die Aufhebung des anderen im Schlußsatz (A ist entweder B oder C; nun ist es B – also ist es nicht C). Der
modus tollende ponens
schließt von der Aufhebung des einen im Unter- auf die Setzung des anderen im Schlußsatz (A ist entweder B oder C; nun ist es nicht B – also ist es C). – Die
Induktion
(s. d.) ist der Schluß vom Besonderen auf das Allgemeine. Ihre Grundform ist: A, B, C, D sind P; A, B, C, D sind S; also sind alle S: P. (Siehe Induktion.)
Schlußfiguren
Schlußfiguren
(
schêmata
) heißen die Hauptklassen der einfachen Syllogismen, welche durch die Stellung des Mittelbegriffes (M) in den Prämissen entstehen. Nennt man die beiden im Schlußsatz zu verbindenden Begriffe A und B, den Mittelbegriff M, so kann M entweder in einer Prämisse Subjekt und in der anderen Prädikat, oder in beiden Prämissen Prädikat, oder in beiden Subjekt sein. Hieraus ergeben sich die drei Schlußfiguren:
1. M ist A 2. A ist M 3. M ist A
B – M B – M M – B
Für den Schlußsatz bleibt es nach dieser Einteilung unbestimmt, welcher von den beiden Begriffen A und B Subjekt und welcher Prädikat wird.
Unterscheidet man aber in den Prämissen von vornherein das Subjekt (S) und das Prädikat (P) des Schlußsatzes, so entstehen vier Schlußfiguren, indem dann aus der eben bezeichneten ersten zwei Unterabteilungen werden:
I (I,1) II III IV (I,2)
M P P M M P P M
S M S M M S M S
S P S P S P S P
Die Modi, die der vierten Schlußfigur angehören, hat bereits
Theophrastos
(c. 370-288) aufgestellt, als besondere Figur soll sie
Galenus
(131-200) ansgeschieden haben. (Siehe Fr. Überweg, System der Logik § 103.)
Schlußkette
Schlußkette
heißt ein zusammengesetzter vollständiger Schluß, welcher aus einer Reihe von zusammengehörigen Schlüssen besteht, und zwar so, daß der Schlußsatz des vorangehenden (Vorschluß, Prosyllogismus) Vordersatz des folgenden (Nachschluß, Episyllogismus) Schlusses ist. Wird derselbe zusammengezogen, so daß der Vorschluß nur als Nebensatz der Vorsätze des Nachschlusses erscheint, so heißt er
Epicherém
(s. d.W.). Wird die Schlußkette abgekürzt, indem zuerst alle einzelnen Schlüsse in Enthymeme (s. d.) verwandelt und dann so miteinander verbunden werden, daß sie einen gemeinsamen Schlußsatz enthalten, so hat man den
Kettenschluß
oder
Sorites
(s. d.).
Schlußmodi
Schlußmodi
oder Schlußarten heißen die Kombinationen, die sich nach dem Gesichtspunkt der Quantität und Qualität beider Prämissen ergeben. Da jede von beiden Prämissen von vier verschiedenen Formen sein kann (a = allgemein bejahend, e = allgemein verneinend, i = partikulär bejahend, o = partikulär verneinend), so ergeben sich 64 mögliche Schlußmodi. Dies sind, wenn der erste Buchstabe den Ober-, der zweite den Untersatz bezeichnet, innerhalb jeder Figur:
aa ea ia oa
ae ee ie oe
ai ei ii oi
ao eo io oo
Da aber 45 derselben sinnlos und darum ungültig sind, bleiben nur 19 übrig. Die vier Vokale zur Bezeichnung der Schlußmodi soll M.
Psellos
(c. 1060) erfunden haben. Die vier Modi der ersten Figur lauten: Barbara, Celarent, Darii, Ferio; die vier der zweiten: Camestres, Baroco, Cesare, Festino; die sechs der dritten: Darapti, Felapton, Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison; die fünf der vierten: Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison. Während in diesen Merkwörtern, die dem
Joh. Hispanus
( 1277. Summulae logicales) zugeschrieben werden, die Vokale die Ähnlichkeit der Modi bezüglich der Quantität und Qualität der Prämissen und der Conclusio bezeichnen, deuten die Konsonanten die Verwandlung an, die mit den drei letzten Figuren vorzunehmen ist, damit sie in die erste übergehen: s zeigt einfache Umkehrung (conversio simplex) an, p die conversio per accidens, m die Metathesis der Prämissen und c die das kontradiktorische Gegenteil des Schlußsatzes. In den 19 Schlußmodi steckt viel Künstelei und Spitzfindigkeit. Das wirkliche Denken folgt ihren Wegen nur in seltenen Fällen. Ihr Grundwesen ist die Subsumtion der Begriffe, und diese vollzieht sich in Wirklichkeit viel einfacher und natürlicher, meist nur in der Form Barbara. Mit den Subsumtionsschlüssen ist aber nur eine und noch dazu nicht die wichtigste Art der Schlüsse gegeben. Viel wichtiger sind z.B. die mathematischen Schlüsse, die nicht subsumieren, sondern Quantitätsgleichheiten oder Ungleichheiten nachweisen. Für diese hat aber die gewöhnliche Schullogik keinen Platz gefunden. Die Logik der Syllogismen verdient daher einerseits vereinfacht und andrerseits erweitert zu werden. Wie sie jetzt noch ist, fordert sie den Spott jedes frischeren Geistes heraus. Man verlange von einem Vertreter derselben, daß er zu allen 19 Modi solche Beispiele anführe, die einmal wirklich in der Geschichte der Wissenschaft den Fortschritt herbeigeführt haben. Er wird außerstande sein, dies zu tun. Die meisten künstlich gemachten Beispiele sind albern und öde. Auch die in diesem Buche angeführten werden diesem Vorwürfe nicht entgehn können. Die Beweise für die Richtigkeit der 19 Schlußmodi und für die Unrichtigkeit der 45 anderen denkbaren werden übrigens gewöhnlich seit Leonhard Euler durch den Umfang der Begriffe bezeichnende Kreise, die sich einschließen, ausschließen oder durchkreuzen, erbracht. (Siehe
Überwegs
System der Logik, § 100 ff.) Der Wert der Syllogistik wird oft sehr überschätzt. Gerechte Kritiken lieferten die englischen Induktionsphilosophen.
Schmeichelei
Schmeichelei
ist das Bestreben, anderen durch verstellte Achtungsbezeugung (in Gebärden, Worten und Handlungen) zu gefallen. Die Schmeichelei ist verwerflich, weil sie 1. meist aus Egoismus entspringt, 2. sowohl den Schmeichler als auch den anderen verdirbt. Schmeichler sind Heuchler, sie meinen es nicht gut mit uns; sie sind unsere Feinde, sind entweder dumm oder schlecht. Freilich, es ist schwer, die Schmeichelei zu verachten und zu fliehen, weil sie unsere Eitelkeit kitzelt.
Schmerz
Schmerz
heißt die qualitativ bestimmte mit Unlust verbundene Empfindung in welche jede Empfindung übergeht, sobald sie eine bestimmte Stärke erreicht. Jeder Schmerz ist zunächst körperlich und kann aus der Gemeinempfindung oder aus der einzelnen Sinnesempfindung hervorgehn. Es gibt schmerzhafte Tasteindrücke, Geräusche, Gesichtsreize, Schmerzen der inneren Organe usw. Die einzelnen Arten derselben werden als stechende, ziehende, bohrende, brennende, reißende usw. bezeichnet. Die Entstehung der körperlichen Schmerzen ist physiologisch und psychologisch ebenso dunkel wie die der körperlichen Lustgefühle. Unzweifelhaft sind die Empfindungsnerven dabei beteiligt. Da aber alle Schmerzen, von welchem Teil sie auch ausgehn, einen gewissen gemeinsamen Charakter haben, so scheint der Schmerz mehr in Erregungsvorgängen der Nerven selbst, als in den Endapparaten derselben seine Quelle zu haben. Manche Nerven scheinen des Schmerzes weniger fähig zu sein, z.B. der Geruchs- und Geschmacksnerv; bei den eigentlich sensitiven Nerven dagegen, die mit dem Lebensprozeß enger verknüpft sind, löst jede starke Reizung sogleich Schmerz aus. Bei anderen wird aus großer, aber noch nicht gefährlicher Unannehmlichkeit bereits Schmerz, z.B. beim Druck-, Wärme- und Muskelsinn. Bei den edlen Sinnen, Gehör und Gesicht, bedeutet Schmerz schon Gefährdung ihres Seins. – Der Schmerz kann von dem zentralen Sitz der Erregung in viele Mitempfindungen ausstrahlen, so daß man sich über den Sitz der Schmerzen vollständig täuschen kann; körperliche Schmerzen fühlen wir nicht, wenn das betreffende Glied vom Gehirn getrennt oder dieses selbst chloroformiert ist. Wenn der Schmerz fehlt, wo er natürlicherweise zu erwarten wäre, liegt das Symtom bedenklicher zentraler Störungen vor. – Im übertragenen Sinne kann man auch von
seelischen
oder geistigen Schmerzen sprechen. Die Fähigkeit zum seelischen Schmerzempfinden ist bei den verschiedenen Menschen verschieden. Die höchsten Schmerzen empfindet derjenige Mensch, der das tiefste Gefühl, die klarste Einsicht und den besten Willen hat.
Schopenhauer
(1788-1860) meint, wenn nicht das Leiden der nächste und unmittelbarste Zweck des Lebens wäre, so wäre unser Dasein das Zweckwidrigste von der Welt. Denn es sei absurd anzunehmen, daß der endlose, aus der dem Leben wesentlichen Not entspringende Schmerz zwecklos und rein zufällig sein soll. Das ist nur richtig, wenn Schopenhauers metaphysische Lehre vom Willen und sein Pessimismus richtig ist. Aber daß der Schmerz eine hohe ethische Bedeutung hat, weiß jeder aus eigener Erfahrung. Geduld, Sanftmut, Mitgefühl, Streben nach Höherem und Enthaltsamkeit werden dadurch befördert. Diese teleologische Deutung, welche Burdach dahin präzisiert: »Der Schmerz ist der Wächter des Lebens«, knüpft an die seelischen Schmerzen an, ihr steht die vom Körperschmerz ausgehende physiologisch-mechanische Deutung gegenüber, welche ihn nur als zu große Schwingungsweite der Vibrationen der Nervenfaser betrachtet. Vgl.
Hagen
, Psychol. Untersuchung. S. 59 f. 1847.
Domrich
, die psych. Zustände. 1849. S. 173 f.
Wundt
, Grundz. d. physiol. Psych I, S. 409 ff., Grundr. d. Psychol. S. 56 unterscheidet zwischen Schmerz als Empfindung und Unlust als Gefühlston der Empfindung.
Scholastik
Scholastik
(lat. scholasticus = zur Schule gehörig, Schüler und Lehrer) nennt man die Philosophie des Mittelalters, besonders von Scotus Erigena bis zur Reformation (9. – 16. Jahrh.). Die Scholastik steht im Dienste der Kirche (ancilla theologiae), deren Dogmen sie zu verteidigen und logisch zu begründen sucht. Sie bedient sich dabei der Reste der antiken Philosophie. Jede ihrer Untersuchungen verwandelt sich in eine Kontroverse, welche die notwendige Folge des Widerstreits zwischen Vernunft und Offenbarung ist. In der 1. Periode vom 9. bis 13. Jahr. verband man die aristotelische Logik mit neuplatonischen Lehren, in der 2., vom 13. – 16. Jahrh., herrschte Aristoteles ganz vor. In jener ragten
Scotus Erigena
( um 889),
Anselm v. Canterbury
(1033-1109),
Abälard
(1079-1142) und
Petrus Lombardus
( 1164) hervor; in dieser
Albertus Magnus
(1193-1280),
Thomas von Aquino
(1225-1274) und
Duns Scotus
(1274-1308). Mit großem Scharfsinn und nicht ohne Tiefe behandelten sie die dogmatischen und die philosophischen Fragen, soweit sie untereinander zusammenhingen; besonders interessierte sie das Wesen der Universalien, welche sie entweder realistisch oder nominalistisch auffaßten. (Siehe Nominalismus und Realismus.) Freilich riefen ihre Armut an Kenntnissen, ihre Unterschätzung der Natur, ihre dialektische Spitzfindigkeit, ihre rationalistische Methode und die Gebundenheit ihrer Denkungsart die Opposition von Mystikern, Humanisten und Naturforschern hervor.
Kant
(1724-1804) nennt daher Scholastiker Leute, deren Kunst darin besteht, sich an Scharfsinn zu übertreffen. – Noch heute übrigens gilt Thomas v. Aquino den Katholiken als der größte Philosoph. (Siehe Katholizismus und Philosophie.) Vgl. A.
Stöckl
, Gesch. d. Philos. des Mittelalters. 1864. H.
Reuter
, Gesch. der relig. Aufklärung im Mittelalter. 1875.
Hauréau
, de la philosophie scolastique. 2 Bde. Paria 1872 u. 80. v.
Eicken
, Geschichte und System der mittelalterlichen Weltanschauung. 1887.
Ellinger
, Philipp Melanchthon. Berlin 1902. Vgl. Patristik.
schön
schön
heißt im weiteren Sinne dasjenige, was unser geistiges Wohlgefallen erregt, ohne unsere Begierden zu reizen; es gefällt durch die Einheit in der Mannigfaltigkeit, die Harmonie seiner Teile, durch seine scheinbare Zweckmäßigkeit, ohne daß es selbst für anderes direkt als Mittel diente. In ihm erscheint den höheren Sinnen erfaßbar das eigentümliche Innerste Wesen, der Dinge, befreit von den störenden Zufälligkeiten. Beim Schönen ist also die sinnliche Form durchaus von der geistigen Idee bestimmt. Schon im engeren Sinne heißt die völlige Durchdringung des Geistigen und Sinnlichen; im Komischen dagegen wird das Geistige, vom Sinnlichen überragt, im Erhabenen das Sinnliche vom Geistigen; das Häßliche ist die rohe, geistverlassene Sinnlichkeit. Alles Schöne erbebt den Menschen über sein persönliches Interesse zur Objektivität der Idee; denn diese tritt ihm im Schönen der Natur und der Kunst derartig entgegen, daß er zum selbst und willenlosen Betrachter wird. Der Sinn für das Schöne heißt Geschmack. Der Geschmack findet das Schöne zunächst in der Natur vor. Das Schöne der Natur (s. Naturschönheit), ist die erste und vorbildliche Stufe der Schönheit; die Kunst, die Fähigkeit, das Schöne zu schaffen, sucht diese in bewußter Tätigkeit zu überbieten. Mit der Wissenschaft hat die Kunst gemein die Darstellung des Wesens der Dinge, der Wahrheit, nur daß die Wissenschaft diese begrifflich, die Kunst sie anschaulich darstellt. Auch idealisiert die Kunst das Natürliche, d.h. sie faßt das in der Wirklichkeit Zerstreute zusammen und legt andrerseits das Verworrene übersichtlich auseinander, erhöht, und veredelt sein Wesen. Die Wissenschaft vom Wesen des Schönen heißt Ästhetik (s. d.). – Da aber; die Idee des Schönen bei den verschiedenen Völkern und in den verschiedenen Zeiten gewechselt hat, so wechselt auch die Erscheinung des Schönen in den verschiedenen Zeiten. Deshalb hat die Ästhetik (s. d.) auch die Kunstgeschichte zu berücksichtigen und ihre eigene Methode empirisch zu gestalten, was sie nicht immer getan hat.
Platon
(427-347), der nur Ansätze zu einer Ästhetik geschaffen hat, trennt das Schöne nicht vom Guten und verlegt es in die Idee;
Aristoteles
(384-322) setzt die Schönheit in die Ordnung, Symmetrie, Begrenztheit, Einheit und Ganzheit, also in die Form des schönen Gegenstandes. Nach
Plotinos
(205-270) besteht sie nicht in der bloßen Form, sondern in der Herrschaft des Höheren über das Niedere, der Ideen über den Stoff, der Seele über den Leib, der Vernunft und des Guten über die Seele.
Shaftesbury
(1671-1713) identifizierte, an Platon anknüpfend, das Gute und Schöne und sah in Gott das Urschöne.
Leibniz
(1646-1716) sieht in der Harmonie der Gegensätze, in der Einheit innerhalb der Vielheit die Schönheit;
Baumgarten
(1714-1762), der Begründer der Ästhetik – (s. d.) in Deutschland, verlegt die »sinnlich erkannte Vollkommenheit« oder die Schönheit in die Zusammenstimmung des Mannigfaltigen in der Erscheinung, und verlangt für alle Schönheit das Vorbild der Natur.
Wolf
(1679 bis 1754) charakterisiert die Schönheit als diejenige Vollkommenheit, die in uns Wohlgefallen hervorruft,
Sulzer
(1720-1779) definiert sie als Vollkommenheit der äußeren Form oder Gestalt.
Lessing
(1729-1781) forscht nach dem Wesen einzelner Kunstformen, der Fabel, des Epigramms, des Epos, des Dramas und schied zwischen bildender Kunst und Poesie.
Kant
(1724-1804) nennt schön den Gegenstand eines allgemeinen notwendigen interesselosen Wohlgefallens, welches durch das subjektiv Zweckmäßige hervorgerufen ist.
Schiller
(1759-1805) definiert das Schöne als Freiheit in der Erscheinung und findet es da, wo Vernunft und Sinnlichkeit übereinstimmen. Nach
Schelling
(1775-1854) ist das Kunstwerk die Darstellung des Ewigen oder Unendlichen im Endlichen, die Harmonie des Bewußten und Bewußtlosen, des Freien und Notwendigen, von Natur und Geist, Realem und Idealem.
Hegel
(1770-1831) definiert es als das Absolute in sinnlicher Existenz, die Wirklichkeit der Idee in der Form begrenzter Erscheinung. Auf dem Verhältnis der Idee zum Stoffe – dem Überwiegen der Erscheinung – dem Gleichgewicht von Idee und Erscheinung – dem Überwiegen der Idee – beruht der Unterschied der symbolischen, klassischen und romantischen Kunst. Nach
Schopenhauer
(1788-1860) ist schön der deutliche Ausdruck bedeutsamer Ideen.
Herbart
(1776-1841) endlich nennt schön, im Unterschied vom Begehrten und Angenehmen, das, was an den Objekten unwillkürlich gefällt; die Materie ist gleichgültig, nur auf die Form, das Verhältnisse der einfachen Elemente kommt es an. Er kehrt damit, wie fast in seiner ganzen Philosophie, zu Leibniz zurück, dessen ästhetischen Formalismus er teilt. In der Neuzeit strebt man nach einer Ästhetik auf empirischer Grundlage, die von theoretischen Vorurteilen befreit ist, ohne daß eine solche und ein darauf gegründeter Begriff des Schönen bereits erreicht sei. Vgl. C.
Lemcke
, populäre Ästhetik. – Vgl. Kunst, Ästhetik, gut, Geschmack.
schöne Seele
schöne Seele
nennt
Schiller
den Menschen, in welchem Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonieren. Die schöne Seele hat kein anderes Verdienst, als daß sie ist. Grazie ist ihr Ausdruck in der Erscheinung; nicht ihre einzelnen Handlungen, sondern ihr Charakter ist sittlich. Die schöne Seele tut das Gute wie aus Instinkt und übt selbst die peinlichsten Pflichten und die heldenmütigsten Opfer mit der größten. Leichtigkeit. Vgl.
Goethes
»Wilhelm Meister« (Bekenntnisse, einer schönen Seele VI B.).
Schiller
, Über Anmut und Würde 1793.
Schöpfung
Schöpfung
heißt im allgemeinen jede Hervorbringung durch irgend eine Person (z.B. die eines Kunstwerks), im besonderen diejenige der Welt durch Gott. Eine der ersten Fragen, welche der Mensch sich vorlegt, ist die: »Woher ist dies alles?« Das Gesetz der Kausalität, nötigt ihn, für alle Dinge eine Ursache zu suchen. Die letzte Ursache findet der gläubige Mensch in Gott. Weder die griechische Kosmogonie, welche die Welt aus dem Chaos, noch die gnostische, welche sie durch den Demiurgen entstehn, noch die atomistische, welche sie überhaupt nicht entstanden sein läßt, befriedigt den Glauben. Derselbe Gedankengang, der zur Annahme Gottes (s. d.) führt, führt auch zur Anerkennung der göttlichen Schöpfung. Die Idee der Schöpfung »aus Nichts« bezeichnet nicht das Nichts als das Material der Welt, sondern will nur ein Chaos als gleichberechtigten Faktor neben Gott und die absolute Grundlosigkeit der Welt verwerfen. Die religiöse Bedeutung dieser Lehre beruht in der ethischen Grundlage, die sie dem Gemüte gibt; denn, wenn sie gilt, weiß es alles nach Anfang und Fortgang von Gott bedingt. Für das Menschenherz ist es nicht gleichgültig, ob es aus dem Urschlamm oder aus dem Ozean der Substanz oder aus Gottes Hand hervorgegangen ist. Die ethische Weltbetrachtung des Glaubens kann Gottes als des Weltschöpfers nicht entraten, mag sie ihn auch Natur, Urgrund, Unbewußtes oder sonstwie nennen.
Ähnlich der biblischen Lehre von der Schöpfung lehrt
Platon
(427-347), die Welt sei nicht ewig, sondern geworden, weil sinnlich wahrnehmbar und körperlich. Gottes Güte hat sie zugleich mit der Zeit gebildet. Sie ist das Beste von allem Entstandenen; denn sie ward vom besten Werkmeister als Nachbild des höchsten Urbildes geschaffen. Die neben Gott existierende, an sich unbestimmte Materie (insofern ein Nichts,
mê on
) ist nur Nebenursache der Welt. Nach
Aristoteles
(384-322) setzt die Welt einen ersten Beweger voraus, den
nous
(Verstand) (s. d.); als gegliedertes Ganzes aber hat sie ewig bestanden und wird ewig sein. Sie hat ihr Prinzip in Gott, welcher nicht etwa bloß so da ist, wie die Ordnung im Heere als immanente Form, sondern als an und für sich seiende Substanz, gleich dem Feldherrn im Heere. Der organische Pantheismus der
Stoiker
, betrachtet die gestaltende Weltkraft als Gottheit, deren Existenz durch die Schönheit und Zweckmäßigkeit des Alls bewiesen wird. Sie durchdringt die Welt als allverbreiteter Hauch, als künstlerisch nach Zwecken bildendes Feuer, als Vernunft und Weltseele. Nach einer gewissen Zeit nimmt diese alles wieder in sich zurück durch einen Weltbrand. So vergehen und entstehen fortwährend neue Welten nach vernünftiger Notwendigkeit. Einen mechanischen Materialismus lehren die
Atomisten
(Demokritos und Leukippos) und
Epikuros
. Ihr Prinzip heißt: Aus Nichts wird Nichts, und: Nichts vergeht in Nichtseiendes. Seit Ewigkeit sind die Atome und der leere Raum. Aus jenen, die sich nur durch Größe, Gestalt und Ordnung unterscheiden, entstehen alle Dinge, indem sie (nach Epikuros) sich infolge zufälliger Abweichung von ihrer Fallinie zusammenballen. Die Welt wird weder durch Gott noch durch Zweckmäßigkeit geleitet.
Plotinos
(205 bis 270) endlich leitet die Welt aus dem Einen durch Emanation oder Ausstrahlung ab, welche, sich immer mehr von der Sonne entfernend, schwächer wird und Schlechteres hervorbringt. – In diesen Systemen treten nacheinander die verschiedenen Möglichkeiten, die Weltentstehung zu erklären, hervor: die Theorie der Schöpfung durch einen persönlichen oder durch einen unpersönlichen Gott; der organische Pantheismus, der atheistische Mechanismus und das Emanationssystem. In der neueren Philosophie werden diese Gedanken schrittweise vertreten durch Leibniz, Hegel, Spinoza, Holbach, Schelling. Vgl.
Fr. Schultze
, Philosophie der Naturwissenschaft 1881.
L. Weis
, Antimaterialiamus 1871.
Schreck
Schreck
(pavor) heißt der Affekt, welcher durch plötzliche Wahrnehmung gefahrdrohender Dinge oder Zustände entsteht. Er ist ein lähmender Affekt, der den Organismus starr und untätig macht, das Blut zum Herzen jagt, Reflexbewegungen, ja oft Krampf und Tod erzeugt. Er kann aber auch ausnahmsweise unerwarteten angenehmen Eindrücken entspringen (freudiger Schreck). Wie alle lebhaften Gemütserregungen, steckt der Schreck an und heißt, wenn er plötzlich eine große Menge erfaßt, panischer Schrecken (vom Gotte Pan, der in den Wäldern hausen und die Menschen plötzlich erschrecken sollte). Der Schreck hängt von der Gegenwart ab, wie die Furcht von der Zukunft. Nur das Neue ruft ihn hervor. Bekanntschaft mit dem veranlassenden Gegenstande heilt ihn. (Vgl.
Jean Paul
, Levana § 107.)
Schreckhaft
heißt derjenige, welcher leicht erschrickt;
schrecklich
heißt das, was Schreck hervorruft. Vgl.
Furcht
.
Schüchternheit
Schüchternheit
, s.
Furcht
.
Schuld
Schuld
im
juridischen Sinne
heißt 1. die Leistung, zu der der eine dem andern gegenüber verpflichtet ist (debitum); 2. der innere Grund, der für die Zurechnung einer
Rechtsverletzung
oder
Gesetzesübertretung
maßgebend ist; dieser besteht entweder in
böser Absicht
(dolus) oder in
Fahrlässigkeit
(culpa). – Im
moralischen
Sinne bedeutet Schuld die
Urheberschaft
des
Sittlich
-
Bösen
, welches jemand als freies Wesen tut, so daß es ihm daher zugerechnet werden kann. Die moralische Schuld ist nicht identisch mit der Sünde. Jene setzt rein menschliche Maßstäbe der Beurteilung voraus, diese gilt als Verletzung göttlicher Gebote (vgl. Sünde). – Schuld haben heißt endlich
im allgemeinsten Sinne
Ursache von etwas sein. Dies ist da der Fall, wo der Mensch volle Absicht und Einsicht bei Begehung einer Tat hat. Und zwar kann er nicht nur direkt, sondern auch indirekt schuldig werden und nicht nur positiv, sondern auch negativ. Denn wer auch nur intellektueller Urheber von etwas Bösem ist und dies gar nicht selbst getan, sondern nur andere dazu angereizt öder nicht davon abgehalten hat, trägt die Verantwortung für das Geschehene. Vgl. Zurechnung, Böses, Gewissen, Freiheit.
Schwäche
Schwäche
heißt der physische oder moralische Mangel an
Kraft, Schwachheit
der daraus entstehende dauernde Zustand.
Schwachheitssünden
sind solche unsittliche Handlungen, welche ohne böse Absicht, aus selbstverschuldeter Schwäche, also aus Selbstvernachlässigung entspringen.
schwärmen
schwärmen
(von Schwarm, rauschende Menge) bezeichnet einen krankhaften Gemütszustand, in dem der Mensch sich nicht durch vernünftige Einsicht, sondern durch Phantasie zur Sympathie für Personen oder Ideen leiten läßt. So liebenswürdig es ist, für einen geliebten Menschen oder eine Idee zu schwärmen, so unverständig ist es doch auch wieder, da keine Schwärmerei von Übertreibung frei ist. Gefährlich wird das Schwärmen für uns und andere, wenn wir uns durch die Phantasie zu unüberlegten Handlungen hinreißen lassen. Vgl. Enthusiasmus, Ekstase, Entzücken.
Schwelgerei
Schwelgerei
heißt die gewohnheitsmäßige Übertreibung im Genüsse ausgesuchter sinnlicher Vergnügungen, besonders wohlschmeckender Speisen und Getränke. Da der Mensch ein vernünftiges, zur Sittlichkeit bestimmtes Wesen ist, ist Schwelgerei zugleich verwerflich und verächtlich. Vgl. Hedonismus.
Schwelle
Schwelle
des Bewußtseins nennt Herbart (1776-1841) den Moment des Merklichwerdens oder Verschwindens einer Vorstellung. Vgl.
Raumschwelle, Reizschwelle
.
Schwermut
Schwermut
heißt diejenige Grundstimmung des Gemütes, in der sich der Mensch durch alles, was er erlebt, gehemmt und niedergedrückt fühlt, und in der alle seine Empfindungen, Gefühle und Stimmungen schmerzlich und trübe ausklingen. Das menschliche Gemüt kann durch den Druck einer starren Vergangenheit oder einer aufregenden Gegenwart beschwert werden. Während der Leichtmütige dabei frisch und frei bleibt, blickt der Schwermütige düster ins Leben; alle Erlebnisse, Erinnerungen und Aussichten werden durch seinen umflorten Blick getrübt. Selbst die Lust wird ihm zur Last. Besonders disponiert dazu das mehr rezeptive, weiche, sinnige Temperament, während das sanguinische und cholerische zum Leichtmut neigt. Aber oft wird auch die Grundstimmung des Menschen durch das Leben geändert: in der Jugend leichtsinnig, wird er durch Enttäuschung, Unglück und Kummer allmählich schwermütig; der Künstler neigt zum Leichtsinn, der Gelehrte zur Schwermut. Leicht verschwebende Schwermut macht interessant und reizt zur Nachahmung, wie das Zeitalter Rousseaus und Werthers beweist. Das Schmerzgefühl hat auch seinen Reiz, was schon
Epikur
und
Ovid
erkannten, und der Bach der Schwermut, sagt
Young
, führt seine Perlen mit sich. Eingewurzelte Schwermut ist schon der Anfang der Geisteskrankheit. Vgl. Melancholie, Temperament.
Schwindel
Schwindel
(lat. vertigo) heißt die Empfindung des aufgehobenen Gleichgewichts unseres Körpers, infolgederen uns die Außenwelt oder unsere Glieder sich zu bewegen scheinen. Veranlassung dazu ist eine Störung in der Beziehung zwischen unseren Empfindungen und Körperbewegungen. Der Sitz der Störung beim Schwindel ist zugleich das Kleinhirn und ein Sinnesorgan, d.h. das Auge oder das Ohrlabyrinth. Man unterscheidet Augen-, Ohren-, Tast- und Hirnschwindel. Der bekannteste Schwindel ist der Drehschwindel, der nach schnellem häufigen Umdrehen des Körpers entsteht; andrerseits entsteht Schwindel z.B. aus dem Versuche, stark divergierende Stereoskopbilder zu vereinigen, von einem Turm herab, oder an einem Turm hinauf zu sehen, zwei Melodien gleichzeitig aufzufassen usw.; der eigentliche Hirnschwindel entsteht aus Angst, Halluzination, Narkose, Typhus. Oft verbindet sich damit Gefühlsverdunklung, Ekel, Erbrechen, Ohnmacht und Bewußtlosigkeit. Das beste Mittel dagegen ist die Ruhe und die Selbstbeherrschung. – Im übertragenen Sinne bedeutet Schwindel s. a. absichtlich hervorgerufene Täuschung anderer zu unserem Vorteil. Vgl.
Wundt
, Grundzüge der physiol. Psych. I, S. 211, II, S. 24 u. 139.
Secte
Secte
, s. Philosophenschule.
Seele
Seele
(gr.
psychê
= Hauch, Lebenskraft, Seele; lat. anima; hebr. Nephesch) bezeichnet bei Homer das Leben der einzelnen Person und auch das Lebensprinzip des Menschen. Homer denkt sich die Psyche als eine Substanz, die im Körper wohnt, ihn beim Tode verläßt und nach dem Tode als Schattenbild im Hades fortbesteht. Dort hat sie kein Bewußtsein (
phrenes
und
thymos
) mehr; doch kann sie dies durch Bluttrinken zurückerlangen. Nachdem der Begriff der Psyche als des Lebensprinzips im einzelnen Menschen durch die homerische Dichtung gegeben war, hat sich die Fortentwicklung und Erweiterung des Begriffs innerhalb der griechischen Gedankenwelt und dann weiter in der Philosophie des Mittelalters und der Neuzeit vollzogen, und da die Frage nach dem Wesen der Seele eine metaphysische ist, so spiegelt sich auch in den Wandlungen dieses Begriffs die Geschichte und das Schicksal der Metaphysik ab. Das Problem vom Wesen der Seele ist bis heute noch nicht endgültig gelöst, aber auch nicht fallen gelassen. Der
Skeptiker
und
Positivist
hat das Problem gemieden, der
Kritizist
hat die Schwierigkeiten, die die Lösung des Problems bereitet, gekennzeichnet und die Grenzen unseres Wissens vom Wesen der Seele beleuchtet, der
Metaphysiker
hat die Lösung in Angriff genommen und sich mit dem Glauben und den einzelnen Religionen auseinandergesetzt. Der
Empirist
hat die Einzeltatsachen des Seelenlebens durch Beobachtung und Experiment zu erfassen, Gesetze des Seelenlebens zu gewinnen und in letzten Hypothesen die Lehre abzuschließen versucht. Der
Rationalist
ist von Dogmen über das Wesen der Seele ausgegangen und hat sich bemüht, durch Schlüsse und Folgerungen mit den Dogmen die Einzeltatsachen in Einklang zu setzen. Der
Dualist
hat die Seele scharf vom Körper als unkörperliches Wesen abzuscheiden versucht, der
Monist
hat Körper und Geist in Einklang bringen zu können gemeint. Unter den Monisten bat sich der
Realist
die Seele als materielle, oder auch als eine der Materie ähnliche feinere Substanz oder als Funktion einer solchen Substanz gedacht, der
Idealist
(Spiritualist) sah in ihr ein die eigentliche Wirklichkeit darstellendes, geistiges Wesen, der
Identitätsphilosoph
, Pantheist oder Idealrealist betrachtete sie als eine Seite des über der Scheidung von Körper und Geist stehenden Göttlichen und Absoluten. Der eine Teil der Metaphysiker dachte sie sich als substanziell, der andere als aktuell, der eine als eine bleibende Einheit, der andere als eine fortschreitende Entwicklung. Mehrfach ist auch der Begriff der
Einzelseele
zum Begriff einer
Weltseele
erweitert worden. So ist von einer einheitlichen Erfassung des Begriffs der Seele nicht zu reden, und eine allgemein anerkannte Definition von der Seele zur Zeit noch nicht vorhanden; aber resultatlos ist die philosophische Forschung trotzdem nicht geblieben.
Ausgegangen ist man bei den Versuchen, das Wesen der Seele zu erfassen, von der Bewegungsfähigkeit und von der Bewußtseinstätigkeit der beseelten Wesen, im besonderen der Empfindung, der sinnlichen Wahrnehmung, dem Denken und dem Wollen, oder auch, indem der Begriff weiter gefaßt und vom Menschen und Tiere auch auf die Pflanzen übertragen wurde, von der Ernährungs- und Erhaltungsfähigkeit organischer Wesen.
Die Seele wurde, weil beseelte Wesen Bewegungsfähigkeit zeigen, als das Bewegende, oder auch weil, man annahm, daß das Bewegende nur ein Bewegtes sein könne,
zugleich
als
Bewegtes
und
Bewegendes
, und zwar entweder als
ein sich selbst
oder als ein
den Körper
oder als ein beide zugleich Bewegendes angesehen. So scheint schon
Thales
(um 600 v. Chr.) in der Seele ein Bewegendes gesehen zu haben (
eoike de kai Thalês, ex hôn apomnêmoneuousi, kinêtikon ti tên psychên hypolabein
Arist, de anima 1 p. 406 a 19). Nicht anders lehrte
Anaxagoras
(500-428) (
'Anaxagoras psychên einai legei tên kinousan
Arist, de an. 1, 2 p. 405 a 25).
Herakleitos
(um 500 v. Chr.) sah in ihr ein immer Bewegtes. (Arist, de an. I, 2 p. 404a.) Die
Pythagoreer
dagegen dachten sie sich als eine sich selbst bewegende Zahl (
Pythagoras [apephênato tên psychên] arithmon hauton kinounta
Stob. Ecl. I, 41, 794; auch Aristot. sagt, ohne die Pythagoreer zu nennen:
epei de kai kinêtikon edokei hê psychê einai kai gnôristikon, outôs enioi syneplexan ex amphoin, apophênamenoi tên psychên arithmon kinounth' heauton
Arist, de an. I, 2 p. 404b 27).
Leukippos
(5. Jahr. v. Chr.) und
Demokritos
(um 460-360) dachten sich die Seele als ein Bewegtes und anderes Bewegendes (
kinein ta loipa kinoumenon kai auta, hypolambanontes tên psychên einai to parechon tois zôois tên kinêsin
Aristot. de an. I, 2, p. 404a. 7).
Platon
(427-347) endlich sieht in der Seele ein immer Bewegtes und sich selbst und anderes Bewegendes (
psychê pasa athanatos. to gar aeikinêton athanaton. to de allo kinoun kai hyp' allou kinoumenon paulan echon kinêseôs, paulan echei zôês. monon dê to hauto kinoun, hate ouk apoleipôn heauto, oupote lêgei kinoumenon alla kai tois allois, hosa kineitai, touto pêgê kai archê kinêseôs. archê de agenêton.
Phaedr. 24, p. 245 c.
hô dê psychê tounoma, tis toutou logos; echomen allon plên ton nyn dê rhêthenta tên dynamenên autên hautên kinein kinêsin
; Platon, de leg. 10,7, p. 896 A.)
Die Vorstellung, daß die Seele Bewegungsprinzip sei, schloß nicht die Ansicht aus, daß sie
stofflich
und
körperhaft
sei. Die älteren griechischen Philosophen haben vielmehr an eine stoffliche Existenzform der Seele geglaubt, und sie nacheinander bei den von der Philosophie angenommenen Elementen außer bei der Erde gesucht, (
panta gar ta stoicheia kritên elabe plên tês gês
Arist, de an. I, 2, p. 405 b 8.) So sah
Hippon
(5. Jahrhundert) die Seele für
Wasser
an (
kai hydôr tines [tên psychên] apephênanto, kathaper Hippôn.
Arist, de an. I, 2, p. 405 b 2).
Kritias
(403 v. Chr.) identifizierte die Seele mit dem
Blute
(
heteroi d' haima [tên psychên apephênanto], kathaper Kritias
Arist, de an. I, 2, p. 405 b 5).
Anaximenes
(um 530 v. Chr.) und
Diogenes von Apollonia
(5. Jahrhundert) hielten die Seele für Luft (
hoion hê psychê, phêsin
[sc. Anaximenes],
hê hêmetera aêr ousa synkratei hêmas, kai holon ton kosmon pneuma kai aêr periechei
Stob. Ecl. I, 12, 296. –
Diogenês d' hôsper kai heteroi tines aera [eoike tên psychên hypolabein], touton oiêtheis pantôn leptomerestaton einai kai archên
)
Herakleitos
(um 500 v. Chr.), der als den Stoff, an dem sich der Werdeprozeß abspielt, das
Feuer
ansah, hat sich die Seele als Feuer gedacht (Zeller, Phil. d. Gr. I, S. 479), auch
Leukippos
und
Demokritos
dachten sich die Seele als Feuer (
Dêmokritos men pyr ti kai thermon phêsin autên
[sc.
tên psychên] einai. – homoiôs de kai Leukippos
Arist. de an. I, 2, p. 403 b 31-404 a 5).
Empedokles
(um 490-430) ließ die Seele aus allen Elementen zusammengesetzt und jedes von ihnen im Menschen eine besondere Seele sein, die das Gleichartige außer sich erkennt. (
'Empedoklês men ek tôn stoicheiôn pantôn, einai de hekaston psychên toutôn, legôn houtô:
gaiê men gar gaian opôpamen, hydati d' hydôr,
aitheri d'aithera dian, atar pyri pyr aidêlon
.
Arist, de an. I, 2, p. 404 b 11.)
Die
Atomisten
(Leukippos, Demokritos), die die Seele für Feuer ansahen, ließen sie zugleich mit dem Feuer aus
runden Atomen
bestehen
apeirôn gar ontôn schêmatôn kai atomôn ta sphairoeidê pyr kai psychên legei [Dêmokritos. homoiôs de kai Leukippos]
Arist. de an. I, 2, p. 404 a 1), identifizierten sie auch mit den
Sonnenstäubchen
, wie schon die
Pythagoreer
vorher getan hatten (Arist, de an. I, 3, p. 404 a 5-25). Die Lehre der Atomisten über die Seele hat später
Epikuros
(341-270) etwas modifiziert wieder aufgenommen.
Gegenüber dieser materialistischen Auffassung taucht bei den Griechen die Lehre von der Unstofflichkeit der Seele auf. Diese Lehre tritt jedoch, klar geformt, erst in der nachsokratischen Philosophie hervor.
Pythagoras
(680 bis um 500) hatte wohl schon die Seele als die Harmonie des Leibes angesehen (Arist, de an. I, 4, p. 407-430),
Herakleitos
sie für das
Unkörperlichste
erklärt (
kai asômatôtaton dê kai rheon aei
Arist, de an. I, 2 p. 405 a 24),
Anaxagoras
(500-428) sie, wenn auch nicht mit der alles ordnenden göttlichen Vernunft identifiziert, so doch als dem
nous
für
wesensgleich
angesehen (
Anaxagoras d' eoike men heteron legein psychên te kai noun – chrêtai d'amphoin hôs mia physei, plên archên ge ton noun tithetai malista pantôn; monon goun phêsin auton tôn ontôn haploun einai kai amigê te kai katharon. apodidôsi d'amphô tê autê archê, to te gignôskein kai to kinein, legôn noun kinêsai to pan
Arist de an. I, 2 p. 405 a 13), aber erst bei Platon gewinnt die idealistische Auffassung der Seele eine umfassendere, wenn auch noch nicht widerspruchslose Formulierung.
Platon
, für den die eigentliche Wirklichkeit in den Ideen liegt, der aber der sinnlich wahrnehmbaren Welt doch noch eine gewisse Existenz läßt, indem er sie zwar für ein Nichtseiendes, zugleich aber auch für das Einzelne, Veränderliche und Schlechte ansieht, erweitert den Begriff der Einzelseele zu dem Begriff der
Weltseele
, Die Weltseele ist von Gott durch Mischung aus der unteilbaren und sich selbst gleichbleibenden Substanz der Ideenwelt und aus der teilbaren und veränderlichen Substanz der körperhaften Welt gebildet und in die Welt gepflanzt, um die Vernunft in das Weltganze zu bringen und dieses dadurch vollkommener zu machen. Sie ist die Kraft, die sich selbst und alles andere bewegt, ist durch das Weltganze verbreitet und wirkt in der Sphäre der Fixsterne und in der Sphäre der Planeten. Sie ist aber auch die Ursache aller Erkenntnis. Die
Einzelseele
des Menschen ist von der Weltseele abgeleitet, aber abgesehen davon, daß sie in Verbindung mit dem Körper steht, der Weltseele wesensgleich; auch sie ist das Prinzip der Bewegung und des Erkennens. Platon schreibt ihr drei Teile, das Begehrende (
to epithymêtikon
), das seinen Sitz im Unterleibe, das Mutartige (
to thymoeides
), das seinen Sitz in der Brust, und das Denkende (
to logistikon
), das seinen Sitz in dem Kopfe hat, zu und vertritt die Lehre von der
Unsterblichkeit
der Seele, indem er für sie sowohl eine
Präexistenz
, aus der gefolgert wird, daß das Wissen Erinnerung (
anamnêsis
) ist, als auch eine
Postexistenz
mit Wanderung durch verschiedene Leiber und Versetzung in den Fixsternhimmel annimmt (Platon: Timaeus, Phaedrus, Phaedon, Republik, Zeller, Philos. d. Gr. II, S. 490 bis 506,524-553). –
Aristoteles
(384-322), der zwischen dem Stoff (
hylê
), der die Möglichkeit oder Anlage (
dynamis
) ist, dem Wesen oder der Form (
eidos, ousia, hê kata ton logon ousia, to ti ên einai
) scheidet, die die Erfüllung, Vollendung, Betätigung (
entelecheia, entelecheia hê prôtê, energeia
) ist und bewegendes Prinzip und Zweck in sich einschließt, sieht in der Seele die
Form des organischen Körpers
. Die Seele ist ihm die
erste Entelechie
(erste Entelechie = betätigungsfähige Kraft, nicht Betätigung)
eines natürlichen Körpers, der die Anlage zum Leben besitzt
, oder was dasselbe ist, eines organischen Einzelwesens (
psychê estin entelecheia hê prôtê sômatos physikou dynamei zôên echontos. toiouto de ho an ê organikon
Arist, de an. II, I, p. 412a 27
ei dê ti koinon epi pasês psychês dei legein, eiê an entelecheia hê prôtê sômatos physikou organikou
Arist, de an. II, 1, p. 412 b 4). Die Seele ist also stets mit einem lebensfähigen organischen Körper (Pflanze, Tier, Mensch) verbunden, sie ist Erfüllung, betätigungsfähige Kraft, aber nicht immer Betätigung selbst. Sie ist das Bewegungsprinzip, der Zweck und die Form des organischen Einzelwesens. Bei den Pflanzen, die eine Seele besitzen, ist die Seele das Ernährungsvermögen (
to threptikon
), die Tiere besitzen außer diesem noch das Vermögender Wahrnehmung (
to aisthêtikon
), welches Reproduktionsfähigkeit (
phantasia
), Gedächtnis (
mnêmê
) und Erinnerung (
anamnêsis
) in sich einschließt, das Lust und Unlust in sich einschließende Vermögen des Begehrens (
to orektikon
) und das der Ortsbewegung (
to kinêtikon kata topon
) und hierfür ein Zentralorgan, das Herz. Die menschliche Seele besitzt alle Vermögen der Pflanze und des Tieres; hierzu kommt die
Vernunft
(
nous
), die präexistent und göttlichen Ursprungs und insofern unsterblich ist, als sie ihre Kraft auf eine gegebene
dynamis
als formgebendes Prinzip (
nous poiêtikos
) ausübt. Die menschliche Seele vereinigt also die Kräfte der anderen Wesen in sich (
hê psychê ta onta pôs esti panta
) und ist eine
kleine Welt
(
mikros kosmos
) (Arist. Phys. VIII, 2 p. 252b 26). Aber sie hat auch ihren besonderen Vorzug vor den übrigen Wesen und schließt etwas Göttliches und Unvergängliches in sich ein. – Die
Stoiker
nahmen wie Platon eine Weltseele an und dachten sich diese, in der sie die Gottheit sahen, als einen alles durchdringenden Hauch (
to pneuma, diêkon di' holou tou kosmou
), als künstlich bildendes Feuer (
to pyr technikon
) und als Weltvernunft (
ho en autê logos
). In der Einzelseele des Menschen erblickten sie eine Abscheidung der Gottheit (
apospasma tou theou
) und schrieben ihr eine Fortdauer nach dem Tode, aber keine Unsterblichkeit zu. Die Seele schließt nach stoischer Auffassung die fünf Sinne, das Sprachvermögen, die Zeugungskraft und eine herrschende Kraft (
hêgemonikon
), die im Herzen wohnt und die das Vermögen der Vorstellung, Begehrung und der Vernunft besitzt, in sich ein.
Die
christliche Philosophie
des Mittelalters neigt zu Anfang einer
materialistischen Auffassung
vom Wesen der Seele zu, sieht die Seele aber trotzdem für unsterblich an; in ihrem weiteren Verlauf stellt sie sich auf idealistischen (spiritualistischen)
Standpunkte
, und erneuert im wesentlichen
die Lehre des Aristoteles. Tertullianus
( 20 v. Chr.) und
Arnobius
( 327) erklärten die Seele für geschaffen, körperlich und unsterblich. Schon
Augustinus
(353-430) aber sah in ihr eine geistige, unkörperliche, einfache, unzerstörbare, vernunftbegabte und den Körper regierende Substanz, und seine Auffassung kehrt im wesentlichen bei
Claudianus, Marestus, Cassiodorus, Hugo von St. Victor, Bernhard von Clairvaux
u.a. wieder. Mehr oder weniger eng schlössen sich in der Bestimmung des Wesens der Seele an Aristoteles an: Averroes (1162-1198), Albertus Magnus (1193-1280), Thomas von Aquino (1225-1274), Duns Scotus (1265 [od. 74] bis 1308) u.a., die zum Teil die Definition des Aristoteles wörtlich übernahmen. Gefordert ist die Erkenntnis der Seele durch die Scholastik im wesentlichen nicht.
Erst in der
neueren Philosophie
haben sich die Gegensätze in der Auffassung des Wesens der Seele scharf zugespitzt. Den
Dualismus
vertritt nur
Descartes
(1596 bis 1650). Er nimmt die Existenz von zwei Substanzen, Körper oder Ausdehnung und Geist oder Denken, an und scheidet dementsprechend Leib und Seele. Der menschliche Leib ist nur eine Maschine. Die Wärme des Herzens bewirkt den Blutumlauf; aus dem Blute scheiden sich als feinste und beweglichste Teile die Lebensgeister aus, die zur Zirbeldrüse und von dort in die Nerven gelangen und mit Hilfe der mit den Nerven verbundenen Muskeln die Körperbewegungen verursachen. Die Seele ist dagegen
geistige Substanz
, die von Gott geschaffen und mit dem Körper nur durch eine Einheit der Zusammensetzung (unio compositionis), nicht durch irgend welche Wesensgleichheit verbunden ist. Ihr Sitz ist die Zirbeldrüse, ihr einziger Einfluß auf den Körper besteht darin, eine Änderung in der Bewegung der Lebensgeister in der Zirbeldrüse hervorzurufen: Ihr ganzes Wesen ist Denken oder Bewußtseinstätigkeit. Nur die Menschen haben eine Seele, die Tiere sind nur seelenlose Maschinen. Dem Dualismus Descartes' ist es nicht gelungen, die Tatsache der Wechselwirkung zwischen Seele und Leib widerspruchslos und befriedigend zu lösen. (Vgl. Occasionalismus, Freiheit.)
Den
Materialismus
, der das Körperliche für das Wirkliche, die Seele für
körperlich
oder wenigstens alles Psychische für eine Eigenschaft der körperlichen oder alle psychischen Vorgänge für körperliche Bewegungsprozesse oder deren Resultate ansieht, haben in der Neuzeit viele Philosophen und meist solche, die zugleich Naturforscher, Physiker, Ärzte waren, vertreten. Für
Hobbes
(1588-1679) war die
Philosophie Körper
– und
Bewegungslehre
. Alle Substanz erschien ihm daher als körperlich, alles Seiende als Körper, alles Geschehen als Körperbewegung. Auch
die Seele erklärt er für körperlich
; alle Erkenntnis erwächst aus den Empfindungen, und alle Empfindungen aus Bewegungen, aber auch alle Materie trägt die Anlage zu Empfindungen in sich. Einen ähnlichen Standpunkt vertritt
Diderot
(1713-1784), nach dem die Empfindung eine wesentliche Eigenschaft der Materie ist. Noch strenger materialistisch hat
Lamettrie
(1709-1751) der Ansicht gehuldigt, daß der Mensch nur Körper, nur Maschine, daß alle psychischen Funktionen nur Resultate der körperlichen Organisation seien, daß alles Empfindende materiell sei. Die Seele hängt ganz und gar von den leiblichen Organen ab, entsteht, wächst, nimmt ab und stirbt mit ihnen. Ebenso erklärt
Holbach
(1723-1789) den Menschen für ein rein physisches Wesen. Die Seele ist ihm nur das
Gehirn
, alle Seelentätigkeiten sind ihm Gehirntätigkeiten und als solche nur Spezialfälle des Wirkens der allgemeinen Naturkräfte. Denken und Wollen ist Empfinden, und Empfinden Bewegung. Auch
Priestley
(1733-1804) sieht in dem Denken nur
Nerven
– und
Gehirntätigkeit
, in den psychischen Vorgängen mechanische Vorgänge und erklärt die Entstehung aller komplizierteren Vorgänge aus den einfacheren durch Assoziation (s. d.). Nach
Cabanis
(1757-1808) sind ebenfalls alle Gedanken Absonderungen des Gehirns, das Bewußtsein ist die Eigenschaft der organischen Materie. Auch die deutschen Materialisten des 19. Jahrhunderts
Vogt
(1817-1895),
Moleschott
(1822-1893),
Büchner
(1824-1899) halten die Seelentätigkeiten lediglich für
Funktionen des Gehirns
, während
du Bois-Reymond
(1818 bis 1896) die Ohnmacht des Materialismus richtig erkannt und die Möglichkeit der Ableitung des Bewußtseins aus den physischen Vorgängen geleugnet hat und
Albert Lange
(1828-1875), der kritische Geschichtschreiber des Materialismus, mit Kant den Ausgangspunkt des Materialismus für verkehrt und die Materie für bloße Erscheinung erklärt hat. So endet also die materialistische Lehre vom Wesen der Seele mit ihrer kritischen Selbstaufhebung. Der inneren Erfahrung, nicht der äußeren kommt die Priorität zu.
Von den auf
idealistischem
(spiritualistischem) Standpunkte stehenden Philosophen der Neuzeit, die von dem richtigen Gedanken ausgehen, daß die innere Erfahrung unmittelbare Gewißheit hat, hat
Hegel
(1770-1831) die Auffassung vom Wesen der Seele, wie sie Aristoteles hatte, erneuert. Ihm ist die Seele die
ideelle und immaterielle Einheit des organischen Leibes
, die Entelechie (s. d.) ihres Körpers. Als solche ist sie den körperlichen Affektionen unterworfen, ist klimatischen und meteorologischen Einflüssen ausgesetzt, bildet die Besonderheit der Erdteile als Rassenbestimmtheit in sich nach, hat individuelle Eigentümlichkeiten des Naturells, Temperaments und Charakters, wird vom Unterschied der Lebensalter, dem Gegensatz der Geschlechter, dem Wechsel von Schlaf und Wachen berührt, macht überhaupt Veränderung und Entwicklung durch. (Vgl. Zeller, Gesch. d. deutschen Philos. S. 651f.) Eine neue Prägung hat dagegen vom idealistischen Standpunkte aus dem Begriffe der Seele
Leibniz
(1646-1716) gegeben, an den sich fast alle anderen neueren Idealisten angeschlossen haben. – Nach Leibniz besteht die Wirklichkeit aus einer unendlichen Zahl unkörperlicher einfacher Einzelsubstanzen, deren inneres Wesen die Vorstellungskraft ist. Solche Wesen sind aber Seelen, und Leibniz nennt sie daher âmes oder, um ihrer Einheitlichkeit willen, Monaden. Nur Seelen machen daher bei Leibniz die Wirklichkeit aus. Darum denkt er sich alle Wesen als organisch und nimmt innerhalb der organischen Welt keinen Wesensunterschied, sondern nur Gradunterschiede in der Vorstellungskraft an. Die Seelen oder Monaden haben nur innere Zustände und spiegeln mit ihren mehr oder weniger klaren und deutlichen Vorstellungen das Universum ab. Fenster haben sie nicht, und von außen sind sie nicht beeinflußbar. Aber alle Monaden sind von dem Schöpfer durch die Grundunterschiede der Vorstellungskraft und die darauf beruhende geringere und größere Vollkommenheit in den Zustand einer ein- für allemal festgesetzten Harmonie (s. praestabilierte Harmonie) gebracht; jede ist in Rücksicht auf die andere geschaffen. Wenn in einer Monade so viel Vollkommenheit ist, als in anderen Unvollkommenheit, so bilden sie ein Aggregat von Monaden, und die erste ist eine
Zentralmonas
. Die sinnliche Vorstellung eines solchen Monadenaggregats faßt dieses als Körper. Die menschliche Seele im besondern ist eine solche
Zentralmonas
, die durch den Wechsel ihrer Vorstellungen auch in wechselnden Beziehungen zu ihrem Leibe steht und durch Abfluß und Zufluß der Teile Entwicklung, Evolution und Involution in sich einschließt. An Leibniz schließt sich
Christian Wolf
(1679-1764) an, dem die Seele eine
einfache Substanz mit der Kraft, sich die Welt vorzustellen
(vis repraesentativa universi) ist. Auch
Herbart
(1776-1841) folgt Leibniz, führt aber die Vorstellungskraft auf die Fähigkeit der Selbsterhaltung zurück. Die Seele ist ihm eine einfache Substanz, deren Selbsterhaltungen gegenüber störenden Einflüssen Vorstellungen sind.
Ganz eigene Wege hat dagegen
Fichte
(1762-1814) mit seinem moralischen Idealismus eingeschlagen. Für ihn besteht das Wirkliche lediglich im Ich, das er sich anfangs mehr individualistisch als Einzelobjekt, dann mehr pantheistisch als das All denkt, und in den sittlichen Tathandlungen dieses Ichs. Da er die Wirklichkeit der Außenwelt ableugnet und diese nur für eine Setzung des Ichs um eines bestimmte Stufen in sich einschließenden Systems moralischer Zwecke willen ansieht, so ist für ihn die Welt das tätige Ich. Eine Seele, in Beziehung auf einen Leib gesetzt, ist daher ein Begriff, der in seine Philosophie nicht hineinpaßt. Das theoretische wie das praktische Ich, das Selbstbewußtsein im Erkennen und Handeln, die Seele, bleibt außer Beziehung zu einem Wirklichen, abgesehen von sich selbst, und läßt nur Selbstbeschränkung zu. Die Seele ist ihm daher ein sich selbst um moralischer Zwecke willen
Schranken
im Erkennen und Handeln
setzendes, seiner selbstbewußtes Ich
, dessen Funktionen ein System von Handlungen bilden, deren jede an ihre Stelle von den übrigen gefordert wird und ihrerseits die übrigen voraussetzt. In dem neueren Idealismus scheiden sich also die Wege
Hegels, Leibniz'
und seiner Nachfolger und Fichte's; mit einem sicheren Ergebnis schließt die idealistische Philosophie ihre Lehre vom Wesen der Seele nicht ab, und wie Kant scharfsinnig in der Kritik des psychologischen Paralogismus gezeigt hat, überschreitet der Idealismus mit seiner Annahme einer einfachen Seelensubstanz die Erfahrung.
Die vom
Standpunkt der Philosophie des Absoluten
aufgestellte moderne Seelenlehre hat zu ihrem Urheber
Spinoza
(1632-1677), der nur eine Substanz, Gott oder die Natur (deus sive natura) annimmt und Denken und Ausdehnung zu Attributen dieser Substanz macht, denen zwei Reihen von einzelnen Zuständen oder Affektionen der Substanz (Modi) entsprechen. Alles Einzelne ist nur Modus; der Mensch ist Modus, der menschliche Körper ist Modus, und die menschliche Seele (mens) ist nichts anderes als die Idee dieses Körpers. In jedem einzelnen Momente ist die Seele nur
die Idee eines einzelnen Körperzustandes
. Hierin besteht die Verbindung zwischen Seele und Körper. Das Verhältnis der Seele zum Leibe ist nicht das eines gegenseitigen Einflusses und auch nicht das eines beständig vermittelnden Eingreifens Gottes (s. Occasionalismus); es erklärt sich vielmehr daraus, daß Denken und Ausdehnung gleichmäßig Attribute Gottes sind, und daß die Reihe der Modi der Ausdehnung parallel verläuft der Reihe der Modi des Denkens, daß jedem Modus der Ausdehnung ein Modus des Denkens entspricht und umgekehrt, zwischen beiden Reihen also ein vollständiger Parallelismus besteht (Ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum. Eth. II, Prop. 7, vgl. Parallelismus). Andrerseits ist die Seele und der Körper, wie alle Modi auch in der Substanz, und sie sind also ein
Teil des unendlichen göttlichen Intellekts
. In Gott ist eine Idee, welche das Wesen des einzelnen menschlichen Körpers unter der Form der Ewigkeit ausdrückt (sub specie aeternitatis). Die menschliche Seele geht daher nicht zugrunde, sondern es bleibt etwas Ewiges von ihr zurück. An Spinozas Ideen hat
Schelling
(1775-1854) wieder angeknüpft; er hat aber auch aus der Platonischen Philosophie den Begriff einer Weltseele aufgenommen, um ein gemeinschaftliches Prinzip für die anorganische und organische Natur zu finden. Er sieht das Wesen dieser Seele in der Duplizität und Polarität aller Erscheinungen und findet diese im Lichte, in der Wärme, der Elektrizität, im Magnetismus, in der Irritabilität, Sensibilität und der Produktionskraft der tierischen Organismen usw. Das starre Sein der Dinge in Gott bei Spinoza löst sich bei ihm also in Entwicklung und Stufenfolge in Natur und Dasein auf. Die Einzelseele denkt sich Schelling zugleich als
unendliches und endliches Erkennen
. Sofern sie unendliches Erkennen ist, steht sie über dem Leibe, insofern sie endliches Erkennen ist, ist sie der Leib selbst. Die Einheit beider ist das Ich. Das endliche Erkennen ist Empfindung, Bewußtsein, Anschauung, das unendliche Begriff, Urteil, Schluß und zuletzt Vernunfterkenntnis, die alles in seinem Wesen unter der Form der Absoluten begreift. – An Leibniz und Spinoza zugleich haben angeknüpft
Fechner
(1801-1887) und
Lotze
(1817-1881), indem sie mit einem idealistischen einen pantheistischen Grundzug verbinden.
Nach
Fechner
steht Gott und Welt in derselben Beziehung und Zusammengehörigkeit wie Leib und Seele. Die Seele verknüpft die Mannigfaltigkeit der Tätigkeiten und Zustände in der
Einheit des Bewußtseins
und ebenso verknüpft Gott alles einzelne Sein und Geschehen der Welt. Die Natur ist der Leib des göttlichen Geistes, der unserem Geiste gleicht, nur weiter und höher ist als der unsrige. Seelen haben nicht nur die Menschen und die Tiere, sondern auch die Pflanzen und die Himmelskörper. Im übrigen hat Fechner ein exaktes Wissen über das Verhältnis von Leib und Seele in seiner Psychophysik (s. d. und psychophysisches Gesetz) angestrebt und Maßgrößen für psychische Zustände zu entdecken gesucht. – Für
Lotze
heißt Sein: in Beziehungen Stehn, und in Beziehungen Stehn: Wirkungen Austauschen. Dieses Sein ist aber nur erklärlich unter Voraussetzung einer unendlichen Substanz, deren Zustände oder Modi die Einzeldinge sind; und diese Substanz empfängt erst Inhalt aus der Religionsphilosophie durch die Begriffe der unendlichen Persönlichkeit Gottes und eines höchsten Gutes. Den wirklichen Dingen kommt insgesamt, indem sie Zustände eines solchen Wesens sind, Bewußtsein zu; alle Wesen sind also beseelt und geistig.
Auch
Wundt
(geb. 1832) schließt sich, beide kritisch berichtigend, in seiner metaphysischen Hypothese über das Wesen der Seele zugleich an Leibniz und Spinoza an. Und die Wundtsche Hypothese, die der sorgfältigsten empirischen psychologischen Untersuchung zur Krönung dient, kann als die reifste und ansprechendste Ansicht der Philosophie über das Wesen der Seele gelten. Er erkennt den Vorrang der inneren Erfahrung vor der äußeren an. Die innere Erfahrung besitzt für uns unmittelbare Realität, während die Objekte der äußeren Erfahrung nur mittelbar gegeben sind. Dies Verhältnis, das dem
Idealismus den Sieg über andere Weltanschauungen verleiht
, entbindet aber nach Wundts Auffassung nicht von der Pflicht, die Realität der Außenwelt anzuerkennen, sondern nötigt vielmehr zu einer kritischen Sonderung derjenigen Bestandteile objektiver Erkenntnis, welche in den Erkenntnisfunktionen des Subjekts ihre Quelle haben, von denen, die als objektiv gegebene vorauszusetzen sind. Darum ist der allein berechtigte kritische Idealismus der
Idealrealismus
, der das Verhältnis der idealen Prinzipien zu der objektiven Realität aufsucht und nachweist, wie weit die idealen Prinzipien sich in der objektiven Realität wiederfinden. Bei dieser Untersuchung ergibt sich, daß die innere Erfahrung einen Kausalzusammenhang bildet, der eine Entwicklung in sich einschließt. Eine nach synthetischer Methode dargestellte psychische Entwicklungsgeschichte ist das Ziel, auf das die Untersuchung hinweist, und als das Grundphänomen, das der Entwicklung zugrunde gelegt werden muß, ergibt sich der Trieb, der Empfindung und Willen in ursprünglicher Verbindung in sich einschließt. Ferner zeigt sich, daß die physische Entwicklung die Wirkung der psychischen ist, nicht umgekehrt die psychische die der physischen. Der aus der kritisch berichtigten äußeren Erfahrung gewonnene Substanzbegriff muß also zur Erklärung des Seelenlebens so erweitert werden, daß er zugleich die psychischen Lebensäußerungen der komplizierten Substanzkomplexe der organischen Welt in sich faßt, und alle organische Entwicklung muß als ein psycho-physischer Vorgang, die bewegte Substanz zugleich als Trägerin des psychischen Elementarphänomens angesehen werden. Dies führt schließlich, indem die Vorbedingungen zu den Lebensäußerungen der organischen Substanzen in dem einfachen Vorgange der leblosen Natur gesucht werden müssen, zu einer Weltansicht, die jede Bewegung als eine Triebäußerung betrachtet, dem Atom Triebanlage zuschreibt und als die allverbreiteten Zustände aller Substanz, auch der leblosen, bewußtlose unverbundene Triebelemente ansetzt, während sie für die komplizierteren organischen Verbindungen komplizierte psychische Verbindungen und Nachwirkungen vorangegangener Zustände, die sich mit neuen verbinden und durch die eine Kontinuität der inneren Zustände und der äußeren Bewegung entsteht, annehmen muß. »Nach seiner physischen wie nach seiner psychischen Seite ist der lebende Körper eine Einheit. Diese Einheit beruht aber nicht auf der Einfachheit, sondern im Gegenteil auf der sehr zusammengesetzten Beschaffenheit seiner Substanz. Das Bewußtsein mit seinen mannigfaltigen und doch in durchgängiger Verbindung stehenden Zuständen ist für unsere innere Auffassung eine ähnliche Einheit, wie für die äußere der leibliche Organismus, und die durchgängige Wechselbeziehung zwischen Physischem und Psychischem führt zu der Annahme,
daß, was wir Seele nennen, das innere Sein der nämlichen Einheit ist, die wir äußerlich als den zu ihr gehörigen Leib anschauen
. Diese Auffassung des Problems der Wechselbeziehung führt aber weiterhin unvermeidlich zu der Voraussetzung, daß
das geistige Sein die Wirklichkeit der Dinge
, und daß die
wesentlichste Eigenschaft
derselben die Entwicklung ist. Das menschliche Bewußtsein ist für uns die Spitze dieser Entwicklung; es bildet den Knotenpunkt im Naturlauf, in welchem die Welt sich auf sich selber besinnt. Nicht als einfaches Sein, sondern als das entwickelte Erzeugnis zahlloser Elemente ist so die menschliche Seele, was Leibniz sie nannte,
ein Spiegel der Welt
.« (Grundzüge d. physiol. Psychol. Leipz. 1887. Bd. II, S. 553f.)
So schließt die Lehre vom Wesen der Seele mit einer keineswegs allgemein anerkannten, aber für denjenigen besonders ansprechenden Hypothese ab, der als die Methode der Philosophie die empiristische und als den letzten metaphysischen Gewinn der Philosophie einen kritisch berichtigten Idealismus fordert. Kant, der dem Schein einer rationalen Psychologie ein Ende gemacht hat, hat doch bei seiner Scheu vor allen metaphysischen Hypothesen zur Erklärung des Wesens der Seele positiv nichts beigetragen, sondern in seiner Anthropologie nur viele ansprechende Beobachtungen gesammelt und die Arbeit der modernen Psychologie überlassen.
Seelenkrankheiten
Seelenkrankheiten
, s. Geisteskrankheiten.
Seelenkunde / Seelenlehre
Seelenkunde
oder
Seelenlehre
, s. Psychologie.
Seelensitz
Seelensitz
. Beim Entstehen der ersten Vorstellungen vom Wesen der Seele dachte man sich dieselbe analog dem äußeren Leibe als etwas Substantielles und identifizierte sie mit irgend einem Kennzeichen des Lebens, mit dem Blute, dem Atem, der Lebenswärme usw. Man sah sich dann zur Annahme eines Prinzips der Empfindung und Bewegung veranlaßt, welchem man die Rolle zuwies, die Eindrücke der Außenwelt und die Einwirkungen auf dieselbe zu vermitteln. So erhob man sich allmählich zu dem Gedanken eines Trägers der Vorstellungen, Gefühle und Begierden. Diese Gesichtspunkte, welche sich in den Anfängen psychologischer Betrachtung ergaben, wurden miteinander verbunden. Die Kontinuität des Ichbewußtseins forderte die Einheit und Einfachheit des Trägers aller Bewußtseinsvorgänge. Die Seele wurde daher irgendwo (im Leibe) gesucht, wenn sie auch selbst unräumlich gedacht wurde. So entstand die Frage nach dem Sitze der Seele.
So lange man unter Seele nur die Lebenskraft verstand, suchte man ihren Sitz im
Blute
. Eine zweite Stufe der Betrachtung verlegte ihn in die
Brust
, eine dritte in das
Haupt
. Zuerst dachten sich die Ägypter das Gehirn als Seelensitz; ihnen folgten die
Pythagoreer
wie Alkmaion und
Hippokrates. Platon
(427-347) lokalisiert die Seele dreifach: den Nous (
logistikon
) verlegt er in den Kopf, den Mut (
thymos
) in die Brust und die Begier (
epithymêtikon
) in den Unterleib.
Aristoteles
(384-322) verwirft die lokale Scheidung der Seelenteile bei Platon, macht die Seele zum Mikrokosmos und nimmt für den Menschen außer dem
threptikon
(dem Ernährungsvermögen) das
aisthêtikon
(Empfindungsvermögen),
orektikon
(Begehrungsvermögen) und
kinêetikon kata topon
(Bewegungsvermögen) und vor allem den
nous (dianoêtikon
, Verstand, denkende Seele an. die ernährende und empfindende Seele versetzt er ins Herz, das Zentrum des Leibes. Die
Stoiker
und
Epikureer
verlegten den vernünftigen Teil der Seele in das Herz, lehrten aber die Verbreitung der Seele durch den ganzen Leib. Erst
Herophilos
(um 280 v. Chr.) und
Galenus
(131-200) nahmen wieder das Hirn als Sitz wenigstens für die denkende Seele an. Die
Neuplatoniker
lehrten, die Seele, sei ganz im ganzen Leibe und ganz in jedem Teile desselben.
Cartesius
(1596-1650) verlegte ihren Sitz in die Zirbeldrüse (glande pinéale, glandula); ihm folgend, nahm
Bonnet
(1720-1793) den Balken,
Digby
die Scheidewand,
Haller
(1708-1777) die Varolische Brücke,
Boerhave
(1668-1738) das verlängerte Mark,
Platner
(1744-1818) die Vierhügel,
Sömmering
(1755-1830) das Wasser des Gehirns als Sitz der Seele an.
Kant
(1724-1804) verwarf das Suchen nach einem Sitz der Seele überhaupt. Die
Identitätsphilosophie
sprach sich für ihre allgemeine Verbreitung durch den ganzen Leib aus, jedoch mit dem Gehirn als vorzüglichem Organ. Die
Hegelianer
behaupteten, die Seele sei kein Ding, also sinnlicher Bestimmungen unfähig.
Herbart
(1776-1841) empfahl die Idee einer Verschiebbarkeit ihres Sitzes im Gehirn.
Schopenhauer
(1788-1860) erblickte im Gehirn die Objektivation des Intellekts, im Gesamtorganismus und besonders im Blute diejenige des Willens.
Fechner
(1801-1887) endlich meinte, im weiteren Sinne sei der Organismus der Sitz der Seele, im engeren (des Bewußtseins) ein Teil des Nervensystems, der mit dem Sinken der Organisationsstufe im Tierreiche zunehme. Die moderne Psychologie verknüpft mit Recht alles Seelenleben beim Menschen und Tiere mit dem Nervensystem.
Seelenvermögen
Seelenvermögen
nannte man die verschiedenen Kräfte oder Anlagen, welche man der Seele beilegte. Man schloß dabei von der Wirklichkeit mannigfaltiger Phänomene auf die ihnen zugrunde liegenden Kräfte oder Vermögen. Aber der Schluß von den Erscheinungen auf die Kräfte hat immer etwas Unsicheres, und wo zuerst eine Vielheit von Kräften angenommen ist, ist später oft eine Zusammenziehung derselben versucht worden. Die Vermögen sollten ein Mittleres zwischen Wesen und Geschehen sein, nämlich der Grund für die Möglichkeit der Vielheit des Geschehens. Sie sind aber etwas Leeres, durch willkürliche Abstraktion, Trennung und Isolierung Gewonnenes, und weder die Psychologie, noch die Pädagogik, noch die Psychiatrie kann die Theorie des Seelenvermögen recht brauchen; denn eine genauere Betrachtung müßte sie bald ins Unbestimmte vermehren (Empfindung, Gefühl, Erkenntnis, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Einbildungskraft, Verstand, Vernunft, Wille, Begierde usw.), bald wieder auf wenige reduzieren oder in eins zusammenziehen. Sie haben also nur Wert als Bezeichnungen für verschiedene Richtungen, in welchen sich die Seele äußert und dienen der Klassifikation der psychischen Vorgänge. So ist offenbar Denken und Begehren und Fühlen nicht dasselbe, und doch liegen alle drei schon in der Empfindung, im Bewußtseinsakt, vereint, für den Vorstellung (mit Leibniz) zu setzen nicht recht angängig ist. – Schon die
Pythagoreer
haben Seelenvermögen oder Seelenteile angenommen (
nous, epistêmê, doxa, aisthêsis
) ebenso
Platon
(427-347) den vernünftigen Teil (
logistikon
) den mutigen
thymos
und den begehrlichen (
epithymêtikon
); doch erst
Aristoteles
(384-322) scheidet die vegetative Seele (
threptikon
) die auch den Pflanzen zukommt, von der empfindenden
aisthêtikon
begehrenden
orektikon
und bewegenden
kinêtikon kata topon
, die außerdem dem Tiere zukommen, und von der denkenden Seele
nous, dianoêtikon
die allein dem Menschen zukommt. Die
Stoiker
nahmen drei bis fünfzehn Seelenvermögen an. Nachdem im Mittelalter Aristoteles' Auffassung geherrscht und dann in der Neuzeit
Cartesius
(1596 bis 1650) das Denken und
Leibniz
(1646-1716) die Vorstellung als Grundkraft betrachtet hatte, stellten
Wolf
(1679 bis 1754) und
Kant
(1724-1804) wieder Seelenvermögen auf, Wolf das Erkenntnis- und Begehrungsvermögen, Kant das Erkenntnis-, Gefühls- und Begehrungsvermögen. Diese Theorie wurde von
Herbart
(1776-1841), der auf Leibniz zurückgriff, metaphysisch, von
Beneke
(1798-1854) psychologisch bekämpft, doch setzt dieser dafür eine große Zahl von »Urvermöge«. Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn die Vermögen als selbständig vorgestellt werden, nicht bloß die Einheit der Seele, sondern auch die Möglichkeit des Seelenlebens in Frage gestellt wird. Der Wirklichkeit entspricht allein, daß in jedem Bewußtseinsakte (Empfindung) mit dem Erkenntnisvorgange auch der Gefühlston und die Begehrung, wenn auch in vielfach wechselnder Intensität, verbunden sind. Vgl.
Vorländer
, Grundlinien einer organ. Wissensch. der menschl. Seele. 1841. G.
Siebeck
, Geschichte der Psychol. I. 1880 f.
Wundt
, Grundz. d. phys. Psych. I, S. 13-20.
Seelenwanderung
Seelenwanderung
, s. Metempsychose.
Sehnsucht
Sehnsucht
heißt das starke Verlangen nach etwas für wertvoll Erachteten, in Verbindung mit dem Gefühl der Trauer, es nicht erreichen zu können. Die Sehnsucht kann sich auf Vergangenes und Verlorenes oder auf Zukünftiges und Erhofftes richten. Am natürlichsten richtet sie sich auf die Zukunft. Es ist »jedem eingeboren, daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt, wenn über uns, im blauen Raum verloren, ihr schmetternd Lied die Lerche singt« (Goethe, Faust, Spaziergang). Besonders in der Jugend wird der Mensch von Sehnsucht nach etwas Unbekanntem gequält, nach der zukünftigen-Geliebten, nach einem schöneren Lande, einem besseren Dasein, einem edleren Jenseits. Durch Goethes Lyrik z.B. geht bis zur Reise nach Italien dieser Zug der Sehnsucht hindurch (vgl. z.B. Trost in Tränen, Mignon, Wandrers Nachtlied). Aber auch im späteren Leben erfaßt den Menschen oft mitten in der Prosa der Alltäglichkeit ein tiefer Schmerz, ein geheimes Sehnen, das sich rückwärts nach den Idealen seiner Jugend wendet. So begleitet die Sehnsucht das ganze menschliche Leben. »Wir haben hier keine bleibende Stätte, die zukünftige suchen wir.« »We spend half our life in longing to be nearer death!« So förderlich für den Menschen die Sehnsucht nach etwas Höherem ist, so schädlich wird sie, wenn sie zur schwächlichen Sentimentalität, zur phantastischen Mystik oder zum lähmenden Weltschmerz ausartet. Eine besondere Form der Sehnsucht ist das Heimweh (s. d.).
Sein
Sein
(esse) bedeutet 1. die Beziehung zwischen zwei Begriffen, von denen der erste Subjekt, der zweite Prädikat eines
Gedankenurteils
ist. Die Beziehung kann entweder
Identität
oder
Gleichheit
, oder
Subsumtion
(Verhältnis von Art zu Gattung, Über- und Unterordnung) sein. Der Begriff des
Seins
ist so weit nur der Begriff eines
Gedankenverhältnisses
und gestattet keinen Schluß auf Wirklichkeit; 2. das Verhältnis zwischen Subjekt und Prädikat in einem
Wahrnehmungsurteil
, z.B. dieser Mensch ist krank. In diesem Falle involviert der Begriff des Seins eine
Beziehung auf die Wirklichkeit
; 3. direkt die
Wirklichkeit
, das
Dasein
, sofern dieser Begriff nur durch die Erfahrung gegeben ist; 4. das
Sein im metaphysischen Sinne
, welches die philosophische Überlegung als den Grund der Welt ansieht. Die Wissenschaft von diesem metaphysischen oder absoluten Sein nennt man
Ontologie
. Das absolute Sein kann auf dreierlei Weise gedacht werden, entweder mit den Eleaten, Atomisten, Leibniz und Herbart als das schlechthin
Einfache, Unterschiedslose
, oder mit Platon, Aristoteles, Spinoza, Schelling und Hegel, als ein Werdendes, sich durch das Mannigfaltige hindurch Entwickelndes; oder aber man verzichtet überhaupt darauf, das »reine« Sein zu erkennen, erklärt es für ein
Unbestimmbares
und begnügt sich mit der subjektiven Auffassung, die unsere Erfahrung von der Welt haben kann. So dachten im Mittelalter die Nominalisten, in neuerer Zeit Bacon, Locke, Hume, Kant u.a. Die Auffassung des absoluten Seins ist natürlich eine verschiedene für den Realismus, Idealismus und die absolute Philosophie. – Das Verhältnis von Sein und Denken untersucht die Erkenntnistheorie. Vgl. Außenwelt, Idealismus, Schein.
Seinsgrund
Seinsgrund
, s. Prinzip.
Selbstachtung
Selbstachtung
ist das von Eitelkeit freie Bewußtsein eines Menschen von seinem eigenen Wert; sie ist also nicht mit dem Selbstgefühl identisch, welches mit Eitelkeit gemischt ist. Der Grund der Selbstachtung ist das allgemeine Bewußtsein unserer Menschenwürde, welche uns über das Tier erhebt, sodann die besondere Anerkennung unserer individuellen Leistung oder unseres persönlichen Wertes durch andere. Aber selbst wenn uns diese nicht zuteil werden sollte, so kann sich die Selbstachtung auch auf das Zeugnis unseres Gewissens stützen. – Die Selbstachtung hält uns von Niedrigem und Unedlem, wie Lüge, Betrug, Hinterlist, Heuchelei u. dgl., ab und treibt uns zum Guten an, selbst wenn man uns nicht sieht noch lobt. Auch bietet sie uns den Lohn dar, wenn uns die billige Anerkennung nicht zuteil wird, und tröstet uns bei unverdienten Beleidigungen und Kränkungen. A.
Döring
(Philosophische Güterlehre. 1888) sieht in dem Eigenwerte das höchste Gut der Menschheit. – Die Selbstachtung kann leicht in Selbstgefühl, Selbstüberhebung oder Stolz ausarten.
Selbstbeherrschung
Selbstbeherrschung
nennt man die Fähigkeit, den Willen und das Gemüt schnell durch die Vernunft zu bestimmen. Die Selbstbeherrschung wird nur durch andauernde strenge Selbsterziehung und Einschränkung der Wünsche erworben. Die Triebe, die Neigungen, die Leidenschaften sind eine elementare Kraft, die immer von neuem hervorzubrechen droht. Nur wer sich selbst beherrscht, ist frei: »Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet!« (Goethe, Geheimnisse.) Vgl.
Blackie
, Selbsterziehung, deutsch von Kirchner. Lpz. 2. Aufl. 1886.
Selbstbeobachtung
Selbstbeobachtung
ist die Aufmerksamkeit auf unser eigenes Wesen, unsere Anlagen, unsere Art zu denken, unsere Neigungen, unsere Handlungsweise. Sie dient dazu, uns unsere Fehler erkennen zu lehren und uns psychologische Erkenntnis zu geben. Die Selbstbeobachtung ist sogar eine Hauptquelle der Psychologie und für jeden einzelnen der Weg, um andere Menschen verstehn zu können: »Willst du die andern verstehn, blick' in dein eigenes Herz.« (Schiller.) Aber sie hat ihre Schwierigkeiten; denn es entziehen sich ihr die Affekte, das angestrengte Denken, das Aufmerken, die künstlerische Begeisterung, überhaupt alles Aktuelle. Erst wenn ein Seelenzustand schwindet, können wir ihn beobachten, und während wir ihn betrachten, entschwindet er uns und hält vor unserem geistigen Auge nicht stand; auch ist die Selbstbeobachtung nur bei schon vorgeschrittenem Seelenleben ausführbar. Daher kann man sagen: je ernstlicher wir uns beobachten wollen, desto weniger finden wir zu beobachten vor. Vgl.
Beneke
, Neue Psychologie 1845. S. 20.
Wundt
, Vorles. ü. d. Menschen- u. Tierseele. Lpz. 1863. S 21.
Selbstbestimmung
Selbstbestimmung
heißt die aus inneren, im Subjekt selbst liegenden Gründen entspringende Fassung eines Entschlusses. Vgl. Freiheit, Person.
Selbstbewußtsein
Selbstbewußtsein
könnte 1. im
theoretischen
Sinne eigentlich nur die unmittelbare Erfassung des eigenen Ichs durch das Bewußtsein heißen. Wir erfassen uns aber nur in unseren wechselnden Bewußtseinszuständen und psychischen Vorgängen. Doch was dahintersteht, erfassen wir nicht. Die Einheit des Ichs ist eine Bedingung der Erkenntnis überhaupt, aber keine Tatsache, die wir beobachten können. Alle Selbstbeobachtung liefert uns kein apriorisches Element des Wissens, das von der Erfahrung unabhängig wäre oder über derselben stände. (Vgl.
Kant
, Kr. d. r. V. S. 341-405. Von den Paralogismen der reinen Vernunft.)
Das Selbstbewußtsein gibt uns also nur immer bruchstückweise unser empirisches Ich. In diesem empirischen Bewußtsein
liegt aber 1.
eine Summe von wechselnden Vorstellungen
, 2.
die Kontinuität der Ichvorstellung
und 3.
die Identität beider
. Aber es liegt nicht unmittelbar in diesem empirischen Bewußtsein die Idee einer für sich selbst bestehenden einfachen und immateriellen, denkenden Substanz.
Platon
(427-347) faßt das Selbstbewußtsein im
ethischen
Sinne als Selbsterkenntnis, aber
Aristoteles
(384-322) schreibt dem Verstande die Fähigkeit zu, sich selbst
theoretisch
zu erkennen (
hauton de noei ho nous kata metalêpsin tou noêtou
. Metaph. XI, 7 p. 1072b, 20;
estin hê noêsis noêseôs noêsis
Metaph. XI, 9, p. 1074 b, 34). Ähnliches sagt der Stoiker Epiktetos (2. Hälfte des 1. Jahrh. v. Chr.). Erst
Plotinos
(205-270) spricht, das Wort Selbstwahrnehmung gebrauchend, vom Selbstbewußtsein (
synaisthêsis hautês
) und nennt es die Identität des Erkennens, seines Aktes und seines Objekts (
nous, noêsis, noêton
). Auch Thomas v.
Aquino
(1225-1274) nennt dieselben drei Seiten des Selbstbewußtseins. Die folgende Zeit hat wenig über das Problem nachgedacht.
Kant
(1724-1804) hat die Unmöglichkeit des Selbstbewußtseins, sofern es sich um die Erfassung des reinen Ichs handelt, nachgewiesen (siehe oben). J. G.
Fichte
(1762-1814) dagegen hält sie für möglich und läßt das Selbstbewußtsein durch eine Reflexion der absoluten Tätigkeit des Ichs auf das reine Sein entstehn. Das Reflektierte ist die in einem Punkte angehaltene, fixierte Tätigkeit, das Reflektierende die aus ihrer Begrenzung in ihrer Unendlichkeit sich wiederholende Tätigkeit selbst. Auch
Hegel
(1770-1831) hält das Selbstbewußtsein für möglich und erklärt: »Die Wahrheit des Bewußtseins ist das Selbstbewußtsein und dieses der Grund von jenem.«
Lotze
(1817-1881) dagegen bezeichnet das Selbstbewußtsein als bloße theoretische Ausdeutung des Selbstgefühls. Weder die Selbstbezeichnung mit »Ich«, die aus äußerlicher Nachahmung entspringen kann, noch die Unterscheidung der eignen Glieder, noch die Wiedererkennung des eigenen Spiegelbildes ist ein Zeichen des Selbstbewußtseins im Kinde. Es entspringt vielmehr allmählich teils aus Vorstellungen, teils aus Willenshandlungen und Gefühlen. Die Spuren davon beginnen wahrscheinlich schon in den ersten Lebenswochen.
Wundt
(geb. 1832) erklärt das Selbstbewußtsein mit Recht als das Erzeugnis psychischer Prozesse, nicht als ihre Grundlage, und als eine Realität, die nicht von den Vorgängen, aus denen es besteht, verschieden ist, sondern auf den Zusammenhang dieser Vorgänge schlechterdings hinweist. Das Selbstbewußtsein ist in den Anfängen seiner Entwicklung durchaus sinnlich und mit der Vorstellung des Leibes verwachsen. Erst durch die Selbstauffassung des Willens wird es abstrakter; aber »selbst der spekulative Philosoph vermag sein Selbstbewußtsein nicht loszulösen von seinen körperlichen Vorstellungen und Gemeingefühlen«. (
Wundt
, Grundz. der phys. Psych. II, S. 259f.; Grundriß d. Psych. S. 269). Vgl. Ich. –
Selbstbewußtsein
bedeutet 2. im
praktischen
Sinne soviel als Selbstgefühl (s. d.).
Selbstentleibung
Selbstentleibung
, s. Selbstmord.
Selbsterhaltungstrieb
Selbsterhaltungstrieb
nennt man die Zusammenfassung aller derjenigen Triebe, welche auf die Erhaltung des eignen Seins des Individuums gerichtet sind. Kein tierisches Wesen wünscht unterzugehn, sondern sich gegenüber den zahllosen Angriffen von außen zu behaupten und zu erhalten. Der Selbsterhaltung dienen vor allem die Nahrungs- und Schutztriebe. Das Verlangen nach Nahrung und Schlaf, nach Luft, Licht, Wärme, nach Bewegung und Ruhe, das Streben, alle feindlichen Eingriffe abzuweisen, dann auch die Betätigung unseres Denkens und Wollens, das Streben nach Macht, Ehre, Besitz usw. sind jedem Menschen eigen. Auch muß unser Geist, um sich selbst zu erhalten, denken, sich selbst treu bleiben und dem Nützlichen und Guten zustreben. Dem Selbsterhaltungstrieb ist der
Gattungstrieb
entgegengesetzt, der die Geschlechtstriebe, die elterlichen und die sozialen Triebe umfaßt. (
Wundt
, Grundz. d. phys. Psychol. II S. 419 f.)
Selbsterkenntnis
Selbsterkenntnis
kann nach der bekannten Inschrift des Apollotempels zu Delphi: Erkenne dich selbst!
gnôthi sauton
als der Anfang der Weisheit und als die höchste Offenbarung gelten, die dem Menschen zuteil werden kann. Die
Selbsterkenntnis
besteht nicht in der theoretischen Erkenntnis des menschlichen Wesens überhaupt, sondern
in der ethischen Einsicht in das eigene Wesen, die der einzelne Mensch besitzt
, in der Kenntnis, die jeder Mensch von seinen eigenen Mängeln und Schwächen, Anlagen und Fähigkeiten, Kräften und Kraftgrenzen erwirbt, im richtigen Urteil über sich selbst. Das Haupthindernis der Selbsterkenntnis ist die Eitelkeit, welche uns schmeichelt und alles im günstigsten Lichte erscheinen läßt. Aber selbst wenn wir gegen sie ankämpfen, so erhebt sich die andere Schwierigkeit, daß wir uns selbst, ebenso wie andere, nur immer im Einzelfalle durch Erfahrung kennen lernen. Jeder erkennt sich zu bestimmter Zeit immer nur stückweise und wird an sich selbst nacheinander Seiten des Charakters erkennen, die er in sich nicht vermutet hätte. Von der Selbsterkenntnis gilt also der Satz: »Wirke, nur in seinen Werken kann der Mensch sich selbst bemerken.« Die Selbsterkenntnis setzt aber auch die Kenntnis der anderen Menschen und der Welt voraus, weil wir nur im Vergleich mit anderen über uns selber gerecht zu urteilen vermögen. Da alle Menschen Individuen derselben Gattung sind, ist die Beobachtung anderer unentbehrlich, wie
Schiller
sie in dem Worte fordert: »Willst du dich selber erkennen, so sieh', wie die andern es treiben!« Es gibt übrigens einige gute Kriterien, an denen man sich selbst beurteilen lernt: Mit wem man umgeht, was man lächerlich findet, worein man das höchste Glück setzt, wie man sich benimmt, wenn man allein ist, u. dgl. m. Vgl.
Augustinus
, Confessiones, dtsch. v. Rapp. 7. Aufl. 1878.
Rousseau
, Confessions. 1764.
Schleiermacher
, Monologe. 1800. Vgl. Selbstbeobachtung.
Selbstgefühl
Selbstgefühl
ist das mit Eitelkeit gemischte Gefühl der Lust, welches aus dem Bewußtsein unseres Selbsts, unserer Kraft, Bedeutung oder Geltung entspringt. Es bereitet uns Lust, von uns selbst zu sprechen oder sprechen zu hören, uns gedruckt oder gemalt zu sehen, auf ein Buch von uns oder ein Zitat aus unseren Schriften zu stoßen. Meist erweckt schon Schmuck und Kleidung das Selbstgefühl. Die rauschende Schleppe, die nickende Feder, der bunte Rock, der rasselnde Säbel erheben die Trägerin und den Träger, und Schnurrbartbewußtsein läßt manchen geistig öden Jüngling selbstbewußt dreinschauen. Ebenso stärken Besitz, Macht, Herrschaft, Einfluß das Selbstgefühl. Vor allem vermehrt jede Leistung, die wir glücklich vollbringen, sei sie physisch, technisch, intellektuell, künstlerisch oder moralisch, unser Selbstgefühl. Die Arbeit ist die relativ berechtigtste Quelle des Selbstgefühls. Daher findet sich beim Mann in Beruf und Stellung ein verhältnismäßig gesundes, beim Jüngling, der seine Kräfte überschätzt und in Phantasien schwärmt, oft ein übertriebenes Selbstgefühl. Der Erwachsene merkt bald, daß er nur ein Glied des Ganzen, ein Rad im Mechanismus des Lebens, also auf andere angewiesen ist, und lernt Bescheidenheit. Der Grad des Selbstgefühls hängt aber auch zum Teil von körperlichen Einflüssen ab. Vgl. Stolz, Eitelkeit, Ehrgefühl, Ehrgeiz, Selbstbewußtsein.
Selbstliebe
Selbstliebe
ist die aus dem Selbsterhaltungstriebe hervorgehende natürliche Neigung des Menschen, sich geltend zu machen und auszubilden. Sie bedarf der Einschränkung durch die Rücksicht auf andere, um nicht zur Selbstsucht (Egoismus s. d.) zu werden. Die Selbstliebe ist an sich nicht verwerflich. Ohne sie gäbe es kein Streben nach Besitz, Schmuck, Ehre, Macht, kein höheres Bildungsbestreben. Die Religion erkennt die Selbstliebe als natürlich in dem Sittengebote an: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Die Selbstliebe ausrotten wollen, hieße Heuchler erziehen; aber die Selbstliebe bedarf der beständigen Zucht und Ergänzung. Vgl. Th.
Fechner
, Über das höchste Gut. 1846. H.
Lotze
, Mikrokosmus II. 1864.
Pfleiderer
, Eudämonismus und Egoismus. 1880.
Selbstmord
Selbstmord
(lat. suicidium, gr.
autocheiria
) ist die absichtliche Vernichtung des eigenen Lebens. Man unterscheidet groben und feinen Selbstmord; jener besteht in der plötzlichen, dieser in der allmählichen Zerstörung des Lebens (durch Genuß, Gift, Tätigkeit, Hunger). Häufige Ursache des Selbstmordes ist der Wahnsinn, das Delirium oder ein Zustand der Angst, des Schmerzes oder der Verzweiflung, der dem Menschen die Besinnung raubt. In diesen Fällen kann man die Tat dem Urheber nicht unmittelbar zurechnen. Aber daß jemand überhaupt in solchen Zustand sinnraubender Angst und Verzweiflung geraten ist, in dem er sich selbst das Leben nehmen kann, kann ihm oft zum sittlichen Vorwurf gemacht werden. Jede Tat ist das Kind früherer Taten, und die menschliche Verantwortung hört nicht auf, trotzdem jede Tat notwendig aus früheren folgt. Abgesehen aber von den genannten Ursachen des Selbstmordes und ähnlichen ist dieser ein psychologisches Problem: Wie kommt der Mensch dazu, gegen den Grundtrieb der Selbsterhaltung zu handeln? In der Tat sind die Gründe, die ihn dazu treiben, meist die schwersten Leiden. Der Mensch mordet sich nur dann, wenn ihm das Leben so verhaßt geworden ist, daß die Furcht vor dem Tode durch die Abneigung gegen die Fortexistenz besiegt wird. Tiere können sich dagegen nicht umbringen, weil es ihnen dazu an Übersicht und Charakter fehlt; auch haben sie nie so starke geistige Leiden wie Menschen.
Weil allen Wesen die Furcht vor dem Tode (horror mortis) von Natur innewohnt, findet der Selbstmörder auch Bewunderer. Und doch ist der Selbstmord unnatürlich. Der Mensch hat sich nicht selbst ins Dasein gerufen, erhält sich nicht selbst, ihn binden in jeder Lage Pflichten und Verhältnisse. Andere haben auf unseren Dank und unsere Tätigkeit Anspruch. Durch Selbstmord entziehen wir uns diesen Pflichten; und selten ist andrerseits ein Mensch so verachtet und verlassen, daß ihm nicht noch das Mitgefühl und die Hilfe anderer zufällt. Wir sind zwar über die Zeit hinaus, wo man den Stein auf einen unglücklichen Selbstmörder wirft, oder ihm ins Gesicht speit, aber die Versuche, den Selbstmord zu verteidigen, sind doch mißlungen.
Die
Kyniker
und
Stoiker
lehrten zwar, der Weise sei auch Herr über sein Leben; er könne es daher verlassen, wenn es ihm nicht mehr zusage. Sobald uns die Gottheit einen Wink gebe, daß man gehen solle, sei es unwürdige Feigheit, aus tierischer Anhänglichkeit an die Erde, jenem Rufe nicht zu folgen. – Doch ist der Leib keineswegs ein Kleid, das man nach Belieben wechselt, sondern gehört unlösbar zu unserem Ich. Und es ist sicher mutiger, ein Leben voller Schwierigkeiten zu ertragen, als es schnell fortzuwerfen. Dies erkennt man bei allen Selbstmördern, von denen uns die Geschichte oder die Dichtung erzählt. (Vgl. z.B. Saul, Ahitophel, Aias, Cato, Seneca, Werther, Don Cesar.)
Schopenhauer
(1788-1860) rühmt es als ein Vorrecht des Menschen, zu leben, solange er will. Wenn die Schrecknisse des Lebens größer sind als die des Todes, greife er zum Selbstmorde: doch sei die Veranlassung oft überaus gering. Auf nichts habe der Mensch aber ein so unzweifelhaftes Recht, wie auf sein Leben. Doch sei es ganz vergeblich, durch Selbstmord dem Leben entrinnen zu wollen; »was jeder im Innersten
will
, das muß er
sein
, und was jeder ist, das will er eben«... Weil dem Willen zum Leben das Leben immer gewiß und diesem das Leiden wesentlich ist, so ist »der Selbstmord, die willkürliche Zerstörung einer einzelnen Erscheinung, bei der das Ding an sich ungestört stehen bleibt,... eine ganz vergebliche und törichte Handlung. Aber sie ist auch überdies das Meisterstück der Maja, als der schreiendste Ausdruck des Widerspruchs des Willens zum Leben mit sich selbst« (W. a. W. u. V. I, § 69). Auch in diesen Gedanken verleugnet Schopenhauer, wie stets, nicht die Eigenartigkeit seiner Gedankenwelt, die alles auf das eine Prinzip des Willens zurückführt.
In neuerer Zeit hat sich eine stärkere
Selbstmordneigung
als früher geltend gemacht. Während wir bei den Naturvölkern überhaupt keinen Selbstmord, bei den alten Griechen ihn selten finden, zeigt die Welt im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. allgemein Lebensüberdruß und Neigung zum Selbstmorde. Mit der Ausbreitung des Christentums schwindet diese wieder, und Selbstmorde treten daher im Mittelalter mehr vereinzelt auf. In dem Zeitalter der Renaissance und Reformation tritt wieder eine gewisse Sucht zum Selbstmord hervor; sie steigert sich fortwährend und hat im 19. Jahrhundert stellenweise eine große Höhe erlangt. So hat sich die Zahl der Selbstmorde in den meisten zivilisierten Staaten in 50 Jahren fast verdreifacht, man zählte z.B. in Preußen 1836: 1436 Fälle, 1887 dagegen 5898 Fälle. Dazu kommen noch mindestens 1/3 soviel Selbstmordversuche. Als Ursache dieser traurigen Erscheinung lassen sich vor allen bestimmte Wirkungen der physischen und geistigen Organisation des Menschen angeben, wie schlechter Gesundheitszustand, Morbilität und Mortalität, Geschlecht, Alter, ferner sozialpolitische Verhältnisse: Volkszahl und Dichtigkeit, Ehe- und Familienleben, Wirkung der Freiheitsstrafe, Beruf, Rasse, Nationalität, politische Krisen. Sodann sind auf die Steigerung der Zahlen von Einfluß wirtschaftliche Zustände: Zerrüttung des Vermögens, Armut, Elend. Endlich kommen in Betracht die intellektuellen, moralischen und religiösen Einflüsse; die moderne Überanstrengung des Geistes und die mangelnde Durchbildung des Charakters, sowie die Immoralität gehören vor allem hierher. Dies zeigt z.B. folgende statistische Tabelle der Selbstmorde in Frankreich 1856-61: Ursache unbekannt: 2139; Lebensüberdruß: 951; Geisteskrankheit: 7421; mit Geistesstörung verbundene Leidenschaften: 24; körperliche Leiden: 2651; Leidenschaften: 745; Laster: 2732; Kummer über andere: 331; Zwist in der Familie: 2600; Kummer über Vermögensverhältnisse: 2764; Unzufriedenheit mit der Lage: 253; Reue und Scham: 158; Furcht vor Strafe: 1528; Selbstmord nach Mord: 165. In Berlin stellte sich bei einer Bevölkerungsziffer von 1988742 im Jahre 1904 das Bild so: Beweggründe unbekannt: 190; Lebensüberdruß: 14; Geisteskrankheit: 75; Leidenschaften: 26; körperliche Leiden: 78; Laster: 1; Trauer, Kummer: 125; Reue, Scham: 18; Arger, Streit: 13; Nerven: 43; Geistesschwäche: 1; Alkoholismus: 40; andere Beweggründe: 6. – Als Therapie dieser Zustände empfiehlt sich: 1. Besserung der sozialen und hygienischen Zustände; 2. vernünftige Erziehung und 3. Verbreitung einer moralischen Weltanschauung. – Vgl. Th. G.
Masaryk
, Der Selbstmord als soziale Massenerscheinung. 1881. v.
Öttingen
, Akuter und chronischer Selbstmord. Leipzig 1882.
Tschirner
, Leben und Ende merkwürdiger Selbstmörder. 1805.
Stäudlin
, Gesch. der Vorstellungen und Lehren vom Selbstmorde. 1824.
Hume
, On suicide and immortality of souls. 1783.
Selbstsucht
Selbstsucht
, s. Egoismus.
Selektion
Selektion
heißt Auslese, Zuchtwahl. Sie ist eine künstliche, wenn ein Züchter sich zur Fortpflanzung bestimmter Rasseneigentümlichkeiten besonders geeignete Individuen auswählt; sie ist eine natürliche, wenn sie im Kampf des Daseins von selbst erfolgt, in dem die für den Wettbewerb des Lebens geeigneten Individuen ihre Konkurrenten überleben und allein zur Fortpflanzung kommen. Vgl. Darwinismus.
Sensation
Sensation
(engl. Sensation), äußere Sinneswahrnehmung, bezeichnet
Locke
(1632-1704) als die eine Quelle der Erfahrung, während die Reflexion der
innern
Selbstwahrnehmung die andere Quelle bildet. Die einfachen Vorstellungen entstehen nach Locke zunächst aus den 5 Sinnen, und zwar entweder je aus einem Sinne, wie z.B. die Vorstellung der Hitze, Kälte, Dichtheit aus dem Gefühlsinne, des Lichts, der Farbe aus dem Gesichtssinne, oder aus den Wahrnehmungen mehrerer Sinne zugleich wie z.B. die Vorstellungen des Raumes, der Ausdehnung, der Gestalt, der Ruhe und der Bewegung aus den vereinigten Wahrnehmungen des Gesichtes und Gefühles. Aus der Reflexion (s. d.) entstehen andere einfache Vorstellungen von den Tätigkeiten unserer Seele, z.B. die des Denkens und des Wollens. Endlich aus Sensation und Reflexion zusammen erhalten wir die Vorstellung von der Lust und Unlust, der Existenz, Einheit, Kraft und Sukzession.
Sensibilität
Sensibilität
(v.lat. sensibilis = empfindbar) heißt die Fähigkeit sinnlich zu empfinden. Diese setzt dreierlei voraus: ein Organ, das einen Reiz von außen aufnehmen kann, ein anderes, das ihn umsetzt, und ein Bewußtsein, das ihn empfindet. Die Sensibilität ist erfahrungsmäßig an ein
Nervensystem
geknüpft. Weil die Pflanzen keine Nerven haben, spricht man ihnen meist, vielleicht aber mit Unrecht, die Sensibilität ab. Die Sensibilität des Nervensystems ist den Tieren und Menschen eigen. Im engeren Sinne versteht man unter Sensibilität die
Feinheit des Empfindens
. Vgl. Pflanzenseele.
sensitiv
sensitiv
(franz. sensitiv v. lat. sensus = Sinn) heißen diejenigen Empfindungen, welche nicht an einen bestimmten Sinn, sondern an gewisse über größere Körperflächen verbreitete Aggregate von Nerven geknüpft sind. Dies sind: Hautdruckempfindung (Tast und Druckempfindung), Muskel-, Wärme- und Körperempfindung. Vgl. Empfindung, Gemeinsinn. –
Sensitive
Pflanzen nennt man die Pflanzen, welche sich, wie die Mimosen, bei der Berührung zusammenziehen, also eine gewisse Empfindung zu haben scheinen.
sensoriell
sensoriell
(v. nlat. sensorium = Sinnessitz) heißt die durch die einzelnen Sinne (s. d.) vermittelte Empfindung.
sensorium commune
sensorium commune
heißt allgemeines Empfindungsorgan, Seelensitz. Vgl. Seele.
Sensualismus
Sensualismus
(nit. v. sensus = Sinn) heißt derjenige erkenntnistheoretische Standpunkt, welcher alle Erkenntnis lediglich aus den Sinnen ableitet und eine davon unabhängige innere Erfahrung (Reflexion) als Erkenntnisquelle ableugnet. Diese verengte Form des Empirismus hat zwei Seiten, eine theoretische und eine praktische. Der
theoretische
Sensualismus ist vorbereitet durch die
Lockesche
Formel: Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu (Nichts ist im Verstande, was nicht im Sinne war). Ausgebildet ist er dann durch
Hume
(1711-1776), der alle Ideen von sinnlichen Eindrücken ableitet, durch
Condillac
(1715-1780) und durch
Bonnet
(1720-1793), welche alle psychischen Vorgänge für umgebildete Sinnesempfindungen ansehen.
Condillac
versucht an dem Beispiel einer allmählich belebten Statue nachzuweisen, daß die Menschheit den Sinnen alle Erkenntnis verdanke. Aber der theoretische Sensualismus ist eine Einseitigkeit, die das Wesen der inneren Erfahrung und der apperzeptiven Vorgänge verkennt, und schon
Leibniz
(1646-1716) hat den Lockeschen Satz berichtigt durch den Zusatz: nisi intellectus ipse (ausgenommen der Geist selbst), um anzudeuten, daß die Voraussetzung für die Sinneserkenntnis selbst das Vorhandensein geistiger Tätigkeit sei. – Der
praktische
Sensualismus gründet sich auf die metaphysische Behauptung, alles, was die Grenzen der sinnlichen Erfahrung überschreite, sei Täuschung. Durch diesen Standpunkt werden alle höheren spekulativen, ethischen, ästhetischen und religiösen Interessen gefährdet und der Weltansicht des Materialismus die Tore geöffnet. Folgerichtig wird dann die Sinneslust als Zweck des Daseins anerkannt. Dieser Ansicht huldigten Aristippos, Hobbes und die französischen Naturalisten des 18. Jahrhunderts. Eine mildere Form des sensualistischen Materialismus vertrat dagegen die schottische Philosophie (Hutcheson, Shaftesbury, Smith), welche den moralischen Sinn (common sense) statt der Sinnenlust zur Norm in sittlichen Dingen erhob.
Sensualität
Sensualität
(lat.) heißt Sinnlichkeit.
Sensus communis
Sensus communis
(lat. sensus communis, gr.
koinê aisthêsis
) oder Gemeinsinn (common sense) nannte
die ältere Psychologie
ein Mittleres zwischen der Sinnestätigkeit der einzelnen Sinne und dem Verstand (Aristoteles, de anima III, 2 p. 425 an 15
tôn koinôn echomen aisthêsin koinên
), eine Art inneren Sinnes.
Galenus
(131-200) zerlegt den inneren Sinn in mehrere Sinne, und
Augustinus
(353-461) läßt ihn nicht bloß das Empfinden der Sinne, sondern auch ihr Nichtempfinden wahrnehmen (de lib. arb. II, 4). Bei
Thomas
v.
Aquino
(1225-1274) wird ihm alle Vorstellungsweise zugeschrieben, die nicht den einzelnen Sinnen und dem Verstande zufällt, also Phantasie, Gedächtnis, Apperzeption u.a. Zur Zeit der Reformation unterschied man neben den fünf äußeren fünf innere Sinne (Gemeinsinn, Beurteilungsvermögen, Phantasie, Denken, Gedächtnis). Vgl.
Melanchthon
, liber de anima, Vitemb. 1540, Fol. 174.
Descartes
(1596-1650) nimmt dazu noch zwei innere Sinne an (Hunger und Durst), also im ganzen sieben (Princ. phil. IV, 90). Auch die Sensualisten Hobbes, Locke und Condillac behielten den Begriff des inneren Sinnes bei. Erst
Schulze
(1761-1833, Anthropol. 2. Aufl. Gött. 1819, S. 34) hat die Ansicht der Existenz eines Gemeinsinnes bekämpft. Die ganze Fiktion eines oder mehrerer besondere inneren Sinne ist nur ein Versuch, eine Frage sensualistisch zu erledigen, die ihre Erledigung nicht auf dem Gebiete des Sinnes allein finden kann. Anders hat die
schottische Philosophie
im 18. Jhrhdt. den Begriff »common sense«, Gemeinsinn gefaßt. Für sie ist der Gemeinsinn so viel als der
gesunde Menschenverstand. Thomas Reid
(1710-1796) stützt alle Philosophie auf diesen gesunden Menschenverstand, der ein Sinn für das Wahre und die Grundlage für alle abgeleiteten Wahrheiten sein soll. Ihm schlössen sich
James Beattie
und
James Oswald
an. – Neugeformt ist der Begriff des Gemeinsinns durch
Wundt
(geb. 1832). Wundt bezeichnet
in zeitlicher Bedeutung
als »allgemeinen Sinn« denjenigen Sinn, der allen anderen voraufgeht und deshalb
allen
beseelten Wesen zukommt,
in räumlicher Bedeutung
den Sinn, der die ausgebreitetste den Reizen zugängliche Sinnesfläche hat, die ganze äußere Haut mit den an sie angrenzenden Schleimhautteilen der Körperhöhlen und eine große Zahl innerer Organe, wie die Gelenke, Muskeln, Sehnen, Knochen usw., in denen sich sensible Nerven ausbreiten und die entweder fortwährend oder zeitweisen Reizen zugänglich sind. Der allgemeine Sinn, so bestimmt, schließt vier Empfindungssysteme: Druck-, Kälte-, Wärme- und Schmerzempfindungen in sich ein (Wundt, Grundr. d. Psychol. § 6, S. 56 ff.). Wundt setzt also den allgemeinen Sinn an Stelle des Tast- oder Gefühlssinnes.
Setzung
Setzung
, vgl. Position, Satz, Sein.
Sinn
Sinn
bezeichnet
allgemein
1.
objektiv
a) theoretisch den Inhalt eines Wortes, einer Rede, eines Kunstwerkes, einer Dichtung, so z.B. in dem Satze Schillers: »Was ist der langen Rede kurzer Sinn?« (Piccol. 1, 2); b) praktisch die
Bedeutung
oder den
Zweck
einer Handlungsweise, z.B. »Ein hoher Sinn liegt oft im kind'schen Spiel«. 2.
subjektiv
a) theoretisch die
Empfänglichkeit
und das
Verständnis
eines Menschen für Wissenschaft und Kunst, Natur usw.; so redet man z.B. von einem Sinn für die Malerei, Musik usw.; b) praktisch die
Gesinnung
oder
Stimmung
des Menschen; so spricht man von einem heiteren, ernsten, leichten, bescheidenen Sinne. –
Im besondern
bezeichnet
Sinn
(sensus) nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch
die Fähigkeit beseelter Wesen mit Hilfe bestimmter leiblicher Organe Reize von außen zu empfangen dieselben, durch die Nerven zu den Zentren fortzuleiten und zu bewußten Empfindungen und Gefühlen zu gestalten
. Die sogenannten Sinne sind also die Hilfsmittel, durch die den Seelen Erfahrungsinhalte zugeführt werden. Der Mensch hat nach gewöhnlicher Annahme fünf Sinne: 1. den allgemeinen Sinn oder den Tastsinn; und die besonderen Sinne, nämlich: 2. das Gehör; 3. den Geruch; 4. den Geschmack; 5. das Gesicht. Durch diese Sinne empfängt er die Elemente der Erfahrungsinhalte, die Empfindungen, wie Wärme, Kälte, Schmerz, Ton, Licht usw. Dies geschieht, indem ein Gegenstand, ein Vorgang auf das Sinnesorgan einen Reiz ausübt, dieses den Reiz aufnimmt, die Nerven denselben fortpflanzen und der Reiz so fortgepflanzt im Nervenzentrum zu einem Bewußtseinsvorgang wird. Bei der Aufnahme des Reizes findet entweder keine Umgestaltung des Reizes statt, oder es vollzieht sich eine Transformation in den Endorganen der Nerven. Man unterscheidet daher (nach Wundt) die
mechanischen
Sinne, bei denen eine Umgestaltung nicht nachweisbar ist, nämlich den allgemeinen Sinn (Tastsinn) und das Gehör von den
chemischen
Sinnen, dem Geruch, dem Geschmack und dem Gesicht, bei denen eine solche Umgestaltung Platz greift.
Die Sinnesempfindungen unterscheiden sich erstens durch ihren
Inhalt
(
Qualität
). Dem allgemeinen Sinne oder dem Gefühle kommen vier Qualitätssysteme zu. Diese sind: 1. das System der Druck- oder Tastempfindungen, 2. das System der Kälte-, 3. das System der Wärme-, 4. das System der Schmerzempfindungen. Das Gehör besitzt der Qualität nach 1. Geräusch-, 2. Tonempfindungen. Der Geruch und der Geschmack schließen eine größere Anzahl der Qualität nach verschiedener Empfindungssysteme, deren Sonderung noch nicht genügend erfolgt ist, in sich ein. Die Empfindungen des Gesichts sind entweder farblose Empfindungen oder Farbenempfindungen. Die
Verschiedenartigkeit
der
Qualität
der Empfindungen der einzelnen Sinne erklärte man sich seit
Joh. Müller
aus ihrer »
spezifischen Energie
«, d.h. aus der Anlage, nur gewisse Reize aufzunehmen. Jeder Sinn führt hiernach gleichsam seine eigene Sprache, in welcher er auf die verschiedensten Reize antwortet, während ein und derselbe Anlaß in jedem Sinn eine andere Empfindung weckt. Lichtempfindungen liefert nur der Sehnerv, gleichgültig, ob er durch Licht, Stoß oder Elektrizität gereizt wird. Ein Schlag auf die Haut erzeugt Schmerz, auf das Auge Licht, auf das Ohr Geräusch. Ein elektrischer Strom wird von der Zunge als Geschmacksempfindung, vom Auge als Lichtreiz, vom Ohr als Schall wahrgenommen. Die Lehre von der spezifischen Energie der Sinne ist namentlich von
Du Bois-Reymond
und v.
Helmholtz
ausgebildet, aber von
Wundt
, vor allem im Hinblick auf die Tatsache der Stellvertretung nervöser Bahnen, bestritten worden, der ihr Vorhandensein leugnet oder ihre Ausbildung sich erst während des Lebens durch spezifische Reize erworben denkt.
Herings
Ansicht, daß eine spezifische Sinnesenergie zwar nicht ursprünglich gegeben, aber in der Stammesentwicklung erworben und vererbt ist, hat die Wahrscheinlichkeit für sich.
Die qualitativ bestimmte Sinnesempfindung tritt in verschiedener Stärke auf. Den Sinnesempfindungen kommt also zweitens neben der Qualität eine
Intensität
zu. Die
Intensität
der einzelnen Empfindung ist unmittelbar von der Art der Reize und den Sinnesorganen abhängig (vgl. Webersches Gesetz). Der Wechsel in der Intensität ist entweder eine Zunahme oder Abnahme der Stärke der Empfindung, so daß die Intensitätsgrade jeder Empfindung geradlinige Kontinuen von einer Dimension bilden, deren Endpunkte die Minimal- und Maximalempfindungen sind.
Außer durch ihre Qualität und Intensität unterscheiden sich die Sinnesempfindungen noch durch ihren Gefühlston. Der
Gefühlston
ist von den äußeren Reizen weniger abhängig und steht zu dem jedesmaligen Gesamtzustande des Bewußtseins in engerer Beziehung.
Uns bekannte Organe für die sinnliche Empfindung haben außer dem Menschen nur die
Tiere
, und zwar je höher sie stehen, desto feinere. Der Mensch überragt alle Tiere auch in dieser Hinsicht, weil alle seine Sinne große Empfänglichkeit zeigen und weil kein einzelner Sinn dergestalt über die anderen herrscht, daß Umfang und Richtung menschlicher Erfahrung und die damit zusammenhängende Bildung des Gedankenkreises einseitig bestimmt würde.
Aristoteles
(384-322) setzte des wegen auch die Sinne mit den Elementen in Parallele, das Gesicht mit dem Wasser, das Gehör mit der Luft, den Geruch mit dem Feuer, das Gefühl mit der Erde. Ähnlich lehrte
Schopenhauer
(1788-1860), der Sinn für das Feste (Erde) sei das Gefühl, für das Flüssige (Wasser) der Geschmack, für das Dampfförmige (Dunst) der Geruch, für das permanent Elastische (Luft) das Gehör, für das Imponderabile (Feuer, Luft) das Gesicht.
Mit den sinnlichen Empfindungen verbinden sich die
Vorstellungen der Gestalt, Größe, Lage, Entfernung, Folge, der Verknüpfung zur Einheit
(genannt »Ding«),
der Identität den Dinges und seiner Veränderungen
. Der naive Beobachter glaubt, daß diese Vorstellungen unmittelbar in der einfachen sinnlichen Empfindung liegen. Die Psychologie dagegen zeigt, wie erst aus einer komplizierten psychophysischen Tätigkeit diese Elemente der Vorstellungen entstehen, und widerlegt so den Materialismus. Zur Erklärung jener Vorstellungsformen nahm
Aristoteles
(384-322) einen besonderen Sinn, den Gemeinsinn (
koinê aisthêsis
sensus communis, s. Gemeingefühl) an, der dasjenige wahrnehme, was, wie z.B. der Raum, den übrigen Sinnen gemein sei.
Kant
(1724-1804) reduzierte die Formen der Sinnlichkeit auf Raum und Zeit. Die moderne Psychologie dagegen weist nach, daß ohne Assoziation, und Reproduktion der einzelnen sinnlichen Reize gar keine Wahrnehmung zustande kommen könnte.
Der
Anteil
der einzelnen Sinne an unserer Erkenntnis und der Wert ihrer Tätigkeit für das menschliche Leben ist verschieden. Der Geruch und Geschmack dienen der Auswahl bei unserer Ernährung, Gesicht und Tastsinn bringen uns das Räumliche zur Anschauung, das Gehör gibt uns die Grundlage für die Vorstellung der Zeit. Vor allem ausgezeichnet durch Klarheit, Deutlichkeit, Reichtum und Weite der Wahrnehmungen ist das Gesicht; von ihm hat daher der Sprachgebrauch die Bilder für Vollkommenheit der Erkenntnis entlehnt (Evidenz, Anschaulichkeit, Einsicht), und auf optische Wahrnehmung wird die der anderen Sinne gern zurückgeführt. Das Gesicht allein verbindet uns mit dem gesamten Kosmos, während das Gehör uns unmittelbar nur mit der nächsten irdischen Umgebung verbinden kann, oder mit Hilfe von Instrumenten (Telephon usw.) auch mit weiteren Fernen, doch nicht über die Erde hinausführt. Alle einzelnen Wahrnehmungen zusammen ergeben die sinnliche Anschauung oder Erfahrung, welche die Voraussetzung aller höheren seelischen Tätigkeit ist. In den ersten neun Lebensjahren sind die Sinne am empfänglichsten. Der Mensch macht in ihnen die meisten sinnlichen Erfahrungen; später herrscht die apperzeptive Verbindung der Wissenselemente vor. Vgl. Bewußtsein, Ich, Apperzeption, Wahrnehmung. –
George
, die fünf Sinne. 1846.
Preyer
, die fünf Sinne des Menschen. Leipzig 1870.
Wundt
, Grundriß der Psych. 7. Aufl. 1905. S. 45-106 § 6,7.
Sinnenerkenntnis
Sinnenerkenntnis
, s. Sensualismus, Empirie.
Sinnengenuß
Sinnengenuß
, s. Eudämonismus, Hedonismus.
Sinnesart
Sinnesart
, s. Gesinnung.
Sinnesfunktion beim Kinde
Sinnesfunktion beim Kinde
. Die psychologische Entwicklung des Menschen ist eine langsamere als beim Tier. Zwar reagiert schon das neugeborene Kind auf Sinnenreize, besonders des Geschmacks und Gefühls; doch geschieht dies zunächst nur auf Grund ererbter automatischer Bewegungen. Erst Ende des 1. Lebensmonats sind Lust- und Unlustempfindungen vorauszusetzen, und die Ausbildung der einzelnen Sinne zieht sich durch die ersten Kindesjahre hin. (Wundt, Grundr. d. Psych. § 20, S. 379 ff.)
Sinnesgedächtnis
Sinnesgedächtnis
, s. Reproduktion, Halluzination.
Sinnestäuschungen
Sinnestäuschungen
nennt man mit unzutreffendem Ausdruck falsche Urteile, die auf Grund der Mißdeutung von Wahrnehmungen und Vorstellungen ausgesprochen werden. Die Sinne selbst täuschen nicht, wie schon
Aristoteles, Augustinns, Leibniz, Kant
anerkannt haben, sondern sie nehmen, wenn sie gesund sind, den Reiz, den sie empfangen, genau auf und erzeugen die demselben entsprechende Vorstellung. Da sie aber nicht nur von außen, sondern auch von innen erregt werden können, und da Reproduktionen mit Empfindungen verwechselt werden können, so liegt oft eine falsche Beziehung der Empfindung oder der Reproduktion auf Ursachen, die nicht vorhanden sind, für uns nahe. Und zwar wird entweder eine reproduzierte Vorstellung abwesender Gegenstände für eine Empfindung genommen und auf ein vermeintliches äußeres Objekt bezogen, oder eine wirkliche Empfindung, die aber durch reproduktive Elemente beeinflußt oder verändert ist, wird falsch lokalisiert und projiziert. Man kann also zwei Arten von Sinnestäuschungen unterscheiden: Jener Vorgang heißt
Halluzination
(s. d.), dieser
Illusion
(s. d.). Die Halluzination (Sinnesvorspiegelung) hält eine Vorstellung für eine Empfindung, lokalisiert und projiziert sie. Die Illusion geht zwar von einer Empfindung aus, verfehlt aber ihre richtige Beziehung. »Auf die objektive Wirklichkeit bezogen«, sagt Volkmann, »irrt die Halluzination bezüglich der Substanz, die Illusion bezüglich des Attributes, jene bezüglich des Daß, diese des Was; darum bedarf jene der Zurücknahme, diese der Korrektur.«
So lokalisieren wir oft Schmerzen in Knochen, Zahnkanten, Haarspitzen; Amputierte wähnen im abgetrennten Gliede Schmerz zu haben, Verwundete jede schmerzhafte Berührung ihres Leibes an der wunden Stelle zu empfinden; Reizung der Ellbogennerven wird als Ameisenlaufen in den Fingerspitzen empfunden. Oft werden lokalisierte Empfindungen fälschlich projiziert, z.B. das Knittern vor dem Ohre bei Entzündung des Ohrinnern, ferner die Empfindung des Höckerigen oder Sandigen bei manchen Nervenkrankheiten, die Empfindung des Ameisenlaufens nach dem Genüsse von Mutterkorn. Das Auge veranlaßt zahlreiche Illusionen (optische Täuschungen); so erscheint uns das Weiße, da es mehr Licht erhält, größer als das entsprechende Schwarze, der Zwischenraum zweier durch den leeren Raum getrennter Punkte großer als derselbe zwischen zwei Punkten auf der geraden Linie; Parallelen zwischen konvergierenden Linien erscheinen selbst konvergent; der Himmel erscheint als flaches Hohlkugelsegment, Sonne und Mond erscheinen großer, wenn sie am Rande des Horizonts, als wenn sie hoch am Himmel stehen usf. Eine besondere Art der Halluzination ist die Vision (s. d.). Vgl.
Wundt
, Grundriß der Psychol. § 18. G.
Meyer
, Über Sinnestäuschungen. 1866.
Preyer
, Die fünf Sinne. Lpz. 1870.
Purkinje
, Physiol. der Sinne. 1823.
Sully
, Die Illusionen. Lpz. 1884.
Hoppe
, Erklärung der Sinnestäuschungen, 4. Aufl. Würzburg 1888.
Sinnesvikariat
Sinnesvikariat
, d.h. Stellvertretung der Sinne, nennt man den Ersatz, welcher dem Menschen bei mangelnder Entwicklung eines Sinnes durch einen anderen gewährt wird. So vikariiert der Drucksinn für das Gesicht, der Körpersinn für das Gehör. Kurzsichtige haben meist ein sehr scharfes Gehör. Das Vorwiegen einer Sinnesrichtung beeinflußt natürlich die Individualität. So war für Goethe der Hauptsinn das Auge, und für die alten Hellenen war er mehr oder weniger ebenfalls das Gesicht.
Sinnig
Sinnig
nennt man denjenigen, der zum Nachsinnen geneigt ist und daher in den Dingen tiefere Beziehungen gefällig aufsucht; ferner heißt sinnig auch ein Gegenstand, der von solcher Denkungsart eines Menschen zeugt, z.B. ein sinniges Geschenk. Unsinnig ist s.a. sinnlos.
Sinnlichkeit
Sinnlichkeit
(sensualitas) bedeutet 1. die Fähigkeit, durch Nervenreize zu Empfindungen und Vorstellungen veranlaßt zu werden, also die Empfänglichkeit, die Rezeptivität; 2. das, was durch die Sinne angeregt wird, nämlich Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle, Triebe, Begehrungen, Neigungen, Affekte und Leidenschaften, mit einem Worte unsere ganze Natur, sofern sie noch nicht der Vernunft und dem Willen gehorcht. In der ersten Bedeutung preist man eine gesunde Sinnlichkeit als ein Glück, weil dadurch der Mensch befähigt wird, reiche und tiefe Eindrücke von der Welt zu empfangen. In der zweiten Bedeutung ist Sinnlichkeit ein niederer Zustand des Menschen, (das »Fleisch« im Gegensatz zum »Geist« [Paulus], das »Sinnenglück« im Gegensatz zum »Seelenfrieden« [Schiller]), welcher der Erhöhung bedarf, soll nicht der Mensch wertlos bleiben. Im ersten Sinne redet Kant von sinnlicher Anschauung und stellt man die sinnliche Aufmerksamkeit der intellektuellen gegenüber; im zweiten redet man von sinnlicher Begierde und ihren verhängnisvollen Folgen. Ein sinnlicher Mensch, ein Sybarit oder Hedonikor, sieht den Genuß überhaupt oder gar den Geschlechtsgenuß für das höchste Glück an. In der ersten (theoretischen) Bedeutung setzt man der Sinnlichkeit das vernünftige Denken, in der zweiten (praktischen) das vernunftmäßige Handeln entgegen. Dort ist der Gegensatz die Vernunft, hier die Sittlichkeit.
Sitte
Sitte
heißt 1. die zur Gewohnheit gewordene Art und Weise der
Lebensführung
von Gemeinschaften. Die Sitten eines Volkes hängen von seiner Naturumgebung, seiner Geschichte und seiner psychischen Eigenart ab. Jede Änderung darin deutet auf eine Umwandlung des Volkscharakters hin. 2. Sitte bedeutet ferner
Gesittung
, d.h. feine Lebensart von Gemeinschaften, also die Form eines zivilisierten Lebens. Die Gesittung hängt vom Handel und Verkehr, vom Reichtum und Luxus, auch von »zufälligen« Ereignissen und von der Mode ab. Doch zeigt sich die fortschreitende Gesittung auch in immer richtigeren Vorstellungen über Recht, Religion, Familienleben usf. 3. Sitte heißt endlich
Sittlichkeit
(s. d.). Die Sitte in der ersten Bedeutung ist ein Produkt der Natur, die feinen Sitten dagegen sind von der Konvenienz, die guten vom Sittengesetz abhängig. Bezüglich der Sitte ist der Mensch unfrei, die Gesittung ist zum Teil willkürlich, die Sittlichkeit beruht auf praktischer Willensfreiheit. Die Sitte ist herkömmlich, die Gesittung umfaßt das Schickliche, die Sittlichkeit die Moral. Alle drei können zusammentreffen; bisweilen ist eine Volkssitte auch von der feineren Lebensart beibehalten und keine Verletzung des Sittengesetzes; oft freilich steht sie zu beiden im Gegensatz. Ebenso sind feine Sitten noch lange nicht gute Sitten.
Sittengesetz
Sittengesetz
, s. Moralprinzip, Gesetz.
Sittenlehre
Sittenlehre
, s. Ethik.
sittlich
sittlich
bedeutet 1. alles, was in der Beurteilung dem Sittengesetz unterliegt, mag es für gut oder für böse befunden werden; so sagt man, der sittliche Charakter eines Menschen sei gut oder schlecht; 2. das, was dem Sittengesetz gemäß ist, also nach dem Urteil unseres Gewissens dem Moralgesetz entspricht. Das Sittliche in dieser Bedeutung ist das in die praktische Willensfreiheit aufgenommene Gute. Um sittlich zu heißen, muß eine Tat also mit Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung des Menschen getan werden und der Vernunft und dem Gewissen entsprechen. Andere belebte Wesen und alle Dinge nennen wir gut, wenn sie ihrem Zwecke gemäß Bind, den Menschen nur, wenn er aus eigener Entschließung vernunftgemäß handelt. Das Sittlichgute ist also das Gesetzmäßige in der Freiheit. Nichtsittlich dagegen ist alles, was gegen unsere Überzeugung (aus Zwang, Furcht, Selbstsucht) getan ist, noch nicht sittlich das aus Naturnotwendigkeit Geschehende. Gut kann nur sein, was vernünftig, mit Rücksicht auf die Norm, mit guter Absicht und freiem Willen getan wird. Bei der sittlichen Tat sind Zweck, Motiv, Wille und Ausführung gut. Vgl. Gut, Moralprinzip, Eudämonismus.
Das Sittliche scheidet sich vom
Angenehmen, Nützlichen
und
Schönen
. Oft ist das Gute weder angenehm, noch bringt es uns Nutzen, noch ist es schön. Auch zum
Intellektuellen
steht das Sittlichgute oft im Gegensatz, zu dem es Sokrates, Aristoteles, Spinoza, Fichte und Hegel in. zu enge Vorbindung gesetzt haben. Man darf das Sittliche auch nicht mit Büchner, Vogt u.a. in die praktische Verbesserung des Lebens setzen. Ebenso ist die Vermischung von Recht und Moral, Moral und Religion unhaltbar. Beide, Recht und Religion, haben zwar viel Gemeinsames mit der Moral, sie beeinflussen die Moral und empfangen von ihr mancherlei Befruchtung; aber ein religiöser Mensch ist noch nicht ein moralischer, und ein legales Tun ist noch kein sittliches. Das klassische Buch über das Sittlichgute ist Kants Kritik der praktischen Vernunft. Riga 1788.
Sittlichkeit
Sittlichkeit
ist der höchste moralische Zustand einer Persönlichkeit, die Reinheit ihrer Gesinnung und ihres Handelns. Sie setzt voraus, daß der Mensch das Gute kennen und schätzen gelernt und sich zu der Übung desselben erzogen hat. Sie liegt in der Gesinnung des Menschen, kommt aber in jeder seiner Handlungen zum Ausdruck. Sie ist in vollkommener Weise nur da vorhanden, wo der Mensch allmählich seinen Willen erzogen, seinen Charakter ausgebildet, sich zum Pflichtbewußtsein gewöhnt und aus allen Erfahrungen des Lebens richtige Maximen gewonnen, diese untereinander verbunden gegen sie und unverbrüchliche Treue erworben hat. Für Kants Leben und Philosophie ist die Sittlichkeit der höchste Gesichtspunkt gewesen. Vgl. Intellektualismus, Voluntarismus. Strümpell, Vorschule der Ethik. 1844.
Baumann
, Moral. 1879.
Paulsen
, System der Ethik. Berlin 1894.
Wundt
, Ethik. Stuttgart 1892.
Achelis
, Ethik. Leipzig 1900.
Sitz der Seele
Sitz der Seele
, s. Seelensitz.
Skepsis
Skepsis
(gr.
skepsis
= Prüfung, Untersuchung, Bedenken) oder Skeptizismus nennt man diejenige philosophische Richtung, welche an der Wahrheit und dem Werte unseres Wissens zweifelt. Der Skeptizismus kann als vorübergehende Phase in der Entwicklung des einzelnen Philosophen oder als dauernde Ansicht des einzelnen oder ganzer Generationen auftreten; er kann als Ausgangspunkt des philosophischen Denkens vorkommen, oder zum Ergebnis eines Systems werden. Er setzt sich der unphilosophischen naiven Weltanschauung, der Wissenschaft, der positiven Philosophie und dem religiösen Glauben entgegen. Seine Gegensätze in der Philosophie sind der Dogmatismus, der auf dem Vertrauen zur Leistungsfähigkeit der menschlichen Vernunft beruht, und der Kritizismus, der die Grenzen der menschlichen Vernunft prüft, aber den korrekten Aufbau der Wissenschaft zum Ziel hat. Entstanden ist der Skeptizismus innerhalb der griechischen Philosophie. Zur Theorie erhoben, ist er ihre Selbstauflösung geworden. Anfänge skeptischer Denkweise finden wir schon bei den älteren griechischen Denkern, bei Herakleitos und Parmenides, bei Protagoras und Gorgias und den Megarikern. Doch erst nach
Aristoteles
(384-322) trat der Skeptizismus in bewußten Gegensatz zum Dogmatismus, und zwar entwickelte er sich in drei Phasen: Es entstand 1. der
ältere Skeptizismus
des Pyrrhon v. Elis (zur Zeit Alexanders) und des Timon v. Phlius (325-235), 2. die
mittlere
und
neuere Akademie
, vertreten durch Arkesilaos (316-241) und Karneades (zw. 214 u. 129), 3. die jüngere Skepsis des Änesidemus (um 100 v. Chr.) und Sextus Empiricus (um 200 v. Chr.). Das Mittelalter steht auf dem dogmatischen Standpunkte und schließt die skeptische Richtung aus. Nach 1000jähriger Pause ist der Skeptizismus wiederum erneuert durch M.
Montaigne
(1533-92),
Pierre Charron
(1641-1603),
Franz Sanchez
(1562-1632), dann, außer durch einige kirchliche Männer, durch
Pierre Bayle
(1647 bis 1706) und endlich durch
Dav. Hume
(1711-1776) und G. E.
Schulze
(1761-1833). Vgl. C. F.
Stäudlin
, Gesch. und Geist d. Skeptizismus. 1795.
Tafel
, Gesch. u. Krit. d. Skeptizismus. 1834.
Brodhard
, Les Sceptiques grecques. Paris 1887.
Raoul Richter
, der Skeptizismus in der Philosophie. Leipzig 1904.
Timon
v.
Phlius
stellte die dreifache Frage: 1. Wie sind die Dinge? 2. Wie haben wir uns zu ihnen zu verhalten? 3. Was für Erfolg kann unser Verhalten haben? Auf diese Fragen gab er die Antworten: 1. Die Dinge sind unbeständig. 2. Wir dürfen unseren Wahrnehmungen und Vorstellungen nicht trauen. 3. Wir gelangen durch dieses Verhalten zur Nichtentscheidung (
aphasia
) und zur Gemütsruhe (
ataraxia
). So begründete er das Prinzip der Skepsis, die
Isosthenie
(
isostheneia tôn logôn
), d.h. die Idee, daß die Gründe für jede Behauptung und für ihr kontradiktorisches Gegenteil gleich stark sind (vgl. Isosthenie).
Die mittlere Akademie
war in ihrem Skeptizismus weniger radikal als Pyrrhon und Timon.
Die
jüngeren Skeptiker
stützten ihre Behauptung auf zehn skeptische Tropen (s. d.) oder Wendungen, die sie freilich schon den älteren Skeptikern zuschrieben und die dann auf fünf zusammengezogen, ja auf ein Dilemma gebracht wurden.
Während sich die antike Skepsis vor allem gegen die Gewißheit der sinnlichen Erkenntnis richtete, d.h. die Frage aufwarf, ob die Dinge in Wahrheit so beschaffen seien, wie sie sich den Sinnen darstellen, untersuchte
die moderne Skepsis
den ganzen Bau unseres Wissens. So wendete sich
Hume
(1711-1776), Kants Vorgänger, gegen den Begriff der Ursache und Substanzialität und damit gegen die gesamte Physik. Der moderne Skeptizismus hat aber namentlich in Frankreich eine Hinneigung zur negativen Seite des Rationalismus, der nach seiner positiven Seite dogmatisch ist, gezeigt, so daß sich Rationalismus und Skeptizismus im Kampfe gegen den überlieferten Glauben trotz ihres inneren Gegensatzes verbinden konnten. Skeptisch-rationalistisch hat fast die gesamte vornehme Gesellschaft in Frankreich im 16., 17. und 18. Jahrhundert gedacht. Die Berechtigung der Skepsis gegenüber einem blinden Dogmatismus ist anzuerkennen; ja jeder Kritiker huldigt ihr teilweise. Aber als selbständige Richtung ist sie unfruchtbar und haltlos und muß durch den Kritizismus ersetzt werden. Die Behauptung, es gäbe keinen Satz, der nicht bezweifelt werden könne, nicht einmal diesen Satz selbst ausgenommen, hebt sich selbst auf und führt, wie bei den alten Skeptikern, zum Indifferentismus, welcher Geistestod ist. Wendet sich die Skepsis kritisch gegen bestimmte Gedanken und Richtungen, so ist sie berechtigt; richtet sie' sich aber gegen den Verstand selbst, gegen seine Fähigkeit, irgend welche Wahrheit überhaupt zu finden, so ist sie haltlos und zeugt von Erschlaffung des Wissens- und Willenstriebes.
skeptische Tropen
skeptische Tropen
(gr.
tropoi
= Weisen, Wendungen) heißen die Gründe, welche die antike Skepsis für den Zweifel anführte (Sext. Empir. hyp. Pyrrhon. I, 36 ff.). Sie sind entnommen: 1. von der Verschiedenheit der beseelten Wesen überhaupt, aus welcher eine verschiedene Auffassung der Objekte folge; 2. von der Verschiedenheit der Menschen untereinander; 3. von der verschiedenen Struktur der Sinneswerkzeuge; 4. von der Verschiedenheit unserer geistigen und körperlichen Zustände; 5. von der Verschiedenheit der Lage und Entfernungen und Orte; 6. von dem Vermischtsein des wahrgenommenen Dinges mit anderen; 7. von der Verschiedenheit der Erscheinung je nach Art der Zusammenfügung; 8. von der Relativität überhaupt; 9. von der Verschiedenheit der Auffassung je nach der Zahl der Wahrnehmungen; 10. von der Verschiedenheit der Bildung, der Sitten, der Gesetze, mythischen Vorstellungen und philosophischen Annahmen. Übrigens erkannte schon Sextus Empiricus (c. 200 v. Chr.), daß sich diese 10 Tropen auf 8 reduzieren lassen. Die jüngeren Skeptiker empfahlen durch 5 Tropen die Epoché (d.h. die Zurückhaltung des Urteils): 1. durch die Verschiedenheit der Ansichten über die nämlichen Objekte; 2. durch den Regreß ins Unendliche, weil jede beweisende Behauptung immer wieder bewiesen werden müsse; 3. durch die Relativität; 4. durch die Willkürlichkeit der Prinzipien; 5. durch die Diallele, daß das, worauf der Beweis sich stützen solle, wieder durch das zu Beweisende gestützt werden müsse. – Später wurden diese Sätze folgendermaßen zusammengezogen: Nichts kann durch sich selbst gesichert werden, wie aus der Diskrepanz der Ansichten über alles Wahrnehmbare und Denkbare hervorgeht, daher auch nichts durch ein anderes, indem dieses selbst keine Sicherheit aus sich hat und, wenn es sie wiederum durch ein anderes gewinnen sollte, wir entweder auf einen regressus in infinitum oder auf eine Diallele geführt werden würden. Vgl. D.
Zimmermann
, d. pyrrhon. Philos. 1841.
Überweg
, Grundriß d. Geschichte der Philosophie I, § 60.
Sklaverei
Sklaverei
ist der Zustand, in welchem die Menschen nicht als Personen, sondern als Sachen, von denen der Herr willkürlich Gebrauch machen kann, also als Eigentum eines anderen behandelt werden. Daß dieser Zustand unsittlich, weil wider die Menschenwürde ist, leuchtet heute jedem ein. Wenn Platon und Aristoteles die Sklaverei verteidigten, so zollten sie damit ihrem Zeitalter den Tribut; doch nennt sie selbst Aristoteles (Polit. 1, 3, p. 1253b, 14) etwas Widernatürliches. Vgl. Person, Mensch, Rechtsphilosophie.
Sklavenmoral
Sklavenmoral
nennt
Fr. Nietzsche
(1844-1900) die bisher geltende jüdisch-christliche Sittenlehre, weil sie durch eine Erhebung der Sklaven gegen die Herren, die Arier, zustande gekommen sei. Während die »Herrenmoral der blonden Bestie« lehrt: »Nichts ist wahr, alles ist erlaubt«, gebietet die Sklavenmoral Nachsicht gegen Schwache, Nächsten- und Feindesliebe. Daher fordert Nietzsche, der die Existenz »seiender Werte« leugnet, eine »Umwertung aller Werte«. Was bisher gut hieß, müsse böse heißen und umgekehrt. Aber diese brutale Herrenmoral, die sich auf den Entwicklungsgedanken des Darwinismus stützen und den Übermenschen züchten will, ist nicht eine Umwertung aller Werte, sondern nur eine Aufhebung derselben; denn sie bietet nichts Positives, nur eine Ersetzung der Moral durch Leben, Lebenssteigerung und Gewalt. Der Versuch, sie in die Tat umzusetzen, ist noch nicht gemacht; und sie findet ihre theoretischen Verteidiger nur bei denen, die das absolut Neue dem Gesunden vorziehen. Vgl. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. Lpz. 4. Aufl. 1895. Raoul Richter, Friedrich Nietzsche. Leipzig 1903.
sokratische Methode
sokratische Methode
, s. katechetisch, Ironie.
Solipsismus
Solipsismus
(lat.) heißt der theoretische Egoismus. Siehe unter Egoismus.
Sollen
Sollen
bezeichnet die Abhängigkeit des Menschen von der praktischen Vernunft, also die Nötigung durch moralische Bestimmungsgründe oder die psychische Determiniertheit (vgl. Freiheit). Die Existenz eines solchen Sollens offenbart sich sowohl in dem
Vorwärtsstreben
als auch in dem
Pflichtgefühl
, welches das bewußte Gefühl des Sollens ist. Es ist nun eins der schwierigsten Probleme, woher im Menschen das Gefühl und Bewußtsein des Sollens, welches wir doch in jedem Menschen finden, stamme. Das Sollen kommt nicht aus den natürlichen Trieben. Man kann wohl aus Furcht, Hoffnung, Selbstsucht oder Liebe handeln, aber zum Gehorsam
verpflichtet
fühlen wir uns dadurch nicht, sondern nur dadurch, daß sich das Befohlene irgendwie als Seinsollendes kundgibt. Ein fremder Wille kann uns wohl äußerlich zwingen, aber nicht innerlich binden. Das Gefühl des Sollens setzt aber gerade die Gebundenheit in der Freiheit voraus. Ohne Selbstbestimmung gibt es nur ein Müssen, kein Sollen! Die Existenz des Sollens bekundet sich auch in der Reue, die uns nach einer schlechten Tat lehrt, daß wir anders hatten handeln sollen, als wir gehandelt haben. Auch die
Kantische
Ableitung des Sollens befriedigt den Empiristen nicht. Kant sieht in dem Sollen einen synthetischen Satz a priori. Über den durch sinnliche Begierde affizierten Willen kommt noch die Idee ebendesselben, aber zur Verstandeswelt gehörigen, reinen, für sich selbst praktischen Willens hinzu, welche die oberste Bedingung des ersteren nach der Vernunft enthält. Das moralische Sollen ist ein eigenes notwendiges Wollen als Gliedes einer intelligiblen Welt und wird nur sofern von ihm (dem Menschen) als Sollen gedacht, als er sich zugleich desselben bewußt ist (Kant, Grundleg, d. Metaphys. d. Sitten, III. Absch. Wie ist ein kategor. Imp. möglich?) Wer aber auch Kant nicht beistimmt, muß doch zugeben, daß das Gefühl des Sollens existiert und die Grundlage für das sich im Individuum allmählich ausbildende
Gewissen
bildet, d.h. für das Bewußtsein und Wissen von dem, was wir in jedem Falle zu tun und zu lassen haben. Das Gefühl des Seinsollenden begründet sowohl das
Recht
als auch die
Moral
, indem es uns unmittelbar durch Mißfallen, Indignation und Abscheu bezeugt, was (nach unserer Meinung wenigstens) widerrechtlich und unsittlich ist, während wir beim Rechten und Guten, mag es an uns oder anderen erscheinen, Wohlgefallen empfinden. Beides kommt daher, daß Recht und Sittlichkeit mit unserem Innersten Wesen harmoniert. Natürlich hängt seine besondere Gestaltung auch von den ethischen und juristischen Vorstellungen ab, die aus der Zeit hervorgehen. – Hiernach entspringt das Gefühl des Sollens in der Menschheit etwa so: Bedürfnisse, Triebe, Begierden, Neigungen, Gewohnheiten bestimmen zunächst das menschliche Handeln. Beim Handeln setzt sich der Mensch Zwecke und strebt mit Bewußtsein diesen Zwecken zu. Durch Übung, Gewohnheit und Sitte werden die den Zwecken dienenden Handlungen, die dem einzelnen und der Gemeinschaft nützlich sind, als gut, deren Gegenteil als schlecht bezeichnet. Die Gesetzgebung, Dichtung und Philosophie fixieren diese Erfahrungen als ethische Grundsätze, und Geschlecht auf Geschlecht lernt sie, wendet sie an, überliefert sie weiter und bildet sie aus. Dadurch entspringt in der Seele der zivilisierten Menschen jenes Gefühl des Sollens, welches sich im allgemeinen als Gewissen, im speziellen als Pflichtgefühl für den einzelnen Fall (Beruf oder Tat) bezeichnen läßt. Das Sollen läßt sich also für den Empiristen nicht aus religiöser Begründung, auch nicht aus äußerem Zwang, wohl aber aus der natürlichen Entwicklung der Menschheit ableiten.
Nietzsche
(1844-1900) leugnet, daß ein Sollen überhaupt vorhanden und auf irgend eine Weise begründbar sei. Es findet aber tatsächlich seine Begründung aus dem sozialen Leben der Menschen. Aber im einzelnen ist natürlich die besondere Ausgestaltung des Sollens und der Pflichten der Kritik unterworfen und keineswegs für alle Zeiten gleich maßgebend. Vgl. Gesetz, Moralprinzip.
Somatologie
Somatologie
(von gr.
sôma
= Leib, und
logos
= Lehre), Körperlehre, nennt man den einen Teil der Anthropologie (s. d.), während der andere Psychologie (Seelenlehre) heißt.
Somnambulismus
Somnambulismus
, s. Schlafwandeln.
Sophisma
Sophisma
, s. Trugschluß.
Sophist
Sophist
(gr.
sophistês
) hieß ursprünglich bei den Griechen jeder denkende Mensch, der sich durch seine Beschäftigung mit geistigen Dingen über das praktische Alltagsleben erhob. Sophisten waren also geistig Gebildete, nicht bloß Weise, Philosophen, sondern auch Dichter, Künstler, Ärzte usw. Seit
Sokrates
(469-399) aber änderte sich der Sprachgebrauch: mit dem Überhandnehmen des Parteihaders und der Aufklärung waren Männer willkommen, welche den Einzelnen durch Bildung und Redefertigkeit befähigten, sich im öffentlichen Leben geltend zu machen. Das taten die Sophisten. Daher genossen sie hohes Ansehen und wurden gut bezahlt. Sie trugen vorzüglich dazu bei, ihre Zeitgenossen gebildet, selbständig und aufgeklärt zu machen. Freilich erregte es auch Anstoß, daß sie Bezahlung nahmen; der Dünkel einzelner unter ihnen, die Prahlerei mit Kenntnissen und Beredsamkeit, die dreiste Rechthaberei und Betonung der Form stieß ernstere Männer ab, zumal manche Sophisten charakterlose Menschen waren. Daher wurden sie von Sokrates, Platon und Aristoteles als verschmitzte Menschenjäger und feile Mäkler mit Kenntnissen geschildert, die durch Trugschlüsse den Verstand verwirrten und statt wahrer Wissenschaft nichtige Scheinweisheit verbreiteten. Aus der Masse der Sophisten heben sich aber als wirkliche Philosophen ab:
Protagoras aus Abdera, Gorgias aus Leontini, Hippias aus Elis und Prodikos aus Keos
. Der gemeinsame Zug ihrer Philosophie liegt in der Ablenkung der Forschung von der Natur auf das Ich und in dem Gedanken, daß das einzelne Ich Richter über das Wahre und Gute sei.
Protagoras
(480 bis 410) lehrte, daß der Mensch das Maß der Dinge sei, der seienden, daß sie sind, der nichtseienden, daß sie nicht sind (
pantôn chrêmatôn metron anthrôpos, tôn men ontôn hôs estin, tôn de ouk ontôn hôs ouk estin
, Diog. Laert. IX, § 51), Gorgias (ca. 483-375) behauptete, daß überhaupt nichts sei, oder wenn etwas sei, daß es nicht erkannt, oder wenn es erkannt, daß es nicht mitgeteilt werden könnte (Sextus Emp. adv. Math. VII, 65 ff.).
Hippias
(um 430) sprach aus, daß das Gesetz ein Tyrann der Menschen sei und sie zu vielem wider ihre Natur zwinge (
ho de nomos tyrannos ôn tôn anthrôpon polla para tên physin biazetai
Plat. Prot. p. 337 D).
Prodikos
(um 430) betrieb praktische Sittenlehre, indem er Mythen allegorisch ausdeutete. Vgl. Wecklein, die Sophisten. 1865.
Schanz
, die Sophisten. 1867.
Sophistik
Sophistik
ist nach
Aristoteles
die Philosophie des Scheines, d.h. die Kunst, durch falsche Dialektik das Wahre mit dem Falschen zu verwirren und durch Disputieren, Widerspruch und Schönschwatzen Beifall und Reichtum zu erwerben;
sophistisch
heißt demnach s. a. trügerisch,
Sophisterei
ein verfängliches Räsonnement.
Sophistikationen
Sophistikationen
der reinen Vernunft sind nach Kant vernünftelnde Schlüsse, die keine empirische Prämisse enthalten, daher von etwas Bekanntem auf Unbekanntes schließen, dem wir dann durch einen unvermeidlichen Schein objektive Realität beilegen (Kant, Kr. d. r. V. S. 339).
Sophrosyne
Sophrosyne
(gr.) heißt Gesundsinnigkeit, weise Mäßigung; sie ist eine der vier Kardinaltugenden (s. d.) bei Platon und besteht in der Herrschaft der Vernunft über die sinnlichen Begierden.
Sorites
Sorites
(gr.
sôreitês
= Häufelschluß von
sôros
= Haufe) heißt ein gehäufter Schluß oder Kettenschluß. Er entsteht durch enthymematische (s. Enthymem) Abkürzung mehrerer Schlüsse, deren Unter- beziehungsweise Ober- und Schlußsätze fortgelassen werden. Der Sorites hat also entweder 1. den Ober- und Untersatz des ersten Syllogismus, 2. die Obersätze sämtlicher anderer Syllogismen und 3. den Schlußsatz des letzten; oder er hat 1. den Ober- und Untersatz des ersten Syllogismus, 2. den Untersatz aller anderen Syllogismen und 3. den Schlußsatz des letzten. Der erste heißt der
aristotelische
, der zweite der
goklenische
(K. Goklenius, 1547-1628); jener läßt denjenigen Schlußsatz fort, der im jedesmal folgenden Schlüsse Untersatz, dieser den, der Obersatz wird. Jener ist regressiv, dieser progressiv. Der Schluß ist für
den aristotelischen:
S ist M[1] (Untersatz)
M[1] – M[2] (Obersatz)
M[2] – M[3] (Obersatz) usw.
M[n-1] – M[n] (Obersatz)
M[n] – P (Obersatz)
-------------------------
S – P (Schlußsatz)
den goklenischen:
M[n] ist P (Obersatz)
M[n-1] – M[n] (Untersatz) usw.
M[2] – M[3] (Untersatz)
M[1] – M[2] (Untersatz)
S – M[1] (Untersatz)
-------------------------
S – P (Schlußsatz)
Jeder Sorites kann leicht zerlegt werden. Seine Schlußkraft beruht auf dem ununterbrochenen Zusammenhang seiner Unter- oder Überordnungen; daher müssen alle Zwischenglieder allgemein bejahend sein; sonst entsteht ein Sprung (saltus in concludendo). Ein Beispiel für den
aristotelischen
Sorites hat Aristot. Poetik 6: Das Handeln ist das, worin Glückseligkeit liegt; das, worin diese liegt, ist das Ziel; das Ziel ist das Höchste – also ist das Handeln das Höchste. (Aristoteles meint: das Höchste von den Bestandteilen des Dramas, Handlung, Charaktere, Gedanken). Ein Beispiel für den goklenischen ist: Wer ein Wesen als wirklich annimmt, leugnet nicht alles; wer an sich selbst glaubt, nimmt ein Wesen als wirklich an; jeder Skeptiker glaubt an sich selbst – folglich leugnet kein Skeptiker alles. (Siehe Überweg, System der Logik, § 125.)
sozial
sozial
(v. lat. socius = Gefährte) heißt die Gesellschaft betreffend.
Sozialethik
ist daher eine Darstellung der Sittenlehre, welche auf die Gesellschaft besonderes Gewicht legt. Die
Sozialpsychologie
handelt von den Verhältnissen zwischen den Menschen, also den Erscheinungen, auf denen das Geistesleben der Gesellschaft beruht. Die
Sozialwissenschaft
oder
Soziologie
stellt die Gesetze dar, unter denen die menschliche Gesellschaft wird und besteht. Sie hat auch die Träume der Sozialrefomer zu prüfen, die sich selbst bei einigen Philosophen finden:
Platon
, der Staat;
Thom. Morus
, Utopia (Nirgendheim). 1516;
Campanella
, Sonnenstaat. 1623;
Bacon
, Atlantis. 1625 und
Rousseau
, Contrat social. 1762.
Bellamy
, A Looking backward the year 2000. 1888. Vgl. Utopien.
Species
Species
(lat.) oder Art (s. d.) heißt
logisch
der einem anderen Begriff (der Gattung) untergeordnete Begriff; in der
Naturwissenschaft
ist Species die den Individuen übergeordnete Einheit verwandter Einzelwesen, die ihre Eigentümlichkeiten aufeinander vererben (s. Art);
spezifizieren
heißt daher entweder das Einzelne, das unter einen allgemeineren Begriff gehört, aufzählen oder vom Allgemeinen zum Besonderen fortschreiten.
Spezifisch
verschieden ist das, was diejenigen verschiedenen Merkmale hat, die seinen Artunterschied bezeichnen.
Species sensibiles
Species sensibiles
(lat.), Sinnesbilder, nannten die Scholastiker im Anschluß an
Demokritos
(um 460-360) subtile körperliche Bilder, welche sich von den Körpern fortwährend ablösen, durch die hohlen Nervenröhren (!) bis zum sensorium commune (s. d.) vordringen und daselbst gewisse ähnliche Gestalten erzeugen, auf denen das Gedächtnis beruhen soll. Sogar für den Gemeinsinn stellte man solche Species (Größe, Zahl) auf. Vgl.
Scaliger
, Exercitationes exoticae. Frankf. 1612. p. 298. Obschon Vives ( 1540) und Gasmann ( 1607) dagegen sprachen, ward diese Hypothese doch erst durch Descartes Beseitigung des Systema Influxus physici (s. d.) gestürzt.
Specification
Specification
(lat.) heißt die Aufzählung der Einzelheiten, die ein Ganzes bilden; spezifisch (vgl. generisch) heißt eigentümlich, in Beziehung auf ein anderes einem Gegenstand zukommend; so ist z.B. spezifisches Volumen (das Volumen der Gewichtseinheit eines Körpers), spezifisches Gewicht (die Zahl, welche angibt, wievielmal ein Körper schwerer ist, als ein ihm gleiches Volumen Wasser), spezifische Wärme (die Zahl, welche angibt, wieviel Wärmeeinheiten zur Temperaturerhöhung von 1 kg eines Stoffes um 1° C nötig sind).
Spekulation
Spekulation
(lat. speculatio), eigentlich Betrachtung oder Anschauung, bezeichnet die Erforschung eines die gemeine Erfahrung übersteigenden Erkenntnisinhaltes. Je nach ihrem Standpunkte verstehen die Philosophen unter spekulativem Wissen und spekulativer Methode etwas anderes. Die
Neuplatoniker
und
Schelling
(1775-1831) denken sich darunter ein von dem reflektierenden Denken unabhängiges geistiges Schauen überirdischer Dinge.
Hegel
(1770-1854) dagegen nennt spekulativ oder positiv vernünftig das Denken, welches durch die dialektische Methode alle Widersprüche in immer höhere Einheiten aufhebt. In dieser Bedeutung nennt
Rosenkranz
(1805-1879) die spekulative Methode die produktive Dialektik der Idee und
Michelet
(1801-1893) das Absolute selbst.
Herbart
(1776-1841) sieht die spekulative Methode in der Bearbeitung der Begriffe und Ausscheidung der darin versteckten Widersprüche.
Ulrici
(1806-1884) definiert die Spekulation als das produktive ergänzende und abrundende Schauen, womit aus den Teilen und Bruchstücken, die uns vorliegen, das Ganze einer wissenschaftlichen Weltanschauung herausgeschaut und von dieser erschauten Einheit (der Idee) die gegebenen Glieder geordnet und die fehlenden ergänzt werden. Diese Definition hat ihre Berechtigung, insofern die Phantasie ein wesentlicher Faktor des produktiven Philosophierens ist. Die Norm des Spekulierens liegt natürlich in den Denkgesetzen und den Resultaten der Erfahrungswissenschaften.
spermatische Gedanken
spermatische Gedanken
(gr.
logoi spermatikoi
) nannten die Stoiker die von der Gottheit ausgegangenen Teile der Welten, welche wie gestaltende Samenkeime durch die grobe Materie verstreut sind. (Diog. Laert. VII § 136.) Auch im Menschen fanden sie solche, nämlich die Sinne, das Denk- und das Sprachvermögen.
Sphäre
Sphäre
(gr.
sphaira
), Kugel oder Kreis, bezeichnet logisch den Umfang eines Begriffs (Subjekts oder Prädikats) oder auch einer Wissenschaft. Die Darstellung der Verhältnisse zwischen Begriffen und Urteilen durch Kreise rührt wahrscheinlich von
Chr. Weise
, Rektor in Zittau ( 1708), her.
Kant
(1724-1804) wendete Quadrate und Kreise zugleich an.
Sphärenmusik
Sphärenmusik
, s. Harmonie.
Spiel
Spiel
ist die freie, anstrengungslose Beschäftigung des Geistes oder Körpers ohne ernsten und nützlichen Zweck. Der Selbsterhaltungstrieb des Menschen äußert sich auch darin, daß er fortwährend tätig zu sein strebt. Hat er nicht den Kampf gegen leibliche Not zu führen oder gehorcht er nicht der Pflicht, so sucht er sich eine Tätigkeit, die ihn beschäftigt, ohne ihn gerade anzustrengen. Am meisten erfreut ihn ein Spiel, welches ihn veranlaßt, seine Vorstellungen zu reproduzieren und frei zu verwenden. Das Spiel entspringt mithin den Trieben nach Bewegung und Beschäftigung der Phantasie. Daher spielt das Kind am liebsten mit demjenigen, womit es etwas anfangen, d.h. eigene Vorstellungsverbindungen herbeiführen kann. Ebenso erfreut sich der Erwachsene an Spielen, welche den Geist mäßig in Anspruch nehmen (sonst langweilen sie ihn), sei es, daß sie Kombination und Erfindungsgabe oder Aufmerksamkeit und Scharfsinn erfordern. Doch darf das Spiel nicht übermäßig anstrengen, soll es Erholung bleiben. Insofern, als die Kunst Beschäftigung ohne Zwang schafft, kann man sie ebenfalls ein ästhetisches Spiel nennen. Als Gegenstand des Spieltriebes, der den Gegensatz des Stoff- und Formtriebes aufhebe, sah in der Tat Schiller die Kunst an, und den Wert ästhetischer Beschäftigung bezeichnete er mit dem Worte: »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« (
Schiller
[1794], über die ästhet. Erziehung, Brief 15.) Vom
sittlichen
Standpunkte aus werden wir nur diejenigen Spiele gutheißen, welche uns weder leibliche Gefahr, noch sittlichen Nachteil (durch Entfesselung der Leidenschaften) bringen. Vgl.
Lazarus
, Über die Reize des Spiels. 1883.
Spinalsystem
Spinalsystem
(lat.) bezeichnet das Rückenmark mit den dazu gehörigen Nerven.
Spinalkrankheiten
sind Rückenmarkskrankheiten.
Cerebrospinalsystem
ist das System der Nerven, die im Gehirn und Rückenmark endigen.
Spinozismus
Spinozismus
, s. Pantheismus, Substanz.
Spiritismus
Spiritismus
(nlt. von lat. spiritus = Hauch) nennt sich der Glaube an den Verkehr des lebenden Menschen mit der Geisterwelt der Verstorbenen, welcher sich seit 1848 von Amerika über England nach Europa verbreitet hat und viele Anhänger (fünf Millionen) zählt. Er will Philosophie, Weltreligion, ja Transscendentalphysik sein, ist aber nur
Aberglaube
. Seine Vertreter, A. J. Davis, A. Kardec, Güldenstubbe, Zöllner u.a., behaupten, der Mensch bestehe aus Körper, Tierseele und einem göttlichen Geiste, welcher sich durch stetes Fortschreiten und mehrfache Verkörperung (Metempsychose oder Reïnkarnation) vervollkommne. Der Tod sei die Wiedergeburt des Geistes; eine Hölle gebe es nicht, sondern jeder von uns setze sogleich nach dem Tode das Leben, an welchem er hier Befriedigung gefunden habe, fort. Die Geister wohnen in Palästen mit allem Komfort, fahren mit der Post, Eisenbahn usw., besuchen Gesellschaften, Theater, Konzerte u. dgl. oder spiritistische Cercles, um sich dort zu amüsieren. Je nach dem Stern, auf dem sie gerade hausen, haben sie eine andere Aufgabe. Jeder Mensch hat seinen Schutzgeist. Vermöge ihres geistigen Fluidums durchdringen die »spirits« jede Materie, ja sie können selbst materielle Körper in geschlossene Räume mit hineinbringen, indem sie diese in ihre Urzellen zerteilen und dann zusammensetzen! Andrerseits können sie selbst sichtbar, fühlbar, wägbar werden. Manche Menschen sind besonders befähigt, mit ihnen zu verkehren, die Medien; es gibt sehende, sprechende, zeichnende, schreibende Medien, deren Fähigkeit angeboren oder angelernt ist. Nur durch sie manifestieren sich die Geister bald körperlich, bald geistig. Es gibt übrigens gute und schlechte, kluge und dumme, reine und unreine, höhere und niedere Geister, welche sich offenbaren; das richtet sich ganz nach dem Medium. Alle diese Behauptungen sollen nun nicht Sache des Glaubens, sondern der exaktesten Forschung sein. Denn Tausende der verschiedensten Phänomene hätten sie bewiesen. Die Geister hätten sich durch Klopfen, Musizieren, chemische Veränderungen, körperliche Erscheinungen bekundet; sie hätten durch Sprechen und Schreiben sich mitgeteilt, ja selbst Photographien und plastische Abdrücke wären von ihnen genommen worden. Dem Spiritismus reiht sich in neuester Zeit würdig das
Gesundbeten
an.
Der Spiritismus und was ihm verwandt ist, ist eine der geistigen Epidemien, wie sie von Zeit zu Zeit auftreten. Betrug und Leichtgläubigkeit, Denkfehler und Abhängigkeit vom Gefühl haben hierbei physiologische und psychologische Vorgänge, welche auf noch zum Teil unbekannten Gesetzen beruhen, falsch gedeutet. Sinnestäuschungen, psychische Defekte und geistige Beschränktheit wirkten mit, die Taschenspielereien der Medien für Wunder zu halten. Dazu kam der Reiz, den alles Geheimnisvolle hat, und das Interesse, etwas über das Jenseits zu erfahren. Der Nährboden für den Spiritismus ist vor allem in den Salons zu suchen.
Verteidigungsschriften
sind:
Davis
, Prinzipien d. Nat. 1847.
Zöllner
, Wissenschaftliche Abhandlungen. 1878.
Crookes
, der Spiritismus und die Wissenschaft. 1872.
Polemische Schriften
sind:
Th. Fechner
, die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht. 1879. W.
Schneider
, der neue Geisterglaube. 1882. F.
Schultze
, der Spiritismus. 1883.
F. Kirchner
, der Spiritismus, die Narrheit unseres Zeitalters. 1883.
Spiritualismus
Spiritualismus
(nlt., v. lat. Spiritus) heißt diejenige Ansicht, welche den Leib entweder als bloße Erscheinung der Seele oder als ihr Produkt oder als ihr Entwicklungsmoment betrachtet. Der Spiritualismus beruft sich darauf, daß uns im Grunde nur Vorstellungen, nicht Dinge der Außenwelt gegeben sind, ferner auch darauf, daß der Geist Freiheit und Zweckwirksamkeit in allen Teilen des Leibes zeige, so daß man ihm Existenz außer und über dem Stoffe zuschreiben müsse. Der Spiritualismus rühmt sich, von Bekanntem zu Unbekanntem (von den Vorstellungen zu den Dingen) fortzuschreiten; er verspricht uns Selbsterkenntnis des Geistes und beruft sich auf die Analogie künstlerischen Schaffens. – Freilich hat er auch manches gegen sich: Er kann die Körperwelt und unseren Leib nicht vollständig erklären; auch kann er nicht rechtfertigen, daß die Herrschaft des Geistes über den Leib durch seine Abhängigkeit von diesem beschränkt wird. – Vertreter dieser Richtung ist vor allem Berkeley (1685-1753) gewesen. Siehe Idealismus.
Spiritualität
Spiritualität
(fr. spiritualité, v. lat. Spiritus) heißt Geistigkeit und bilden den Gegensatz zur Materialität (Körperlichkeit);
spirituell
heißt geistig, geistreich.
Spiritus animalis
Spiritus animalis
, s. Nervengeist.
Spiritus rector
Spiritus rector
, herrschender Geist, hieß bei den Alchymisten die Naturkraft, welche das Menschenleben verlängern, andere Stoffe in Gold verwandeln u. dgl. sollte.
Spleen
Spleen
(engl.), eigtl. Milzsucht, heißt eine der Hypochondrie verwandte Geisteskrankheit, welche oft zum Selbstmord führt. Diese, gewöhnlich als englische Nationalkrankheit angesehene Störung entspringt zur Zeit der Pubertät dem unbefriedigten Geschlechtstriebe, bei reiferem Alter dem Aufgeben geregelter Tätigkeit, der Übersättigung u.a. Am besten wird sie durch strenge Diät und regelmäßige Tätigkeit bekämpft.
Spontaneïtät
Spontaneïtät
(v. lat. spontaneus) heißt Selbstbestimmung (s. d.).
Sprache
Sprache
heißt im weiteren Sinne jede Mitteilung innerer Zustände eines lebenden Wesens an andere durch Ausdrucksbewegungen oder Zeichen. So gibt es eine Gebärden-, Mienen-, Augen- und Lautsprache. Insoweit haben nicht nur Menschen, sondern auch manche höher organisierte Tiere eine Sprache. Im engeren Sinne ist aber Sprache die Äußerung und Mitteilung von Gefühlen, Gedanken und Willensregungen durch
artikulierte Laute
, Wörter und Wortverbindungen. Eine solche völlig entwickelte Lautsprache besitzt nur der Mensch, der in der Fähigkeit aktiver Apperzeption das Tier übertrifft, und bei dem die Verbindung der Stimm- und Gehörsnervenfasern innerhalb des Zentralorgans eine höher entwickelte als bei den Tieren ist. Die Lautsprache ist dem Menschen nicht angeboren, nicht also ein Geschenk Gottes, auch nicht von den Menschen erfunden, nicht also ein beabsichtigtes Werk des Menschen, sondern sie ist ein
notwendiges Entwicklungsprodukt
seines Geistes, das, einmal entstanden, zugleich auch das wichtigste Werkzeug der Ausbildung seiner Gedanken geworden ist. Die Frage nach dem Ursprung der Sprache kann durch historische Forschung nicht zur Beantwortung gebracht werden. Sie muß vielmehr aus der Wirksamkeit derjenigen Faktoren gelöst werden, die auch jetzt noch in der lebendigen Sprache tätig sind. Die Sprache ist zunächst ein psychophysisches Gebilde. Sie entwickelt sich nur bei Menschen, die den Gehörsinn besitzen. Der Taubgeborne lernt, trotzdem ihm die physische Fähigkeit dazu nicht abgeht, nicht auf natürliche Weise sprechen, weil er nicht hören kann. Das Gehör ist also die psychische Vorbedingung der Sprachentstehung. Sprache ist die von Menschen produzierte und zugleich gehörte Summe von Lautvorgängen. Der Zusammenhang zwischen Gehör und Sprachvermögen ist ein um so wertvolleres Moment der menschlichen Organisation, als ein gleicher Parallelismus für das Gesicht nicht existiert. Licht und Farben, die wir sehen, können wir mit unsern Organen nicht hervorbringen. In der Lautsprache verbinden sich Laut und Bedeutung miteinander. Die Urschöpfung der Sprache ist also die Verbindung des Lautes mit der Bedeutung; aber zur Sprache wird diese Verbindung erst dadurch, daß sie von dem Sprechenden festgehalten und reproduziert und von anderen verstanden und gleichfalls reproduziert und so zu etwas Bleibendem und Wiederkehrendem wird. Die ersten Sprachlaute sind Reflexe, Trieb- und Ausdrucksbewegungen, Äußerungen, bei denen Gefühl und Anschauung noch innerlich verbunden sind. Die Sprache ist auf dieser Stufe
pathognomischer
Affektausdruck, also wesentlich interjektional (pathognomische Sprachperiode). Der Laut hat aber ferner in diesem Entwicklungspunkte eine innere Verwandtschaft zu dem, was ihn hervorgerufen hat. Die Lautbedeutung ist daher
Onomatopöie
, Nachahmung eines Schalls oder natürliche Wiedergabe der Empfindung eines anderen Sinnes durch eine verwandte Klangbildung. Nachdem für den Sprechenden eine solche Verbindung zwischen dem Laut und der Bedeutung entstanden ist, ist ihre Reproduktion seitens des Sprechenden bei Wiederkehr gleichen Anlasses nach dem Gesetze der Assoziation verständlich; und ebenso ist für den Hörenden, der dieselbe Ursache der Verbindung des Lautes mit seiner Bedeutung miterlebt, das Verständnis und die Möglichkeit der Reproduktion gegeben. So entstehen die ursprünglichsten Bestandteile der Sprache, die Sprachwurzeln, die zunächst nur Sinneswahrnehmungen bezeichnen können. Aus sinnlicher Bedeutung werden aber dann allmählich andere verwandte Bedeutungen gebildet, und es entwickelt sich, wobei sich das ursprüngliche Verhältnis zwischen Laut und Bedeutung natürlich löst, aus dem Konkreten das Abstrakte, indem eine Vorstellung durch die andere bereits vorhandene apperzipiert wird. Diese Stufen der
etymologischen Sprachentwicklung
und des
Sprachgebrauchs
, in denen Bedeutungswandel und Lautwandel die Lebensprozesse der Sprache sind, geben ihr erst den Reichtum an Worten und Bezeichnungen, dessen sich die entwickelten Sprachen erfreuen, machen aber das Wort zu einem mehr willkürlichen Zeichen des Gedankens. Und weiter bilden einzelne Sprachen durch Zusammensetzung, Ableitung und Flexion, wobei wiederum Laut und Bedeutungswandel innig ineinandergreifen, den Ausdruck syntaktischer Beziehungen heraus, und es entsteht auf der Stufe des
grammatischen Baues
aus der Sprache die Möglichkeit, logische Beziehungen bequem zu denken und darzustellen. So muß die Sprache als Produkt der geistigen Entwicklung des Menschengeschlechts gelten, und
Sprachforschung
und
Psychologie
stehen in engster Verbindung miteinander.
Die geschichtliche Entwicklung der menschlichen Sprache hat bisher nicht zu der Herrschaft einer Gemeinsprache geführt. Nur eine Reihe von
Einzelsprachen
und
Sprachfamilien
sind im Laufe der Kulturentwicklung entstanden. Der Form nach unterscheidet man unter ihnen
isolierende
oder einsilbige Sprachen (z.B. das Chinesische), d.h. solche, die nur Wurzeln besitzen und die Beziehungen derselben nicht zum Ausdruck bringen,
agglutinierende
Sprachen (z.B. die finnisch-tatarischen Sprachen), d.h. solche, die den Ausdruck für Beziehungen durch Anfügung (Nachsetzung, Vorsetzung, Hineinsetzung) der Beziehungslaute an die Wurzel besitzen, und
flektierende
Sprachen (z.B. das Indogermanische), d.h. solche, in denen der Ausdruck der Beziehung sowohl durch Anfügungen als durch innere Veränderungen der Wurzeln erfolgt.
Die Erforschung der Sprache beginnt mit den
Griechen
; doch haben diese sich auf die eigene Sprache beschränkt und, indem sie wesentlich den logischen Gehalt der Sprache erfaßten, nur die
Terminologie
für die Redeteile geschaffen, in denen sie fälschlich auch zugleich die Satzteile sahen. Die Anfänge der griechischen Sprachforschung liegen bei den
Sophisten
(5. Jahrh. v. Chr.), von Bedeutung war
Aristoteles
(384; – 322), der Abschluß fällt den
Stoikern
zu. Die Römer haben die griechische Terminologie auf die lateinische Sprache angewandt und, zum Teil mit groben Mißverständnissen, ins Lateinische übersetzt. In der Neuzeit ist die griechisch-römische Terminologie auf alle europäischen Sprachen übertragen worden. Neue Prinzipien in der Sprachforschung tauchen nach den Griechen erst gegen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts bei den Deutschen auf. Es entsteht die
philosophisch
-
historische Sprachwissenschaft
. An der Spitze derselben steht
Herders
(1744 bis 1803) Abhandlung über den Ursprung der Sprache (verfaßt 1770), in der er nachwies, daß der Mensch kraft des Charakters seiner Gattung, der Merkmale suchenden Besonnenheit, unterstützt von der ihn tönend umgebenden Natur, sich notwendig Sprache und Poesie habe erschaffen müssen. Eine umfassende Sprachphilosophie schuf dann
Wilhelm von Humboldt
(1767-1835) auf der Grundlage historischer Kenntnis der verschiedensten Sprachen und der Kantischen Philosophie. Ihm ist die Sprache der sich offenbarende und mitteilende menschliche Geist, der Übergang vom Geist zur Erscheinung, kein Werk, sondern Energie, in der der ganze Mensch energiert, und ihm dient die Sprachwissenschaft dazu, eine Charakteristik des Menschen bezüglich seiner idealen Fähigkeit und realen Leistung zu geben. Sein Hauptwerk ist das Werk über die Kawisprache, mit seiner Einleitung über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts (erschienen 1836-1839). Die von Humboldt geschaffene Sprachphilosophie hat ihre Fortsetzer in
Steinthal
und
Lazarus
gefunden (vgl. Völkerpsychologie).
Während W. v. Humboldt die neuere Sprachphilosophie begründete, erforschte
Jacob Grimm
(1785-1863) die historische Entwicklung der germanischen Sprachen und gab in seiner Deutschen Grammatik (seit 1819) das erste Beispiel einer geschichtlichen Behandlung des Sprachstoffes, und um dieselbe Zeit widmete sich
Franz Bopp
(1791-1867) dem Sprachstudium mit der Absicht, hierdurch in das Geheimnis des menschlichen Geistes einzudringen. Er wurde der Schöpfer der
Sprachvergleichung
und lieferte für den indogermanischen Sprachstamm den Nachweis der Verwandtschaft der einzelnen Sprachen und zugleich den ersten Nachweis der Entstehung grammatischer Formen. Was z.B. Deklination und Konjugation ist, hat Bopp zuerst im Wesen aufgehellt. Sein Hauptwerk, die vergleichende Grammatik (1. Aufl. 1833-1852, 2. Aufl. 1856-1861, 3. Aufl. 1868), hat den tiefsten Einfluß auf die Sprachforschung im 19. Jahrhundert ausgeübt, obwohl anfangs die klassische Philologie sich in grober Kurzsichtigkeit und Parteilichkeit gegen die Sprachvergleichung feindselig verhielt. Die von W. v. Humboldt, J. Grimm und Bopp gegebenen Gesichtspunkte der Sprachforschung sind anfangs gesondert voneinander, dann zusammenwirkend, die Linien geworden, auf denen sich alle Sprachwissenschaft fortentwickelt hat. Dominierend ist die historisch-vergleichende Behandlung der Sprachen; aber auch die philosophische Grundlegung, freilich befreit von den Fesseln einseitiger Metaphysik, ist nicht zu entbehren und bildet heute kaum noch einen Gegensatz zur historischen Richtung. Kräftig einwirkend ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den neu gewonnenen Gesichtspunkten der Forschung der
phonetische
hinzugetreten, der erst der natürlichen Seite der Sprache die volle Aufmerksamkeit zugewandt hat. Von diesem Standpunkte aus betrachtet man die Laute darauf hin, wie sie akustisch wirken und wie sie durch die Artikulationsorgane hervorgebracht werden, und erklärt die Veränderungen in der Sprache aus den Modifikationen der Stellung der Sprachwerkzeuge. Man faßt daher die Sprachgesetze als Naturgesetze auf. Die Phonetik hat ihre wichtigsten Vertreter in
Brücke
(Grundzüge der Physiologie und Systematik der Sprachlaute. 1856),
Merkel
(Physiologie der menschlichen Sprache. 1866),
Rumpelt
(das nat. System d. Sprachlaute. 1869), G.
Michaelis
der zuerst an der Berliner Universität sprachphysiologische Vorlesungen hielt (Zeitschrift für Stenographie und Orthographie. 1853 ff.),
Bell
(Sounds and their relations. 1882; Visible Speech. 1867),
Scherer
, zur Gesch. d. deutschen Sprache,
Trautmann
(Sprachlaute. 1884-86),
Sievers
(Phonetik. 1876, 3. Aufl. 1885),
Sweet
(Handbook of Phonetics. Oxford 1877) usw. gefunden. Aber auch der phonetische Gesichtspunkt ist nur eine Seite, und zwar nicht die höchste der Sprachbehandlung und hat sich den anderen beizuordnen, nicht überzuordnen, was ihm in der Gegenwart noch nicht immer gelingen will. Vgl.
Steinthal
, Abriß der Sprachwissenschaft. 1872 ff.;
Whitney
, die Sprachwissenschaft (übersetzt von Jolly. 1874); L.
Geiger
, Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache und Vernunft. 1868;
Bleek
, über den Ursprung der Sprache. 1868;
Marty
, über den Ursprung der Sprache. 1876;
Noiré
, der Ursprung der Sprache. 1887; H.
Paul
, Prinzipien der Sprachgeschichte, 3. Aufl., 1898; H. Oertel, Lectures on the Study of Lan-guage. 1901; K.
Bruchmann
, die neueste Sprachphilosophie (Preuß. Jahr., Bd. XLI, S. 409-420);
Wundt
, Grundriß d. Psychol. 1905 § 21, 3. S. 367 ff.
Sprachstörungen
Sprachstörungen
, s. Aphasie und Paraphasie.
Sprung
Sprung
(saltus) nennt man eine Lücke im Beweise (in concludendo vel demonstrando). Da jeder Beweis auf einer engen Verknüpfung seiner Glieder beruht, ist jeder Sprung ein Fehler. Auch auf dem naturwissenschaftlichen Gebiete wird der Sprung meist durch Hinweis auf das Gesetz der Stetigkeit abgewiesen, wonach es in der Natur nur allmähliche, aber nicht unvermittelte Übergänge gebe (in mundo non datur saltus). Die Mutationstheorie erkennt diesen Satz nicht ohne weiteres an. Vgl. Mutation.
Staat
Staat
(lat. status = Stand) heißt eine in sich geschlossene Gesellschaft von Menschen, die unter dem Schutze der Gesetze zur gemeinschaftlichen Sicherheit, Freiheit und Wohlfahrt verbunden sind. Die Entstehung des Staates haben wir weder aus einem Vertrage (contrat social), wie
Hobbes
(1588 bis 1679),
Rousseau
(1712-1778) u.a. wollten, abzuleiten, noch aus göttlicher direkter Stiftung, wie
Stahl
(1802-1861) annahm, noch aus dem Einfall irgend eines einzelnen, sondern aus dem Selbsterhaltungs- und Geselligkeitstriebe und der natürlichen Entwicklung des Menschen. Nur allmählich, durch die verschiedensten Stufen der Gemeinschaft hindurch, die wir noch bei einzelnen Völkern vorfinden, hat sich die kultivierte Menschheit zu staatlichem Zusammenhang erhoben, der da, wo er am vollkommensten ist, auch zugleich auf sprachlicher, ethnischer und kulturgeschichtlicher Einheit beruht. Die Grundlage des Staates ist das gemeinschaftlich von allen anerkannte Rechts- und Staatsgesetz; Aufgabe des Staates ist die Sorge für alle ihm Angehörigen, Endzweck die Verwirklichung der menschlichen Bestimmung, die darin besteht, daß der Mensch zur sittlichen Persönlichkeit werde. Da die Voraussetzung dafür die Selbstbestimmung ist, so hat der Staat zunächst Leben, Eigentum, Erwerb und Familie des Bürgers zu schützen. Sodann hat er, da niemand gut wird, den man nicht dazu erzieht, diejenigen Institute zu beschützen und zu fördern, welche die intellektuelle, ethisch-religiöse und ästhetische Erziehung betreiben und den einzelnen zu der Bildungsstufe heraufheben, derer er im Leben bedarf, also die Schule (in ihren verschiedenen Formen), die Kirche und die Kunst. Doch hat er sich der gewaltsamen Bevormundung seiner Bürger, da sie Personen, d.h. selbstbewußte, sich selbst bestimmende Wesen werden sollen, zu enthalten. Andrerseits gilt der Satz: salus reipublicae suprema lex esto (das Staatswohl soll das höchste Gesetz sein). Ist der Staat in Gefahr, so haben alle Einzelinteressen zu schweigen; zu seiner Rettung müssen Gut und Blut, Ruhe und Familienglück der Zugehörigen eingesetzt werden. Und auch im gewöhnlichen Lauf der Dinge geht das Gesamtwohl dem Wohle des einzelnen voran. Denn nur in einem kräftigen und einigen Staate, wo Gerechtigkeit, Friede und Opferfreudigkeit walten, kann auch der einzelne seine Bestimmung als Mensch erfüllen. Vgl.
Kant
, Metaphys. Anfangsgründe der Rechtslehre. 1798. J. E.
Erdmann
, Philos. Vorlesungen über den Staat. Halle 1861. R. v.
Mohl
, Gesch. d. Staatswissenschaften. München 1882. Fr.
Paulsen
, zur Ethik und Politik. Berlin. Deutsche Bücherei. Bd. 32.
Staatsromane
Staatsromane
, s. Utopien.
Staatsverfassung
Staatsverfassung
ist die Bestimmung über die Ausübung der höchsten Gewalt im Staate. Man unterscheidet 1. nach der Zahl der Herrschenden: a)
Monarchie
(wählbare oder erbliche Alleinherrschaft) und b)
Polyarchie
(Vielherrschaft, Republik), welche nach der Art und Zahl der Herrschenden
a
)
Aristokratie
(Adelsherrschaft),
b
)
Oligarchie
(Herrschaft weniger Geschlechter) oder
g
)Demokratie (Volkesherrschaft) sein kann; 2. nach der Art der Herrschaft: a)
unbeschränkte
(Autokratie) und b)
beschränkte
(Synkratie) Staatsverfassungen. Daraus ergeben sich folgende Kombinationen: 1.
Monarchie
: a)
Autokratie
(Despotie), b)
Konstitutionalismus
; 2.
Polyarchie
(Republik): a)
Demokratie
und
Aristokratie
und
Oligarchie
; b)
Repräsentativsystem
. – Die Frage, die sich von selbst aufdrängt, welche Regierungsform die beste sei, ist dahin zu beantworten, daß bei der Verschiedenheit der Völker und ihrer Entwicklungsstufen nicht für jedes dieselbe Form gleich gut sei. Es hat Monarchien und Republiken gegeben, welche mächtig, glücklich und dauerhaft waren, und andrerseits hat jede Staatsform ihre Mängel. Die Monarchie ist am wenigsten der Anarchie ausgesetzt, weil sie die Staatsgewalt konzentriert; ist sie erblich, so ist eine Stetigkeit des Interesses, der Regierungsprinzipien gesichert, das gefährliche Streben Ehrgeiziger nach der Krone ausgeschlossen. Ist sie dabei konstitutionell, d.h. hat das Volk durch seine Vertreter Anteil an Gesetzgebung und Besteuerung, so ist damit genügende Garantie für die Berücksichtigung des Volkswohls gegeben; aber sie hat ihre Gefahr darin, daß Unfähige an die Spitze des Staates treten und Herrschergeschlechter entarten können. Die Republik kann die Selbsttätigkeit des Volkes hoch entwickeln und echte Tugenden erzeugen; aber sie gibt auch dem Ehrgeize weiten Spielraum und bewährt sich oft nicht in Momenten der Gefahr. Jede Staatsform muß sich aus den gegebenen Verhältnissen bilden und sich mit ihnen fortentwickeln. Konstruieren läßt sich kein Staat. Im
Altertum
hat
Platon
(4:27-347) in seiner Republik (
politeia ê peri dikaiou, politikos
), ohne an die bestehenden Staaten unmittelbar anzuknüpfen, eine ideale Staatsverfassung vom Begriffe der Gerechtigkeit aus zu konstruieren versucht. Aristoteles (384-322) hat auf Grund reichen Beobachtungsmaterials und in Kritik der Lehren Platons vom Idealstaate die beste mögliche Verfassungsform (eine verbesserte solonische Verfassung) aufgestellt (
politika, politeiai
). –
Polybios
(210-127) hat hierauf zu einer Zeit, wo die römische Weltherrschaft schon im Entstehen war, den Kreislauf der Verfassungen im Altertum dargestellt und die Forderung einer Verfassung, in der die Vorzüge der einzelnen Verfassungen vereinigt wären, erhoben. (Vgl. U.v.
Wilamowitz
-
Moellendorf
, Griechisches Lesebuch, Berlin 1902. Erster Halbband).
Cicero
(106-43) hat in seinen politischen Schriften (de re publica, de legibus) die römische Staatsverfassung idealisiert. Bei Beginn des
Mittelalters
hat
Augustinus
(353-430) in seiner Schrift de civitate dei libri XXII (413-426) die weltgeschichtliche Entwicklung unter die Idee des göttlichen Ratschlusses gestellt und in ihr einen Kampf zweier Reiche, des Reiches Gottes und des Reiches des Teufels (civitas terrena), gesehen. Im irdischen Staate erkannte er nur eine von Gott verordnete Zwangsanstalt zur Bestrafung und Linderung des Bösen an, im Gottesstaat sah er den Zukunftsstaat. In der
Neuzeit
beginnen die philosophischen Untersuchungen über den Staat mit dem Wiedererwachen der Wissenschaft im 15. u. 16. Jhrhdt. Der erste selbständige Staatsphilosoph der Neuzeit war
Macchiavelli
(1469-1527), der bei seinen Zeitverhältnissen für die Idee der absoluten Monarchie eintrat (Il principe 1615). Von da an hat die Philosophie das Problem der Staatsverfassung nicht wieder fallen gelassen. In der neuesten Zeit ist eine Überschätzung des Wertes des Staates eingetreten (Politismus). Zwischen dem Verhalten der Staaten und der Moral ist oft eine weite Kluft gewesen. Joh.
Bodinus
, de rep. 1584. Th.
Hobbes
, de cive 1632 u. Leviathan 1651.
Spinoza
, tractat. theologico-politieus. 1670.
Rousseau
, contrat social. 1762.
Kant
, die Metaphysik der Sitten. 1797. J. G.
Fichte
, der geschlossene Handelsstaat. 1800; Staatslehre. 1820.
Hegel
, Philos. d. Rechts. 1833.
Schleiermacher
, Die Lehre v. Staat. 1840.
Trendelenburg
, Naturrecht. 1868.
Stammbegriffe
Stammbegriffe
, s. Kategorien.
Standhaftigkeit
Standhaftigkeit
heißt die Tugend, unvermeidliche Übel ohne Klage zu ertragen, Schwierigkeiten und Versuchungen durch Widerstand zu überwinden und in gefährlicher Lage unerschrocken auszuharren, weil es unsere Pflicht oder unsere Selbstachtung fordert. Muster der Standhaftigkeit sind die Märtyrer des Glaubens gewesen, die für ihre Überzeugung gestorben sind.
Statistik
Statistik
(franz. statistique), eigentlich Staatskunde, heißt die zahlenmäßige Darstellung der zu einem bestimmten Zeitpunkte innerhalb eines gewissen Bereichs vorhandenen Staatskräfte und der Gesetze ihrer Wirksamkeit. Von der Geschichte unterscheidet sie sich dadurch, daß sie das innere und äußere Leben der Staaten ausschließlich in der
Gegenwart
registriert, während die Geschichte dasselbe gewöhnlich in Form der Vergangenheit erfaßt. Daher nannte A.
Schlözer
(1735-1809) die Geschichte eine fortlaufende Statistik und die Statistik eine stillstehende Geschichte. Jene kann man etwa die Biographie, diese die Charakteristik einer Gemeinschaft nennen. Den Inhalt der Statistik bilden alle äußeren und inneren Lebenserscheinungen des Staates. Eine
Beziehung zur Philosophie
hat die Statistik dadurch gewonnen, daß man mit ihrer Hilfe die Frage der Willensfreiheit des Menschen zu lösen versucht hat. Sie zeigt z.B., daß alljährlich innerhalb eines Staates ungefähr dieselbe Zahl von Ehen geschlossen, dieselbe Zahl von Briefen unfrankiert aufgegeben, dieselbe Zahl von Verbrechen und Selbstmorden verübt wird usw. In diesen Zahlenverhältnissen scheinen also Gesetze zu liegen, welche die Freiheit des Menschen einschränken oder ausschließen. Aber diese Folgerung ist unbegründet. Es variieren die Zahlen gemäß den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen; die Menschen stiften oder unterlassen z.B. die Ehe nach vernünftiger Überlegung. Auch schwankt die Zahl derselben Kategorie von Jahr zu Jahr. Die Zahl der Selbstmörder betrug z.B. in Dänemark sechs Jahre hintereinander 340, 401, 426, 363, 393, 426! Die Statistik kann ferner nur zur öffentlichen Kenntnis gelangte Tatsachen anmerken; das Wichtigste (das Innerste Motiv der Tat) entgeht ihr oder läßt sich nicht immer durch sie mit Sicherheit feststellen. Selbst wenn ungefähr dieselbe Zahl derselben Generation dieselben Verbrechen verübt, so folgt daraus doch noch nicht, daß der einzelne diese oder jene Tat tun müsse. Die Statistik beweist nur, daß es auch auf moralischem Gebiet Durchschnittsverhältnisse gibt und daß auch hier nicht Willkür schaltet. Sie bereitet die Lösung von letzten Problemen der Moral vor und liefert ihr brauchbares Material; aber sie kann für sich selbst die letzten Fragen nicht lösen. Ihre Resultate heben also die Annahme einer praktischen Willensfreiheit keineswegs auf (s. Moralstatistik). Vgl.
Quételet
, Sur l'homme et le développement des ses facultés. Paris 1835.
Drobisch
, Statistik und Willensfreiheit. 1867. A. v.
Öttingen
, Die Moralstatistik. 1868. Vgl. Determinismus, Freiheit.
Stein der Weisen
Stein der Weisen
(lapis philosophorum) hieß nach dem Glauben der Kabbalisten und Alchymisten das Mittel, Gold zu machen, den Krankheitsstoff aus dem Körper zu beseitigen und das Leben zu erneuern. Man nannte es auch das allgemeine Auflösungsmittel, das große Magisterium, die rote Tinktur oder das große Elixir. Nach dem mythischen Hermes Trismegistos nannte man die Goldmacherkunst auch die
hermetische
. Dieser Ausdruck kommt schon in dem Aristoteles untergeschobenen Buche »de practica lapidis philosophici« vor. Vgl.
Schmieder
, Geschichte der Alchymie. Halle 1832. F.
Renau
, Eau de Jouvence. Paris 1880.
Stetigkeit
Stetigkeit
(lat. continuitas) heißt der ununterbrochene Zusammenhang äußerer oder innerer Vorgänge oder Größen. Stetige Größen sind solche, deren Teile nicht voneinander gesondert werden können, weil sie ineinander fließen. Daher scheinen sie in das Unendliche teilbar. Solche stetigen Größen sind Raum, Zeit und Bewegung. Obgleich der Begriff des Stetigen den scheinbaren Widerspruch in sich schließt, daß eine endliche Größe gedacht werden soll, die aus einer unendlichen Zahl von Teilen besteht, so kann man ihn doch mathematisch fixieren (Differentialrechnung). Auch auf die Zahlen ist das Gesetz der Stetigkeit in der Weise übertragen worden, daß gezeigt worden ist, es lasse sich ein stetiger Übergang von einer ganzen Zahl zur nächstfolgenden herstellen (Dedekind). – Das Gesetz der Stetigkeit (lex continui) verbietet sowohl vom logischen als auch vom metaphysischen Gesichtspunkte jeden Sprung (s. d.).
sthenische Affekte
sthenische Affekte
nennt
Kant
(1724-1804, Anthropol. § 73) solche, die von erregender, dadurch aber auch oft von erschöpfender Beschaffenheit sind, während die
asthenischen
die Lebenskraft unmittelbar abspannen, aber oft dadurch auch Erholung vorbereiten. In der Krit. d. Urteilskraft § 29, S. 120f. unterscheidet er Affekte von der
wackeren
und von der
schmelzenden
Art. Jene machen das Bewußtsein unserer Kräfte, jeden Widerstand zu überwinden (animi strenui), rege, diese machen die Bestrebung zu widerstehen selbst zum Gegenstände der Unlust (animum languidum). Vgl. Affekt.
Stil
Stil
(lat. stilus = Griffel) heißt die eigentümliche Schreibart eines Menschen. Jeder Mensch hat seinen Stil (vgl. Buffon [1707-88]: »Le style est l'homme même«, 1753). Der gute Stil zeigt Klarheit und Deutlichkeit des Gedankens, Reinheit und Richtigkeit der Sprache, Bestimmheit und Angemessenheit des Ausdruckes, sowie Vermeidung einförmiger und schwerfälliger Satzbildung.
Schopenhauer
(1788-1860) nennt den Stil die Physiognomie des Gedankens. Unter den neueren deutschen Philosophen zeichnen sich durch guten Stil aus
Herbart, Schopenhauer
, v.
Hartmann, Paulsen
und
Nietzsche
, während das Gegenteil von dem Stile
Hegels
und
Krauses
gilt. – In der
Kunst
versteht man unter Stil sowohl die zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern in einer Kunst vorherrschende besondere Darstellungsweise (z.B. romanischer, gotischer Stil) als auch die in den Werken eines Meisters ausgeprägte eigenartige Richtung. Vgl.
Karl Semper
, Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten, 2. Aufl. München 1878-79. Vgl. Manier.
Stimmung
Stimmung
bezeichnet die einheitliche Gemütslage eines Menschen, die aus einer Summe von Gefühlszuständen in einem Zeitpunkte hervorgeht. Die Stimmung wechselt bei dem Menschen nach seinem Gesamtbefinden, nach Wetter Jahreszeit, Klima, Nahrung, Umgebung u. dgl.; doch ist das Wiederkehrende in ihr auch vom Temperament des Menschen abhängig.
Stoff
Stoff
, s. Materie.
Stoizismus
Stoizismus
heißt zunächst die Philosophie der Stoiker, die durch
Zenon
(ca. 350-268) begründet, durch
Kleanthes, Chrysippos, Panaitios, Poseidonios
u. a. fortgebildet worden ist. Der Stoizismus ordnet die Logik und die Physik der
Ethik
unter. In der
Logik
knüpft er an
Aristoteles
an und entwickelt einen erkenntnistheoretischen Sensualismus. In der
Physik
steht er auf dem Standpunkt des
Materialismus
(Stoff und Kraft); in der
Ethik
ist er
idealistisch
; das vernunftgemäße Leben ist ihm das oberste Lebensziel. Die
Tugend
(praktische Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit) scheint ihm zur Glückseligkeit ausreichend. Sie ist allein gut; das Laster ist schlecht; alles mindere ist weder gut noch schlecht, sondern ein Mittleres, Gleichgültiges (
adiaphoron
). – Auf dem Gebiete der
grammatischen
Forschung ist der Stoizismus grundlegend gewesen. Auf ihm beruht bis heute die grammatische Terminologie. –
Allgemeiner genommen
, bedeutet Stoizismus eine herbe, freudlose, nur moralisierende Weltanschauung.
Stolz
Stolz
heißt die Überhebung auf Grund eigener Vorzüge. Der Stolze hat wirklich Vorzüge, aber er schlägt sie zu hoch an; infolgedessen ist sein Ehrgefühl reizbar; er fürchtet, nicht genug anerkannt zu werden oder seinem Werte etwas zu vergeben, und läßt daher andere seine Bedeutung durch ein kaltes, vornehmes Wesen fühlen. Er möchte ihnen durch sein bloßes Auftreten imponieren, damit sie sich neben ihm gering achten. Er hat vielleicht wirklich Erfahrungen gemacht, woraus er schließen zu können glaubt, daß er selbst mutiger, kaltblütiger, klüger, großherziger usf. ist als andere; er hat mit Bewußtsein und Eifer seit lange danach gestrebt, daß dies so sei. So gründet sich das Selbstgefühl des Stolzen auf sein Ich, vor dem er selbst Achtung hegt. Stolz ist man immer nur auf sich oder auf seine Freunde, Kinder, Taten, Werke, weil man etwas geleistet zu haben wähnt. Während der Eitle äußere Ehrenzeichen leidenschaftlich begehrt, der Hochmütige sie rücksichtslos fordert, verschmäht sie der Stolze. So ist Eitelkeit das größte Hindernis des Stolzes. Der Stolze hält sich für zu groß, als daß sein Wert durch die Anerkennung anderer wachsen könnte. Er dünkt sich zu gut, um zu bitten, danken und anzuerkennen, wie er sich andrerseits auch nicht herabläßt zum Schmeicheln und Kriechen, Heucheln und Lügen. Letzteres hat seine gute Seite und ist edler Stolz, d.h. Selbstachtung des Menschen als vernünftiges Wesen, durch das er verhindert wird, etwas Unwürdiges zu denken, zu sagen oder zu tun. Vgl. Selbstgefühl, Eitelkeit, Hochmut.
Strafe
Strafe
ist das von einer Rechtsgemeinschaft durch Urteil verhängte
Übel
, welches jemand infolge seiner Schuld trifft. Voraussetzung für die Strafe ist also die
Schuld
, die begangen ist, und
die Rechtsgemeinschaft
, die durch ihre Organe Strafen verhängt. Im Naturzustande gab es also noch keine Strafe, sondern nur Rache. Höchstens war in der Familie, aus welcher der Staat erwuchs, seit je Strafgerechtigkeit. Erst mit der Entstehung der Staaten entsteht auch die Strafe, ihrem Begriff und Wesen nach. Seiner Aufgabe gemäß hat der Staat nur diejenigen Handlungen, welche die bürgerliche Rechtsordnung und Sicherheit gefährden, zu bestrafen. Überschreitungen der Moral, welche dies nicht tun, keinen anderen beeinträchtigen, auch nicht öffentliches Ärgernis geben, gehen ihn dagegen unmittelbar nichts an.
Bezüglich des
Zwecks
und
Grunds
der Strafe unterscheidet man die relativen und die absoluten Strafrechtstheorien. Jene leiten die Strafe aus einem außerhalb derselben liegenden Zweck ab, diese betrachten die Strafe als Selbstzweck. Unter den relativen Theorien sind zwei hervorzuheben: Entweder suchen die Anhänger der
relativen
Strafrechtstheorie den Zweck der Strafe in der
Abschreckung
der Menschen von dem gestraften Verbrechen oder sie suchen den Zweck der Strafe in der
Besserung
des Verbrechers; aber die einseitige Abschreckungstheorie bewährt sich nicht, weil, wie die Geschichte lehrt, auch die furchtbarsten Martern die Verbrechen nicht aus der Welt geschafft haben, und auch die Besserung des Verbrechers tritt nur selten ein. Die relativen Theorien finden also ihre Widerlegung durch das Mißverhältnis, das zwischen Zweck und Mittel, zwischen Erstrebtem und Erreichtem besteht. Wenigstens kann der Hauptzweck der Strafe weder in der Abschreckung noch in der Besserung liegen. Nach der absoluten Theorie ist die Strafe die
Aufhebung der verbrecherischen Störung
der Rechtsordnung, die Wiederherstellung des Rechts, indem sie dem Gesetz Genugtuung verschafft. Nach dieser Auffassung dient die Strafe vor allem dem
Schutze der Gesetze
, der
Heiligung der Rechtsordnung
. Jede Verletzung des Rechts wird geahndet, und schon die uralte römische Strafformel lautete: »Lehre durch das Exempel deiner Strafe, alles das heilig zu halten, was du entheiligst hat!« Daß dieses der wichtigste Zweck der Strafe sei, wird meist zugegeben werden. Wollte der Staat nur ein Jahr, einen Monat lang nicht mehr dem verhöhnten Gesetze Genugtuung verschaffen, so würde bald die ganze Rechtsordnung dahin sein. Und dasselbe geht auch aus der Art hervor, wie Eltern strafen: Nicht, um sich an dem Kinde zu rächen, fügen sie ihm ein Übel zu, sondern um ihm Achtung vor ihren Geboten einzuflößen. Ebensowenig darf natürlich der Staat bei dem Strafen grausam verfahren, damit er nicht rachsüchtig erscheine. Relative und absolute Theorien lassen sich aber auch zu den Gedanken verbinden, daß die Strafe das Recht wiederherstellt und daneben vom Unrecht abschreckt und den Verbrecher bessert. Als Nebenzwecke der Strafe können immerhin die Abschreckung anderer und die Besserung der Verbrecher gelten. Jene ist deshalb nötig, weil jede Rechtsverletzung als böses Beispiel andere leicht zur Nachahmung reizt, solange sie nicht üble Folgen, d.h. Strafe, nach sich zieht. Diese darf ebenfalls als Nebenzweck der Strafe gelten. Denn da der Verbrecher Feind und Friedensstörer der Gesellschaft ist, kann diese Gesellschaft auch verlangen, daß jener zu einem friedlichen und geeigneteren Glied erzogen werde. Die Strafe darf also nicht den Rest von Ehrgefühl und Sittlichkeit, den der Bestrafte hat, ersticken, soll ihn vielmehr entwickeln. Es faßt sich also der Begriff der Strafe dahin zusammen, daß sie als ein von einer Rechtsgemeinschaft für eine begangene Schuld verhängtes Übel bezeichnet wird, durch welches vor allem die verletzte Rechtsordnung wiederhergestellt, daneben aber auch von ähnlichen Vergehen abgeschreckt und der Schuldige gebessert werden soll.
Strahlende Materie
Strahlende Materie
hat
Crookes
den feinen Stoff genannt, der die Ursache für die in luftverdünnten Röhren (Hittorfschen oder Crookesschen Röhren; Verdünnung bis auf 0,00001 Atmosph.) bei Anwendung elektrischer Ströme entstehenden eigentümlichen Lichterscheinungen ist. Mit dieser strahlenden Materie hat später sich namentlich
Thomson
eingehend beschäftigt und ihr beziehungsweise bestimmten materiellen Teilen, aus denen die strahlende Materie besteht, den Namen
Korpuskeln
(s. d.) gegeben. Die elektrischen Ladungen in luftverdünnten Röhren hat zuerst
Hittorf
1869 genauer untersucht. Er beobachtete, daß das + Licht vollständig verschwindet, am – Pol aber senkrecht zur Oberfläche der Kathode eigentümliche Strahlen ausgehen, die sich geradlinig fortpflanzen und Glas, Rubin usw. zu intensivem Leuchten bringen (Kathodenstrahlen). In jüngster Zeit hat
Goldstein
aber beobachtet, daß auch am + Pol den Kathodenstrahlen entgegengesetzte negative Strahlen entstehen, die sich gleichfalls geradlinig fortpflanzen und ebenfalls auf einer Glaswand wie die Kathodenstrahlen eine, wenn auch wesentlich schwächere Fluoreszenz hervorbringen. Die Kathodenstrahlen sieht man demgemäß gegenwärtig als feine, materielle negativ elektrisch geladene Teilchen an, die von der Kathode mit 1/5 bis 1/4 Lichtgeschwindigkeit durch das Vakuum hindurchgeschleudert werden (vgl. Korpuskeln). Es sind winzige Stäubchen gewissermaßen jenseits der Materie, die von allen stark erhitzten Körpern (z.B. auch von der Sonne) und von den elektrischen Körpern fortgeschleudert werden.
Röntgenstrahlen
oder X-Strahlen sind keine Kathodenstrahlen, die ja nur im Inneren eines luftleeren Baumes entstehen; es sind vielmehr solche Strahlen, die außerhalb der Röhren dadurch entstehen, daß kräftige Kathodenstrahlen auf die Glaswand oder irgend einen festen Körper fallen. Sie durchdringen fast alle Körper und werden dadurch sichtbar gemacht, daß man sie auf einen Schirm von Bariumplatincyanür fallen läßt, der dadurch zu fluoreszieren anfängt.
Streben
Streben
heißt jede tierische oder menschliche Tätigkeit, die auf ein Ziel gerichtet ist, dessen Erreichung Hindernisse im Wege stehen. Ein Streben entsteht überall da, wo ein mehr oder minder bewußter Wille in seiner Bahn gehemmt wird. Wir finden das Streben daher durch die ganze Welt des tierischen und menschlichen Lebens hin verbreitet, in dem überall verschiedene Kräfte in Wechselwirkung stehen. Das Tier wie auch der Mensch strebt instinktiv nach Befriedigung seiner Triebe; unsere Sinne streben nach dem, was ihrer spezifischen Energie zusagt; so streben wir nach Erkenntnis, Glückseligkeit, den verschiedenen Gütern der Erde usf. Vgl. Begehren, Wille, Trieb.
Subalternation
Subalternation
(nlt. von lat. subalternus = untergeordnet) heißt die Unterordnung von Begriffen und Urteilen. Ein
Begriff
wird einem zweiten Begriffe subalterniert, wenn der zweite einen weiteren Umfang hat als der erste. Dasselbe gilt von
Urteilen
; darum heißt das besondere Urteil das subalternierte das allgemeine, das subalternierende (i ist dem a subalterniert, o dem e) Hierbei gilt die Regel, wenn das subalternierende Urteil wahr ist, ist es auch das subalternierte, und wenn das subalternierte falsch ist, ist es auch das subalternierende. Aus der Wahrheit von SaP bzw. SeP folgt also die Wahrheit von SiP bzw. SoP folgt auch die Falschheit von SaP bzw. SeP. Ist z.B. das Urteil »alle Menschen sind sterblich« wahr, so ist auch wahr daß einige Menschen sterblich sind; und ist das Urteil falsch: »einige Menschen sind vollkommen«, so ist auch das Urteil falsch, »alle Menschen sind vollkommen«. Natürlich müssen bei subalternierenden und subalternierten Urteilen Subjektsbegriff, Prädikat und Kopula gleich sein, und nur die Quantität des Urteils darf differieren, indem das subalternierende größeren Umfang hat als das subalternierte. Das Gesetz der Folgerung ad subalternatam propositionem heißt auch dictum de omni et nullo (s. d.). Man kann das subalternierende in das subalternierte verwandeln, indem man die Quantität verringert, wodurch man die Wahrheit einschränkt. Subalternationsschlüsse sind Enthymeme (s. d.)
Subdivision
Subdivision
, Unterabteilung, s. Einteilung.
Subjekt
Subjekt
heißt eigentlich der zugrunde liegende Gegenstand (gr.
to hypokeimenon
) vgl. Substanz. Demgemäß bezeichnet damit die
Logik
dasjenige Glied des Urteils oder Satzes, von dem der Denkprozeß seinen Ausgang nimmt und dem eine Bestimmung gegeben werden soll. Das Subjekt schließt die Quantität des Urteils in sich ein, indem es den Umfang von Gegenständen angibt, von welchen das Urteil gilt. – Sodann versteht man
metaphysisch
jetzt unter Subjekt das menschliche Ich, also ein vorstellendes erkennendes, fühlendes und handelndes Wesen im Gegensatz zum Objekt, d.h. dem Gegenstande des Erkennens, Fühlens und Handelns. Sofern das Subjekt sich selbst Gegenstand werden kann, heißt es Subjekt-Objekt. Vgl. Objekt.
subjektiv
subjektiv
heißt
im weiteren Sinne
alles dasjenige, was nur im Subjekt existiert;
im engeren Sinne
heißen so solche Gedanken und Empfindungen, welche bloß in der besonderen oder individuellen Natur des Vorstellenden und Empfindenden begründet sind, während die objektive Erkenntnis und Empfindung durch die Natur der Sache selbst bestimmt ist (vgl. Objekt). Diese Bedeutung des Wortes ist übrigens erst in neuerer Zeit (innerhalb der Wolfschen Schule) aufgekommen; im Mittelalter (seit Duns Scotus 1265-1308) nannte man dasjenige subjektiv, was der Sache, dem Vorgestellten (subjectum) zukommt, objektiv (von obiicere = vorstellig machen) hingegen die Vorstellung davon. – Unsere
Subjektivität
beweist dadurch ihre Macht, daß wir alle Dinge zunächst von dem Gesichtspunkt des eigenen Nutzens aus ansehen; niemand kann seine Subjektivität völlig verleugnen, selbst in wissenschaftlichen Fragen nicht. Nur einzuschränken vermag man ihren Einfluß durch allgemeine Gedanken, Gefühle und Interessen. Den
theoretischen
Subjektivismus vertreten die
Sophisten
(»der Mensch ist das Maß aller Dinge«), den
praktischen
die
Egoisten
(Stirner, Nietzsche). In Geschmacks- und Glaubenssachen ist die Subjektivität am Platze, nicht aber in der Wissenschaft, die nach objektiver Wahrheit strebt. Vgl.
Eucken
, Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipzig 1904, S. 11 ff.
subkonträr
subkonträr
heißt das Verhältnis zweier partikulärer Urteile, von denen das eine bejaht, das andere verneint; z.B. »einige Menschen sind gebildet« – »einige sind ungebildet«. Subkonträre Urteile können nicht beide falsch, wohl aber beide wahr sein. Man kann also nur von der Unwahrheit des einen unter zwei subkonträren Sätzen auf die Wahrheit des anderen schließen. Diese Sätze sind also nicht Gegensätze, sondern Parallelsätze. Vgl. Urteil, Schluß.
sublata re tollitur qualitas rei
sublata re tollitur qualitas rei
(d.h. mit Aufhebung der Sache wird auch die Eigenschaft aufgehoben) ist ein logischer Grundsatz, der nicht umgekehrt werden darf.
Subordination
Subordination
(lat.), Unterordnung, s. Beiordnung, Begriff, Gattung, Art.
Subreption
Subreption
(lat. subreptio = Erschleichung von subrepere = erschleichen) nennt man denjenigen Denkfehler, welcher durch sinnliche Täuschungen, durch Unaufmerksamkeit, Übereilung oder böse Absicht begangen wird. Vgl. Petitio principii, Trugschlüsse, Beweis.
Substanz
Substanz
(lat. substantia, gebr. seit Quintilianus [Inst. or. 3, 6, 8], gr.
ousia, hypostasis, to hypokeimenon
) heißt das Selbständige, das Fürsichbestehende gegenüber dem Unselbständigen, Anhaftenden (den Eigenschaften oder Akzidenzen) oder das Beharrende gegenüber dem Wechselnden (den Zuständen). Der Substanzbegriff ist einer der schwierigsten und schwankendsten Grundbegriffe des Denkens. In der
ältesten griechischen Philosophie
spielt statt seiner der Begriff der
hylê
(des Stoffes) eine wichtige Rolle. Dieser fängt an sich in der Lehre des
Herakleitos
(um 500 v. Chr.) vom Fluß der Dinge zu verflüchtigen. Durch die
Eleaten
wird dagegen der Begriff des wahrhaft Seienden zuerst unabhängig von der Erfahrung logisch und im Gegensatz zum Begriffe des nur scheinbar Seienden geformt und damit der Substanzbegriff eingeleitet.
Platon
(427 bis 347) sucht darauf das Substantielle (
ousia
) in den allgemeinen Begriffen oder Ideen in Absonderung von der Sinnenwelt.
Aristoteles
(384-322), der die Idee in dem Stoffe, das Allgemeine im Einzelnen suchte, bringt es nicht zu einer festen abschließenden Definition der Substanz. Aristoteles nennt Substanz (
ousia, to hypokeimenon
) bald das Beharrende, den Träger der wechselnden Affektionen (
symbebêkota
) (Analyt. poster. I, 21 p. 83a 24 ff.), bald das Selbständige (Metaph. VI, 3 p. 1029a 8), bald die der Materie innewohnende Form (Metaph. IV, 8 p. 1017b 25), bald das Wesentliche (Metaph. VI, 3 p. 1029a 1), bald auch das Einzelding (Kategor. 5 p. 2a 18). Er unterscheidet endlich auch drei Substanzen, die Materie, die Gestalt und das Produkt beider (Metaph. VI, 3. p. 1029a 2). Im
Mittelalter
schloß man sich in der Bestimmung des Substanzbegriffes entweder an
Platon
(Idee) oder an
Aristoteles
(Form) an.
Cartesius
(1596-1650) definierte die Substanz als ein Ding, welches zu seiner Existenz keines anderen Dinges bedarf (per substantiam nihil aliud intelligere possumus, quam rem, quae ita existit, ut nulla alia re indigeat ad existendum), und nahm zwei Arten von Substanzen an, die
unerschaffene
, die allein dem Begriffe der Substanz genau entspricht, und die
erschaffenen
Substanzen, die nur der unerschaffenen zu ihrer Existenz bedürfen. Substanz im ersten Sinne ist nur Gott, das Wesen, das zu seiner Existenz durchaus keines anderen Wesens bedarf; Substanzen im zweiten Sinne sind die ausgedehnte und denkende Substanz, die zu ihrer Existenz nur der Mitwirkung Gottes bedürfen.
Spinoza
(1632-1677), der dem Begriff der Substanz strengere Einheit geben wollte, ließ nur eine unendliche, ewige und notwendige Substanz gelten, welche in sich sei und durch sich begriffen werde, nämlich Gott. Denken und Ausdehnung galten ihm nur als Attribute Gottes.
Leibniz
(1646-1716) bestimmte das Wesen der Substanz als tätige Kraft, als Vorstellung, und nahm eine unendliche Zahl von Substanzen (Monaden) an.
Locke
(1632-1704) hat zuerst in der Neuzeit den Substanzbegriff, wie er vom Altertum und Mittelalter her überliefert war, scharf kritisiert und gezeigt, er bezeichne nichts als den gänzlich unbekannten Träger gewisser Eigenschaften.
Hume
(1711-1776) löste dann den Substanzbegriff. ebenso wie den Kausalitätsbegriff völlig auf. Durch sinnliche Eindrücke werden nur Zustände und Möglichkeiten, nicht Substanzen wahrgenommen. Ebensowenig gewinnen wir die Substanz durch innere Erfahrung. Das unbekannte Etwas, an dem die Eigenschaften haften sollen, ist nur eine Erdichtung der Einbildungskraft. Die beharrliche Gleichheit der Attribute rechtfertigt nicht die Annahme eines beharrenden Trägers derselben. Die Substanz ist nichts weiter als das Zusammensein der Eigenschaften.
Kant
(1724-1804) bestimmt den Substanzbegriff als Kategorie der Relation in Korrelation mit dem Begriff der Akzidenzen. Die Substanz ist für ihn das Beharrliche, der Träger der wechselnden Akzidenzen. J. G.
Fichte
(1762-1814) leugnet die Realität der Substanz überhaupt, indem er behauptet, sie sei nur die Totalität der Glieder eines Verhältnisses. Während
Schelling
(1775-1854) auf Spinozas pantheistischen Standpunkt bezüglich der Substanz zurückkehrt, ist für
Hegel
(1770-1831) die Substanz oder das Absolute das Subjekt, welches in Wahrheit wirklich ist.
Herbart
(1776 bis 1841) sah wieder, wie Locke, in der Inhärenz der Eigenschaften ein Problem; aber ersuchte dies Problem positiv zu lösen; die Substanz ist ihm das unbekannte Eine, dessen Setzung die verschiedenen Setzungen der Merkmale repräsentiere; sie ist das vermißte Subjekt, welches unserer Kenntnis fehlt, in der Natur aber nicht fehlen kann. So verschwindet bei näherer Betrachtung der Begriff der Sache, und der der Substanz tritt an ihre Stelle. Ähnlich wie Leibniz nimmt er dann als letzte Substanzen eine unendliche Vielheit von Realen an.
Schopenhauer
(1788-1860) sieht in der Substanz nur eine Abstraktion der Materie, die jedoch zwecklos, ja fehlerhaft sei, weil dabei die heimliche Nebenabsicht unterlaufe, durch Erschleichung (subreptio) den Begriff der Seele als einer immateriellen Substanz zu gewinnen.
Wundt
(geb. 1832) sieht in der Substanz den Begriff eines vom Subjekte unabhängigen Gegenstandes, dessen sich die Naturwissenschaft, welche die Dinge mittelbar in Abstraktion vom Subjekte betrachtet, als Hilfsbegriffs bedient.
Der Begriff Substanz hat also bisher keine allgemein anerkannte Bestimmung gefunden, sondern man versteht darunter entweder den Stoff, oder das seiende Ding, oder die Kraft, oder die Form, oder das Absolute, oder das Sein der Natur, oder das Sein des Geistes, oder man leugnet ihre Existenz ganz ab usw. Trotzdem kann das Denken des Substanzbegriffs nur schwer entbehren und faßt ihn formal entweder als das Selbständige gegenüber dem Anhaftenden, oder als das Beharrliche gegenüber dem Wechselnden, also als den festen Ausgangspunkt in aller räumlichen Zerstreuung und in allem zeitlichen Wandel des Daseins. Der Mensch anthropomorphosiert, indem er begreift, und indem er sein ihm durch Erfahrung innerlich bekanntes eigenes Ich in die Welt hineinträgt, schafft er den Substanzbegriff, ohne den er nicht im Denken vorwärts kommt (vgl. Julius Schultz, die Bilder von der Materie 1905). Durch bloße Wahrnehmung ist die Substanz nicht aufzufinden, sie ist vielmehr eine Begriffsform, durch die das Sein gedacht, nicht angeschaut wird. Ob ihr metaphysisch etwas entspricht und was ihr metaphysisch entspricht, ob ein Materielles, oder ein Geistiges, oder ein Absolutes, oder ein uns völlig Unbekanntes, oder ein Nichts, ist die Grundfrage der Metaphysik und eines der schwersten Probleme (vgl. Metaphysik). Die Anhänger der
Aktualitätstheorie
glauben ohne die Substanz auskommen zu können. Vgl. Actualität.
Substrat
Substrat
(v. lat. substernere = unterbreiten gr.
to hypokeimenon
), eigtl. Unterlage, Träger, heißt die Substanz in bezug auf ihre Akzidenzen.
Subsumption
Subsumption
(nlt. v. lat. sub = unter und sumere = nehmen), Unterordnung, nennt man die Beziehung des Artbegriffs auf den Gattungsbegriff;
subsumieren
heißt etwas unterordnen, einbegreifen. Vgl. Begriff, Urteil, Schluß.
Sucht
Sucht
heißt die beharrliche, leidenschaftliche und daher unvernünftige Begierde, mag ihr Gegenstand gut oder schlecht sein. Vgl. Leidenschaft, Hang, Neigung, Habsucht.
Sünde
Sünde
(eigtl. ahd. sunta, suntea = Verneinung, Verweigerung) heißt jede unsittliche Handlung, insofern man sie als Übertretung eines göttlichen Gebotes ansieht, mag sie in Gedanken, Worten oder Werken, Mienen oder Gebärden, Taten oder Unterlassungen bestehen. Sünde ist mithin dasselbe wie Unsittlichkeit, nur daß man dabei an Gott als den Urheber und Hüter des Sittengesetzes denkt. Man unterscheidet vorsätzliche und unvorsätzliche, wissentliche und unwissentliche, erbliche und erworbene, allgemeine und besondere, positive und negative Sünden (Begehung und Unterlassung), ferner Sünden aus Unwissenheit, Übereilung, Nachlässigkeit, Schwachheit, Vorsatz und Bosheit. Vgl. Schuld, böse, Unsittlichkeit. J.
Müller
, d. christl. Lehre v. d. Sünde. 5. Ausg. 1867.
Martensen
, Ethik. 1880.
Sufismus
Sufismus
(v. Sûfi = Wollbekleidete) heißt die von Abu-Said ihn Abil-cheir (um 820 n. Chr.) abgeleitete arabische Mystik, nach welcher der Mensch eine Emanation Gottes ist und wieder zu ihm zurückstrebt. Es gibt drei Stufen dieser Mystik, die der
Methode
, auf der der Moslem die vorgeschriebenen Gebete und Waschungen nur äußerlich vollbringt, die der
Erkenntnis
, auf der er sich dem Studium des Korans und der Spekulation hingibt, und die der
Gewißheit
, auf der er sich eins mit Gott und erhaben über alle Askese weiß. Die berühmten Dichter Dschelaleddin Rumi, Hafis und Saadi waren Sufisten. Vgl.
Kremer
, Gesch. d. herrschenden Ideen des Islam. Lpz. 1868. Krehl, Omar ben Suleimâns Erfreuung der Geister. Leipzig 1848.
Suggestion
Suggestion
(lat. suggestio), Eingebung, heißt die Beeinflussung, die der eine Mensch auf den anderen durch Worte, Mienen, Blicke, Gesten und Winke ausübt. Auch die Macht der Sitte, der Mode, des Beispiels beruht auf Suggestion. – Im engeren Sinne heißt so die Eingebung von gefühlsstarken Vorstellungen, Empfindungen, Motiven und Handlungen an Hypnotisierte.
Fremdsuggestion
ist die von außen kommende,
Autosuggestion
die von dem Hypnotisierten selbst ausgehende Suggestion; bezieht sie sich auf Handlungen, welche nach dem Erwachen auszuführen sind, so heißt die Suggestion
posthypnotisch
. Vgl.
Bernheim
, die Suggestion. 2. Aufl. Wien 1889.
Mentalsuggestion
oder Gedankenlesen ist die Übertragung von Gedanken ohne körperliche Berührung. Vgl.
Wundt
, Grundr. d. Psychol. § 18, 8 S. 336.
Summum ius, summa iniuria
Summum ius, summa iniuria
, das höchste Recht ist das höchste Unrecht, ist ein alter Satz, nach welchem der, welcher nur nach dem Buchstaben urteilt oder sein Recht durch schlaue Interpretation (callida iuris interpretatione) strengstens wahrt, unrecht tut, übervorteilt oder lieblos handelt. (Vgl. Cicero, de offic. I, 10, 33.) Beispiele dafür sind Shakespeares Shylock, Sophokles' Kreon in der Antigone, der Spartanerkönig Kleomenes.
Supernaturalismus
Supernaturalismus
oder Supranaturalismus ist der Glaube an Übernatürliches. Derselbe ist Gegensatz teils zum Naturalismus, teils zum Rationalismus.
Superstition
Superstition
(lat. superstitio; gr.
deisidaimonia
) heißt Aberglaube (s. d. W.).
Supposition
Supposition
(lat. suppositio) heißt Voraussetzung.
Sustine et abstine
Sustine et abstine
, s.
abstine et sustine
.
Syllogismus
Syllogismus
(gr.
syllogismos
v.
syllogizesthai
) heißt der Schluß vom Allgemeinen auf das Besondere (s. Schluß).
Syllogistik
ist die Lehre von solchen Schlüssen; das
syllogistische Verfahren
oder
die Deduktion
(s. d.) steht der
Induktion
(d. d.) gegenüber.
Sympathie
Sympathie
(gr.
sympatheia
), eigtl. Mitempfindung, heißt die Mitfreude und das Mitleid; vgl. d. W. und Mitgefühl, Reflexbewegung;
sympathetisch
heißt mitfühlend,
sympatisch
angenehm.
Sympathisieren
heißt mitempfinden.
Synderesis
Synderesis
oder Synteresis (gr.
syntêrêsis
= Bewahrung) nannten die Scholastiker das Gewissen und definierten es als den Lichtfunken der praktischen Vernunft (scintilla conscientiae), den der aus dem Paradiese vertriebene Adam
bewahrt
hat, als eine Potenz, als einen Habitus.
Synechologie
Synechologie
(v. gr.
synechein
) heißt die Lehre vom Zusammenhängenden, Stetigen.
Herbart
(1776-1841)nennt so den zweiten Teil seiner Metaphysik, die Lehre von Raum und Zeit, welche die Grundzüge seiner Philosophie der Mathematik und die Voraussetzungen der Naturwissenschaften enthält.
Synergismus
Synergismus
(nlt. v. gr.
synergos
= mitarbeitend), Mitwirkungslehre, heißt die Lehre, nach der der Mensch zu seiner Erlösung mitwirkt.
Pelagius
(Anf. d. 5. Jh. n. Chr.) behauptete dies gegen Augustinus (353-430),
Melanchthon
1535 gegen Luther. Im Jahre 1558 entbrannte deshalb durch die gegen ihn von Amsdorff und Flacius gerichteten Angriffe der
synergistische Streit
.
Synkatathese
Synkatathese
(gr.
synkatathesis
) heißt der Beifall, den man einer fremden Meinung gibt.
Synkretismus
Synkretismus
(gr.
synkrêtismos
v.
synkrêtizein
= sich zusammenkretern, sich vereinigen) bedeutet
eigentlich
Vereinigung zweier streitenden Parteien gegen einen dritten (Plutarchos, de fraterno amore Cp. 19 [490 B] bezeichnet es als löbliche
Sitte der Kreter
, beim Angriff fremder Völker alle Fehden untereinander aufzugeben und sich gegen den äußeren Feind als das eine Kretervolk zu vereinigen). Synkretismus nennt man
in weiterer Bedeutung
die unmethodische und kritiklose Vermischung verschiedener philosophischer Systeme ohne Durchdringung und Ausgleichung ihrer Prinzipien. Mit den Eklektikern (s. d.) haben die Synkretisten gemein, daß sie sich nicht an ein bestimmtes System halten, sondern das, was ihnen wahr scheint, aus vielen Systemen auswählen; doch unterscheiden sie sich andrerseits dadurch von ihnen, daß sie auch solche Sätze und Gedankenreihen, welche sich bei näherer Prüfung widersprechen, aufnehmen. Sie beruhigen sich bei diesem inkonsequenten und prinziplosen Verfahren durch den Gedanken, daß ja doch aller Streit der Systeme auf Logomachie (s. d.) hinauslaufe. Dieser Richtung huldigten im Altertum
Philon
und die
Neuplatoniker
, in der Renaissancezeit
Mirandola
und
Bessarion
, in der Neuzeit
Ancillon
(1767-1837) und
Jouffroy
(1796-1842).
Synopsis
Synopsis
(gr.
synopsis
) heißt die Tätigkeit des Sinnes, insofern in der sinnlichen Anschauung ein Mannigfaltiges enthalten ist (Kant, Kr. d. r. V., S. 94).
Synthesis
Synthesis
(gr.
synthesis
) oder Synthese, eigentlich Zusammenstellung, Verknüpfung, Verbindung, ist das Gegenteil von
Analysis
(s. d.). Die Synthesis besteht in der unwillkürlichen oder willkürlichen Verknüpfung, die bei der Auffassung und Verarbeitung der sinnlichen Erscheinungen und unserer eigenen Seelenvorgänge stattfindet, wenn wir die Empfindungen zur Einheit der Anschauung und die Mannigfaltigkeit der einzelnen Merkmale zur Einheit des Begriffs verbinden. Darum hat Kant das Ich die transscendentale
synthetische Einheit
der Apperzeption (s. d.) genannt; denn in ihm verschmelzen sich alle Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle und Bestrebungen des einzelnen Menschen zur Bewußtseinseinheit. Das Maß der Aktivität bei den einzelnen Synthesen (ob Assoziation oder Apperzeption) zu bestimmen, ist Aufgabe der Psychologie. Eine Synthesis findet bei der Wahrnehmung, bei der Reproduktion, bei der Betätigung des Gedächtnisses und der Phantasie statt. Am meisten entwickelt sie sich aber beim wissenschaftlichen Denken, d.h. bei der Bildung von Begriffen, Urteilen und Schlüssen. – Eine synthetische
Erklärung
ist dann möglich, wenn die Merkmale vor dem Begriffe, zu welchem sie verknüpft werden, bekannt sind und die Art ihrer Verknüpfung unzweifelhaft ist. Hier wird also der Begriff durch das zusammenfassende, konstruktive Denken (z.B. in der Mathematik) erst geschaffen, während die fertig und verbunden gegebenen empirischen Begriffe nur der analytischen Verdeutlichung, d.h. der Zerlegung in ihre Merkmale, unterliegen. – Ein
Urteil
heißt synthetisch, wenn sein Prädikat nicht schon, wie beim analytischen, im Subjekt liegt. So ist (nach Kant) z.B. ein analytisches Urteil: »Alle Körper sind schwer«, ein synthetisches: »Jede Veränderung hat eine Ursache.« Analytische Urteile erläutern, synthetische erweitern unsere Erkenntnis. Hängt das synthetische Urteil von der Erfahrung ab, so ist es ein synthetisches a
posteriori
; geht es aus der Vernunft hervor, so ist es ein synthetisches a
priori
. Kant knüpft seine gesamte Vernunftkritik an die Frage an: »Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?« – Die synthetische
Schlußreihe
entwickelt, von Prinzipien fortschreitend, Folgerungen, während die analytische rückwärts von den Folgerungen zu den letzten Gründen emporsteigt. Jenes nennt man auch die synthetische (progressive), dieses die analytische (regressive)
Methode
(s. d.). Jene geht vom Prinzip aus, diese vom Einzelfall; jene empfiehlt sich mehr bei einfacheren, diese bei komplizierteren Phänomenen; jene wird besonders von der Mathematik und der spekulativen Philosophie, diese von der Naturwissenschaft angewandt.
Eine besondere Bedeutung hat die Synthesis noch innerhalb der Methode bei den
absoluten Idealisten
(Fichte u. Hegel): Hier ist Synthesis die Vermittlung des Gegensatzes von Thesis und Antithesis, durch welche sich das Denken zu höheren Begriffen fortentwickelt.
Synthetismus
Synthetismus
heißt diejenige Philosophie, welche Sein und Wissen, Reales und Ideales als ein ursprünglich Gesetztes und miteinander Verbundenes betrachtet und keins von beiden aus dem anderen ableiten will, weil beides zu trennen wegen der Einheit unseres geistleiblichen Wesens unmöglich sei. Dieser Standpunkt steht mithin sowohl dem Realismus, welcher alles Ideale aus dem Realen, als auch dem Idealismus, der alles Reale aus dem Idealen ableitet, gegenüber. Zu den Synthetisten gehören die Identitätsphilosophen, und auch die Philosophie v. Hartmanns und Krugs ist Synthetismus. Vgl. Identitätsphilosophie.
System
System
(gr.
systêma
) heißt die geordnete Verknüpfung zusammengehöriger Dinge zu einem relativ in sich abgeschlossenen Ganzen. Die Möglichkeit solcher Verknüpfung beruht darauf, daß allem Einzelnen eines Gebietes gewisse Übereinstimmungen, Prinzipien (s. d.) oder Regeln zugrunde liegen. So spricht man vom Planeten-, Pflanzen-, Nervensystem usw. Besonders ist jede reife Wissenschaft ein Ganzes von Erkenntnissen in Form des Systems. Wissenschaftliche Lehren und Systeme verhalten sich wie Inhalt und Form. Dabei ist die Form keineswegs etwas Gleichgültiges oder nur didaktisch Wertvolles, sondern das feste Gerüst für die Wissenschaft, ohne welche diese nicht bestehen kann. Das wissenschaftliche System repräsentiert die objektive Wirklichkeit, ihre Gliederung in seiner Gliederung widerspiegelnd.
Systematik
ist überall da, wo ein Mannigfaltiges verwandter Gestaltungen oder Betätigungen bewußt auf die Einheit eines Begriffes bezogen wird. Das systematische Verfahren (die Methode!) steht mithin im Gegensatz zum fragmentarischen, rhapsodischen und willkürlichen. Die niedrigste Form des Systems ist die
Klassifikation
(s. d.), die sich nur nach der logischen Über- und Unterordnung richtet. Höher steht die Systematik
nach Grund und Folge
; denn sie leitet das Mannigfaltige aus Prinzipien ab und begründet es so. Das Wesen des Systems besteht übrigens nicht darin, daß alle Lehrsätze aus
einem
Prinzip, sondern daß sie überhaupt aus Prinzipien abgeleitet werden. Alle Glieder müssen in logischem Zusammenhange miteinander stehen, so daß man von einem zum ändern mit Notwendigkeit fortgetrieben wird. Es widerspricht auch nicht dem Wesen der Wahrheit oder der Wahrheitsforschung, daß in derselben Wissenschaft verschiedene Systeme der Reihe nach aufgestellt werden. – Die Systeme sind entweder künstliche oder natürliche. Ein
künstliches
System ist die Anordnung eines wissenschaftlichen Gebiets nach mehr oder minder willkürlich herausgegriffenen Unterschieden äußerer Merkmale, wobei nicht sowohl der natürliche Zusammenhang der Einteilungsglieder als vielmehr der
logische
Aufbau der Einteilung nach den vom Menschen gewählten Einteilungsprinzipien die Hauptsache ist. Ein künstliches System kann daher scharfe Grenzen ziehen, ist aber nicht mehr verwendbar sobald das Einteilungsprinzip durch Beibringung neuer Tatsachen eine Abänderung oder Entwertung erfährt (z.B. Linnésches System). Ein
natürliches
System ist dagegen eine Anordnung eines wissenschaftlichen Gebietes, die nicht Einzelheiten herausgreift, sondern sich auf sorgfältige Untersuchung und Berücksichtigung aller von der Natur
gegebenen Verhältnisse
des Zusammenhangs gründet, soweit sie nach dem jeweiligen Stand des Wissens bekannt sind. Ein solches System schafft nur selten so scharfe Grenzen wie ein künstliches. Dafür kann es sich aber den Fortschritten der Wissenschaft viel leichter anpassen und Verbesserungen erleiden, ohne daß doch sein Bestand gefährdet ist. –
Systematisch
heißt eine Erkenntnis, die durch Grundsätze gestützt, klar und vollständig ist. Systematisch heißt der
Beweis
, welcher auf Grundsätze zurückgeht und mit ihnen folgerichtig in Zusammenhang steht. Die Systematik oder Methodenlehre ist ein Teil der Logik.
System des physischen Einflusses
System des physischen Einflusses
(systema influxus physici) heißt die Annahme, daß gewisse Vorstellungen der Seele eine unmittelbare und notwendige Wirkung der Gehirnfibern und gewisse Bewegungen des Körpers eine gleiche Folge der Vorstellungen der Seele seien, daß also eine unmittelbare Wechselwirkung der Seele auf den Körper und des Körpers auf die Seele stattfinde. Die Ansicht bekämpfte in der neueren Philosophie zuerst der Cartesianismus (s. d). Vgl. Influxus physicus.
Système de la Nature
Système de la Nature
ist das 1770 erschienene, Holbach (1723-1789) zugeschriebene Evangelium des Materialismus (s. d.).
System der gelegentlichen Ursachen
System der gelegentlichen Ursachen
, s. Occasionalismus.
System der vorherbestimmten Harmonie
System der vorherbestimmten Harmonie
, s. Harmonie, Prästabilismus.
T
T
ist eine Abkürzung für
terminus
(lat. eigtl. = Grenze), d.h. für einen Begriff in einem Schlüsse; man unterscheidet den t. maior, den Oberbegriff, den t. medius, den Mittelbegriff und den t. minor, den Unterbegriff. Vgl. Oberbegriff, Mittelbegriff, Unterbegriff.
tabula rasa
tabula rasa
(lat.), unbeschriebene Tafel, nannten du
Stoiker
und später die
Empiristen
und
Sensualisten
die Seele, wie sie bei der Geburt des Menschen ist. Sie verglichen sie also einer unbeschriebenen Schreibtafel, weil sie noch leer von Vorstellungen ist, und erst in der Entwicklung des Lebens sich mit den Vorstellungen erfüllt. Plut. placit. phil. 4, 11 berichtet:
Hoi de Stôikoi phasin: hotan gennêthê ho anthrôpos, echei to hêgemonikon meros tês psychês, hôsper chartês, energôn eis apographên. Eis touto mian hekastên tôn ennoiôn enapographetai
.
Locke
(1632-1704) sagt: Wir wollen – annehmen, die Seele sei, wie man sagt, ein weißes unbeschriebenes Blatt Papier (white paper) ohne irgend welche Vorstellungen. (Essay concerning human Understanding II, 1 § 2.) Vgl. Empirie, Erkenntnis, Rationalismus.
Takt
Takt
(lat. tactus, v. tangere = berühren), eigtl. Berührung, heißt 1. das
Tastgefühl
(vgl. Sinn), 2. das
Gleichmaß
aufeinanderfolgender Zeitteile, welches angenehm auf das Gehör wirkt, 3. das
feine Gefühl
für das Angemessene, Schickliche. Dieser Takt, welcher zum Teil angeboren, zum Teil anerzogen ist, leitet den Menschen instinktiv dahin, daß er das Richtige in allen Lebenslagen trifft. Überall beruht er auf dem lebendigen Bewußtsein unserer Schranke, der Grenze, die uns durch die Verhältnisse gezogen ist. Ein taktvoller Mensch weiß genau, wie weit er im einzelnen Fälle gehen darf, ein taktloser niemals. Zunächst hat sich der Takt zu bewähren im Verkehr mit den Menschen, mögen sie uns gleich, über oder unter uns gestellt sein. Der Takt lehrt uns jeden als Persönlichkeit achten, so daß wir uns ihm nicht aufdrängen, uns nicht in seine Geheimnisse mischen; gegen Höherstehende soll uns der Respekt, gegen Tieferstehende unser Standesbewußtsein im Pflichtverkehr zurückhaltend machen. Ferner zeigt sich der Takt in der Art, wie man jemand lobt und tadelt, bittet und beschenkt; gerade hier ist die Form überaus wichtig. Auch die Erziehung fordert großen Takt; denn meist kommt alles darauf an, wie man den Zögling ermahnt, tadelt und straft, wie man ihn zur Selbsterkenntnis und Selbständigkeit anleitet. Daher spricht man von einem
pädagogischen
Takte. Der Takt ist nur da möglich, wo der Mensch in einem gewissen Vorstellungskreise zu Hause ist, so daß sich die richtigen Überlegungen schnell machen können; das so oder so geartete Reden oder Handeln muß ihm zur Gewohnheit geworden sein. Aber auch der feinste Takt steht doch nicht so hoch wie Menschenliebe, und der Höchstgestellte darf nie vergessen, daß auch der Niedrigste sein Mitmensch ist. Der Takt scheidet, aber die Liebe verbindet. So dachte
Goethe
, der auf seiner Harzreise 1777 schreibt: »Wie sehr ich wieder auf diesem dunkeln Zug Liebe zu der Klasse von Menschen gekriegt habe, die man die niedere nennt, die aber gewiß für Gott die höchste ist.« Vgl.
Lazarus
, Leben d. Seele II, S. 261f.
Wundt
, Vorles. über die Menschen- und Tierseele II, 206 f.
Talent
Talent
ist nach
Kant
(1724-1804) diejenige Vorzüglichkeit des Erkenntnisvermögens, welche nicht von der Unterweisung, sondern der natürlichen Anlage des Subjekts abhängt. Die Grundlagen des Talentes sind der produktive Witz, die Sagazität und die Originalität (Anthrop. § 51). Vgl. Genie, Anlage, Reproduktion.
Talion
Talion
(lat. talio v. talis) heißt die Vergeltung, der Ausgleich zwischen Tun und Leiden, Empfangen und Geben, Schuld und Strafe. Ius talionis heißt das Recht der Vergeltung mit dem Nebengedanken an die identische Zurückgabe des empfangenen Übels nach dem Satze: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Exod. 21, 24. Matth. 5, 38. Siehe Vergeltung.
tapfer
tapfer
heißt derjenige, welcher unvermeidlichen Übeln, Schwierigkeiten und Gefahren entschlossen und mutig entgegengeht. Die Tapferkeit, welche
Platon
(427-347) zu den Kardinaltugenden rechnet und als Tugend des mutigen Teils der Seele bestimmt, beruht also auf der Stärke des Wollens. Es gibt eine
physische
und eine
moralische
Tapferkeit. Jene ist die Haupttugend des Kriegers, diese ist jedem Menschen notwendig. Jeder Schritt zum Wohlstand und Glück, zur Erkenntnis und Besserung stößt auf Schwierigkeiten; ohne Tapferkeit sind Entdecker, Patrioten, Reformatoren undenkbar. Zahllos ist die Schar der Geister, die für Wahrheit und Recht tapfer gekämpft haben: z.B. Sokrates, Huß, Luther, G. Bruno, Galilei, Spinoza und viele andere! Auch Frauen habe solche Tapferkeit bewiesen, z.B. Perpetua und Felicitas, Jeanne d'Arc, Katharina Douglas, E. Prochaska. Aber nicht bloß in den großen geschichtlichen Kämpfen kann sich die Tapferkeit beweisen, sondern auch im täglichen Kampf ums Dasein, in der Überwindung der tausend kleinen Aufgaben und Übel, die überall das Leben mit sich bringt.
Tat oder Handlung
Tat oder Handlung
ist ein Vorgang in der Außenwelt, welcher von einem sittlich vernünftigen Wesen ausgeht. Der Kausalzusammenhang zwischen der Tat und dem Ich des Täters wird durch die Vermittlung des Wollens hergestellt.
Tätigkeit
bezeichnet jede Art von Wirksamkeit, die von Menschen ihren Ausgang nimmt.
Tatsache
Tatsache
(res facti) heißt alles Vorhandene oder Geschehende, das durch äußere oder innere Wahrnehmungen erfaßt wird. Tatsachen können nur anerkannt oder verworfen werden; dem Streit unterliegen sie selbst nicht; nur darüber kann Zweifel entstehen, ob sie geschehen seien oder nicht. Daher der Satz: Tatsachen beweisen (facta loquuntur). Bewußte Auffassung von Tatsachen heißt Empirie (Erfahrung) Der Empirismus erkennt nichts an, was sich nicht mit Tatsachen belegen läßt. Die Erfahrung ist entweder eigene (Autopsie) oder fremde (Zeugnis). Auf fremder Erfahrung beruht der sogen. Zeugenbeweis, auf welchen sich alles historische Wissen zu stützen hat. Vgl. Kritik, Prinzip, Empirie.
Tat tvam asi
Tat tvam asi
(sanskr. [...] = das bist du) ist ein Satz der Brahmalehre, der den Gedanken von der Subjektivität der Außenwelt ausdrückt.
Schopenhauer
(1788-1860) sieht ihn für den Ausdruck des Kantischen Phänomenalismus an und zitiert ihn oft in »Welt als Wille und Vorstellung«.
Teil
Teil
ist dasjenige, was mit anderem zusammen ein Ganzes bildet. Die Teile können entweder gleichartig (homogen) oder ungleichartig (heterogen) sein; jene sind nur nach ihrer Größe (quantitativ), diese auch nach ihren Merkmalen (qualitativ) verschieden. Jene heißen Aggregats-, diese Elementarteile. Über die sogenannten Teile der Seele vgl. Seelenvermögen. Vgl. Zahl.
Teilbarkeit
Teilbarkeit
nennt man die allgemeine Eigenschaft der Körper, sich in Teile zerlegen zu lassen. Man unterscheidet
mathematische
und
physische
Teilbarkeit. Jene kann ins Unendliche fortgesetzt werden, da sie nur in Gedanken vorgenommen wird; die physische dagegen hat in Wirklichkeit ihre Grenze. Die Atomisten behaupten, fortgesetzte Teilung führe schließlich auf kleinste Teilchen (Atome, Korpuskeln, Elektrone, s. d.), die zwar nicht bloß Raumpunkte seien, sondern noch gegebene und miteinander vergleichbare Massen hätten, zu deren fernerer Teilung aber keine Kräfte vorhanden seien. Die Atome usw. sind aber nicht Grundbestandteile der wirklichen Welt, sondern nur Hilfsbegriffe der physikalischen und chemischen Forschung. Vgl. Stetigkeit.
Teilnahme
Teilnahme
, s. Mitgefühl, Mitleid.
Teleologie
Teleologie
(franz. téléologie v. gr.
teleios
= zweckmäßig und
logos
= Lehre) heißt die Lehre von der Zweckmäßigkeit der Dinge. Von Zweckmäßigkeit redet man da, wo man Zwecke erstrebt und verwirklicht sieht. Eine jede Zweckreihe umfaßt aber drei Glieder: 1. eine von irgendeiner Intelligenz vorgestellte und begehrte Wirkung einer Ursache, 2. eine tatsächlich in Aktion tretende Ursache, die, weil sie nicht den Anfang bildet, sondern in der Mitte zwischen zwei anderen steht, Mittel heißt, und 3. eine tatsächlich eintretende Wirkung dieser Ursache. Nur da kann also von Zweckmäßigkeit geredet werden, wo erstens eine Intelligenz und eine Idee dieser Intelligenz, zweitens eine Ursache und drittens eine Wirkung nachweisbar ist. Auf dem ethischen Gebiete des menschlichen Handelns sind alle diese Bedingungen erfüllt, und wir gewinnen den Begriff der Zweckmäßigkeit zuerst auf diesem Gebiete. Aber wir versuchen diesen Begriff auch auf die Natur zu übertragen und ihn sowohl für die Erfassung des Einzelnen in der Natur, namentlich innerhalb der Welt der Organismen, als auch für das Weltall als Ganzes zu verwerten. An die unleugbare Zweckerkenntnis beim menschlichen Handeln knüpft sich also der Gedanke einer zweckmäßigen Einrichtung der Natur im Großen und Kleinen, im Einzelnen und Ganzen, und einer Übereinstimmung der physischen und moralischen Welt, welche ohne eine alles beherrschende Intelligenz nicht möglich wäre. Hierin besteht die Teleologie, die sich also entweder zu der Lehre von der inneren Zweckmäßigkeit der einzelnen natürlichen Wesen, vor allem der Organismen, oder zu der Lehre von einem letzten Endzweck der Natur gestaltet und ihren Abschluß entweder in der
Physikotheologie
, dem Versuch, aus Zwecken der Natur auf die oberste Ursache der Natur zu schließen, oder in der
Ethikotheologie
(Moraltheologie), dem Versuch, aus den moralischen Zwecken vernünftiger Wesen in der Natur auf die letzte Ursache der Natur und ihrer Eigenschaften zu schließen, findet. (Vgl. Kant, Kr. d. U. § 85, S. 395.) Der Teleologie entgegengesetzt ist der Mechanismus, der in der Natur nur das Verhältnis von Ursache und Wirkung sucht. Der Mechanismus lehrt: »Alle Erzeugung materieller Dinge und ihrer Formen maß als nach bloß mechanischen Gesetzen möglich beurteilt werden.« Die Teleologie lehrt: »Einige Produkte der materiellen Natur können nicht als nach bloß mechanischen Gesetzen möglich beurteilt werden (ihre Beurteilung erfordert ein ganz anders Gesetz der Kausalität, nämlich das der Endursachen).« (Kant, Kr. d. U. § 70, S. 310.)
Die teleologische Betrachtung der Dinge ist alt. Der Gegensatz der mechanistischen und der teleologischen Naturbetrachtung ist im Altertum durch die Systeme des
Demokritos
(um 460-360) und des
Aristoteles
(384-322) gegeben. Von Aristoteles ist die teleologische Weltauffassung auf die Kirchenväter und Scholastiker übergegangen, und dem Christentum des Mittelalters gilt die Welt als ein lebendiges Ganzes, in das sich alles Einzelne als Glied zweckmäßig einfügt. Die Renaissance stürzt diese Idee und macht der mechanistischen Weltauffassung wieder Platz. Aber
Descartes
(1596-1650) läßt zwar den Mechanismus innerhalb der Naturwissenschaft gelten, verwirft ihn jedoch als metaphysische Lehre. Auch
Berkeley
(1685-1753) erhebt Einwendungen gegen den Mechanismus, und
Leibniz
(1646-1716) ordnet die gesamte Natur mit ihrem Mechanismus als eine inadäquate Auffassung der Dinge einer begrifflich erkannten geistigen Welt von Seelenmonaden unter.
Kant
(1724-1804) erklärte den Zweckbegriff für ein Prinzip der Urteilskraft, sah aber in der teleologischen Naturbetrachtung nur ein regulatives, nicht ein konstitutives Prinzip der Forschung und bestritt auch die Berechtigung des teleologischen Gottesbeweises, stellte aber neben die Physikotheologie die Ethikotheologie.
Schelling
(1775 bis 1854) und
Ulrici
(1806-1884) haben die Teleologie von neuem aufgenommen, und
Lotze
(1817-1881) schließt sie wiederum von der Naturbetrachtung aus, läßt sie aber für die Metaphysik zu. So ist die Stellungnahme der Philosophie zur Teleologie eine verschiedene. Der Realismus lehnt sie im allgemeinen ab; der Pantheismus schwankt in seiner Haltung. Der Idealismus steht meist auf dem Standpunkt der Teleologie. Er kann sie kaum neben der kausalen Auffassung der Dinge ganz entbehren. Wenn neben vielem Zweckmäßigen sich auch Unzweckmäßiges in der Natur darbietet und vieles, was man zunächst nur aus Zwecken erklären zu können meinte, später mechanistisch erklärt worden ist, so ist es doch unzweifelhaft das Wesen unserer Vernunft, nach Zwecken zu handeln. So wenig wir nun wissen, ob es eine objektive Zweckmäßigkeit in der Natur gebe, so wenig läßt sich auch ihre Nichtexistenz nachweisen. Die Welt der Organismen aber und besonders der Menschen begreift sich leichter bei Zweckbetrachtung. So verschmäht der Idealismus, der die Welt als geistig ansieht, meist das Prinzip der Teleologie nicht. Die Philosophie im allgemeinen wird sich begnügen müssen, die Welt der Zwecke innerhalb des Menschentums anzuerkennen. Aber der
Idealist
wird geneigt sein, indem er die Welt von seinem eigenen geistigen Inneren aus erfaßt, auch in der Zweckmäßigkeit der Natur mindestens mit Kant ein regulatives Prinzip der Forschung, wenn nicht eine konstitutive Hypothese der Naturwissenschaft zu sehen. (Vgl. Zweck.) Vgl.
Trendelenburg
, Log. Untersuch. II, 1. E. v.
Hartmann
, Philos. des Unbewußten 3. Aufl. S. 51 f.
Ulrici
, Gott u. d. Mensch. 2. Aufl. 1866 S. 165.
Kirchner
, der Zweck des Daseins 1882.
Fiske
, Bestimmung des Menschen, a. d. Engl. V. F. Kirchner. Lpz. 1890.
Eucken
, Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipzig 1904, S. 123-150.
Telepathie
Telepathie
(v. gr.
têle
= in die Ferne und
pathos
= Leiden), eigentlich Fernfühlung, heißt die angebliche Fähigkeit, räumlich und zeitlich entfernte Vorgänge wahrzunehmen.
Swedenborg
(1688-1772) z.B. wollte den Brand des Schlosses zu Stockholm 1759, viele Meilen davon entfernt, gesehen haben. Vgl. I.
Kant
, Träume eines Geistersehers. Königsberg 1766. Vgl. Gedankenlesen, Spiritismus.
Temperament
Temperament
(lat. temperamentum = das rechte Maßhalten, von temperare = mäßigen) heißt die bleibende Art oder Disposition des menschlichen Gemüts, Eindrücke der Außenwelt zu erfassen, zu. verarbeiten und zu erwidern. Man zählt gewöhnlich vier Temperamente auf, das
sanguinische, cholerische, phlegmatische
und
melancholische
. Die ältere Psychologie nannte Temperament die Gemütsart des Menschen, sofern sie durch
körperliche Konstitution und Komplexion
bedingt ist. Temperament war für sie also der im
Leibe
befindliche beharrliche Grund des verschiedenen Grades des Auftretens und der Schnelligkeit der Seelenzustände. Ansätze zur Temperamentslehre, welche
Lotze
(1817-1881) als ein interessantes Zeugnis von Verknüpfung guter Beobachtung mit unhaltbaren Theorien bezeichnet, finden sich schon bei
Empedokles
(um 490-430), der für jedes Glied des Körpers eine besondere Mischung der Elementarteilchen annimmt.
Platon
(427-347) leitet die verschiedenen Arten des Fiebers von der unregelmäßigen Verteilung und Beschaffenheit der Galle ab (Tim. 86). Der Arzt
Hippokrates
(460-377 v. Chr.) legte der Temperamentslehre vier Hauptsäfte des Leibes zugrunde, worin ihm Galenus (131 bis 200 n. Chr.) beistimmte. Hiernach sollte die gelbe Galle dem Feuer (warm und trocken) entsprechen, die schwarze der Erde (kalt und trocken), der Schleim dem Wasser (kalt und feucht) und das Blut der Luft (warm und feucht), so daß sich aus dem Überwiegen des einen dieser Säfte oder der Mischung von je zweien von ihnen acht Temperamente oder eigentlich Intemperamente (
dyskrasiai
) ergaben, denen als neuntes das ideale Temperament (
eukraton
) mit möglichst wenig gelber Galle und sehr vielem Blut gegenübergestellt wurde. Auch bei den Arabern des Mittelalters findet sich dieselbe Einteilung, doch noch um neun Temperamente vermehrt, die sie vom Einfluß der Planeten ableiten.
Paracelsus
(1493-1641) setzte an die Stelle der Säfte die drei Prinzipiale Salz, Schwefel und Merkur.
Haller
(1708-1777) leitete die Temperamente aus der Stärke, Reizbarkeit und Empfindlichkeit der Nervenfibern ab.
Platner
(1744-1818) ging bei der Erklärung der Temperamente von der quantitativen und qualitativen Verschiedenheit der geistigen und tierischen Natur im Menschen aus und stellte zunächst vier Temperamente auf: 1. das
attische
Temperament, das mehr Geistigkeit als Tierheit besitzt, 2. das
lydische
, das mehr Tierheit als Geistigkeit enthält, 3. das
phrygische
, die Kraftlosigkeit der geistigen und tierischen Natur, 4. das
römische
, die kraftvolle Geistigkeit und Tierheit im Menschen. Dazu zählt Platner noch acht andere Temperamente auf: a) das
ätherische
, den Hang zu einer Art des Vergnügens, welches bei einer geringen Teilnehmung der Seele und des Körpers Lebhaftigkeit erweckt und zugleich durch Feinheit beschäftigt; b) das
böotische
, den Hang zu einer Art des Vergnügens, welches bei geringer Teilnehmung der Seele eine starke und grobe Tätigkeit erweckt; c) das
feurige
Temperament, den Hang zu einer Art des Vergnügens, welches bei geringer Teilnehmung der Seele und des Körpers eine starke und zugleich lebhafte Tätigkeit erweckt; d) das
hektische
, welches auf gleich schwacher Tätigkeit des Leibes und der Seele beruht und die Unruhe in beiden zu lindern sucht; e) das
männliche
Temperament, welches bei gleicher Teilnehmung beider Organe starke, aber nicht lebhafte Tätigkeit anwendet; f) das
melancholische
, welches der Hang zu demjenigen Vergnügen ist, das bei geringer Teilnehmung des Körpers mehr still entzückt als ergötzt; g) das
phlegmatische
, welches Abwesenheit aller Anstrengungen und Behaglichkeit sucht; h) das
sanguinische
, das bei weniger Teilnehmung beider Organe eine lebhafte, jedoch nicht angestrengte Tätigkeit will. (Vgl. Aphorismen II, §§ 825-866.) –
Heinroth
(1773-1843) leitet die Temperamente aus dem Überwiegen einzelner Systeme im Körper ab, des lymphatischen (phlegmatisch), des venös-bilösen (melancholisch) und des arteriellen (sanguinisch).
Kant
(1724-1804) stellte den Temperamenten des Gefühls die der Tätigkeit gegenüber, da jedes mit Erregbarkeit der Lebenskraft (intensio) oder mit Abspannung (remissio) verbunden sein kann. Jene seien das sanguinische und melancholische, diese das cholerische und phlegmatische.
Herbart
(1776-1841) sah dieselben als die physiologisch zu erklärenden Dispositionen in Ansehung der Gefühle und Affekte an, wünschte aber, man hätte gar kein Temperament. C. G.
Carus
(1789-1869) fügte den vier bekannten Temperamenten, die sich auf das Verhältnis von Fühlen und Wollen gründen, noch zwei des Erkennens hinzu: das physische und elementare.
Rosenkranz
(1806-1879) betrachtete das sanguinische (Gegenwart) als das unterste, das cholerische und melancholische (Zukunft und Vergangenheit) als das mittlere, das phlegmatische als das oberste, da es sich nach allen Seiten hin gleichmäßig aufschließe.
Schleiermacher
(1768-1843) bezeichnete das sanguinische und melancholische Temperament nach dem Gegensatze der Erregbarkeit und Beharrlichkeit als passive, das cholerische und phlegmatische als aktive Temperamente.
Jessen
(geb. 1793) stellt zwei Arten auf: das irritable (reizbare) und das phlegmatische (träge), innerhalb deren er vier Unterarten annimmt: das fröhliche (sanguinische), leidende (melancholische), zornige (cholerische) und furchtsame.
Oken
(1779 bis 1851) parallelisiert das Phlegma mit den Fischen, das sanguinische Temperament mit den Vögeln, das melancholische mit den Amphibien und das cholerische mit den Säugetieren,
Lotze
(1817-1881), der das melancholische lieber das sentimentale nennt, parallelisiert die Temperamente mit den Altersstufen.
Wundt
(geb. 1832) leitet die Vierteilung der Temperamente aus den Gegensätzen: Stärke und Schwäche, Schnelligkeit und Langsamkeit des Wechsels der Gefühle ab. Danach gibt es
Starke
Schwache
Schnelle:
das cholerische
das sanguinische
Langsame:
das melancholische
das phlegmatische
Temperament.
Überblickt man diese große Zahl von Einteilungen, so drängt sich die Vermutung auf, daß keine derselben der wirklichen Mannigfaltigkeit des Lebens entspricht. Denn selbst wenn es nur vier Grundarten des Temperaments gäbe, so hat doch kein Mensch ein einfaches, sondern jeder ein durch Vererbung vielfach kompliziertes Temperament. Dazu kommt, daß sich bei den meisten Menschen das Temperament mit der Entwicklung ändert und daß sie für die verschiedenen Vorstellungskreise eine verschiedene Erregbarkeit haben. Daher muß die Temperamentsmischung jedes einzelnen Menschen erst durch Beobachtung festgestellt werden. Vgl.
Henle
, Anthropologische Vorträge, 1. Heft. Braunschweig 1876. Kant, Anthropologie § 86, S. 255.
Temperatursinn
Temperatursinn
oder Wärmesinn nennt man die Fähigkeit des an die Haut, die Muskeln, Sehnen und Gelenke geknüpften Vermögens, die Unterschiede der Wärme zu empfinden. Mit den Tastempfindungen des Gemeinsinns verbinden sich stets Temperaturempfindungen, welche, sobald sie ein gewisses Maß überschreiten, schmerzhaft werden. Die Temperaturempfindung nimmt mit der Größe der empfindenden Hautfläche zu. Taucht man z.B. einen Finger der einen Hand in Wasser von 30° und die ganze andere Hand in 28°, so erscheint uns die letztere Temperatur höher. Vgl.
Bernstein
, die fünf Sinne des Menschen. Lepizig 1875.
Wundt
, Grundriß d. Psychol. § 6, S. 56 ff.
Tendenz
Tendenz
(franz. tendance = Neigung, v. lat. tendere = Spannen) heißt die Neigung, die Absicht (s. d.). Vgl. Zweck.
Terminus
Terminus
(lat. terminus) heißt Grenze, dann Begriff. Der Punkt, von welchem etwas beginnt, heißt terminus a quo, der bis zu welchem es geht, t. ad quem. In der Logik heißt t. maior der Oberbegriff, t. minor der Unterbegriff, t. medius der Mittelbegriff eines Schlusses.
Lambert
(1728-1779) veranschaulichte das Verhältnis des Ober-, Mittel- und Unterbegriffes durch drei kürzer werdende Parallelen,
Euler
(1707 bis 1783) durch drei konzentrische Kreise. Liegt C im Kreise von B, dieses in demjenigen von A, so liegt auch C in A. Bei einem Schlüsse mit negativem Ober- und Schlußsatz läge C in B. aber beide nicht in A; denn weil B kein A, ist auch C, das in B liegt, kein A. –
Termini technici
sind Kunstausdrücke, deren keine Wissenschaft, also auch nicht die Philosophie, entbehren kann. Ja, jedes philosophische System hat seine eigene Terminologie. Die wissenschaftliche Terminologie bedient sich oft des Fremd- und Lehnwortes, wodurch sie über die Grenzen einer Sprache hinaus verständlich wird. Ein Purismus in dieser Beziehung ist böotisch und führt zum Untergang aller Feinheiten in der Begriffsscheidung. –
Terminismus
, Determinismus (s. d.).
Terminus-Suggestion
Terminus-Suggestion
ist die Eingebung, welche dem Hypnotisierten eine Handlung in einem bestimmten Zeitpunkt nach seinem Erwachen auszuführen befiehlt.
Tertium non datur
Tertium non datur
, ein Drittes ist nicht vorhanden, lautet der Grundsatz vom ausgeschlossenen Dritten (Principium exclusi tertii seu medii inter duo contradictoria), nach welchem Urteile, die bei gleichem Subjekte kontradiktorisch einander entgegengesetzte Prädikate haben (z.B. A = B, A ist nicht = B), nicht beide falsch sein können und nicht die Wahrheit eines dritten Urteils zulassen, so daß eins von beiden wahr sein muß. Aus der Falschheit des einen folgt daher die Wahrheit des anderen. Denn die Falschheit der Bejahung ist gleichbedeutend mit der Abweichung der Vorstellungskombination von der Wirklichkeit, folglich mit der Wahrheit der Verneinung. Der obige Satz gilt übrigens nur von kontradiktorischen, nicht von konträren Prädikaten gleicher Subjekte; diese können beide falsch oder beide richtig sein. Die Einsicht in dieses Denkgesetz ist
Aristoteles
(384-322) gerade durch seine Opposition gegen ein drittes Mittleres aufgegangen, nämlich gegen Platons sinnliche Dinge, die ein Mittleres zwischen Idee und Materie sein und auch nicht sein sollten.
Aristoteles
sagt (Met. III, 7, p. 1011 b 23): zwischen dem Widerspruch gibt es nichts (
alla mên oude metaxy antiphaseôs endechetai einai outhen
). Ebenso lehrt
Wolf
(1679-1754): inter contradictoria non dari medium.
Kant
(1724-1804) erklärt (Logik S. 75) diesen Satz für den Grund der logischen Notwendigkeit in apodiktischen Urteilen.
Hegel
(1770-1831) bekämpft seine Wahrheit vom Satze der Identität aus; denn zwischen +A und –A gebe es wohl ein Mittleres, nämlich A; und Null sei du Dritte zwischen +1 und –1. Aber positive und negative mathematische Größen, die Hegel hier heranzieht, sind keine kontradiktorischen Gegensätze. Die negative Größe –A ist keineswegs mit der logischen Verneinung von +A identisch; +A ist ein Addendus, –A ein Subtrahendus. Eine Größe braucht nicht entweder + A oder –A zu sein, wohl aber entweder +A oder nicht +A. Vgl.
Drobisch
, Logik 2. A, § 57.
Überweg
, Syst. d. Logik. 3. Aufl. § 78. – Vgl. Ausschließung, Contradictio.
Tetraktys
Tetraktys
(gr.) nannten die Pythagoreer die 4 ersten Zahlen, aus deren Addition die Zahl 10 entsteht, die sie für die vollkommenste hielten, weil auch das Weltall 10 Sphären habe. Auch ihre Tafel fundamentaler Gegensätze zeigt 10 Paare. Vgl. A.
Heinze
, die metaphys. Grundlehren d. alt. Pythagoreer. 1871.
Tetralemma
Tetralemma
(gr.) heißt ein hypothetischer Schluß mit viergliedrigem disjunktiven Hinterglied im Obersatz; s. Dilemma.
Theismus
Theismus
(Neubildung v. gr.
theos
= Gott) heißt diejenige philosophische Richtung, welche das Dasein eines außerweltlichen, intelligenten, persönlichen Schöpfers und Leiters der Welt behauptet. Ursprünglich bezeichnete Theismus allgemein nur die Lehre, daß es einen Gott gibt, und bildete den Gegensatz zum Atheismus; jetzt aber setzt man den Theismus in engerer Bedeutung dem Deismus (s. d.) und Pantheismus (s. d.) entgegen. Theismus ist also diejenige Weltanschauung, welche auf dem Glauben an einen persönlichen, selbstbewußten und selbsttätigen Gott beruht, dessen Wesen, um wirklich zu sein, einer Welt nicht bedarf, von dem aber alles Vorhandene nach Entstehen und Bestehen abhängig ist. Der Realismus innerhalb der Fragen der Teleologie, der die Zweckmäßigkeit in der organischen Welt als absichtlich anerkennt, führt nach Kant, wenn er die Zweckmäßigkeit von einem hyperphysischen Grunde ableitet, zum Theismus (Kr. d. U. II, § 72, S. 318-319). Nachdem die Kantsche Philosophie durch den Pantheismus Fichtes, Schellings und Hegels verdrängt worden war, wurde die theistische Weltansicht durch die Schule von Ulrici und durch den jüngeren Fichte vertreten. Vgl. Deismus, Pantheismus, Theologie.
Fichte
, Ü. d. Bedingungen d. spekul. Theism. 1835.
Ulrici
, Gott u. d. Natur. 1861.
Wirth
, d. spekul. Idee Gottes. 1845. H.
Schwarz
, Gott, Natur u. Mensch. 1857. C. H.
Weisse
, Idee d. Gottheit. 1845.
Chalybäus
, Wissenschaftslehre. 1846. R. Rothe, Ethik I. 1867. Frz.
Hoffmann
, Theism. u. Pantheism. 1861.
Thelismus, Thelernatismus, Theletismus
Thelismus, Thelernatismus, Theletismus
vgl. Voluntarismus.
Theodicee
Theodicee
(franz. théodicée v. gr.
theos
= Gott und
dikaioun
= rechtfertigen) heißt die Rechtfertigung Gottes gegen die Anklage, daß er am Übel und der Sünde in der Welt schuld sei. Der bewegende Gedanke der Theodicee ist, den Zweifel an der Existenz Gottes oder an der Gerechtigkeit und Güte Gottes zu beseitigen, den Übel und Sünde im Menschen erwecken. Daher ist der Kern der Theodicee so alt als das Denken der Menschen und kehrt in mythischer, poetischer und philosophischer Form bei allen Völkern wieder. Im Alten Testament gehören dahin das Buch Hiob und die Psalmen (37. 49.), im N. T. d. 9. Kap. des Römerbriefes. Den Gnostikern und Manichäern gegenüber machten Origenes und Augustinus (de civitate dei) theodiceische Versuche.
Auch die Philosophie hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Zuerst tat dies
Platon
(427-347), der die Ideen und vor allem die Idee des Guten, Gott, als das wahrhaft Reale ansah und lehrte, daß um des Guten willen jedes Ding seine Existenz habe. Die Welt sei das Schönste von allem Entstandenen; sie sei von dem besten Werkmeister als Nachbild des höchsten Urbildes geschaffen. Gott sei nicht am Übel Schuld (Tim. 42 D
tês epeita – kakias hekastôn anaitios
), er sei neidlos. Die Verähnlichung mit ihm, nicht die Lust, erklärte Platon für das höchste Gut (s. d.). Niemand sei freiwillig böse; denn alles Wollen gehe seinem Wesen gemäß auf das Gute. – Dieselbe Ansicht finden wir bei
Aristoteles
(384-322), dessen Standpunkt durchaus teleologisch ist. Er betrachtet Gott als die stofflose ewige Form, das erste selbst unbewegte Bewegende, die reine Aktualität, die sich selbst denkende Vernunft, die von allen geliebt wird und der sich alles zu verähnlichen strebt. Alle naturgemäße Bewegung ist zweckmäßig, doch stuft sich die Vollkommenheit je nach der näheren oder entfernteren Einwirkung Gottes ab. Die Organismen findet Aristoteles bewundernswert, schön und göttlich. Das Ziel menschlicher Tätigkeit, die Glückseligkeit, beruht auf vernünftigem oder tugendhaftem Verhalten, an das sich als Blüte naturgemäßer Vollendung die Lost knüpft. – Die
Stoiker
untersuchten zuerst das Verhältnis Gottes zum Bösen. Alles geschieht gemäß der Heimarménê, welche die Vernunft im All, das strenge Kausalgesetz ist.
Kleanthes
nimmt nur die bösen Taten aus, sie geschehen durch die Unvernunft der Schlechten, werden aber doch auch von Gott zum Guten gelenkt.
Chrysippos
unterschied zwischen Haupt- und Nebenursachen. Die Vorsehung (d.h. die Notwendigkeit) ordnet alles; ihrer Logik kann man sich getrost anvertrauen. Gott ist der Vater aller, wohltätig und menschenfreundlich. Die Welt muß als im ganzen tadellos und vollkommen bezeichnet werden. Dies gehe aus ihrer Gestalt hervor – sie ist kugelförmig! – und aus der Farbe, Größe und Mannigfaltigkeit der sie umgebenden Gestirne. Sie ist ferner durchaus zweckmäßig eingerichtet, nichts ist umsonst und nutzlos da, sondern jedes Ding ist für ein anderes geschaffen. Ein eigentliches Übel gibt es nicht in der Welt; denn alles rührt von Gott her; was im einzelnen weniger gut erscheint, muß zur Mannigfaltigkeit und folglich zur Vollkommenheit des Ganzen beitragen. –
Die klassische Darstellung der Theodicee hat
Leibniz
(1646 bis 1716) 1710 gegeben; er widmete sie der Königin Sophie Charlotte und führte in ihr folgende Gedanken durch: Mit der moralischen Weltregierung Gottes scheinen die Übel in Widerspruch zu stehn; diese sind dreifacher Art: 1. das
metaphysische
, welches in der Unvollkommenheit der Kreaturen als solcher besteht; 2. das
moralische
Übel oder die Sünde; 3. das
physische
oder das Leiden der Kreaturen. Die Kreaturen sind nach Leibniz' Auffassung idealer Natur und kraft dieser Natur in den ewigen Wahrheiten eingeschlossen. Dennoch ist das Übel nicht nur möglich, sondern, da die beste der Welten es in sich schließt, auch notwendig. Das
metaphysische
Übel ist unvermeidlich, da es in der Endlichkeit der Schöpfung begründet liegt. Das
moralische
Übel will Gott zwar nicht, aber es ist vorhanden; das
physische
will er nur bedingungsweise, nämlich als Strafe oder als Mittel, um größere Übel zu verhindern; auch zur Besserung und zur Vervollkommnung soll das physische Übel dienen. Das moralische Übel kann also nur als Bedingung, ohne welche das Gute nicht erreicht werden könnte, angesehen werden. Gottes Tätigkeit geht nur auf Positives, das Böse aber ist etwas Negatives. Gott ist die Ursache der Vollkommenheit in der Natur und in den Wirkungen der Kreatur; aber ihre Beschränktheit ist die Ursache des Mangels ihrer Handlungen. Denn Gott konnte der Kreatur nicht alles mitteilen, ohne sie selbst zu Gott zu machen. – Ein Zeitgenosse Leibnizens,
Will. King
, hat 1702 ebenfalls eine Theodicee (de origine mali) versucht. Die Welt, meint er, ist so vollkommen gemacht, als es der höchsten Macht, Weisheit und Güte möglich war. Gut und Übel sind relative Begriffe; gut ist, was sich selbst oder was anderem angemessen ist, übel dagegen, was irgend einen von Gott dem Wesen eingepflanzten Trieb täuscht und es zwingt, zu tun oder zu leiden, was es nicht will. Dieses Übel ist dreifach: Das
Übel der Unvollkommenheit
, das
natürliche
und das
moralische
Übel. Da vollkommene Kreaturen ein Widerspruch in sich sind, so wollte Gott lieber unvollkommene als keine. Über die Unvollkommenheit des Einzelnen können wir nicht urteilen, weil wir das Ganze nicht kennen. Nichts in der Welt ist überflüssig, aber jedes bedarf des ändern. In der Natur kann nichts anders geschehen, als es geschieht; es geschieht auch nichts anders, als es geschehen sollte; denn was nicht anders geschehen konnte, geschieht so, wie es geschehen sollte. Das Böse löst sich also in das Schädliche auf. Übeltäler werden gestraft, nicht weil sie es verdient haben, sondern um andere dadurch zu bessern. Diese Theorie des Determinismus ist zwar hart, aber logischer als der Indeterminismus. Sie zieht einen Begriff der Freiheit vor, wonach diese die Dinge nicht wählt, weil sie gut sind, sondern die Dinge gut sind, weil die Freiheit sie wählt. Diese Freiheit besitzt Gott und hat sie den Menschen mitgeteilt. Wäre es aber nicht vorteilhafter gewesen, wenn Gott den Gebrauch der Freiheit lieber ganz verhindert hätte? Dies hätte er tun können, wenn er entweder kein freies Wesen geschaffen oder den freien Willen an der Wahl des Bösen gehindert oder den Menschen gegen alle Versuchung gesichert hätte. Alle drei Möglichkeiten waren aber Gottes unwürdig.
Vgl.
Hegel
, Phänomenologie. 1832.
Blasche
, das Böse im Einklang mit der Weltordnung. 1827.
Schopenhauer
, die Welt als Wille und Vorstellung. 1819. M.
Carriere
, die sittl. Weltordnung. 1877. H.
Lotze
, Mikrokosmus. 4. Aufl. 1884 ff.
Theologie
Theologie
(gr.
theologia
von
theos
= Gott und
logos
; = Lehre) hieß bei den Griechen die Lehre von den Göttern und den göttlichen Dingen, und
Theologe
derjenige, der eine Theogonie dichtete, wie
Hesiodos
, oder über den Ursprung der Ding durch die Götter spekulierte, wie
Empedokles
. In der alten christlichen Kirche nannte man einen Theologen den. der die Gottheit des Logos (s. d.) verfocht, z.B. Johannes, Athanasius, Gregor von Nazianz.
Seit Abälard
( 1142) bedeutet Theologie die gelehrte Darstellung der gesamten Religionswissenschaft. Die Scholastik unterschied zwischen natürlicher und geoffenbarter Theologie. Die Fakultätswissenschaft der Theologie, welche, wie besonders
Schleiermacher
(1768-1834) dargetan hat, eine Vereinigung von historischen, philologischen und philosophischen Kenntnissen ist und ihre dogmatische und ethische Seite hat, steht mit der Philosophie und ihrer Geschichte im Zusammenhang. Vgl. Katholizismus und Philosophie, Protestantismus und Philosophie.
Kant
(1724-1804) teilt die Theologie, die Erkenntnis des Urwesens, in die aus
Offenbarung
(revelata) und
aus bloßer Vernunft
(rationalis) (Kr. d. r. V. S. 631). Die letztere ist entweder
transscendental
(Deismus), wenn Gott nach reinen Anschauungsbegriffen als Urwesen und Weltursache gedacht wird (Proleg. S. 171), oder natürlich (Theismus), wenn Gott analogisch-anthropomorphistisch nach Erfahrungsbegriffen als Welturheber erkannt wird (Proleg. S. 173). Der
Deismus
ist entweder
Ontotheologie
, d.h. Erkenntnis Gottes aus bloßen Begriffen (Kr. d. r. V. S. 592 ff.) oder
Kosmotheologie
, wenn Gott aus dem Dasein einer Welt überhaupt und ihrer Zufälligkeit erschlossen wird (Kr. d. r. V. S. 603 ff.). Der Theismus ist entweder
Physikotheologie
, d.h. die Erkenntnis Gottes als Urhebers der in der natürlichen Sinnenwelt vorhandenen Ordnung und Vollkommenheit (Kr. d. r. V. S. 620 ff.), oder
Moraltheologie
, d.h. die Erkenntnis Gottes aus der praktisch notwendigen sittlichen Ordnung der Welt (Kr. d. pr. V. S. 5, S. 223 ff.). Vgl. R.
Hagenbach, Encyklopädie
d. theol. Wissenschaft. 9. Aufl. 1874.
Theomantie
Theomantie
(gr.
theomanteia
) heißt die Weissagung durch unmittelbare göttliche Eingebung (sie wird auch
Theopneustie
,
theopneustia
genannt). Vgl. Offenbarung.
Theophanie
Theophanie
(gr.
theophaneia
= Erscheinung eines Gottes) heißt in der christlichen Lehre die Selbstoffenbarung Gottes in der Natur und in der menschlichen Vernunft.
Theophilanthropen
Theophilanthropen
(gr.) oder Theanthropophilen, Gottes- und Menschenfreunde, nannte sich eine in Frankreich von 1796 bis 1802 bestehende deistische Religionsgemeinschaft, deren Zweck die Erhaltung der Religion war.
Theopneustie
Theopneustie
, s. Theomantie.
Theoretisch
Theoretisch
, s. Theorie.
Theorem
Theorem
, s. Lehrsatz.
Theorie
Theorie
(gr.
theôria
), eig. Betrachtung, Beschauung, bezeichnet ursprünglich das Anschauen dessen, was nicht Gegenstand sinnlicher Wahrnehmung ist, sodann
allgemein
die wissenschaftliche Erkenntnis und das Verständnis überhaupt. Die Theorie steht also im Gegensatz einerseits zu der
Erfahrung
(Empirie), andrerseits zu der
Praxis
. Sie strebt zunächst im Gegensatz zur
Erfahrung
danach, die einzelnen Beobachtungen des Empirikers unter allgemeine Gesetze zu bringen, welche nicht erfahren werden können, sondern durch Nachdenken gefunden werden müssen. So spricht man von einer Theorie des Empfindens, Denkens usw., von einer Theorie des Lichtes, der Bewegung, des Blutumlaufs, um anzudeuten, daß in gewisse Tatsachen der Psychologie, Physik, Physiologie usf. durch Aufstellung von Gesetzen Einheit, Zusammenhang und Klarheit gebracht werden kann. Jede Theorie beruht auf einem Grundgedanken (Prinzip), den aufzustellen selten dem Studium, meist der glücklichen Kombination gelingt. Fortwährend bedarf jede Theorie der Kontrolle durch die Erfahrung; solange sie mit dieser nicht vollständig stimmt, darf sie nur auf den Namen einer Hypothese Anspruch machen. Eine Theorie ist mehr oder weniger tief, je nachdem sie sich mit näheren Erklärungsgründen beruhigt oder bis zu den letzten Prinzipien emporsteigt; immerhin ist sie mehr oder weniger philosophisch. – Im Gegensatz zur
Praxis
(s. d.) bezeichnet Theorie die Erkenntnis an sich, ohne die Absicht, sie zu gewissen Zwecken zu verwenden. Weil diese Anwendung oft recht schwierig ist und nicht gelingen will, sagt man wohl, es sei etwas in der Theorie (in thesi) richtig, aber in der Praxis (in praxi) falsch.
Kant
(1724-1804) hat hierüber 1793 eine Abhandlung geschrieben, in der er die Verderblichkeit der Maxime, Theorie und Praxis zu trennen für Moral, Staats- und Völkerrecht nachweist. Und in der Tat, was theoretisch richtig ist, muß auch praktisch durchgeführt werden. Wo sich dies als unmöglich herausstellt, liegt es entweder an der Unvollständigkeit der Theorie, oder an der Ungesundheit der praktischen Verhältnisse, oder auch (und zwar meistens) an der Feigheit und Gleichgültigkeit der Menschen. – In der Philosophie hat das Begriffspaar theoretisch und praktisch aber noch den
besonderen Sinn
, daß jenes als ein Prädikat der Erkenntnis an sich gilt, die kein anderes Interesse, als das wissenschaftliche hat, praktisch dagegen diejenige Beurteilung der Dinge heißt, welche den Wert oder Unwert der Dinge ins Auge faßt, ohne ihr Wesen und ihre Ursachen zu untersuchen. Die
praktische Philosophie
hat diejenigen Begriffe aufzustellen, welche den Maßstab für unser Wollen und Handeln abgeben, besonders auf juristischem, ethischem, religiösem und ästhetischem Gebiet. Die zwei Hauptwerke Kants würden daher mit ihrem vollen Titel lauten: Kritik der
reinen theoretischen
Vernunft und Kritik der
reinen praktischen
Vernunft, während die von Kant gewählten Titel einen schiefen Gegensatz bilden. – Die Ausdrücke
theoretisch
und
praktisch
erscheinen zuerst bei
Aristoteles
(384-322) als Gegensätze. Er unterscheidet die theoretische und praktische Vernunft (
dianoia theôrêtikê – dianoia praktikê
). Jene hat es mit der Erkenntnis der großen Welt und ihren ewigen Ordnungen, diese mit dem Wechsel und Wandel der menschlichen Dinge zu tun (Metaph, V, 1 p. 1025, b 25). In der neueren Philosophie hat
Ch. Wolf
(1679-1754) die Unterscheidung theoretischer und praktischer Philosophie durchgeführt und wie Aristoteles der Theorie den Vorzug gegeben (Logica § 92). Auch
Kant
(1724-1804) hält an dem Gegensatz fest, stellt aber die Lehre vom Primate der praktischen Vernunft über die theoretische auf und räumt damit den Intellektualismus (s. d.) des Altertums hinweg. Ihm folgt J. G.
Fichte
(1762-1814), dem die praktische Vernunft die Wurzel aller Vernunft ist. In der Geschichte der Ausdrücke liegt die Geschichte des tieferen Problems, »ob der Welterkenntnis oder dem sittlichen Handeln die Führung unseres Lebens und die Beherrschung unserer Überzeugungen gebühre« (
Eucken
, Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipzig 1904. S. 39 ff.) Vgl. Praxis, Voluntarismus.
Theosophie
Theosophie
(gr.
theosophia
von
theos
= Gott und
sophia
= Weisheit), eigtl. Gottes-Weisheit, heißt diejenige religiöse Richtung, welche durch die Innigkeit ihrer religiösen Gefühle zur mystischen Vereinigung mit Gott und zu einer unmittelbaren Erkenntnis seines Wesens gelangen zu können meint. Von der Theologie unterscheidet sie sich dadurch, daß sie die Erkenntnis Gottes nicht auf dem Wege des vermittelten Erkennens, sondern durch die Intuition, d.h. durch die Phantasie und das Gefühl, anstrebt. Sie ist eine Art der Mystik (s. d.). Ihre Erzeugnisse, wenn auch voll tiefsinniger Ideen, sind mehr Bilder als Begriffe, mehr Ahnungen als Erkenntnisse; vieles in ihr muß als krause Phantastik bezeichnet werden. Theosophisch war der
Neuplatonismus
und die
Gnosis
; Theosophen waren
Kaspar Schwenckfeld
( 1561), Val.
Weigel
( 1588),
Jak. Böhme
( 1624),
St. Martin
(1804) und
Frz. v. Baader
( 1841).
These
These
(gr.
thesis
) oder Thesis heißt ein Satz, der des Beweises bedarf, also eine Behauptung;
in thesi
heißt: im Satz, in der Regel, im allgemeinen. Nach
Hegels
(1770-1831) dialektischer Methode erhebt sich der fortschreitende Begriff aus Thesis und Antithesis zur Synthesis.
Thetik
nennt
Kant
(1724-1804) einen Inbegriff dogmatischer Lehren;
thetisch
heißt dogmatisch. Vgl. Antinomie.
Theurgie
Theurgie
(gr.
theourgia
) heißt die angebliche Fähigkeit, sich Götter und Geister dienstbar zu machen, welche Magier und Zauberer, aber auch Neuplatoniker wie Jamblichos und Proklos für sich in Anspruch nahmen.
Kant
(1724-1804) nennt Theurgie einen schwärmerischen Wahn, von anderen, übersinnlichen Wesen Gefühl und auf sie wiederum Einfluß haben zu können (Kr. d. Urt. II. Tl. § 89 S. 435). Vgl. Magie.
Thnetopsychiten
Thnetopsychiten
(gr.
thnêtopsychtai
v.
thnêskin
= sterben und
psychê
) hießen die Anhänger der durch
Averroës
(1126-1198) verbreiteten Lehre, daß die Seele mit dem Körper zugleich sterbe und beide am jüngsten Tage auferweckt würden. So lehrte z.B. Pomponatius (1462-1530).
Thomisten und Scotisten
Thomisten und Scotisten
. Durch den Gegensatz der Dominikaner, welche
Thomas von Aquino
(1225-1274), und Franziskaner, welche
Duns Scotus
( 1308) auf den Schild erhoben, wurden die Lehrunterschiede dieser beiden großen Scholastiker sehr verschärft. Die Anhänger des Thomas, die
Thomisten
, leugneten, die Anhänger des Duns Scotus, die
Scotisten
, behaupteten eine absolute Erkenntnis Gottes (cognitio dei quidditativa); jene bestritten, diese verteidigten die objektive Realität der göttlichen Eigenschaften. Jene meinten, die Erbsünde sei eine Verletzung unserer Natur, diese, sie sei nur Verlust der angeborenen Gerechtigkeit. Jene lehrten, der Logos sei nur deshalb Mensch geworden, weil Adam gesündigt habe, diese, er wäre auch ohnedies als Mensch herabgestiegen. Jene bejahten, diese verneinten, daß Christi Verdienst ein völliges Äquivalent für die Sünde der Menschheit sei. Jene lehrten, die sakramentale Gnade gehe unmittelbar aus der Spendung hervor, diese, sie trete besonders hinzu. Jene leugneten, diese behaupteten die unbefleckte Empfängnis Mariä (immaculata conceptio), welche Pius IX. 1854 zum Dogma erhob. Im allgemeinen standen die Thomisten mehr auf der Seite des Augustinns, die Scotisten auf dem Standpunkte des Pelagius. Vgl.
Werner
, Der hl. Thomas von Aquino. 1858.
Frohschammer
, Th. v. A. 1889.
Tiefsinn
Tiefsinn
heißt das Vermögen des Geistes, in die Tiefe zu gehen, d.h. das innere Wesen der Dinge, ihre verborgenen Gründe und Gesetze zu erforschen. Der Tiefsinnige begnügt sich nicht mit dem, was auf der Oberfläche liegt, sondern ihn zieht das Entfernte, Dunkle und Verborgene an. Ohne Tiefsinn ist keine wissenschaftliche Forschung möglich, am wenigsten die philosophische. Das Alter ist meist tiefsinniger als die Jugend, welche dafür oft witziger ist. Es scheiden sich überhaupt Witz, Scharfsinn und Tiefsinn voneinander. »Der witzige Kopf erfindet, der scharfsinnige entdeckt, der tiefsinnige erforscht; der erste kombiniert, der zweite zergliedert, der dritte begründet. Witz blendet, Scharfsinn klärt auf, Tiefsinn erleuchtet; Witz überredet, Scharfsinn belehrt, Tiefsinn überzeugt.« (
Dirksen
, d. Lehre von den Köpfen. 1833, S. 136.) Berühmt wegen ihres Tiefsinnes sind Platon, Spinoza und Kant gewesen. – Bisweilen artet der Tiefsinn in Grübelei und Melancholie aus (daher tiefsinnig gleich melancholisch, gemütskrank); bisweilen ist er auch nur affektiert, nm den Mangel an Gedanken zu verdecken. Denn manche wähnen für tiefsinnig zu gelten, wenn sie recht unklar sprechen oder schreiben. On le croit profond, parce qu'il est mystérieux. Aber gerade der wahre Tiefsinn ist, weil er die Gründe der Dinge erforscht hat, klar und verständlich. Vgl. Scharfsinn, Witz.
Tier
Tier
(lat. animal, gr.
zôon
) heißt ein organisches Wesen, das sich von organischen Substanzen ernährt und das zu dem Vermögen der Selbsterhaltung und Fortpflanzung auch das Vermögen der Bewegung und Empfindung besitzt. Das Leben der Tiere wird durch den Stoffwechsel erhalten; die aufgenommenen Stoffe, teils vegetabilisch, teils animalisch, immer aber organisch, sind vorwiegend stickstoffhaltig. Die Fortpflanzung geschieht durch Teilung, Knospung, Sporogonie, Konjugation und durch Eier. Die Bewegung des Tieres ist teils Ortsbewegung, die je nach den Verhältnissen durch verschiedenartige Mittel geschieht (Beine, Arme, Flossen, Flügel, Saugnäpfe usw.), teils dient sie dem Ergreifen, Festhalten und Verschlingen der Nahrung, teils dem Lebensgenuß. Seelenleben tritt bei den meisten Tieren hervor; bei den niederen nur Triebleben und Empfindung, bei den höheren eine Art von Intelligenz. Jene haben nur ein primitives Gangliensystem, diese ein vom Gehirn ausgehendes Nervensystem. Alle Tiere haben Sinneswerkzeuge, je höher hinauf, desto kompliziertere und zahlreichere. Die höchsten Tiere haben fünf Sinne, von denen meist einer besonders entwickelt ist, die jedoch bei keinem Tiere in so harmonischerem Verhältnis stehen wie beim Menschen. Daher ist der Grundcharakter des Tieres im Vergleich mit dem Menschen die Einseitigkeit seiner Lebensweise. Der Mensch entwickelt sich auch langsamer als das Tier. Er hat eine Jugend, eine Reife, ein Alter. Seine Vorstellungen können sich daher vertiefen, verschmelzen, bereichern; dadurch kommt Einheit, Ruhe und Klarheit in sein Seelenleben. Das Tier ist hierin zum größeren Teil dem Menschen unterlegen. Was beim Menschen die bewußte Willensentscheidung tut, erfüllt bei den Tieren der Instinkt (s. d. W.). Höhere Tiere haben jedoch auch eine Art von bewußtem Handeln. Denn sie empfinden Lust und Unlust, sie haben Gedächtnis, sie machen Erfahrungen, sie sind fähig, aufzumerken, Vorstellungen zu haben und Pläne zu machen. Darin unterscheiden sie sich aber vom Menschen, daß ihnen die Sprache fehlt. Sie erkennen wohl, aber sie denken nicht; allgemeine Begriffe, Ideen, Ideale fehlen ihnen. Daher haben sie keine Geschichte, keine Theorie, keine Wissenschaft, keine Kunst. Sie machen weder Beobachtungen noch Experimente, weder Entdeckungen noch Erfindungen. Da sie keine Ideen zu bilden vermögen, gibt es für sie weder Wahrheit, noch Schönheit, noch Gottheit, noch Sittlichkeit. Sie können wohl für uns schädlich, aber nie eigentlich böse handeln. Denn da sie keine Vernunft haben, geht ihnen die praktische Freiheit und somit die Verantwortlichkeit ab. Auch sind sie des Lachens und Weinens und des Selbstmordes nicht wie der Mensch fähig.
Aristoteles
(384-322) schrieb den Tieren zwar nur eine ernährende und empfindende Seele zu, aber in der letzteren Gemeinsinn und die Fähigkeit, zu vergleichen und zu urteilen.
Cartesius
(1596-1650) hingegen, von seinem schroffen Dualismus bestimmt, drückte sie zu bloßen Maschinen herab; er behauptete, sie seien von den Nervengeistern getriebene Automaten; sein Schüler
Malebranche
(1638-1715) sprach ihnen Lust, Schmerz, Furcht, überhaupt jede Perzeption ab. Ähnlich dachten
Spinoza
(1632-1677) und
Locke
(1632-1704). Aber
Leibniz
(1646-1716) erkannte, daß die Tiere Seelen, Sinnesempfindung und Gedächtnis hätten, Vorstellungen bildeten und sie aneinander reihten; nur hätten sie anstatt des Denkens die Erfahrung, sie seien reine Empiriker.
Wolf
(1679-1754) und
Kant
(1724-1804) sprachen ihnen die Fähigkeit, zu urteilen, ab.
Hegel
(1770-1831) nannte den Unterschied zwischen ihnen und dem Menschen einen absoluten. Erst
Schelling
(1775-1854) erkannte in jeder Tierklasse eine Entwicklungsstufe des Naturganzen, und
Schopenhauer
(1788-1860) bezeichnete das Erkennen mit der durch dasselbe bedingten Bewegung aus Motiven als den eigentlichen Charakter der Tierheit. Durch den Verstand unterscheide sich das Tier von der Pflanze, wie durch die Vernunft der Mensch vom Tiere. Es habe anschauliche, aber keine abstrakte Erkenntnis und denke eigentlich nicht. Er behauptete demnach, daß die Tiere im wesentlichen dasselbe seien, wie wir, und daher unser Mitleid verdienen. Die neuere Psychologie hat besonders infolge des Einflusses der Darwinschen Hypothese diese Behauptungen vielfach bestätigt. Vgl. Pflanze, Organismus.
Carus
, Vergleichende Psychol. 1866.
Fr. Kirchner
, Über die Tierseele. Halle 1890.
Tierpsychologie
Tierpsychologie
heißt die Untersuchung der seelischen Fähigkeiten der Tiere. Daß auch die Tiere eine Seele haben, leugnet heute wohl niemand mehr (vgl. Tier), und die Lehre des Cartesius, der die Tiere zu Maschinen degradierte, darf als gänzlich abgetan angesehen werden. Seit 1742 beschäftigte sich mit der Tierpsychologie in Deutschland eine Gesellschaft von »Freunden der Tierseelenkunde«. Reimarus in seiner »Betrachtung über die Kunsttriebe der Tiere« (1773) förderte diese Forschung. Das Aufkommen der Physiognomik und Phrenologie sowie Schellings Naturphilosophie war diesen Fragen ebenfalls günstig, ebenso die Darwinsche Hypothese. In neuerer Zeit hat man erkannt, daß das Studium der Tierseele für die Förderung der Psychologie des Menschen ungemein nützlich ist. Vgl. Tier, Analogon rationis, Mensch.
Timarchie
Timarchie
oder Timokratie (gr.) bedeutet bei
Platon
(427-347) (Rep. III 2-3, 545 B-C) einen Staat, dessen herrschendes Prinzip die Ehre ist, in dem daher die regierenden Personen einander an Ehre, Macht und Einfluß zu übertreffen suchen und Zwiespalt und Ungerechtigkeit herrscht.
Aristoteles
(384 bis 322) hingegen versteht unter Timokratie (Eth. Nicom. VIII, 12 p. 1160 a 31 ff.) diejenige Staatsform, in der Ehrenstellen und Ämter nach dem Vermögen verteilt werden.
Tod
Tod
(lat. mors, gr.
thanatos
) heißt das Aufhören der organischen Tätigkeit und der übrigen Lebenstätigkeit des Menschen und Tieres, des Stoffwechsels. Man nennt ihn beim Menschen normal, wenn er in den siebziger oder achtziger Lebensjahren infolge von Entkräftung, abnorm, wenn er früher eintritt. Der abnorme Tod erfolgt entweder durch Krankheit (falsche Art des Stoffwechsels) oder durch Gewalt, durch mechanische oder chronische Störungen. Worin das Sterben eigentlich bestehe, wissen wir nicht.
Platon
(427-347) sieht in ihm die Lösung und Trennung der Seele vom Leibe (Phaedon 67 D),
Leibniz
(1646-1716) eine Involution und Verkleinerung des Organismus (Monad. 73). Nach
Hegel
(1770-1831) ist der Tod die Aufhebung der Unangemessenheit des Einzelnen zur Allgemeinheit. Der Tod geht aus von dem Aufhören der organischen Funktionen des Herzens oder der Lungen oder des Gehirns. Demnach bezeichnet man den Tod entweder als Synkope (Herzlähmung) oder als Asphyxie (Erstickung) oder Apoplexie (Hirnlähmung). Je nach der Schnelligkeit der Sterbeerscheinungen nennt man den Tod plötzlich, rasch oder langsam, einfachen Erschöpfungstod oder Sterben unter Agonie (Todeskampf). Die Agonie wird durch das allmähliche Absterben der verschiedenen Apparate charakterisiert: Erschlaffung der Muskeln (hippokratisches Gesicht), zitternde, kraftlose Bewegungen, oberflächliche, langsame und aussetzende Respiration, Lähmung der Speiseröhre, allmähliches Aufhören des Herzschlags, Schwinden des Gesichts und Gehörs endlich Aufhören des Bewußtseins, der Atmung und der Blutzirkulation.
Mit dem Erlöschen des Lebens wird der Mensch zur Leiche und verwest, d.h. die organischen Stoffe seines Körpers verwandeln sich in unorganische (Kohlensäure, Wasser und Ammoniak). Als solche dienen sie der Ernährung von Tieren und Pflanzen. So geht also kein Atom im Haushalte der Natur verloren.
Daß der Tod eines Nahestehenden auf die Überlebenden einen tiefen Eindruck macht, ist natürlich. Der Mensch wird hierdurch frühzeitig auf den Gedanken des eigenen Todes hingewiesen und durch die Gewißheit, früher oder später jedenfalls einmal sterben zu müssen, trübe gestimmt. Es birgt aber, wie so oft, auch hier das Übel sein Heilmittel in sich. Die Vernunft, welcher die Erkenntnis des Todes entstammt, leitet uns zugleich zu metaphysischen Gedanken hin, die uns darüber trösten. Religion und Philosophie streben gleichermaßen danach, uns das Sterben zu erleichtern. Sie lehren, daß der fortwährende Wechsel des Werdens und Vergehens nur die materiellen Einzelwesen und deren körperliche Bestandteile betrifft, welche bald hier, bald da, bald Menschen-, bald Tier-, bald Pflanzenleib, bald Elementarstoffe sind. Es bleiben dagegen in der Vererbung die Formen der Gattungen, die sich beim Stoffwechsel des Individuums auch im Leben dauernd behaupten. Absoluten Tod gibt es also nicht. »Todesblüte ist das Leben, Lebensblüte ist der Tod.« Daß der Einzelne stirbt, ist eine natürliche, also notwendige und vernünftige Sache; wer sich darüber betrübt, daß er sterben muß, bedauert es, daß er Mensch ist, daß er geboren wurde. Übrigens fürchten sich die meisten weniger vor dem Tode als vor dem Sterben; aber mit Unrecht; denn kein Mensch empfindet es; sondern bewußtlos, wie wir ins Leben treten, verlassen wir dasselbe. Der Todeskampf ist nur ängstlich für den Zuschauer, nicht für den Sterbenden. Darum hat
Cicero
gesagt, man brauche sich nicht davor zu fürchten; denn wenn wir sind, ist der Tod nicht, und wenn der
Tod
ist, sind wir nicht. (Cato maior 18, 66. Vgl. Tusc. disp. I de contemnenda morte.) Besteht doch der Tod für den Menschen nur im Aufhören des Bewußtseins, die darauf folgende Stockung aller organischen Funktionen ist also eigentlich eine Begebenheit nach dem Tode. Das Schwinden des Bewußtseins aber bereitet bekanntlich keinen Schmerz. Schopenhauer meint sogar, ohne den Gedanken an den Tod sei das Leben nicht erträglich. Das Individuum sei eine Beschränkung, ein Irrtum, ein Fehltritt, also sein Aufhören kein Verlust. Vgl. Leben, Unsterblichkeit.
Weismann
, Die Dauer des Lebens. Jena. 1882.
Götte
, Über den Ursprung des Todes, Hamb. 1883.
Todesstrafe
Todesstrafe
(poena capitalis) oder Strafe am Leben ist die Strafe, welche in der gewaltsamen Tötung eines Verbrechers besteht. Seit alter Zeit hat man sie bei allen Völkern und zu allen Zeiten als nötig und gerecht betrachtet: erst in neuerer Zeit sind Gegner derselben aufgetreten. Die zur Bekämpfung der Todesstrafe vorgebrachten Gründe sind jedoch nicht ausreichend. Man behauptet, die Todesstrafe schrecke nicht ab, wie die Erfahrung beweise, selbst nicht in der gräßlichsten Form; doch keine Strafe hat stets diesen Erfolg. Dem Hinzurichtenden, wirft man ferner ein, werde die Möglichkeit der Besserung entzogen; aber Besserung ist auch nicht der Hauptzweck beim Strafen. Niemand, argumentiert man weiter, habe das Recht, den anderen des Lebens zu berauben; dann hat aber der Mörder auch nicht das Recht dazu, und so gut jeder Bürger berechtigt ist, einen Angreifer aus Notwehr zu töten, ebenso ist der Staat dazu berechtigt, den Mörder zu töten. Ferner wendet man ein, der Ermordete habe nichts davon, daß der Mörder hingerichtet werde; aber auch darauf kommt es nicht an; die Gemeinschaft, die der Mörder im Gemordeten bedroht hat, erhält durch die Strafe Genugtuung. Ein anderer Einwand lautet: Niemand habe sich dazu, daß er ein Verbrechen mit dem Tode sühnen wolle, im Staatsvertrage verpflichtet; doch diese Idee des Staatsvertrages ist nur eine Fiktion. Auch wird geltend gemacht, daß schon oft Justizmorde vorgekommen seien; aber diese Tatsache mahnt bloß zur Vorsicht im Verurteilen, ist dagegen kein ausschlaggebender Grund gegen die Todesstrafe. Endlich behauptet man, die Todesstrafe sei milder als lange, schwere Haft und darum zu verwerfen; aber selbst wenn dies wahr wäre, so verlangt doch die Idee der Gerechtigkeit in einzelnen Fällen den Tod. – Natürlich ist die Todesstrafe nur für die schwersten Verbrechen gerechtfertigt und muß ohne Grausamkeit vollzogen werden. Je kräftiger ein Staat und je sittlicher ein Volk ist, desto seltener wird sie nötig sein; auch steht den Fürsten und Staatshäuptern das Begnadigungsrecht zu. Vgl.
Beccaria
, dei delitti e delle pene 1764; dtsch. v. Waldeck 1870 (gegen die T.). W. G.
Schirlitz
, d. Todesstr. in naturrechtl. u. pbilos. Bezieh. 1825. F. v.
Holtzendorff
, Verbrechen des Mordes und die Todesstrafe 1875.
Toleranz
Toleranz
, s. Duldsamkeit.
Tollkühnheit
Tollkühnheit
heißt der gesteigerte Mut, dem es an Überlegung fehlt; Beispiele dafür geben Karl der Kühne v. Burgund und Karl XII.
Ton
Ton
nennt man zunächt
im eigentlichen Sinne die Gehörsempfindung regelmäßiger Luftschwingungen
. Ist eine Regelmäßigkeit der Luftschwingungen nicht vorhanden, so entsteht ein Geräusch. Man unterscheidet die Töne nach Stärke, Höhe und Klangfarbe. Die
Stärke
hängt von der Schwingungsweite (Amplitude), die Höhe von der Schwingungsdauer, die
Klangfarbe
von der Form der Luftwellen ab. Die Grenze deutlicher Hörbarkeit liegt zwischen 20 und 38 000 Schwingungen in der Sekunde, die der musikalisch brauchbaren Töne zwischen 40 und 4000 Schwingungen, welche zwischen sechs Oktaven liegen. Die jedesmal höhere Oktave beansprucht die doppelte Summe von Schwingungen wie die niedere. – Auch die Gehörsempfindungen und somit die Töne projizieren wir wie die Gesichtsempfindungen nach außen. Wir empfinden aber weder die Richtung der Schallwellen, noch die Entfernung, die Beschaffenheit und die Größe der Schallquelle; dies sind vielmehr nur Prädikate der subjektiven Auffassung und Deutung. – Harmonische Töne erzeugen Wohlgefallen, disharmonische Unlust; physiologisch erklärt sich dies daraus, daß unser Ohr wahrscheinlich durch schnelle, intermittierende Bewegung angegriffen wird, psychologisch aus dem Streben der Seele, die einzelnen Töne zu unterscheiden. Die Musik (s. d.), die Kunst der wohlgefälligen Töne, ist die älteste Kunst, weil sie physiologisch und psychologisch am unmittelbarsten empfunden wird. Vgl. Gehör, Musik. – Im
abgeleiteten Sinne
bezeichnet Ton die allgemeine
Denk
– und
Handlungsweise
irgend einer Gemeinschaft. Man sagt, in diesem oder jenem Kreise herrsche der und der Ton. So schrieb
Kant
1796 »von einem neuerdings erhobenen vornehmen Tone in der Philosophie«.
Guter Ton
ist das Streben, im Umgange alles zu vermeiden, was der besseren Gesellschaft anstößig ist. Vgl. Takt, Anstand. Der gute Ton ist im allgemeinen Pflicht. Freilich gerät man durch die Rücksicht auf die gute Gesellschaft auch bisweilen ins Absurde. »Quand le bon ton arrive, le bon sens se retire.«
Ton der Empfindung / Gefühlston [der Empfindung]
Ton der Empfindung
bzw.
Gefühlston [der Empfindung]
nennt man das die meisten Empfindungen begleitende Gefühl der Lust oder Unlust. Jeder Reiz greift in die vorhandene Stimmung fördernd oder hemmend ein. Er kann diese bei gleichem Quantum durch seine Intensität oder durch seine Gegensätzlichkeit mehr oder weniger beeinflussen; danach richtet es sich z.B., ob dadurch Lust oder Unlust hervorgerufen wird, oder die dadurch hervorgerufene Unlust nur als Unannehmlichkeit oder als Schmerz empfunden wird. Die Bestimmtheit des Inhaltes einer Empfindung und die Stärke ihrer Betonung stehen im umgekehrten Verhältnis; so zeigen Gesicht und Gehör größere Bestimmtheit und geringere Betonung als die übrigen Sinne. Der Ton bezeichnet nicht das Bewußtsein vom Empfundenen, sondern vom Empfinden selbst; doch ist dies Bewußtwerden nicht selbst eine Empfindung. Dies hat schon Aristoteles (de an. 3, 7, 2) erkannt; Kant stellt die betonte Empfindung als die subjektive der objektiven gegenüber (Kr. d. Urt. § 3). Vgl. Lust, Gefühl. –
Domrich
, Die psych. Zustände. 1849.
Lotze
, Medizinische Psych. 1852.
Wundt
, Grundzüge der physiol. Psychol. I, S. 508 ff.
Tonkunst
Tonkunst
, s. Musik.
Topik
Topik
(gr.
topikê
sc.
technê
von
topos
= Ort), eigentlich Örterlehre, heißt die von den alten Rhetoren besonders gepflegte Erfindungskunst, welche lehrt, wie man die zur Behandlung eines Themas geeignetsten Punkte (
topoi
, loci communes, Gemeinplätze) auffinden könne. Schon
Aristoteles
(384-322) schrieb solche
topika
, ebenso
Cicero
(106-43) (de inventione); ein ähnliches Werk ist
Lullus'
»Große Kunst« (1235-1315) (s. Lullische Kunst), die
Giord. Bruno
1580 durch seine »Kompendiöse Architektur« vervollständigte. Auch läuft die Chrie des
Aphthonios
(Anf. d. 4. Jahrh. n. Chr.) auf dasselbe hinaus, die
Daries
(1714-1772) auf folgenden Vers brachte: Quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando? (Wer, was, wo, wodurch, warum, wie, wann?) Endlich hat sich
Leibniz
(1646-1716) zeitlebens mit Aufstellung einer »allgemeinen Charakteristik« beschäftigt.
Kant
(1724 bis 1804) unterschied von der logisch-rhetorischen die transscendentale Topik, die sich mit Erforschung des Ursprungs der Vorstellungen beschäftigt. Es ist nicht zu leugnen, daß die Topik sowohl als mnemonisches, wie auch als heuristisches Hilfsmittel gute Dienste leisten kann; andrerseits bringt sie auch die Gefahr mit sich, daß man im Denken mechanisch und eintönig und in der Anordnung des Stoffes schematisch werde. Vgl. Erfindung, Heuristik, Mnemonik. –
Kästner
, Topik oder Erfindungswissensch. 1816.
Torheit
Torheit
, das Gegenteil von Klugheit, ist die verkehrte Anwendung der Vernunft in der Praxis, mithin sowohl die richtige Verfolgung falscher Zwecke als die falsche Verfolgung richtiger Zwecke. Ein Tor jagt Unerreichbarem nach oder wählt zur Erreichung vernünftiger Absichten ungeeignete Mittel. Es ist z.B. ebenso töricht, einen gewaltigen Bau zu unternehmen, zu dessen Ausführung man nicht die Mittel hat, als nach Spatzen mit Kanonen zu schießen. Im wesentlichen heißt also das Unpraktische töricht. Vgl. Schlauheit.
total
total
(v. lat. totus = ganz), völlig, ist der Gegensatz von partial. Totalität des
Urteils
bezeichnet die Universalität oder Allheit seines Subjektes. Einem
Kunstwerk
schreibt man Totalität zu, wenn es alle Beziehungen der Idee, welche es darstellt, zur Anschauung bringt. Um jene zu beurteilen, muß man daher diese ordentlich kennen.
Totalgefühl
Totalgefühl
ist das bei allen zusammengesetzten Gefühlen aus ihren Bestandteilen resultierende Gesamtgefühl im Gegensatz zu den partialen Gefühlen. Im anderen Sinne heißt es s. a. Gemeingefühl (s. d.).
Totemismus
Totemismus
(von Totem, Handzeichen der kanadischen Indianer) nennt man die Verehrung sinnlich wahrnehmbarer Wesen, über die der Mensch keine Macht besitzt (z.B. Tiere, Flüsse, Himmelskörper) und deren Gunst er durch Opfer und Geschenke zu erwerben sucht. Der Totemismus ist eine Mittelstufe zwischen Religion und Fetischismus.
Totschlag
Totschlag
ist die widerrechtliche, beabsichtigte, aber unüberlegte Tötung eines Menschen. Von der fahrlässigen Tötung ist der Totschlag durch die Absicht zu töten unterschieden, vom Morde durch den Mangel an Überlegung.
Traducianismus
Traducianismus
(von lat. tradux = Sprößling) heißt die von Tertullianus ( 220 n. Chr.) aufgestellte Lehre, daß mit dem Leibe zugleich die Seele erzeugt werde. Diese von der neueren Psychologie angenommene Ansicht steht im Gegensatz zum Creatianismus (s. d.) und zur Präexistenzlehre (s. d.).
Trägheit
Trägheit
heißt in der
Mechanik
und
Physik
die Eigenschaft der Materie, kraft deren sie im Zustande der Ruhe oder Bewegung, in welchem sie sich befindet, beharrt, wenn keine entgegenwirkende Kraft auf sie einwirkt. Das Gesetz der Trägheit (lex inertiae) lautet: »Ein ruhender Körper fährt fort zu ruhen, wenn nicht eine Ursache ihn bewegt, und ein bewegter Körper fährt fort, sich in gleicher Richtung und Geschwindigkeit zu bewegen, wenn nicht eine Ursache diese Richtung oder Geschwindigkeit ändert oder aufhebt.« Da nun die einwirkende Kraft eine Rückwirkung von dem anderen Körper erleidet, so hat man diesen Widerstand als Kraft der Trägheit (vis inertiae) bezeichnet. Erst die neuere Naturwissenschaft hat dieses Gesetz aufgestellt; dem
Aristoteles
war es unbekannt. – Im
moralischen
Sinne ist Trägheit die Unlust zur Arbeit und die Neigung, sich nicht anzustrengen. Nach J. G.
Fichte
(1762 bis 1814) ist die Trägheit das Radikalböse im Menschen.
Tragödie
Tragödie
(gr.
tragôdia
= Bockslied, benannt nach den ursprünglich in Böcke verkleideten Sängern des Chorlieds in der griechischen Tragödie,) heißt nach der griechischen Begriffsbestimmung das ernste Drama (s. d.), also das Trauer- und Schauspiel, nach der neueren Definition das ernste Drama mit unglücklichem Ausgang, also nur das Trauerspiel. Die Tragödie stellt die schwersten Kämpfe der Menschheit, die gewaltigsten Leidenschaften und größten Interessen dar, alles, was Liebe und Haß, Zorn und Begeisterung erregt. Sie läßt den Menschen ein schweres Unglück erleiden, das den Zuschauer mit Furcht und Mitleid erfüllt. Aber sie bereitet durch Darstellung des Kampfes zwischen Freiheit und Notwendigkeit einen erhabenen Anblick, welcher unsere Affekte reinigt, wenn der Mensch unterliegt, das sittliche Gesetz aber siegt (Aristoteles). Die Darstellung eines solchen großen Schicksals erhebt den Menschen, wenn es ihn zermalmt (Schiller). Die Griechen ließen in der tragischen Darstellung des Kampfes der Freiheit mit dem Schicksal dem letzteren größere Macht. Vergeblich ringt bei ihnen der sittliche Charakter mit dem Geschick, ja er führt durch sein Handeln oft gerade das Verderben, das er vermeiden möchte, selbst herbei. Beispiele solcher antiker Schicksalstragödien sind Sophokles' König Ödipus und Trachinierinnen, denen vereinzelt neuere Dramen wie Shakespeares Romeo und Julia und Schillers Braut von Messina nicht allzu fernstehen. Aber schon Euripides verlegte das Schicksal mehr in das Innere der Menschenbrust, noch mehr tut dies die moderne Charaktertragödie. Hier wird das Unglück des Helden entweder durch fremde oder durch eigene Schuld herbeigeführt. Durch
fremde
geschieht dies, indem ihm die Selbstsucht, das Vorurteil oder gar die Bosheit anderer den Untergang bereiten (Shakespeares Othello), und er durch Schwäche dem Angriff unterliegt. Ist
der Held selbst
der Schuldige, so sind seine Bestrebungen entweder von Anfang an bedenklich, wie bei Shakespeares Macbeth, Goethes Tasso, Schillers Wallenstein, oder seinem berechtigen Streben tritt ein anderes nicht minder berechtigtes entgegen, wie in Shakespeares Julius Caesar.
Das Wesen des Tragischen selbst ist nicht leicht zu bestimmen.
Gorgias
(um 488-375) sagt: Die Tragödie ist eine Täuschung, in welcher der Tauschende gerechter ist als der, welcher die Täuschung nicht hervorgebracht hat, und der Getäuschte weiser als der, welcher sich nicht hat täuschen lassen.
Platon
(427-347) bezeichnete (vor Aristoteles) Furcht und Mitleid als die eigentlich tragischen Affekte, Phaedr. 268
C. Aristoteles
(384-322) definiert die Tragödie (Poet. c. 6) als Nachahmung einer ernsten und in sich geschlossenen Handlung von ziemlicher Länge, in verschönerter Sprache, wobei in den einzelnen Teilen (Dialog und Chorlied) verschiedene Arten der Verschönerung zur Verwendung kommen, dargestellt durch Handelnde, nicht durch Erzählung, welche durch Mitleid und Furcht die Reinigung solcher Gefühlszustände bewirkt (
esti tragôdia mimêsis praxeôs spoudaias kai teleias, megethos echousês, hêdysmenô logô, chôris hekastôtôn eidôn en tois moriois, drôntôn kai ou di' apangelias, di' eleou kai phobou perainousa tên tôn toioutôn pathêmatôn katharsin
. Poet. 6 p. 1449, b 24 ff.). Nicht Abtötung, sondern zeitweilige Fortschaffung der Affekte ist hiernach die Aufgabe der Tragödie. Das Tragische stellt das Ringen des Menschen mit dem gewaltigen Verhängnis anschaulich, lebendig und poetisch wahr dar. Liebe, Bewunderung, Abscheu, Haß, Furcht, Mitleid, Resignation, Befriedigung unseres Rechtsgefühls, Erhebung zum Ewigen usw. werden dadurch in uns hervorgerufen. Die Spannung, welche so aus dem Gefühl entspringt, daß wir uns gleichsam auf vulkanischem Boden befinden, hat etwas Anregendes. Von allen diesen Affekten, welche die Tragödie, im Zuschauer erweckt, wird er zugleich gereinigt: er wird vom Einzelschicksal zum Schicksal der Welt, vom Helden zu sich selbst geführt. Indem jener durch seine oder fremde Schuld untergeht, wird die sittliche Weltordnung, indem er siegt, der sittliche Charakter gefeiert. Vgl. Drama. F.
Schiller
, Über tragische Kunst. Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen. 1790.
Schopenhauer
, Die Welt als Wille und Vorstellung. II, 490f.
Rob. Zimmermann
, Über das Tragische. Wien 1866. R. v.
Gottschall
, Poetik. 6. Aufl. Lpz. 1893. F.
Lipps
, Wesen der Tragödie. 1892. G.
Freytag
, Technik des Dramas. 6. Aufl. 1890.
transeunt
transeunt
(von lat. transeo) heißt das über die Sphäre eines Begriffs hinaus in die Sphäre eines anderen Begriffs Hineinreichende. So versteht man z.B. unter den transeunten Eigenschaften Gottes diejenigen, die das Bestehen einer Welt voraussetzen, während
immanent
diejenigen heißen, welche das Wesen Gottes an sich betreffen.
Transformation
Transformation
(lat. transformatio = Umwandlung) des Reizes findet nach
Wundt
(geb. 1832) bei den Sinnen des Geruchs, Geschmacks und Gesichts statt, insofern die äußeren Einflüsse eigentümliche (chemische) Veränderungen in den Nervenendapparaten erleiden, die erst als die direkten Sinnesreize angesehen werden müssen. »Diese Apparate sind in den drei genannten Organen eigentümlich metamorphosierte Oberhautzellen, sogenannte
Sinneszellen
, deren eines Ende dem Reize zugänglich ist, während das andere in einen Nervenfaden übergeht.... Dabei ist wahrscheinlich in diesen drei Fällen die Transformation eine chemische, indem bei dem Geruchs- und Geschmackssinn äußere chemische Einwirkungen, bei dem Gesichtssinn aber Lichteinwirkungen in den Sinneszellen chemische Zersetzungen hervorrufen, die dann als die eigentlichen Sinnesreize wirken«. Vgl. W.
Wundt
, Grundr. der Psychologie § 6, S. 50. Leipzig 1905. Vgl. Sinn.
transscendent / transscendental
transscendent
und
transscendental
sind die Bezeichnungen für zwei verwandte, aber doch sehr verschiedene Begriffe. Beide kommen von lat. transscendo, überschreite, her. Das
Transscendente
ist dasjenige, was unsere Erfahrung überhaupt überschreitet, eine transscendente Erkenntnis sucht also
das Wesen
der Dinge,
die Dinge an sich
zu erfassen, was uns immer nur hypothetisch möglich ist.
Kant
(1724-1804) bezeichnet als transscendent daher dasjenige, von dem wir auch nicht einmal den Begriff hinreichend bestimmen können, weil ungewiß sei, ob ihm irgend ein Gegenstand in der Welt entspreche. Dazu rechnet er Aussagen über das Wesen der Seele, der Welt, Gottes usf. Hierher würden also alle metaphysischen und spekulativen Lehren zu rechnen sein. Vgl. Kr. d. r. V., S. 296; 643. Proleg. S. 105-106. – Ganz etwas anderes bedeutet
transscendental
. Kant bezeichnet als transscendental alle Erkenntnis a priori, die sich nicht mit den Dingen selbst, sondern mit der Erkenntnis derselben, sofern sie a priori möglich sein soll, beschäftigt. So ist
Transscendentalphilosophie
dasselbe wie
Erkenntnistheorie innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft
(vgl. Kr. d. r. V., Einleitung S. 1-16); transscendentale
Ästhetik
und
Logik
ist die Untersuchung unserer sinnlichen und begriffsmäßigen Erkenntnis, soweit sie unabhängig von der Erfahrung ist; transscendentaler
Idealismus
(der Gegensatz zum empirischen) ist die Lehre, nach welcher wir alle Erscheinungen insgesamt als bloße Vorstellungen und nicht als Dinge an sich anzusehen und demgemäß Raum und Zeit nur für sinnliche Formen unserer Anschauung, nicht aber für gegebene Bestimmungen oder Bedingungen der Objekte, für Dinge an sich zu betrachten haben. Der transscendentale Realismus sieht dagegen Raum und Zeit als etwas unabhängig von unserer Sinnlichkeit Gegebenes an, stellt mithin die äußeren Erscheinungen als unabhängige Dinge an sich vor. Der transscendentale Idealist ist also ein empirischer Realist, während der transscendentale Realist empirischer Idealist sein muß. Denn wenn die äußeren Dinge unabhängig von ihm existieren, so kann er nie wissen, ob irgend einer Vorstellung von ihm ein wirkliches Ding entspreche. Das Wirkliche, welches den Erscheinungen zugrunde liegt, bleibt mithin für Kant ein X. – Der Gegensatz zum Transscendentalen ist das
Empirische
, der Gegensatz zum Transscendentalen ist das
Immanente
. Es gibt transscendentale Begriffe und empirische Begriffe. Ein transscendenter Gott ist erhaben, gesondert von der Welt, außer und über ihr; ein immanenter Gott befindet sich in ihr, Vgl. Immanenz. – Durch seinen Begriff der transscendentalen Freiheit sucht Kant Determinismus und Indeterminismus zu. versöhnen. Die sittliche Freiheit soll mit ihrem Ursprung außer, mit ihren Wirkungen aber innerhalb der Reihe empirischer Bedingungen stehen. Die Wirkung wäre ihrer Ursache nach frei, als Erscheinung aber dem Kausalnexus und der Notwendigkeit unterworfen. Der Mensch hätte die Fähigheit, eine Kette von neuen Wirkungen hervorzurufen, ohne daß sein Wille kausal bestimmt wäre. Diese Auffassung ist jedoch künstlich und darum unhaltbar. – In der Mathematik versteht man unter transscendenten Zahlen im Gegensatz zu den algebraischen Zahlen (die Wurzeln einer Gleichung von der Form a[n]z
n
+ a[n-1]z
n-1
+ ... + a[1]z
1
+ a[0] = 0 sind) seit Leibniz (1686) solche irrationale Zahlen, »die durch keinerlei Gleichungen bestimmten Grades erklärt werden, vielmehr über jede algebraische Gleichung hinausgehen«. Vgl. Job.
Tropfke
, Geschichte der Elementarmathematik. Leipzig 1902. Bd. II, S. 161-163. Vgl. Freiheit, Determinismus, intelligibel.
Transscendenz
Transscendenz
der Gegensatz von
Immanenz
, bedeutet
logisch
das Hinausgehen über die Erfahrung,
theologisch
Gottes Erhabenheit über die Welt.
Träumen
Träumen
heißt die Tätigkeit der Seele im Schlafen. Vielleicht träumen wir während des ganzen Schlafes, jedenfalls aber oft gegen Morgen, kurz vor dem Erwachen. Das Eigentümliche des Traumes ist: Die Sinne funktionieren, aber die Sinnenreize sind mehr zentrale und entstammen weniger der Außenwelt, so daß man nicht wirkliche Wahrnehmungen hat, sondern phantastische Illusionen und Halluzinationen. Die Vorstellungen treten bunt und regellos auf, unkontrolliert durch die Wirklichkeit und die Arbeit der Apperzeption, und nur durch die assioziativen Gesetze der Reproduktion bestimmt. Die Schranken von Raum und Zeit verschwinden, unsere Kräfte scheinen zu wachsen, wir glauben z.B. fliegen zu können, hören uns beredt sprechen, wissen viel mehr als sonst, versetzen uns in die entferntesten Gegenden, unterhalten uns mit Abgeschiedenen, hören wunderbare Musik, schauen herrliche Landschaften usw.; oder wir haben schwere Beängstigungen, sind im heftigen Streit mit Nahestehenden, begehen Verbrechen, deren wir uns selbst anklagen, sind Gefahren ausgesetzt, können zu einem bestimmten Ziel nicht gelangen, sind mitten in der Gesellschaft mangelhaft bekleidet usw.; aber alles dies ist Illusion und sensorische Funktion; unsere äußeren Willenshandlungen fehlen dagegen meist ganz. Der Traum als Ganzes hat stets etwas Seltsames, Barockes an sich; denn die Einheit des Bewußtseins ist locker; er wirft Personen und Sachen, Zeiten und Örter durcheinander, läßt sie plötzlich eintreten und wieder verschwinden, zerlegt unser Ich in zwei oder mehrere Teile, verschiebt, ja verzerrt unsere Vorstellungen; er befreit uns von den Rücksichten des Wachens und kombiniert oft merkwürdig treffend. Daher fällt uns im Traum manchmal eine Lösung einer schwierigen Aufgabe ein; im Traum kommt auch unsere Innerste Psyche zu Worte; uralte Erinnerungen und Wünsche, Hoffnungen und Gewissensbisse, Neigungen und Leidenschaften werden darin laut. Daher kann er eine erschütternde und mahnende Bedeutung für den haben, den er heimsucht. – So ist der Traum ein eigenes, illusionäres Leben, das sich neben das Leben im Wachen stellt und diesem gelegentlich den Rang streitig macht. Daher das poetische Doppelmotiv, das Leben als einen Traum, den Traum als ein Leben darzustellen (Calderon, Grillparzer).
Die
Grundlagen
, auf denen die Träume beruhen, sind:
Körperliche Reize
(Druck, Wärme, Kälte, Magenbeschwerden, Atembeschwerden u. dergl.),
Nervenreize
, sowohl äußere wie innere (Gerüche, Geräusche), wobei die Phantasie die kühnsten Deutungen vornimmt, Empfindungs- und Vorstellungsreste vom vorhergehenden Tage, unsere ganze
Stimmung
in physiologischer, psychischer und ethischer Hinsicht. – Ein besonderes Traumorgan mit Schopenhauer anzunehmen, ist überflüssig. Vgl. Hellsehen, Somnambulismus, Schlaf, Hypnose.
Strümpell
, Nat. n. Entstehung d. Träume, Lpz. 1874.
Spitta
, Schlaf- und Traumzustände d. Seele, Tübingen 1878. Wundt, Grundriß d. Psychol., Leipzig 1905, § 18, 7, S. 335 ff.
Treue
Treue
ist die feste Gesinnung und Zuverlässigkeit eines Menschen im Verkehr mit anderen. Sie findet ihren Platz überall, wo der Mensch Pflichten unterworfen ist, ein gegebenes Wort zu halten hat, und vor allem im Verkehr der Ehe und der Freundschaft. Ein treuer Mensch erfüllt seine Pflichten unaufgefordert, rechtfertigt das in ihn gesetzte Vertrauen und bemüht sich, die Erwartungen, die andere von ihm haben, zu erfüllen. Ein treuer Mensch bricht nie sein Wort, die Ehe ist ihm heilig, und an dem einmal gewählten Freunde hält er unverbrüchlich fest. Treue ist ohne Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, ohne Gewissenhaftigkeit und Selbstzucht nicht möglich. Auf die Treue, die »jedem Menschen wie der nächste Blutsfreund« ist (Schiller, »Wallensteins Tod« I, 6), sind wir alle angewiesen im Staat, im Verkehr, in der Ehe, in der Freundschaft usf. Demgemäß sagt die Bibel:
ginou pistos achri thanatou, kai dôsô soi ton stephanon tês zôês
(Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben, Apokal. 2, 10), und das einfache herzliche Wort Höltys bleibt ebenso berechtigte Mahnung: »Üb' immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab!« wie Walthers Wort wahr bleibt: er saelic man, si saelic wîp, der herzen einander sint mit triuwen bî. Berühmte Vorbilder der Treue sind die dreihundert Lakedaimonier in den Thennopylen.
Trialismus
Trialismus
heißt die Gliederung des Menschen in Geist, Seele und Leib, die z.B. Göschel, Delitzach und Ennemoser vertreten.
Trichotomie
Trichotomie
(Neubildung nach Analogie des gr.
dichotomia
= Zweiteilung, aus
trichos
= dreifach und
tomia
= das Schneiden, während
trichotomeô
v.
thrix
= Haar und
tomeô
= schneiden im Gr. das Haarabschneiden bedeutet), Dreiteilung, heißt die logische Einteilung eines Begriffs in 3 Glieder, wie Dichotomie, Polytomie die Einteilung in 2 oder viele Glieder ist. Trichotomien oder Polytomien entstehen.oft da, wo nach konträren Gegensätzen eingeteilt wird, (z.B. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft).
Trieb
Trieb
heißt das der Art nach bestimmte, dem Objekt nach unbestimmte Streben, welches ein Individuum vom ersten Moment seines Daseins an nötigt, das ihm Unentbehrliche aufzusuchen. Durch Triebe unterscheiden sich das Tier und der Mensch von der Pflanze; sie haben eine Empfindung ihres Bedürfnisses und die freie Beweglichkeit, das, wodurch jenes befriedigt wird, aufzusuchen und zu ergreifen. Unbewußt, aber zweckmäßig leitet der Trieb das Tier und den Naturmenschen; klar ist dabei nur die Unlust und der Drang sie zu beseitigen, unklar, auf welche Weise es zu geschehen habe. Doch liegt im Organismus der Weg im allgemeinen vorgezeichnet. Denn die durch Unlust gereizten Empfindungsnerven lösen in den motorischen Nerven gewisse Reflexbewegungen aus, welche zur Befriedigung des Bedürfnisses führen. Die Triebe gehören zu dem, was der Anlage nach vererbt wird.
Sämtliche Triebe lassen sich zusammenfassen als
Selbsterhaltungstrieb
und als
Gattungstrieb
. Der Selbsterhaltungstrieb schließt den Nahrungs- und Schutztrieb, der Gattungstrieb den Geschlechtstrieb, die elterlichen und sozialen Triebe in sich ein. Zu den sozialen Trieben gehören unter anderen die sittlichen Triebe und der Nachahmungstrieb. (
Wundt
, Grundz. d. phys. Psych. II S. 410 ff.)
Triebfeder
Triebfeder
, s. Motiv und Moralprinzip.
Trilemma
Trilemma
, s. Dilemma.
Tropen
Tropen
(gr.
tropoi
), s. skeptische Tropen, Skepsis.
trösten
trösten
heißt einen von einem Unglück oder einem Verluste Betroffenen durch Zuspruch aufrichten. Alle Trostgründe pflegen entweder aus der Gegenwart, aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft entnommen zu werden. Man zeigt, daß dem Übel doch auch manches Gute anhaftet, daß es noch viel schlimmer hätte sein können. Man weist nach, daß es unabwendbar war, also mit Resignation ertragen werden müsse, oder daß man es selbst verschuldet habe. Man erweckt Hoffnung: es würden wieder bessere Tage kommen, der Betroffene werde den Verlust wiederersetzt erhalten, die Zeit heile allen Schmerz u. dgl. m. – Der beste Trost, den der Betroffene sich selbst zu geben vermag, liegt in der Arbeit, die vom Schmerze abzieht, und in der Demut, die sich bewußt ist, daß der Mensch auf nichts Anspruch hat. Berühmte philosophische Trostschriften sind z.B. die des
Seneca
(c. 4 v. Chr. bis 65 n. Chr.): Ad Marciam de consolatione und die des
Boëthius
(480 bis 524): De consolatione philosophiae.
Trübsinn
Trübsinn
nennt man den Hang, sich traurigen Gefühlen hinzugeben. Der Gegensatz dazu ist die Heiterkeit. Beide Grundstimmungen entspringen teils dem Temperament, teils der Lebensführung. Mancher ursprünglich heitere Mensch wird durch ein falsch geführtes Leben trübsinnig, mancher von Natur trübsinnige beschließt sein wohl ausgenutztes Leben heiter. Vgl. Melancholie, Stimmung.
Trugschluß
Trugschluß
(gr.
sophisma
) heißt ein formal unrichtiger Schluß, der mit der Absicht, einen anderen zu täuschen, gemacht wird, während
Fehlschluß
(Paralogismus) einen falschen Schluß bezeichnet, bei dem wir uns wider Willen selbst täuschen. Beide beruhen auf Fehlern in der Begriffsvergleichung (vgl. Schluß) oder auf Mehrdeutigkeit ein und desselben Begriffs, besonders des Mittelbegriffs. Zu jenen gehören: der Schluß mit negativem Untersatz in der ersten Figur, mit affirmativen Prämissen in der zweiten, mit allgemeinem Schlußsätze in der dritten Figur und der Schluß vom Folgesatz auf den vorhergehenden bei kategorischer und hypothetischer Schlußform. Die Fehler der zweiten Art teilte schon Aristoteles. ein in solche secundum dictionem (
para tên lexin
) und extra. dictionem (
exô tês lexeôs
). Zu jenen rechnet man die, welche beruhen a) auf
Homonymie
(Verwechslung verschiedener Bedeutungen desselben Wortes), b) auf
Prosodie
(Verwechslung ähnlich klingender, aber anders akzentuierter Worte), c) auf
Amphibolie
(Mißdeutung doppelsinniger syntaktischer Formen), d) auf
Verwechslung
verschiedener Flexionsformen und Redeteile. Beispiele sind: zu a) Ein Arzt erklärt, einen Erschlagenen habe der Schlag getroffen, b) Ein Weib nur zu besitzen ist seiner Leidenschaft Ziel. c) 5 ist 2 und 3, also zugleich gerade und ungerade, d) In Platons »Gorgias« steht: »Hast du einen Hund? – Ja. Hat er Junge? Ja. – Ist er der Vater der Jungen? Ja. Also dein Hund ein Vater und dein Vater ein Hund!« Außerdem zählt Aristoteles noch. sieben Arten von Begriffsverwechslungen (extra dictionem) auf: 1.
Fallacia ex accidente
(
para to symbebêkos
), Verwechslung des Merkmals, z.B.: Nicht wahr, Phädon ist nicht Sokrates? Nein. – Aber Phädon ist doch ein Mensch? Ja. – Und Sokrates doch auch? Ja. – So ist also Phädon doch Sokrates. 2.
Fallacia a dicto
secundum quid ad dictum. simpliciter (
to hapolôs ê mê haplôs
), wenn Nebenbestimmungen übersehen oder verwechselt werden. Vgl. z.B. den »Verhüllten« des Eubulides und den Sorites. 3.
Ignoratio elenchi
(
hê tou elenchou agnoia
), d.h. die Nichtbeachtung des Widerspruches. 4.
Fallacia consequentis
(
para to epomenon
), der bejahende Schluß von der Folge auf den Grund. 5.
Petitio principii
(
para to en archê lambanein
), bei welcher der Schlußsatz schon in den Prämissen vorausgesetzt wird. 6.
Fallacia de non causa ut causa
(
to mê aition hôs aition tithenai
), d.h. Annahme eines falschen Erklärungsgrundes, wie bei falschen Hypothesen. 7.
Fallacia plurium interrogationum
(
to ta pleiô erôtêmata hen poiein
), die verfängliche Verbindung mehrerer Fragen, z.B. : Sind die Planeten näher an der Erde oder weiter von ihr als die Sonne? Alle Trugschlüsse der zweiten Art enthalten eine mehr oder minder versteckte Quaternio terminorum (Vierzahl von Hauptbegriffen) oder einen Sprung im Schließen (saltus in concludendo). Merkwürdigerweise sind manche Sophismen dieser Art von den Alten für unauflöslich gehalten worden, z.B. der Krokodilschluß und der Lügner, über den der Stoiker Chrysippos sechs verschiedene Bücher geschrieben und Philetas sich zu Tode studiert haben soll. Dieses Sophisma des Eubulides lautet: Wenn jemand sagt, er lüge eben jetzt, lügt ein solcher, oder sagt er die Wahrheit? Oder: Alle Kreter sind Lügner. Du, der du das sagst, bist aber selbst ein Kreter, also hast du gelogen, also sind nicht alle Kreter Lügner usw. Ähnlich ist der Satz: Keine Regel ohne Ausnahme – dieser ist selbst eine Regel, folglich hat auch er Ausnahmen, folglich gibt es eine Regel ohne Ausnahme. – Vgl.
Aristoteles'
Schrift
peri tôn sophistikôn elenchôn
.
. Cajus
, Antibarbarus Logicus. 1851.
Tugend
Tugend
(lat. virtus, gr.
aretê
), eigentlich Tauglichkeit, Tüchtigkeit, ist die sittliche Beschaffenheit des menschlichen Wollens und Handelns. Während das
Ziel
des sittlichen Handelns das sittliche Gut, die
Verbindlichkeit
hingegen danach zu streben die Pflicht ist, bezeichnet die Tugend die
Kraft
des Menschen, sich und sein Handeln den sittlichen Pflichten und Zielen gemäß zu gestalten.
Nach
Sokrates
(469-399), welcher meinte, die Tugend sei lehrbar und niemand tue freiwillig das Böse, gibt es im wesentlichen nur eine Tugend, die Weisheit (
Intellektualismus
). Ähnlich lehrte
Platon
(427-347), der im Anschluß an seine Seelenlehre vier Kardinaltugenden (s. d.) aufstellte, die Tugend sei die
Tauglichkeit
der Seele zu dem ihr zukommenden Werke.
Aristoteles
(384-322) betrachtete die aus der natürlichen Anlage durch wirkliches Handeln herausgebildete
Fertigkeit
zu vernunftmäßiger Tätigkeit des Menschen als Tugend; die Tugenden teilte er in ethische und dianoëtische. Die
ethische
Tugend definierte er als diejenige dauernde Willensrichtung, welche die uns entsprechende Mitte einhält, d. i. die Unterwerfung der Begierde unter die Vernunft. So ist Tapferkeit die Mitte zwischen Feigheit und Verwegenheit, Mäßigkeit die Mitte zwischen Genußsucht und Stumpfsinn, Freigebigkeit die Mitte zwischen Verschwendung und Kargheit. Die höchste der ethischen Tugenden ist die Gerechtigkeit, welche im weiteren Sinne jene alle umfaßt, im engeren auf das Angemessene in Hinsicht auf Gewinn und Nachteil geht. Letztere ist entweder distributiv, sofern sie Besitztümer und Ehren zu verteilen hat, oder kommutativ, sofern sie es mit Verträgen und mit dem Ausgleich zugefügten Unrechts zu tun hat. Die
dianoëtische
Tugend dagegen ist das richtige Verhalten der theoretischen Vernunft teils an sich, teils in bezug auf die niederen psychischen Funktionen; diese Tugenden sind: Vernunft, Wissenschaft, Kunst und praktische Einsicht. Nach den
Stoikern
ist die Tugend und
das höchste Gut
dasselbe; beides besteht im natur- und vernunftmäßigen Leben. Daher trägt auch die Tugend ihren Lohn in sich selbst. Da somit ihre Grundlage die Vernunft ist, scheint sie den Stoikern unverlierbar; auch gibt es nach ihrer Auffassung zwischen Tugend und Laster kein Mittleres. Doch ist die Tugend stets zugleich theoretisch und praktisch. Demgemäß stellte die Stoa die vier Kardinaltugenden auf: Einsicht, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Besonnenheit, die sie wieder in Unterarten schied, z.B. die Tapferkeit in: Ausharren, Unverzagtheit, Seelengröße, Mut und Arbeitsliebe. (Diog. Laert. VII, § 81 ff.) Nach
Epikuros
(341-270) ist die Haupttugend die richtige Einsicht bei der
Abwägung von Lust und Unlust
, die sich an eine Handlung knüpfen kann. Die Tugend ist also der einzig mögliche, aber auch ganz sichere Weg zur Glückseligkeit. (Diog. Laert. X, § 138.)
Plotinos
(205-270), der die Tugend mit Platon als
Verähnlichung mit Gott
bezeichnet, unterscheidet bürgerliche, reinigende und vergöttlichende Tugenden. –
Augustinus
(353-430) definiert die Tugend als
Gehorsam und Liebe gegen Gott
, die dieser in uns ohne unser Zutun hervorbringt; sie entfalte sich zu den vier heidnischen Kardinaltugenden, zu denen aber beim Christen noch drei theologische: Glaube, Liebe und Hoffnung träten.
Petr. Lombardus
( 1160) lehrte ebenso, nur bestimmt er die Tugend als die
richtige Beschaffenheit
des auf das Gute gerichteten Willens.
Abälard
(1079-1142), sein Zeitgenosse, nennt die Tugend den zur bleibenden Eigenschaft gefestigten guten Willen.
Thomas von Aquino
(1225-1274) kombiniert die Ideen des Aristoteles, Augustinus und Plotinos, indem er im ganzen zehn Tugenden aufstellt: a)
intellektuelle
oder dianoëtische Tugenden, nämlich Weisheit, Wissenschaft und Erkenntnis; b)
moralische
, nämlich die vier antiken Kardinaltugenden, die als rein moralische, politische, reinigende, erhebende und vorbildliche erscheinen; c) die drei
theologischen
. –
Melanchthon
(1497-1660), der Verfasser der ersten protestantischen Ethik, faßt die Tugend als die
Neigung, der richtigen Vernunft zu gehorchen
. Ähnliches lehrt
Cartesius
(1596 bis 1650) da, wo er einmal Ethisches berührt.
Spinoza
(1632-1677) kommt durch eine eigentümliche Ableitung auf einen der stoischen Lehre verwandten Standpunkt. Da nach ihm alles das gut ist, was uns nützt, so ist Tugend die Fähigkeit, das unserer Natur Entsprechende zu tun. Dies aber ist
die Erkenntnis Gottes
; diese lehrt mich nicht nur mit meiner eigenen Natur, sondern auch mit derjenigen anderer in Übereinstimmung zu sein. Ähnliche Lehren finden sich bei
Leibniz
(1646-1716): Da die Weisheit die Wissenschaft der Glückseligkeit ist, diese aber nur in dauernder Lust beruht, welche aus unserer oder fremder Vollkommenheit entspringt, so ist die Tugend eine gewisse
Kraft
des Geistes,
welche uns zur Ausführung des als recht Erkannten treibt. Chr. Wolf
(1679 bis 1754) zog diese Sätze dahin zusammen, daß er sagte, die Tugend sei die
Fertigkeit, seinen Zustand immer vollkommener zu machen. Kant
(1724-1804) definierte: »Tugend ist die moralische Stärke des Menschen in
Befolgung seiner Pflicht
, die niemals zur Gewohnheit werden, sondern immer ganz neu und ursprünglich aus der Denkungsart hervorgehen soll« (Anthrop. § 10 S. 35), und: »Tugend ist die Stärke der Maxime des Menschen in Befolgung seiner Pflicht« (Metaph. d. Sitten II, S. 28). Ähnlich faßt J. G.
Fichte
(1762-1814) die Tugend als den ein für allemal
sittlichen Charakter. Hegel
(1770 bis 1831) definiert sie als
sittliche Virtuosität
; sie ist Einsicht und Charakter.
Herbart
(1776-1841) sagt, Tugend bedeute den
inneren
Wert derjenigen Person, welche die sämtlichen Regeln des Handelns kenne und beobachte. Nach
Schopenhauer
(1788-1860), welcher die Tugend nicht für lehrbar ansieht, geht sie zwar von der Erkenntnis aus, aber nicht von der abstrakten, sondern der intuitiven, so daß sie gewissermaßen wie das Genie
angeboren
ist.
Formal läßt sich die Tugend definieren als die Kraft der sittlichen Gesinnung und Betätigung des Menschen. Inhaltlich empfängt sie im einzelnen ihre Bestimmung aus den Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zu Gott aus der Erfahrung heraus. Über die Einteilung der Tugenden s. Kardinaltugenden. Vgl. Pflicht, höchstes Gut.
Tugendlehre
Tugendlehre
heißt derjenige Teil der Ethik (s. d.), welcher von den Tugenden handelt, oder, wie
Kant
(1724-1804) sagt, die Wissenschaft von den notwendigen sittlichen Gesetzen eines freien Willens unter den subjektiven empirischen Hindernissen.
Tugendpflichten
Tugendpflichten
(lat. officia honestatis) sind nach der älteren Ethik solche Pflichten, die bloß dem freien Selbstzwange, nicht dem anderer Menschen entstammen. Vgl. Pflicht.
Tuismus
Tuismus
(nlt., abgeleitet von tu = du) heißt soviel als Altruismus (s. d.).
Typus
Typus
(gr.
typos
) heißt eigentl. Gepräge, dann Bild, Muster, Gesamtvorstellung einer Sache nach ihren bleibenden und wesentlichen Merkmalen. So spricht man vom Typus einer Tiergattung, einer Krankheit, eines Mythus u. dgl.
Platon
(427 bis 347) nannte seine Ideen die Typen (Musterbilder) der sinnlichen Dinge. Die Scholastiker sprachen demgemäß von einer mens archetypa, einem urbildlichen Verstande, in welchem die ewigen Muster der Sinnendinge liegen. Auch die Identitätsphilosophie gebrauchte den Begriff des Typischen, den sie als Vorausdeutung der nächstfolgenden Entwicklungsstufe faßte. Ebenso fand sie in der Geschichte spätere Erscheinungen schon vorher typisch angedeutet.
Übel
Übel
(lat. malum, gr.
kakon
) heißt dasjenige, was uns schadet und das auch Unlust oder Abscheu in uns erregt. Man unterscheidet gewöhnlich ein vierfaches Übel, das physische, das soziale, das moralische und das metaphysische. Das
physische
Übel umfaßt alles, was unser äußeres Wohlbefinden stört, z.B. Alter, Schwäche, Krankheit; das
soziale
Übel hat seinen Ursprung in den Schäden der Gesellschaft, so z.B. der Unterschied zwischen reich und arm; das
moralische
Übel besteht in der sittlichen Unvollkommenheit des Menschen und zeigt seine Existenz in Sünde und Verbrechen; das
metaphysische
Übel ist mit dem Wesen des Menschen und der Welt überhaupt gegeben und ist die damit notwendig verbundene Unvollkommenheit. Die Theodicee (s. d.) beschäftigt sich besonders mit der Frage des Ursprungs des Übels in der Welt. Meist sucht man das Wesen des Übels in dem Mangel, in der Verneinung, in der Beschränkung, so z.B.
Leibniz
(1646-1716) und vor ihm
Albertus Magnus, Thomas v. Aquino. Schopenhauer
(1788-1860) dagegen erklärt das Übel für etwas Positives. Kant (1724-1804) definiert: Das Wohl oder Übel bedeutet immer nur eine Beziehung auf unseren Zustand der Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit, des Vergnügens und Schmerzes, und, wenn wir darum ein Objekt begehren oder verabscheuen, so geschieht es nur, sofern es auf unsere Sinnlichkeit und das Gefühl der Lust und Unlust, das es bewirkt, bezogen wird (Kr. d. pr. V., S. 105). Vgl. Optimismus, gut böse.
Überlegung
Überlegung
(lat. reflexio) nennt man die dem Urteilen oder Handeln vorausgehende Prüfung, ob das, was man vorhat, richtig, nützlich, möglich oder sittlich sei. Je weniger der Mensch durch Vorurteile und Begierden beunruhigt wird, desto reiner ist seine Überlegung. Jede solche besteht, wie das Wort andeutet, aus einem Hin- und Herschwanken zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Je gründlicher die Überlegung ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie das Richtige treffe. Je mehr Gesichtspunkte jemand zu berücksichtigen hat, desto schwerer, aber auch desto reiflicher wird die Entscheidung. – Eiliges, absprechendes Urteilen zeugt von Oberflächlichkeit und Impietät. Ruhige Überlegung ist die Voraussetzung der praktischen Willensfreiheit. Vgl. Reflexion. –
Kant
(1724-1804) nennt »
transscendentale Überlegung
« die Bestimmung desjenigen Vermögens, zu dem die Vorstellungen der Dinge, die verglichen werden, hingehören, ob sie der reine Verstand denkt oder die Sinnlichkeit in der Erscheinung gibt. »Die Handlung, dadurch ich die Vergleichungen der Vorstellungen überhaupt mit der Erkenntniskraft zusammenhalte, darin sie angestellt wird, und wodurch ich unterscheide, ob sie als gehörig zum reinen Verstände oder zur sinnlichen Anschauung untereinander verglichen werden, nenne ich die transscendentale Überlegung« (Kr. d. r. V., S. 261).
Überlieferung
Überlieferung
, s. Tradition.
Übermensch
Übermensch
nennt in
Goethes
Faust (I) der Erdgeist Faust.
Nietzsche
(1844-1900) sieht in der Züchtung des Übermenschen das Endziel der menschlichen Entwicklung. Mit dem Begriff Übermensch wird in der Gegenwart in Ernst und Scherz viel Unfug getrieben. Es ist eins der Modewörter des Modernen geworden.
Übermut
Übermut
(lat. superbia, gr.
hybris
) heißt das vermessene Vertrauen eines Menschen auf seine eigenen Kräfte. Der Übermütige übernimmt in unüberlegtem Selbstvertrauen mehr, als er vermag, verachtet Feinde und Hindernisse, verschmäht fremden Rat und Beistand und handelt so, als ob ihm alles erlaubt wäre. Gegen diesen Übermut, dem mächtige, physisch oder intellektuell ausgezeichnete Menschen am meisten ausgesetzt sind, eifern die griechischen Tragiker. So schließt
Sophokles
(497 bis 406), der besonders im Aias die Folgen des Übermutes gezeigt hat, seine Antigone: »Es tut uns zumeist Besonnenheit not, um glücklich zu sein. Drum sündiget nie am Göttergebot. Die Vermessenheit büßt ihr prahlendes Wort mit schwerem Gericht und muß dann zuletzt noch im Alter Besonnenheit lernen.« (
pollô to phronein eudaimonias prôton hyparchei; chrê de ta g' eis theous mêden aseptein; megaloi de logoi megalas plêgas tôn hyperauchôn apotisantes gêra to phronein edidaxan
).
übernatürlich
übernatürlich
(lat. supernaturalis) oder hyperphysisch (gr.) bezeichnet den Gegensatz von natürlich, mithin 1. das
Ungewöhnliche
, welches von dein Alltäglichen abweicht, z.B. eine besondere Steigerung und Vereinigung physischer oder geistiger Kräfte, wie in Goethe u. a.; 2. das von den bisher bekannten Naturgesetzen
Abweichende
; 3. das
Geistige
, Übersinnliche, Göttliche. Vgl. Natur, Gesetz, Wunder.
überreden
überreden
heißt durch Worte bewirken, daß jemand etwas für wahr hält oder etwas tut, was er vorher nicht glaubte oder wollte.
Überzeugen
heißt mit Gründen bestimmend einwirken. Ein Redner will überreden, ein Philosoph überzeugen.
übersinnlich
übersinnlich
bedeutet 1. dasjenige, was mit den Sinnen nicht erfaßt werden kann; 2. was über die Sinnenwelt überhaupt hinausgeht, also das Geistige, die Welt der Ideen.
Überzeugung
Überzeugung
(lat. persuasio) heißt die durch eigenes Urteilen gewonnene Einsicht oder das auf Gründe gestützte Fürwahrhalten. Das Fürwahrhalten hat verschiedene Grade, welche man als Wähnen, Meinen, Glauben und Wissen bezeichnet. Nur von dem, was durch subjektiv und objektiv zureichende Gründe gestützt wird, können wir fest überzeugt sein; und nur was wir uns durch eigenes Nachdenken erarbeitet haben, wird als unumstößliche Überzeugung allen Einwürfen trotzen. Denn die Überzeugung ist nicht bloß Sache der Einsicht oder gar des Gefühls, sondern zum großen Teil auch des Willens. Kommt schon keine Erkenntnis zustande ohne Anwendung des Willens, so ist erst recht eine Überzeugung vor allem das Werk der sittlichen Persönlichkeit, welche im allgemeinen den Wert der Wahrheit zu schätzen weiß und insbesondere diese oder jene Wahrheit als für sie wertvoll ergreift. Darum ist jede Weltanschauung der Ausdruck des betreffenden Charakters, der sie verteidigt. – Der Plural Überzeugungen bedeutet s. a. Wahrheiten oder Grundsätze.
ultra posse nemo obligatur
ultra posse nemo obligatur
heißt: »Niemand kann zu dem genötigt werden, was seine Kraft übersteigt.« Dieser Satz, der auf
Celsus
(100 n. Chr.) zurückgeht, ist natürlich nur mit Einschränkung richtig. Denn oft sagt der Widerwillige, von welchem man etwas verlangt: »Ich kann nicht«, und meistens kann der Mensch viel mehr leisten, als er denkt, wenn er nur den guten Willen dazu hat. Der Satz: »ultra posse usw.« enthält also mehr für den Pädagogen, Gesetzgeber und Feldherrn eine Mahnung, als für den, der erzogen und geleitet werden soll, eine Rechtfertigung. Vgl. Ad impossibilia usw.
umdrehbar
umdrehbar
, s. reziprok und Antistrephon.
Umfang
Umfang
(lat. ambitus, gr.
sphaira
) eines Begriffs heißt die Gesamtheit derjenigen Gegenstände, die in sein Gebiet fallen, von denen er also als Prädikat gebraucht werden kann. Die Einteilung des Umfangs eines Begriffs nennt man
Divisio
. Ein Begriff hat Umfang, sofern er andere Begriffe unter sich befaßt, z.B. der Begriff des Tieres den des Affen, Löwen, Hundes usw. Je mehr Begriffe ein Begriff unter sich befaßt, desto weiteren Umfang hat er. Jene stehen zu ihm im Verhältnis der Unterordnung (subordinatio); Begriffe, welche demselben höheren untergeordnet sind, heißen nebengeordnet (koordiniert). Der höhere Begriff ist abstrakter und hat weniger Inhalt (s. d.) als der untergeordnete und konkretere. Umfang und Inhalt eines Begriffs stehen daher im umgekehrten Verhältnis zueinander.
Einzelbegriffe
haben den kleinsten Umfang, weil sie sich nur auf ein Individuum beziehen, aber den größten Inhalt, weil ein Individuum stets mehr Merkmale hat als eine Art oder Gattung. Wechselbegriffe (notiones aequipollentes oder reciprocae) nennt man die, deren Umfänge miteinander identisch sind;
identische
dagegen solche, deren Umfang und Inhalt zusammenfällt. Vgl. Begriffe, Merkmal, conträr, disjunkt, disparat. – Auch
Urteilen
schreibt man einen Umfang zu, sofern sie sich auf mehr oder weniger Objekte beziehen. Doch ist der Umfang des Urteils in Wirklichkeit nur der Umfang seines Subjektes. Den größten Umfang hat das allgemeine, geringeren das partikuläre, den geringsten das singuläre Urteil. Vgl. Begriff, Urteil.
Umkehrung
Umkehrung
, s. Conversion, Contraposition, Enthymem, Sorites.
unadäquat
unadäquat
oder inadäquat (von lat. aequus, gleich), unangemessen, ist das Gegenteil von
adäquat
oder angemessen (s. d.).
unangenehm nennt man jeden Reiz, der sinnlichen Schmerz oder sinnliche Unlust erweckt. Jede Empfindung ist mehr oder weniger betont, d.h. mit dem Bewußtwerden einer Lust oder Unlust verknüpft. Der zu starke Reiz ist unangenehm; steigert er sich weiter, so entsteht Schmerz und Unlust. Bei manchen Nervenstämmen und Fasern, wie Geruch und Geschmack, wird letzterer fast nie erreicht. Beim Druck-, Wärme- und Muskelsystem aber wird aus gesteigerter Unannehmlichkeit oft Schmerz. Bei den beiden edlen Sinnen (Gesicht und Gehör) entsteht Unannehmlichkeit durch die Störungsform der Erregung; Schmerz dagegen ist ein Zeichen der äußersten Gefährdung ihres Bestandes. Vgl. Schmerz, Lust.
unanständig
unanständig
heißt dasjenige Betragen, welches dem ästhetischen oder sittlichen Gefühl einer Gemeinschaft widerspricht und ihr deshalb mißfällt. Im besonderen ist alles unanständig, was das Schamgefühl verletzt. Je nach dem Bildungsgrade halten aber verschiedene Klassen etwas anderes für unanständig. Vgl. Anstand.
unbedingt
unbedingt
, s. absolut.
unbefangen
unbefangen
ist derjenige, welcher in seinen Urteilen und Handlungen weder durch Vorurteile und Parteilichkeit, noch durch Affekte und Leidenschaften bestimmt wird. Unbefangenheit ist die Voraussetzung alles richtigen Forschens.
unbegreiflich
unbegreiflich
nennt man das, was die Schranken des menschlichen Erkenntnisvermögens überschreitet. Gerade je weiter jemand in der Erkenntnis der Dinge fortschreitet, desto mehr wird er bereit sein, zuzugestehen, daß es Unbegreifliches gibt. Vgl. Agnosie. So behauptet
Sokrates
zu wissen, daß er nichts wisse.
Nikolaus v. Cues
(1401-1464) rühmte die docta ignorantia, d.h. die Erkenntnis der Unwissenheit, und der Physiologe E.
Dubois-Reymond
(1818-1896) hat in bezug auf die sieben Welträtsel ausgesprochen: Ignorabimus (wir werden es nicht wissen). Vgl. Ignorabimus.
unbewußte Vorstellungen
unbewußte Vorstellungen
(d.h. in der Seele vorhandene, aber nicht zum Bewußtsein kommende) Vorstellungen werden von
Descartes
(1596-1650), der das Denken zum Wesen der Seele erhob, abgewiesen.
Locke
(1632-1704) verneinte sie ebenfalls in seiner Bekämpfung der angeborenen Begriffe. In der Seele oder im Verstande sein heißt nach ihm soviel als verstanden oder gewußt werden. Niemand kann daher nach seiner Auffassung eine Vorstellung haben, ohne von ihr zu wissen.
Leibniz
(1646-1716) dagegen weist den unbewußten Vorstellungen in seinem System einen wichtigen Platz zu; jedem Vorgang im Leibe, auch dem ganz unbewußten, entspricht ein solcher in der Seele. Die Seele kann überhaupt nicht untätig sein; sie muß daher unbewußte Vorstellungen haben; an sie grenzen die »kleinen« Vorstellungen, die den Grund der scheinbar willkürlichen Tätigkeit bilden, an diese erst die bewußten Vorstellungen. (Vgl. Occasionalismus, angeboren, a priori).
Kant
(1724-1804) spricht von dunklen Vorstellungen, deren wir uns unmittelbar nicht bewußt sind (Anthrop. § 5 S. 16). J. G.
Fichte
(1762-1814) nimmt eine produktive Einbildungskraft an, durch deren unbewußte Tätigkeit Widerstände und Hemmungen im Ich entstehen, so daß dadurch der Schein einer selbständigen Natur außerhalb des Ichs hervorgerufen wird.
Herbart
(1776-1841) steht auf ähnlichem Standpunkte wie Leibniz. Auch die neuere Psychologie hat die unbewußten Vorstellungen eifrig verteidigt als die Form, in der sich die organisch – vitalen Funktionen der Seele vollziehen. Am weitesten geht hierin E. v.
Hartmann
; er sieht in dem Unbewußten das in allen Dingen wirksame Absolute und leitet das Bewußtsein aus der »Stupefaktion« des unbewußten Willens über die von ihm nicht gewollte und doch vorhandene Existenz von Vorstellungen ab. Auch faßt er die unbewußte Vorstellung anthropologisch so allgemein, daß er solche nicht nur im Hirne, sondern auch im Rückenmark und den Ganglien annimmt. – Vgl. Vorstellung, Bewußtsein. –
Unbewußt werden
tatsächlich fortwährend bewußte psychische Inhalte im Flusse des psychischen Geschehens, sowohl Gebilde von Vorstellungen und Gefühlen, als auch ihre einzelnen Elemente. Sie können verschwinden und sukzessiv wieder hervortreten. Mit der Bezeichnung »unbewußt« wird eben die Möglichkeit ihres Wiederauftretens, also eine Existenz-Anlage (Disposition) bezeichnet. Vgl. auch Körperbewegungen.
Undank
Undank
, s. Dankbarkeit.
undeutlich
undeutlich
, s. deutlich.
Unding
Unding
ist ein Begriff einer Sache, die entweder nicht als existierend (non ens) oder überhaupt nicht gedacht werden kann (nonsens). Vgl. Nichts.
unendlich
unendlich
(infinitus) nennt man dasjenige, was nach Zahl, Raum, Zeit, Bewegung oder Masse ohne Schranken ist. Es ist, wie
Kant
(1724-1804) sagt, ein Quantum, dessen Größe sich durch keine vollendete Synthesis seiner Teile messen läßt, oder eine Größe, deren Verhältnis zu einer jeden beliebig anzunehmenden Einheit sich durch keine Zahl adäquat bestimmen und ausdrücken läßt. Unendlich sind Dinge nicht an sich, sondern nur dem Begriffe nach, sofern sie in einer abgeschlossenen und fertigen Konstruktion nicht zusammengefaßt werden können. Kann zu einer Größe immer noch etwas hinzugedacht werden, so entsteht das unendlich Große (das Zeichen
¥
rührt von dem englischen Mathematiker Wallis [1616-1703] her, der es 1655 einführte), kann stets noch etwas fortgedacht werden, das unendlich Kleine (
e
). Das Unendliche ist nie in der
Anschauung fertig
, sondern nur im
Begriff als Aufgabe
gegeben und besteht in der Idee der Möglichkeit einer unbeschränkten Wiederholung eines Vorganges. Der Begriff des Unendlichen wurzelt zunächst in der Zahlenreihe, bei der ein Abschluß nicht zu finden ist. Es ergibt sich sodann, bei der Entwicklung der Zeitvorstellung. Unsere Phantasie bildet z.B. vor- und rückwärts, in die Zukunft wie in die Vergangenheit eine unendliche Zeitreihe, aus welcher sich die Ewigkeit als ein Schema, welches das Nacheinander in eine Anschauung zu bringen sucht, entwickelt. Auf drei Arten pflegt man sich die Ewigkeit vorzustellen: als stetige Gegenwart (als nunc stans), als leere unendliche Zeitfolge oder als endlich volle, aber unendlich rekurrente Zeitreihe. Die erste Vorstellung finden wir bei den
Neuplatonikern
und
Scholastikern
, bei
Descartes
(1596-1650) und
Spinoza
(1632-1677), ja selbst
Kant
(1724-1804) bezeichnet die Ewigkeit als das Ende aller Zeit. Die letzte Art der Vorstellung finden wir bei den meisten alten Völkern, während die zweite z.B. von
Leibniz
(1646 bis 1716) vertreten wird, der die Ewigkeit als etwas Objektives, die endliche Zeit hingegen als eine subjektive Vorstellung ansieht. An die Vorstellung der unendlichen Zeitreihe schließt sich leicht die des unendlichen Raumes, obgleich diese noch unvollziehbarer ist als jene, weil wir nach drei Dimensionen zu gehen haben und selber dadurch den Eindruck des Grenzenlosen zerstören. Daher greift die Phantasie gern zur unendlichen Zeitreihe zurück und hält denjenigen Raum für unendlich, den auszumessen eine unendliche Zeit nötig sein würde. Schon Hobbes und Locke haben darauf hingewiesen, daß wir eigentlich gar keine
Vorstellung
des unendlichen Raumes, sondern nur einen
Begriff
der Unendlichkeit des Raumes besitzen. Vgl. Raum. Übrigens ist ein Regreß ins Unendliche (in infinitum) (s. d.) wohl zu unterscheiden von einem solchen ins Unbestimmte (in indefinitum). In der Philosophie ist oft Unendliches und Absolutes verwechselt worden. So stellt
Hegel
(1770-1831) der gewöhnlichen »schlechten Unendlichkeit« die wahre gegenüber, wonach der Begriff als das allein Reale in sich selbst seine eigene Negation erzeuge, in sein Gegenteil umschlage und somit seine Endlichkeit aufhebe.
Aristoteles
(384-322) definiert das
Unendliche
(Unbegrenzte,
apeiron
) als dasjenige, was der Größe nach nicht bestimmt werden kann, was nie fertig und ganz ist, was sich nicht, so begrenzen läßt, daß nicht immer ein Teil davon außerhalb läge (Phys. III, 6 p. 207a 1:
hou aei ti exô esti, tout' apeiron estin
). Das Unbegrenzte ist nach Aristoteles nur ein Mögliches, aber nicht ein Wirkliches; Körper und Zahl sind nicht unendlich; die Welt ist ein Vollendetes und Ganzes. Aber die Zeit und Bewegung ist ohne Anfang und Ende, und die Zahl läßt sich ins Unendliche vermehren; das Unendliche ist also kein Fertiges, sondern nur ein Werdendes, ein Mögliches. –
Descartes
(1596-1650) unterschied zwischen dem Unbestimmten (indefinitum) und dem Unendlichen (infinitum). Unbestimmt nannte er dasjenige, an dem man in gewisser Beziehung keine Grenze erkennt (in quibus sub aliqua ratione finem non agnosco), unendlich dasjenige, an dem überhaupt keine Grenzen existieren (in quo nulla ex parte limites inveniuntur).
Locke
(1632-1704) erklärt:
Endlich
und
unendlich
werden von der Seele als Besonderungen der Größe genommen und zunächst in ihrer ersten Bedeutung nur den Dingen beigelegt, welche aus Teilen bestehen und durch Abnahme oder Hinzufügung selbst des kleinsten Teiles der Verminderung oder Vergrößerung fähig sind.
Wundt
(geb. 1832) erklärt, daß der absolute Unendlichkeitsbegriff überhaupt nur in der Form eines von den erzeugenden Operationen völlig abstrahierenden
Postulates
gedacht werden kann. Vgl.
Kurt Geißler
, Die Grundzüge und das Wesen des Unendlichen. Leipzig 1902.
Unentschiedenheit
Unentschiedenheit
ist derjenige Gemütszustand, in dem man entweder kein Urteil fällen oder keinen Entschluß fassen kann. Darüber hinauszukommen, hilft nur, daß man den Gründen seiner Vernunft folgt, nicht aber, wie manche es tun, dem Lose oder dem zufälligen Rate anderer. Vgl. Entschluß, Aoristie.
Unglaube
Unglaube
, das Gegenteil vom Glauben, ist die Denkungsart, nichts als wahr anzuerkennen, was man nicht selbst durch objektive Gründe eingesehen hat. Dieser Unglaube kann entweder ein
historischer
oder ein
religiöser
oder ein
philosophischer
sein. In allen drei Fällen ist er, wenn er total ist, unberechtigt, weil er dann widersinnig ist, wenn partiell, ist er dagegen vernünftig. Der absolute historische und philosophische Unglaube heißt
Skeptizismus
, der religiöse Irreligiosität oder
Atheismus
. Der partielle philosophische Unglaube heißt dagegen
Kritizismus
. In konfessioneller Hinsicht nennt jede Glaubensgemeinschaft den, der nicht gerade ihr anhängt, einen Ungläubigen.
Kant
(1724-1804) sagt vom Standpunkte seiner Ethikotheologie aus, ungläubig ist der, welcher den Vernunftideen (Gott, Freiheit, Unsterblichkeit) darum alle Gültigkeit abspricht, weil es ihnen an theoretischer Begründung fehlt. Vgl. Glaube.
Unglück
Unglück
ist ein für uns schädliches oder unangenehmes Zusammentreffen der Umstände. Je mehr wir seine Möglichkeit voraussehen, desto erträglicher erscheint es uns. Durch die Einsicht in seine Notwendigkeit, in seine Allgemeinheit, und in das Gute, welches es oft mit sich bringt, befähigen wir uns zum gelassenen Ertragen des Unglücks. Vgl. trösten.
universal
universal
(lat.) s. allgemein, Nominalismus, Realismus.
unlauter
unlauter
heißt derjenige, welcher das Gute nicht um seiner selbst, sondern um des daraus erhofften Vorteils willen tut, dessen Handlungen also zwar äußerlich mit dem Gesetz übereinstimmen, aber innerlich aus unsittlicher Gesinnung entspringen.
Unlust
Unlust
, s. Lust, Schmerz.
Unschuld
Unschuld
bedeutet 1. den
Mangel
an Schuld; so sucht z.B. der Anwalt die Unschuld seines Klienten zu beweisen; 2. den
Zustand
eines vernünftigen Wesens, in welchem es keine innere und äußere Möglichkeit überhaupt hat, unmoralisch zu handeln. So nennt man die
unmündigen
Kinder unschuldig. Da ihnen der Unterschied von gut und böse noch nicht zum Bewußtsein gekommen ist, kann ihnen keine Tat zugerechnet werden. Vgl. Schuld, Sünde, Zurechnung, naiv.
Unsinn
Unsinn
(nonsens) bedeutet etwas, was sich auf vernünftige Weise nicht erklären läßt.
Unsinnig
heißt derjenige, welcher so redet oder handelt, daß darin kein Verstand liegt.
Unsterblichkeit
Unsterblichkeit
der Seele oder des Geistes bedeutet
im eigentlichen Sinne
nicht die Fortexistenz der einzelnen menschlichen Seele im Allgeiste, das Fortbestehen einer Seelensubstanz überhaupt, sondern vielmehr die selbständige Fortdauer der einzelnen, menschlichen geistigen Persönlichkeit und Individualität. Die bloße Fortdauer als Teil einer allgemeinen göttlichen Substanz oder Aktualität oder das Fortleben im Gedächtnis der Nachwelt oder das Fortwirken des Menschen durch seine Ideen ist kein Fortleben des persönlichen Bewußtseins und kann nur im übertragenen Sinne eine Unsterblichkeit genannt werden. Dem Begriffe der Unsterblichkeit, der ein individuelles Verlangen zum Ausdruck bringt, entspricht allein die Fortdauer des persönlichen Ichs. Wir finden auch bei vielen Völkern diesen Glauben verbreitet und zwar in drei Hauptanschauungen: 1. Die älteste, welche auch bei Homer und im Alten Testamente auftritt, ist, daß die Seelen unter der Erde in einem freudlosen
Schattenreich
(Hades, Scheol) dahindämmern. 2. In Indien und Ägypten lehrte man die
Metempsychose
(s. d.), d.h. einen eine Vergeltung in sich einschließenden moralischen Kreislauf, den die Seele durchzumachen habe; ähnlich dachten sich Empedokles, Philolaos und Platon die Unsterblichkeit als Seelenwanderung. 3. Das Christentum, der Islam und der Talmud betonen die Idee der
Vergeltung
(Seligkeit und Verdammnis) und die
Auferweckung des Leibes
(oder Fleisches), welche man sich, im Anschluß an die poetischen Schilderungen von Dante, Swedenborg, Bunyan, Klopstock u. a. mehr oder weniger sinnlich vorstellte.
Für die Unsterblichkeit der Seele sind viele
Beweise
versucht worden. Man kann sie einteilen in metaphysische, physische, psychische, logische, ästhetische, ethische (moralische) und religiöse.
Metaphysisch
schließt man z.B.: Mit dem Wesen der Seele ist das Leben verbunden; sie kann also gar
nicht anders als lebend
gedacht werden (Platon) oder: Die Seele ist das
Immerbewegte
, das Prinzip der Bewegung, und darum unvergänglich (Alkmaion, Platon) oder: Der Geist ist ewig, weil er, als die Wahrheit, selbst ein Gegenstand, und so von seiner Realität untrennbar ist (Hegel). –
Physisch
wird z.B. geschlossen: Die menschliche Seele ist eine Kraft im engeren Verstande, eine Substanz, und nicht eine Zusammensetzung von Substanzen. Ein Ende ihres Seins läßt sich nicht begreifen, da vom Sein zum Nichtsein kein Übergang stattfindet (Platner); oder: Es entspricht der Stellung des Menschen im Naturreiche nicht, daß seine Seele sterblich ist. Wäre sie es, so wäre er elender als das Tier, das wenigstens nicht durch Erinnerung und Hoffnung gequält wird (populär). –
Psychologisch
sind z.B. folgende Beweise: Wir besitzen ein
angeborenes Wissen
, das durch Erinnerung zu neuem Leben geweckt wird. Hieraus läßt sich auf eine Präexistenz der Seele schließen, der ein Fortleben nach dem Tode entspricht (Platon); oder: Die edelsten Menschen haben eine Sehnsucht nach einem Jenseits, die nicht getäuscht werden kann (Platon). –
Logische
Beweise für die Unsterblichkeit sind z.B.: Die Seele ist
einfach, unkörperlich und darum unzerstörbar
(Berkeley, Leibniz, Wolf, Herbart); oder: Die Seele ist ihre eigene Ursache (ex se ipsa causa) und darum unsterblich (Albertus Magnus). –
Ethisch
(moralisch) ist der Beweis
Mendelssohns
: Ein Loben nach dem Tode ist notwendig, wenn die Taten und der Lohn des Menschen in einem
normalen Verhältnis
stehen sollen, und der Beweis
Kants
: Weil wir in diesem Leben völlige Heiligkeit nicht erlangen können, muß ein
Progreß in's Unendliche
, also ein ewiges Leben der Seele, als Postulat der praktischen Vernunft gelten. –
Ästhetisch
ist der Beweis
Schillers
in den »Künstlern«, daß das
Gleichmaß und die Gerechtigkeit
ein zweites Leben jenseits der Urne »in des Avernus finsterm Ozean« fordern. –
Religiöse
Beweise sind: Es ist ein
Widerspruch gegen Gottes Güte
, daß er das so schön Gefügte wiederum auflösen und vernichten sollte (Platon); oder der Beweis des
Augustinus
: Die Seele hat
teil an den ewigen Wahrheiten
und ist darum unsterblich. – Jede einzelne Religion, welche die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele vertritt, fügt hierzu aus ihre Eschatologie weitere Beweise hinzu.
Vor strenger Prüfung dürfte keins dieser Argumente standhalten. Aber alle entsprechen einem Wunsch und einer Hoffnung des Individuums. So ist die Idee der
Unsterblichkeit ein persönlicher Glaube
, zu dem man niemand zwingen kann,
nicht ein theoretisches Wissen
. Der Realist wird sich nicht leicht zu diesem Glauben bekennen, der
Pantheist
wird nur das Fortleben im All zugeben, der
Idealist
wird von seinem Standpunkt aus, ebenso wie der schlichtgläubige, der Philosophie fernstehende Mensch am unmittelbarsten zu dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele hingeführt werden. – Vgl.
Platon
, Phädon. M.
Mendelssohn
, Phädon. 1767. J. H.
Fichte
, Idee d. Persönl. u. d. indiv. Fortdauer. 1834.
Fechner
, Büchlein v. Leben u. d. Tode. 1834 und Zendavesta III. 1851. Spieß, Entwicklungsgesch. der Vorstellungen vom Zustand nach dem Tode. Jena 1877.
Henne am Rhyn
, das Jenseits. Leipz. 1880.
Unterbegriff
Unterbegriff
, s. Terminus.
Untersatz
Untersatz
, s. Schluß.
unterscheiden
unterscheiden
bildet eine der Grundtätigkeiten des Denkens. Das Subjekt unterscheidet sich selbst vom Objekt, es unterscheidet sich von seinen Vorstellungen, sondert diese wieder in räumliche und zeitliche, unterscheidet Empfindung, Anschauung und Wahrnehmung, Vorstellung, Gedanken; das Bilden von Begriffen usw. beruht hauptsächlich auf dem Unterscheiden. Unterscheidung führt zur Klarheit. Dies hebt besonders H.
Ulrici
(1806-84), System der Logik, 1862, hervor. Vgl. Synthesis.
Untugend
Untugend
nennt man die einer Tugend widerstreitende Gewöhnung. Untugend ist also nicht bloß Mangel an Tugend, sondern positive Schlechtigkeit. Dem Laster gegenüber ist Untugend der geringere Grad der Schlechtigkeit.
unvereinbar
unvereinbar
heißen diejenigen Begriffe, welche demselben Subjekt nicht in derselben Beziehung beigelegt werden können; und zwar unterscheidet man unvereinbare konträre und kontradiktorische Begriffe (s. d.).
unzurechnungsfähig
unzurechnungsfähig
, s. Zurechnung.
Urbegriff
Urbegriff
heißt Stammbegriff; s. Kategorie.
Ursache
Ursache
(causa) heißt diejenige Sache, deren Dasein das Dasein einer anderen, oder derjenige Vorgang, dessen Eintritt den Eintritt eines anderen, der
Wirkung
, notwendig macht (causa essendi seu fiendi). Beide, Ursache und Wirkung, stehen miteinander in fester Verbindung (Kausalnexus); die Wirkung steht zur Ursache im Verhältnis der Abhängigkeit, die Ursache zur Wirkung im Verhältnis der Herrschaft. Wir schließen, daß B die Ursache für die Veränderung an A sei, sobald wir bemerken, daß aus
a
b
c
(=A)
a
b
d
geworden ist, nachdem B zu A hinzugetreten war, und dies in jedem Falle. Der Grund für diese Veränderung, schließen wir, kann nicht in A enthalten sein; denn von selbst wird
a
b
c
nie zu
a
b
d
, sondern nur durch B. Nicht daß die eine Wahrnehmung der andern folgt, macht diese zur Ursache jener, sondern, daß, wenn B mit A zusammenkommt, an A das c dem d weicht, macht B zur Ursache des d. So betrachten wir auch nicht die Nacht als Ursache des Tages, sondern die Stellung der Sonne zur Erde. B wird zur Ursache vielmehr erst, sobald es zu A so hinzukommt, daß wir ihm eine Kraft zuschreiben, welche von ihm ausgelöst wird und das d hervorruft. Aber dieses Eingeschlossensein des d, das doch gar nicht an B, sondern an A zur Erscheinung kommt, hat etwas Unbegreifliches. Vgl. Möglichkeit, Kraft. Weil nun aber die Erfahrung das gleiche Kausalitätsverhältnis zweier Dinge stets wiederkehren sieht, ergibt sich als ein Grundgesetz unseres Denkens der Satz: »Kein Ding ohne Ursache«, oder »Alles, was geschieht (anhebt zu sein), setzt etwas voraus, worauf es nach einer Regel folgt« (
Kant
, Kr. d. r. V. S. 189). Stehen doch schon die Begriffe, welche im Satze der Identität und des Widerspruchs verwendet werden, in gegenseitiger Beziehung und Verknüpfung. Sie rufen einander hervor, wie die Ideenassoziation beweist. Ferner glauben wir unser Ich als die schöpferische Ursache für alle seine Vorstellungen erkennen zu können. In der Außenwelt freilich nehmen wir die Ursachen selbst nie wahr, sondern nur die Wirkungen; aus ihnen erschließen wir jene. Aber an uns selbst meinen wir fort und fort den Kausalzusammenhang zwischen Reiz und Empfindung, Unlust und Trieb, Vorstellen und Fühlen, Wollen und Handeln beobachten zu können. Diese Anschauung einer sich äußernden psychischen Kraft übertragen wir dann auf die Außenwelt: Im Bernstein, sagen wir, schlummert die Kraft, Papierstückchen anzuziehen, im Gifte der Tod, im Pulver die Expansivkraft usw. Dieselben Erscheinungen, meinen wir, müssen auch dieselben Ursachen haben: deshalb reden wir von gewissen Naturkräften und Gesetzen, denen wir Allgemeinheit und Notwendigkeit zuschreiben, ohne meist zu beachten, daß diese »ewigen« Naturgesetze oft genug von Erscheinungen durchbrochen oder durch uns selbst erweitert und geändert werden. – Es bleiben aber überhaupt im Begriffe der Ursache unlösbare Schwierigkeiten: Wie kann ein Ding in einem anderen Veränderungen hervorrufen, d.h. ihm eine Qualität aufdrängen, die in ihm selbst gar nicht ist? Verwirft man diesen äußeren Einfluß (influxus physicus) und faßt die Ursachen als innere auf, so erscheint das Ding als seine eigene Ursache und Wirkung. Daher haben manche Philosophen alle Veränderung überhaupt zu leugnen gesucht, andere haben sie auf die jedesmalige Einwirkung Gottes (Occasionalismus) oder wie Leibniz auf eine von Gott prästabilierte Harmonie zurückgeführt, wonach Gott ein für allemal die Veränderungen in den Dingen so geordnet habe, daß sie durcheinander hervorgebracht zu sein scheinen. Im Grunde hat auch die Identitätsphilosophie die Kausalität geleugnet. So kommt die Philosophie mit dem Begriff der Ursache nicht recht zu Rande. Wir stehen vielmehr mit dem Kausalitätsbegriff an einer Grenze unserer Erkenntnis.
Wir bedürfen des Begriffs Ursache und Wirkung zum Aufbau unseres Wissens und können ihn doch nicht ableiten und rechtfertigen.
Er erscheint wie eine Anthropomorphosierung der Welt durch den Menschen. Auch das psychisch Geschehene in uns gibt uns keine volle Aufklärung über das Wesen der Kraft und Ursache. Verursachung und Begründung (vgl. Grund) sind voneinander zu scheiden und nicht miteinander zu verwechseln; Verursachung ist ein Verhältnis in der Wirklichkeit, Begründung ein Verhältnis der menschlichen Gedanken. Nur wer der Theorie huldigt, daß aus reiner Vernunft Erkenntnis der Tatsachen zu schöpfen sei, also der Rationalist, wird beide einander gleichsehen, wie dies Spinoza (1632-1677) getan hat, für den die Formel sequi = causari gilt.
Schon
Platon
und
Aristoteles
stellten es als ein Postulat unserer Vernunft auf, daß man nichts ohne Grund annehme.
Aristoteles
(384-322) zählt vier Prinzipien auf: Stoff, Form, Ursache und Zweck. Daß nichts ohne Ursache geschehe (nihil fieri sine causa), lehrten auch
Epikuros
und
Lucretius
. Doch erst
Cartesins
(1596-1650) nimmt das Kausalitätsgegetz (nihil ex nihilo fit) in den Zusammenhang der rationalistischen Weltanschauung auf (vgl. Cartesianismus) und erst
Leibniz
(1646-1716) formuliert den logischen Grundsatz, daß wir keinen Satz als wahr, kein Faktum als wirklich annehmen ohne einen zureichenden Grund (principe de la raison déterminante ou suffisante). Doch schon
Wolf
(1679 bis 1754), sein Schüler, identifiziert Grund und Ursache, wie vor ihm Spinoza.
Kant
(1724-1804) ringt wieder nach Scheidung beider und erreicht sie zum Teil in seinem Kritizismus.
Schopenhauer
(1788-1860) handelt zwar von einem vierfachen Grunde, dem des Werdens, des Erkennens, des Seins und des Handelns (»Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde« 1813), gibt aber zu, daß diese vier Gestalten auf die üblichen zwei hinauslaufen. –
Hume
(1711-1776) hat zuerst behauptet, der Begriff der Kausalität sei ganz subjektiv und unberechtigt, da er infolge der Beobachtung einer gleichen Aufeinanderfolge von Ereignissen in uns nur durch Gewohnheit entstehe (post hoc, ergo propter hoc); er habe also für die Erkenntnis und das Verhältnis der Dinge selbst keine Bedeutung. Doch widerspricht sich Hume insofern, als er die Sukzession der Ereignisse für die Ursache erklärt, daß die
Erwartung in uns erzeugt
werde und durch Gewohnheit der Begriff der Ursache in uns entstehe. Ganz im Gegensatz dazu behauptet
Kant
(1724-1804), daß der Begriff Kausalität unserem Geiste ursprünglich und unabhängig von dem Inhalte der Erfahrung (a priori) als Stammbegriff, Kategorie, angehöre; doch handelt es sich für ihn bei dem a priori nur um den allgemeinen Denkbegriff. In jedem einzelnen Falle entscheidet nach Kants Auffassung über die Ursächlichkeit allein die Erfahrung. Ihm ist
Kausalität
, allgemein genommen, ein Begriff, eine
Denkform
. Trotzdem hat er die Dinge an sich für die Ursache des Stoffes der Erfahrung, d.h. der sinnlichen Empfindung, erklärt und somit Ursache in doppelter Bedeutung bezüglich der Dinge an sich und bezüglich der Dinge für uns genommen, ein verborgener Widerspruch, auf den
Jacobi
(1743-1819) hinwies, und der
Fichte
(1762-1814) veranlaßte, über Kant zum konsequenteren Idealismus hinauszugehen. Hume's negierende Auffassung des Kausalitätsbegriffs hat vor allem
St. Mill
(1706 bis 1873) erneuert und ausführlich zu begründen versucht. –
Vgl.
Cornelius
, über die Bedeutung des Kausalprinzips. 1867. A.
Fick
; die Welt als Vorstellung. 1870. W.
Schuppe
, das menschliche Denken. 1870.
Strümpell
, der Kausalitätsbegriff. 1871. Vgl. Causalität, Kategorien.
Ursprung
Ursprung
(lat, origo, gr.
archê
) heißt das erste in einer Reihe auseinander entstandener Dinge oder die erste Erscheinung, womit eine Sache angefangen hat. Mit dem Ursprunge der verschiedenen Einzeldinge sowie des Kosmos beschäftigt sich die Metaphysik.
Ursprünglich
bedeutet bald den Ursprung einer Sache betreffend, bald anfänglich, bald wesentlich.
Urstoff
Urstoff
, s. Materie, Element.
Urtatsache
Urtatsache
heißt im allgemeinen jede Tatsache, mit welcher eine Reihe von Begebenheiten beginnt; im engeren Sinne gibt es deren zwei: das
Bewußtsein
, von welchem alles Denken und Sein (in subjektiver Auffassung) ausgeht, und das
Dasein
, die Wirklichkeit. J. G.
Fichte
(1762-1814), der die zweite dieser Urtatsachen leugnet, sieht in der Urtatsache des Bewußtseins eine
Urtathandlung
und bestimmt sie so: »Das Ich setzt ursprünglich schlechthin sein eigenes Sein.« Daraus leitet er die Antithesis des empirischen Bewußtseins ab: »Dem Ich wird schlechthin entgegengesetzt ein Nicht-Ich,« und folgert aus beiden die Synthesis: »Das Ich setzt im Ich dem teilbaren Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegen.«
Urteil
Urteil
(lat. iudicium, gr.
apophansis
, als Glied des Schlusses, propositio,
protasis
genannt) heißt die sich im Denken vollziehende Verbindung zweier Begriffe, bei welcher der eine Begriff durch den anderen bestimmt wird. Alles Denken ist Urteilen, sowohl das Unterscheiden der Merkmale, wie das Bilden der Begriffe und Schlüsse, mag man seinen Gedanken in einem Satze aussprechen oder nicht. Jedes Urteil besteht aus 3 Stücken: dem Subjekt (S), dem zu bestimmenden Begriff, dem Prädikat (P), dem Begriff, durch welchen das Subjekt bestimmt wird, und der Kopula, d.h. der Verbindung zwischen beiden. Beilegen, Unterscheiden, Zusammenfasen, Unterordnen und Gleichsetzen sind die wesentlichen Akte des Urteilens.
Platon
(427-347) definierte das Urteil (
logos
) als diejenige Verbindung von Substantiven und Verben, die der Verbindung von Ding und Handlung entspräche,
Aristoteles
(384 bis 322) als eine Vorstellungsverbindung (
apophansis
), in welcher Wahrheit oder Nichtwahrheit sei, oder als einen bejahenden oder verneinenden Satz, der eins auf das andere bezieht. Ähnliche Definitionen finden wir bei
Leibniz
(1645-1716) und
Wolf
(1679 bis 1764).
Kant
(1724-1804) sagt, ein Urteil sei die Art, gegebene Erkenntnisse zur objektiven Einheit der Apperzeption zu bringen.
Herbart
(1776-1841) sieht das Urteil als die Entscheidung darüber an, ob zwei Begriffe zueinander passen oder nicht. Nach
Hegel
(1770-1831) soll es die Urteilung, d.h. Selbstdiremption des Begriffs selbst, d.h. ein objektiver Vorgang der Dinge sein.
Schleiermacher
(1768-1834) betonte die Beziehung des subjektiven Elements im Urteil auf das Objektiv-Reale. Dem Urteil soll das System der gegenseitigen Einwirkung der Dinge entsprechen. Ähnliches lehren Ritter, Trendelenburg, Lotze und Überweg. Das Urteil als formal-logische Funktion braucht allerdings mit dem Inhalt, d.h. der Wahrheit der Aussage, nichts zu tun zu haben, es bleibt formell richtig, auch wenn es dem realen Sein widerspricht. Eine Logik, die aber nicht rein formal ist, fordert eine solche bestimmtere Urteilsdefinition.
Eingeteilt werden die Urteile meist nach den Gesichtspunkten der
Quantität
, d.h. nach dem Umfange des Subjekts, der
Relation
, d.h. nach der Beziehung von Subjekt und Prädikat, der
Qualität
, wonach dem Subjekt etwas zu- oder abgesprochen wird, und nach der
Modalität
, d.h. nach der Beziehung des Inhalts des Urteils zur Wirklichkeit. Kant unterscheidet nach der
Quantität
: einzelne, besondere und allgemeine, nach der
Qualität
: bejahende, verneinende und unendliche, nach der
Relation
: kategorische, hypothetische und disjunktive, nach der
Modalität
: problematische, assertorische und apodiktische Urteile. Nach der hergebrachten Logik unterscheidet man durch Kombination von Quantität und Qualität 1.
allgemein bejahende Urteile
(alle S sind P), 2.
allgemein verneinende
(kein S ist P), 3.
partikulär bejahende
(einige S sind P), 4.
partikulär verneinende
(einige S sind nicht P). Indem dann von affirmo die Vokale a und i als Bezeichnungen für allgemeine und partikuläre Bejahung, von nego e und o als solche für allgemeine und partikuläre Verneinung genommen wurden, machte Mich. Psellus um 1050 folgende Gedächtnisverse:
Asserit a, negat e, sed universaliter ambo,
Asserit i, negat o, sed particulariter ambo.
Diese übersetzte
Gottsched
( 1766) herzlich schlecht so:
Das a bejahet allgemein, das e sagt zu allem Nein,
Das i bejahet, doch nicht von allen, so läßt auch o das Nein erschallen.
Kant
unterschied ferner
analytische
Urteile (d.h. Urteile, in denen das Prädikat durch Zergliederung der Merkmale des Subjekts gefunden werden kann) und
synthetische
Urteile (d.h. Urteile, in denen das Prädikat zu dem Subjektsbegriffe etwas noch nicht darin Liegendes hinzufügt) sowie Urteile
a priori
(d.h. reine Vernunfturteile) und Urteile
a posteriori
(d.h. Erfahrungsurteile). Eine Logik, die auf den Erkenntniswert der Urteile eingeht, hat mindestens
Wahrnehmungsurteile, Subsumptionsurteile, Definitionen, Kausalitätsurteile
und
mathematische Urteile
zu unterscheiden. Die ersten bringen das Tatsächliche zum Ausdruck, die zweiten dienen der Ordnung der Begriffe untereinander, die dritten dienen der Begriffsbestimmung, die vierten verbinden die Tatsachen untereinander, die fünften schaffen die Zahlen- und die Größenbestimmungen. Demgegenüber hat die Einteilung der Urteile in der formalen Logik nur sehr geringen Erkenntniswert. – Der Umfang eines Urteils ist nach der Schullogik gleich demjenigen seines Subjektbegriffs, da hier jedes Urteil in der Subsumption von S unter P besteht. Wo S und P reziproke Begriffe sind, kann ein Urteil umgekehrt werden; solche Urteile heißen reziprokabel oder
äquipollent
. Zwei Urteile, von denen das eine allgemein, das andere partikulär ist und das eine verneint, das andere bejaht, heißen einander
kontradiktorisch
entgegengesetzt. Konträr oder diametral entgegengesetzt heißen das allgemein bejahende und allgemein verneinende,
subkonträr
das partikulär bejahende und das partikulär verneinende;
subalternierend
heißt das Urteil, welches ein Prädikat auf die ganze Sphäre des Subjektbegriffs bejahend oder verneinend bezieht, und
subalterniert
das dazu gehörige, welches das Prädikat nur auf einen unbestimmten Teil derselben Sphäre bezieht. Hieraus ergibt sich das Schema:
Über die Umkehrung der Urteile vgl. Konversion und Kontraposition.
Zusammengesetzte
Urteile bestehen aus mehreren koordinierten oder subordinierten Urteilen.
Kopulative
Urteile haben nur ein Prädikat, aber mehrere voneinander verschiedene Subjekte; ihre negative Form bilden die
remotiven
Urteile.
Konjunktive
Urteile haben bei gleichen Subjekten disparate Prädikate.
Divisive
Urteile zerlegen den Umfang eines Gattungsbegriffs in mehrere Arten.
Disjunktive
Urteile stellen entgegengesetzte Aussagen gegenüber. – Vgl.
Herbart
, Einl. i. d. Phil. 1813.
Ulrici
, Logik. 1852.
Schleiermacher
, Dialektik. 1839.
Lotze
, Log. 1874.
Sigwart
, Log. 1881, 2. Aufl. 1889-93.
Drobisch
, Neue Darstell, d. Log. 1863. W.
Wundt
, Log. 1880, 2. Aufl. 1893-95.
Überweg
, System d. Log. 6. Aufl. Bonn 1882.
Urteilskraft
Urteilskraft
heißt das Vermögen, Urteile zu bilden, oder, wie
Kant
(1724-1804) sagt, das Vermögen, unter Regeln zu subsumieren, oder sich das Besondere als unter dem Allgemeinen enthalten vorzustellen. Kant unterscheidet eine
bestimmende
(logische) und eine
reflektierende
Urteilskraft; der ersteren ist das Allgemeine, unter welches das Besondere gefaßt wird, gegeben die letztere schafft sich das allgemeine Prinzip (die Zweckmäßigkeit) selbst. Die reflektierende Urteilskraft ist entweder
ästhetisch
, wenn die Zweckmäßigkeit subjektiv gefaßt wird, oder
teleologisch
, wenn sie objektiv als
Naturzweckmäßigkeit
gefaßt wird. Die subjektive Zweckmäßigkeit ist entweder Zweckmäßigkeit des Objektes für das Subjekt (
Schönheit
) oder Zweckmäßigkeit des Subjektes für das Objekt (
Erhabenheit
). (Kant, Kr. d. Urteilskraft, Einleitung S. XI – LVI.)
Urzeugung
Urzeugung
s.
Abiogenesis
und
Generatio aequivoca
.
Utilitarismus
Utilitarismus
(von lat. utilis = nützlich) nennt man die von Jeremy Bentham (1748-1832) begründete
ethische Nützlichkeitstheorie
. Der Zweck der gesellschaftlichen Einrichtungen, meint Bentham, könne nur sein die »Maximation« des Wohlseins und die »Minimation« des Übels. Auf den Grundsatz des Nutzens, welcher jeden leite, gründet er seine Moral (Deontology). Nutzen bedeute die Eigenschaft einer Sache, wodurch sie uns vor einem Übel bewahrt oder uns ein Gut verschafft. Ein Übel ist Schmerz, ein Gut Lust.
Man hat danach ein moralisches Budget aufzustellen, um bei allen Lustregungen Gewinn und Nachteil abwägen zu können. Dabei erweist sich der Egoismus als nachteilig; denn es ist vor der Welt jedenfalls vorteilhafter, uneigennützig als eigennützig zu
erscheinen
: da aber stetes Heucheln sowohl unerträglich als auch gefährlich ist, so empfiehlt es sich, uneigennützig zu
werden
. Die erste Tugend ist daher die Klugheit, aus der dann Mäßigung und Selbstbeherrschung entspringen. Die reinsten Freuden verschaffen wir uns durch möglichst intensive Beförderung des Wohls aller. – Anhänger Benthams waren Dumont, Beneke, Bowring, J. Stuart Mill. Vgl.
Bentham
, Deontology. 1834.
Sidgwick
, the Methods of Ethics 1878.
Beneke
, Grundsätze der Zivil- und Kriminalgesetzgebung nach Bentham. 1830.
Utopien
Utopien
(gr. s. a. Nirgendheime) oder
Staatsromane
nennt man phantastische Ausmalungen einer idealen gesellschaftlichen Zukunft.
Platon
(427-347) will in seinem »Staate« Privateigentum und Privathäuslichkeit beseitigen. Freie Nachbildungen sind
Thom. Morus'
»Utopia« (1516) und
Campanellas
»Sonnenstaat« (1623).
Bacons
»Atlantis« (1625) schließt sich an Platons »Kritias oder Athen und Atlantis 9000 Jahre vor Solon« an. Dann folgt
Fénélon
mit seinen »Aventures de Télémaque« (1700) und J. J.
Rousseau
(1754) mit seiner Schrift »Ursprung und Gründe für die Ungleichheit der Menschen«. Morelly beschrieb 1768 »la République des Philosophes« und verwarf in »L'homme flottant« das Eigentum,
Mercier
schwärmt 1770 vom Jahre 2440, und schon
Brisson
erklärt 1780, also 60 Jahre vor Proudhon, daß Eigentum Diebstahl sei (la propriété c'est le vol). –
Cabet
beschrieb 1842 in »Voyage en Icarie« sein Paradies der Gütergemeinschaft. – Phantastische Schriften sind noch:
Bellamy
1883 »A Looking backward from the year 2000«,
Hertzka
, »Freiland«. 1890,
derselbe
»Entrückt in die Zukunft«. 1895,
Donelly
, »Caesar's Column, sensational story of the 20
th
century« 1892 u.a.m.
Varietät
Varietät
, s. Abart.
Vaterland
Vaterland
, s. Patriotismus, Kosmopolit.
Velatus
Velatus
(lat.; gr.
enkekalymmenos, dialanthanôn
) der Verhüllte, der Versteckte, heißt einer der megarischen Fangschlüsse des
Eubulides
(4. Jhrdt. v. Chr.). Er besteht in folgenden Fragen: Kennst du den Versteckten? Kennst da den Verhüllten? Kannte Elektra ihren Bruder, ehe er sich genannt hatte oder kennst du ihn nicht? Die Schwierigkeit liegt bei allen drei Fragen darin, daß der Verhüllte den betreffenden Personen zwar von früher her bekannt ist, aber nicht sofort von ihnen erkannt wird.
Velleïtät
Velleïtät
(franz. velléité, v. lat. volle = wollen) bedeutet eine Äußerung des Wollens, die noch nicht zur Tat geworden, also bloße Willensregung, kraft- und tatenloses Wollen (volitio) ist.
Veränderung
Veränderung
(lat. mutatio, gr.
alloiôsis
) nennt man den Wandel der Qualität oder der Form eines Dinges bei dem Beharren seiner Substanz- Die Veränderung kommt darin zum Ausdruck, daß an demselben Ort im Raum, an demselben Objekte jetzt ein Zustand und darauf ein anderer, und zu einer und derselben bestimmten Zeit hier dieser Zustand und dort jener ist. Jede wahrnehmbare Veränderung hat eine Menge kleiner, unscheinbarer Veränderungen zur Voraussetzung, bevor sie in Erscheinung tritt.
Die Eleaten
leugneten die Veränderung überhaupt; das wahrhaft Seiende könne nicht werden, sei ohne Bewegung und Veränderung, den ganzen Raum erfüllend.
Herakleitos
(um 600 v. Chr.) dagegen behauptete, daß alles Wirkliche sich in beständigem Flusse befände (
panta rhei
).
Platon
(427-347) verband die Lehre der Eleaten und des Herakleitos, indem er die Ideen für ewig und unveränderlich ansah, der Natur aber fortwährende Veränderung zuschrieb.
Aristoteles
(384-322) sah in der Veränderung eine Art der Bewegung, also eine Art der Verwirklichung des Möglichen, und zwar war ihm die Veränderung die qualitative Bewegung (
kinêsis kata to poion
De cael. I, 3, p. 270a 27. Phys. VIII, 7, p. 260a 27
kinêsis kata pathos
). Jede Veränderung entsteht durch das Zusammentreffen eines Wirkendenden und Leidenden (Phys. III, 3, p. 202b 25), setzt aber eine Ortsbewegung voraus (Phys. VIII, 7, p. 260b 1 ff.).
Nach Kants
(1724-1804) Erklärung bringt das Zugleichsein des Stehenden in der Zeit mit dem Wechselnden den Begriff der Veränderung hervor (Kr. d. r. V., II. Aufl., Vorrede, S. XLI). »Veränderung ist eine Art zu existieren, welche auf eine andere Art zu existieren ebendesselben Gegenstandes erfolgt. Daher ist alles, was sich verändert, bleibend und nur sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur die Bestimmungen trifft, die aufhören oder auch anheben können, so können wir, in einem etwas paradox scheinenden Ausdruck sagen: nur das Beharrliche (die Substanz) wird verändert, das Wandelbare erleidet keine Veränderung, sondern einen
Wechsel
, da einige Bestimmungen aufhören und andere anheben. Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden, und das Entstehen oder Vergehen schlechthin, ohne daß es bloß eine Bestimmung des Beharrlichen betreffe, kann gar keine mögliche Wahrnehmung sein, weil eben dieses Beharrliche die Vorstellung von dem Übergänge aus einem Zustande in den ändern, und von Nichtsein zum Sein möglich macht, die also nur als wechselnde Bestimmungen dessen, was bleibt, empirisch werden können« (Kr. d. r. V., S. 187-188).
Herbart
(1776 bis 1841) versuchte im Anschluß an die eleatische Lehre aus den Widersprüchen im Begriff der Veränderung (einzelne Merkmale beharren, andere wechseln) nachzuweisen, daß es im Seienden keinen inneren Wechsel gebe, weil ursprüngliche Selbstbestimmung und absolutes Werden unmöglich sei, daß es aber auch keinen abgeleiteten Wechsel geben würde, insofern die Einwirkung von Ursachen' nur unter der Voraussetzung einer ursprünglich nach außen gerichteten Tätigkeit erfolgen könnte. Dann aber würde es gar keinen Wechsel geben, was der Erfahrung widerspricht. Daher sucht Herbart ihn ohne eine ursprünglich nach außen gerichtete und ohne eine ursprünglich innere Tätigkeit zu erklären, nämlich durch die Theorie der Selbsterhaltungen, welche zwischen den Realen stattfinden und das einzige wirkliche Geschehen ausmachen sollen. Vgl.
Herbart
, Allg. Metaphys. 1828.
veranlassende Ursachen
veranlassende Ursachen
oder gelegentliche Ursachen (causae occasionales) heißen diejenigen Ursachen, welche zwar unmittelbar eine Wirkung hervorbringen, aber nicht durch sich selbst, sondern nur, indem sie zu anderen bereits vorhandenen hinzukommen und deren Wirkungen auslösen. Vgl. Occasionalismus.
Verantwortlichkeit
Verantwortlichkeit
, s. Zurechnung.
verbal
verbal
(lat.) heißt wörtlich; Verbaldefinition, s. Nominaldefinition.
Verbindlichkeit
Verbindlichkeit
bedeutet a) die Verpflichtung, einem anderen etwas zu leisten; so legt uns jeder Vertrag gewisse Verbindlichkeiten auf; b) die Notwendigkeit einer Handlung um des Gesetzes willen; c) die sittliche Notwendigkeit einer solchen Handlung, welche die Vernunft anerkennt. Der Nachweis einer Verbindlichkeit ist nicht immer leicht. Vgl. Pflicht, Gewissen, Sittlichkeit.
Kant
(1724-1804) definiert: »Die Abhängigkeit eines nicht schlechterdings guten Willens vom Prinzip der Autonomie (die moralische Nötigung) ist
Verbindlichkeit
« (Grundleg. zur Metaph. d. Sitten, 2. Abschn.), und: »Eine Nötigung (des Willens), obzwar durch bloße Vernunft und dessen objektives Gesetz, zu einer Handlung, die darum Pflicht ist,« heißt Verbindlichkeit (Kr. d. pr. V., S. 57).
Verbindung
Verbindung
, s. Kategorien, Synthesis.
Verbrechen
Verbrechen
(delictum) heißt die Verletzung einer Rechtspflicht, d.h. eine Handlung, welche die Rechtsordnung zerstören würde, wenn sie nicht alsbald aufgehoben würde. Zweierlei gehört dazu: a) der Tatbestand (factum) und b) das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit (dolus). Fehlt der äußere Erfolg, so ist das Verbrechen nur beabsichtigt oder begonnen (Attentat oder Inchoat); über die innere Willensbestimmung steht dem Richter kein Urteil zu. Der Täter ist nur für das durch die Tat Beabsichtigte verantwortlich. Ein Verbrechen hat eine rechtswidrige Tendenz nicht nur, wenn es irgend einem positiven Gesetz widerspricht, sondern auch, wenn es die Existenz der Gesellschaft gefährdet. Vgl. Todesstrafe.
Verdienst
Verdienst
bedeutet den Wert, den gewisse Handlungen entweder relativ, d.h. äußerlich, oder absolut, d.h. moralisch, haben. Das Verdienst ist also das Gute, das jemand in redlicher Absicht und ohne Rücksicht auf die äußeren Folgen leistet.
Kant
(1724-1804) unterscheidet saures und süßes Verdienst; jenes soll das Verdienst um andere Menschen sein, das mit Undank belohnt wird, dieses dasjenige, welches in der Beglückung anderer den Wohltäter selbst beglückt. –
Verdienstlich
nennt man diejenige gute Handlung, die jemand über die Forderung des Gesetzes hinaus tut. Eine bekannte philosophische Schrift »vom Verdienste« ist die von
Thomas Abbt
(1738-1766) im Jahre 1766 geschriebene.
Vererbung
Vererbung
physischer Eigenschaften
von den Erzeugern auf die Nachkommen bedingt eine gewisse Konstanz der Arten. Aber da die Nachkommen den Erzeugern nicht in allen Einzelheiten gleichen, sondern jedes Individuum sein eigenes Gepräge trägt, da also mit der Konstanz auch eine Variabilität verbunden ist, so bedingt die Vererbung auch eine allmähliche Umbildung der Individuen, die sobald eine natürliche oder künstliche Auslese oder Zuchtwahl stattfindet, zur Entstehung neuer Arten fuhrt. Die Vererbung ist ein Grundfaktor in der Deszendenz- oder Entwicklungslehre (s. Darwinismus und Mutation). – Die Vererbung
seelischer
Eigenschaften ward schon von
Platon
(427-347) behauptet, und auch die Psychologie kann dieses Begriffs nicht entbehren. Die Lehre von den angeborenen Ideen bekommt ihre rechte Wendung erst dadurch, daß die Vererbung von Anlagen an ihre Stelle gesetzt wird. Die aus beiden Vererbungen, physischer und geistiger, folgende Kombination ist noch wenig bekannt. Als Beispiel der Vererbung der mütterlichen Gemütsart pflegte Kant sich selbst anzuführen. Manche Familien bringen mehrere Generationen hindurch dieselben Talente hervor: Bernoulli, Herschel, Scaliger usw. Vgl. Mutation; L.
Schücking
, Geneanomische Briefe. Fkf. 1856.
Waitz
, Anthropol. II, S. 93 f. 188 ff.
Verfassung
Verfassung
, s. Staat.
Vergeltung
Vergeltung
heißt jede Handlung, durch welche einem Menschen dasjenige, was er anderen Gutes oder Schlechtes tat, zurückgegeben wird. Die Vergeltung stellt also eine Proportion, einen Ausgleich her zwischen dem, was ein Mensch tut, und dem, was er leidet. Sie gestaltet sich zum
Lohn
oder zur
Strafe
, je nachdem eine Wohl- oder Übeltat vorausgegangen ist. Daß der, welcher absichtlich wohl oder wehe tat, nach der Größe des von ihm beabsichtigten oder bewirkten Erfolges Lohn oder Strafe verdient, ist ein sittlicher Gedanke, auf welchem nicht nur die Pflicht der Dankbarkeit, sondern auch das Strafrecht beruht und auch der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele sich gründet. Vgl. Strafe, Talion.
Vergnügen
Vergnügen
, s. Lust, Hedoniker.
Verhältnisbegriffe
Verhältnisbegriffe
, s. Relation, Correlat.
Verhüllte
Verhüllte
, s. Velatus.
Vermögen
Vermögen
, s. Kraft, Anlage, Psychologie, möglich.
Verneinung
Verneinung
, s. Negation.
Vernunft / Verstand
Vernunft
und
Verstand
nennt man allgemein die geistige Anlage des Menschen. Beide Ausdrücke werden oft in gleicher Bedeutung gebraucht. Wo man sie scheidet, bedeutet Vernunft gewöhnlich die höhere geistige Anlage des Menschen überhaupt, Verstand die Fähigkeit des logischen Denkens oder der Bildung der apperzeptiven Verbindungen. Seit
Aristoteles
(384-322) unterscheidet die Philosophie in unserem Geiste ein mehr aktives (Vernunft) und ein mehr passives Vermögen (Verstand). Die schärfste Gegenüberstellung von Vernunft und Verstand rührt aber erst von
Kant
(1724-1804) her. Verstand ist nach ihm das Vermögen dar Begriffe, deren oberste die Kategorien sind, Vernunft das der Ideen oder des Unbedingten. Auch scheidet Kant theoretische, praktische Vernunft und Urteilskraft. Doch gebraucht auch Kant, wie schon der Titel seiner Hauptwerke beweist, den Begriff Vernunft in der allgemeinen Bedeutung des geistigen Vermögens a priori des Menschen, so daß der Verstand dann nur als eine Seite der Vernunft erscheint. Aus der Scheidung Kants entwickelte sich die Ansicht, daß die Vernunft es mit dem Übersinnlichen, Ewigen und Absoluten, der Verstand dagegen nur mit der Zusammenfassung des empirisch Gegebenen zu tun habe. Die Vernunft galt also als Quelle und Bürgschaft übernatürlicher Erkenntnisse, so bei
Jacobi
(1743-1819) und den Identitätsphilosophen.
Schelling
(1776-1864) bezeichnet sie als das Vermögen, die absolute Einheit der endlichen Dinge in dem Unendlichen und Absoluten anzuschauen (intellektuelle Anschauung!).
Hegel
(1770-1831) läßt sie sich über den abstrakten Verstand durch das dialektische oder negativ-vernünftige Moment zum spekulativen Vermögen erheben, das die Einheit der endlichen Bestimmungen in ihrer Entgegensetzung auffaßt. Ähnliches, wenn auch nüchterner, lehrten J. H.
Fichte, Ulrici
und
Frohschammer
; nach ihnen hat der Verstand es bloß mit der sinnlichen Erscheinungswelt, die Vernunft mit dem Übersinnlichen zu tun. – Die Scheidung ist aber kaum aufrecht zu erhalten. Unsere Erkenntnis des Sinnlichen ist methodisch dieselbe wie die des Übersinnlichen. In beiden zeigen sich dieselben Grundgesetze unseres Geistes. Die Ideen sind nicht im Wesen von den Begriffen verschieden, sondern sind nur weitere umfassende Gedanken zur Ordnung und Grundlegung des Wissens. Ein über die Anlage zur apperzeptiven Gedankenbildung hinausgehendes geistiges Vermögen ist nicht nachzuweisen. Vgl. Nous, Denken, Idee, Verstand.
Vernunftglaube
Vernunftglaube
heißt der Gegensatz zum Offenbarungsglauben. Der Vernunftglaube versucht alle religiöse Überzeugung lediglich aus der Vernunft abzuleiten.
Kant
(1724-1804) glaubte einen solchen Glauben mit den Ideen von Gott, sittlicher Freiheit des Menschen und Unsterblichkeit der Seele aus Postulaten der praktischen Vernunft und zwar im besonderen aus der Idee des höchsten Gutes gewinnen zu können. Kant, Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. 1793. Vgl. Deismus.
Fichte
, Kritik aller Offenbarung. Königsberg 1792.
Vernunfthypothese
Vernunfthypothese
nennt
Kant
eine Meinung, die aus subjektiven Gründen zum Fürwahrhalten zureichend ist.
Vernunftidee
Vernunftidee
oder transscendentale Idee heißt bei Kant ein Begriff, dem keine Anschauung völlig adäquat sein kann.
Verstand
Verstand
(intelligentia) heißt bei
Kant
(1724-1804) das Vermögen der Spontaneität oder das Vermögen der Begriffe und Vorstellungen, der Urteile und Erkenntnisse, das Vermögen, das Mannigfaltige einer Empfindung zusammenfassen, das Vermögen der diskursiven Erkenntnis. Vgl. Vernunft.
Versteckte
Versteckte
, s. Velatus.
verworren
verworren
ist der Gegensatz zu deutlich. Verworren heißt eine Vorstellung, wenn der Vorstellende sie nicht genügend in ihren einzelnen Merkmale erfaßt hat (siehe clare et distincte). Von der Verworrenheit zur Deutlichkeit führt also die Entwicklung und Zergliederung.
Vexierfragen
Vexierfragen
heißen verfängliche oder sophistische Fragen welche einen anderen in Verlegenheit setzen sollen. Vgl. Acervus, Caivus, Velatus.
virtuell
virtuell
, s. angeboren.
Vision
Vision
(lat. visio, gr.
horama
) heißt eine Art der Halluzination, bei der der Mensch Gestalten sieht oder Stimmen hört, welche objektiv nicht vorhanden sind. Die Vision entspringt meist aus psychischen, bisweilen aus körperlichen Ursachen. Zu den letzteren gehört: Blutandrang nach dem Gehirn oder Blutmangel in demselben, Vergiftung, Krankheit des Hirns, des Herzens, Hypochondrie, Hysterie, Epilepsie u. dgl. Die psychischen Ursachen sind Affekt, Phantasie und Interesse. Daher stellen sich die Visionen, welche man Träume im Wachen nennen kann meist bei aufgeregtem Zustande ein. Manche Menschen können sogar willkürlich Visionen herbeiführen. Ihr Wesen besteht darin, daß Phantasmen nach außen projiziert und für wirkliche Wahrnehmungen eines Sinnes gehalten werden. Am meisten sind Gesicht und Gehör der Vision ausgesetzt, und Visionen kommen selbst bei völlig erblindeten und tauben Menschen vor. Wie ansteckend solche Affektionen sind, zeigen die Hexenvisionen des Mittelalters, die Visionen der Puritaner, Jansenisten und Spiritisten. Selbst ganz gesunde Naturen, wie Cellini, Goethe, J. Moser, Nicolai, J. Paul, W. Scott, haben Visionen erlebt. Vgl. Halluzination.
Vitalismus
Vitalismus
heißt ein System, welches eine besondere, zweckvoll wirkende Lebenskraft für die Organismen annimmt, so s. B. das System Rud. Wagners, Schallen, Ulricis, Liebigs Stendhals u. a.
Vitalsinn
Vitalsinn
nennt man den den ganzen Organismus umspannenden Gemeinsinn.
Völkerpsychologie
Völkerpsychologie
heißt derjenige Zweig der Psychologie, welcher sich in Analogie mit der das geistige Wesen des Einzelmenschen untersuchenden Individualpsychologie die Feststellung der Gesetze des Geistes von Völkern und Völkergemeinschaften, sie als Individuen betrachtend, zur Aufgabe setzt. Die ersten Keime dieser Wissenschaft finden sich bei
Vico
(1668-1743), bei W. v.
Humboldt
(1767-1835),
Herbart
(geb. 1776-1841) und H.
Ritter
(1791-1869); als eigenes Untersuchungsgebiet ist die Völkerpsychologie aber erst von
Lazarus
(1824-1903) und
Steinthal
(1823-1899) abgegrenzt worden. Wort und Begriff rührt von Lazarus (1851) her. Hauptorgan ist für sie die Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft geworden (1860-1890). Gestützt hat sich die Völkerpsychologie auf alles, was die Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert geschaffen hat (W. v. Humboldt, J. Grimm, Fr. Bopp u. a.), und auf die Psychologie Herbarts. Der Anschluß an die Sprachwissenschaft hat sie in jeder Beziehung gefordert, der Anschluß an die Herbartsche Psychologie hat ihr sowohl geschadet als genützt, da diese der physiologischen Basis entbehrt, in ihrer Auffassung der Vorstellungen als Kräfte irregeht und, indem sie alle geistigen Prozesse auf Vorstellungen zurückführt, einseitig verfährt und das geistige Leben viel zu sehr mechanisiert, andrerseits aber auch manchen brauchbaren Grundbegriff enthält. Die Völkerpsychologie grenzt an die Anthropologie und die Geschichtsphilosophie an. Während aber die Anthropologie nur die Naturgrundlage zur Geschichte schafft, will die Völkerpsychologie als Theorie alle geschichtlichen Prozesse begreifbar machen und zieht auch rein geistige Vorgänge, wie sie sich in der Geschichte abspielen, in den Kreis ihrer Betrachtung; und während die Philosophie der Geschichte nicht ohne metaphysische Spekulation und teleologische Betrachtungen auskommt, will die Völkerpsychologie, empirisch in der Methode und nach den Ursachen des Geschehens forschend, nur die Grundlage zur Geschichtsphilosophie sein und zur Erkenntnis des Mechanischen in der Geschichte führen.
Am innigsten ist das Verhältnis der Völkerpsychologie zur Sprachwissenschaft, zur Ethnologie und zur Geschichtswissenschaft. Der Zusammenhang mit der
Sprachwissenschaft
beruht zunächst darauf, daß gerade die Sprache, mag man über ihre ersten Anfänge urteilen, wie man will, mag man sie von Einzelnen oder von einer Gemeinschaft ableiten, doch sofort in ihrer Entwicklung ein Erzeugnis der Wechselwirkung zwischen Menschen, also der Gemeinschaft wird: Das Wort wird erst zum vollen Wort, nicht schon, wenn Bedeutung und Laut im Sprechenden in Verbindung getreten oder von ihm selbst reproduziert sind, sondern erst, wenn es vom anderen gehört, verstanden und mitgebraucht ist. Sprache ist erst dann Sprache, wenn sie gemeinsame Geistesarbeit ist; und hierdurch ist die enge Verbindung zwischen Sprache und Gemeinschaft gegeben. – Der Zusammenhang zwischen Sprachwissenschaft und Völkerpsychologie beruht ferner darauf, daß gerade die neuere Sprachwissenschaft als Basis der Forschung die Psychologie anerkannt hat. Unverlierbar ist zwar der Zusammenhang, den die Griechen und Römer zwischen Logik und Grammatik geschaffen haben; die Sprache hat ihre logischen Kategorien so sehr, daß es sogar ein vergebliches Bemühen ist, logische Kategorien anders als empirisch unter Mithilfe der Sprachforschung ableiten zu wollen; aber so wenig jemals eine Sprachwissenschaft hat entstehn können, ohne daß man sich des logischen Gehaltes der Sprache bewußt wurde und für diesen die Terminologie schuf, so wenig führt andrerseits auch alle Logik zum Ziele, sobald Werden, Entstehung, Veränderung, Entwicklung, Leben in der Sprache erforscht werden sollen. Die logische Untersuchung leistet hier nichts, die psychologische alles, und die Völkerpsychologie löst hier in ihrer Forschung die Individualpsychologie schon am Eingange ab. – Endlich treten Sprachwissenschaft und Völkerpsychologie auch dadurch in enge Beziehung, daß die erstere zu dem Gesetze fuhrt, daß eine Gemeinsprache nichts Wirkliches ist, sondern daß nur eine Reihe von Einzelsprachen oder Sprachfamilien existiert, in denen sich das Leben der Sprache entfaltet. Die Sprachgeschichte führt uns von vornherein durch die Sprachmannigfaltigkeit und auch durch verschiedene Epochen in der Entwicklung der einzelnen Sprache hindurch, so durch die Stufe der
Onomatopöie
, auf der Gefühl, Anschauung und Laut miteinander verwachsen und dem durch Reflexbewegung erzeugten Laute noch eine gewisse Ähnlichkeit mit der durch ihn bezeichneten Anschauung innewohnt, so durch die Stufe der
Etymologie
, auf der Anschauungen zerlegt werden und das Einzelne seine Bezeichnung durch die vorhandenen und sich fortentwickelnden Laute empfängt, so durch die Stufe des
Sprachgebrauchs
, auf der der etymologische Sinn der Worte vergessen und synonyme Bezeichnungen nach Gefühlswerten vorgezogen oder verworfen werden, so durch die Stufe des
grammatischen Baus
, auf der sich der Ausdruck der syntaktischen Beziehungen in Zusammensetzung, Ableitung und Flexion ausbildet. Die Sprache ist auf allen Stufen ein Lebendiges;
Lautwandel, Bedeutungswandel
und
Analogiebildung
sind ihr Lebensprozeß. Indem sich jede einzelne Sprache eigentümlich auf jeder Stufe entwickelt, wird sie zu einer Art instinktiver Weltanschauung, in der sich die Eigenart eines Volkes ausprägt. Der Weg der Völkerpsychologie geht daher naturgemäß durch die Sprachwissenschaft hindurch.
Die Völkerpsychologie legt die
allgemeinen
Gesetze, nach denen die im Volksleben wirkenden Kräfte sich entwickeln und zusammenwirken, dar und sucht aus diesen die
besonderen
, die Völker der Erde geistig charakterisierenden Gesetze abzuleiten. So ist sie in ihrem ersten Teile allgemein und entwickelt das Wesen des Volksgeistes, in ihrem zweiten limitierend und behandelt die wirklich existierenden Volksgeister und ihre geschichtlichen Entwicklungsformen. Hierdurch tritt sie zur Ethnologie in engste Beziehung. Ihr erster Teil ist
ethnologische Psychologie
, ihr zweiter
psychische Ethnologie
, und wenn ihr in letzterer Beziehung die Parallele zur Individualpsychologie fehlt, welche die Charakteristik des einzelnen Menschen nicht zu ihrer Aufgabe machen kann, so ist sie eben mit ihrer größeren Allgemeinheit des Begriffs Völkerindividuum auf günstigerem Arbeitsfelde, und es braucht ihr auf diesem Gebiete nicht der Name Psychologie abgesprochen zu werden.
In der Lösung ihrer Aufgaben tritt die Völkerpsychologie in engste Beziehung zu allen Kreisen der
Geschichtswissenschaft
. Sie erforscht die Gründe der Entstehung, der Entwicklung und des Unterganges von Völkern, das Verhältnis des einzelnen zur Gesamtheit, die Entwicklung der Sitten, der Mythen, der Gottesidee, der Schrift, der Wissenschaft, der Kunst usw. Alles, was in die Geschichte eines Volkes eingeht, geht auch in die Völkerpsychologie ein und dient derselben als Material, zu dem sie die Begründung und Theorie sucht. – So ist sie bisher natürlich mehr Aufgabe als fertige Wissenschaft geblieben. Es liegen nur ihre Anfänge vor; vollendet ist sie nicht. Aber soweit sie sich auf empirische Forschung gestützt hat und vorsichtig in der Induktion zu Werke gegangen ist, ist sie auch nicht resultatlos geblieben. Ihr Grundproblem ist und bleibt der Volksgeist. Wer allerdings wie H. Paul (Prinzipien der Sprachgeschichte, S. II) alle psychischen Prozesse als nur in den Einzelgeistern sich vollziehend und alle Wechselwirkung zwischen Individuen für nicht psychisch ansieht, muß die Berechtigung der Völkerpsychologie anzweifeln; allein wenn auch zugegeben werden muß, daß der Volksgeist nur in den einzelnen Geistern entsteht und sich offenbart und nicht ab etwas Gesondertes neben den Einzelgeistern existiert, so ist doch ein radikaler Nominalismus, wie der Panische, höchst bedenklich. Die Einzelgeister haben ihr Verwandtes, und der Volksgeist besteht als die Gemeinsamkeit des geistigen Typus einer Menschengruppe. Die Idee einer Völkerpsychologie dürfte darum also zu Recht bestehen. Anerkannt ist ihre Bedeutung auch von
Wundt
(geb. 1832), der ihr die Aufgabe zuweist, die Gesetze der Fortentwicklung der Sprache sowie ihre Rückwirkungen auf das Denken des einzelnen sowie der Gemeinschaften zu schildern. Vgl.
Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft
, hrsggb. von Lazarus und Steinthai (1860-1890);
St. Mill
, Logik. Bd. II, Kap. 5;
Bastian
, Der Mensch in der Geschichte. 1860;
O. Peschel
, Völkerkunde. 1897;
Kurt Bruchmann
, Die Völkerpsychologie (Unsere Zeit, N. F. XII. Jahrg. 15. S. 161-188);
Wundt
, Aufgaben und Ziele der Völkerpsychologie (Philos. Stud. Bd. 4. Leipz. 1888).
Kurt Bruchmann
, Psychologische Studien zur Sprachgeschichte. Berlin 1888 Wundt, Völkerpsychologie 1. Bd. 2. Aufl. 1904.
Vollkommenheit
Vollkommenheit
beißt die äußere Vollständigkeit oder die innere Vollendung eines Dinges, das dasjenige geworden ist, was es nach seinem Wesen werden konnte. Man kann die
quantitative
Vollkommenheit von der
qualitativen
sondern: jene ist die äußere Vollständigkeit, d.h. die Allheit der Teile, welche zusammen ein Ding aufmachen; diese ist die innere Vollendung und das Zusammenstimmen aller Teile en einem Ganzen. Auch kann man
formale
und
materiale
V. scheiden, je nachdem mehr die Form oder der Stoff des Dinges ins Auge gefaßt wird; ebenso stehen einander die
physische, geistige
und
moralische
Vollkommenheit gegenüber. Vgl. F.
Kirchner
, Über d. Zweck d. Daseins. Berlin 1882.
Voluntarismus
Voluntarismus
(Lehre von der Bedeutung des Willens) nennt man seit kurzer Zeit die Ansicht, daß die Willensvorgänge eine typische, für die Auffassung aller psychischen Vorgänge maßgebende Bedeutung haben. Das Wort ist von Tönnies (1883) gebildet, von
Fr. Paulsen
(geb. 1846) in dem Sinne ausgeprägt, daß es die Auffassung bezeichnet, der Wille sei der ursprüngliche und in gewissem Sinne konstante Faktor des Seelenlebens, und von
Wundt
(geb. 1832) in die psychologische Forschung aufgenommen und weiter verbreitet. Die
voluntaristische Psychologie
behauptet, daß das Wollen mit den ihm eng verbundenen Gefühlen und Affekten einen ebenso unveräußerlichen Bestandteil der psychologischen Erfahrung ausmache wie die Empfindungen und Vorstellungen, und daß nach Analogie des Willensvorganges alle anderen psychischen Prozesse aufzufassen seien als ein fortwährend wechselndes Geschehen in der Zeit, nicht als eine Summe beharrender Objekte. Die voluntaristische Psychologie steht also im Gegensatz zu der
intellektualistischen
, die den Versuch macht, alle psychischen Vorgänge aus den Vorstellungen oder intellektuellen Vorgängen abzuleiten (Wundt, Grundr. d. Psych., Einleitung § 2 S. 14-18). – Allgemein (
metaphysisch
) gefaßt, ist der Voluntarismus der Gegensatz zum Intellektualismus. Der letztere gibt dem Intellekte den Vorzug vor dem Willen, der erstere dem Willen den Vorrang vor dem Intellekte und sieht in dem Weltprozeß eine dynamische Entwicklung, oder, tiefer gefaßt, eine Folge von Willensvorgängen. Er setzt philosophisch ein mit
Kants
(1724-1804) Lehre vom Primate der praktischen Vernunft über die theoretische Vernunft und vom absoluten Werte des guten Willens und ist von
Fichte
(1762-1814) konsequent durchgebildet; er ist auch durch
Schopenhauer
(1788-1860) vertreten, der den Willen als das Ansich der Welt gedacht hat. Aber der Voluntarismus hat sich nach der Auffassung des Wesens des Willens in zwei Richtungen gespalten. Insofern er unter dem Wollen ein dunkles, triebartiges, unbewußtes Vorgehn sieht, wie dies bei Schopenhauer der Fall ist, führt er zu einer Hingebung an starke Eindrücke der Dinge, zu möglichst unreflektiertem Empfinden und Anschauen; insofern er im Wollen, wie das der Auffassung Kants und Fichtes entspricht, ein tätiges, zweckvoll vordringendes, schöpferisches Wirken sieht, betrachtet er das ethische Handeln und den Aufbau einer neuen Wirklichkeit als seine Aufgabe. Überwunden hat der Voluntarismus den Intellektualismus bisher keineswegs, sondern höchstens eingeschränkt. Kants moralischer Glaube, als Frucht des Voluntarismus, hat keine allgemeine Bedeutung erlangt, und der Voluntarismus birgt die nicht zu unterschätzende Gefahr in sich, der Unwissenheit und der Feindschaft gegen die Bildungsbestrebungen zum Deckmantel dienen zu können. Der Ausdruck Voluntarismus ist übrigens nicht gerade glücklich gewählt, da voluntas (lat.) mehr Neigung und Wunsch als charaktervolles Wollen bezeichnet. Es sind darum auch andere Bezeichnungen für denselben Begriff, wie Ethelismus, Thelismus, Theletismus, Thelematismus usw. vorgeschlagen (s. d.). Vgl. R.
Eucken
Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipz. 1904. S. 38 ff.
Vorstellung
Vorstellung
(repraesentatio) heißt das aus den Empfindungen und Wahrnehmungen durch Assoziation und Reproduktion des Gleichartigen und Verwandten gewonnene allgemeine psychische Gebilde. Die Wahrnehmungen setzen die Anwesenheit des Objektes voraus; die Vorstellungen kommen und gehen, ohne daß die Objekte derselben gegenwärtig sind. Sie bilden die Grundlage der Begriffe, die aus ihnen durch logische und apperzeptive Gestaltung hervorgehen. Die Vorstellungen sind entweder gleich oder ungleich, letztere wieder vergleichbar oder disparat. –
Leibniz
(1646-1716) und Herbart haben allerdings den Begriff Vorstellung in viel weiterer Bedeutung genommen und ordnen ihm alle psychischen Vorgänge unter. Doch geschah dies kaum mit Recht. Nach
Herbart
(1776-1841) sind die Vorstellungen sogar Kräfte und hemmen und fördern einander, sie steigen und sinken, verschmelzen sich oder widerstreben einander, drängen sich in der Enge des Bewußtseins, bis die schwächere unter die »Schwelle des Bewußtseins« sinkt und die stärkere steigt. Jede strebt wieder zur früheren Klarheit zu gelangen, wodurch ein stetes Schwanken und Schweben der Vorstellungen erzeugt werde. Diese ganze »Statik und Mechanik« der Vorstellungen ist aber unhaltbar. Herbart betrachtet in ihr das Bewußtsein wie einen ideellen Raum, in welchem sich die Vorstellungen durch eigene Kräfte selbständig bewegen. Das ist jedoch eine falsche Übertragung mechanischer Vorgänge auf das Seelenleben, die durch nichts gerechtfertigt ist. Den Wechsel der Vorstellungen veranlassen ganz andere Einflüsse: Reize, Empfindungen und Interessen. Über die Gesetze der Reproduktion, über Gedächtnis und Phantasie s. die einschlägigen Artikel.
Vorurteil
Vorurteil
nennt man ein Urteil, das jemand über eine Sache fallt, bevor er sie geprüft hat. Vorurteile sind unzulässig; aber nicht jedes Vorurteil ist falsch; nur kann man von seiner Wahrheit nicht eher überzeugt sein, als bis man es gründlich untersucht hat. Die Vorurteile sind oft die schlimmsten Quellen und Bollwerke des Irrtums. Die Philosophie darf sie nicht dulden, und ein philosophischer Kopf sollte keine Behauptung annehmen oder nachsprechen, die er nicht selbst durchdacht hat. Die Vorurteile haben mancherlei Ursprung: Erziehung, Gewöhnung, Familie, Stand, Sprache, Geschäft, Volk, Landesbrauch, Mangel der menschlichen Natur usw., mit einem Worte die Achtung vor fremden Autoritäten. Dazu kommt Egoismus, Trägheit und Faulheit, Oberflächlichkeit, Parteiwut usw. Vgl. Irrtum. Die erste philosophische Darstellung der Vorurteile (Idole) hat
Bacon
(1661-1626) gegeben (vgl. Idol). Neuerdings hat
Reinhold Hoppe
(Die Elementarfragen der Philosophie nach Widerlegung eingewurzelter Vorurteile. 1897. S. 13-24) die Lehre von den Vorurteilen systematisch behandelt. Er nennt neun Vorurteile: 1. daß das höchste Kriterium der Gewißheit sei, daß man nicht anders denken könne; 2. daß das anerkannte Wissen verbürgt sei; 3. daß Sein und Denken ursprünglich voneinander getrennt beständen und einen Gegensatz bildeten; 4. daß das Ziel der Erkenntnis sei, die Wirklichkeit im Geiste zu reproduzieren; 5. daß, wenn alles Sein nur ein gedachtes wäre, die ganze Welt nicht wirklich sein würde; 6. daß alles, was ist und geschieht, eine Ursache hat; 7. daß, wenn auf eine Frage die Antwort gesucht und nicht gefunden worden sei,, sie ein Problem bilde; 8. daß die Formulierung in Worten unser Denkvermögen begrenze und repräsentiere; 9. daß die Sicherheit der Erkenntnis auf ihrem Anfang beruhe und nur auf absolut sicheres Wissen ein höchstens ebenso sicheres Wissen gebaut werden könne.
Vorwitz
Vorwitz
ist die Übereilung im Urteilen und Handeln.
Wachen
Wachen
, s. Schlaf, Traum.
Wahlfreiheit
Wahlfreiheit
(liberum arbitrium), s. Freiheit, Willkür.
Wähnen
Wähnen
heißt das Fürwahrhalten aus unzureichenden Gründen. Vgl. Meinung, Glaube, Wissen und Wissenschaft.
Wahnleib
Wahnleib
nennt man eine aus der Abnormität des Ichbewußtseins hervorgehende Vorstellung, wonach der Leib eine veränderte Beschaffenheit angenommen hat. Aus der Störung der Gemeinempfindung entwickeln sich seltsame Halluzinationen: Der Mensch wähnt, das Gewicht seines Leibes sei vermehrt oder vermindert, sein Geschlecht und Alter sei verändert, der Leib sei in Glas, Holz, Butter usw. verwandelt. Vgl. T.
Krafft
-
Ebing
, Lehrbuch der Psychiatrie. 1883.
Wahnsinn
Wahnsinn
(erst nhd.) heißt die Geisteskrankheit, bei der im Bewußtsein des Kranken ein abnormes Ich an die Stelle des normalen tritt. Der Wahnsinnige legt sich einen anderen Namen und Beruf bei und bewegt sich innerhalb einer fixen Idee. Wahrnehmung, Phantasie und Gefühl sind krankhaft erregt, so daß sich der Kranke Vorstellungen macht, die gar nicht durch Sinnesreize begründet sind. Dazwischen hat er lichte Momente. Die Krankheit verläuft in mehreren Stadien. Zuerst tritt Leidenschaftlichkeit hervor und Vernachlässigung der gewöhnlichen Geschäfte und Personen, Zerstreutheit, Unruhe n. dgl. Sodann zeigt der Kranke irren Blick, auffallendes Betragen, zweckwidriges Tun. Endlich beherrscht ihn ganz eine fixe Idee, und die Krankheit endet gewöhnlich in Blödsinn. Vgl.
Emminghaus
, Allgemeine Psychopathologie. Lpzg. 1878.
Wahnwitz
Wahnwitz
(mhd. wanwiz =
leerer
Verstand) heißt ein unverständiger, verkehrter Gedanke eines dummen oder eines geisteskranken Menschen, der den Tatsachen widerspricht, und dem jede Begründung fehlt.
Wahrhaftigkeit
Wahrhaftigkeit
ist der Trieb, die Wahrheit zur Geltung zu bringen in Wort und Werk, in Miene und Gebärde. Das Streben nach Wahrhaftigkeit darf als natürlich gelten, wird aber durch Feigheit, Eitelkeit und Selbstsucht sehr oft verdrängt. Poetische Vorbilder der Wahrhaftigkeit sind Neoptolemos in Sophokles' Philoktetes und Iphigenie bei Goethe.
Wahrheit
Wahrheit
wird
theoretisch
in doppeltem Sinne gebraucht, im logischen oder formalen und im materiellen oder inhaltlichen Sinne. Die (formale)
logische
Wahrheit ist die Übereinstimmung unserer Gedanken mit sich selbst und mit den allgemeinen Denkgesetzen (vgl. Richtigkeit). Sie liegt nur in der Form, nicht in dem Inhalt der Erkenntnis. Die
materielle
(inhaltliche) Wahrheit hingegen besteht in der Angemessenheit unserer Gedanken für die Gegenstände. Daß diese von selbst beim natürlichen Denken vorhanden sei, ist die Ansicht des »gesunden Menschenverstandes«. Das tiefere Nachdenken kommt aber bald auf die Frage nach der Bürgschaft für die Wahrheit, nach ihren Kriterien. Hierbei kann man den skeptischen, kritischen, dogmatischen und den Standpunkt der absoluten Philosophie unterscheiden. Die
Skepsis
stellt die Möglichkeit eines wahren Wissens überhaupt in Abrede. Der
Kritizismus
leugnet die Gültigkeit unserer Erkenntnis vor ihrer Prüfung und über die Grenzen der Erfahrung hinaus; die Dinge an sich bleiben uns unbekannt. Der Dogmatismus dagegen setzt ohne weiteres voraus, daß unsere Begriffe dem Wesen der Dinge entsprechen. Noch weiter in der Richtung geht die
absolute Philosophie
, indem sie, unter Voraussetzung der absoluten Einheit von Denken und Sein, behauptet, der Begriff sei selbst das wahrhaft Reale. – Eine ganz andere Art von Wahrheit tritt uns bei der
Gültigkeit der praktischen Ideen
entgegen. Hier handelt es sich nicht um die Angemessenheit des Gedankens für das Sein, sondern im Gegenteil um Übereinstimmung des Seins mit der Idee. Das sittliche, ästhetische, religiöse Tun hat sich nach der Idee zu richten. Diese Wahrheit kann man die
ideale
Wahrheit nennen.
Wahrnehmung
Wahrnehmung
(perceptio) nennt man die unmittelbare Bewußtseinserfassung eines Gegebenen durch die Sinne. Die Wahrnehmung entsteht nur bei Gegenwart eines wirklichen Objekts. Man unterscheidet
äußere
und
innere
Wahrnehmung. Jene ist die unmittelbare Erkenntnis des neben- und nacheinander Existierenden, welche auf Grund objektiver Verhältnisse durch unsere Sinne zustande kommt, diese faßt unsere psychischen Erlebnisse vom Standpunkt des Selbstbewußtseins mit materieller Richtigkeit auf. Auf der Verbindung der äußeren und inneren, der sinnlichen und der psychischen Wahrnehmung beruht ein großer Teil aller Erkenntnis. Im wesentlichen deckt sich also der Begriff der Wahrnehmung mit dem der Anschauung (s. d.). Will man beide unterscheiden, so kann dies mit
Wundt
(geb. 1832) so geschehen, daß man bei dem Ausdruck
Wahrnehmung
mehr die Auffassung des Gegenstandes
nach seiner wirklichen Beschaffenheit
, bei dem Ausdruck Anschauung dagegen vorzugsweise die dabei vorhandene
Tätigkeit unseres Bewußtseins
im Auge hat. Vgl. Wundt, Grundz. der phys. Psych. II, S. 1.
Wahrscheinlichkeit
Wahrscheinlichkeit
(probabilitas) heißt der mittlere Grad der Gewißheit. Die Wahrscheinlichkeit liegt zwischen der Wirklichkeit und Möglichkeit und schließt den Eintritt des Gegenteils nicht aus. Sie hat selbst verschiedene Grade der Gewißheit, je nach dem Gewicht der Gründe, auf denen sie beruht. Man unterscheidet
mathematische
und
philosophische
Wahrscheinlichkeit; jene nennt man auch die reale, diese die logische Wahrscheinlichkeit. Jene bezieht sich auf Verhältnisse des gewöhnlichen Lebens und wird bestimmt durch das Verhältnis der Anzahl der einer Erwartung günstigen Fälle zur Anzahl aller möglichen Fälle, wenn alle Fälle gleich möglich sind. Die einfachsten Fälle der Wahrscheinlichkeit kommen z.B. beim Spiel (Karten, Lotto u. dgl.) vor. So fragt man, wie wahrscheinlich es ist, in einem Zahlenlotto eine Ambe zu erraten. In den 90 Nummern liegen 4005 Amben; 5 Nummern werden jedesmal gezogen, in denen 10 Amben liegen. Hier habe ich also von 4005 Fällen 10 Fälle für und 3995 gegen mich. Die Wahrscheinlichkeit verhält- sich also zur Gewißheit wie 10:4005 oder sie ist, die volle Gewißheit = 1 gesetzt, = 10/4005. Die Wahrscheinlichkeit, mit zwei Würfeln einen Pasch zu werfen, ist = 1/6 der Gewißheit; für einen bestimmten Pasch aber = 1/36. Voraussetzung der Wahrscheinlichkeitsrechnung ist, daß alle Fälle ganz gleichartig sind und daß man sie übersehen und ihr Größenverhältnis bestimmen kann. Daher wird im allgemeinen nur der Unternehmer eines Geschäfts (für Leibrenten, Witwenkassen, Lotterien) gewinnen, der Einzelne aber stets aufs unsichere hin wagen. Mit der einfachen mathematischen Berechnung kann sich in anderen Fällen auch die Erfahrung zur Bestimmung der Wahrscheinlichkeit verbinden. So lehrt z.B. die Erfahrung, daß sich die Geburten von Knaben zu der von Mädchen wie 22 zu 21 verhalten, folglich Wird die Wahrscheinlichkeit, daß eine Mutter bei der Geburt einen Knaben zur Welt bringen werde, sich ebenso verhalten. – Bei der
philosophischen
Wahrscheinlichkeit schließt man entweder geradezu von der Vielheit der Fälle auf die Einheit der Regel und sucht also die Regel selbst zu begründen, oder man setzt doch voraus, wiewohl nicht mit voller Gewißheit, daß die Regel allgemein gelte. Hier hat man das Bewußtsein, es gebe feste Regeln der Entscheidung, wenn man sie auch noch nicht kennt, und hier schließt man nicht auf Grund der Größe, sondern durch Induktion, Analogie und Hypothese.
Webersches Gesetz
Webersches Gesetz
ist das von
Weber
(1795-1878) aufgestellte, von Fechner als Grundsatz der Psychophysik genauer formulierte,
psychophysische
Gesetz (s. d.) Weber hatte das Gesetz nur für Gewicht-, Druck- und Längenbestimmungen aufgestellt;
Fechner
(1801-1887) erweiterte es und übertrug es auf Licht-, Schall-, Distanz- und andere Schätzungen,
Wundt
(geb. 1832) trennte Druck- und Muskelempfindung, berechnete die Verschiedenheit der relativen Reizerhöhungen bei den Empfindungsklassen und suchte das Gesetz dem allgemeineren Gesetz des unbewußten Vergleichungsverfahrens zu subsumieren.
Wundt
, Vorles. ü. d. Menschen- und Tierseele I, S. 98. 1892. Vgl. psychophysisches Gesetz.
Wechselwirkung von Leib und Seele
Wechselwirkung von Leib und Seele
, s. Leib, Seele, Harmonie, Dualismus, Influxus physicus, Cartesianismus.
Wehmut
Wehmut
heißt der Affekt der Traurigkeit, der entweder der Erinnerung an eine vergangene Lust, an ein verlorenes Gut oder der Einsicht in die Unmöglichkeit, ein ersehntes Gut zu erlangen, entspringt. Es mischt sich in jene Traurigkeit auch ein Gefühl der Lust (»Ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist« oder: »Es weilt so hoch, es blinkt so schön, wie droben jener Stern«), weshalb man von süßer Wehmut spricht. Ja, es gibt eine »Wonne der Wehmut«. Vgl. Goethes Gedicht »An den Mond« und »Trost in Tränen«.
Weisheit
Weisheit
ist die Anwendung der besten Mittel zur Erreichung guter Absichten. Sie besteht in einem Wissen des Wahren, welches aber nicht in der Theorie bleibt, sondern praktisch wird und.die Gesinnung und Handlungsweise veredelt. Nicht Gelehrsamkeit und Bildung gehört dazu, aber praktische. Lebensklugheit, Einsicht in das wahrhaft Gute und guter Wille. In ihrem letzten praktischen Ziele will die Philosophie Weisheitslehre sein.
Welt
Welt
(v. mhd. werlt, ahd. weralt, eigentlich das Zeitalter, s. a. saeculum) bezeichnet die Gesamtheit dessen, was ist (Universum). Mit den Fortschritten der Astronomie haben sich die Vorstellungen von der Größe und Einrichtung des Weltgebäudes (Kosmos = Schmuck, Ordnung, mundus) geändert. Die Lehre von dem Ursprung, dem Wesen, der Dauer und dem Ende der Welt entwickelt die Kosmologie (s. d.). Früher schied man die sichtbare (mundus sensibilis) von der übersinnlichen (m. intelligibilis); die Naturphilosophen des 16. Jahrhunderts stellten dem Makrokosmos (der Welt) den Menschen als Mikrokosmos gegenüber.
Schopenhauer
(1788-1860) sieht in der Welt einerseits Willen (Ding an sich), andrerseits ist ihm die Welt unsere Vorstellung (Welt der Erkenntnis). Vgl. Metaphysik,
Weltanschauung
Weltanschauung
heißt die Gesamtansicht, die jemand von Gott, Welt und Menschen hat. Das theoretische Ziel der Philosophie ist, uns eine Weltanschauung zu geben.
Weltbrand
Weltbrand
(gr.
ekpyrôsis
) nahmen
Herakleitos
, die
Stoiker
u. a. als einen relativen Endzustand der Welt an, wonach die Welt durch Verbrennung zerstört und zugleich erneuert werden soll. Auch den Anfängen des Christentums ist die Idee eines Weltbrandes nicht fremd gewesen.
Weltordnung
Weltordnung
heißt die physische und sittliche Gesetzlichkeit des Weltalls, welche J. G.
Fichte
(1762-1814) gleich Gott setzte.
Weltschmerz
Weltschmerz
heißt die krankhafte Empfindlichkeit für die Mängel und Übel der Welt. Systematisch ausgebildet finden wir den Weltschmerz bei
Schopenhauer, E. v. Hartmann
und F.
Nietzsche
, poetisch dargestellt bei
Lenau, H. Lorm, Byron, Chateaubriand
und
Leopardi
.
Weltseele
Weltseele
nannte Platon (Tim. p. 34) und nach ihm die Stoa, Schelling u. a. das belebende Prinzip der Welt.
Wesen
Wesen
(lat. essentia, gr.
ousia
, ahd. wesan, mhd. wesen) bedeutet
zunächst das Sein
im Gegensatz zum Dasein (existentia). Jedes Vorhandene muß irgend welche Bestimmtheit haben, um zu existieren. Jede Existenz setzt eine Essenz oder ein Wesen voraus. Damit hängt die
zweite Bedeutung
des Wortes zusammen, wonach unter Wesen das
Bleibende
, Beharrliche, das Ding an sich verstanden wird im Gegensatz zu den wechselnden Eigenschaften und zur Erscheinung. Das
Wesentliche
an einer Sache ist in dieser Bedeutung das Notwendige.
Endlich
bedeutet Wesen ein
einzelnes Ding
, und man spricht von mehreren Wesen derselben Art. Vgl. Begriff.
Widerlegung
Widerlegung
(lat. refutatio) heißt der Nachweis von der Unrichtigkeit einer Behauptung. Man widerlegt, indem man entweder den logischen Widerspruch oder die materiale Unwahrheit aufzeigt. Dies kann durch direkten oder indirekten Beweis, durch Deduktion oder Induktion, durch absolute Beweise oder Wahrscheinlichkeitsschlüsse geschehen. Um sachlich zu widerlegen, hat man den Streitpunkt fest im Auge zu behalten, die Behauptungen des Gegners klar aufzufassen, sich über die Prinzipien mit ihm auseinanderzusetzen, sich vor Verdrehung und Konsequenzmacherei zu hüten und nicht bloß die Gründe des Gegners aufzuheben, sondern den Gegenbeweis zu geben. Vgl. Irrtum, Kritik.
Widerspruch
Widerspruch
, s. Contradictio und Negation.
Wille
Wille
heißt
allgemein
das mit Einsicht verbundene Streben. Während der Trieb blind, die Begierde nur zielbewußt ist, gesellt sich beim Wollen noch die Einsicht in die Erreichbarkeit des Begehrten hinzu. Erreichbar aber ist etwas, wenn es den Endpunkt einer Kausalreihe bildet, deren Anfang von uns selbst in Bewegung gesetzt und zur Ursache aller folgenden Glieder gemacht werden kann. Vom Begehren unterscheidet das Wollen sich also durch die Stetigkeit seiner Akte, durch die Überlegung und die Zuversicht, daß es Erfolg haben werde. Ohne die Vorstellung des Begehrten, die Erfahrung und die Einsicht in die Mittel kommt kein Wollen zustande. Das Wollen entspringt also aus dem Wissen und Können. Man kann, was man will, wenn man will, was man kann. Kein Verständiger wird wollen, was er sich bewußt ist, schlechterdings nicht zu können oder zu dürfen. Die Gegenstände des Wollens aber sind unendlich verschieden, gut und schlecht; daher gibt es einen sittlichen und einen unsittlichen Willen; und je nach dem Gebrauch und der Überzeugung von der eigenen Kraft gibt es ein verständiges und törichtes, ein festes und schwankendes Wollen. Immer aber bleibt der Wille des Menschen Innerstes Eigentum, so daß
Schopenhauers
Idee (1788-1860. Die Welt als Wille und Vorstellung. 1819), ihn als das Ding an sich, als das Wesen der Welt überhaupt, zu bezeichnen, nur mit vollständiger Verschiebung des Begriffes des Willens zu einem unvernünftigen blinden Streben möglich war. Vom Willen kann auch weder beim Tiere noch beim Säugling die Rede sein, sondern nur beim Menschen, der soweit gereift ist, daß er Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung erworben hat; bei ihm treten immer mehr an die Stelle der Begierde nach Lust alle die mannigfachen Interessen, die ihm das Leben eingepflanzt hat, und die vielseitige Überlegung der Mittel nebst einer gewissen Mechanik des Wollens. – Das Wollen
betätigt
sich nach außen durch Handlungen, nach innen durch Impulse. In jener Hinsicht zeigt sich sein Einfluß auf das Leben, in dieser sein Einfluß auf das Nachdenken, Wahrnehmen, Aufmerken, Sichbesinnen und auf das künstlerische Schaffen. Auf der Möglichkeit, verschiedene Interessen zugleich zu erwägen und durch die wichtigste bestimmt zu werden, beruht die praktische Freiheit des Willens, die Möglichkeit der Willensbildung und Erziehung, ja des Fortschrittes der ganzen Menschheit. Vgl. Freiheit, Determinismus, Seelenvermögen, Voluntarismus.
Willkür
Willkür
(liberum arbitrium) heißt die niedrigste Stufe der Freiheit, nämlich die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Möglichkeiten
beliebig und ohne sittliche Gründe
zu wählen. Daß der Mensch dabei ganz indeterminiert sei, ist nur ein Schein, welcher aus dem Zugleichsein mehrerer Bestimmungsgründe in unserm Innern entspringt. Wer die Freiheit des Willens und des Wesens der Willkür in der Indeterminiertheit sieht, verwechselt das Unvermögen des Beobachters, das Resultat der Überlegung vorherzubestimmen, mit einem jede Vorherbestimmung ausschließenden Vermögen im Wählenden. Wählen aber heißt das einem besser Scheinende vorziehen; da dies nur auf Grund einer Überlegung geschehen kann, setzt die Wahl gerade die Motivation durch äußere Gründe oder die innere Entscheidung voraus; wer aber unter willkürlich handeln grundlos handeln versteht, der hat kein Recht, noch von sittlichem, freiem Tun überhaupt zu sprechen. Vgl. Indeterminismus, Äquilibrismus.
Wirklichkeit
Wirklichkeit
heißt nach der gewöhnlichen Auffassung das in der Außenwelt Daseiende, in Raum und Zeit Vorhandene. Aber die Philosophie hat frühzeitig erkannt, daß die Gegenstände der äußeren Wahrnehmung durch ihre Eigenschaften (Farben, Töne usf.) nicht das metaphysisch Wirkliche darstellen. Daher hat der Kritizismus den Dingen an sich allein die Wirklichkeit beigelegt, und der konsequente Idealismus hat schließlich die Wirklichkeit der Außenwelt überhaupt geleugnet, so daß Hegel den Satz aussprechen konnte: »Was vernünftig ist, ist wirklich, und was wirklich, ist vernünftig«, womit dem Gedanken, dem Begriff die wahre Wirklichkeit zugesprochen wurde. Vgl. Realität, Objekt. Man wird die Schwierigkeiten im Begriffe des Wirklichen lösen, wenn man das Wirkliche zwar nur in den Vorstellungen des Bewußtseins, aber in dem an unseren Vorstellungen sucht, was unseren Sinnen und dadurch unserem Bewußtsein ohne unseren Willen gegeben ist. Vgl. gegeben.
Wirkung
Wirkung
(effectus), s. Ursache.
Wissen
Wissen
nennt man die auf subjektiv und objektiv zureichende Gründe gestützte Überzeugung. Diese Gründe können entweder aus der Sinnesanschauung (Empirie) oder aus Zeugnissen (historisches Wissen) oder aus dem Zusammenhang von Zahl, Größe und Gestalt (mathematisches Wissen) oder aus Schlüssen (philosophisches Wissen) geschöpft sein. Vgl. Glauben, Meinen, Überzeugung.
Wissenschaft
Wissenschaft
bedeutet
material in subjektivem Sinne
das Wissen des Einzelnen,
in objektivem
den durch Schrift und Lehre überlieferten Schatz des Wissens der Menschheit,
formal
den nach logischen Regeln geordneten Inbegriff von Lehrsätzen. In material-objektivem und formalem Sinne zugleich ist sie das vollständige Ganze gleichartiger, nach Prinzipien geordneter Erkenntnisse. Vollständigkeit, Einheit, Systematik und Klarheit sind die Hauptseiten der Wissenschaft. Das bloße gedächtnismäßige Wissen heißt dagegen Gelehrsamkeit und ist nicht echte Wissenschaft; man kann ein ganz gelehrter, dabei aber doch ein unwissenschaftlicher Mensch sein. Jede Wissenschaft dagegen hat irgend ein Problem als ihren Stoff und ein Prinzip, wonach sie alles Einzelne beurteilt. Die letzten Grundsätze aber, aus denen die Einzelwissenschaft ihren Stoff ableitet, untersucht die Philosophie; sie liefert ihr auch die Methoden. Der Versuch, alle Wissenschaften als ein System darzustellen, führt zur Enzyklopädie (s. d.).
Wissenschaftslehre
Wissenschaftslehre
nannte J. G. Fichte (1762-1814) die Philosophie, indem er sie als die Lehre von demjenigen Wissen betrachtete, welches die notwendigen Tathandlungen des Geistes umfaßt und dadurch den Grund für alle besonderen Wissenschaften legt, die ihrerseits die freien oder willkürlichen Handlungen des Geistes zum Inhalt haben. Vgl. J. G. Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre. 1794.
Witz
Witz
, eigtl. Verstand,- heißt die Fähigkeit, Ähnlichkeiten zwischen scheinbar fremden Dingen leicht aufzufinden und in überraschender Weise darzustellen. Die Beziehungen zwischen Dingen können sowohl positiver als negativer Art sein (Ähnlichkeits- und Kontrastwitz). Der Witz hebt nun aus den verbundenen Begriffen nur ein Merkmal hervor und stiftet nur eine punkthafte Verbindung, daher heißt er selbst Pointe, und daher nennt ihn
Jean Paul
(1763-1825) einen verkleideten Priester, der jedes Paar kopuliert. Ist das Merkmal, das er hervorhebt, für die Begriffe selbst charakteristisch, dann ist der Witz treffend, und ein solcher Witz kann selbst wissenschaftliche Bedeutung haben; denn der Witz erleuchtet wie der Blitz, wenn er auch manchmal blendet; je lockerer die Vorstellungsmassen zusammenhängen, desto näher liegt der Witz; daher ist die Jugend mehr dazu aufgelegt, als das Alter, Künstler und Diplomaten mehr als Gelehrte. Traum, Affekt, Rausch und Manie haben ihren besonderen Witz. Die niedrigste Form des Witzes ist der Wortwitz, der entweder nur die Ähnlichkeit des Klanges ausbeutet oder sich an die doppelte Bedeutung eines Wortes hält. Der Witz arbeitet in Etymologien und gewährt Lust durch den Kontrast; er ist daher gesellig; er achtet aber auch keine Schränken und kann daher leicht frivol sein. Er gewährt Freiheit (von Spannung), indem er Gleichheit vorgibt. Je scharfsinniger, abstrakter jemand ist, desto weniger wortwitzig pflegt er zu sein, wie schon
Bacon
(1561-1626) richtig hervorhob. Höher als der Wortwitz steht der bildliche Witz; er vergleicht nicht Worte, sondern Dinge miteinander, und zwar ist er um so besser, je mehr er durch die Fremdartigkeit der verglichenen Dinge überrascht und trotzdem zutreffend ist. Vgl. Scharfsinn.
Wohltätigkeit
Wohltätigkeit
besteht in der tätigen Beförderung fremden Wohlseins oder in der tätigen Linderung fremder Not. Die Wohltätigkeit ist eine soziale Pflicht, zu der wir durch die Solidarität unserer Interessen verpflichtet sind. Die Wohltätigkeit kann sich durch Almosen (Mildtätigkeit) oder Hilfsleistungen (Dienstfertigkeit) äußern. Doch erhöht sie den Wert ihrer Handlungen durch den Takt, der sowohl die Bedürftigkeit als auch die Würdigkeit des Bedürftigen, ferner das eigene Vermögen und die besten Mittel zur Abhilfe abwägt. Die
Gesinnung
des Gebers ist beim Wohltun die Hauptsache; denn was nur aus Eitelkeit, Selbstsucht oder aus sonst einem egoistischen Motiv gegeben wird, hat keinen Wert. Das Wohltun muß mit Besonnenheit und Weisheit geschehen, was bisweilen recht schwierig ist. – Vgl.
Seneca
, de beneficiis.
Wunder
Wunder
(miraculum) bedeutet
zunächst
alles, worüber man sich wundert; derartiges gibt es für die naive, unwissende Menschheit schon unendlich vieles; aber darüber hinaus wird gerade derjenige, welcher Natur und Geschichte am meisten kennt, viel Wunderbares finden, und der Philosoph wundert sich über Dinge, die dem gewöhnlichen Menschenverstande keinen Anstoß bereiten. Andrerseits setzt es die höchste Weisheit voraus, sich über nichts mehr zu wundern, wie es das Horazische »nil admirari« fordert. –
Im kirchlichen Sprachgebrauch
bezeichnet Wunder ein Ereignis, welches den Naturgesetzen zuwiderläuft und mit dem Gott durch unmittelbare Fügung die Ordnung des Weltalls durchbricht. – Von Wundem wird auch noch im
gewöhnlichen Sprachgebrauch
in dem Sinne geredet, daß bisweilen eine ungewöhnliche Steigerung von Naturkräften hervortritt, so z.B. wenn ein Genie wie Goethe erscheint. Vgl. Natur, übernatürlich, Offenbarung.
Wunsch
Wunsch
heißt die nicht dem Verstand unterworfene Regung des Begehrens. Vgl. Wille.
Young-Helmholtzsche Hypothese
Young-Helmholtzsche Hypothese
s. Helmholtzsche Hypothese.
Zahl
Zahl
heißt die durch die synthetische Tätigkeit des Bewußtseins hergestellte Zusammenfassung gleichartiger Gegenstände (Einheiten) zu einer die Teile und das Ganze ausdrückenden Verbindung. Die Zahl ist nicht die Anschauung oder die Vorstellung oder der Begriff eines empirischen
Objektes
, und sie enthält auch keine Bestimmung der
Substanz
oder der
Beschaffenheit
eines Objektes. Im Zahlbegriff fehlt aber auch ferner jede Beziehung auf ein Nach- und Nebeneinander, auf
Raum
und
Zeit
oder auf ein
kausales Verhältnis
. In ihm liegt
nur die begriffliche Zusammensetzung des Ganzen aus seinen gleichartigen Teilen
. Das
Zählen
als psychischer Akt ist zwar eine
sukzessive
Verbindung unterschiedener gleichartiger Teile, und die
Zahlenreihe
ist ohne ein Nacheinander unmöglich; aber in der
fertigen Zahl
liegt die
Sukzession
nicht. So wenig die Nadel, die das Kleid genäht hat, ein Teil des fertigen Gewandes ist, ebensowenig ist die Zeit, die zum Zählen gehört, ein Teil des fertigen Zahlbegriffs. Die Zahl ist vielmehr
abstrakter
als alle Zeit- und Raumbegriffe. Kant (1724-1804) hat daher eine falsche Lehre aufgestellt, wenn er behauptet hat, daß die Zahl Zeitanschauung in sich einschließe und daß die Arithmetik die Wissenschaft der reinen Zeit sei, wie die Geometrie die Wissenschaft des reinen Raumes ist. Gerade auf der Unabhängigkeit der Zahl von Zeit und Raum beruht die
allgemeine
Verwendbarkeit der Zahl.
Arithmetik
ist die relativ
reinste mathematische Vernunftwissenschaft
. Nur bei der Erwerbung des Zahlbegriffes bedarf das Kind der Erfahrung und Anschauung. Der erworbene Zahlbegriff entwickelt sich dann aber nach seinen eigenen Gesetzen auf das reichste weiter. – Die Zahl ist entweder
bestimmt
(1, 2, 3 usw.) oder
allgemein
(a, b, c usw.). Durch die Rechnungsarten entwickelt sich eine Fülle von Zahlarten: positive, negative, ganze, gebrochene, rationale, irrationale, reelle, imaginäre, algebraische, transscendente usw., und es gipfelt der Zahlbegriff jetzt in dem Begriff der
komplexen
Zahl a ± ib. Um die Klärung über das Wesen der Zahl haben sich in neuerer Zeit besonders verdient gemacht:
Weierstraß, Dedekind, Cantor
und
Kronecker
. Die Wissenschaft von der Zähl ist die
Arithmetik
. Sie ist ihrem Wesen nach nicht analytisch wie die Logik, sondern synthetisch und beruht auf einer Art schöpferischer Kraft des Bewußtseins, die Kant nicht ganz richtig mit den Namen »Konstruktion in der Anschauung« bezeichnete. Ihr Verfahren besteht in einer rekurrierenden Schlußweise, die in eine einzige Formel eine unendliche Anzahl von Syllogismen zusammendrängt und auf eine Geisteskraft hinweist,.welche der unendlichen Wiederholung ein und desselben Schrittes fähig ist, wenn dieser Schritt einmal als möglich erkannt ist. Die Arithmetik kommt also durch Konstruktionen, nicht aber durch Konstruktionen in der Anschauung, vorwärts und konstruiert schrittweise immer verwickeltere Kombinationen, um alle möglichen Formen der Zusammensetzung eines Ganzen aus seinen Teilen zu entwickeln. An das Zählen schließt sich die Addition, an diese die Multiplikation und an diese die Potenzierung an. Rückwärtszählen, Subtrahieren, Dividieren (Teilen und Messen), Radizieren und Logarithmieren bilden die inversen Operationen. Aus diesen Operationen erwächst alle Gestaltung des Zahlbegriffs. Die Arithmetik ist unter allen mathematischen Wissenschaften die unentbehrlichste, allgemeinste und grundlegendste. Pythagoras hat der Zahl sogar metaphysische Bedeutung zu geben versucht und in ihr das Wesen der Dinge gesehen. Doch geschah dies zu Unrecht; denn die Zahl ist ein Begriffsgebilde aber nicht das Ding an sich. Vgl. C.
Michaëlis
, Über Kants Zahlbegriff. Berlin 1884. Über Stuart Mills Zahlbegriff. Berlin 1888.
Max Simon
, Didaktik und Methodik des Rechnen-, Mathematik- und Physik-Unterrichts. München 1895. H.
Graßmann
, Lehrbuch der Arithmetik. 1861.
Dedekind
, Was sind und was sollen die Zahlen? Braunschweig 1888. v.
Helmholtz
, Zählen und Messen, erkenntnistheoretisch bearbeitet. 1887. (Wiss. Abhandl. Bd. 3, S. 356 ff.).
Kronecker
, Über den Zahlbegriff (Crelles Journal Bd. 101).
Tannery
, Leçons d'arithmétique thèorique et pratique. Paris 1894. H.
Poincaré
, Science et hypothèse, deutsch von F. und L.
Lindemann
. Leipzig 1904 (I. Zahl und Größe).
Zeit
Zeit
, s. Raum, Ewigkeit, unendlich.
Zetetiker
Zetetiker
(gr.
zêtêtikoi
v.
zêtein
= forschen), Forscher, nannten sich vorzugsweise die Skeptiker (s. d.).
Zirbeldrüse
Zirbeldrüse
(glanspinealis, glandula, conarium), einen ovalen rötlichgrauen weichen Körper von der Größe eines Kirschkerns, der auf dem vorderen Hügelpaar der Vierhügel im Gehirn ruht und der im Inneren den sogenannten Hirnsand enthält. (vgl. acervulus cerebri), betrachtete
Descartes
(1596-1650) als den Sitz der Seele, weil sie keines der paarigen Organe sei (Passions de l'âme I, 31). Die jetzige Forschung hat in der Zirbeldrüse ein rudimentäres Auge nachgewiesen.
Zorn
Zorn
ist die zum heftigsten Affekt gesteigerte Unlust über ein empfundenes Unrecht. Der Zorn gehört zu den
sthenischen
Affekten (s. d.) und hat großen Einfluß auf das Leibesleben. Das arterielle Gefäßsystem- wird im Zorne aufgeregt, der Puls wird hart, voll und groß, das Gesicht rot und aufgetrieben, die Stirn gerunzelt, die Augen treten hervor, der Körper gerät in heftige Bewegung, die Galle wird stärker abgesondert. Sobald der Paroxysmus der Leidenschaft zu Ende ist, tritt Abspannung ein. Je nach Temperament und Erziehung ist die Neigung zum Zorn verschieden; das Heilsame wäre, nie in Zorn zu geraten; denn der Zorn hat für den ganzen Organismus die nachteiligsten Wirkungen: Gallenfieber, Entzündung der Leber, des Herzens, des Gehirns, ja Manie ist oft die Folge. Bekämpft wird der Zorn durch Einsicht und Selbstbeherrschung. Zuchtwahl.
Zufall
Zufall
(casus) nennt man alles, was durch keine Gründe und Ursachen bedingt zu sein scheint, also das
Unbeabsichtigte
und das
Unerklärliche
. Der Begriff des Zufalls ist jedoch ein bloß
subjektiver
; denn tatsächlich ist alles Wirkliche durch Ursachen bedingt. Aber ein Kausalzusammenhang kann für uns unter Umständen dunkel und unbekannt oder auch unbeabsichtigt sein. Zufällig heißt demnach dasjenige Ereignis, welches aus einem System von Ursachen entspringt, das nicht in der Macht des Wollenden oder der Kenntnis des Auffassenden liegt, z.B. eine Folge, die weder von uns beabsichtigt noch auch vorhergesehen ist. Der Zufall, so aufgefaßt, spricht sowohl im Leben des einzelnen als auch in der Geschichte der Völker seine Rolle. Vgl. Geschichte.
Zurechnung
Zurechnung
(imputatio) besteht in einem Urteil, durch welches ansgesprochen wird, daß eine bestimmte Tat eine bestimmte Person zum Urheber habe. Der Kausalnexus zwischen Urheber und Tat wird aber durch das Wollen hergestellt, das aus dem Ich hervorgeht. Daher hat man bei der Abwägung, ob eine Tat jemandem zuzurechnen sei, die doppelte Frage aufzuwerten: ist die Tat aus dem Wollen des betreffenden Menschen und ist das Wollen aus dem Bewußtsein desselben hervorgegangen? Die Bejahung der ersten Frage ergibt die
Zurechenbarkeit
der Tat, die der zweiten die
Zurechnungsfähigkeit des Subjekts
. Jene Zurechnung ist die faktische, diese die rechtlich-moralische Zurechnung. Hat z.B. jemand im Wahnsinn oder auf Befehl eines Vorgesetzten etwas getan, so muß ihm zwar der Erfolg als seine Tat zugeschrieben, aber er kann keine Schuld dafür beigemessen werden. Die Zurechnung hat verschiedene Stufen. Sie ist unmittelbar, wenn jemand eine Tat selbst getan hat (physische Urheberschaft); sie ist
mittelbar
, wenn er einen anderen dazu angestiftet hat (intellektuelle Urheberschaft). Sie ist
vollständig
oder
unvollständig
, je nachdem die Handlung die allein hinreichende Ursache des Erfolges war oder nicht. Demgemäß bemißt sich auch die Schuld der Teilnehmer. Vor allem kommt es darauf an, ob der Mensch Einsicht und Vorsatz hatte. Alles, was der Täter als direkte oder indirekte Folge seiner äußeren oder inneren Handlung voraussehen mußte, ist zurechenbar, was er nicht voraussehen konnte, ist unzurechenbar; was er voraussehen konnte und nicht vorausgesehen hat, wird strafbar, wenn er es hätte voraussehen sollen. Die Zurechnungsfähigkeit hängt ab vom Kennen und Wollen, vom Wissen des Sollens und vom Begehren des Gewußten. Unzurechnungsfähig sind also Kinder, Wahnsinnige, Kranke, Taubstumme (z.B. betreffs des Eides), Hypnotisierte usw. Alles Gesagte gilt natürlich nicht nur für Taten, sondern auch für sträfliche Unterlassungen. Vgl. J.
Hoppe
, d. Zurechnungsfähigk. 1877. G.
Rümelin
, Reden und Aufsätze. 1881.
Zweck
Zweck
(lat. finis, gr.
telos
; im Deutschen bedeutet das mhd. zwec soviel als Nagel aus Holz oder Eisen, dann Nagel im Mittelpunkt der Zielscheibe und schließlich Zielpunkt, Ziel) nennt man eine vorgestellte und begehrte Wirkung (vgl. Ursache). Der Begriff des Zweckes ist also aus dem Kausalitätsbegriffe abgeleitet, ist also nicht eine Kategorie des Denkens. Man unterscheidet Zwecksetzung und Zweckverwirklichung. Zur
Zwecksetzung
gehört dreierlei: a) die Vorstellung einer Wirkung, b) der Wunsch, dieselbe aus dem Reiche der Idee in das der Wirklichkeit zu setzen, c) die Vorstellung der Ursache (Mittel), welche dazu führt. Zur
Zweckverwirklichung
gehört: a) die Idee einer Wirkung, b) die Auslösung einer Ursache (Mittel), c) der Eintritt einer Wirkung (verwirklichter Zweck). Dar Zweckbegriff ist also nur unter Voraussetzung einer die Kausalitätsverhältnisse kennenden und ins Werk setzenden Intelligenz möglich. Der Zweck heißt
Finalursache
(causa finalis), weil er die Ursache ist, daß man die Mittel wolle. Der Finalnexus ist die durch Mitwirkung des Denkens und Wollens vollzogene
Erweiterung des Kausalnexus
um ein Glied; in der objektiven
Kausalreihe von zwei Gliedern
ist die Ursache das erste, die Wirkung das zweite, in der subjektiven und objektiven
Zweckreihe von drei Gliedern
ist die Idee der Wirkung das erste, die wirkliche Herbeiführung der Ursache das zweite und die reale Wirkung erst das dritte. Zweck ist daher nach Kant (1724 bis 1804) »der Begriff von einem Objekt, sofern er zugleich den Grund der Wirklichkeit dieses Objektes enthält« (Kr. d. Urteilskraft. Einleitung S. XXVI). Wer also den Zweck begehrt, muß auch die Ursache, die weil sie zwischen Zweck und Wirkung liegt, Mittel heißt, wollen; doch geht der Zweck der Auswahl der Mittel voran, und erst das Begehren des Zweckes verursacht das Begehren des Mittels; dieses verursacht das begehrte Objekt; dieses endlich verursacht die Empfindung der Befriedigung. Manches begehrt man freilich auch als Zweck, während man die Mittel nicht will. So lebt mancher Mensch, obwohl er die Gesundheit liebt, so, daß er krank werden muß. Oft setzt sich auch andrerseits, was man nur als Mittel begehrte, als Zweck fest. Dies tritt besonders beim Gelde hervor. Vgl. Teleologie, Mittel.
Zweckmäßigkeit
Zweckmäßigkeit
, s. Teleologie.
Zweifel
Zweifel
heißt derjenige Gemütszustand, in dem man durch einander entgegenstehende Gründe an der Entscheidung einer Frage gehindert wird. Der Zweifel ist entweder ein Zustand
intellektueller
oder ein Zustand
ethischer Art
. Sein Gegenteil ist demgemäß entweder die Gewißheit oder die Entschlossenheit oder das Vertrauen. Der Zweifel ist unbequem in der Praxis des Lebens und lahmt die Kräfte des Geistes; aber in der Wissenschaft ist der Zweifel der Vater der Forschung. Denn nur wer verschiedene Möglichkeiten erkennt und sich dadurch hin und her getrieben fühlt, sucht nach Instanzen der Entscheidung. Daher empfahl schon
Epicharmos
(5. Jahrhundert) den Zweifel:
naphe kai memnas' apistein; arthra tyta tôn phrenôn
, und auch
Aristoteles
(384-322) betrachtete ihn als Quelle der Weisheit;
Cartesius
(1596-1660) empfiehlt dem Philosophen bei
Beginn seiner Arbeit
den methodologischen Zweifel an allem. Verschieden von dem von ihm geforderten Zweifel ist der
skeptische
Zweifel, welcher das
Endresultat
der sich selbst aufgebenden Philosophie ist und auf das Streben nach Erkenntnis verzichtet. Vgl. Skepsis, Wahrscheinlichkeit, Wahrheit.
Select ODD
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jats.odd
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